Klingemann , August Die Nachtwachen des Bonaventura www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . August Klingemann Die Nachtwachen des Bonaventura Erste Nachtwache Die Nachtstunde schlug ; ich hüllte mich in meine abenteuerliche Vermummung , nahm die Pike und das Horn zur Hand , ging in die Finsterniß hinaus und rief die Stunde ab , nachdem ich mich durch ein Kreuz gegen die bösen Geister geschützt hatte . Es war eine von jenen unheimlichen Nächten , wo Licht und Finsterniß schnell und seltsam mit einander abwechselten . Am Himmel flogen die Wolken , vom Winde getrieben , wie wunderliche Riesenbilder vorüber , und der Mond erschien und verschwand im raschen Wechsel . Unten in den Straßen herrschte Todtenstille , nur hoch oben in der Luft hauste der Sturm , wie ein unsichtbarer Geist . Es war mir schon recht , und ich freute mich über meinen einsam wiederhallenden Fußtritt , denn ich kam mir unter den vielen Schläfern vor wie der Prinz im Mährchen in der bezauberten Stadt , wo eine böse Macht jedes lebende Wesen in Stein verwandelt hatte ; oder wie ein einzig Übriggebliebener nach einer allgemeinen Pest oder Sündfluth . Der letzte Vergleich machte mich schaudern , und ich war froh ein einzelnes mattes Lämpchen noch hoch oben über der Stadt auf einem freien Dachkämmerchen brennen zu sehen . Ich wußte wohl , wer da so hoch in den Lüften regierte ; es war ein verunglückter Poet , der nur in der Nacht wachte , weil dann seine Gläubiger schliefen , und die Musen allein nicht zu den letzten gehörten . Ich konnte mich nicht entbrechen folgende Standrede an ihn zu halten : » O du , der du da oben dich herumtreibst , ich verstehe dich wohl , denn ich war einst deinesgleichen ! Aber ich habe diese Beschäftigung aufgegeben gegen ein ehrliches Handwerk , das seinen Mann ernährt , und das für denjenigen , der sie darin aufzufinden weiß , doch keinesweges ganz ohne Poesie ist . Ich bin dir gleichsam wie ein satirischer Stentor in den Weg gestellt und unterbreche deine Träume von Unsterblichkeit , die du da oben in der Luft träumst , hier unten auf der Erde regelmäßig durch die Erinnerung an die Zeit und Vergänglichkeit . Nachtwächter sind wir zwar beide ; schade nur daß dir deine Nachtwachen in dieser kalt prosaischen Zeit nichts einbringen , indeß die meinigen doch immer ein Übriges abwerfen . Als ich noch in der Nacht poesirte , wie du , mußte ich hungern , wie du , und sang tauben Ohren ; das letzte thue ich zwar noch jetzt , aber man bezahlt mich dafür . O Freund Poet , wer jezt leben will , der darf nicht dichten ! Ist dir aber das Singen angebohren , und kannst du es durchaus nicht unterlassen , nun so werde Nachtwächter , wie ich , das ist noch der einzige solide Posten wo es bezahlt wird , und man dich nicht dabei verhungern läßt . - Gute Nacht , Bruder Poet . « Ich blickte noch einmal hinauf , und gewahrte seinen Schatten an der Wand , er war in einer tragischen Stellung begriffen , die eine Hand in den Haaren , die andre hielt das Blatt , von dem er wahrscheinlich seine Unsterblichkeit sich vorrezitirte . Ich stieß ins Horn , rief ihm laut die Zeit zu , und ging meiner Wege . - Halt ! dort wacht ein Kranker - auch in Träumen , wie der Poet , in wahren Fieberträumen ! Der Mann war ein Freigeist von jeher , und er hält sich stark in seiner letzten Stunde , wie Voltaire . Da sehe ich ihn durch den Einschnitt im Fensterladen ; er schaut blaß und ruhig in das leere Nichts , wohin er nach einer Stunde einzugehen gedenkt , um den traumlosen Schlaf auf immer zu schlafen . Die Rosen des Lebens sind von seinen Wangen abgefallen , aber sie blühen rund um ihn auf den Gesichtern dreier holder Knaben . Der jüngste droht ihm kindlich unwissend in das blasse starre Antlitz , weil es nicht mehr lächeln will , wie sonst . Die andern beiden stehen ernst betrachtend , sie können sich den Tod noch nicht denken in ihrem frischen Leben . Das junge Weib dagegen mit aufgelößtem Haar und offner schöner Brust , blickt verzweifelnd in die schwarze Gruft , und wischt nur dann und wann den Schweiß , wie mechanisch von der kalten Stirn des Sterbenden . Neben ihm steht , glühend vor Zorn , der Pfaff mit aufgehobenem Kruzifixe , den Freigeist zu bekehren . Seine Rede schwillt mächtig an wie ein Strom , und er mahlt das Jenseits in kühnen Bildern ; aber nicht das schöne Morgenroth des neuen Tages und die aufblühenden Lauben und Engel , sondern , wie ein wilder Höllenbreugel , die Flammen und Abgründe und die ganze schaudervolle Unterwelt des Dante . Vergebens ! der Kranke bleibt stumm und starr , er sieht mit einer fürchterlichen Ruhe ein Blatt nach dem andern abfallen , und fühlt wie sich die kalte Eisrinde des Todes höher und höher zum Herzen hinaufzieht . Der Nachtwind pfiff mir durch die Haare und schüttelte die morschen Fensterladen , wie ein unsichtbarer herannahender Todesgeist . Ich schauderte , der Kranke blickte plötzlich kräftig um sich , als gesundete er rasch durch ein Wunder und fühlte neues höheres Leben . Dieses schnelle leuchtende Auflodern der schon verlöschenden Flamme , der sichere Vorbote des nahen Todes , wirft zugleich ein glänzendes Licht in das vor dem Sterbenden aufgestellte Nachtstück , und leuchtet rasch und auf einen Augenblick in die dichterische Frühlingswelt des Glaubens und der Poesie . Sie ist die doppelte Beleuchtung