Fischer , Caroline Auguste Gustavs Verirrungen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Caroline Auguste Fischer Gustavs Verirrungen Ein Roman Man erzählt uns oft , was die Menschen sind ; man beschreibt uns noch öfter - vielleicht ein wenig zu oft wie sie seyn sollen ; aber man sagt uns , wie mich dünkt , noch immer nicht oft genug : auf welche Weise sie das werden , was sie sind . Ist diese letzte Bemerkung richtig , so hoffe ich , sie werde eine Entschuldigung für die Herausgabe des gegenwärtigen kleinen Romans enthalten . Erstes Buch Erstes Kapitel Ich war achtzehn Jahr alt , und die ganze Welt lag wie ein Paradies vor mir . Meine Familie , meine Figur , mein Vermögen , alles versprach mir die glänzendsten Aussichten . Meine Aeltern waren sehr frühzeitig gestorben , und ich wurde bey einer Tante erzogen . Sie war seit vielen Jahren Wittwe und außerordentlich reich . Meine Vormünder hatten mich ihr gänzlich überlassen , und sie machte ihren Abgott aus mir . Meine Figur war bezaubernd , und ich floß von Gesundheit über . Ich schien alle Reitze der Jugend und die ganze Kraft eines Mannes zu haben . Aber mein Temperament war noch unentwickelt , und ein rasches Pferd war mir lieber , als alle Mädchen in der Welt . Doch die Natur blieb ihrem Plane getreu , und mein ganzes Wesen verwandelte sich . Ein neues Blut schien meine Adern zu durchströhmen , ein neues Herz in meiner Brust zu klopfen . Alle Bilder des Lebens schienen mir gleichsam aus der Dämmerung hervorzutreten , und eine Menge unbekannter Empfindungen wachten plötzlich in meiner Seele auf . Ohne zu wissen , was mir fehlte , fing ich an eine Leere , eine Unruhe , eine Sehnsucht zu fühlen , die mich unglücklich machte . Alle meine vorigen Beschäftigungen , alle meine bisherigen Vergnügungen konnten mich nicht mehr befriedigen . Alle meine Gedanken und Empfindungen schienen einem geheimnißvollen Ziele zuzufliegen , und alle Pulse meines Körpers klopften demselben mit Ungeduld entgegen . Plötzlich fingen die Weiber an mir interessant zu werden , und es bedurfte nur eines Gegenstandes , um diese unbestimmte Neigung zu entwickeln . Zweytes Kapitel Der glückliche Zeitpunkt war näher , als ich dachte . Eine halbe Stunde von unserm Guthe lag ein Städtchen , das von jeher sehr viel Anziehendes für mich gehabt hatte . Oft fand ich mich mitten zwischen den kleinen reinlichen Häusern , ohne zu wissen , wie ich dahin gekommen war . Träumend ging ich dann in den Gasthof , ließ mein Essen unter die große Linde bringen , und bezahlte der dicken Wirthin gern die doppelte Zeche ; wenn sie mir nur erlaubte , so wenig als möglich auf ihr Geschwätz zu antworten . Nein , man sage , was man wolle ! es giebt Ahnungen . - Unter dieser Linde .... doch welch eine Ausschweifung ! Zurück : zu dem schönsten Abende meines Lebens ! Es war ein Mayabend . Ich drängte mich mit meinem Pferde durch duftende Hecken , und jeder Athemzug vermehrte die Lebensfülle , die meine Brust mit schmerzhaftem Entzücken hob . Achtzehn Jahre und der May ! - was brauche ich mehr zu sagen ? - - Schon erblickte ich die Linde ; aber es war nicht mehr die sehnsüchtige Träumerey , die mich vormals bey ihrem Anblicke ergriff . Ich zitterte vor brennender Ungeduld , und sprengte mit dem heftigsten Galloppe in den Gasthof hinein . Da flohen zwey weiße Gestalten vor mir auf die Wiese . Die letzte schlug die kleine Gatterthüre schnell hinter sich zu - aber wie glücklich ! ihr Kleid ward von der Thüre festgehalten . » Ach ! « rief sie - und ein Engelgesicht strahlte mir entgegen . » Ach ! « - rief ich - und der Zügel sank mir aus der Hand . Ich vergaß ihr zu helfen , und sie vergaß ihr Kleid , vergaß , daß sie fliehen wollte . - Endlich erwachte ich , sprang vom Pferde und eilte die Thür zu öffnen . Sie stammelte etwas von Dank und erröthete . Ohne zu wissen , was ich that , drückte ich einen brennenden Kuß auf das Kleid , aber plötzlich fühlte ich es von meinen Lipven entfliehen , und als ich wieder aufblickte , war auch sie verschwunden . Drittes Kapitel » Wo bleibst du denn Marie ? « - rief eine Stimme hinter der Laube - » Marie ! « - wiederholte ich - und streckte meine Arme sehnsuchtsvoll nach der Laube aus . Aber wie ? sah , hörte mich auch jemand ? - der Gedanke trieb mir alles Blut in die Wangen , ich hatte nicht den Muth der Stimme zu folgen , und schlich träumend zu meiner Linde zurück . Die dicke Wirthin hatte mich schon erwartet und kreischte mir nun zärtliche Vorwürfe wegen meines schnellen Reitens entgegen . Aber ob ich mich gleich dem Streicheln ihrer unsaubern Hände Preis gab ; so konnte ich doch keine befriedigende Nachricht wegen der Frauenzimmer von ihr erhalten . Im Gegentheil klagte sie sehr bitter über ihr geheimnißvolles Wesen , und meinte : es müsse - da sie eine Wohnung auf dem Lande suchten - mit ihrem Stande wohl nicht viel zu bedeuten haben . - » Auf dem Lande ! « - wiederholte ich , und plötzlich keimte in meinem Herzen die Hoffnung auf . Entzückt überließ ich mich diesem Gedanken , und hörte nicht mehr auf das Geschwätz der Wirthin . Sie begriff endlich , daß sie keine Antwort mehr von mir erwarten konnte , und ließ mich nun mit meinen Plänen allein . Mit welchen Plänen !