Engel , Johann Jakob Herr Lorenz Stark www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Johann Jakob Engel Herr Lorenz Stark ein Charaktergemälde I. Herr Lorenz Stark galt in ganz H ..... , wo er lebte , für einen sehr wunderlichen , aber auch sehr vortrefflichen alten Mann . Das Äusserliche seiner Kleidung und seines Betragens verkündigte auf den ersten Blick die altdeutsche Einfalt seines Charakters . Er ging in ein einfarbiges , aber sehr feines Tuch , grau oder bräunlich , gekleidet ; auf dem Kopfe trug er einen kurzen Stutz , oder wenn ' s galt , eine wohlgepuderte Troddelperücke ; mit seinem kleinen Hute kam er zweimal ausser die Mode , und zweimal wieder hinein ; die Strümpfe waren mit grosser Zierlichkeit über das Knie hinaufgewickelt ; und die stark besohlten Schuhe , auf denen ein Paar sehr kleiner , aber sehr hell polirter Schnallen glänzten , waren vorne stumpf abgeschnitten . Von überflüssiger Leinewand vor dem Busen und über den Händen war er kein Freund ; sein grösster Staat war eine feine Halskrause mit Spitzen . Die Fehler , deren dieser vortreffliche Mann nicht wenig hatte , und die denen welche mit ihm leben mussten , oft sehr zur Last fielen , waren so innig mit den besten seiner Eigenschaften verwebt , dass die einen ohne die andern kaum bestehen zu können schienen . Weil er in der That klüger war , als fast Alle mit denen er zu thun hatte , so war er sehr eigenwillig und rechthaberisch ; weil er fühlte , dass man ihm selbst seiner Gesinnungen und Handlungen wegen keinen gegründeten Vorwurf machen könnte , so war er gegen Andre ein sehr freier , oft sehr beschwerlicher Sittenrichter ; und weil er , bei seiner natürlichen Gutmüthigkeit , über keinen Fehler sich leicht erhitzen , aber auch keinen ungeahndet konnte hingehen lassen , so war er sehr ironisch und spöttisch . In seiner Casse stand es ausserordentlich gut ; denn er hatte die langen lieben Jahre über , da er gehandelt und gewirthschaftet hatte , den einfältigen Grundsatz befolgt : dass man , um wohlhabend zu werden , weniger ausgeben als einnehmen müsse . Da sein Anfang nur klein gewesen , und er sein ganzes Glück sich selbst , seiner eigenen Betriebsamkeit und Wirthlichkeit schuldig war : so hatte er in frühern Jahren sich nur sehr karg beholfen ; aber auch nachher , da er schon längst die ersten Zwanzigtausend geschafft hatte , von denen er zu sagen pflegte , dass sie ihm saurer als sein nachheriger ganzer Reichthum geworden , blieb noch immer der ursprüngliche Geist der Sparsamkeit in seinem Hause herrschend : und dieser war der vornehmste Grund von dem immer steigenden Wachsthum seines Vermögens . Herrn Stark waren von seinen vielen Kindern nur zwei am Leben geblieben : ein Sohn , der sich nach dem Beispiel des Vaters der Handlung gewidmet hatte ; und eine Tochter . Letztere war an einen der berühmtesten Ärzte des Orts , Herrn Doctor Herbst , verheiratet : einen Mann , der nicht weniger Geschicklichkeit besass , Leben hervorzubringen , als zu erhalten . Er hatte das ganze Haus voll Kinder ; und eben dies machte die Tochter zum Liebling des Alten , der ein grosser Kinderfreund war . Weil der Schwiegersohn unfern der Kirche wohnte , die Herr Stark zu besuchen pflegte : so war es ausgemacht , dass er jeden Sonntag bei dem Schwiegersohn ass ; und seine Frömmigkeit hätte zuweilen wohl gern die Kirche versäumt , wenn nur seine Grossvaterliebe den Anblick so werther Enkel und Enkelinnen hätte versäumen können . Es ging ihm immer das Herz auf , wenn ihm der kleine Schwarm , beim Hereintreten ins Haus , mit Jubelgeschrei entgegensprang , sich an seine Hände und Rockschösse hängte , und ihm die kleinen Geschenke abschmeichelte , die er für sie in den Taschen hatte . Unter dem Tischgebete schweiften zuweilen die Augen der Kleinen umher , und er pflegte ihnen dann leise zuzurufen : Andacht ! Andacht ! ; aber der gerade am wenigsten Andacht hatte , war er selbst : denn sein ganzes Herz war , wo seine Augen waren , bei seinen Enkeln . Mit seinem Sohne war dagegen Herr Stark desto unzufriedener . Auf der einen Seite war er ihm zu verschwenderisch , weil er ihm zu viel Geld verkleidete , verritt , und verfuhr ; insbesondere aber , weil er zu viel auf Caffeehäuser und in Spielgesellschaften ging . Auf der andern Seite verdross es Herrn Stark , dass der Sohn als Kaufmann zu wenig Unternehmungsgeist , und als Mensch zu wenig von der Wohlthätigkeit und Grossmuth seines eigenen Charakters hatte . Er hielt ihn für ein Mittelding von einem Geizhalse und einem Verschwender : zwei Eigenschaften , die Herr Stark in gleichem Grade verabscheute . Er selbst war der wahre Sparsame , der bei seinem Sammeln und Aufbewahren nicht sowohl das Geld , als vielmehr das viele Gute im Auge hat , das mit Gelde bewirkt werden kann . Wo er keine Absicht fand , da gab er sicherlich keinen Heller ; aber wo ihm die Absicht des Opfers werth schien , da gab er mit dem kältesten Blute von der Welt ganze Hunderte hin . Was ihn aber am meisten auf den Sohn verdross , war der Umstand : dass dieser noch in seinem dreissigsten Jahre unverheiratet geblieben war , und dass es allen Anschein hatte , als ob er die Zahl der alten Hagestolzen vermehren würde . Der Vater hatte den Sohn zu keiner Heirat bereden , der Sohn keine Heirat ohne des Vaters Einwilligung schliessen wollen : und beide waren in Geschmack und Denkungsart allzuverschieden , als dass ihre Wahl