Novalis Heinrich von Ofterdingen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Novalis Heinrich von Ofterdingen Erster Theil : Die Erwartung Erstes Kapitel Die Eltern lagen schon und schliefen , die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt , vor den klappernden Fenstern sauste der Wind ; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes . Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager , und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen . Nicht die Schätze sind es , die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben , sagte er zu sich selbst ; fern ab liegt mir alle Habsucht : aber die blaue Blume sehn ' ich mich zu erblicken . Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn , und ich kann nichts anders dichten und denken . So ist mir noch nie zu Muthe gewesen : es ist , als hätt ' ich vorhin geträumt , oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert ; denn in der Welt , in der ich sonst lebte , wer hätte da sich um Blumen bekümmert , und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab ' ich damals nie gehört . Wo eigentlich nur der Fremde herkam ? Keiner von uns hat je einen ähnlichen Menschen gesehn ; doch weiß ich nicht , warum nur ich von seinen Reden so ergriffen worden bin ; die Andern haben ja das Nämliche gehört , und Keinem ist so etwas begegnet . Daß ich auch nicht einmal von meinem wunderlichen Zustande reden kann ! Es ist mir oft so entzückend wohl , und nur dann , wenn ich die Blume nicht recht gegenwärtig habe , befällt mich so ein tiefes , inniges Treiben : das kann und wird Keiner verstehn . Ich glaubte , ich wäre wahnsinnig , wenn ich nicht so klar und hell sähe und dächte , mir ist seitdem alles viel bekannter . Ich hörte einst von alten Zeiten reden ; wie da die Thiere und Bäume und Felsen mit den Menschen gesprochen hätten . Mir ist grade so , als wollten sie allaugenblicklich anfangen , und als könnte ich es ihnen ansehen , was sie mir sagen wollten . Es muß noch viel Worte geben , die ich nicht weiß : wüßte ich mehr , so könnte ich viel besser alles begreifen . Sonst tanzte ich gern ; jezt denke ich lieber nach der Musik . Der Jüngling verlohr sich allmählich in süßen Fantasien und entschlummerte . Da träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen , und wilden , unbekannten Gegenden . Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit ; wunderliche Thiere sah er ; er lebte mit mannichfaltigen Menschen , bald im Kriege , in wildem Getümmel , in stillen Hütten . Er gerieth in Gefangenschaft und die schmählichste Noth . Alle Empfindungen stiegen bis zu einer niegekannten Höhe in ihm . Er durchlebte ein unendlich buntes Leben ; starb und kam wieder , liebte bis zur höchsten Leidenschaft , und war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt . Endlich gegen Morgen , wie draußen die Dämmerung anbrach , wurde es stiller in seiner Seele , klarer und bleibender wurden die Bilder . Es kam ihm vor , als ginge er in einem dunkeln Walde allein . Nur selten schimmerte der Tag durch das grüne Netz . Bald kam er vor eine Felsenschlucht , die bergan stieg . Er mußte über bemooste Steine klettern , die ein ehemaliger Strom herunter gerissen hatte . Je höher er kam , desto lichter wurde der Wald . Endlich gelangte er zu einer kleinen Wiese , die am Hange des Berges lag . Hinter der Wiese erhob sich eine hohe Klippe , an deren Fuß er eine Öefnung erblickte , die der Anfang eines in den Felsen gehauenen Ganges zu seyn schien . Der Gang führte ihn gemächlich eine Zeitlang eben fort , bis zu einer großen Weitung , aus der ihm schon von fern ein helles Licht entgegen glänzte . Wie er hineintrat , ward er einen mächtigen Strahl gewahr , der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewölbes stieg , und oben in unzählige Funken zerstäubte , die sich unten in einem großen Becken sammelten ; der Strahl glänzte wie entzündetes Gold ; nicht das mindeste Geräusch war zu hören , eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel . Er näherte sich dem Becken , das mit unendlichen Farben wogte und zitterte . Die Wände der Höhle waren mit dieser Flüssigkeit überzogen , die nicht heiß , sondern kühl war , und an den Wänden nur ein mattes , bläuliches Licht von sich warf . Er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen . Es war , als durchdränge ihn ein geistiger Hauch , und er fühlte sich innigst gestärkt und erfrischt . Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden , er entkleidete sich und stieg in das Becken . Es dünkte ihn , als umflösse ihn eine Wolke des Abendroths ; eine himmlische Empfindung überströmte sein Inneres ; mit inniger Wollust strebten unzählbare Gedanken in ihm sich zu vermischen ; neue , niegesehene Bilder entstanden , die auch in einander flossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden , und jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an ihn . Die Flut schien eine Auflösung reizender Mädchen , die an dem Jünglinge sich augenblicklich verkörperten . Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt , schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach , der aus dem Becken in den Felsen hineinfloß . Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn , in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte , und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte . Er