Gesprengte Fesseln.
Von E. Werner.

Der Vorhang sank unter dem Beifallssturme des ganzen Hauses. Logen, Parterre und Galerien verlangten einstimmig das Wiedererscheinen der Sngerin, die in dem Finale des soeben beendigten Actes Alles zur Begeisterung fortgerissen hatte. Das ganze Parquet gerieth in Aufruhr, und man ruhte nicht, bis die Gefeierte sich endlich zeigte, um, begrt von dem mit neuer Macht hervorbrechenden Beifall, von Blumen, Krnzen und Huldigungen aller Art, dem Publicum zu danken.
Das ist ja heut ein echt italienischer Theaterabend, sagte ein lterer Herr, in eine der Logen des ersten Ranges tretend. Signora Biancona scheint die Kunst zu verstehen, das sonst so ruhig und gesetzt flieende Patricierblut unserer edlen Hansastadt mit dem sdlichen Feuer ihrer Heimath zu erfllen. Die Begeisterung fr sie fngt nachgerade an, epidemisch zu werden. Wenn das noch weiter um sich greift, so erleben wir, da die Brse ihr einen Fackelzug votirt, und der Senat der freien Reichsstadt in corpore bei ihr erscheint, um ihr die Huldigung derselben zu Fen zu legen. An Ihrer Stelle, Herr Consul, wrde ich beiden hohen Krperschaften diesen Vorschlag unterbreiten. Ich bin berzeugt, da er eine enthusiastische Aufnahme findet.
Der Herr, an den diese Worte gerichtet waren, und der an der Seite einer Dame, augenscheinlich seiner Gattin, im Vordergrunde der Loge sa, schien sich der soeben verspotteten allgemeinen Begeisterung gleichfalls nicht entziehen zu knnen. Er hatte das Klatschen mit einer Ausdauer und Energie betrieben, die einer besseren Sache wrdig war, und wandte sich jetzt halb lachend, halb rgerlich um.
Dachte ich es doch, da die Kritik sich wieder in Opposition zu der allgemeinen Stimme setzen wrde! Freilich, Doctor, Sie schonen in Ihrem entsetzlichen Morgenblatte ja weder Brse noch Senat; wie sollte da Signora Biancona Gnade finden?
Der Doctor lchelte ein wenig malitis und trat an den Sessel der Dame, als ein junger Mann, der hinter demselben seinen Sitz hatte, sich artig erhob, um ihm Platz zu machen.
Herr Almbach, sagte die Dame vorstellend, Herr Doctor Welding, der Redacteur unseres Morgenblattes, dessen Feder
Um Gotteswillen, gndige Frau, unterbrach sie Welding, discreditiren Sie mich nicht gleich von vornherein in den Augen dieses Herrn. Man braucht einem jungen Knstler nur als Kritiker vorgestellt zu werden, um sofort seiner vollsten Antipathie sicher zu sein.
Mglich! lachte der Consul, aber diesmal hat Sie Ihr Scharfblick doch getuscht. Herr Almbach wird, Gott sei Dank! nie in den Fall kommen, vor Ihrem Richterstuhle zu erscheinen. Er ist Kaufmann
Kaufmann? Ein Blick der Verwunderung streifte die Gestalt des jungen Mannes. Dann bitte ich allerdings um Verzeihung wegen meines Irrthums. Ich htte Sie fr einen Knstler gehalten.
Sehen Sie, lieber Almbach, da spielen Ihnen Ihre Stirn und Augen schon wieder den schlimmen Streich! scherzte der Consul. Was wrden die Ihrigen daheim zu dieser Verwechselung sagen? Ich frchte beinahe, sie nhmen das als eine Art von Beleidigung.
Vielleicht! Ich nehme es als keine solche, sagte Almbach sich leicht gegen Welding verneigend. Die Worte sollten wohl den angeschlagenen Ton des Scherzes fortsetzen, aber es lag in ihnen eine halb verborgene Bitterkeit, die dem Doctor nicht entging. Sein Auge heftete sich forschend auf die Zge des jungen Fremden, aber gerade in diesem Augenblicke wandte sich die Dame zu ihm und nahm das vorhin berhrte Thema wieder auf.
Sie werden doch zugeben, Herr Doctor, da die Biancona heute ganz hinreiend war. Dieses junge, eben erst auftauchende Talent ist in der That ein neuer Stern an unserem Theaterhimmel 
Der einst zur strahlenden Sonne werden wird, wenn er hlt, was er uns heute verspricht  gewi, gndige Frau, das leugne ich auch keineswegs, wenn diese knftige Sonne auch gegenwrtig noch einige Flecken und Unvollkommenheiten zeigt, die einem so begeisterten Publicum natrlich entgehen.
Nun, dann rathe ich Ihnen, diese Unvollkommenheiten nicht gar zu stark zu betonen, sagte der Consul, in das Parquet zeigend. Dort unten sitzt eine Schaar von begeisterten Rittern der Signora. Nehmen Sie sich in Acht, Doctor, sonst erhalten Sie mindestens sechs Herausforderungen.
Das malitise Lcheln spielte wieder um Weldings Lippen, whrend er mit einem ironischen Blicke den jungen Almbach streifte, der schweigend, aber mit finster gerunzelter Stirn dem Gesprche gefolgt war.
Und vielleicht die siebente noch dazu! Herr Almbach zum Beispiel scheint meine eben geuerte Ansicht als eine Art von Hochverrath zu betrachten.
Ich bedaure, Herr Doctor, im Punkte der Kritik noch sehr weit zurck zu sein entgegnete der Angeredete khl. Ich, hier flammte es fast leidenschaftlich auf in seinem Auge, ich pflege den Genius unbedingt zu bewundern.
Eine hchst poetische Art der Kritik, spottete Welding. Wenn Sie das unserer schnen Signora persnlich und in diesem Tonfalle wiederholen, so kann ich Sie im Voraus ihrer vollsten Gnade versichern. Uebrigens bin auch ich diesmal in der angenehmen Lage, ihr in dem morgen erscheinenden Artikel sagen zu knnen, da sie in der That ein Talent ersten Ranges ist, da ihre Fehler und Mngel nur die der Anfngerin sind, und da es allein in ihrer Hand liegt, dereinst eine musikalische Gre zu werden. Fr den Augenblick ist sie es noch nicht.
Nun, das ist vorlufig genug des Lobes in Ihrem Munde, sagte der Consul. Aber ich denke, wir brechen jetzt auf. Die Glanzpartie der Biancona ist zu Ende; der letzte Act bietet ihrer Rolle fast gar nichts, kaum da sie noch einmal auf der Bhne erscheint, und uns ruft die Pflicht der Wirthe an unserem heutigen Empfangsabende. Darf ich Ihnen einen Platz in unserem Wagen anbieten, Doctor? Ihre kritische Pflicht ist ja wohl gleichfalls zu Ende, und Sie, lieber Almbach, begleiten Sie uns auch, oder wollen Sie den Schlu abwarten?
Der junge Mann hatte sich ebenfalls erhoben. Wenn Sie und die gndige Frau es gestatten  die Oper ist mir noch fremd, ich wrde gern 
Nun, dann bleiben Sie ohne Umstnde! unterbrach ihn Jener freundlich. Aber sein Sie pnktlich heute Abend! Wir rechnen bestimmt aus Ihr Kommen.
Er reichte seiner Frau den Arm, um sie hinauszufhren. Doctor Welding begleitete die Beiden.
Wie knnen Sie nur glauben, spottete er drauen auf dem Corridore, Ihr junger Gast wrde vom Platze weichen, so lange die Biancona noch einen Ton zu singen hat, oder er wrde es sich nehmen lassen, mit unserer brigen Herrenwelt an ihrem Wagen Spalier zu bilden! Die schnen Augen der Signora haben schon manches Unheil angerichtet  der hat Feuer gefangen, rger als alle Uebrigen.
Das wollen wir doch nicht hoffen, sagte die Dame mit einem leisen Anfluge von Besorgni in ihrer Stimme. Was wrden dazu die Schwiegereltern und vor Allem die junge Frau sagen?
Ist Herr Almbach bereits verheirathet? fragte Welding berrascht.
Schon seit zwei Jahren, besttigte der Consul. Er ist der Neffe und Schwiegersohn meines Geschftsfreundes. Die Firma ist Almbach und Compagnie, kein sehr bedeutendes Haus, aber hchst solid und respectabel. Uebrigens thun Sie dem jungen Manne doch wohl Unrecht mit Ihrem Verdachte. In solchen Jahren ist man leicht hingerissen, besonders wenn einem der Kunstgenu so selten zu Theil wird, wie es gerade hier der Fall ist. Unter uns gesagt, Almbach hegt in solchen Dingen etwas spiebrgerliche Ansichten und hat seinen Schwiegersohn scharf im Zgel. Er wird schon dafr sorgen, da das Unheil, das jene Augen etwa anrichten knnten, seinem Hause fern bleibt; darauf kenne ich ihn.
Um so besser fr ihn! sagte der Doctor lakonisch, whrend er neben dem Ehepaare im Wagen Platz nahm, der die Richtung nach dem Hafen einschlug, wo die Palste der reichen Handelsherren liegen.
Eine Stunde darauf war in den Salons des Kaufmannes eine zahlreiche Gesellschaft versammelt. Consul Erlau gehrte zu den reichsten und angesehensten Handelsherren der reichen Handelsstadt, und wenn schon dieser Umstand hinreichend war, ihm dort eine unbestrittene Bedeutung zu sichern, so setzte er andererseits eine Ehre darein, sein glnzendes und gastfreies Haus als das erste in H. genannt zu sehen. Seine Empfangsabende vereinigten gewhnlich Alles, was die Stadt an Capacitten berhaupt zu bieten hatte. Es gab nicht leicht eine Berhmtheit, die sich nicht wenigstens einige Male dort zeigte, und auch der Stern der gegenwrtigen Saison, die Primadonna der augenblicklich hier gastirenden italienischen Operngesellschaft, Signora Biancona, hatte der an sie ergangenen Einladung Folge geleistet, und war nach Beendigung der Oper erschienen.
Die junge Knstlerin bildete nach ihrem heutigen Triumphe im Theater natrlich den Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft. Von den Herren mit Huldigungen aller Art bestrmt, von den Damen mit Artigkeiten berhuft, von dem Wirthe und seiner Gattin mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit ausgezeichnet, vermochte sie sich kaum zu retten vor dem Strome der Bewunderung, der ihr von allen Seiten entgegenfluthete und der vielleicht in ebenso hohem Mae der Schnheit als der Kunst galt.
Hier fand sich freilich beides vereinigt. Auch ohne ihr so hoch gefeiertes Talent wre Signora Biancona schwerlich in den Fall gekommen, irgendwo bersehen zu werden. Sie war eine von jenen Frauen, die berall, wo sie nur erscheinen, Auge und Sinn zu fesseln und in einer oft gefhrlichen Weise festzuhalten wissen, deren bestrickender Reiz nicht allein in ihrer Schnheit liegt, sondern weit mehr noch in dem seltsamen, fast dmonischen Zauber, den gewisse Naturen ausben, ohne da man sich Rechenschaft zu geben vermag, woher er stammt. Es lag wie ein Hauch des glhenden farbenreichen Sdens ber dieser Erscheinung, die sich mit ihrem dunklen Haar und Teint, mit den groen tiefschwarzen Augen, aus denen ein so volles heies Leben strahlte, fremdartig genug ausnahm in dieser nordischen Umgebung. Ihre Art zu sprechen, sich zu bewegen, war vielleicht lebhafter und zwangloser, als es die strengen Formen der Convenienz verlangten, aber das Feuer eines sdlichen Naturells, das bei jeder Regung unwillkrlich hervorbrach, war von hinreiender Grazie. Der leichte idealische Anzug schlo sich wenig der herrschenden Mode an, aber er schien wie eigens erfunden, um die Vorzge dieser Gestalt in das hellste Licht zu setzen, und behauptete sich siegreich neben der ringsum entfalteten Toilettenpracht der brigen Damen. Die junge Italienerin war eben ein Wesen, das ber all den Schranken und Formen des Alltagslebens zu stehen schien, und es gab wohl Keinen in der Gesellschaft, der ihr diese Ausnahme nicht bereitwillig zugestand.
Auch Almbach hatte sich nach dem Schlusse des Theaters eingefunden, aber er war vllig fremd in diesem Kreise und schien es auch zu bleiben, trotz der wohlgemeinten Versuche des Consuls, ihn mit Diesem oder Jenem bekannt zu machen. Sie scheiterten, theils an der fast dsteren Schweigsamkeit des jungen Mannes, theils an dem Benehmen der Herren, denen er vorgestellt wurde, und die, fast durchweg den hheren Brsen- oder Finanzkreisen angehrig, es nicht der Mhe werth hielten, mit dem Vertreter eines kleinen Geschftshauses viel Umstnde zu machen. Augenblicklich stand er ganz isolirt am unteren Ende des Saales und blickte scheinbar gleichgltig auf das glnzende Gewhl, aber die Augen kehrten immer wieder zu dem einen Punkte zurck, der heute Abend der Magnet fr die gesammte Herrenwelt zu sein schien.
Nun, Herr Almbach, Sie machen ja gar keinen Versuch, sich dem eigentlichen Sonnenkreise des Salons zu nhern, sagte Doctor Welding, an ihn herantretend. Soll ich Sie dort einfhren?
Eine leichte Rthe der Verlegenheit darber, da man seinen geheimen Wunsch errieth, frbte das Antlitz des jungen Mannes.
Signora Biancona wird von allen Seiten so in Anspruch genommen, da ich es nicht wagte, sie auch noch zu belstigen.
Welding lachte. Ja, die Herren scheinen sich smmtlich Ihrer kritischen Methode anzuschlieen und gleichfalls den Genius unbedingt zu bewundern. Nun, die Kunst hat ja das Vorrecht, Jedem Begeisterung einzuflen. Kommen Sie! Ich werde Sie der Signora vorstellen.
Sie schritten nach der anderen Seite des Saales, wo sich die junge Italienerin befand, aber es kostete ihnen wirklich einige Mhe, den Kreis der Bewunderer zu durchbrechen, der den gefeierten Gast umgab, und sich diesem zu nhern. Der Doctor bernahm die Vorstellung; er nannte seinen Begleiter, der heute zum ersten Male das Glck gehabt habe, Signora auf der Bhne bewundern zu drfen, und berlie es ihm dann, sich allein im Sonnenkreise zurecht zu finden. Die Bezeichnung war nicht so bel gewhlt; es lag wirklich etwas von der sengenden Gluth dieses Gestirns auf seiner Mittagshhe in dem Blicke, der sich jetzt auf Almbach richtete.
Also auch Sie waren heute Abend im Theater? fragte die Sngerin leicht.
Ja, Signora.
Die Antwort klang kurz und dster. Kein Wort weiter, keins von jenen Complimenten, deren die Knstlerin heute bereits ?so viele gehrt hatte  aber der Blick des jungen Mannes mute die einsilbige Antwort wohl wieder gut machen. Zwar begegnete er nur einen Moment lang dem der Signora Biancona, aber das Aufleuchten darin war gesehen und verstanden worden; es sagte unendlich mehr als alle die Schmeicheleien.
Die brigen Herren mochten keinen hohen Begriff von den gesellschaftlichen Talenten des neuen Ankmmlings erhalten, der es nicht einmal verstand, einer schnen Frau irgend eine Artigkeit zu sagen. Sie ignorirten ihn vollstndig. Die Unterhaltung, an der sich jetzt auch der Consul betheiligte, wurde allgemeiner; man sprach von der Musik, von einem bekannten Componisten und einem gerade epochemachenden Werke desselben, ber dessen Auffassung Signora Biancona und Doctor Welding in Meinungsdifferenz geriethen. Erstere begeisterte sich dafr, whrend der Letztere ihm gar keinen hhern Werth beima. Die Signora vertheidigte ihre Ansicht mit sdlicher Lebhaftigkeit und wurde dabei von smmtlichen Herren untersttzt, die von vornherein ihre Partei nahmen; der Doctor beharrte khl auf der seinigen. Der Streit wurde hartnckiger, bis sich endlich die Sngerin unmuthig und etwas gereizt von ihrem Widersacher abwandte.
Ich bedaure sehr, da unser Capellmeister verhindert war, die heutige Einladung anzunehmen. Er spielt gerade diese Composition meisterhaft, und ich frchte, es bedarf eines Vortrages, um die Gesellschaft zum Richter darber zu machen, wer von uns Beiden Recht hat.
Die Gesellschaft war auch dieser Meinung und vermite den Herrn Capellmeister sehr schmerzlich; zum Ersatz erbot sich Niemand. Die sehr zur Schau getragene Begeisterung fr die Musik schien bei Keinem mit der Ausbung derselben gleichen Schritt zu halten, bis auf einmal Almbach vortrat und ruhig sagte:
Ich stelle mich Ihnen zur Verfgung, Signora.
Diese wendete sich rasch und mit sichtlicher Genugthuung zu ihm. Sie sind musikalisch, Signor?
Wenn Sie und die Gesellschaft mit dem Versuche eines Dilettanten vorlieb nehmen wollen  er machte eine fragende Bewegung nach dem Herrn des Hauses hin, und als dieser eifrig beistimmte, trat er an den Flgel.
Die in Rede stehende Composition, ein modernes Paradestck im vollsten Sinne des Wortes, verdankte ihre allgemeine Beliebtheit wohl weniger ihrem innern Gehalte  sie besa in der That nicht allzu viel davon  als der enormen Schwierigkeit der Ausfhrung. Schon die bloe Mglichkeit, sie zu spielen, erforderte eine Meisterschaft in der Beherrschung des Flgels. Man war gewohnt, diesen Vortrag nur von Virtuosen ersten Ranges zu hren, und blickte daher halb berrascht, halb spttisch auf den jungen Mann, der sich ohne Weiteres dazu erbot. Er hatte sich freilich mit seinem Dilettantismus entschuldigt, aber es war doch immerhin eine Keckheit, diesen im Salon des Consuls Erlau zu probiren, wo man schon das Spiel so mancher Berhmtheit gehrt und bewundert hatte.
Um so erstaunter war daher die Gesellschaft, als Almbach sich all diesen Schwierigkeiten vollkommen gewachsen zeigte, als er, ohne auch nur eine Note vor sich zu haben, sie gleichsam spielend berwand, mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, die einem Knstler von Fach Ehre gemacht htte. Zugleich aber wute er in seinen Vortrag ein Feuer zu legen, das selbst die lteren und anspruchsvolleren Zuhrer mit fortri. Das Musikstck schien unter seinen Hnden eine ganz andere Gestalt anzunehmen; er lieh ihm eine Bedeutung, die bisher noch Niemand, vielleicht der Componist selbst am wenigsten, hineingelegt hatte, und besonders der in etwas strmischem Tempo vorgetragene Schlu trug ihm von allen Seiten den reichsten Beifall ein.
Bravo, bravissimo, Herr Almbach! rief der Consul, der zuerst hervortrat und ihm herzlich die Hand schttelte. Wir mssen wirklich der Signora und dem Doctor dankbar sein, da ihr musikalischer Streit uns zur Entdeckung eines solchen Talentes verhalf. Da kndigen Sie uns ganz bescheiden einen Versuch an und geben uns eine Leistung, deren sich der vollendetste Knstler nicht zu schmen htte. Sie haben unserer Signora zu einem glnzenden Siege verholfen; sie hat Recht, unbedingt Recht, und der Doctor bleibt diesmal mit seinem Angriffe entschieden in der Minoritt.
Die Sngerin war gleichfalls vor den Flgel getreten. Auch ich bin Ihnen dankbar, da Sie meinem Wunsche so ritterlich nachkamen, sagte sie lchelnd; aber  hier senkte sie die Stimme  aber nehmen Sie sich in Acht! Ich frchte, mein kritischer Gegner wird noch mit Ihnen rechten ber die Art, wie Sie meiner Ansicht Geltung verschafften. War das Spiel und vor Allem der Schlu so ganz correct?
Eine verrtherische Gluth flog ber das Antlitz des jungen Mannes, aber er lchelte gleichfalls. Er entsprach Ihrer Auffassung und fand Ihren Beifall, Signora  das ist fr mich genug.
Wir sprechen noch darber, flsterte die Sngerin schnell, denn jetzt trat die Dame des Hauses heran, um ihrem jungen Gaste gleichfalls einige Artigkeiten zu sagen, und der grte Theil der Gesellschaft folgte ihrem Beispiele. Ein Strom von Redensarten und Complimenten rauschte auf Almbach ein; man war entzckt von seinem Spiele, seiner Auffassung; man wollte wissen, wo er seine musikalischen Studien gemacht; je weniger man ihn frher beachtet hatte, je unbekannter er den Meisten war, desto mehr berraschte sein pltzliches Hervortreten, und dazu die Bescheidenheit des jungen Mannes, die ihm kaum erlaubte, auf all die an ihn gerichteten Fragen zu antworten; ein Jeder aus der Gesellschaft fhlte augenblicklich etwas vom Kunstmcen in sich und war bereit, diesem jungen Talente seine volle Protection angedeihen zu lassen.
Ob es wirklich nur Bescheidenheit war, was Almbachs Lippen schlo? Es blitzte bisweilen wie eine Art von Spott in seinem Auge, wenn man immer und immer wieder seine geniale Auffassung hervorhob und behauptete, die Composition noch nie in dieser Vollendung gehrt zu haben. Er benutzte die erste Gelegenheit, sich der auf ihn gerichteten Aufmerksamkeit zu entziehen, und ward bei diesem Versuche von Doctor Welding in Beschlag genommen.
Kann man endlich auch einmal zu Ihnen gelangen? Man luft ja frmlich Sturm auf Sie mit Complimenten. Nur ein Wort, Herr Almbach! Wollen wir hier eintreten?
Er wies in ein Nebenzimmer, das Beide kaum betreten hatten, als der Doctor in ziemlich scharfem Tone fortfuhr:
Signora Biancona hat Recht behalten, das heit in Folge Ihres Vortrages. Mein Angriff richtete sich gegen die Composition, wie sie im Original existirt. Darf ich fragen, wo Sie diese sehr eigenthmliche Bearbeitung aufgefunden haben? Mir war sie bis zu dieser Stunde vllig unbekannt.
Wie meinen Sie, Herr Doctor? fragte der junge Mann khl. Ich kenne das Musikstck nur in dieser Gestalt.
Welding sah ihn von oben bis unten an; in seinem Gesichte stritt ein rgerlicher Ausdruck mit einem unverhohlenen Interesse, als er entgegnete:
Sie scheinen die Musikkenntni der Gesellschaft ganz richtig zu taxiren, da Sie ihr dergleichen zu bieten wagen. Man hrt das bekannte Thema heraus und ist zufrieden; aber es giebt doch zuweilen Ausnahmen. Mich zum Beispiel wrde es sehr interessiren, zu wissen, von wem gewisse Variationen stammen, die den Charakter des Ganzen total verndern, und was nun vollends den Schlu betrifft  war diese khne Improvisation vielleicht auch der Versuch eines Dilettanten?
Almbach hob ein wenig trotzig den Kopf. Und wenn sie es nun wre, was wrden Sie dazu sagen?
Da es ein arger Migriff der Ihrigen war, Sie zum  Kaufmann zu machen.
Herr Doctor, wir sind im Hause eines Kaufmanns.
Gewi, sagte Welding ruhig, und ich bin der Letzte, diesen Stand gering zu schtzen, zumal wenn er, wie bei unserm Wirthe, mit tchtiger rastloser Arbeit beginnt und mit dem Ausruhen auf Millionen endigt; aber er pat eben nicht fr Jeden. Es gehrt vor allen Dingen ein klarer khler Kopf dazu, und der Ihrige scheint mir gerade nicht dazu geschaffen, sich einzig mit dem nchternen Soll und Haben abzugeben. Verzeihen Sie, Herr Almbach! Das ist nur so meine unmagebliche Meinung; im Uebrigen tadele ich Sie gar nicht wegen Ihrer Keckheit. Was thut man nicht, um dem Eigensinne einer schnen Frau Recht zu geben! In diesem Falle war das Manver sogar uerst genial; ein Anderer htte das mit dem besten Willen nicht fertig gebracht. Ich gratulire Ihnen dazu.
Er machte eine halb ironische Verbeugung und verlie das Gemach. Es lag zwar dicht neben dem Saale, aber die halb geschlossenen Portiren schieden es von demselben, und vllig einsam und matt erleuchtet, bot es wenigstens ein minutenlanges Alleinsein Dem, der danach verlangte. Der junge Mann hatte sich in einen Sessel geworfen und schaute trumend vor sich hin. Woran er dachte, das wagte er sich vielleicht selbst nicht zu gestehen, und doch verrieth es sein jhes Auffahren beim Klange einer Stimme, die im Tone leichter Ueberraschung sagte:
Ah Signor Almbach, Sie hier?
Es war Signora Biancona; ob sie beim Eintritte den bereits Anwesenden wirklich nicht bemerkt hatte, lie sich nicht entscheiden, denn sie fuhr mit voller Unbefangenheit fort:
Ich suchte auf einen Augenblick Erholung von der Hitze und dem Gewhle des Salons. Auch Sie haben sich der Gesellschaft so kurz nach Ihrem Triumphe entzogen?
Almbach hatte sich schnell erhoben. Wenn von Triumphen die Rede ist, so bleibt wohl kein Zweifel, wer sie heute feiert. Meine improvisirte Leistung vermag sich nicht entfernt mit dem zu messen, was Sie dem Publicum gaben
Die Sngerin lchelte. Ich gab ihm auch nur Tne, wie Sie, aber ich gestehe Ihnen offen, da es mich berrascht hat, erst heute und hier von einem Knstler zu hren, der gewi schon lngst 
Verzeihung, Signora, unterbrach sie der junge Mann kalt. Ich habe bereits im Salon erklrt, da ich nur auf Dilettantismus Anspruch machen darf. Ich gehre dem Kaufmannsstande an.
Derselbe Blick der Verwunderung, den er bei Welding im Theater gesehen, streifte hier zum zweiten Male das Gesicht Almbachs.
Unmglich! Sie scherzen!
Weshalb unmglich, Signora? Weil ich ein schwieriges Bravourstck gelufig vorzutragen vermochte?
Weil Sie es so vorzutragen vermochten und weil  sie sah ihn eine Secunde lang fest an und setzte dann mit voller Bestimmtheit hinzu: weil Ihr Antlitz den Stempel zeigt, den, wie man sich immer einbildet, das Genie an der Stirne tragen mu.
Sie sehen, wie sehr der Schein bisweilen trgt.
Signora Biancona schien dieser Ansicht nicht beizustimmen; sie lie sich auf den Divan nieder; das helle Gewand legte sich leicht und luftig wie eine Wolke auf den dunklen Sammet.
Ich bewundere Sie, begann sie von Neuem, da Sie im Stande sind, mit solchen knstlerischen Anlagen sich einem Alltagsberufe zu widmen. Mir wre das unmglich. Ich bin in der Welt der Klnge und Tne aufgewachsen und vermag nicht zu begreifen, wie sich in ihr noch Raum finden kann fr andere Pflichten.
Es lag eine diesmal unverhohlene Bitterkeit in der Stimme des jungen Mannes, als er entgegnete: Ihre Heimath ist auch Italien, die meine  eine norddeutsche Handelsstadt. In unserem Alltagsleben ist die Poesie nur ein seltener, flchtiger Gast, dem oft genug die Sttte versagt wird. Die Arbeit, das Mhen um den Erwerb steht immer und ewig im Vordergrunde.
Auch bei Ihnen, Signor?
Es sollte wenigstens dort stehen; da es nicht immer der Fall ist, hat Ihnen wohl mein musikalischer Versuch gezeigt.
Die Sngerin schttelte zweifelnd das Haupt. Ihr Versuch? Ich mchte darauf hin Ihre Meisterschaft kennen lernen. Aber es kann doch unmglich Ihre Absicht sein, dieses Talent der Oeffentlichkeit ganz zu entziehen und es nur im Kreise der Ihrigen zu ben?
Im Kreise der Meinigen? wiederholte Almbach mit eigenthmlicher Betonung. Ich pflege dort keine Taste anzurhren, am wenigsten in Gegenwart meiner Frau.
Sie sind bereits vermhlt? fragte die Italienerin rasch, whrend eine momentane Blsse ihr Antlitz berflog.
Ja, Signora.
Es klang schwer und kalt dieses Ja, und der halb spttische Ausdruck, der einen Augenblick lang um die Lippen der Sngerin spielte, als sie den kaum vierundzwanzigjhrigen Mann betrachtete, verschwand vor diesem Tone.
Man vermhlt sich, wie es scheint, sehr frh in Deutschland, bemerkte sie ruhig.
Bisweilen.
Die junge Italienerin schien die Pause, welche diesen Worten folgte, etwas peinlich zu finden; sie ging rasch zu einem anderen Thema ber.
Ich frchte, Sie haben bereits das Examen bestehen mssen, vor dem ich Sie vorhin warnte. Die Gesellschaft war nichtsdestoweniger entzckt von Ihrem Vortrage.
Vielleicht! sagte der junge Mann halb verchtlich. Und doch war er sicher nicht fr die Gesellschaft bestimmt.
Nicht? Und wem galt er denn? fragte Signora Biancona den Blick fest auf ihn richtend.
Auch er sah sie an; es lag etwas Verwandtes in den beiden Augenpaaren, die jetzt einander begegneten, beide gro, dunkel und rthselhaft. Auch in dem Blicke Almbachs leuchtete der gleiche Strahl, wie in dem der Knstlerin; auch dort flammte eine heie leidenschaftliche Seele; auch dort schlummerte in der Tiefe der dmonische Funke, der so oft das Erbtheil genialer Naturen ist und ihnen zum Fluche wird, wenn keine schtzende Hand ihn mehr behtet, wenn er zur Flamme angefacht wird, die dann nicht mehr Licht, sondern nur noch Verberben bringt.
Er trat einen Schritt nher und dmpfte die Stimme, aber die tiefe Erregung darin verrieth sich doch.
Nur der Einen, die mir und uns Allen vor wenig Stunden die hchste Schnheit und die hchste Poesie verkrperte, getragen von den Tnen eines unsterblichen Meisterwerkes. Man hat Ihnen heute tausendfach gehuldigt, Signora! Was die Begeisterung nur zu erfinden vermochte, das legte man zu Ihren Fen. Der Fremde, Unbekannte wollte Ihnen doch auch sagen, wie sehr er Sie bewundert, und da that er es denn in der Sprache, die Ihrer allein wrdig ist. Ganz fremd ist sie auch mir nicht geblieben.
In der Huldigung lag etwas, was sie ber jede Schmeichelei erhob, der Ton echter, voller Begeisterung, und Signora Biancona war doch Knstlerin genug, um diesen Ton zu kennen, Weib genug, um zu ahnen, was sich dahinter barg; sie lchelte mit bezaubernder Anmuth.
Nun, ich habe es ja gesehen, wie sehr diese Sprache Ihnen zu Gebote steht. Werde ich sie nicht fter von Ihnen hren?
Schwerlich! sagte der junge Mann dster. Sie kehren, wie ich hre, in Kurzem nach Italien zurck, ich  bleibe hier im Norden. Wer wei, ob wir je wieder einander begegnen.
Unser Impressario beabsichtigt bis zum Mai hier zu bleiben, fiel die Sngerin rasch ein. Da wird unsere heutige Begegnung doch wohl nicht die letzte sein? Gewi nicht, ich rechne bestimmt darauf, Sie wiederzusehen.
Signora! Das leidenschaftliche Aufflammen Almbachs dauerte nur eine Secunde. Es schien ihn pltzlich eine Erinnerung oder Warnung zu durchzucken; er trat zurck und verneigte sich tief und fremd.
Ich frchte, es mu die letzte sein  leben Sie wohl, Signora!
Er war fort, noch ehe es der Sngerin mglich war, ein Wort der Befremdung ber diesen seltsamen Abschied zu uern, und es schien ihm Ernst damit zu sein, denn nicht ein einziges Mal whrend des ganzen Abends nherte er sich wieder dem verhngnivollen Sonnenkreise.
Das ist zu arg. Diese Manie fngt wirklich an, alle Grenzen zu bersteigen. Ich werde dem Reinhold das musikalische Handwerk noch ganz und gar legen mssen, wenn er fortfhrt, es in so unsinniger Weise zu betreiben.
Mit diesen Worten erffnete der Kaufmann Almbach eine Familiendebatte, die im Wohnzimmer in Gegenwart seiner Frau und Tochter stattfand und der zum Glck der eigentliche Gegenstand derselben nicht beiwohnte. Herr Almbach, ein Mann von fnfzig Jahren etwa, dessen ruhiges, gemessenes und etwas pedantisches Wesen sonst dem ganzen Comptoirpersonale als Muster vorleuchtete, schien durch die oben erwhnte Manie vllig aus der Fassung gebracht zu sein, denn er fuhr in vollster Aufregung fort:
Da kommt der Buchhalter heute Morgen gegen vier Uhr von dem Jubilum zurck, das ich schon gleich nach Mitternacht verlassen hatte. Von der Brcke aus sieht er das Gartenhaus erleuchtet und hrt den Reinhold ber die Tasten hinrasen, da ihm Hren und Sehen vergeht. Natrlich konnte er mich zum Feste nicht begleiten; er behauptete krank zu sein, aber in dem eiskalten Gartenzimmer bis an den hellen lichten Morgen seinen Flgel zu maltraitiren, daran hinderte ihn der unertrgliche Kopfschmerz nicht. Ich werde es wohl nchstens wieder von meinen Collegen zu hren bekommen, da mein Herr Schwiegersohn wie in der Unbrauchbarkeit, so auch in der Rcksichtslosigkeit das Mglichste leistet. Es ist kaum zu glauben. Der jngste Commis wei besser Bescheid in den Bchern und hat mehr Interesse fr das Geschft, als der Compagnon und dereinstige Chef des Hauses Almbach und Compagnie. Mein Leben lang habe ich geschafft und gearbeitet, um meine Firma zu einer festgegrndeten, geachteten zu machen  und nun die Aussicht, sie einst in solchen Hnden lassen zu mssen!
Ich habe es Dir stets gesagt, Du solltest ihm den Umgang mit dem Musikdirector Wilkens verbieten, fiel Frau Almbach ein. Der allein ist an Allem schuld. Mit diesem alten menschenfeindlichen Musiknarren konnte Niemand auskommen; Jedermann floh und hate ihn, aber fr Reinhold war das nur ein Grund mehr, die intimste Freundschaft mit ihm zu schlieen. Tag fr Tag war er drben, und dort allein ist der Grund zu all dem musikalischen Unsinn gelegt worden, den der Herr Lehrer bei seinem Tode auf ihn vererbt zu haben scheint. Es ist kaum mehr zu ertragen, seit wir das Vermchtni des Alten, den Flgel, im Hause haben. Ella, was sagst Du denn eigentlich zu diesem Benehmen Deines Mannes?
Die junge Frau, an welche die letzten Worte gerichtet waren, hatte bisher noch nicht eine Silbe gesprochen. Sie sa am Fenster, den Kopf tief auf ihre Nherei herabgebeugt, und blickte erst bei dieser direct an sie gerichteten Frage empor.
Ich, liebe Mutter?
Ja, Du mein Kind, denn Dich geht die Sache doch wohl zumeist an. Oder fhlst Du es wirklich gar nicht, in welcher unverantwortlichen Weise Reinhold Dich und das Kind vernachlssigt?
Er liebt die Musik so sehr, sagte Ella leise.
Willst Du ihn etwa noch entschuldigen? eiferte die Mutter. Das ist ja eben das Unglck, da er sie mehr liebt als Frau und Kind, da er nach Euch Beiden nichts fragt, wenn er nur an seinem Flgel sitzen und phantasiren kann. Hast Du denn gar keinen Begriff davon, was eine Frau von ihrem Manne fordern darf und fordern mu, und da sie vor Allem die Pflicht hat, ihn zur Vernunft zu bringen? Aber freilich, von Dir ist niemals auch nur das Geringste zu erwarten.
Die junge Frau sah nun allerdings nicht aus, als ob von ihr viel zu erwarten wre. Sie hatte berhaupt wenig Anziehendes in ihrer Erscheinung, und das Einzige, was an dieser vielleicht hbsch zu nennen war, die zarte, noch mdchenhaft schlanke Gestalt, verbarg sich vllig unter einem hchst unkleidsamen Hausanzuge, der in seiner grenzenlosen Einfachheit eher auf eine dienende Person, als auf die Tochter des Hauses schlieen lie und ganz dazu gemacht war, jeden etwaigen Vorzug mglichst zu verstecken. Von dem blonden Haare war nur ein einziger, schmaler Streifen sichtbar, der glatt gescheitelt ber der Stirn lag; das Uebrige verschwand gnzlich unter einer Haube, die wohl besser fr die Jahre ihrer Mutter gepat htte und einen eigenthmlichen Gegensatz zu dem Gesichte der kaum zwanzigjhrigen Frau bildete. Dieses blasse Gesicht mit den niedergeschlagenen Augen war nicht geeignet, irgend ein Interesse zu erwecken; es hatte gar keinen Ausdruck; es lag etwas Starres, Leeres darin, etwas, das beinahe an Stumpfheit streifte, und in diesem Augenblicke, wo sie die Nherei sinken lie und ihre Mutter anblickte, zeigte es eine so hlflose Aengstlichkeit und Rathlosigkeit, da Almbach sich veranlat fand, seiner Tochter zu Hlfe zu kommen.
La Ella in Ruhe! sagte er mit jenem halb rgerlichen, halb mitleidigen Tone, mit dem man die Einmischung eines Kindes zurckweist. Du weit ja, da mit ihr nichts anzufangen ist, und was sollte sie auch wohl hier ausrichten! Er zuckte die Achseln und fuhr dann bitter fort: Das ist der Lohn fr die Aufopferung, mit der ich mich der verwaisten Knaben meines Bruders angenommen habe! Hugo schlgt aller Dankbarkeit, aller Vernunft und Erziehung ins Gesicht und geht heimlich auf und davon, und Reinhold, der hier in meinem Hause unter meinen Augen aufgewachsen ist, macht mir die schwersten Sorgen mit seinem unseligen Hange zu allen mglichen Phantastereien. Aber bei ihm wenigstens habe ich den Zgel in Hnden behalten und werde ihn jetzt so straff anziehen, da ihm die Lust vergehen soll, sich noch ferner dagegen zu struben.
Ja, Hugos Undankbarkeit war wirklich himmelschreiend, stimmte Frau Almbach ein. Bei Nacht und Nebel aus unserem Hause zu entfliehen, zur See zu gehen, um sein Glck allein in der Welt zu versuchen, wie es in dem kecken Abschiedsbriefe hie, den er zurcklie! Nun, er scheint es trotzalledem drauen gefunden zu haben. Schon vor zwei Jahren kam der erste Brief des Herrn Capitain an Reinhold an, und dieser deutete erst krzlich ganz offen auf die bevorstehende Rckkehr hin. Ich frchte, er wei bereits ganz Bestimmtes darber.
Ueber meine Schwelle darf Hugo nicht kommen, erklrte der Kaufmann mit einer feierlichen Handbewegung. Ich wei nichts von seinem Briefwechsel mit Reinhold, will nichts davon wissen. Mgen sie hinter meinem Rcken correspondiren; aber wenn der Ungerathene die Frechheit haben sollte, mir vor Augen zu kommen, so wird er den Zorn eines beleidigten Oheims und Vormundes kennen lernen.
Whrend die Eltern sich anschickten, dies augenscheinlich sehr oft behandelte Thema mit der gewohnten Ausfhrlichkeit und Emprung zu errtern, hatte Ella unbemerkt das Zimmer verlassen und stieg jetzt die Treppe hinunter, die nach dem zu ebener Erde gelegenen Comptoir fhrte. Die junge Frau wute, da jetzt, zur Mittagszeit, das Personal abwesend war, und das gab ihr wohl den Muth, dort einzutreten.
Es war ein groer dsterer Raum, dem die kahlen Wnde und die vergitterten Fenster etwas Gefngniartiges verliehen. Man hatte sich nicht die Mhe genommen, dem Geschftszimmer irgend einen Comfort oder auch nur ein freundlicheres Ansehen zu geben. Wozu auch! Was zur Arbeit gehrte, war vorhanden; das Uebrige war Luxus, und einen Luxus pflegte sich das Haus Almbach und Compagnie trotz seines notorisch nicht unbedeutenden Vermgens nie zu gestatten.
Es befand sich augenblicklich Niemand im Comptoir auer dem jungen Manne, der an einem der Pulte sa und das groe Hauptbuch vor sich aufgeschlagen hatte. Er sah bleich und berwacht aus, und die Augen, die sich mit den Zahlen beschftigen sollten, hafteten unverwandt auf dem schmalen Sonnenstreif, der schrg in das Zimmer fiel. Es lag in dem Blicke etwas von der Sehnsucht und Bitterkeit des Gefangenen, dem der Sonnenstrahl, der in seine Zelle dringt, Kunde giebt von dem Leben und der Freiheit drauen. Er wandte kaum den Kopf beim Oeffnen der Thr und fragte gleichgltig:
Was giebt es? Was willst Du, Ella?
Jede andere Frau wre bei der nun folgenden Frage wohl zu ihrem Manne getreten und htte den Arm um seine Schulter gelegt. Ella blieb dicht an der Schwelle stehen. Es klang doch gar zu eisig, dieses Was willst Du? Sie kam ihm offenbar ungelegen.
Ich wollte fragen, wie es mit Deinem Kopfschmerz steht, begann sie schchtern.
Mein Kopfschmerz? Reinhold besann sich pltzlich. Ja so. Ich denke, er ist vorber.
Die junge Frau schlo die Thr und kam einige Schritte nher.
Die Eltern sind wieder recht ungehalten, da Du gestern nicht beim Feste warst und statt dessen die ganze Nacht hindurch gespielt hast, berichtete sie zgernd.
Reinhold runzelte die Stirn. Wer hat ihnen denn das wieder einmal gesagt? Du vielleicht?
Ich? Es klang wie ein halber Vorwurf in der Stimme. Der Buchhalter hat heute Morgen bei der Rckkehr das Gartenhaus noch erleuchtet gesehen und Dein Spiel gehrt.
Ein Ausdruck verchtlichen Spottes zuckte um die Lippen des jungen Mannes. Ach so; daran hatte ich allerdings nicht gedacht. Ich glaubte nicht, da die Herren nach ihrem Jubilum noch Zeit und Lust zu Beobachtungen brig htten. Freilich, zum Spioniren sind sie immer nchtern genug.
Der Vater meint  begann Ella wieder.
Was meint er? fuhr Reinhold gereizt auf. Ist es ihm vielleicht noch nicht genug, da ich vom Morgen bis zum Abend hier ans Comptoir gefesselt bin? Mignnt er mir sogar die Erholung, die ich Nachts in der Musik suche? Ich dchte, ich und mein Flgel wren weit genug verbannt worden; das Gartenzimmer liegt ja so fern und einsam, da ich nicht in Gefahr komme, den Schlaf eines der Gerechten hier im Hause zu stren. Man kann zum Glck keinen Laut vernehmen.
Doch! sagte die junge Frau leise. Ich hre jeden Ton, wenn es ringsum so still ist und ich ganz allein wach liege.
Reinhold wandte sich um und sah seine Frau an. Sie stand mit niedergeschlagenen Augen und vllig ausdruckslosem Gesichte vor ihm. Sein Blick glitt langsam an ihrer Gestalt nieder, als stelle er unbewut irgend eine Vergleichung an, und die Bitterkeit in seinen Zgen trat noch deutlicher hervor.
Das thut mir leid, entgegnete er kalt; aber ich kann es nicht ndern, da Deine Fenster nach dem Garten hinausgehen. Schliee knftig die Lden! Dann werden Dich meine musikalischen Extravaganzen hoffentlich nicht mehr im Schlafe stren.
Er schlug die Seiten des Buches um und schien sich wieder in die Zahlen zu vertiefen. Ella wartete wohl noch eine Minute lang; als sie aber sah, da von ihrer Gegenwart nicht die geringste Notiz genommen wurde, ging sie so still und lautlos, wie sie gekommen war.
Kaum war sie fort, so schleuderte Reinhold mit einer leidenschaftlichen Bewegung das Hauptbuch zur Seite. Der Blick, der auf den so verchtlich behandelten Gegenstand fiel und dann durch das ganze Comptoir schweifte, zeugte von bitterstem Hasse; dann legte er schwer athmend den Kopf auf beide Arme und schlo die Augen, als wolle er nichts mehr von der ganzen Umgebung sehen und hren.
Gr Gott, Reinhold! sagte auf einmal eine fremde Stimme dicht neben ihm.
Der Gerufene fuhr empor und blickte verwirrt und fragend den Fremden in Seemannstracht an, der unbemerkt eingetreten war und jetzt vor ihm stand. Auf einmal aber schien ihn eine Erinnerung zu durchblitzen; mit einem Aufschrei der Freude warf er sich an die Brust des Ankmmlings.
Ists mglich, Hugo! Du schon hier?
Zwei krftige Arme umschlossen ihn fest und ein paar warme Lippen drckten sich wieder und immer wieder auf die seinigen.
Kennst Du mich wirklich noch? Ich htte Dich unter Hunderten herausgefunden. Freilich etwas anders siehst Du aus, als der kleine Reinhold, den ich hier zurcklie. Nun, mit mir mag es wohl auch nicht viel besser sein.
Die ersten Worte klangen noch in tiefer Bewegung, die letzten hatten schon wieder einen etwas bermthigen Ton. Reinholds Arm lag noch zrtlich um den Hals des Bruders.
Und Du kommst so pltzlich, so ganz unangemeldet? Ich erwartete Dich erst in Wochen.
Wir haben eine ungewhnlich schnelle Fahrt gehabt, sagte der junge Capitain heiter. Und als ich erst einmal im Hafen war, litt es mich auch nicht eine Minute lnger an Bord; ich mute zu Dir. Gott sei Dank, da ich Dich allein fand! Ich frchtete schon, ich msse das ganze Fegefeuer des heimathlichen Zornes passiren und mich mit der gesammten Verwandtschaft herumschlagen, um zu Dir zu gelangen.
Reinholds Gesicht, das noch in der ganzen Freude des Wiedersehens strahlte, verdsterte sich bei dieser Erinnerung und sein Arm sank langsam nieder.
Es hat Dich doch noch Niemand gesehen? fragte er. Du weit, wie der Onkel gegen Dich gesinnt ist, seit 
Seit ich mich seiner hochweisen Bestimmung entzog, die mich durchaus an den Comptoirtisch schrauben wollte, und auf und davon ging? unterbrach ihn Hugo. Ja, das wei ich, und ich htte den Lrm mit ansehen mgen, der im Hause losbrach, als sie entdeckten, ich sei durchgegangen. Aber die Geschichte ist ja beinahe zehn Jahre her. Der Taugenichts ist nicht gestorben und verdorben, wie es die verwandtschaftliche Liebe ohne Zweifel hundertmal prophezeit und noch fter gewnscht hat, er kehrt zurck als hchst respectabler Capitain eines hchst vortrefflichen Schiffes, mit allen nur mglichen Empfehlungen an Eure ersten Handelshuser. Sollten die maritimen und mercantilischen Vorzge nicht endlich das Herz des zrnenden Hauses Almbach und Compagnie erweichen?
Reinhold unterdrckte einen Seufzer. Spotte nicht, Hugo! Du kennst den Onkel nicht, kennst nicht das Leben in seinem Hause.
Nein, ich ging noch zu rechter Zeit durch, bekrftigte der Capitain. Und das ist berhaupt das Gescheidteste  so solltest Du es auch machen.
Was fllt Dir ein? Meine Frau, das Kind 
Ja so! sagte Hugo etwas verlegen. Ich vergesse immer, da Du verheirathet bist. Armer Junge, Dich haben sie bei Zeiten festgekettet. Solch ein Traualtar ist der sicherste Riegel, den man allen etwaigen Freiheitsgelsten vorschiebt. Nun, fahre nur nicht gleich auf! Ich glaube ja gerne, da man Dich zu dem Jawort nicht geradezu gezwungen hat. Wie Du aber dazu gekommen bist, das wird wohl der Onkel zu verantworten haben, und die melancholische Stellung, in der ich Dich traf, spricht auch nicht gerade sehr fr die Glckseligkeit eines jungen Ehemannes. La Dir doch einmal ins Auge blicken, damit ich sehe, wie es drinnen ausschaut!
Er ergriff ihn ohne Umstnde beim Arme und zog ihn nach dem Fenster hin. Erst hier im hellen Tageslichte sah man, wie unendlich ungleich die beiden Brder waren, trotz einer unleugbaren Aehnlichkeit in ihren Zgen. Der Capitain, der Aeltere von Beiden, war von krftiger und doch eleganter Gestalt, das hbsche, offene Antlitz gebrunt von Luft und Sonne; sein Haar kruselte sich leicht, und die braunen Augen sprhten Lebenslust und Lebensmuth. Seine Haltung war leicht und sicher, wie die eines Mannes, der gewohnt ist, sich in den verschiedensten Umgebungen und Verhltnissen zu bewegen, und das ganze Wesen hatte einen Zug kecker, bermthiger Laune, die bei jeder Gelegenheit hervorbrach, aber zugleich eine so frische, offene Liebenswrdigkeit, da es schwer war, ihm zu widerstehen.
Der um einige Jahre jngere Reinhold machte einen durchaus verschiedenen Eindruck. Er war schlanker, bleicher als der Bruder; Haar und Augen waren dunkler, und die letzteren blickten ernst, ja dster. Aber es lag etwas auf dieser Stirn und in diesen Augen, das um so mehr anzog, als sich nicht leicht entrthseln lie, was sich eigentlich dahinter barg. Hugo war vielleicht der Hbschere von Beiden, und doch entschied eine Vergleichung unbedingt zu Gunsten des jngeren Bruders, der im vollsten Mae jenen seltenen und gefhrlichen Reiz des Interessantseins besa, dem oft genug die vollendete Schnheit weichen mu.
Der junge Mann machte einen hastigen Versuch, sich der angedrohten Beobachtung zu entziehen. Hier darfst Du nicht bleiben, sagte er bestimmt. Der Onkel kann jeden Moment eintreten, und dann giebt es eine furchtbare Scene. Ich bringe Dich vorlufig nach dem Gartenhause, das ich fr mich allein habe einrichten lassen. Du wirst schwerlich der Familie vor die Augen kommen drfen, aber Deine Ankunft mu sie doch  erfahren. Ich werde sie ihr mittheilen 
Und den ganzen Sturm allein aushalten? unterbrach ihn der Capitain. Bitte, das ist meine Sache! Ich gehe jetzt stehenden Fues hinauf zu dem Herrn Onkel und der Frau Tante und stelle mich ihnen als gehorsamer Neffe vor.
Aber Hugo! Bist Du denn ganz von Sinnen? Sie ahnen ja noch gar nichts von Deinem Hiersein.
Eben deshalb! Mit Ueberrumpelung nimmt man die strksten Festungen, und ich habe mich lange darauf gefreut, einmal wie eine Bombe mitten unter die grollende Verwandtschaft zu fahren und zu sehen, was fr ein Gesicht sie macht. Aber noch eins, Reinhold, Du giebst mir das Versprechen, ruhig hier unten zu bleiben, bis ich zurckkomme. Du sonst nicht in die peinliche Lage gerathen, Zeuge davon zu sein, wie die ganze Schale des Familienzornes auf mein sndiges Haupt geleert wird. Du knntest in brderlicher Aufopferung etwas davon auffangen wollen, und das strt mir den ganzen Feldzugsplan.  Jonas, komm einmal herein!
Er ffnete die Thr und lie eine Mann ein, der bisher drauen im Hausflur geharrt hatte. Das ist mein Bruder. Sieh ihn Dir ordentlich an! Du hast Dich bei ihm zu melden und Dein Compliment zu machen. Noch einmal, Reinhold, Du versprichst mir, whrend der nchsten halben Stunde das Familienzimmer nicht zu betreten. Ich werde schon allein da oben Ordnung schaffen, und mte ich die ganze Baracke mit Sturm nehmen.
Er war zur Thr hinaus, ehe der jngere Bruder auch nur eine Einwendung machen konnte. Noch halb betubt von dem schnellen Wechsel der letzten zehn Minuten, blickte er auf die breite vierschrtige Gestalt des neuen Ankmmlings, der jetzt einen eleganten Reisekoffer auf die Dielen niedersetzte und sich dicht daneben aufpflanzte.
Matrose Wilhelm Jonas von der ,Ellida, jetzt zur Dienstleistung bei dem Herrn Capitain Almbach! rapportirte er vorschriftmig, und versuchte dabei eine Bewegung, die wahrscheinlich eine Verbeugung ausdrcken sollte, mit dem anbefohlenen Complimente aber nicht die geringste Aehnlichkeit hatte.
Es ist gut, sagte Reinhold zerstreut. Lassen Sie das Gepck einstweilen hier! Ich mu erst hren, wie lange mein Bruder zu bleiben gedenkt.
Wir bleiben einige Tage hier bei dem Herrn Onkel, versicherte Jonas in groer Gemthsruhe.
So? Ist das schon fest bestimmt?
Ganz fest.
Ich begreife Hugo nicht, murmelte Reinhold. Er scheint keine Ahnung von dem zu haben, was ihm hier bevorsteht, und doch mssen meine Briefe ihn darauf vorbereitet haben. Unmglich kann ich ihn den ganzen Sturm allein aushalten lassen.
Er machte eine Bewegung nach der Thr hin, aber diese war vollstndig blockirt durch die breite Gestalt des Matrosen, die auch auf den unwillig fragenden Blick des jungen Mannes sich nicht vom Platze rhrte.
Der Herr Capitain hat gesagt, er wrde schon allein da oben Ordnung schaffen, erklrte er lakonisch, also schafft er sie auch. Der setzt Alles durch.
Wirklich? fragte Reinhold, etwas betroffen von der unerschtterlichen Zuversicht dieser Worte. Sie scheinen meinen Bruder sehr genau zu kennen.
Ganz genau.
Unschlssig, ob er dem Wunsche Hugos Folge leisten solle oder nicht, trat Reinhold an das nach dem Hofe hinausgehende Fenster und gewahrte dort drei oder vier Gesichter, dem Dienstpersonal angehrig, die mit dem Ausdruck grenzenloser Wibegierde einen Einblick in das Comptoir zu gewinnen strebten. Der junge Mann lie einen Ausruf unterdrckten Aergers hren und wandte sich wieder zu dem Matrosen.
Die Ankunft meines Bruders scheint bereits im Hause bekannt zu sein, sagte er hastig. Fremde sind doch sonst nicht eine solche Seltenheit im Comptoir, und die Neugierde gilt offenbar Ihnen.
Hat nichts zu sagen, brummte Jonas. Wenn auch das ganze Nest rebellisch wird und uns angafft. Dergleichen ist uns gar nichts Neues mehr. Die Wilden auf den Sdseeinseln machen es gerade ebenso, wenn unsere ,Ellida anlegt.
Es mag dahingestellt bleiben, ob der eben gezogene Vergleich den Hausbewohnern gerade besonders schmeichelhaft erschienen wre. Zum Glck vernahm ihn Niemand als Reinhold, der es jetzt doch fr nothwendig hielt, den Gegenstand dieser Neugierde zu entfernen. Er hie ihn in das Nebenzimmer treten und dort warten; er selbst blieb zurck und horchte unruhig, ob sich nicht etwa streitende Stimmen vernehmen lieen, aber freilich, das Familienzimmer lag im oberen Stockwerk, und auf der anderen Seite des Hauses. Der junge Mann kmpfte mit sich selber, ob er dem halb und halb gegebenen Versprechen treu bleiben und Hugo gewhren lassen oder ob er nicht wenigstens versuchen solle, ihm den unvermeidlichen Rckzug zu decken, denn da ein solcher bevorstand, glaubte er ganz genau zu wissen. Er war zu oft Zeuge des Verdammungsurtheils gewesen, das in der Familie ber seinen Bruder gefllt wurde, um nicht eine Scene zu frchten, der selbst dieser nicht Stand halten konnte, aber er kannte seine eigene Stellung dem Onkel gegenber zu genau, um sich nicht zu sagen, da sein Einschreiten die Sache nur verschlimmern wrde.
Mehr als eine halbe Stunde war in dieser peinigenden Besorgni vergangen, da endlich lieen sich Schritte vernehmen und der Capitain trat ein.
Da bin ich. Die Sache ist abgemacht.
Was ist abgemacht? fragte Reinhold hastig.
Nun, die Begnadigung natrlich. Ich habe als vielgeliebter Neffe soeben abwechselnd in den Armen des Onkels und der Tante gelegen. Komm mit hinauf, Reinhold! Du fehlst noch im Vershnungstableau, aber auf eine unendliche Rhrung mut Du Dich gefat machen; sie weinen allesammt.
Der Bruder sah ihn ungewi an. Ich wei nicht, Hugo, soll das Scherz sein oder 
Der junge Capitain lachte bermthig, Du scheinst meinem diplomatischen Talente sehr wenig zu trauen. Glaube brigens nicht, da mir die Sache diesmal sehr leicht geworden ist! Auf einen Sturm hatte ich mich allerdings gefat gemacht. Hier aber tobte entschieden ein Orcan  pah, wir Seeleute sind an Dergleichen gewhnt  und als ich erst zu Worte kam, was freilich lange dauerte, da war der Sieg auch schon entschieden. Ich setzte die Rckkehr des verlorenen Sohnes meisterhaft in Scene; ich rief Himmel und Erde zum Zeugen meiner Besserung an; ich riskirte einen Fufall  das schlug durch, bei der Tante wenigstens. Ich versicherte mich nun zuvrderst des wankenden weiblichen Flgels, um dann mit ihm vereint das Centrum zu strmen, und der Sieg war glnzend. Begnadigung in aller Form  allgemeine Rhrung und Umarmung  Vershnungsgruppe  mein Himmel, so sieh doch nicht so unglubig aus! Ich versichere Dir, da ich im vollen Ernste spreche.
Reinhold schttelte den Kopf, aber er athmete doch unwillkrlich auf. Das begreife, wer da kann! Ich htte es fr unmglich gehalten! Hast Du  die Frage klang eigenthmlich unsicher  Hast Du meine Frau gesehen?
Ja wohl, sagte Hugo gedehnt. Das heit, viel habe ich eigentlich nicht von ihr gesehen, und noch weniger gehrt, denn sie verhielt sich ganz passiv bei der Scene und weinte nicht einmal wie die Uebrigen. Noch immer die kleine Cousine Eleonore, die stets so still und scheu in ihrem Winkelchen sa, aus dem sie selbst unsere wildesten Knabenneckereien nicht hervorscheuchten  und das ist Deine Frau geworden! Aber jetzt mu ich vor allen Dingen den Stammhalter des Hauses Almbach bewundern. Wo habt Ihr ihn?
Reinhold sah auf und ein helles Aufleuchten verdrngte fr einen Augenblick alle Dsterheit in seinem Antlitze. Meinen Knaben? Ich will ihn Dir zeigen. Komm, wir wollen zu ihm.
Gott sei Dank, doch endlich einmal ein Zug von Glck in Deinem Gesichte! sagte der Capitain mit einem Ernste, den man seinem Uebermuthe kaum zugetraut htte, und mit sinkender Stimme setzte er hinzu: Ich habe ihn bis jetzt vergebens darin gesucht.



Das Haus Almbach und Compagnie gehrte zu denen, deren Name an der Brse wie in der Handelswelt berhaupt einen guten Klang hat, ohne gleichwohl irgendwie von hervorragender Bedeutung zu sein. Die Beziehungen seines Chefs zu dem Consul Erlau waren nicht blos geschftlicher Natur; sie datirten noch aus frheren Zeiten, wo Beide, gleich jung und mittellos, bei einem und demselben Handlungshause in die Lehre traten, der Eine, um sich zum reichen Kaufherrn aufzuschwingen, dessen Schiffe auf allen Meeren schwammen und dessen Verbindungen in alle Welttheile hinberreichten, der Andere, um ein bescheidenes Geschft zu grnden, dessen Umfang sich nie ber gewisse Grenzen hinaus erstreckte. Almbach scheute jede gewagte Speculation, jede grere Unternehmung, und war auch keineswegs der Mann, dergleichen zu berblicken und zu leiten; er zog einen migen, aber sicheren Gewinn vor, der ihm auch im vollsten Mae zu Theil ward. Seine gesellschaftliche Stellung war von der Erlaus freilich so verschieden wie das alterthmliche, dstere Haus in der Canalstrae mit seinem hohen Giebel und vergitterten Comptoirfenstern von dem frstlich eingerichteten Palais am Hafenbassin. Die Freundschaft zwischen den ehemaligen Jugendgefhrten hatte sich allmhlich mehr und mehr gelockert, aber es war wohl hauptschlich Almbach, der die Schuld daran trug. Er konnte sich nicht darein finden, da der Consul, nachdem er zum Millionr geworden, auch auf einem Fue lebte, der dieser Stellung entsprach. Vielleicht verzieh er es ihm auch nicht, da Jener den ersten Platz einnahm, wo er selbst erst in dritter oder vierter Reihe stand, und so sehr er in geschftlicher Hinsicht die Vortheile zu benutzen wute, die eine nhere Bekanntschaft mit der groen Erlauschen Firma ihm erffnete, so sehr hielt er seinen streng brgerlichen und etwas altfrnkischen Haushalt auer aller Berhrung mit dem des Consuls. Die Einladungen desselben hatten aufgehrt, als er sah, da sie nicht gern angenommen wurden; jetzt beschrnkte sich die beiderseitige Begegnung schon seit Jahren auf ein gelegentliches Zusammentreffen an der Brse oder am dritten Orte, und krzlich hatte sich Almbach sogar, als eine Geschftssache persnliche Rcksprache verlangte, durch seinen Schwiegersohn vertreten lassen. Es war ihm durchaus nicht lieb, da dem jungen Manne bei dieser Gelegenheit die Einladung zur Oper und zu der darauffolgenden Soire zu Theil wurde, und so wenig sich diese Artigkeit ablehnen lie, so wenig verhehlte der Kaufmann seiner Familie gegenber seinen Unmuth ber die Einfhrung Reinholds in das Nabobleben, eine Bezeichnung, mit der er gewhnlich den Haushalt seines alten Freundes beehrte.
Trotz alledem war Almbach ein wohlhabender, ja, wie von vielen Seiten behauptet wurde, sogar ein sehr vermgender Mann geworden und in dieser Eigenschaft der Mittelpunkt und die Sttze einer zahlreichen, nicht gerade sehr mit Glcksgtern gesegneten Verwandtschaft. So fiel ihm denn auch die Sorge fr die Erziehung seiner beiden verwaisten Neffen anheim, die ihr Vater, ein Schiffscapitain, gnzlich mittellos zurckgelassen hatte.
Almbach besa nur ein einziges Kind, dessen Existenz er freilich nie eine besondere Wichtigkeit beigelegt hatte, da es ein Mdchen war. Der Consul und dessen Gattin waren die Pathen der Kleinen gewesen, und es konnte immerhin als ein Act der Selbstberwindung gelten, da Almbach seiner Tochter den Namen der Frau Erlau beilegte, denn er hate das vornehm und romantisch klingende Eleonore ganz auerordentlich und beeilte sich sehr bald, es in das weit einfachere Ella umzugestalten. Diese Bezeichnung war wohl auch die passendere, denn Ella Almbach galt berall fr ein nicht blo einfaches, sondern sogar fr ein uerst beschrnktes Wesen, dessen Horizont sich nie ber die kleinen Vorkommnisse der Huslichkeit und der Wirthschaft hinaus erstreckte. Das Kind war in frheren Zeiten sehr krnklich gewesen, und das mochte auch auf die Entwickelung seiner geistigen Fhigkeiten lhmend gewirkt haben. Sie waren in der That sehr untergeordneter Natur, und die uerst einseitige, streng wirthschaftliche Erziehung im Elternhause, die jeden andern Ideen- und Gedankenkreis ausschlo, schien auch nicht geeignet, ihnen eine hhere Richtung zu geben. So war das Mdchen denn still und scheu herangewachsen, stets bersehen, berall bei Seite geschoben und ohne die geringste Geltung selbst bei den nchsten Familiengliedern. Man hatte sich gewhnt, sie als ganz unselbststndig und halb unzurechnungsfhig zu betrachten, und auch ihre sptere Heirath nderte darin durchaus nichts.
Keines der jungen Leute erhob einen Einwand gegen den lngst gehegten und ihnen lngst bekannten Plan einer Verbindung. Ein siebenzehnjhriges Mdchen und ein zweiundzwanzigjhriger Mann haben wohl berhaupt noch nicht viel Selbstbestimmung, am wenigsten, wenn sie in so abhngigen Verhltnissen aufgewachsen sind. Hier kam noch die Gewohnheit eines steten Zusammenlebens hinzu, das doch immerhin eine Art von Neigung erzeugt hatte, obgleich diese bei Reinhold eigentlich nur mitleidige Duldung und bei Ella geheime Furcht vor dem ihr geistig so sehr berlegenen Vetter war. Sie reichten sich also gehorsam die Hand zur Verlobung, der in Jahresfrist die Trauung folgte. Ueber Beiden waltete nach wie vor das Scepter Almbachs, der seinem nunmehrigen Schwiegersohne, der dem Namen nach jetzt sogar Compagnon war, so wenig irgend eine Selbststndigkeit im Geschfte gestattete, wie seine Gattin der jungen Frau im Haushalte.
[Es war Sonntag Morgen. Das Comptoir war geschlossen, und Reinhold hatte einmal einen freien Vormittag vor sich, was ihm allerdings nur selten zu Theil wurde. Er befand sich im Gartenhause, dessen ausschlieliche Benutzung er endlich errungen hatte, allerdings erst nach manchen Kmpfen und nur durch den wiederholten Hinweis auf seine musikalischen Uebungen, die man im Hause selbst allzu strend fand. Der junge Mann war nur hier einigermaen sicher vor der fortwhrenden Controlle seiner Schwiegereltern, die sich bis in die Wohnung des jungen Paares hinein erstreckte, und er benutzte jede freie Stunde, sich in sein Asyl zu flchten.
Der sogenannte Garten war von jener Beschaffenheit, wie sie in einem enggebauten, alten und menschenvollen Stadtviertel die allein mgliche ist. Ueberall hohe Mauern und Giebel, die von allen Seiten das Stckchen Erde einengten, dem Luft und Sonnenschein nur sprlich zugemessen war, und auf dem einige Bume und Gestruche ein kmmerliches Dasein fristeten. Als Grenzlinie hatte das Grtchen einen jener kleinen Canle, welche die Stadt nach allen Richtungen hin durchzogen, und dessen stille dunkle Fluth einen recht trbseligen Hintergrund bildete; jenseit desselben aber sah man wieder Mauern und Giebel; das Gefngniartige, das dem ganzen Almbachschen Hause anhaftete, schien sich auch auf den einzigen freien Raum desselben zu erstrecken.
Das Gartenhaus selbst war nicht viel freundlicher, das einzige gerumige Gemach sogar mehr als einfach eingerichtet. Man sah es den wenigen alterthmlichen Mbeln an, da sie als berflssig irgendwo bei Seite gestellt und jetzt hervorgesucht waren, um das Zimmer nothdrftig herzustellen. Nur am Fenster, um das sich einige kmmerliche Weinranken schlangen, stand ein groer, kostbar gearbeiteter Flgel, das Vermchtni des verstorbenen Musikdirector Wilkens an seinen Schler, ein Prachtstck, das sich in der nchternen Umgebung ebenso seltsam und fremdartig ausnahm, wie die Gestalt des jungen Mannes mit der idealen Stirn und den groen flammenden Augen hinter den vergitterten Comptoirfenstern des Vorderhauses.
Reinhold sa am Tische und schrieb, aber sein Gesicht trug heute nicht jenen mden, apathischen Ausdruck, der stets darauf ruhte, sobald er die Zahlen der Handlungsbcher vor sich hatte; seine Wangen waren tief, fast fieberhaft gerthet, und die Hand, die in raschen Zgen einen Namen auf das vor ihm liegende Briefcouvert warf, zitterte leise, wie in verhaltener Erregung. Da lieen sich Schritte drauen hren und die Glasthr wurde geffnet; mit einer schnellen unmuthigen Bewegung schob der junge Mann das Couvert unter die auf dem Tische liegenden Notenbltter und wandte sich um.
Es war Jonas, der Diener des Capitains, der die ihm angebotene Gastfreundschaft seiner Verwandten nur auf einige Tage angenommen hatte, und dann in eine eigene Wohnung bergesiedelt war. Der Matrose brachte Gru und Eintritt in der ihm eigenen derben und etwas ungeschickten Art zuwege und legte dann einige Bcher auf den Tisch.
Eine Empfehlung von dem Herrn Capitain, und er schickt hier das Versprochene aus seiner Reisebibliothek.
Kommt mein Bruder nicht selbst? fragte Reinhold befremdet. Er versprach es doch.
Der Herr Capitain ist schon lngst da, rapportirte Jonas, aber sie haben ihn richtig wieder im Hause abgefangen: der Herr Onkel wnschen eine Conferenz mit ihm in Familiensachen; die Frau Tante verlangen seine Hlfe bei einer Aenderung im Besuchszimmer, und der Buchhalter will ihn fr seinen Verein kapern. Alle reien sie sich um ihn; er kann nicht loskommen.
Hugo scheint im Laufe einer einzigen Woche bereits das ganze Haus erobert zu haben, bemerkte Reinhold ironisch.
Das machen wir berall so, sagte Jonas voll Selbstgefhl, und schien sehr geneigt, noch Einiges ber diese Eroberungen hinzuzufgen als er durch den Eintritt seines Herrn unterbrochen wurde, der in heiterster Laune den Bruder begrte.
Gute Morgen, Reinhold! Nun, Jonas, was stehst Du denn noch hier? Man bedarf Deiner im Hause. Ich habe der Tante versprochen da Du bei der heutigen Mittagsgesellschaft Aushlfe leisten sollst. Rasch hinauf in die Kche!
Unter die Frauenzimmer? fragte Jonas, dessen Gesicht sich bei dem Befehle natrlich verlngerte.
Unter die Frauenzimmer! Wei der Himmel, wandte sich Hugo lachend an seinen Bruder, wo dieser Mensch den Ha gegen alles Weibliche gelernt hat. Bei mir sicher nicht; ich bewundere das schne Geschlecht ganz auerordentlich.
Ja, leider Gottes, gar zu auerordentliche! brummte Jonas, machte aber gehorsam Kehrt und marschirte zur Thr hinaus, whrend der Capitain dicht an Reinhold hinantrat.
Es ist heute groe Familientafel, hob er an, den pedantisch feierliche Ton seines Onkels Almbach tuschend nachahmend. Mir zu Ehren, natrlich! Ich hoffe, da Du diesem bedeutsamen Acte die gebhrende Hochachtung entgegenbringst, und Dich nicht wieder so benimmst, da ich Dich hchstens als Folie fr meine eigene zu entwickelnde Liebenswrdigkeit benutzen kann.
Reinhold runzelte ein wenig die Stirn. Ich bitte Dich, Hugo, werde endlich einmal vernnftig! Wie lange denkst Du denn eigentlich noch diese Komdie fortzuspielen und Dich ber das ganze Haus lustig zu machen? Nimm Dich in Acht, wenn sie dahinter kommen, von welcher Beschaffenheit Deine Liebenswrdigkeit eigentlich ist, und da Du im Grunde nur Deinen Spott mit ihnen Allen treibst.
Das wre allerdings schlimm, sagte Hugo ruhig. Sie kommen aber nicht dahinter; verla Dich darauf!
So thue mir wenigstens den Gefallen, und la Deine entsetzlichen Indianergeschichten! Du muthest ihnen wirklich zu viel damit zu. Der Onkel debattirte erst gestern mit dem Buchhalter ber den Kampf mit der Riesenschlange, den Du ihnen neulich auftischtest, und der denn doch auch ihm etwas unerhrt schien. Ich gerieth in die grenzenloseste Verlegenheit beim Zuhren.
In Verlegenheit hat Dich das gebracht? spottete der Capitain. Wre ich dabei gewesen, ich htte ihnen sofort noch eine Elephantenjagd, eine Tigergeschichte und einige Ueberflle der Wilden mit so haarstrubenden Effecten zum Besten gegeben, da ihnen die Sache mit der Riesenschlange darnach hchst wahrscheinlich vorgekommen wre. Sei unbesorgt! Ich kenne meine Zuhrer; das ganze Haus erdrckt mich ja fast mit Sympathiebeweisen.
Ella ausgenommen, warf Reinhold ein. Es ist doch eigenthmlich, da ihre Scheu vor Dir in keiner Art zu berwinden ist.
Jawohl, das ist sehr eigentmlich, stimmte Hugo mit beleidigter Miene bei. Ich kann durchaus nicht zugeben, da Jemand im Hause existirt, der von meiner Vortrefflichkeit nicht unbedingt berzeugt scheint, und habe mir bereits vorgenommen, mich heute in meiner ganzen unwiderstehlichen Liebenswrdigkeit meiner Frau Schwgerin zu prsentiren. Ich zweifle durchaus nicht, da sie sich darauf hin gleichfalls der Majoritt anschlieen wird, Du bist doch hoffentlich nicht eiferschtig?
Eiferschtig? Ich? Und um Ellas willen? Der junge Mann zuckte halb mitleidig, halb verchtlich die Achseln. Was fllt Dir ein?
Nun, es hat auch keine Gefahr! Ich suchte schon vorhin eine Unterredung mit ihr, aber sie war ausschlielich mit dem Kleinen beschftigt.  Sage einmal, Reinhold, woher hat das Kind die wunderschnen blauen Mrchenaugen? Die Deinen sind es nicht; da ist auch nicht die leiseste Spur einer Aehnlichkeit vorhanden, und sonst wte ich doch Niemanden in der Familie 
Ich glaube, Ellas Augen sind blau, unterbrach ihn der Bruder gleichgltig.
Das glaubst Du nur? Ueberzeugt hast Du Dich davon wohl noch nie? Allerdings mag das schwierig sein; sie schlgt sie ja niemals auf, und unter dieser unendlichen Haube ist berhaupt nichts von ihrem Gesichte zu erblicken. Reinhold, um Gotteswillen, wie kannst Du Deiner Frau eine solche vorsndfluthliche Tracht erlauben! Ich versichere Dir, fr mich wre diese Haube ein unbedingter Scheidungsgrund. 
Reinhold hatte sich an den Flgel gesetzt und lie mechanisch die Hand ber die Tasten gleiten, whrend er mit vollkommener Theilnahmlosigkeit erwiderte: Ich kmmere mich nie um Ellas Toilette, und ich glaube, es wre auch nutzlos, da Aenderungen durchsetzen zu wollen. Was geht es mich auch an?
Was es Dich angeht, wie Deine Frau aussieht? wiederholte der Capitain, indem er einige der auf dem Tische liegenden Notenbltter ergriff und flchtig durchsah; eine allerliebste Frage fr einen jungen Ehemann! Du hattest doch sonst einen nur allzu reizbaren Sinn fr das Schne, und ich mchte beinahe frchten  was ist denn das? Signora Beatrice Biancona in H. Hast Du italienische Correspondenzen hier in der Stadt?
Reinhold sprang auf. Verlegenheit und Unmuth stritten in seinem Gesichte, als er den Brief, den er vorhin unter die Noten geschoben, in der Hand des Bruders sah, der unbefangen die Adresse wiederholte:
Beatrice Biancona? Das ist ja die Primadonna der italienischen Oper, die hier ein so unglaubliches Furore machen soll. Kennst Du die Dame?
Oberflchlich, sagte Reinhold, ihm den Brief rasch aus der Hand nehmend. Ich wurde ihr krzlich beim Consul Erlau vorgestellt.
Und Du correspondirst bereits mit ihr?
Nicht doch! Der Brief enthlt nicht eine einzige Zeile.
Hugo lachte laut auf. Ein Couvert mit einer vollstndigen Adresse darauf und einem sehr umfangreichen Papier darin und keine einzige Zeile? Lieber Reinhold, das ist noch wunderbarer, als meine Geschichte mit der Riesenschlange. Verlangst Du im Ernst Glauben dafr? Nun sieh nur nicht so finster aus! Ich beabsichtige durchaus nicht, mich in Deine Geheimnisse zu drngen.
Statt aller Antwort zog der junge Mann das Papier aus dem noch nicht geschlossenen Couverte hervor und hielt es dem Bruder hin, der verwundert darauf niederblickte.
Was soll das heien? Nur ein Lied  Noten und Text  kein Wort der Erklrung dabei  einzig Dein Name darunter. Hast Du das etwa componirt?
Reinhold nahm das Papier wieder zurck, schlo den Brief und steckte ihn zu sich.
Es ist ein Versuch, weiter nichts. Sie ist Knstlerin genug, um darber zu urtheilen. Mag sie es annehmen oder verwerfen!
Du componirst also auch? fragte der Capitain, dessen Gesicht auf einmal ernst geworden war. Ich glaubte nicht, da Deine leidenschaftliche Neigung fr die Musik bis zum eigenen Schaffen ginge. Armer Reinhold, wie hltst Du es nur aus in diesem Leben, unter all dieser Engherzigkeit und Beschrnktheit, die jeden Funken von Poesie als berflssig oder gefhrlich ersticken mchte? Ich habe es nicht gekonnt.
Reinhold hatte sich wieder auf den Sessel vor seinem Flgel geworfen. Frage mich nicht, wie ich es aushalte! entgegnete er gepret. Genug, da ich es thue!
Ich ahnte es lngst, da Deine Briefe nicht aufrichtig waren, fuhr Hugo fort, da hinter all der Zufriedenheit, mit der Du mich tuschen wolltest, sich etwas ganz Anderes barg. In dieser einen Woche hier im Hause ist mir die Wahrheit klar geworden, trotzdem Du Dir alle nur erdenkliche Mhe gabst, sie mir zu verbergen.
Der junge Mann blickte dster vor sich hin. Wozu sollte ich Dich in der Ferne auch noch mit der Sorge um mich qulen? Du hattest genug zu thun, Dich selber durchzubringen, und es gab ja auch eine Zeit, wo ich zufrieden war, oder es wenigstens zu sein glaubte, weil mein ganzes geistiges Leben wie in einem Banne lag, wo ich in dumpfer Gleichgltigkeit Alles ber mich ergehen lie und willig der Kette die Hand bot. Ich habe es gethan, nun ja! Ich habe aber auch mein ganzes Leben lang daran zu tragen.
Hugo war zu ihm getreten und legte die Hand auf seine Schulter. Du meinst Deine Heirath mit Ella? Bei der ersten Nachricht davon wute ich, da es einzig das Werk des Onkels war.
Ein bitteres Lcheln spielte um die Lippen des jungen Mannes, als er fast schneidend erwiderte: Er war von jeher ein ausgezeichneter Rechenmeister, und das hat er auch hier wieder gezeigt. Der arme, aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommene Verwandte mute es ja als ein Glck betrachten, da man ihn zum Sohn und Erben des Hauses erhob, und die Tochter mute doch einmal verheirathet werden; da galt es, mit ihrer Hand der Firma einen Nachfolger zu sichern, der den gleichen Namen trug. Es war nicht Ellas Schuld und nicht die meine, da man uns so zusammenband. Wir waren Beide jung, willenlos, ohne Verstndni des Lebens und unser selbst. Sie wird es ewig bleiben  wohl ihr! Mir ist es nicht so gut geworden.
Man htte es den kecken braunen Augen des jungen Capitains kaum zugetraut, da sie so ernst blicken konnten, wie in diesem Momente, wo er sich zu dem Bruder herabbeugte. Reinhold! sagte er halblaut. In der Nacht, als ich entfloh, um mich einer Willkr zu entreien, die mir Freiheit und Zukunft verschtten wollte, da hatte ich Alles geplant und vorhergesehen, nur das Eine, Schwerste nicht, die Minute, wo ich an Deinem Bette stand, um Dir Lebewohl zu sagen. Du schliefst ruhig und ahntest nichts von der Trennung, aber ich  als ich Dein kleines blasses Gesicht auf dem Kissen sah und mir sagte, da ich es nun lange Jahre nicht, da ich es vielleicht nie wieder sehen wrde, da wollten all die Freiheitsgelste nicht Stand halten, und ich rang schwer mit der Versuchung, Dich zu wecken und mit mir zu nehmen. Spter, als ich die dornenvolle Laufbahn des abenteuernden, heimathlosen Knaben mit all ihren Gefahren und Entbehrungen kosten mute, da habe ich oft Gott gedankt, da ich der Versuchung widerstand, wute ich Dich doch sicher und geborgen im Hause der Verwandten, und jetzt  die krftige Stimme Hugos bebte wie im unterdrckten Grolle oder Schmerz  jetzt wollte ich, ich htte Dich damals mit hinausgerissen in Mangel und Entbehrung, in Sturm und Gefahr, aber auch in die Freiheit hinaus; es wre besser gewesen.
Es wre besser gewesen, wiederholte Reinhold tonlos; dann auf einmal erhob er sich ungestm. La uns abbrechen! Wozu die Klagen, die das einmal Geschehene doch nicht ndern? Komm! Man erwartet uns oben im Hause.
Ich wollte, ich htte Dich auf meiner Ellida und wir knnten der ganzen Sippschaft den Rcken kehren auf Nimmerwiedersehen! sagte der junge Seemann mit einem Seufzer, whrend er sich anschickte, der Aufforderung nachzukommen. So schlimm habe ich mir die Sache doch nicht gedacht.
Die Brder hatten kaum das Haus betreten, als die Unentbehrlichkeit Hugos sich auch schon wieder zu zeigen begann. Von nicht weniger als drei Seiten ward er zugleich in Anspruch genommen. Jeder verlangte seinen Rath, seine Hlfe. Der junge Capitain schien die beneidenswerthe Fhigkeit zu besitzen, sich sofort von einer Stimmung in die andere werfen zu knnen, denn unmittelbar nach dem tiefernsten Gesprch mit dem Bruder sprhte er schon wieder von Heiterkeit und Uebermuth, half Jedem, sagte Jedem Artigkeiten und verspottete dabei Alle in der schonungslosesten Weise. Diesmal war es der Buchhalter, der ihn schlielich abfing, wie Jonas sich ausdrckte, um seine Vereinsangelegenheit vorzutragen, und whrend die beiden Herren darber debattirten, trat Reinhold in das Ezimmer, wo er seine Frau bereits mit den Vorbereitungen fr die erwhnte Gesellschaft beschftigt fand.
Ella war heute in Sonntagstracht, aber das nderte wenig in ihrer Erscheinung. Der Anzug von feinerem Stoffe war deshalb nicht kleidsamer; die Haube, die ihrem Schwager ein solches Entsetzen einflte, umgab und entstellte auch heute das Gesicht. Die junge Frau widmete sich ihren Hausfrauenpflichten so emsig und ausschlielich, da sie kaum den Eintritt ihres Gatten zu bemerken schien, der sich mit ziemlich finsterer Miene ihr nherte.
Ich mchte Dich doch bitten, Ella, begann er, in Zukunft etwas mehr Rcksicht auf meine Wnsche zu nehmen und meinem Bruder in der Weise zu begegnen, die er von seiner Schwgerin erwarten kann und darf. Ich sollte meinen, das Benehmen Deiner Eltern und des ganzen Hauses knnte Dir als ein Beispiel dienen; aber Du scheinst ein eigenes Vergngen darin zu finden, ihm jedes Verwandtenrecht zu versagen und ihm eine frmliche Antipathie zu zeigen.
Die junge Frau sah bei dieser in nichts weniger als liebevollem Tone gegebenen Zurechtweisung genau so furchtsam und hlflos aus, wie damals, als die Mutter von ihr verlangte, sie solle gegen die musikalische Manie ihres Mannes einschreiten. Sei nicht bse, lieber Reinhold! entgegnete sie zaghaft, aber ich  ich kann wirklich nicht anders.
Du kannst nicht? fragte Reinhold scharf. Freilich, das ist ja Deine stete Antwort, wenn ich etwas von Dir verlange, und ich dchte, es kme doch selten genug vor, da ich einmal eine Bitte an Dich richte. Diesmal aber bestehe ich ganz entschieden darauf, da Du Dein Benehmen gegen Hugo nderst. Dieses scheue Ausweichen und consequente Schweigen auf jede seiner Anreden ist ja geradezu lcherlich. Ich bitte Dich jetzt ernstlich, etwas mehr dafr zu sorgen, da ich meinem Bruder nicht gar zu bemitleidenswerth erscheine.
Ella schien im Begriff zu sein, zu antworten; aber die letzte schonungslose Bemerkung schlo ihr die Lippen. Sie senkte den Kopf und machte auch nicht den leisesten Versuch mehr, sich zu vertheidigen. Es war eine Bewegung so sanfter, geduldiger Fgsamkeit, da sie wohl Jeden entwaffnet htte; Reinhold aber achtete gar nicht darauf, denn in diesem Augenblicke hrte man drinnen im Nebenzimmer den alten Buchhalter sich verabschieden.
Wir drfen also auf die Ehre Ihrer Mitgliedschaft rechnen, Herr Capitain? Und hinsichtlich unserer Prsidentenwahl habe ich Ihr Wort, da Sie zu der Opposition stehen?
Ganz der Ihrige, verehrter Herr! tnte Hugos Stimme. Und selbstverstndlich nur bei der Opposition. Ich schlage mich grundstzlich immer zur Opposition, wo eine existirt; es ist gewhnlich die einzige Partei, bei der es amsant zuzugehen pflegt. Bitte, die Ehre ist ganz auf meiner Seite.
Der Buchhalter ging, und der Herr Capitain erschien jetzt im Zimmer. Er schien Lust bekommen zu haben, das vorhin gegebene Versprechen einzulsen und die junge Frau seines Bruders gleichfalls von seiner Vortrefflichkeit zu berzeugen, denn er nherte sich ihr mit der ganzen Keckheit und dem ganzen Uebermuthe seines Wesens, dem eine gewisse ritterliche Galanterie beigemischt war.
Also dem Zufalle mu ich es danken, da ich endlich einmal meine liebenswrdige Schwgerin zu Gesicht bekomme und sie mir nothgedrungen auf einige Minuten Stand halten mu? Sie selbst freilich htte mir dieses Glck nie zu Theil werden lassen. Ich habe mich bereits heute Morgen bitter bei Reinhold ber diese Zurcksetzung beklagt, die verdient zu haben ich mir in keiner Weise bewut bin.
Er wollte ihre Hand ergreifen, jedenfalls um sie zu kssen; aber Ella zog mit einer bei ihr ganz ungewhnlichen Entschiedenheit die Hand zurck.
Herr Capitain!
Herr Capitain! wiederholte Hugo entrstet. Nein, Ella, das geht zu weit. Ich htte als Schwager wohl mehr als je ein Recht, das vertrauliche ,Du zu beanspruchen, das Sie dem Vetter und Jugendgespielen nie verweigert haben; aber da Sie vom ersten Tage meines Hierseins an die fremde Anrede so entschieden betonten, so folgte ich dem mir gegebenen Winke. Dieses ,Herr Capitain aber dulde ich nicht; das ist eine Beleidigung, gegen die ich Reinhold zu Hlfe rufe. Er soll mir sagen, ob ich es wirklich ertragen mu, mich von diesen Lippen ,Herr Capitain genannt zu hren.
Nicht doch! sagte Reinhold, indem er sich zum Gehen wandte. Ella wird diese Anrede wie berhaupt den fremden Ton gegen Dich fallen lassen. Ich habe sie soeben ausdrcklich darum gebeten.
Er ging wirklich, und sein Blick befahl der jungen Frau ebenso bestimmt, zu bleiben, als sein Ton Gehorsam forderte. Dem Capitain entging Beides nicht.
Um Gotteswillen, komm mir nicht mit Deiner Ehemannsautoritt dazwischen! Willst Du die Freundlichkeit gegen mich etwa anbefehlen? rief er dem Bruder nach und wandte sich dann rasch wieder zu Ella, whrend er galant fortfuhr: Das wre der sicherste Weg, mich nun und nimmermehr Gnade finden zu lassen vor den Augen meiner schnen Schwgerin. Aber nicht wahr, dessen bedarf es auch nicht zwischen uns? Sie erlauben mir endlich, Ihnen den schuldigen Tribut der Ehrfurcht zu Fen zu legen, Ihnen die freudige Ueberraschung zu schildern, mit der ich die Nachricht empfing 
Hier hielt Hugo pltzlich inne und schien aus dem Concepte zu kommen. Ella hatte das Auge emporgeschlagen und ihn angesehen. Es war ein Blick stillen schmerzlichen Vorwurfes, und derselbe Vorwurf lag auch in ihrer Stimme, als sie erwiderte:
Lassen Sie doch wenigstens mich in Frieden, Herr Capitain! Ich dchte, Sie htten heute bereits hinreichenden Zeitvertreib gehabt.
Ich? fragte Hugo betroffen. Wie meinen Sie das, Ella? Sie glauben doch nicht etwa 
Die junge Frau lie ihn nicht ausreden. Was haben wir Ihnen denn gethan? fuhr sie fort, und so furchtsam die Stimme auch im Anfange noch bebte, sie gewann sichtbar an Festigkeit bei jedem Worte. Was haben wir Ihnen denn gethan, da Sie uns immer nur verspotten von dem Tage Ihrer Rckkehr an, wo Sie meinen Eltern eine Reuescene vorspielten, ber die Sie wahrscheinlich nachher sehr gelacht haben, bis zur heutigen Stunde, wo Sie das ganze Haus zur Zielscheibe Ihres Uebermuthes machen? Reinhold duldet es freilich, da wir Tag fr Tag so herabgesetzt werden; er mu es wohl in der Ordnung finden. Aber ich, Herr Capitain,  hier hatte Ellas Ton die vollste Sicherheit gewonnen  ich finde es nicht in der Ordnung, da Sie ein Haus, in welchem Sie, trotz alledem, was geschehen ist, mit der alten Liebe wieder aufgenommen worden sind, tagtglich mit Spott und Hohn berschtten. Wenn Ihnen dies Haus und diese Familie so sehr kleinlich und lcherlich erscheinen, so hat Sie ja Niemand hergerufen. Sie htten drauen bleiben sollen in der Welt, von der Sie soviel zu erzhlen wissen. Meine Eltern verdienen mehr Schonung und Achtung, selbst fr ihre Schwchen, und unser Haus mag sehr einfach sein, aber es ist doch immer noch zu gut fr den Spott eines  Abenteurers.
Sie wandte ihm den Rcken und verlie das Zimmer, ohne ein Wort der Erwiderung abzuwarten. Hugo stand da und sah ihr nach, als habe sich soeben eine der unmglichen Scenen aus seinen Indianergeschichten leibhaftig vor seinen Augen ereignet. Es geschah dem jungen Seemanne wahrscheinlich zum ersten Male in seinem Leben, da er mit der Geistesgegenwart auch die Sprache verlor.
Das war deutlich, sagte er endlich, indem er sich ganz fassungslos niedersetzte, aber schon in der nchsten Minute sprang er wie elektrisirt empor und rief:
Sie hat sie wahrhaftig  die schnen blauen Augen des Kindes. Und das mu ich erst heute und jetzt entdecken! Freilich wer htte auch unter diesem Ungethm von Haube diesen Blick gesucht. Wir sind zu gut fr den Spott eines Abenteurers! Schmeichelhaft ist das gerade nicht, aber verdient war es, wenn ich es auch freilich aus diesem Munde am allerletzten zu hren erwartete. Also bse mu man Frau Ella machen, wenn man sie so sehen will? Das werde ich doch fters probiren.
Hugo machte eine Wendung, in das Besuchszimmer hinberzugehen, aber auf der Schwelle blieb er noch einmal stehen und blickte nach der Thr hinber, durch die seine junge Schwgerin sich entfernt hatte. Der Zug von Spott und Uebermuth in seinem Gesichte war vllig verschwunden; es hatte einen nachdenklichen Ausdruck angenommen, als er leise sagte: Und da glaubt Reinhold nur, da sie blaue Augen hat? Unbegreiflich!



Der groe Concertsaal von H. schien diesmal die Elite der ganzen Stadt in seinen Rumen zu vereinigen. Es handelte sich um eines jener Concerte, die, zu irgend einem wohlthtigen Zweck ins Werk gesetzt, von den ersten Familien der Gesellschaft in Protection genommen wurden, und bei denen die Mitwirkung einerseits und das Erscheinen andererseits als Ehrensache galt. Das Programm wies heute nur Namen von Berhmtheiten auf, sowohl was die Musikstcke als was die Ausfhrenden betraf, und im Uebrigen hatte man durch mglichst hohe Preise dafr gesorgt, da das Publicum vorwiegend, wenn nicht ausschlielich, den ersten Kreisen angehrte.
Noch hatte das Concert nicht seinen Anfang genommen, und die mitwirkenden Knstler befanden sich noch in einem neben dem Saale gelegenen Zimmer, das bei solchen Gelegenheiten als Versammlungsort diente, und zu dem nur einige besonders Begnstigte aus dem Publicum Zutritt hatten. Um so mehr fiel daher die Gegenwart eines jungen Mannes auf, der weder zu diesen Begnstigten, noch zu den Knstlern selbst gehrte und sich auch von Beiden fern hielt. Er war vor Kurzem eingetreten und hatte sich sofort an den Capellmeister gewandt, der ihn zwar auch nicht zu kennen schien, aber doch von seinem Kommen unterrichtet sein mute, denn er empfing ihn uerst artig. Die umstehenden Herren vernahmen nur so viel von dem Gesprche, da der Capellmeister bedauerte, Herrn Almbach keine Auskunft geben zu knnen, es sei der Wunsch Signora Bianconas gewesen; Signora werde sogleich selbst erscheinen. Die kurze Unterhaltung war bald zu Ende, und Reinhold zog sich zurck.
Der in lebhafter Unterhaltung begriffene Knstlerkreis stob urpltzlich auseinander, als die Thr sich ffnete, und die junge Primadonna erschien, die man noch nicht erwartet hatte, denn sie pflegte sonst stets erst im letzten Augenblicke vorzufahren. Alles kam in Bewegung. Man berbot sich in Aufmerksamkeiten gegen die schne Collegin, aber diese nahm heute auffallend wenig Notiz von der gewohnten Huldigung ihrer Umgebung. Ihr Blick war schon beim Eintreten rasch durch das Zimmer geflogen und hatte sofort gefunden, was er suchte. Signora geruhte, die Begrungen nur sehr flchtig zu erwidern, wechselte einige Worte mit dem Capellmeister und entzog sich dann sofort jeden weiteren Unterhaltungsversuchen der Herren, indem sie sich an Reinhold Almbach wandte, der sich ihr jetzt nherte, und mit ihm in eine der entferntesten Fensternischen trat.
Sie sind wirklich gekommen, Signor? begann sie in vorwurfsvollem Tone. Ich glaubte in der That kaum noch, da Sie meiner Einladung Folge leisten wrden.
Reinhold sah auf, und die erzwungene Klte und Fremdheit bei der Begrung begann bereits zu weichen, als er zum ersten Male wieder seit jenem Abende diesem Blicke begegnete.
Also war es doch Ihre Einladung, sagte er. Ich wute in der That nicht, ob ich die mir in Ihrem Namen bersandte Aufforderung des Herrn Capellmeisters als eine solche betrachten durfte. Es lag keine einzige Zeile von Ihrer Hand bei.
Beatrice lchelte. Ich folgte nur einem mir gegebenen Beispiele. Auch ich habe ein gewisses Lied erhalten, dessen Componist seinem Namen kein einziges Wort hinzugefgt hatte. Ich bte nur Vergeltung.
Hat mein Schweigen Sie beleidigt? fragte der junge Mann rasch. Ich wagte nichts hinzuzufgen. Was  sein Auge sank zu Boden  was htte ich Ihnen auch sagen sollen!
Die erste Frage wre wohl berflssig gewesen; denn die Huldigung jenes Liedes schien verstanden worden zu sein, und Signora Biancona sah nichts weniger wie beleidigt aus, als sie erwiderte:
Sie scheinen das Wortlose zu lieben, Signor, und durchaus nur in Tnen zu mir sprechen zu wollen. Nun denn, ich fge mich Ihrem Geschmack und habe beschlossen, Ihnen gleichfalls nur in unserer Sprache zu antworten.
Sie legte einen leisen, aber doch bemerkbaren Nachdruck auf das Wort. Reinhold hob berrascht das Haupt.
In unserer Sprache? wiederholte er langsam.
Beatrice zog aus der Notenrolle, die sie in der Hand hielt, ein anderes Papier hervor. Ich habe vergebens gewartet, da der Autor dieses Liedes zu mir kommen werde, um es einmal von meinen Lippen zu hren und den Dank dafr in Empfang zu nehmen. Er hat Fremden berlassen, was doch wohl seine Aufgabe gewesen wre. Ich bin gewohnt, da man mich sucht, Signor. Sie scheinen das Gleiche fr sich zu beanspruchen.
Es lag wohl noch ein Vorwurf in der Stimme, aber herb war er nicht, und das wre auch kaum mglich gewesen, denn Reinholds Auge verrieth nur zu sehr, was ihm dieses Fernbleiben gekostet hatte. Er gab keine Antwort auf den Vorwurf, vertheidigte sich nicht dagegen, aber sein Blick, der wie magnetisch gefesselt an der strahlend schnen Erscheinung hing, sagte ihr, da seine Zurckhaltung eher allem Anderen als der Gleichgltigkeit entstammte.
Glauben Sie, da ich Sie hergerufen habe, um die Arie von mir zu hren, die auf dem Programme steht? fuhr die Italienerin scherzend fort. Das Publicum verlangt diese Arie stets da capo; sie ist zu anstrengend fr eine Wiederholung; ich beabsichtige daher statt dieser etwas  Anderes zu singen.
Eine tiefe Gluth bedeckte auf einmal die Zge des jungen Mannes, und er streckte, wie in unwillkrlicher Regung, die Hand nach dem Papiere aus.
Um Gotteswillen! Doch nicht mein Lied?
Sie erschrecken ja ganz auerordentlich darber, sagte die Sngerin zurcktretend und ihm die Noten entziehend. Frchten Sie das Schicksal Ihres Werkes in meinen Hnden?
Nein, nein! rief Reinhold heftig, aber 
Aber? Keine Einwendung, Signor! Das Lied ist mir gewidmet, ist mir auf Gnade und Ungnade bergeben. Ich schalte damit nach Gefallen. Nur noch eine Frage. Der Capellmeister ist zwar vorbereitet; wir haben den Vortrag zusammen einstudirt, ich she aber lieber Sie am Flgel, wenn ich mit Ihren Tnen vor das Publicum hintrete. Darf ich auf Sie rechnen?
Sie wollen sich meiner Begleitung anvertrauen? fragte Reinhold mit bebender Stimme. Unbedingt anvertrauen ohne vorhergehende Probe? Das ist ein Wagni fr uns. Beide.
Nur wenn Ihnen der Muth fehlt, sonst nicht, erklrte Beatrice. Ihre Meisterschaft auf dem Flgel habe ich bereits kennen gelernt, und es bedarf wohl keiner Frage, ob Sie der Begleitung Ihres Werkes sicher sind. Wenn Sie es nur Ihrer selbst sind und zwar diesem Publicum gegenber, wie Sie es neulich vor der Gesellschaft waren, so tragen wir das Lied unbedingt vor.
Ich wage Alles, wenn Sie mir zur Seite stehen, brach Reinhold jetzt leidenschaftlich aus. Das Lied war fr Sie geschaffen, Signora. Wenn Sie ihm eine andere Bestimmung geben  sein Schicksal liegt in Ihren Hnden. Ich bin zu Allem bereit.
Sie antwortete nur mit einem stolzen siegesgewissen Lcheln und wandte sich dann zu dem Capellmeister, der soeben herantrat. Es entspann sich jetzt ein leises, aber lebhaftes Gesprch in der Gruppe, und die brigen Herren blickten mit unverhehltem Mivergngen auf den jungen Fremden, der die Aufmerksamkeit und das Gesprch der Signora ganz allein fr sich in Anspruch nahm und zu ihrem groen Aerger auch leider so lange fesselte, bis das Zeichen zum Beginne des Concerts gegeben wurde.
Der Saal hatte sich inzwischen bis auf den letzten Platz gefllt, und der blendend erhellte Raum bot im Vereine mit den reichen Toiletten der Damen einen glnzenden Anblick dar. Die Gattin des Consul Erlau sa mit einigen anderen Damen im Vordergrunde des Saales und war gerade im Gesprche mit Doctor Welding begriffen, als ihr Gemahl in Begleitung eines jungen Mannes, der Capitainsuniform trug, an ihren Sessel trat.
Herr Capitain Almbach, sagte er vorstellend, dem ich die Rettung meines besten Schiffes und der gesammten Mannschaft verdanke. Er war es, der unserer bereits mit dem Untergange ringenden ,Hansa zu Hlfe kam, und einzig seiner aufopfernden Energie 
O, ich bitte, Herr Consul, stellen Sie doch Ihrer Frau Gemahlin nicht sogleich einen Seesturm in Aussicht! fiel Hugo ein. Wir armen Seeleute sind schon so verrufen wegen unserer Abenteuer, da jede Dame mit geheimem Grauen der unvermeidlichen Aufzhlung derselben entgegensieht. Ich versichere Ihnen aber, gndige Frau, da das bei mir nicht zu befrchten steht. Ich gedenke mit meinen bescheidenen Unterhaltungsversuchen durchaus auf dem Continente zu bleiben.
Der junge Seemann schien in der That ganz genau den Unterschied der Kreise zu kennen, in denen er sich bewegte. Es fiel ihm nicht ein, hier, wo doch die Gelegenheit dazu geboten war, mit Abenteuern zu glnzen, die er im Hause seiner Verwandten sehr freigebig ausstreute. Der Consul schttelte ein wenig unzufrieden den Kopf.
Sie scheinen es nun einmal zu lieben, jede Anerkennung [412] Ihrer Leistungen wegzuspotten, entgegnete er. Ich bleibe deshalb nicht weniger in Ihrer Schuld, auch wenn Sie es mir unmglich machen, sie Ihnen in irgend einer Weise abzutragen. Uebrigens glaube ich nicht, da Ihnen die Erzhlung dieses Abenteuers bei den Damen schaden wird, im Gegentheil. Und da Sie jede Schilderung desselben so entschieden ablehnen, so behalte ich mir dies fr die nchste Gelegenheit vor.
Frau Erlau wandte sich mit gewinnender Freundlichkeit zu Hugo. Sie sind uns kein Fremder mehr, Herr Capitain, schon um Ihrer Familie willen nicht. Wir hatten erst krzlich die Freude, Ihren Bruder bei uns zu sehen.
Jawohl, ein einziges Mal, besttigte der Consul. Und auch da nur durch Zufall. Almbach scheint es mir nun einmal nicht vergeben zu knnen, da meine Art zu leben von der seinigen abweicht. Er hlt sich und die Seinigen absichtlich entfernt und hat uns schon seit Jahren den Besuch unseres Pathenkindes entzogen  wir wissen kaum mehr, wie Eleonore aussieht.
Die arme Eleonore! bemerkte Frau Erlau mitleidig. Ich frchte, sie ist verschchtert durch eine allzustrenge Erziehung und eine allzuweit getriebene Abgeschlossenheit. Ich kenne sie nicht anders als scheu und still, und ich glaube, sie schlgt in Gegenwart Fremder niemals die Augen auf.
Doch, gndige Frau, sagte Hugo mit ganz eigenthmlicher Betonung. Sie thut es bisweilen, aber freilich zweifle ich daran, da mein Bruder das je gesehen hat.
Ihr Bruder ist also nicht anwesend? fragte die Dame.
Nein. Er verweigerte es, mich zu begleiten, ich begreife das nicht, da ich seine Begeisterung fr die Musik und speciell fr den Gesang der Biancona kenne. Mir soll ja heute zum ersten Male diese Sonne des Sdens aufgehen, deren Strahlen bereits ganz H. blenden.
Der Consul drohte ihm scherzend mit dem Finger. Spotten Sie nicht, Herr Capitain, und wahren Sie lieber Ihr eigenes Herz vor diesen Strahlen! Euch, Ihr jungen Herren, ist dergleichen am gefhrlichsten. Sie wren nicht der Erste, der dem Zauber dieser Augen erliegt.
Der junge Seemann lachte bermthig. Und wer sagt Ihnen denn, Herr Consul, da ich ein solches Schicksal frchte? Ich unterliege in solchen Fllen immer mit dem grten Vergngen und dem trstlichen Bewutsein, da der Zauber nur dem gefhrlich wird, der ihn flieht. Wer Stand hlt, pflegt gewhnlich sehr bald entzaubert zu werden, oft viel frher, als ihm lieb ist.
Es scheint, Sie haben bereits viel Erfahrung in solchen Dingen, bemerkte Frau Erlau mit leisem Vorwurfe.
Mein Gott, gndige Frau, wenn man so jahraus, jahrein von Land zu Land fliegt und nirgends Wurzel fat, nirgends daheim ist, als auf der wogenden, ewig bewegten See, da lernt man den ewigen Wechsel als etwas Unabnderliches hinzunehmen und ihn schlielich lieben. Ich stelle mich Ihrer vollsten Ungnade zur Verfgung mit diesem Gestndni, aber ich mu Sie wirklich bitten, mich als einen Wilden zu betrachten, der in den tropischen Meeren und Lndern lngst verlernt hat, den Anforderungen norddeutscher Civilisation zu gengen.
Die Art, wie der junge Capitain sich dabei verbeugte und die Hand der Dame kte, verrieth gleichwohl eine ganz hinreichende Vertrautheit mit diesen Anforderungen, und Doctor Welding bemerkte trocken zu dem Consul gewandt:
Die tropische Uncivilisirtheit dieses Herrn wird sich in unseren Salons gerade nicht allzu schlimm ausnehmen. Der Held unserer vielgenannten Hansa-Affaire ist also wirklich[WS 1] der Bruder des jungen Almbach, dem Signora Biancona soeben drinnen im Versammlungszimmer eine Audienz ertheilt?
Wem? Reinhold Almbach? fragte Erlau berrascht. Sie hren ja, da er sich nicht hier befindet.
Nach der Ansicht des Herrn Capitains allerdings nicht, sagte Welding ruhig. Nach der meinigen ganz entschieden. Bitte, erwhnen Sie nichts davon! Das heutige Concert scheint bestimmt zu sein, uns irgend eine Ueberraschung zu bringen; ich habe einen gewissen Verdacht, und es wird sich ja zeigen, ob er gegrndet ist oder nicht. Signora liebt die Theatereffecte auch auerhalb der Bhne; Alles mu unerwartet, blitzhnlich, berstrzend sein. Eine prosaische Ankndigung wrde Alles verderben. Der Capellmeister ist jedenfalls mit im Complot, war aber nicht zum Reden zu bringen. Wir wollen es abwarten.
Er schwieg, denn jetzt trat Hugo, der bisher mit den Damen gesprochen hatte, zu ihnen, und gleich darauf nahm das Concert seinen Anfang.
Der erste Theil und die Hlfte des zweiten gingen programmmig unter mehr oder weniger lebhafter Theilnahme der Zuhrer vorber. Erst gegen den Schlu hin erschien Signora Biancona, deren Leistung trotz Allem, was man bisher gehrt, doch nun einmal den Glanzpunkt des Abends bildete. Das Publicum empfing und begrte seinen Liebling, dessen blasses Aussehen heute entzckender war als je, mit einem lauten Applaus. Beatrice war aber auch in der That blendend schn, als sie so dastand, im strahlenden Glanze des Kronleuchters, in dem blumenbestreuten duftigen Florgewande, mit den Rosen im dunklen Haare. Sie dankte lchelnd nach allen Seiten, und nachdem der Capellmeister, der diesmal selbst die Begleitung bernahm, sich am Flgel niedergelassen hatte, begann der Vortrag.
Es war eine jener groen italienischen Bravour-Arien, die in jedem Concert, wie auf jeder Bhne ihres Erfolges sicher sind und den Beifall des Publicums herausfordern, ohne gleichwohl hheren Ansprchen zu gengen. Eine Menge glnzender Passagen und Effecte muten hier die Tiefe ersetzen, die der Composition durchaus abging, aber sie bot der Italienerin die vollste Gelegenheit zur Entfaltung ihrer herrlichen Stimme. All diese Lufe und Triller perlten so glockenrein von ihren Lippen, nahmen so schmeichelnd Ohr und Sinn der Zuhrer gefangen, da jede Kritik, jeder ernstere Anspruch unterging in der reinen Lust des Hrens. Es war ein reizendes Spiel mit den Tnen, freilich nur ein Spiel, nichts weiter, aber es wirkte, im Verein mit der vollendeten Sicherheit und Anmuth des Vortrags, zndend auf das Publicum, das die Sngerin reichlicher als je mit dem gewohnten Beifall berschttete und strmisch die Arie da capo verlangte.
Signora Biancona schien auch gewillt, diesem Wunsche nachzugeben, denn sie trat von Neuem vor, aber zugleich verlie der Capellmeister den Flgel, und ein junger Mann, den bisher Niemand unter den mitwirkenden Knstlern bemerkt hatte, nahm seinen Platz ein. Verwundert schauten die Zuhrer, berrascht der Consul und dessen Gattin zu ihm hinber; selbst Hugo sah im ersten Augenblicke fast erschreckt auf den Bruder, dessen Hiersein er nicht vermuthet hatte, aber er begann den Zusammenhang zu ahnen. Nur Doctor Welding sagte ruhig und ohne das mindeste Erstaunen: Dachte ich es doch! Reinhold sah bleich aus, und seine Hnde bebten auf den Tasten; aber Beatrice stand an seiner Seite  ein leise geflstertes Wort aus ihrem Munde, ein Blick aus ihrem Auge gab ihm den verlorenen Muth zurck. Er begann fest und ruhig die ersten Accorde, die dem Publicum sofort klar machten, da es sich hier nicht um eine Wiederholung seines Lieblingsstckes handelte. Alles horchte auf mit Befremdung und Spannung, und jetzt fiel Beatrice ein.
Das war nun freilich etwas Anderes, als die eben gehrte Bravour-Arie. Die Melodien, die jetzt emporquollen, hatten nichts gemein mit jenen Lufen und Trillern, aber sie brachen sich Bahn zu den Herzen der Zuhrer. In diesen Tnen, die bald aufwogten wie in strmischem Jubel, bald zusammensanken wie in dsterer Klage, schien das ganze Glck und Weh eines Menschenlebens zu athmen, schien ein lang gefesseltes Sehnen sich endlich emporzuringen. Es war eine Sprache von ergreifender Gewalt und Schnheit, und wenn sie auch nicht berall ganz verstanden wurde, man fhlte doch, da in ihr etwas Mchtiges, Ewiges klang; selbst die gleichgltigste, oberflchlichste Menge bleibt nicht empfindungslos, wenn der Genius zu ihr spricht.
Und hier hatte dieser Genius einen Ebenbrtigen gefunden, der ihm zu folgen und ihn zu ergnzen wute. Es war nicht die Rede mehr von einem Wagnisse der Beiden; denn Eines kam der Auffassung des Anderen entgegen. Das sorgfltigste Studium htte kein so vollendetes Ineinandergreifen geben knnen, wie es hier der Moment und die Begeisterung schufen. Reinhold sah sich in jedem Tone verstanden, in jeder Wendung begriffen, und nie hatte Beatrice so hinreiend gesungen, nie war die Seele ihres Gesanges so hervorgetreten. Mit glhender Hingebung erfate sie ihre Aufgabe. Die Begabung der Sngerin und die [413] dramatische Gewalt der Knstlerin flossen in Eines zusammen. Es war eine Leistung, die selbst das Unbedeutendste geadelt htte  hier wurde es zu einem zweifachen Triumphe.
Das Lied war zu Ende. Einige Secunden lang dauerte die athemlose Stille noch fort, mit der man zugehrt; keine Hand regte sich, kein Beifallszeichen wurde laut; dann aber brach ein Sturm aus, wie ihn selbst die gefeierte Primadonna nur selten vernommen hatte, und wie er bei einem Concertpublicum jedenfalls unerhrt war. Beatrice schien nur auf diesen Moment gewartet zu haben; im nchsten schon war sie zu Reinhold getreten, hatte seine Hand ergriffen und ihn mit sich auf das Podium gezogen, ihn dem Publicum vorstellend. Diese eine Bewegung sagte genug; man begriff sofort, da man den Componisten vor sich habe. Aufs Neue umtobte der Sturm des Beifalls die Beiden, und der junge Knstler empfing, noch halb betubt von dem unerwarteten Erfolge, an der Hand Beatricens, den ersten Gru und die erste Huldigung der Menge. 
Reinhold kam erst wieder zur klaren Besinnung in dem Versammlungszimmer, wohin er Signora Biancona geleitet hatte. Noch blieben ihm einige Minuten des Alleinseins; drauen im Saale spielte das Orchester die Schlupice unter vollster Unaufmerksamkeit des Publicums, das sich noch vllig unter dem Eindrucke des eben Gehrte befand. Beatrice zog den Arm zurck, der auf dem ihres Begleiters lag.
Wir haben gesiegt, sagte sie leise. Waren Sie zufrieden mit meinem Gesange?
Mit einer leidenschaftlichen Bewegung ergriff Reinhold ihre beiden Hnde. Ach, nicht diese Frage, Signora! Lassen Sie mich Ihnen danken, nicht fr den Triumph, der ja Ihnen mehr als mir galt, aber dafr, da ich mein Lied von Ihren Lippen hren durfte. Ich schuf es in der Erinnerung an Sie, fr Sie allein, Beatrice. Sie haben verstanden, was es Ihnen sagt, sonst htten Sie es nicht so singen knnen.
Signora Biancona mochte es nur zu gut verstanden haben, aber in dem Blicke, mit dem sie zu ihm niedersah, lag doch mehr noch, als blos der Triumph einer schnen Frau, die aufs Neue die Unwiderstehlichkeit ihrer Macht erprobt hat. Sagen Sie das der Frau oder der Knstlerin? fragte sie halb scherzend. Die Bahn ist jetzt geffnet, Signor! Werden Sie sie betreten?
Ich werde, erklrte Reinhold sich entschlossen aufrichtend, was sich mir auch entgegenstellt! Und wie sich meine Zukunft einst gestalten mag, fr mich hat sie die Weihe empfangen, seit die Muse des Gesanges selbst mir die Pforten ffnete.
Die letzten Worte hatten wieder jenen Ton schwrmerischer Huldigung, den Beatrice schon einmal von ihm vernommen; sie neigte sich nher zu ihm, und ihre Stimme klang weich, fast bittend, als sie erwiderte:
Nun, so fliehen Sie auch diese Muse nicht mehr so hartnckig wie bisher. Dem Knstler wird es doch wohl erlaubt sein, der Knstlerin von Zeit zu Zeit zu nahen. Wenn ich Ihr nchstes Werk einstudire, Signor, werde ich mir da wieder allein das Verstndni suchen mssen oder werben Sie mir diesmal zur Seite stehen?
Reinhold gab keine Antwort, aber der Ku, den er brennend hei auf ihre Hand drckte, sprach kein Nein aus. Diesmal rief er ihr kein Lebewohl zu, diesmal ri ihn keine Erinnerung weg aus der gefhrlichen Nhe. Was damals noch leise warnend in der Ferne aufgetaucht war, das hatte jetzt auch nicht mehr mit einem einzigen Gedanken Raum in der Seele des jungen Mannes. Wie htte das matte farblose Bild seiner Gattin auch bestehen knnen neben einer Beatrice Biancona, die in dem ganzen dmonischen Reiz ihres Wesens vor ihm stand, neben dieser Muse des Gesanges, deren Hand ihn soeben zu seinem ersten Triumphe geleitet! Er sah und hrte nur sie allein. Was jahrelang verborgen in seinem Innern gelegen, was seit jener ersten Begegnung mit ihr sich emporgekmpft und emporgerungen hatte, das entschied dieser Abend, den Beginn einer Knstlerlaufbahn  und eines Familiendramas.



Die nchsten Tage und Wochen im Almbachschen Hause gehrten nicht zu den angenehmsten. Es konnte dem Kaufmann natrlich nicht verborgen bleiben, da sein Schwiegersohn ffentlich mit einer Composition hervorgetreten war, schon deshalb nicht, weil Doctor Welding im Morgenblatte eine ausfhrliche Besprechung jenes Concerts brachte, in der der Name des jungen Componisten genannt wurde. Aber weder das Lob, das der sonst so strenge Kritiker hier ertheilte, noch der Beifall, mit dem das Lied berall aufgenommen wurde, noch selbst die Dazwischenkunft des Consuls Erlau, der lebhaft fr Reinhold Partei nahm und ganz entschieden fr dessen musikalische Begabung eintrat, vermochten das Vorurtheil Almbachs zu erschttern. Er beharrte darauf, in jeder knstlerischen Bestrebung eine ebenso unntze wie gefhrliche Spielerei zu sehen, den eigentlichen Grund der Untchtigkeit zum praktischen Geschftsleben und die Wurzel alles Uebels. Da er so wenig wie sonst Jemand davon wute, da es eine Art von Gewaltstreich gewesen war, mit dem Signora Biancona Reinhold zum ffentlichen Hervortreten gezwungen, so hielt er das Ganze fr eine vorher abgekartete Sache, die ohne sein Wissen, wider seinen Willen unternommen war, und das brachte ihn vollends auer sich. Er lie sich so weit hinreien, seinen Schwiegersohn wie einen Knaben darber zur Rede zu stellen, und ihm kurz und gut jede weitere Beschftigung mit der Musik zu verbieten.
Das war nun freilich das Schlimmste, was er thun konnte. Reinhold flammte bei dem Verbote in einem ganz unzhmbaren Trotze auf. Die Leidenschaftlichkeit, die trotz Allem, was sie uerlich fesselte und in Schranken hielt, doch den eigentlichen Grundzug seines Charakters bildete, brach jetzt in wahrhaft erschreckender Heftigkeit hervor. Es gab eine furchtbare Scene, und htte sich nicht Hugo rasch besonnen ins Mittel gelegt, der Bruch wre jetzt schon unheilbar geworden. Aber Almbach sah mit Entsetzen, da der Neffe, den er erzogen und geleitet, den er mit allen mglichen Familien- und Geschftsbanden an sich gefesselt, ihm vllig entwachsen war und nicht daran dachte, sich seinem Machtworte zu beugen. Der Streit war fr den Augenblick beigelegt worden, aber nur, um bei der nchsten Gelegenheit von Neuem hervorzubrechen. Eine Scene folgte der andern; eine Bitterkeit berbot die andere. Reinhold stand bald genug im Kampfe gegen seine ganze Umgebung, und der Trotz, mit dem er seinen musikalischen Studien mehr als je nachhing und seine Selbststndigkeit nach auen behauptete, erhhte nur den Groll seiner Schwiegereltern.
Frau Almbach, die die Ansichten ihres Mannes durchaus theilte, untersttzte jenen nach Krften, Ella dagegen verhielt sich, wie gewhnlich, vollstndig passiv. Von ihr wurde freilich ein Eingreifen oder eine Parteinahme weder erwartet noch verlangt; den Eltern fiel es nicht ein, ihr auch nur den geringsten Einflu auf Reinhold zuzutrauen, und Reinhold selbst ignorirte sie in dieser Angelegenheit vllig und schien ihr gar nicht einmal das Recht einer Meinungsuerung zuzugestehen. Die junge Frau litt unleugbar unter diesen Verhltnissen; ob sie auch die traurige, demthigende Rolle empfand, die sie, die Gattin, hier spielte, wo sie von beiden Parteien bersehen, bei Seite geschoben und als unmndig behandelt ward, lie sich kaum entscheiden. Sie zeigte bei den erbitterten und erregten Debatten der Eltern und bei der fortwhrenden Gereiztheit ihres Mannes, die oft um geringfgiger Anlsse willen hervorbrach und sich zumeist gegen sie richtete, stets die gleiche geduldige Fgsamkeit, kam nur hchst selten mit einem bittenden Worte, nie mit einer entschiedenen Parteinahme dazwischen, und zog sich, wenn sie wie gewhnlich von beiden Seiten herb zurckgewiesen wurde, scheuer als je zurck.
Der Einzige, der mit Allen nach wie vor auf dem besten Fue stand und seine Stellung als allgemeiner Liebling unangefochten behauptete, war merkwrdiger Weise der junge Capitain. Wie alle eigensinnigen Menschen, fgte sich Almbach weit eher einer Thatsache als einem Conflicte, und verzieh leichter die directe, aber ruhige Miachtung seiner Autoritt, die der lteste Neffe sich hatte zu Schulden kommen lassen, als die strmische Auflehnung gegen seinen Willen, die jetzt von dem jngeren versucht ward. Hugo hatte, als er sah, da ihm ein verhater Beruf aufgezwungen werden sollte, weder getrotzt, noch den Oheim beleidigt; er war einfach davon gegangen und lie den Sturm hinter seinem Rcken austoben. Freilich kam es ihm auch gar nicht darauf an, spter die Rckkehr des verlorenen Sohnes in Scene zu setzen, um sich damit den Wiedereintritt in das Haus, dem sein Bruder angehrte, und die Wiederaufnahme in die Gunst seiner Verwandten zu sichern. Reinhold besa weder die Fhigkeit noch die Lust, in dieser Weise mit den Verhltnissen [414] zu spielen und sie sich dienstbar zu machen. Wie er niemals im Stande gewesen war, seine Abneigung gegen das Geschftsleben und seine Gleichgltigkeit gegen die kleinbrgerlichen Interessen zu verhehlen, so machte er auch jetzt kein Hehl aus seiner Verachtung der ganzen Umgebung, seinem glhenden Ha gegen die Fesseln, die ihn einengten, und das war es, was ihm nicht verziehen wurde. Hugo, der entschieden auf der Seite seines Bruders stand, durfte ganz offen dessen Partei nehmen, was auch bei jeder Gelegenheit geschah. Der Oheim vergab ihm das, fand es sogar natrlich, denn die Art des jungen Capitains, sich zu geben, lie es nie zu einem Conflicte kommen, whrend bei Reinhold dieser Punkt nur berhrt zu werden brauchte, um sofort die heftigsten Scenen zwischen ihm und den Schwiegereltern zu veranlassen.
Es war um die Nachmittagsstunde, als Hugo das Almbachsche Haus betrat und unten an der Treppe seinem Diener begegnete, den er vorher mit einem Auftrage zu dem Bruder gesandt hatte. Jonas war eigentlich nur dem Namen nach Matrose auf der Ellida; er war lngst von den Schiffsarbeiten entbunden und ausschlielich zur Dienstleistung bei dem jungen Capitain bestimmt worden, den er auch bei einem lngeren Aufenthalte auf dem Lande nie verlie, und dem er mit zher, unerschtterlicher Anhnglichkeit berall folgte. Beide standen ungefhr in gleichem Alter. Jonas war im Grunde nichts weniger als hlich; er konnte in seiner Sonntagstracht sogar fr einen ganz hbschen Burschen gelten, aber seine ungeschickten Manieren und sein rauhes, wortkarges Wesen lieen diese Vorzge nie zur Geltung kommen. Er stand mit dem ganzen Dienstpersonal des Almbachschen Hauses, zumal mit dem weiblichen, auf beinahe feindseligem Fue, und noch Keiner davon hatte je eine freundliche Miene bei ihm gesehen oder ein Wort mehr von ihm gehrt, als unumgnglich nothwendig war. Auch jetzt sah er uerst grmlich aus, und die vier oder fnf Thaler, die er soeben in die rechte Hand zhlte, schienen sein hchstes Mifallen zu erregen, so grimmig schaute er darauf hin.
Was giebt es denn, Jonas? fragte der Capitain herantretend. Hltst Du Uebersicht ber Dein Baarvermgen?
Der Matrose blickte auf und setzte sich in Positur, aber sein Gesicht wurde nicht freundlicher.
Zum Blumenhndler soll ich gehen und einen Strau abholen, brummte er, das Geld in die Tasche steckend.
Ei sieh! Benutzt man Dich hier auch schon zum Blumenboten?
Ja, hier auch, sagte Jonas, nachdrcklich das letzte Wort betonend, und mit einem vorwurfsvollen Blicke auf seinen Herrn fgte er hinzu: Gewohnt bin ichs freilich.
Allerdings, lachte Hugo. Aber ich bin es nicht gewohnt, da Du dergleichen Gnge fr einen Andern als mich besorgst. Wer hat es Dir denn aufgetragen?
Herr Reinhold, lautete die lakonische Antwort.
Mein Bruder  so? sagte Hugo langsam, whrend ein Schatten ber seine eben noch so hellen Zge hinflog.
Und ein wahres Sndengeld soll ich dafr bezahlen, murrte Jonas weiter. Herr Reinhold versteht es noch besser als wir, die Thaler fortzuwerfen fr die Dinger, die morgen verwelkt sind. Und wir sind doch wenigstens nicht verheirathet, aber er 
Der Strau ist jedenfalls fr meine Schwgerin bestimmt, schnitt ihm der Capitain kurz das Wort ab. Was giebt es dabei zu verwundern? Glaubst Du, ich werde meiner Frau keine Blumen schenken, wenn ich erst einmal verheirathet bin?
Die letzte Bemerkung mute dem Matrosen wohl sehr unerwartet kommen, denn er richtete sich mit einem Rucke in die Hhe und starrte seinen Herrn im vollsten Entsetzen an, aber schon in der nchsten Minute kehrte er beruhigt zu seiner frheren Haltung zurck und sagte zuversichtlich:
Wir heirathen nie, Herr Capitain.
Ich verbitte mir dergleichen Orakelsprche, die mich ohne Weiteres zur Ehelosigkeit verdammen, fiel Hugo ein. Und warum werden wir denn nie heirathen?
Weil wir uns aus den Frauenzimmern gar nichts machen, beharrte Jonas.
Du hast eine hchst wunderbare Manier, immer im Plural zu sprechen, spottete der Capitain. Also ich mache mir nichts aus den Frauen? Ich dchte, das Gegentheil htte oft genug Deinen Ingrimm erregt.
Aber zur Heirath kommt es doch nicht, triumphirte Jonas im Tone unerschtterlicher Ueberzeugung. Im Grunde machen wir uns nicht so viel aus der ganzen Gesellschaft. Weiter als bis zum Blumenschicken und Handkssen geht die Geschichte nie, dann segeln wir ab, und sie haben das Nachsehen. Es ist auch ein wahres Glck, da es so ist. Frauenzimmer auf der ,Ellida  Gott bewahre uns davor!
Diese mit unverwstlichem Ernste, freilich auch wieder in dem unvermeidlichen Plural gegebene Charakteristik schien leider das Richtige getroffen zu haben, denn der Herr Capitain erhob nicht den geringsten Einwand dagegen. Er zuckte nur lachend die Achseln, drehte dem Matrosen den Rcken und stieg die Treppe hinauf. Er fand Reinhold in dessen eigener Wohnung, die im oberen Stocke lag, und ein einziger Blick auf das Gesicht des Bruders, der heftig im Zimmer auf und ab schritt, zeigte ihm, da auch heute etwas vorgefallen sein msse.
Du willst ausgehen? fragte er nach der ersten Begrung mit einem Blicke auf den Hut und die Handschuhe, die auf dem Tische lagen.
Spter! antwortete Reinhold, sich zusammennehmend. In einer Stunde etwa. Du bleibst doch einige Zeit?
Hugo berhrte die letzte Frage. Er stand vor seinem Bruder und sah ihn forschend an.
Hat es wieder eine Scene gegeben? fragte er halblaut.
Der finstere Trotz, der einige Minuten lang aus den Zgen des jungen Mannes gewichen war, kehrte wieder zurck.
Gewi. Man hat wieder einmal den Versuch gemacht, mich wie einen Schulknaben zu behandeln, der, wenn er sein tgliches Arbeitspensum geleistet, sich auch noch in den Erholungsstunden berwachen lassen und von jedem Gange Rechenschaft ablegen mu. Ich habe ihnen klar gemacht, da ich dieser ewigen Bevormundungen mde bin.
Der Capitain fragte nicht, um welchen Gang es sich bei diesem Streite handelte; das kurze Gesprch mit Jonas schien ihn hinreichend darber aufgeklrt zu haben; er sagte nur kopfschttelnd: Es ist ein Unglck, da Du so gnzlich abhngig von dem Onkel bist. Wenn es frher oder spter zwischen Euch zum Bruche kommt und Du aus dem Geschfte trittst, so ist das fr Dich eine Existenzfrage; Dein ganzes Einkommen fllt damit. Du allein knntest Dich wohl zur Noth Deinen Compositionen anvertrauen, aber ihnen jetzt schon die Erhaltung einer Familie zumuthen, hiee Deine Zukunft von vornherein in Frage stellen. Ich hatte damals nur fr mich allein einzustehen; Du wirst nothgedrungen warten mssen, bis Dich ein greres Werk in die Lage versetzt, mit Frau und Kind der ganzen kleinbrgerlichen Sphre den Rcken zu kehren.
Unmglich! rief Reinhold beinahe ungestm. Bis dahin wre ich zehnmal zu Grunde gegangen, und was ich an Talent besitze, mit mir. Ausharren, warten, vielleicht noch Jahre lang? Das kann ich nicht, das ist fr mich gleichbedeutend mit Selbstvernichtung. Meine neue Arbeit ist vollendet. Wenn sie nur einigermaen den Erfolg der ersten erreicht, so ermglicht sie mir wenigstens, einige Monate in Italien zu leben.
Hugo stutzte.
[427] Du willst nach Italien? Warum denn gerade dorthin? fragte der Capitain.
Wohin denn sonst? warf Reinhold ungeduldig ein. Italien ist die Schule jeder Kunst und jedes Knstlers. Dort allein kann ich das beschrnkte und lckenhafte Studium ergnzen, zu dem die Verhltnisse mich zwangen. Begreifst Du das nicht?
Nein, sagte der Capitain ziemlich khl. Ich sehe die Nothwendigkeit nicht ein, da ein Anfnger sogleich auf die hohe Schule mu. Du findest hier zum Studium Gelegenheit genug, und die meisten unserer Talente haben jahrelang ringen und arbeiten mssen, ehe Italien ihren Werken die letzte Weihe gab.  Gesetzt aber, Du fhrtest Deinen Plan aus, was soll inzwischen aus Deiner Frau und dem Kinde werden? Denkst Du sie mitzunehmen?
Ella? rief der junge Mann ist einem fast wegwerfenden Tone. Das wre das sicherste Mittel, mir jeden Aufschwung unmglich zu machen. Denkst Du, ich werde beim ersten Schritt, den ich in die Freiheit hinaus thue, die ganze Kette der Huslichkeitsmisre mit mir schleppen?
Zwischen Hugos Augen wurde eine leichte Falte sichtbar. Das klingt sehr hart, Reinhold, erwiderte er.
Ist es meine Schuld, da mir die Wahrheit endlich einmal zum Bewutsein kommt? grollte Reinhold. Meine Frau kann sich nun einmal nicht ber die Kchen- und Wirthschaftssphre erheben. Es ist nicht ihre Schuld, ich wei es, aber es ist deshalb nicht weniger das Unglck meines Lebens.
Ellas Beschrnktheit scheint allerdings als eine Art Dogma in der Familie festzustehen, bemerkte der Capitain ruhig. Du glaubst blindlings daran, wie all die Anderen. Habt Ihr Euch denn schon jemals die Mhe genommen, zu untersuchen, ob diese Annahme wirklich so unfehlbar ist?
Reinhold zuckte die Achseln. Ich glaube, das wre in diesem Falle wohl berflssig. In keinem Falle aber kann die Rede davon sein, da ich Ella mit mir nehme. Sie bleibt mit dem Kinde natrlich hier im Hause ihrer Eltern, bis ich zurckkomme.
Bis Du zurckkommst  und wenn es nun nicht geschieht?
Was soll das heien? Was meinst Du damit? fuhr der junge Mann auf, whrend eine dunkle Rthe ber sein Gesicht hinflammte.
Hugo kreuzte seine Arme und sah ihn fest an. Es fllt mir auf, da Du jetzt auf einmal mit fertigen Plnen hervortrittst, die jedenfalls lngst entworfen und auch wohl besprochen sind. Leugne nicht, Reinhold! Du allein wrst nie so ins Extrem gegangen, wie Du es jetzt im Kampfe mit dem Onkel thust, ohne auf einen Rath oder eine Vorstellung zu hren; es ist da fremder Einflu thtig.  Ist es wirklich unbedingt nothwendig, da Du Tag fr Tag zu der Biancona gehst?
Reinhold gab keine Antwort; er wandte sich ab und entzog sich so der Beobachtung des Bruders.
Man spricht bereits ist der Stadt davon, fuhr dieser fort. Es kann nicht lange dauern, so dringt das Gercht auch hierher. Ist Dir das wirklich ganz gleichgltig?
Signora Biancona studirt meine neue Composition ein, sagte Reinhold kurz, und ich sehe in ihr nun einmal das Ideal einer Knstlerin. Du hast sie auch bewundert.
Bewundert, ja! Im Anfange wenigstens, angezogen hat sie mich nie. Die schne Signora hat so etwas  Vampyrisches in ihren Augen. Ich frchte, auf wen sich diese Augen richten, in der Absicht, ihn festzuhalten, der bedarf einer starken Dosis Willenskraft, um Herr seiner selbst zu bleiben.
Er war mit den letzten Worten an die Seite seines Bruders getreten, der sich jetzt langsam umwandte und ihn ansah.
Hast Du das auch schon empfunden? fragte er dster.
Ich? Nein! entgegnete Hugo mit einem Anfluge seiner alten spttischen Laune. Ich bin zum Glck wenig empfnglich fr dergleichen romantische Gefahren und berdies hinreichend vertraut damit. Nenne es Leichtsinn, Unbestndigkeit  wie Du willst! Aber mich vermag nun einmal eine Frau nicht lange und tief zu fesseln; mir fehlt eben das Element zur Leidenschaft. Du aber trgst es nur zu sehr in Dir, und wo Dir ein Gleichartiges entgegenkommt, da liegt die Gefahr auch dicht dabei. Nimm Dich ist Acht, Reinhold!
Willst Du mich damit an die Fesseln erinnern, die ich trage? fragte Reinhold bitter. Als ob ich sie nicht tglich und stndlich fhlte, und mit ihnen die Ohnmacht, sie zu zerreien. Wre ich frei, wie Du es damals warst, als Du Dich der Sclaverei hier entrissest, es knnte noch Alles gut werden; aber Du hast ganz Recht, mich haben sie bei Zeiten festgekettet, und ein Traualtar ist der sicherste Riegel, den man allen Freiheitsgelsten vorschiebt  ich mu es jetzt erfahren.
Sie wurden unterbrochen; der Hausdiener berbrachte eine [428] Anfrage des Buchhalters an den jungen Herrn Almbach. Dieser hie den Mann gehen und wandte sich dann an seinen Bruder.
Ich mu noch einen Augenblick in das Comptoir. Du siehst, ich gerathe nicht in Gefahr, in einer allzugroen Romantik unterzugehen; dafr sorgen schon unsere Handlungsbcher, in denen vermuthlich wieder ein paar Thaler nicht vorschriftsmig eingetragen sind. Auf Wiedersehen, Hugo!
Er ging, und der Capitain blieb allein zurck. Einige Minuten lang sa er noch wie in Gedanken versunken, whrend die Falte auf seiner Stirn immer tiefer wurde; dann auf einmal richtete er sich wie mit einem raschen Entschlusse empor und verlie gleichfalls das Gemach, aber nicht, um sich nach dem unteren Stocke zu dem Oheim und der Tante zu begeben; er ging geradewegs nach dem gegenberliegenden Zimmer, das seine Schwgerin bewohnte.
Ella war in der That dort; sie sa am Fenster, den Kopf tief auf eine Handarbeit herabgeneigt, aber es hatte beinahe den Anschein, als sei diese in der Eile ergriffen worden, als die Thr sich so unvermuthet ffnete; das rasch bei Seite geworfene Taschentuch und die gertheten Augenlider der jungen Frau verriethen eben erst getrocknete Thrnen. Sie sah mit unverhehltem Erstaunen ihren Schwager eintreten. Es war allerdings das erste Mal, da er sie in ihrem Zimmer aufsuchte; er kam auch nur bis in die Mitte desselben und blieb dort stehen, ohne sich ihrem Sitze zu nhern.
Darf der ,Abenteurer es noch einmal wagen, sich Ihnen zu nahen, Ella? Oder bannt ihn das ber ihn ausgesprochene Verdammungsurtheil gnzlich von Ihrer Schwelle?
Die junge Frau errthete; sie drehte in peinlichster Verlegenheit die Arbeit zwischen den Hnden.
Herr 
Capitain! fiel Hugo ein. Ganz richtig, so pflegen mich meine Matrosen stets zu nennen. Noch einmal diese Bezeichnung aus Ihrem Munde, und ich falle Ihnen sicher nicht wieder mit meiner Gegenwart lstig. Bitte, Ella, hren Sie mich heute an! fuhr er sehr entschieden fort, als die junge Frau Miene machte, aufzustehen. Diesmal halte ich die Thr blokirt, durch die Sie bei meinem Nahen stets zu verschwinden pflegen; es ist auch zum Glck keine Magd in der Nhe, die Sie mit irgend einem Auftrage an Ihre Seite fesseln knnen. Wir sind allein, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, ich gehe nicht eher von der Stelle, bis ich entweder begnadigt werde, oder  den unvermeidlichen ,Herrn Capitain anzuhren bekomme, der mich ein- fr allemal vertreiben soll.
Ella hob die Augen empor und jetzt sah man es deutlich, da sie geweint hatte.
Was liegt Ihnen denn an meiner Verzeihung? entgegnete sie ruhig. Mich haben Sie am wenigsten gekrnkt; ich sprach nur im Namen meiner Eltern und Hausgenossen.
An denen liegt mir gar nichts, fuhr Hugo mit der ungenirtesten Aufrichtigkeit heraus. Aber da ich Sie gekrnkt habe, das thut mir leid, sehr leid, das hat mir wie ein Alp auf der Brust gelegen bis zu diesem Augenblicke. Ich kann doch nicht mehr thun, als ehrlich und herzlich um Verzeihung bitten. Sind Sie mir noch bse, Ella?
Er streckte ihr die Hand hin. Es lag in der Bewegung und in den Worten eine so warme, offene Liebenswrdigkeit und Aufrichtigkeit, da eine Verweigerung der Bitte fast unmglich schien, und Ella legte wirklich, wenn auch etwas zgernd, ihre Hand in die seinige.
Nein, sagte sie einfach.
Gott sei Dank! rief Hugo aufathmend. Also endlich bin ich doch in meine Rechte als Schwager eingesetzt. Ich ergreife hiermit feierlich Besitz davon!
Er lie dem Worte die That folgen, indem er einen Stuhl heranzog und an ihrer Seite Platz nahm. Wissen Sie, Ella, da Sie mich seit unserer neulichen Begegnung ganz auerordentlich interessiren? fuhr er fort.
Es scheint, man mu unartig gegen Sie sein, um Sie zu interessiren, bemerkte Ella, fast im Tone des Vorwurfs.
Ja, es scheint so, stimmte der Capitain mit voller Gemthsruhe bei. Wir ,Abenteurer sind nun einmal ein eigenes Volk und wollen anders behandelt sein, als die Normalmenschen. Sie scheinen bei mir durchaus das Richtige getroffen zu haben. Seit Sie mir damals so schonungslos den Text lasen, habe ich das ganze Haus in Ruhe gelassen; ich habe einen ganzen Ehrfurchts- und Achtungs-Cursus dem Onkel und der Tante gegenber durchgemacht und sogar meine Indianergeschichten smmtlicher haarstrubender Effecte beraubt, einzig aus Furcht vor gewissen strafenden Augen. Das kann Ihnen doch unmglich entgangen sein.
Es flog etwas wie ein halbes Lcheln ber das Antlitz der jungen Frau, als sie fragte:
Es ist Ihnen wohl recht schwer geworden?
Sehr schwer, obgleich die Verhltnisse hier im Hause es mir eigentlich htten erleichtern sollen. Sie waren in der letzten Zeit nicht danach, da man seinen Uebermuth daran htte ben knnen.
Bei dieser Hindeutung erlosch der flchtige Schimmer von Heiterkeit sofort in Ellas Gesicht; es hatte einen angstvoll bittenden Ausdruck, als sie sich jetzt zu ihrem Schwager wandte.
Ja, es ist traurig bei uns, sagte sie leise, und es wird schlimmer von Tag zu Tag. Die Eltern sind so hart, und Reinhold so gereizt, so heftig bei jeder Gelegenheit. O mein Gott, vermgen Sie denn gar nichts ber ihn?
Ich? fragte Hugo ernst. Die Frage mchte ich Ihnen, der Gattin, zurckgeben.
Ella schttelte in trostloser Resignation das Haupt. Auf mich hrt ja doch Niemand, und Reinhold am wenigsten. Er ist der Meinung, ich verstehe nichts von all diesen Dingen  er wrde mich nur herb zurckweisen.
Hugo blickte mitleidig auf die junge Frau, die so offen eingestand, da sie ihrem Manne gegenber ganz macht- und einflulos war, und auch nicht den geringsten Antheil an seinem Denken und Streben hatte.
Und doch mu irgend etwas geschehen, sagte er entschieden. Reinhold reibt sich in diesem Kampfe auf; er leidet grenzenlos darunter und macht Andere leiden. Sie hatten geweint, Ella, als ich eintrat, und es ist in diesen Wochen kein Tag gewesen, wo ich nicht diesen rothen Schein um Ihre Augen gesehen habe. Nein, rcken Sie nicht so ngstlich seitwrts! Dem Bruder wird doch wohl einmal ein freies Wort erlaubt sein, und Sie sollen sehen, da er auch etwas Anderes kann, als Posten treiben. Ich wiederhole Ihnen: es mu etwas geschehen, durch Sie geschehen. Es gilt Reinholds Knstlerberuf, seine ganze Zukunft, und in dem Kampfe mu seine Frau an seiner Seite stehen, sonst knnten es  Andere statt ihrer thun, und das wre gefhrlich.
Ella sah ihn mit einem Gemisch von Erstaunen und Schrecken an. Es geschah ihr wohl zum ersten Male in ihrem Leben, da man sie zur offenen Parteinahme aufrief, und sich von ihrem Eingreifen irgend eine Wirkung versprach. Und was konnte denn mit den Anderen gemeint sein, die ihren Platz einnehmen knnten? Ihr Gesicht verrieth deutlich, da sie auch nicht die leiseste Ahnung davon hatte.
Hugo sah das und hatte doch nicht den Muth, weiter zu gehen; denn weiter gehen hie hier, den ersten Verdacht in die Seele der noch ganz ahnungslosen Frau werfen, zum Angeber des eigenen Bruders werden und unausbleiblich eine Katastrophe heraufbeschwren, von deren Nothwendigkeit er gleichwohl berzeugt war. Aber das ganze Wesen des jungen Capitains strubte sich gegen diese peinvolle Aufgabe; er sa unentschlossen da, als ihm der Zufall zu Hlfe kam. Es wurde drauen an die Thr geklopft und gleich darauf trat Jonas mit einem groen Blumenstraue in der Hand ein.
Der Matrose mochte sonst wohl vorsichtiger sein, wenn er dergleichen Auftrge fr seinen Herrn besorgte. Er wute aus Erfahrung, da dessen Blumenspenden, wenn auch von den betreffenden jungen Damen, so doch nicht immer von den respectiven Vtern und Beschtzern mit besonderer Freundlichkeit aufgenommen wurden, und pflegte sich, wenn auch mit geheimem Ingrimm, stets an die richtige Adresse zu halten. Diesmal aber hatte Hugo mit der hingeworfenen Bemerkung, der Strau sei fr seine Schwgerin bestimmt, den Irrthum selbst verschuldet. Jonas zweifelte natrlich nicht daran, da die Bemerkung seines Capitains, mit der dieser nur seinen Bruder decken wollte, ernst gemeint sei; er schritt deshalb direct auf die junge Frau Almbach zu und prsentirte ihr die Blumen mit den Worten:
[429] ?Ich kann Herrn Reinhold im ganzen Hause nicht finden, und da will ich den Strau doch lieber gleich hier abgeben.
Ella sah erstaunt auf das prachtvolle Rosenbouquet nieder, das, mit ebenso viel Kunst wie Geschmack zusammengefgt, eine Auswahl der herrlichsten Blthen zeigte.
Von wem kommen die Blumen? fragte sie.
Vom Blumenhndler, berichtete Jonas. Herr Reinhold hat sie bestellt, und ich habe sie abgeholt; da ich ihn aber nirgends finde 
Es ist gut. Du kannst gehen, fiel ihm Hugo ins Wort, whrend er rasch zu seiner Schwgerin trat und die Hand, wie beschwichtigend, auf ihren Arm legte. Ein befehlender Wink gab der Weisung noch mehr Nachdruck, und Jonas trollte ab, konnte aber doch nicht umhin, sich darber zu wundern, da die junge Frau Almbach die Artigkeit ihres Mannes in so seltsamer Weise aufnahm. Sie war ja auf einmal zusammengezuckt, als habe sie ein Stich in das Herz getroffen, und kreidewei war sie dabei geworden. Aber der Herr Capitain hatte mit gerunzelter Stirn und einem Ausdruck im Gesicht dabei gestanden, als mchte er die theuren Blumen am liebsten zum Fenster hinauswerfen. Jonas besa zum Glck allzu viel Phlegma, als da er sich um die Verhltnisse im Almbachschen Hause viel htte kmmern sollen; bei seiner feindseligen Stellung zu dem Dienstpersonal erfuhr er auch wenig genug davon; so lie er es denn bei einer migen Verwunderung bewenden und kmmerte sich in der Ueberzeugung, seinen Auftrag gewissenhaft erfllt zu haben, nicht weiter um den Auftraggeber.
Drinnen im Zimmer herrschte einige Secunden lang tiefes Schweigen. Ella hielt das Bouquet noch krampfhaft fest in der Hand; aber das sonst so stille, leblose Antlitz der jungen Frau mit dem leeren, beinahe stumpfen Ausdrucke war seltsam verndert. Jetzt war jeder Zug desselben gespannt, wie im peinigenden Schmerze, und die Augen hafteten starr und unverwandt auf der bunten Blthenpracht, auch jetzt noch, als sie sich zu ihrem Schwager wandte.
Reinhold gab den Auftrag? fragte sie, wie nach Athem ringend. Dann kamen die Blumen wohl nur durch  Irrthum in meine Hnde?
Nicht doch, sagte Hugo mit einem vergeblichen Versuch, sie zu beruhigen. Reinhold hat den Strau bestellt, nun ja! Jedenfalls doch fr Sie?
Fr mich? Es klang ein ergreifendes Weh aus dem Tone. Ich habe noch niemals eine Blume von ihm erhalten. Fr mich sind diese hier sicher nicht bestimmt.
Hugo sah, da er nicht auf halbem Wege stehen bleiben drfe  der Zufall hatte entschieden; jetzt galt es, dem Winke des Schicksals zu gehorchen. Sie haben Recht, Ella, versetzte er entschlossen, und es wre nutzlos und gefhrlich, Sie noch lnger darber zu tuschen. Reinhold hat mir nicht gesagt, wem das Bouquet bestimmt ist; ich wei aber, da es noch heute Abend in den Hnden der Signora Biancona sein wird.
Ella zuckte zusammen, und der Blumenstrau fiel zu Boden. Signora Biancona? wiederholte sie tonlos.
Die Sngerin, die sein erstes Lied vor dem Publicum sang, fuhr der Capitain mit Nachdruck fort, der auch seine neue Composition gilt. Dieselbe, zu der er tglich geht, die bereits sein ganzes Denken und Empfinden einnimmt. Sie wuten bisher noch nichts davon  ich sehe es an Ihrem Gesichte; aber Sie mssen es jetzt erfahren, ehe es zu spt ist.
Die junge Frau gab keine Antwort; ihr Antlitz war so farblos, wie die weien Blthen, die den Rand des Bouquets umgaben; stumm bckte sie sich danach, hob es vom Boden auf und legte es auf den Tisch nieder; aber kein Laut, keine Entgegnung kam von ihren Lippen. Hugo wartete vergeblich darauf.
Glauben Sie, da ich Freude habe an der Grausamkeit, Ihnen zu enthllen, was man sonst jeder Frau verbirgt? fragte er mit unterdrckter Bewegung. Glauben Sie, da ich nicht mit irgend einer Erfindung die Ungeschicklichkeit des Burschen wieder gut machen und mich selbst fr den Spender der unglckseligen Blumen ausgeben knnte? Wenn ich das nicht thue, wenn ich Ihnen die ganze Wahrheit schonungslos aufdecke, so geschieht es, weil die Gefahr aufs Aeuerste gestiegen ist, weil nur Sie allein noch retten knnen  und dazu mssen Sie klar sehen. Signora Biancona steht im Begriffe nach ihrer Heimath abzureisen, und Reinhold erklrte mir vorhin, da er seine Studien in Italien fortsetzen wolle und msse. Begreifen Sie den Zusammenhang?
Ella fuhr auf. Jetzt zum ersten Male brach eine verzweiflungsvolle Angst mitten durch die starre Ruhe ihres Wesens.
Nein, nein! rief sie wie auer sich. Das kann er nicht. Das darf er nicht. Wir sind ja vermhlt.
Er darf nicht? wiederholte Hugo. Sie kennen die Mnner schlecht, Ella, und Ihren eigenen Mann am wenigsten. Trauen Sie nicht zu sehr auf das Recht, das die Kirche Ihnen gab; auch diese Macht hat ihre Grenze, und ich frchte, Reinhold steht bereits jenseits derselben. Sie freilich haben keine Ahnung von jener glhenden, dmonischen Leidenschaft, die einen Mann willenlos in Fesseln legt, ihn so mit ihrem Banne umstrickt, da er um ihretwillen Alles vergit und Alles opfert. Signora Biancona ist eine von jenen dmonischen Naturen, die solche Leidenschaften einflen knnen, und hier steht sie im Bunde mit Allem, was Reinholds eigentliches Leben ausmacht, mit der Musik, der Kunst, dem Ideale. Da schtzt keine Kirche und kein Trauschein mehr, wenn sich die Frau nicht selbst zu schtzen wei. Sie sind sein Weib, die Mutter seines Kindes. Vielleicht hrt er Ihre Stimme noch, wo er sonst nichts mehr hrt.
Die schweren Athemzge der jungen Frau zeigten, wie schwer sie litt, und ein paar Thrnen, die ersten, rollten langsam aus ihren Augen, als sie kaum hrbar erwiderte: Ich werde es versuchen.
Hugo trat dicht an ihre Seite. Ich wei, da ich heute einen Zndstoff in die Familie geworfen habe, dem vielleicht der letzte Rest von Frieden zum Opfer fllt, sagte er ernst. Hunderte von Frauen wrden jetzt verzweiflungsvoll zu ihren Eltern strzen, um mit ihnen, oder allein, den Gatten zur Rede zu stellen und eine Scene herbeifhren, die das letzte Band zerreien und ihn unwiderruflich aus dem Hause treiben wrde. Sie werden das nicht thun, Ella; ich wei es, deshalb habe ich bei Ihnen gewagt, was ich so leicht bei keiner andern Frau gethan htte. Was Sie Reinhold sagen, wie Sie ihn halten wollen, das steht ja bei Ihnen, aber lassen Sie ihn jetzt nicht von Ihrer Seite, lassen Sie ihn nicht nach Italien!
Er schwieg und schien eine Antwort zu erwarten  vergebens! Ella sa da, das Gesicht ist beiden Hnden verborgen, sie regte sich kaum, als er ihr Lebewohl sagte. Der junge Capitain sah, da sie den Schlag allein verwinden mute, und so ging er denn. 
Als Reinhold eine halbe Stunde spter aus dem Comptoir zurckkam, lag das Rosenbouquet ist seinem eigenen Zimmer auf dem Schreibtische, und er nahm es an sich, in der festen Meinung, Jonas habe es dorthin gelegt. Inzwischen sa Ella im Schlafzimmer ihres Kindes und wartete, nicht auf ein Lebewohl ihres Mannes  an dergleichen Zrtlichkeiten war sie in ihrer Ehe nicht gewhnt  aber sie wute, da er nie das Haus verlie, ohne erst noch nach seinem Knaben zu sehen. Die junge Frau fhlte nur zu gut, da sie selbst ihrem Gatten nichts war, da ihre ganze Bedeutung fr ihn einzig in dem Kinde wurzelte; sie fhlte, da die Liebe zu seinem Kinde der einzige Punkt war, auf dem sie seinem Herzen nher treten konnte, und deshalb erwartete sie ihn gerade hier zu der so unendlich schweren und qualvollen Unterredung; er mute ja kommen. Aber sie sollte heute vergebens warten. Reinhold kam nicht. Zum ersten Male verga er auch den Abschiedsku auf die Stirn seines Kindes, verga er das letzte und einzige Band, das ihn noch an die Heimath fesselte. In seiner Seele war jetzt nur noch Raum fr einen Gedanken, und der hie: Beatrice Biancona.



Die Oper war zu Ende. Aus dem Theatergebude fluthete ein Menschenstrom hervor, der sich nach verschiedenen Richtungen hin vertheilte, und von allen Seiten rollten die Wagen herbei, um die ihnen bestimmten Insassen aufzunehmen. Das Haus war heute bis auf den letzten Platz gefllt gewesen; denn die italienische Operngesellschaft hatte ihre Abschiedsvorstellung gegeben, und ganz H. hatte sich bemht, den Sngern und vor Allem der schnen Primadonna zu zeigen, wie sehr es von ihren Leistungen entzckt war und wie ungern es sie verlor, jetzt, wo die Zeit des Scheidens kam. Die Treppen und Corridore waren [430] noch dicht gefllt; unten im Vestibl drngte sich Kopf an Kopf, und an den Ausgngen wuchs das Menschengewhl zu einer unbequemen und fast bedrohlichen Hhe an.
Es ist ganz unmglich, hier durchzukommen, sagte Doctor Welding, der in Begleitung eines andern Herrn soeben die Treppe herabkam. Man gerth ja in Lebensgefahr bei dem Gedrnge da unten. Lassen Sie uns lieber noch einige Minuten warten, bis die Menge sich etwas verlaufen hat!
Der Begleiter stimmte bei, und die Beiden traten seitwrts in eine der tiefen und dunkeln Nischen des Corridors, wo bereits vor ihnen eine Dame Schutz gesucht hatte. Sie war einfach, aber doch nach Art der besseren Stnde gekleidet, hatte den Schleier dicht ber das Gesicht gezogen und schien das Menschengewhl sehr zu scheuen, auch wohl ganz unbekannt im Theatergebude zu sein, denn sie drckte sich mit sichtbarer Aengstlichkeit fest an die Wand, als die beiden Herren herantraten, die, ohne sie weiter zu beachten, ihr vorhin unterbrochenes Gesprch wieder aufnahmen.
Ich habe es gleich anfangs prophezeit, dieser Almbach nimmt einen groartigen Aufschwung, sagte Welding. Seine zweite Composition bertrifft die erste in jeder Hinsicht, und schon die erste war bedeutend genug fr einen Anfnger. Ich dchte, mit der Aufnahme knnte er auch diesmal zufrieden sein; sie war womglich noch enthusiastischer. Freilich, es hat nicht Jeder das Glck, eine Biancona fr seine Tne zu finden und sie so dafr zu begeistern, da sie ihre hchste Kraft dafr einsetzt. Es war jedenfalls ihre Idee, diese neueste Composition Almbachs als Einlage im letzten Act der Oper zu singen, noch dazu heute, bei ihrem Scheiden, wo der Beifallssturm selbstverstndlich war; sie sicherte ihm damit von vornherein den Erfolg.
Nun, ich glaube, an Dankbarkeit lt er es auch nicht fehlen, spttelte der andere Herr. Man spricht so allerlei. So viel steht fest, der ganze Verehrerkreis ist auer sich ber diesen Eindringling, der, kaum aufgetaucht, schon auf dem besten Wege ist Alleinherrscher zu werden. Die Sache scheint brigens ziemlich ernst und hochromantisch angelegt zu sein, und ich bin wirklich gespannt, was schlielich daraus wird, wenn die Biancona abreist.
Der Doctor knpfte ruhig seinen Paletot zu. Das ist unschwer zu errathen. Eine Entfhrung in bester Form.
Sie glauben, da er sie entfhrt? fragte der Andere unglubig.
Er sie? Das wrde wohl keinen Zweck haben. Die Biancona ist ja vollkommen frei ist ihren Entschlssen, wie in der Wahl ihres Aufenthaltsortes. Aber sie ihn. Das knnte eher der Fall sein; die Fessel ist auf seiner Seite.
Freilich, er ist ja verheirathet, stimmte der Begleiter bei. Die arme Frau! Kennen Sie sie persnlich?
Nein, sagte Welding gleichgltig, aber nach der Schilderung des Consuls Erlau kann ich mir ein ziemlich treffendes Bild von ihr entwerfen. Beschrnkt, passiv, unbedeutend im hchsten Grade, dazu gnzlich untergegangen in Kche und Hauswirthschaft  ganz die Frau danach, einen genialen Feuerkopf wie diesen Almbach zu irgend einem Verzweiflungsschritte zu treiben, und da es eine Biancona ist, die ihr gegenbersteht, so wird dieser Schritt wohl nicht allzulange auf sich warten lassen. Fr Almbach selbst wre es vielleicht ein Glck, wenn er gewaltsam den beengenden Umgebungen entrissen und auf die Bahn des Lebens geworfen wrde, aber freilich das bischen Familienfrieden wrde dabei rettungslos zu Grunde gehen. Das gewhnliche Schicksal solcher Knstlerehen, in denen sich die Frau auch nicht entfernt zu der Bedeutung des Mannes erheben kann!
Er wandte sich bei den letzten Worten etwas verwundert um; die Dame hinter ihnen hatte unwillkrlich eine heftige Bewegung gemacht, aber gerade in dem Momente, wo der Doctor sie schrfer ins Auge fassen wollte, ffnete sich eine Seitenthr, und Reinhold Almbach erschien, in Begleitung Hugos, des Capellmeisters und noch einiger Herren.
Hier freilich war Reinhold ein Anderer als zu Hause im Kreise der Seinigen. Die Dsterheit, welche dort immer und immer auf seinen Zgen ruhte, die Verschlossenheit, die ihn so oft ganz unzugnglich machte, waren wie mit einem Schlage abgeworfen; er strahlte von Aufregung, Glck und Triumph. Seine Stirn hob sich frei und stolz; aus seinen dunklen Augen blitzte das vollste Siegesbewutsein, und sein ganzes Wesen athmete leidenschaftliche Genugtuung, als er sich zu seinen Begleitern wandte.
Ich danke Ihnen, meine Herren. Sie sind sehr freundlich, aber Sie werden mich entschuldigen, wenn ich mich heute Abend der schmeichelhaftesten Anerkennung entziehe. Signora wnscht meine Begleitung bei der Festlichkeit, die zum Abschiede noch einmal die Mitglieder der Oper vereinigt. Sie werden begreifen, da ich diesem Befehle vor allem nachkommen mu.
Die Herren schienen das durchaus zu begreifen und nebenbei sehr zu bedauern, da sie sich nicht einem hnlichen Befehle zu fgen hatten, als Doctor Welding in ihren Kreis trat.
Ich gratulire, sagte er, dem jungen Componisten die Hand reichend. Das war ein groer und mehr noch, es war ein verdienter Erfolg.
Reinhold lchelte. Das Lob aus dem Munde des sonst so anspruchsvollen Kritikers lie ihn keineswegs gleichgltig
Sie sehen, Herr Doctor, ich habe doch schlielich noch vor Ihrem Richterstuhle zu erscheinen, entgegnete er verbindlich. Consul Erlau war leider im Irrthume, als er mich vor der Gefahr ein fr alle Mal gesichert whnte.
Man soll Niemand vor seinem Ende glcklich preisen, bemerkte der Doctor lakonisch. Warum strzen Sie sich so kopfber in die Gefahr und wenden dem edlen Kaufmannsstande den Rcken? Ist es wahr, da wir mit Signora Biancona auch Sie verlieren werden? Sie wollen gleichfalls Ihren Flug nach dem Sden richten?
Nach Italien, ja! sagte Reinhold mit vollster Bestimmtheit. Es war schon lngst mein Plan. Der heutige Abend hat ihn zum Entschlu gereift, aber jetzt  verzeihen Sie, meine Herren, ich kann Signora unmglich warten lassen.
Er grte und ging, von seinem Bruder begleitet. Der sonst nicht gerade schweigsame Capitain hatte whrend des Gesprchs eine auffallende Zurckhaltung beobachtet. Er war leise aufgezuckt, als beim Herantreten Weldings die Nische frei wurde, in der die dunkle Frauengestalt sich tief in den Schatten der Wand geschmiegt hatte, als wollte sie um keinen Preis gesehen werden; es sah sie auch Niemand weiter, wenigstens nahm Niemand Notiz von ihr; sie konnte ihren Zufluchtsort nicht verlassen, ohne den ganzen Kreis zu passiren, der auch nach der Entfernung der Brder noch seinen Platz behauptete. Die Herren kannten sich smmtlich, und sie benutzten dieses Zusammentreffen, um ihre Ansichten ber den jungen Componisten, Signora Biancona und das muthmaliche Verhltni der Beiden zu einander auszutauschen. Das letztere besonders mute sich eine ziemlich schonungslose Kritik gefallen lassen. Die spttischen, witzigen und boshaften Bemerkungen fielen hageldicht, und es dauerte eine geraume Zeit, bis der Kreis sich endlich auflste.
Jetzt, wo der Corridor vllig leer war, richtete sich auch die Dame in der Nische empor und schickte sich an, zu gehen, aber sie wankte schon nach den ersten Schritten und griff, wie zusammenbrechend, nach dem Gelnder der Treppe, als ein krftiger Arm sie sttzte und aufrecht erhielt.
[443] Kommen Sie ins Freie, Ella! sagte Hugo, der urpltzlich an ihrer Seite stand. Das war ja eine Folterqual.
Er zog ihren Arm in den seinigen und fhrte sie hinunter, durch den nchsten Ausgang auf die Strae. Erst hier in der scharfen, khlen Abendluft schien Ella wieder zur Besinnung zu kommen; sie schlug den Schleier zurck und athmete auf, als sei sie dem Ersticken nahe gewesen.
Htte ich ahnen knnen, da meine Warnung Sie hierher treiben wrde, sie wre unterblieben, fuhr Hugo vorwurfsvoll fort. Ella, um Gotteswillen, welche unglckselige Idee!
Die junge Frau zog die Hand von seinem Arme zurck. Der Vorwurf schien ihr wehe zu thun.
Ich wollte sie doch wenigstens einmal sehen, entgegnete sie leise.
Ohne selbst gesehen zu werden, ergnzte der Capitain. Ich wute Das in dem Augenblicke, als ich Sie erkannte; deshalb schwieg ich auch gegen Reinhold. Aber wie auf Kohlen habe ich hier unten gestanden, whrend der ganze kritische Cirkel da oben vor Ihrem Zufluchtsorte tagte und seinen liebevollen Gesinnungen und Bemerkungen freien Lauf lie. Ich kann mir ungefhr denken, was Sie da Alles anzuhren bekamen.
Er hatte whrend der letzten Worte einem Kutscher einen Wink gegeben, ihm Strae und Hausnummer zugerufen und seiner Schwgerin beim Einsteigen in den Wagen geholfen; als er aber Miene machte, an ihrer Seite Platz zu nehmen, wies sie ihn sanft, aber entschieden zurck.
Ich danke Ihnen. Ich fahre allein.
Auf keinen Fall! rief Hugo beinahe ungestm Sie sind furchtbar aufgeregt, halb ohnmchtig; es wre unverantwortlich, Sie in diesem Zustande allein zu lassen.
Sie sind doch nicht verantwortlich dafr, was aus mir wird, sagte Ella mit aufquellender Bitterkeit. Und Andere  kmmert Das ja nicht. Lassen Sie mich allein nach Hause fahren, Hugo! Ich bitte Sie darum.
Ihre Augen sahen ihn durch den Thrnenschleier bittend an. Der Capitain sagte kein Wort weiter; er schlo, gehorsam den Schlag und trat zurck; aber er sah dem fortrollenden Wagen nach, bis dieser verschwunden war. 
Mitternacht war lngst vorber, als Reinhold zurckkehrte und, ohne seine Wohnung zu betreten, sich sofort nach dem Gartenzimmer begab. Das Haus und die Nebengebude lagen still und dunkel da; nichts regte sich mehr in dem ganzen Umkreise. Was hier lebte und schaffte, war gewohnt, den Tag fr die Arbeit zu benutzen, und forderte dafr Nachts seine ungestrte Ruhe. Es war ein Glck, da das Gartenhaus so fern und einsam lag, sonst wren die Hausgenossen und die Nachbarschaft wohl noch unduldsamer gewesen gegen den jungen Componisten, der es nun einmal nicht lassen konnte, so spt er auch oft nach Hause kam, stets noch seinen Flgel aufzusuchen, und den oft genug der lichte Morgen in seinen musikalischen Phantasien berraschte.
Es war eine stille und mondhelle, aber scharfe und rauhe nordische Frhlingsnacht. In dem dmmernden Lichte sahen diese Mauern und Giebel, die den Garten einengten, noch dsterer und gefngniartiger aus als am Tage; die Fluth des Canals erschien noch schwrzer in dem blassen Mondstreif, der darber hin zitterte, und die noch kahlen, blattlosen Bume und Gestruche schienen zu leben und zusammenzuschauern in dem kalten Nachtwinde, der erbarmungslos darber wegfuhr. Man befand sich bereits im April, und doch zeigten sich kaum die ersten Knospen. Dieser armselige Frhling mit seinem mhseligen Wachsen und Gedeihen, seinen grauen Regentagen und kalten Winden! Das hatte Reinhold erst vor wenigen Tagen aussprechen hren, und dann war eine glhende Schilderung jenes Frhlings gefolgt, der wie mit einem Zauberschlage auf den Fluren des Sdens emporblht, jener Sonnentage mit dem ewig blauen Himmel und der tausendfachen Farbenpracht der Erde, jener Mondscheinnchte voll Orangenduft und Liederklang. Der junge Mann mute wohl noch Kopf und Herz voll haben von diesem Bilde; denn er blickte noch verchtlicher als sonst auf die drftig kahle Umgebung und schob ungeduldig einen Fliederzweig zur Seite, dessen braune eben erst aufbrechende Knospen seine Stirn streiften. Er hatte keinen Sinn mehr fr die Gaben dieses armseligen Frhlings und keine Lust mehr, so mhselig zu wachsen und zu gedeihen wie die Knospen hier, ewig im Kampfe mit Reif und Wind. Hinaus in die Freiheit, das war der einzige Gedanke, der ihn jetzt noch erfllte.
Reinhold ffnete die Thr des Gartenzimmers und fuhr wie in pltzlichem Schrecken zurck. Es dauerte einige Secunden, ehe er in der Gestalt, die da an seinem Flgel lehnte, hell beschienen vom Mondlichte, das durch durch das Fenster fiel, seine Gattin kannte.
Du bist es, Ella? rief er endlich rasch eintretend. Was giebt es? Ist etwas vorgefallen?
[444] Sie machte eine verneinende Bewegung. Nichts! Ich wartete nur auf Dich.
Hier? Und zu dieser Stunde? fragte Reinhold aufs Aeuerste befremdet. Was fllt Dir denn ein?
Ich sehe Dich ja fast nie mehr, war die leise Antwort, hchstens noch bei Tisch in Gegenwart der Eltern, und ich wollte Dich einmal allein sprechen.
Sie hatte bei diesen Worten die Lampe angezndet und auf den Tisch gestellt. Die junge Frau trug noch das dunkle Seidenkleid, das sie heute Abend im Theater getragen; es war freilich auch schmucklos und einfach genug, aber doch nicht so derb und unkleidsam wie ihre gewhnlichen Hausanzge. Auch die sonst immer unvermeidliche Haube war verschwunden, und jetzt, wo sie fehlte, sah man erst, welch ein seltener Reichthum sich unter ihr geborgen hatte. Das blonde Haar, das sonst immer nur in einem schmalen Streifen sichtbar wurde, lie sich kaum bergen in den schweren Flechten, die sich jetzt ist ihrer ganzen prachtvollen Flle zeigten; aber dieser natrliche Schmuck, mit dem wohl jede andere Frau geprunkt htte, wurde hier beinahe ngstlich Tag fr Tag versteckt, bis ein Zufall ihn enthllte, und doch schien er dem Kopfe ein ganz anderes Geprge zu geben.
Reinhold hatte wie gewhnlich kein Auge dafr; er sah die junge Frau kaum an und hrte nur flchtig und zerstreut auf ihre Worte. Es lag auch nicht die leiseste Spur eines Vorwurfs darin, aber er mute doch so etwas herausfhlen, denn er sagte ungeduldig:
Du weit doch, da ich gerade jetzt von allen mglichen Seiten in Anspruch genommen werde. Meine neue Composition, die in den letzten Wochen vollendet wurde, ist heute Abend zum ersten Male in die Oeffentlichkeit getreten 
Ich wei es, unterbrach ihn Ella, ich war im Theater.
Reinhold stutzte. Du warst im Theater? fragte er rasch und scharf. Mit wem? Auf wessen Veranlassung?
Ich war allein dort. Ich wollte  sie stockte und fuhr dann zgernd fort: ich wollte doch auch einmal Deine Tne hren, von denen alle Welt spricht, und die nur ich nicht kenne.
Ihr Gatte schwieg und sah sie forschend an. Die junge Frau verstand sich schlecht auf die Verstellung, und die Lge wollte nicht ber ihre Lippen. Sie stand vor ihm, todtenbla, bebend an allen Gliedern; es bedurfte keines besonderen Scharfblickes, um hier die Wahrheit zu errathen, und Reinhold errieth sie sofort.
Und allein deshalb gingst Du? sagte er endlich langsam. Willst Du mich tuschen mit dem Vorwande oder vielleicht Dich selber? Ich sehe, das Gercht hat bereits bis zu Dir seinen Weg gefunden, Du hast mit eigenen Augen sehen wollen  natrlich! Wie konnte ich auch glauben, da es mir und Dir erspart bleiben wrde!
Ella blickte auf. Das war wieder die finster umschattete Stirn, die sie stets an ihren Gatten zu sehen gewohnt war, der Blick dsterer Schwermuth, der Ausdruck eines trotzig niedergehaltenen Leidens, kein Hauch mehr von jenem strahlenden Triumphe, der vor wenig Stunden seine Zge so verklrte; das war ja drauen gewesen, fern von den Seinen; fr die Heimath blieb nur der Schatten brig.
Warum antwortest Du nicht? begann er von Neuem. Denkst Du, ich wre Feigling genug, die Wahrheit abzuleugnen? Wenn ich sie Dir bisher verschwieg, so geschah es aus Schonung fr Dich; jetzt, wo Du sie kennst, werde ich Dir Rede stehen.  Man hat Dir von der jungen Knstlerin erzhlt, der ich die erste Anregung zum Schaffen, meinen ersten Erfolg und den heutigen Triumph danke. Man hat Dir das Verhltni zwischen uns, Gott wei wie, geschildert, und Du hltst das nun natrlich fr ein todeswrdiges Verbrechen.
Nein. Aber fr ein Unglck.
Der Ton dieser Worte htte wohl Jeden entwaffnet; auch Reinholds Gereiztheit hielt nicht Stand davor. Er trat ihr nher und ergriff ihre Hand.
Armes Kind! sagte er mitleidig. Ein Glck war es freilich nicht, was der Wille Deines Vaters Dir bestimmte. Du mehr als jede Andere bedurftest eines Gatten, der Tag fr Tag im ruhigen Kreislaufe der Alltglichkeit wirkt und schafft, ohne auch nur mit einem Wunsche darber hinauszureichen, und gerade Dich hat das Schicksal an einen Mann gekettet, den es gewaltsam fortreit auf andere Bahnen. Du hast ganz Recht: das ist ein Unglck fr uns Beide.
Das heit: ich bin es Dir, ergnzte die junge Frau tonlos. Sie freilich wird es wohl besser verstehen, Dir Glck zu geben.
Reinhold lie ihre Hand fallen und trat zurck. Du bist im Irrthum, versetzte er beinahe rauh, und verkennst vollstndig das Verhltni zwischen Signora Biancona und mir. Es ist ein rein ideales gewesen vom ersten Augenblicke an, und ist es noch bis zu dieser Stunde. Wer Dir etwas Anderes gesagt hat, ist ein Lgner.
Es schien, als wolle Ella aufathmen bei den ersten Worten; aber bei den nchsten schon zog sich ihr Herz wie im Krampfe zusammen. Sie wute, da ihr Gatte keiner Lge fhig sei, am wenigsten in solchem Augenblicke, und er sagte ihr, das Verhltni sei ein ideales. Noch war es das, daran zweifelte sie nicht, aber auf wie lange? Sie hatte heute Abend im Theater selbst die dmonischen schwarzen Augen leuchten sehen, denen so leicht nichts widerstand, hatte gesehen, wie jene Frau in ihrer Rolle die ganze Stufenleiter der Empfindungen bis zur hchsten Leidenschaft hinauf durchlief, wie diese Leidenschaft das Publicum zum Beifallssturme fortri, und sie konnte sich unschwer sagen, da, wenn es der Italienerin beliebt hatte, bisher nur die beglckende Muse zu sein, die den jungen Tondichter an ihrer Hand in das Reich der Kunst einfhrte, wohl die Stunde kommen werde, wo sie ihm etwas Anderes sein wollte.
Ich liebe Beatrice, fuhr Reinhold mit einer Aufrichtigkeit fort, von deren Grausamkeit er in der That keine Ahnung zu haben schien, aber diese Liebe krnkt und verletzt keines von Deinen Rechten. Sie gilt der Musik, als deren verkrperter Genius sie mir entgegentrat, gilt dem Besten und Hchsten in meinem Leben, dem Ideale 
Und was bleibt dann noch fr Dein Weib brig? unterbrach ihn Ella.
Er schwieg betroffen. Die Frage, so einfach sie war, klang doch eigenthmlich in dem Munde seiner fr so beschrnkt gehaltenen Gattin. Es war ja selbstverstndlich, da sie sich mit dem begngen mute, was noch brig blieb, mit dem Namen, den sie trug, und dem Kinde, dessen Mutter sie war. Sie schien das seltsamerweise gar nicht begreifen zu wollen, und Reinhold verstummte vllig vor dem ruhigen und doch vernichtenden Vorwurfe dieser Frage.
Die junge Frau sttzte die Hand auf den Flgel. Sie kmpfte sichtbar mit der Furcht, welche sie von jeher vor ihrem Manne gehegt, dessen geistige Ueberlegenheit sie tief empfand, ohne gleichwohl je den Versuch zu wagen, sich zu ihm zu erheben. In dem Bewutsein, da er hoch ber ihr stehe, hatte sie sich ihm stets unbedingt untergeordnet, ohne damit jemals etwas Anderes zu erreichen, als eine Duldung, die nahe an Verachtung streifte. Jetzt, wo er eine Andere liebte, hrte die Duldung auf; die Verachtung war geblieben  das fhlte sie deutlich aus seinem Gestndnisse heraus, das er so ruhig, so sicher that; seine Liebe zu der schnen Sngerin krnkte und verletzte ja keines von ihren Rechten; sie hatte ja berhaupt kein Recht an sein geistiges Leben. Und diesen Mann sollte sie festhalten, jetzt, wo ihm die Liebe einer schnen, von aller Welt gefeierten Knstlerin, wo ihm der Zauberschein Italiens, wo ihm eine Zukunft voll Ruhm und Glck winkte, sie, die nichts zu geben hatte, als sich selber  Ella fhlte jetzt erst das Unmgliche der Aufgabe, die man ihr zugewiesen.
Ich wei es, Du hast nie zu uns gehrt, nie Jemand von uns lieb gehabt, sagte sie mit stiller Resignation. Gefhlt habe ich es wohl immer; klar geworden ist es mir erst, seit ich Deine Frau bin, und da war es zu spt. Aber ich bin es doch nun einmal, und wenn Du mich und das Kind verlassen, aufgeben willst um einer Anderen willen 
Wer sagt das? fuhr Reinhold mit einer Entrstung auf, die ihn freisprach von dem Verdachte, da ein solcher Gedanke wirklich schon in seine Seele gekommen war. Verlassen? Dich und das Kind aufgeben? Niemals!
Die junge Frau richtete das Auge fragend auf ihn, als verstehe sie ihn nicht.
Du sagtest doch soeben, Du liebtest Beatrice Biancona?
Ja, aber 
[445] Aber? So mut Du auch whlen zwischen ihr und uns.
Du entwickelst ja auf einmal eine ganz ungewhnliche Bestimmtheit, rief Reinhold gereizt. Ich mu? Und wenn ich es nun nicht thue? Wenn ich diese ideale Knstlerliebe fr vollkommen vereinbar halte mit meinen Pflichten, wenn 
Wenn Du ihr nach Italien folgst, ergnzte Ella.
Also auch das weit Du schon? fuhr der junge Mann heftig auf. Du scheinst ja so vortrefflich unterrichtet zu sein, da mir nur noch brig bleibt, die Nachrichten, die man Dir so freundlich zugetragen, zu besttigen. Es ist allerdings meine Absicht, in Italien meine Studien fortzusetzen, und wenn ich dort Signora Biancona begegnen sollte, wenn ihre Nhe mir neue Begeisterung zum Schaffen giebt, ihre Hand mir die Knstlerwelt ffnet, so werde ich nicht der Thor sein, das Alles zurckzustoen, blos weil ich nun einmal das Schicksal habe  eine Frau zu besitzen.
Ella zuckte zusammen bei der schonungslosen Hrte dieser letzten Worte.
Schmst Du Dich dieser Frau so sehr? fragte sie leise.
Ella, ich bitte Dich 
Schmst Du Dich meiner so sehr? wiederholte die junge Frau scheinbar ruhig, aber es war ein seltsamer, nervendurchzitternder Klang in ihrer Stimme. Reinhold wendete sich ab.
Sei nicht kindisch, Ella! erwiderte er ungeduldig. Glaubst Du, da es fr einen Mann wohlthuend oder erhebend ist, wenn er von seinen ersten Erfolgen nach Hause kommt und findet hier Klagen, Vorwrfe, kurz, die ganze nchterne Prosa der Huslichkeit. Du hast mich bisher damit verschont und solltest das auch in Zukunft thun. Du knntest sonst die Erfahrung machen, da ich nicht der geduldige Ehemann bin, der dergleichen Scenen widerstandslos ber sich ergehen lt.
Es bedurfte nur eines einzigen Blickes auf die junge Frau, um die grenzenlose Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs zu erkennen. Sie stand da, nicht wie eine Anklgerin, sondern wie eine Verurtheilte, fhlte sie doch, da in dieser Stunde das Urtheil ihrer Ehe und ihres Lebens gesprochen wurde.
Ich wei wohl, ich bin Dir nie etwas gewesen, sagte sie mit bebender Stimme, habe Dir nie etwas sein knnen, und wenn es sich jetzt nur um mich handelte, so liee ich Dich gehen, ohne ein Wort, ohne eine Bitte weiter. Aber das Kind steht ja noch zwischen uns, und da  sie hielt einen Augenblick inne und athmete tief auf  da wirst Du es wohl begreifen, wenn die Mutter Dich noch einmal bittet  da Du bei uns bleibst.
Die Bitte kam scheu, zaghaft heraus; man hrte ihr die Ueberwindung an, die es sie dem Manne gegenber kostete, in dessen Herzen auch nicht mehr eine Stimme fr sie sprach, und doch bebte in den letzten Worten ein so rhrend angstvolles Flehen, da es nicht ganz ungehrt an dem Ohre ihres Gatten verhallte. Er wandte sich wieder zu ihr.
Ich kann nicht bleiben, Ella, entgegnete er milder als vorhin, aber doch mit khler Bestimmtheit. Es handelt sich um meine Zukunft. Du ahnst nicht, was in dem Worte fr mich liegt. Begleiten kannst Du mich nicht mit dem Kinde. Abgesehen davon, da dies bei einer Studienreise unmglich ist, wrdest Du Dich bald genug unglcklich fhlen in einem fremden Lande, dessen Sprache Du nicht verstehst, unter Verhltnissen und Umgebungen, denen Du auch nicht entfernt gewachsen bist. Du wirst Dich jetzt berhaupt gewhnen mssen, mich und mein Leben mit einem andern Mastabe zu messen, als mit dem des engherzigen Vorurtheils und der kleinbrgerlichen Beschrnktheit. Du bleibst mit dem Kleinen hier im Schutze Deiner Eltern; in sptestens einem Jahre kehre ich zurck. In diese Trennung mut Du Dich fgen.
Er sprach ruhig, freundlich sogar, aber jedes Wort war eine eisige Zurckweisung, ein ungeduldiges Abschtteln der ihm lstigen Bande. Hugo hatte Recht: er lag bereits zu tief im Banne der Leidenschaft, um noch auf irgend eine andere Stimme zu hren  es war zu spt. Ein kaltes, mitleidloses Du mut Dich fgen war die einzige Antwort auf jene rhrende Bitte.
Ella richtete sich mit einer ihr sonst fremden Entschlossenheit empor, und es war auch ein fremder Klang in ihrer Stimme; es lag etwas darin von dem Stolze des Weibes, der, jahrelang getreten und unterdrckt, sich endlich doch aufbumte, als man ihm das Aeuerste bot.
In die Trennung, ja! erwiderte sie fest. Ich bist ja machtlos dagegen. Aber nicht in Deine Rckkehr, Reinhold. Wenn Du jetzt gehst, mit ihr gehst, trotz meiner Bitte, trotz unseres Kindes, so thue es  aber dann gehe auch fr immer!
Willst Du mir Bedingungen stellen? rief Reinhold auflodernd. Habe ich es nicht jahrelang getragen, dieses Joch, das die sogenannten Wohlthaten Deines Vaters mir aufzwangen, das meine Kindheit verbittert, meine Jugend vernichtet hat und mich jetzt an der Schwelle des Mannesalters zwingt, mir das erst in endlosen Kmpfen zu erobern, was ein Jeder als sein natrliches Recht beansprucht, die freie Selbstbestimmung? Ihr habt mich losgelst von Allem, was Anderen Freiheit und Glck heit, habt mich festgekettet an eine verhate Lebenssphre mit allen nur mglichen Banden und glaubtet nun Eures Eigenthums sicher zu sein. Aber endlich ist doch fr mich die Stunde gekommen, wo es beginnt, zu tagen, und wenn es dann auf einmal wie ein Blitz in die Seele niederschlgt und in flammender Klarheit das Ziel zeigt und den Preis am Ziele, dann erwacht man aus dem jahrelangen dumpfen Traume und findet sich  in Fesseln.
Es war ein Ausbruch der wildesten Leidenschaftlichkeit, des glhendsten Hasses, der schrankenlos hervorbrach, ohne danach zu fragen, ob er sich ber Schuldige oder Unschuldige ergo. Das ist ja eben das furchtbar Dmonische der Leidenschaft, da sie den Ha gegen Alles kehrt, was sich ihr entgegenstellt, und trfe dieser Ha auch die nchsten und heiligsten, trfe er auch die selbstgeknpften Bande.
Es folgte eine lange, todtenstille Pause. Reinhold hatte sich, berwltigt von der Aufregung, in einen Sessel geworfen und die Hand ber die Augen gelegt. Ella stand noch an demselben Platze wie vorhin; sie sprach nicht, regte sich nicht; selbst das Beben, das so oft whrend der Unterredung sie durchzitterte, hatte aufgehrt. So vergingen mehrere Minuten, da endlich nherte sie sich langsam ihrem Gatten.
Das Kind lt Du mir doch wohl? sagte sie mit zuckender Lippe. Dir wrde es nur eine  Last sein in Deinem neuen Leben, und ich habe ja sonst nichts weiter auf der Welt.
Reinhold sah auf und sprang dann pltzlich empor. Es waren nicht die Worte, die ihn so seltsam erschtterten, auch nicht die todtenstarre Ruhe ihres Gesichtes; es war der Blick, der sich auch ihm jetzt so unerwartet und berraschend entschleierte, wie einst seinem Bruder. Zum ersten Male sah auch er in dem Antlitze seiner Gattin die schnen blauen Mrchenaugen, die er so oft an seinem Knaben bewundert, ohne je danach zu fragen, woher sie stammten, und diese Augen waren jetzt gro und voll auf ihn gerichtet. Es stand keine Thrne darin, auch keine Bitte mehr, aber ein Ausdruck, dessen er Ella nie fr fhig gehalten, ein Ausdruck, vor dem sein Auge zu Boden sank.
Ella, sagte er ungewi. Wenn ich zu heftig war  was hast Du, Ella?
Er wollte ihre Hand ergreifen; sie wich zurck.
Nichts. Wann gedenkst Du zu reisen?
Ich wei nicht, antwortete Reinhold immer mehr betreten. In einigen Tagen  oder Wochen  es eilt nicht.
Ich werde die Eltern benachrichtigen. Gute Nacht! Sie wandte sich, um zu gehen. Er that ihr heftig einen Schritt nach, als wolle er sie zurckhalten. Ella blieb.
Du hast mich miverstanden.
Die junge Frau richtete sich hoch und fest auf. Sie schien auf einmal eine Andere geworden zu sein; diesen Ton und diese Haltung hatte Ella Almbach nie gekannt.
Die Fessel soll Dich nicht lnger drcken, Reinhold. Du wirst ungehindert Dein Ziel erreichen und Deinen  Preis. Gute Nacht!
Sie ffnete rasch die Thr und trat hinaus. Das Mondlicht fiel hell auf die schlanke Gestalt ist dem dunklen Kleide, auf das starre blasse Antlitz und die blonden Flechten. Im nchsten Augenblicke schon war sie verschwunden. Reinhold stand allein.



Das ist jetzt ein Elend hier im Hause! sagte der alte Buchhalter im Comptoir, indem er die Feder hinter das Ohr steckte und das Rechnungsbuch zuklappte. Der junge Herr seit drei Tagen fort, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben, ohne nach Frau und Kind zu fragen  der Herr Capitain setzt den Fu nicht mehr [446] ber die Schwelle  der Principal geht in einer Wuth herum, da man es kaum wagt, ihm nahe zu kommen, und die junge Frau Almbach sieht aus, da Einem das Herz in der Brust weh thut, wenn man sie nur anschaut. Wei der Himmel, was aus dieser unglckseligen Geschichte noch werden wird!
Aber wie ist denn der Bruch nur so pltzlich gekommen? fragte der erste Commis, der gleichfalls  es war der Schlu der Comptoirstunde  seine Schreibereien bei Seite legte und sein Pult verschlo.
Der Buchhalter zuckte die Achseln. Pltzlich? Ich glaube kaum, da er Einem von uns unerwartet kam. Das hat ja wochen- und monatelang gewhlt in der Familie; es fehlte nur noch der Funke in all dem Zndstoffe, und der ist schlielich auch gekommen. Frau Almbach brachte aus einer Damengesellschaft die Neuigkeit mit nach Hause und so erfuhr denn auch ihr Mann, was bereits die halbe Stadt wei, und was nun freilich Keiner gern von seinem Schwiegersohne hrt. Sie kennen ja den Principal und wissen, mit welchem Widerwillen er von jeher diese ganze Knstlergeschichte angesehen, wie er dagegen gekmpft hat, und nun noch diese Entdeckung! Er lie den jungen Herrn rufen, und da gab es einen Auftritt  ich habe ihn theilweise im Nebenzimmer mit angehrt. Htte Herr Reinhold sich wenigstens noch vernnftig benommen und nachgegeben, hier, wo er doch wahrhaftig nicht schuldlos war, die Sache wre vielleicht noch beigelegt worden, statt dessen aber setzte er seinen rgsten Trotzkopf auf, sagte dem Schwiegervater ins Gesicht, er wolle nicht lnger Kaufmann bleiben, wolle nach Italien gehen, Musiker werden, er habe die Sclaverei hier lange genug ausgehalten, und was dergleichen Dinge mehr waren. Der Principal kannte sich nicht mehr vor Wuth; er verbot, drohte, beleidigte endlich, und da freilich wars aus. Der junge Herr brach los mit einer Wildheit, da ich glaubte, es wrde ein Unglck geben. Wie wahnsinnig stampfte er mit dem Fue und rief: Und wenn die ganze Welt sich dagegen setzt, es geschieht doch. Ich lasse mich nicht lnger knechten, lasse mir mein Denken und Fhlen nicht vorschreiben. Und in dem Tone ging es fort; eine Stunde darauf strmte er aus dem Hause und hat noch nichts wieder von sich hren lassen. Gott bewahre einen Jeden vor solchen Familienscenen!
Der alte Herr legte die Feder bei Seite, verlie seinen Sitz und wnschte den brigen Herren einen guten Abend, whrend er zugleich Anstalt machte, das Comptoir zu verlassen. Er hatte aber kaum einige Schritte in den Hausflur hinaus gethan, als er dort mit Hugo Almbach zusammentraf, der rasch von der Strae her einbog. Der Buchhalter schlug im freudigen Schreck die Hnde zusammen.
Gott sei Dank, da wenigstens Sie sich wieder sehen lassen, Herr Capitain! rief er. Es thut uns wahrlich Noth hier im Hause.
Steht das Thermometer immer noch auf Sturm? fragte Hugo, mit einem Blicke nach dem oberen Stock hinauf.
Der Buchhalter seufzte. Auf Unwetter! Vielleicht bringen Sie uns Sonnenschein.
Schwerlich! sagte Hugo ernst. Augenblicklich suche ich Frau Almbach. Sie ist doch zu Hause?
Ihre Frau Tante ist mit dem Herrn Principal ausgegangen, berichtete Jener.
Nicht doch. Ich meine meine Schwgerin.
Die junge Frau? Du lieber Gott, die haben wir in den drei Tagen kaum zu Gesichte bekommen. Sie wird wohl oben im Kinderzimmer sein; sie geht jetzt kaum eine Minute mehr weg von dem Kleinen.
Ich werde sie aufsuchen, erklrte Hugo, mit flchtigem Grue die Treppe hinaufeilend. Guten Abend!
Der Buchhalter sah ihm kopfschttelnd nach. Er war es so gar nicht gewohnt, da der junge Capitain ohne irgend einen Scherz, ohne eine Neckerei an ihm vorberging, und er hatte auch die Wolke bemerkt, die heute auf der sonst so hellen Stirn des jungen Mannes lag. Er schttelte noch einmal den Kopf und wiederholte seinen Stoseufzer von vorhin. Wei der Himmel, wie die Geschichte enden wird!
Hugo hatte inzwischen die Wohnung seiner Schwgerin erreicht. Ich bins, Ella, sagte er eintretend. Habe ich Sie erschreckt?
Die junge Frau war allein; sie sa am Bettchen ihres Knaben. Der jugendlich rasche Schritt drauen und das schnelle Oeffnen der Thr mochten sie wohl ber den Kommenden getuscht haben, sie hatte sicher einen Anderen erwartet. Das bewies ihr jhes Auffahren und die Gluth in ihrem Antlitz, die urpltzlich einer tiefen Blsse wich, als sie in dem Eintretenden ihren Schwager erkannte.
Der Onkel treibt die Ungerechtigkeit so weit, auch mir sein Haus zu verbieten, fuhr dieser fort, indem er nher trat. Er hlt nun einmal fest an dem Gedanken, da auch ich einen Antheil an dem unglckseligen Zerwrfni habe. Ich hoffe, Ella, Sie sprechen mich frei davon.
Die junge Frau hrte kaum auf die letzten Worte. Sie bringen mir Nachricht von Reinhold? fragte sie rasch mit fliegendem Athem. Wo ist er?
Sie haben doch wohl nicht erwartet, da er selbst kommt, fragte der Capitain ausweichend. Welche Schuld er auch bei der ganzen Sache tragen mag, die Behandlung von Seiten des Onkels war derart, da sich ein Jeder dagegen erhoben htte. In dem Punkte stehe ich ganz auf seiner Seite und begreife es vollkommen, da er mit der Absicht ging, nicht zurckzukehren. Ich htte es auch gethan.
Es war ein furchtbarer Auftritt, versetzte Ella, die hervorbrechenden Thrnen niederkmpfend. Die Eltern erfuhren von anderer Seite, was ich ihnen um jeden Preis verbergen wollte, und Reinhold war entsetzlich in seiner wilden Gereiztheit. Er verlie uns, aber ein Wort htte er mir in den drei Tagen doch zukommen lassen knnen, wenigstens durch Sie. Er ist doch bei Ihnen?
Nein, erwiderte Hugo kurz, beinahe herb.
Nicht? wiederholte Ella, er ist nicht bei Ihnen? Ich nahm es als selbstverstndlich an, da er dort sei.
Der Capitain sah zu Boden. Er kam zu mir, und zwar in der Absicht, zu bleiben, aber es stellte sich eine Differenz zwischen uns heraus. Reinhold ist malos heftig, wenn ein gewisser Punkt berhrt wird; ich konnte und mochte ihm meine Ansichten darber nicht verhehlen, und wir geriethen zum ersten Male in unserem Leben ernstlich in Streit. Er verweigerte es daraufhin, mein Gast zu sein; ich habe ihn erst heute Mittag wiedergesehen.
Ella erwiderte nichts. Sie fragte auch nicht, was den Anla zum Streite gegeben, fhlte sie doch nur zu gut, da sie in dem fr so leichtsinnig, bermthig und herzlos gehaltenen Schwager den energischsten Schutz ihrer Rechte gehabt hatte.
Ich habe noch einmal das Aeuerste versucht, sagte er dicht an ihre Seite tretend, obgleich ich wute, da es umsonst sein werde. Aber Sie  Ella? Konnten Sie ihn nicht halten?
Nein, entgegnete die junge Frau. Ich konnte nicht  und ich wollte auch nicht mehr.
Statt aller Antwort wies Hugo nach dem schlafenden Kinde hinber; sie schttelte heftig den Kopf.
Um seinetwillen habe ich mich berwunden und den Mann, der sich um jeden Preis von mir losreien wollte, gebeten zu bleiben. Ich wurde zurckgewiesen; er lie es mich fhlen, welch eine Fessel ich ihm bin  so mag er denn frei werden!
Hugos Blick ruhte forschend auf ihrem Antlitz, das wieder jenen Ausdruck von Energie zeigte, der diesen Zgen einst so fremd gewesen war, langsam zog er ein Billet hervor.
Wenn Sie denn vorbereitet sind  ich habe Ihnen einige Zeilen von Reinhold zu bringen. Er bergab sie mir vor einigen Stunden.
Die junge Frau fuhr zusammen. Die eben noch gezeigte Festigkeit wollte nicht Stand halten, als sie auf dem Couvert die Handschrift ihres Gatten erblickte, nur seine Handschrift, wo sie sich mit Todesangst an die Hoffnung geklammert, er werde selbst kommen und wre es auch nur, um Abschied zu nehmen. Mit bebender Hand nahm sie den Brief und erbrach ihn; er enthielt nur wenige Zeilen.
Du bist Zeugin des Auftrittes zwischen Deinem Vater und mir gewesen und wirst es daher begreifen, da ich sein Haus nicht wieder betrete. An meinem Entschlusse ndert jene Scene nichts; sie beschleunigt nur meine Abreise, denn die Tactlosigkeit Deiner Eltern hat der Sache eine Oeffentlichkeit gegeben, die es mir nicht wnschenswerth erscheinen lt, auch nur eine [447] Stunde lnger in H. zu bleiben, als unbedingt nothwendig ist. Ich kann Dir und dem Kinde nicht persnlich Lebewohl sagen; denn ich setze nicht wieder den Fu ber die Schwelle, von der man mich in solcher Weise fortwies. Meine Schuld ist es nicht, wenn die zeitweise Trennung, die ich erzwingen wollte, jetzt zu einer dauernden wird und sich im gewaltsamen Bruche vollzieht. Du warst es, die mir die Bedingung stellte, entweder zu bleiben, oder fr immer zu gehen. Nun denn, ich gehe! Vielleicht ist es das Beste fr uns Beide. Lebe wohl!
[459] Der Capitain mute wohl wissen, was der Brief enthielt, denn er stand dicht an Ellas Seite, augenscheinlich bereit, sie zu sttzen, wie damals im Theater, aber diesmal verrieth die junge Frau keine Schwche. Sie blickte stumm nieder auf die eisigen Abschiedsworte, mit denen ihr Gatte sich lossagte von Weib und Kind. Mit welcher Hast ergriff er den Vorwand, den die Hrte ihres Vaters und ihre eigenen Worte ihm boten, mit welchem Aufathmen schttelte er die belstigenden Bande ab! Unvorbereitet traf sie der Schlag freilich nicht mehr. Seit jener letzten Unterredung kannte sie ihr Schicksal.
Er ist bereits abgereist? fragte sie, ohne das Auge von dem Briefe zu erheben, den sie noch immer in der Hand hielt.
Vor einer Stunde.
Und  mit ihr?
Hugo schwieg; er hatte kein Nein auf diese Frage. Ella erhob sich scheinbar ruhig, aber sie sttzte sich doch schwer auf das Bettchen des Knaben.
Ich wute es. Und jetzt  lassen Sie mich allein! Ich bitte Sie.
Der Capitain zauderte. Ich kam gleichfalls, um Ihnen Lebewohl zu sagen, entgegnete er. Meine Abreise war ohnedies bestimmt, und jetzt, nach der Entfernung meines Bruders, hlt mich hier nichts mehr. Ich mache keinen Versuch, das erneute Vorurtheil des Onkels gegen mich zu brechen, aber von Ihnen, Ella, wollte ich ein Abschiedswort mit hinaus nehmen. Werden Sie es mir verweigern?
Die junge Frau schlug langsam das Auge empor, es begegnete dem seinigen, und wie einer unwillkrliche Regung folgend, streckte sie ihm beide Hnde hin.
Ich danke Ihnen, Hugo. Leben Sie wohl!
Er schlo mit einer raschen Bewegung die Hnde in die seinigen. Ich habe Ihnen immer nur Schmerz bringen knnen, sagte er leise. Von mir kam die erste Nachricht, die Ihren Frieden rettungslos zerstrte; sie kam zu spt, und heute war es wieder meine Hand, die Ihnen die letzte brachte. Aber wenn ich Ihnen wehe that, Ella, wehe thun mute  bei Gott! leicht ist es mir nicht geworden.
Seine Lippen ruhten einen Moment lang auf ihrer Hand, dann lie er sie fallen und verlie rasch das Zimmer; wenige Minuten darauf war er im Freien.
Es war ein rauher, echt nordischer Frhlingsabend. Einfrmig pltscherte der Regen nieder; schwer und dicht hing der Nebel in den Straen; selbst die Flammen der Laternen schimmerten nur rthlich trbe in dem grauen Dunste. In diesem Nebel trug der rollende Bahnzug Reinhold Almbach nach dem Sden, wo ihm Ruhm und Liebe, wo ihm sonnenhell die Zukunft winkte, und in derselben Stunde lag sein junges Weib daheim auf den Knieen, an der Wiege ihres Kindes und drckte das Haupt tief in die Kissen, um den Verzweiflungsschrei zu ersticken, der jetzt, wo sie sich allein wute, doch endlich hervorbrach. Er war nicht einmal gekommen, ihr Lebewohl zu sagen; er hatte nicht ein letztes freundliches Wort fr sie, nicht einmal einen Abschiedsku fr sein Kind. Sie waren Beide verlassen, aufgegeben  wahrscheinlich schon vergessen.



Die flammende Pracht des Sonnenunterganges schien Erde und Himmel in ein Meer von Gluth und Verklrung zu tauchen. Das ganze wunderbare Farbenspiel des Sdens leuchtete auf am westlichen Horizonte, und die Lichtfluth ergo sich weithin ber die Stadt mit ihren Kuppeln, Thrmen und Palsten. Es war ein unvergleichliches Panorama, das sich rings um die Villa ausbreitete, die auerhalb der Stadt auf einer Anhhe lag, weithin sichtbar mit ihren Terrassen und Sulengngen und umgeben von den tiefer gelegenen Grten, in denen sich die ppigste Flle sdlicher Vegetation entfaltete. Da hoben die ernsten Cypressen ihre dunklen Hupter; da schwankten Pinien im leisen Abendwinde, weie Marmorstatuen blickten aus Lorbeer- und Myrthengebschen hervor; der Strahl der Fontainen rauschte und sprhte nieder auf den Rasenteppich, und Tausende von Blumenkelchen sandten ihren berauschend sen Duft empor. Ueberall Schnheit und Kunst, Duft und Blthen, Licht und Farbenglanz.
Auf der Terrasse und in den angrenzenden Partien des Parkes befand sich eine zahlreiche Gesellschaft, die den Genu des herrlichen Abends und die wundervolle Aussicht hier drauen dem Aufenthalte in den Slen drinnen vorziehen mochte. Sie schien in ihrer berwiegenden Mehrheit der Aristokratie anzugehren, doch sah man auch manche Gestalt darunter, die unzweifelhaft den Knstler verrieth, und hier und da erschien das dunkle Gewand eines Geistlichen neben den hellen Toiletten der Damen oder den glnzenden Uniformen. Die verschiedensten Elemente schienen sich hier zu vereinigen. Man promenirte, plauderte, und sa oder stand in zwanglosen Gruppen beisammen.
In einer dieser Gruppen, die sich am Fue der Terrasse, dicht neben der groen Fontaine zusammengefunden hatte, wurde [460] die Unterhaltung mit ungewhnlicher Lebhaftigkeit gefhrt; es mute sich wohl um einen Gegenstand von allgemeinerem Interesse handeln. Die einzelnen Worte und Namen, die genannt wurden, schienen die Aufmerksamkeit eines der Gste zu erregen, der, von der Terrasse kommend, gerade an der Gruppe vorberging. Es war offenbar ein Fremder; das verrieth das helle Braun des Haares und der Augen, wie berhaupt das ganze Gesicht, das, obwohl gebrunt von Luft und Sonne, dennoch nicht das dunkle Colorit des Sdlnders zeigte. Die Capitainsuniform kleidete die krftig mnnliche Gestalt uerst vortheilhaft, und Haltung und Bewegungen vereinigten sehr glcklich das freie, etwas ungebundene Wesen des Seemannes mit den Formen der guten Gesellschaft. Er blieb in der Nhe der lebhaft debattirenden Herren stehen und folgte deren Gesprch mit offenbarer Theilnahme.
Diese neue Oper ist und bleibt aber doch nun einmal das Hauptereigni der Saison, sagte ein Officier in der Uniform der Carabinieri, und da begreife ich nicht, wie man sie so ohne Weiteres verschieben kann. Die Auffhrung ist bereits festgesetzt; die Proben haben begonnen; die smmtlichen Vorbereitungen sind fast geendigt, da auf einmal wird das Alles unterbrochen, und die ganze Auffhrung bis zum Herbste verschoben  das Alles ohne irgend einen ersichtlichen Grund.
Der Grund liegt einzig in dem souverainen Belieben des Signor Rinaldo, entgegnete ein anderer Herr in etwas hmischem Tone. Er ist es nun einmal gewohnt, Oper und Publicum ganz nach Laune und Willkr zu behandeln.
Ich frchte, Sie irren, Signor Gianelli, fiel ein junger Mann von vornehmem Aeueren ein wenig erregt ein. Wenn Rinaldo selbst den Aufschub forderte, so wird man ihm wohl Anla dazu gegeben haben.
Um Vergebung, Signor Marchese, das that man nicht, versetzte Jener. Ich, als Capellmeister der groen Oper, wei am besten, welch eine unendliche Mhe und welche immensen Opfer an Zeit und Geld es gekostet hat, um den Wnschen Rinaldos zu entsprechen. Er brachte mit seinen Anforderungen und Bedingungen die ganze Theaterwelt in Verwirrung; denn er verlangte Aenderungen im Personale, wie sie noch nicht dagewesen sind, und dergleichen mehr. Es wurde ihm, wie gewhnlich, in Allem nachgegeben, und man glaubte nun endlich seines hohen Beifalls sicher zu sein, aber jetzt, wo er aus M. eintrifft, findet er Alles noch tief unter seiner Erwartung, befiehlt Abnderungen und dictirt Neuerungen in der rcksichtslosesten Weise. Es war vergebens, da man den Versuch machte, ihn durch Signora Biancona umzustimmen; er drohte die ganze Oper zurckzuziehen, und, hier zuckte der Maestro spttisch die Achseln, die Verantwortung fr ein solches Unglck wollten Eccellenza, der Intendant, denn doch nicht auf sich nehmen. Er versprach Alles, gewhrte Alles, und da es schlechterdings nicht mglich war, die dictatorisch geforderten Aenderungen in der kurzen Zeit auszufhren, selbst auf den Herrscherbefehl Signor Rinaldos nicht, so mu die Auffhrung bis zur nchsten Saison verschoben werden.
Der Intendant hat ist diesem Falle ganz recht gethan, dem Wunsche oder meinetwegen der Laune des Componisten nachzugeben, sagte der junge Marchese bestimmt. Die Gesellschaft htte es ihm nie verziehen, wenn eine bel angebrachte Consequenz sie einer Oper Rinaldos beraubt htte. Man wei, da dieser im Stande ist, seine Drohung auszufhren, und sein Werk in der That zurckzuziehen, und einer solchen Alternative gegenber blieb eben nichts weiter brig als unbedingtes Nachgeben.
Freilich! Mein Widerspruch gilt nur dieser Art von Terrorismus, den sich ein fremder Knstler hier im Herzen Italiens erlaubt, indem er die Einheimischen zwingt, sich seiner speciell deutschen Auffassung der Musik zu fgen.
Besonders wenn diese Einheimischen schon zweimal mit einer Oper Fiasco gemacht haben, whrend jede neue Schpfung Rinaldos vom strmischen Beifall des Publicums getragen wird, flsterte der Marchese seinem Nachbar zu.
Dieser, ein Englnder, sah uerst gelangweilt aus. Er war des Italienischen nur theilweise mchtig, und die rasch und lebhaft gefhrte Unterhaltung blieb ihm daher grtentheils unverstndlich. Nichtsdestoweniger beantwortete er die leise und verchtliche Bemerkung seines jugendlichen Nachbars mit einem wrdevollen Kopfnicken und sah sich darauf hin aufmerksam den Maestro an, als sei ihm dieser auf einmal eine Merkwrdigkeit geworden.
Wir sprechen von der neuen Oper Rinaldos, wandte sich der Officier artig erklrend an den Fremden, der bisher einen stummen Zuhrer abgegeben hatte, und jetzt in fremdartig klingendem, aber doch gelufigem Italienisch antwortete.
Ich hrte soeben den Namen. Irgend eine musikalische Gre vermuthlich?
Die Herren blickten den Fragenden in sprachlosem Erstaunen an, nur das Gesicht des Maestro verrieth eine unverkennbare Genugthuung darber, da es doch wenigstens einen Menschen auf der Welt gab, der diesen Namen nicht kannte.
Irgend eine? betonte Marchese Tortoni. Verzeihung, Signor Capitano, aber Sie sind wohl sehr lange auf der See gewesen und kommen vermuthlich aus einer andern Hemisphre?
Direct von den Sdsee-Inseln! besttigte der Capitain, trotz des ironischen Tones der Frage mit einem verbindlichen Lcheln. Und da man dort leider noch nicht so vertraut ist mit den knstlerischen Erzeugnissen der Neuzeit, wie es im Interesse der Civilisation wohl zu wnschen wre, so bitte ich, meiner bedauernswerthen Unkenntni zu Hlfe zu kommen.
Es handelt sich um den ersten und genialsten unserer jetzigen Componisten, sagte der Marchese. Er ist zwar von Geburt ein Deutscher, aber seit Jahren schon gehrt er ausschlielich uns an. Er lebt und schafft nur auf italienischem Boden, und wir sind stolz darauf, ihn den Unseren nennen zu drfen. Uebrigens wrde es Ihnen leicht sein, heute Abend seine persnliche Bekanntschaft zu machen. Er erscheint jedenfalls.
Mit Signora Biancona  selbstverstndlich! fiel der Officier ein. Hatten Sie schon Gelegenheit, unsere schne Primadonna zu hren?
Der Capitain machte eine verneinende Bewegung. Ich bin erst vor einigen Tagen hier angekommen, indessen sah ich sie bereits vor Jahren in meiner Heimath, wo sie damals ihre ersten Lorbeeren einsammelte.
Ah, damals war sie ein aufsteigendes Gestirn, rief der Andere. Freilich, im Norden hat sie ihren Ruhm gegrndet; sie kam bereits als gefeierte Knstlerin zu uns zurck. Jetzt aber steht sie unbedingt auf der Hhe ihres Talentes. Sie mssen sie hren und zwar in einer von Rinaldos Opern hren, wenn Sie sie in ihrem vollen Glanze bewundern wollen.
Gewi, denn da flammt ein Feuer in das andere, besttigte der junge Marchese. Jedenfalls werden Sie auch heute schon in der Signora eine blendend schne Erscheinung finden. Versumen Sie ja nicht eine Vorstellung und Unterredung mit ihr.
Falls dies nmlich dem Signor Rinaldo genehm ist, mischte sich der Maestro jetzt wieder ein. Sonst wrden Sie ganz vergeblich eine Annherung versuchen.
Hat Rinaldo darber zu bestimmen? warf der Capitain flchtig hin.
Nun, wenigstens nimmt er sich das Recht dazu. Er ist so gewhnt, berall den Herrn und Gebieter herauszukehren, da er dies auch hier versucht, und leider nicht ohne Erfolg. Ich begreife die Biancona nicht. Eine Knstlerin von ihrer Bedeutung, eine Frau von ihrer Schnheit  und sie lt sich so gnzlich von einem Manne beherrschen.
Aber dieser Eine ist Rinaldo, lachte der Officier, und damit ist genug gesagt. Gestehen wir es nur, Tortoni, wir Alle knnen uns nicht mit seinen Erfolgen messen. Dem fliegen ja alle Herzen entgegen, wo er nur erscheint  da ist es am Ende kein Wunder, wenn selbst eine Biancona sich willig dem Zauber beugt, den dieser Mann nun einmal an sich zu tragen scheint.
Nun, so willig geschieht es gerade nicht, meinte Gianelli hmisch. Signora ist leidenschaftlich im hchsten Grade, aber Rinaldo berbietet sie darin womglich noch. Es giebt zwischen ihnen mindestens ebenso oft Sturm wie Sonnenschein, und heftige Scenen sind an der Tagesordnung.
Dieser Rinaldo scheint ja, wie das Publicum, so auch die gesammte Gesellschaft zu beherrschen, sagte der Capitain sich jetzt ausschlielich an den Capellmeister wendend. Lt man sich dergleichen denn von einem einzigen Menschen und noch dazu von einem Fremden gefallen?
Weil man eben blind ist und sein will fr jedes andere [461] Verdienst, rief der Maestro mit unterdrckter Heftigkeit. Wenn die Gesellschaft einmal einen Gtzen auf den Thron erhebt, so pflegt sie auch in ihrer Anbetung bis zur Lcherlichkeit zu gehen. Man treibt ja einen frmlichen Cultus mit diesem Rinaldo, da ist es am Ende kein Wunder, wenn sein Hochmuth und seine Selbstberschtzung ins Malose geht, und er glaubt, ungestraft Alles unter die Fe treten zu drfen, was ihm nicht unbedingt huldigt.
Der Capitain fixirte mit einem eigenthmlichen Lcheln den aufgeregten Italiener. Schade, da ein solches Talent solche Schattenseiten hat! Aber am Ende ist es mit dem Talente auch nicht so weit her? Modesache  Laune des Publicums  unverdientes Glck  meinen Sie nicht?
Gianelli htte wahrscheinlich von Herzen gern bejaht, aber die Gegenwart der anderen Herren legte ihm doch einigen Zwang auf.
Das Publicum pflegt in solchem Falle zu entscheiden, erwiderte er vorsichtig, und hier ist es verschwenderisch mit seinen Gunstbezeigungen. Ich meinestheils behaupte  ohne dem Ruhme Rinaldos irgendwie zu nahe treten zu wollen  er knnte jetzt ein Stmperwerk componiren, man wrde es bis in den Himmel erheben, nur weil es von ihm stammt.
Sehr wahrscheinlich! stimmte der Fremde bei. Und mglicherweise ist die neue Oper bereits ein solches Stmperwerk. Ich bin durchaus Ihrer Meinung, und werde gewi 
Ich rathe Ihnen, Signor, Ihr Urtheil aufzuschieben, bis Sie Rinaldos Werke kennen gelernt haben, fiel der Marchese im schrfsten Tone ein. Er hat allerdings den unverzeihlichen Fehler begangen, den Gipfel des Ruhmes wie in einem einzigen Siegeslaufe zu ersteigen, und sich zu einer Gre aufzuschwingen, an die so leicht Keiner hinanreicht. Das verzeiht man ihm nun einmal nicht in gewissen Kreisen, und er mu es bei jeder Gelegenheit ben. Folgen Sie meinem Rathe!
Der Capitain verbeugte sich leicht. Mit Vergngen, und dies um so mehr, als es mein Bruder ist, dem Ihre so beredte Vertheidigung gilt, Signor Marchese.
Diese mit dem liebenswrdigsten Lcheln gegebene Erklrung brachte begreifliche Sensation in der Gruppe hervor. Marchese Tortoni trat erstaunt einen Schritt zurck und ma den Sprechenden von oben bis unten. Der Maestro erbleichte und bi sich auf die Lippen, whrend der Officier mhsam das Lachen unterdrckte. Der Englnder dagegen hatte diesmal genug von dem Gesprch verstanden, um zu begreifen, welch einen Streich der fremde Seemann den Italienern gespielt, und dieser Streich schien sein hchstes Wohlgefallen zu erregen. Er lchelte mit dem Ausdrucke auerordentlicher Zufriedenheit und steuerte sofort mit langen Schritten zu dem Capitain hinber, an dessen Seite er sich stumm aufpflanzte, ihm damit ein untrgliches Zeichen seiner Sympathie gebend.
Den Signori scheint nur der Knstlername meines Bruders bekannt zu sein, fuhr Hugo unbeirrt fort. Der meinige klang Ihnen wohl zu fremdartig bei der allgemeinen Vorstellung vorhin? Wir haben indessen keinen Grund, unser Verwandtschaftsverhltni zu verleugnen.
Ah Signor Capitano, ich hrte bereits von Ihrer bevorstehenden Ankunft, rief jetzt der Marchese, ihm mit unverkennbarer Herzlichkeit die Hand entgegenstreckend. Aber es war nicht schn, uns mit diesem Incognito zu necken. Einen wenigstens hat es in bittere Verlegenheit gesetzt, obgleich er die Lehre reichlich verdient hat.
Hugo sah sich gleichfalls nach dem Maestro um, der es vorgezogen hatte unbemerkt zu verschwinden. Ich wollte das Terrain ein wenig recognosciren, entgegnete er lachend, und das war eben nur mglich, so lange mein Incognito noch andauerte. Es htte doch bald genug sein Ende erreicht, denn ich erwarte Reinhold jede Minute; er wurde noch in der Stadt zurckgehalten, whrend ich vorausfuhr. Ah, da ist er ja schon.
Der Erwartete erschien in der That in diesem Augenblicke oben auf der Terrasse, und der Maestro htte jetzt aufs Neue Gelegenheit gehabt, seinem Aerger ber die bis zur Lcherlichkeit gehende Abgtterei der Gesellschaft Luft zu machen, denn dieses pltzliche Aufhren aller Gesprche, dieses Interesse, womit sich Aller Blicke dem einen Punkte zuwendeten, diese Bewegung, die sich der ganzen Gesellschaft mittheilte, galt einzig Rinaldos Eintritt.
Reinhold selbst war freilich ein Anderer geworden in diesen Jahren, ein ganz Anderer. Das junge Talent, das einst so ungeduldig gegen die beengenden Schranken und Vorurtheile seiner Umgebung ankmpfte, hatte sich zum gefeierten Knstler emporgeschwungen, dessen Name weit ber die Grenzen Italiens und seiner Heimath hinausdrang, dessen Werke auf den Bhnen aller Hauptstdte heimisch waren, dem Ruhm und Ehre, Gold und Triumphe in reichster Flle zustrmten. Dieselbe mchtige Wandlung hatte sich auch an seinem Aeueren vollzogen, und unvortheilhaft war diese Vernderung keineswegs, denn statt des bleichen ernsten Jnglings mit dem verschlossenen Wesen und den tiefen dsteren Augen stand jetzt ein Mann da, dem man es ansah, da er mit dem Leben und der Welt vertraut war, und erst bei dem Manne kam die stets so eigenthmlich anziehende Art seiner Schnheit zur vollsten Geltung. Es stand dieser idealen Stirn gut, dieses stolze Selbstbewutsein, das jetzt darauf ruhte, und sich auch in den Zgen, in der ganzen Haltung aussprach, aber es lagen auch tiefe Schatten auf dieser Stirn und in diesen Zgen, die wohl nicht das Glck hineingelegt hatte. Von dem Munde zuckte es wie herber Spott, wie hhnische Bitterkeit, und im Auge schlummerte der einstige Funke nicht mehr in der Tiefe; jetzt loderte eine Flamme dort, brennend, verzehrend und fast dmonisch aufzuckend bei jeder Erregung. Was dieses Antlitz auch uerlich gewonnen haben mochte, Friede sprach nicht mehr daraus.
Er fhrte Signora Biancona am Arme, nicht mehr die jugendliche Primadonna einer italienischen Operngesellschaft zweiten Ranges, die in den Stdten des Nordens Gastvorstellungen gab, sondern eine Gre von europischem Rufe, die, nachdem sie auf allen bedeutenderen Bhnen Lorbeeren und Triumphe gesammelt, jetzt an der Oper ihrer Heimathstadt die erste Stelle einnahm. Marchese Tortoni hatte Recht: sie war auch jetzt noch blendend schn, diese Frau. Das war noch der gluthstrahlende Blick, der einst das ehrsame Patricierblut der edlen Hansastadt so in Flammen zu setzen verstand, nur schien er heier, versengender geworden zu sein. Das war noch das Antlitz mit seinem dmonisch bestrickenden Zauber, die Gestalt mit ihren plastisch edlen Formen, nur erschien alles voller, ppiger. Die Blume hatte sich zu reifster, fast berreifer Pracht entfaltet; noch blhte sie; noch stand ihre Schnheit im Zenith, wenn man sich auch sagen mute, da vielleicht beim nchsten Jahreswechsel schon die Grenze berschritten sein werde, mit der sie sich unwiderruflich ihrem Niedergange zuneigte.
Die Beiden, besonders Reinhold, wurden sofort nach ihrem Eintritte von allen Seiten in Anspruch genommen. Alles drngte sich um ihn; Alles suchte seine Nhe, seine Unterhaltung. In wenig Minuten war er bereits der Mittelpunkt der Gesellschaft geworden, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe es ihm gelang, sich all den Aufmerksamkeiten und Schmeicheleien zu entziehen und sich nach seinem Bruder umzusehen, der sich in einiger Entfernung gehalten hatte.
Da bist Du ja endlich, Hugo, sagte er herantretend. Ich vermite Dich bereits. Lt Du Dich suchen?
Es war ja nicht mglich, den dreifachen Bewunderungscirkel zu durchbrechen, der Dich wie eine chinesische Mauer umgab, spottete Hugo. Ich habe dieses Wagestck gar nicht versucht, sondern erging mich in Betrachtungen darber, welch ein Glck es doch ist, einen berhmten Bruder zu besitzen.
Ja, dieses fortwhrende Herandrngen ist wirklich ermdend, meinte Reinhold mit einer Miene, die nichts von befriedigtem Triumphe hatte, dagegen eine unverkennbare Abspannung verrieth. Aber jetzt komm! Ich werde Dich Beatricen vorstellen.
Beatricen?  Ah so, Signora Vampyr! Mu das sein, Reinhold?
Der Blick des Bruders verfinsterte sich. Allerdings mu es sein. Du wirst nicht umhin knnen, ihr in meiner Begleitung oft und viel zu nahen. Sie ist schon, und mit Recht, befremdet darber, da es nicht bereits geschehen ist. Was hast Du denn, Hugo? Du scheinst ja dieser Vorstellung frmlich ausweichen zu wollen, und doch kennst Du Beatrice nicht einmal.
Doch, entgegnete der Capitain kurz. Ich habe sie bereits in H. im Concerte und auf der Bhne gesehen.
Aber niemals gesprochen. Eigenthmlich, da man Dich beinahe zu Dem zwingen mu, was jeder Andere als einen [462] Vorzug betrachten wrde! Du bist doch sonst stets der Erste, wenn es die Bekanntschaft einer schnen Frau gilt.
Hugo erwiderte nichts, aber er folgte ihm ohne ferneren Einwand. Signora Biancona war, wie gewhnlich, von einem Kreise von Herren umgeben und in lebhaftester Unterhaltung begriffen, aber sie brach diese sofort ab, als die Beiden erschienen. Reinhold stellte ihr seinen Bruder vor. Beatrice wandte sich mit ihrer ganzen Liebenswrdigkeit an den Letzteren.
Wissen Sie, Signor Capitano, da ich Ihnen bereits gezrnt habe, ohne Sie zu kennen? begann sie. Rinaldo war nicht zu halten, als er die Nachricht von Ihrer Ankunft empfing. Er lie mich hchst ungalanter Weise in M. zurck, um Ihnen entgegen zu eilen. Ich mute die Rckreise hierher allein antreten.
Hugo verbeugte sich artig, aber doch fremder, als er es sonst wohl vor einer Dame that, und er schien es auch nicht zu bemerken, da die schne Hand Beatricens sich dem Bruder Rinaldos vertraulich entgegenstreckte, wenigstens widerstand er vollstndig der Versuchung des Handkusses, der wohl erwartet wurde.
Ich bin sehr unglcklich, Signora, Ihren Unwillen erregt zu haben. Wer aber so ausschlielich wie Sie ber Reinholds Nhe und Gegenwart verfgt, sollte doch Gromuth genug besitzen, ihn einmal auch fr kurze Zeit dem Bruder abzutreten.
Er sah sich nach Reinhold um, aber dieser wurde bereits wieder in Anspruch genommen.
Ich fge mich ja auch, sagte Beatrice, noch immer mit bezaubernder Freundlichkeit, oder vielmehr, ich fge mich noch jetzt, denn seit der Zeit Ihres Hierseins habe ich Rinaldo wenig genug gesehen. Es wird wohl kein anderes Auskunftsmittel brig bleiben, als da ich Sie bitte, ihn zu begleiten, wenn er bei mir erscheint.
Hugo machte eine etwas gemessene Bewegung des Dankes. Sie sind sehr gtig, Signora. Ich ergreife gewi mit Freuden die Gelegenheit, die so hochgefeierte  Muse meines Bruders nher kennen zu lernen.
Signora Biancona lchelte. Hat er mich Ihnen so genannt? Freilich, der Name ist unserem Freundeskreise nicht fremd. Rinaldo gab ihn mir einst, damals, als ich seine ersten Schritte auf der Knstlerbahn leitete. Eine etwas romantische Bezeichnung, zumal fr deutsche Anschauungen, nicht wahr, Signor? Sie kennen dergleichen schwerlich in Ihrem Norden.
Bisweilen doch, sagte der Capitain ruhig, nur mit einem unbedeutenden Unterschiede. Bei uns pflegen die Musen Ideale zu sein, die in unerreichbarer Hhe schweben. Hier sind es  schne Frauen. Ein ganz unleugbarer Vortheil fr den Knstler.
Die Worte klangen wie ein Compliment und hielten genau den scherzenden Ton fest, den Beatrice selbst angeschlagen; dennoch streifte sie mit einem raschen, forschenden Blicke das Antlitz des Sprechenden; vielleicht sah sie den aufblitzenden Spott darin; denn sie erwiderte mit einiger Schrfe:
Ich meinestheils bekenne, gar keine Sympathie fr den Norden zu besitzen. Nur gezwungen habe ich einige Zeit dort verlebt, und ich athmete erst wieder auf, als der Himmel Italiens sich ber mir wlbte. Wir Sdlnder vermgen es nun einmal nicht, uns in die eisig pedantischen Regeln zu zwngen, die dort die Gesellschaft einengen, in die Fesseln, die man auch den Knstlern auferlegen mchte.
Hugo lehnte sich mit vollendeter Gleichgltigkeit an die Marmorbalustrade. Mein Gott, das ist doch von keiner Bedeutung. Man sprengt sie einfach und ist dann frei wie der Vogel in der Luft. Reinhold hat das ja hinreichend bewiesen, und jetzt hat er die Heimath und ihre pedantischen Regeln ein- fr allemal abgeschworen, was doch wohl ausschlielich Ihr Verdienst ist, Signora.
Beatrice gebrauchte heftig den Fcher, obgleich gerade in diesem Augenblicke der Abendwind erfrischend khl herberwehte.
Wie meinen Sie das, Signor? fragte sie rasch.
Ich? O, ich meine gar nichts, ausgenommen etwa, da es doch ein erhebendes Gefhl sein mu, so das ganze Schicksal eines Menschen  oder auch einer Familie  in Hnden zu halten, wenn man Jemanden seinen Fesseln entreit. Man mu in einem solchen Falle durchaus etwas von einer irdischen Vorsehung in sich spren. Nicht, Signora?
Beatrice war leicht zusammengezuckt bei den Worten, ob vor Ueberraschung oder Zorn, das lie sich schwer entscheiden. Ihre Augen begegneten den seinigen; aber diesmal maen sie einander, wie zwei Gegner sich messen. Der Blick der Italienerin sprhte; doch der Capitain hielt ihn so fest und ruhig aus, da sie wohl fhlte, es sei kein allzu leichtes Spiel diesen klaren braunen Augen gegenber, die ihr so keck die Spitze zu bieten wagten.
Ich glaube, Rinaldo hat allen Grund, dieser Vorsehung dankbar zu sein, entgegnete sie stolz. Er wre vielleicht untergegangen in Verhltnissen und Umgebungen, die seiner unwrdig waren, htte sie seinen Genius nicht wach gerufen und ihm die Bahn zur Gre gewiesen.
Vielleicht, sagte Hugo khl. Man behauptet zwar, ein wahrer Genius gehe nie zu Grunde, und je schwerer er sich durchringen msse, desto mehr sthle sich seine Kraft; indessen das ist jedenfalls auch eine von den nordisch-pedantischen Anschauungen. Der Erfolg hat fr Ihre Ansicht entschieden, Signora, und der Erfolg ist ja ein Gott, dem sich Alles beugt.
Er verneigte sich und trat zurck. Er hatte das Alles im leichtesten Conversationstone, scheinbar ganz absichtslos hingeworfen, aber Signora Biancona mute doch wohl die Bitterkeit empfunden haben, die in den Worten des Capitains lag; denn sie prete die Lippen zusammen wie in tiefster innerster Gereiztheit, und der Fcher gerieth in eine fast strmische Bewegung.
[475] Hugo hatte inzwischen seinen Bruder aufgesucht, den er im Gesprche mit dem Marchese Tortoni traf; die Beiden standen ein wenig abseits von der brigen Gesellschaft.
Nein, nein, Cesario! sagte Reinhold soeben abwehrend. Ich bin ja vor Kurzem erst aus M. zurckgekehrt und kann unmglich daran denken, jetzt schon wieder die Stadt zu verlassen. Vielleicht spter 
Aber die Oper ist ja verschoben worden, fiel der junge Marchese im Tone der Bitte ein, und die Hitze beginnt sich schon fhlbar zu machen. Sie whlen sicher in einigen Wochen irgend eine Villeggiatura.  Kommen Sie mir zu Hlfe, Signor Capitano! wandte er sich an den eben herantretenden Hugo. Sie beabsichtigen gewi auch, unsern Sden kennen zu lernen, und dazu bietet sich nirgends besser Gelegenheit, als in meinem Mirando.
Kennst Du den Marchese bereits? fragte Reinhold. Da bedarf es also keiner Vorstellung mehr.
Durchaus nicht, versicherte Hugo bermthig. Ich habe mich bereits persnlich bei den Herren eingefhrt, gerade als sie ber Dich zu Gericht saen, und ich machte mir dabei als unbekannter Zuhrer das harmlose Vergngen, sie durch eingestreute Bemerkungen zu Angriffen gegen Dich zu reizen. Leider gelang das nur bei einem Einzigen, Marchese Tortoni dagegen nahm leidenschaftlich Deine Partei, ich mute seine volle Ungnade fhlen, weil ich mir erlaubte an Deinem Talente zu zweifeln.
Reinhold schttelte den Kopf. Hat er Ihnen auch schon wieder einen seiner Streiche gespielt, Cesario? Nimm Dich in Acht, Hugo, mit Deinen Neckereien! Wir stehen hier auf italienischem Boden; da pflegt man dergleichen nicht so harmlos aufzunehmen, wie in unserer Heimath.
Nun, in diesem Falle bedurfte es nur des Namens, um uns zu vershnen, sagte der Marchese lchelnd. Aber damit verlieren wir ja ganz den Faden des Gesprchs, fuhr er ungeduldig fort. Ich habe noch immer keine Antwort auf meine Bitte. Ich rechne bestimmt auf Ihren Besuch, Rinaldo, selbstverstndlich auch auf den Ihrigen, Signor.
Ich bin der Gast meinem Bruders, erklrte Hugo, an den die letzten Worte gerichtet waren. Eine solche Bestimmung hngt wohl von ihm ab und  von Signora Biancona.
Von Beatrice? Wie so? fragte Reinhold rasch.
Nun, sie ist bereits ungehalten darber, da meine Gegenwart Dich ihr so oft entzieht. Es ist sehr die Frage, ob sie Dich auf lngere Zeit freigeben will, wie Marchese Tortoni es zu wnschen scheint.
Meinst Du, ich liee mich so gnzlich von ihren Launen beherrschen? In Reinholds Ton verrieth sich eine auflodernde Empfindlichkeit. Ich werde Dir wohl beweisen mssen, da ich noch einen Entschlu ohne ihre Genehmigung fassen kann. Wir kommen, Cesario. Im nchsten Monate schon, ich verspreche es Ihnen.
Ein Ausdruck heller Freude berflog das Gesicht des jungen Mannes bei dieser rasch und heftig gegebenen Zusage; er wandte sich verbindlich zu dem Capitain.
Rinaldo kennt mein Mirando hinreichend und hat es stets bevorzugt; ich hoffe auch Ihnen, Signor, den Aufenthalt angenehm machen zu knnen. Die Villa liegt sehr schn, dicht am Meeresstrande 
Und einsam, sagte Reinhold mit einem eigenthmlichen Gemisch von Schwermuth und Sehnsucht. Man kann da einmal wieder aufathmen, wenn man nahe daran ist, zu ersticken in der Salonatmosphre. Die Gesellschaft geht zu Tisch, sagte er, dem Gesprch eine andere Wendung gebend, mit einem Blicke nach der Terrasse hinauf. Wir werden uns wohl den Uebrigen anschlieen mssen. Willst Du Beatrice zur Tafel fhren, Hugo?
Ich danke, lehnte der Capitain khl ab. Das ist doch wohl Dein ausschlieliches Recht. Ich mchte es Dir nicht streitig machen.
Deine Unterhaltung mit ihr war ja auffallend kurz, so viel ich bemerken konnte, warf Reinhold hin, whrend sie zusammen die Treppe zur Terrasse emporstiegen. Was gab es denn zwischen Euch?
Nichts von Bedeutung. Ein kleines Vorpostengefecht, weiter nichts. Signora und ich haben gleich von vorn herein Stellung zueinander genommen. Du hast doch hoffentlich nichts dagegen?
Er erhielt keine Antwort, denn das Seidenkleid Signora Bianconas rauschte bereits dicht neben ihnen, und in der nchsten Minute stand sie zwischen den Brdern. Der Capitain verbeugte sich mit vollendeter Ritterlichkeit vor der schnen Frau. Es wre in der That unmglich gewesen, an der Art seines Grues auch nur das Geringste auszusetzen, und Beatrice neigte [476] auch dankend das Haupt, aber der Blick, der dabei auf ihn niedersprhte, bewies hinreichend, da auch sie bereits Stellung genommen hatte. In ihrem Auge flammte der ganze Ha der gereizten Sdlnderin, freilich nur einen Moment lang; im nchsten schon wendete sie sich um und legte ihren Arm in den Reinholds, um sich von ihm in den Saal fhren zu lassen.
Mir scheint, das war nicht mehr und nicht weniger als eine Kriegserklrung, murmelte Hugo, indem er sich den Beiden anschlo. Wortlos, aber hinreichend verstndlich! Die Feindseligkeiten sind also erffnet  zu Befehl, Signora.



Marchese Tortoni hatte nicht so Unrecht mit seiner Bemerkung; die Hitze begann sich trotz der frhen Jahreszeit schon sehr fhlbar zu machen. Zwar war die Saison noch nicht zu Ende, aber schon vertauschte manche Familie den Aufenthalt in der Stadt mit der gewohnten Villeggiatur im Gebirge oder am Meeresstrande, und die brige Gesellschaft stand gleichfalls auf dem Punkte, sich frher als gewhnlich nach allen Himmelsrichtungen zu zerstreuen, bis der Herbst sie wieder zusammenfhrte.
In der Wohnung Signora Bianconas hatte man noch keine Anstalten getroffen, die auf eine baldige Abreise schlieen lieen, und doch schien von einer solchen die Rede gewesen zu sein in dem Gesprche, das soeben zwischen ihr und Reinhold Almbach stattgefunden hatte. Die Beiden waren allein in dem glnzend und prachtvoll erleuchteten Salon der Sngerin; aber das schne Antlitz Beatricens trug den Ausdruck einer unverkennbaren Aufregung. In die Kissen des Divans gelehnt, die Lippen zornig zusammengepret, zerpflckte sie achtlos eins der schnen Bouquets, die in reicher Flle das Empfangszimmer der berhmten Knstlerin schmckten, whrend Reinhold mit finster umwlkter Stirn und verschrnkten Armen im Zimmer auf- und niederging. Es bedurfte nur eines Blickes, um zu errathen, da hier eine jener Sturmscenen stattfand, von denen Maestro Gianelli behauptete, da sie zwischen den Beiden ebenso hufig seien wie der Sonnenschein.
Ich bitte Dich, Beatrice, verschone mich jetzt mit ferneren Auftritten! sagte Reinhold mit vollster Heftigkeit. Sie ndern nichts mehr an der einmal beschlossenen Sache. Marchese Tortoni hat mein Versprechen, und unsere Abreise nach Mirando ist auf morgen festgesetzt.
Nun, so wirst Du dieses Versprechen zurcknehmen, entgegnete Beatrice in gleichem Tone. Du hast es ohne mein Wissen gegeben, schon vor Wochen gegeben, und doch hatten wir damals schon beschlossen, die diesjhrige Villeggiatur im Gebirge zu nehmen.
Gewi! Und ich werde Dich auch dort aufsuchen, sobald ich von Mirando zurckkehre.
Sobald Du zurckkehrst? Als ob Tortoni nicht wie gewhnlich Alles aufbieten wrde, Dich dort zu fesseln, und wenn Du nun vollends in Begleitung Deines Bruders gehst, so ist es wohl selbstverstndlich, da Du so lange, wie nur mglich, von mir ferngehalten wirst.
Reinhold blieb pltzlich stehen, und ein finsterer Blick flog zu ihr hinber.
Willst Du nicht die Gte haben, dies bis zum Ueberdru erschpfte Thema endlich einmal bei Seite zu lassen? fragte er scharf. Ich wei bereits hinreichend, da zwischen Dir und Hugo keine Sympathie besteht; aber er verschont mich wenigstens mit Auseinandersetzungen darber und verlangt nicht, da ich seine Sympathien und Antipathien theile. Uebrigens wirst Du zugeben, da er Dir gegenber niemals den Cavalier verleugnet.
Beatrice warf das Bouquet bei Seite und erhob sich. O gewi, das gebe ich zu, und eben diese angenommene Ritterlichkeit ist es, die mich so emprt. Diese liebenswrdigen Unterhaltungen mit dem ewigen Spottpfeile auf den Lippen, diese Aufmerksamkeiten mit dem Hohne tief im Auge, das ist so recht die deutsche Art, unter der ich so oft gelitten habe in Eurem Norden, die uns in den Kreis der sogenannten Gesellschaftsregeln bannt, die uns darin festzuhalten wei, und wenn man noch so erbittert mit einander kmpft. Dein Bruder versteht das meisterhaft; den trifft nichts und verwundet nichts; Alles gleitet ab an diesem ewigen Spottlcheln. Ich  ich hasse ihn und er mich nicht minder.
Schwerlich! sagte Reinhold bitter. Denn im Hassen bist Du eine Meisterin, die so leicht Keiner erreicht. Ich habe das oft genug gesehen, wenn Du Dich von irgend Jemandem beleidigt glaubtest. Das fluthet bei Dir gleich ber alle Schranken. Diesmal aber wirst Du Dich erinnern, da es mein Bruder ist, gegen den sich dieser Ha richtet, und da ich nicht gesonnen bin, mir das erste kurze Zusammensein nach Jahren dadurch rauben zu lassen. Ich dulde keine Beleidigung und keinen Angriff gegen Hugo.
Weil Du ihn mehr liebst als mich, rief Beatrice ungestm, weil ich Dir nichts gelte neben Deinem Bruder. Freilich, was bin ich Dir auch  und jetzt war die Bahn gebrochen zu einer wahren Fluth von Vorwrfen, Klagen und Drohungen, die schlielich in einem Thrnenstrom endigten. Die ganze Leidenschaft der Italienerin brach hervor; aber Reinhold schien dadurch zu nichts weniger als zur Nachgiebigkeit gestimmt zu werden. Er versuchte einige Male, ihr Einhalt zu thun, und als dies nicht gelang, stampfte er wthend mit dem Fue.
Noch einmal, Beatrice, la diese Auftritte! Du weit, da Du damit nichts bei mir ausrichtest, und ich dchte, Du httest nun schon hinreichend die Erfahrung gemacht, da ich nicht ein willenloser Sclave bin, dem ein Wort, eine Laune von Dir Befehl ist. Ich ertrage sie nicht lnger, diese ewigen Scenen, die Du bei all und jedem Anlasse hervorrufst.
Er trat strmisch zum Balcon und, dem Gemache den Rcken zukehrend, blickte er hinab auf die Strae, wo sich das rege Leben und Treiben des Corso entfaltete. Im Salon hrte man noch einige Minuten lang das leidenschaftliche Schluchzen Beatricens, aber dann verstummte es, und gleich darauf legte sich eine Hand auf die Schulter des am Fenster Stehenden.
Rinaldo!
Halb widerstrebend wandte er sich um. Sein Blick begegnete Beatricens heiem, dunkelm Auge; noch stand eine Thrne darin, aber es war keine Thrne des Zornes mehr, und die eben noch so erregte Stimme hatte einen weichen schmelzenden Klang.
Du sagst, ich sei eine Meisterin im Hassen. Nur im Hassen, Rinaldo? Du hast doch oft genug das Gegentheil erfahren.
Reinhold wandte sich vollends zu ihr und trat vom Balcon zurck.
Ich wei, da Du lieben kannst, entgegnete er milder, hei und voll lieben. Aber Du kannst auch qulen mit dieser Liebe; das mu ich tglich empfinden.
Und dieser Qual mchtest Du entfliehen, wenigstens auf einige Zeit?
Aus ihrer Stimme sprach ein herber Vorwurf. Almbach machte eine ungeduldige Bewegung.
Ich suche Ruhe, Beatrice, sagte er, und die finde ich nun einmal nicht in Deiner Nhe. Du kannst nur in fortwhrender Gluth und Aufregung athmen; beides ist Dir Lebensbedingung, und Du reiest Deine ganze Umgebung mit Dir in den ewig lodernden Feuerkreis Deines Wesens. Ich  bin mde.
Der Gesellschaft, oder meiner? fragte Beatrice mit wieder aufblitzender Heftigkeit.
Kannst Du es denn nicht lassen, in jedem Worte einen Stachel zu suchen? fuhr Reinhold auf. Ich sehe, da wir heute wieder einander nicht verstehen. Leb wohl!
Du gehst? rief die Italienerin halb erschreckt, halb drohend. Und mit diesem Abschiede fr eine wochenlange Trennung?
Reinhold, der schon an der Thr war, besann sich und kehrte langsam um.
Ja so, ich verga die Abreise. Leb wohl, Beatrice!
Aber so leicht sollte ihm der Abschied nicht gemacht werden. Signora Biancona hatte es lngst verlernt, dem Manne dauernd zu trotzen, der es nun einmal verstand, ihren sonst so launenhaften Willen dem seinigen zu beugen, und als er sich ihr wieder nherte, da war es vorbei mit jedem ferneren Widerstande. Ihre Stimme bebte, als sie leise fragte: Und Du willst wirklich allein gehen, ohne mich?
Beatrice 
[477] Allein, ohne mich? wiederholte sie leidenschaftlicher. Reinhold machte einen Versuch, ihr seine Hand zu entziehen, aber es blieb bei dem Versuche.
Cesario erwartet mich auf das Bestimmteste, sagte er abwehrend, und ich habe Dir schon einmal erklrt, da Du mich nicht begleiten kannst 
Nach Mirando nicht, fiel Beatrice ein, das wei ich. Aber was hindert mich denn, den ursprnglichen Plan zu ndern und den ersten Sommeraufenthalt, anstatt im Gebirge, jetzt in S., der groen Villeggiatur aller Fremden, zu nehmen? Es liegt nahe genug bei Mirando, in einer halben Stunde trgt Dich das Boot zu mir herber. Wenn ich Dir folgte  darf ich, Rinaldo?
Er war unwiderstehlich, dieser Ton schmeichelnder Bitte, und noch unwiderstehlicher bat ihr Blick, Reinhold sah schweigend nieder auf die schne Frau, deren Liebe, deren Besitz ihm einst als der hchste Preis des Glckes erschienen. Der Zauber bte noch immer seine alte Macht und bte sie gerade dann am strksten, wenn er den Versuch machte, ihm zu entrinnen. In Worten ward die Gewhrung freilich nicht gegeben, aber Beatrice sah es, als er sich zu ihr niederbeugte, da sie diesmal gesiegt hatte. Als er sie eine halbe Stunde darauf wirklich verlie, war die Aenderung in ihrem Reiseplane eine beschlossene Sache, und der Abschied galt nicht einer Trennung von Wochen, sondern nur von Tagen.
Es dmmerte bereits, und der Mond stieg langsam empor, als Reinhold seine eigene Wohnung erreichte, die in einiger Entfernung, im freieren Theile der Stadt lag. Beim Eintritt in das Empfangszimmer fand er dort den Capitain, der seinem Diener soeben eine nachdrckliche Strafpredigt gehalten zu haben schien, denn Jonas stand vor ihm mit der Miene uerster Zerknirschung, die sich in komischer Weise mit einem verhaltenen Ingrimm mischte, dem Worte zu leihen ihn wohl nur die Gegenwart seines Herrn abhielt.
Was giebt es denn? fragte Reinhold etwas befremdet.
Eine Inquisitionssitzung, entgegnete Hugo rgerlich. Seit Jahren schon mhe ich mich vergebens ab mit diesem verstockten Snder und unverbesserlichen Weiberfeind, aber da hilft weder Lehre noch Beispiel.  Jonas, Du gehst jetzt augenblicklich hinauf zur Padrona, bittest um Verzeihung und versprichst knftig manierlicher zu sein. Marsch, hinaus!
Ich werde ihn schlielich noch nach der Ellida zurckschicken mssen, fuhr er zu seinem Bruder gewandt fort, nachdem Jonas das Zimmer verlassen hatte. Da ist die Schiffskatze das einzige weibliche Wesen, das er um sich hat, und mit dem wird er hoffentlich noch auskommen.
Reinhold warf sich in einen Sessel. Ich wollte, ich htte Deinen unverwstlichen Humor, Deine glckliche Gabe, das Leben leicht wie ein Spiel zu nehmen. Ich habe das nie vermocht.
Nein, der Grundton Deines Wesens war immer elegisch, meinte der Capitain. Ich glaube, Du hast mich nie recht als ebenbrtig betrachtet, weil ich nicht so ideal-romantisch alle Hhen erfliegen und alle Tiefen durchdringen konnte und mochte, wie Ihr Knstlernaturen. Wir Seeleute sind nun einmal auf die Oberflche angewiesen, und wenn auch hin und wieder der Sturm die Tiefe aufwhlt, uns macht das nichts; wir bleiben eben oben.
Ganz recht, sagte Reinhold dster. Bleibe Du auf Deiner hellen sonnigen Oberflche! Glaube mir, Hugo, es ist nur Schlamm in der Tiefe da unten, wo man nach Schtzen suchte, und es weht ein Eishauch auf den Hhen da oben, wo man nur goldenes Sonnenlicht getrumt  ich habe Beides durchgekostet.
Hugo blickte forschend auf seinen Bruder, der in dem Sessel mehr lag als sa, das Haupt wie todtmde zurckgelehnt, whrend die dstern Augen weit hinaus schweiften ber die Grten der Umgebung und zuletzt an dem noch matt erhellten Horizonte haften blieben, wo soeben das letzte Tageslicht verschwand.
Hre Reinhold, Du gefllst mir ganz und gar nicht, brach er auf einmal los. Ich komme nach Jahren, um meinen Bruder wiederzusehen, dessen Name alle Welt erfllt, dem das Schicksal alles gegeben, was es einem Menschen nur geben kann; ich finde Dich auf der Hhe des Ruhmes und Glckes  und da glaubte ich Dich anders zu finden.
Und wie denn? fragte Reinhold, ohne den Kopf zu heben oder das Auge von dem dmmernden Abendhimmel abzuwenden.
Ich wei nicht, sagte der Capitn ernst, aber das wei ich, da ich schon nach vierzehn Tagen dieses Leben nicht mehr aushalte, das Du jahrelang gefhrt hast. Dieses ruhelose Strmen von Genu zu Genu ohne irgend eine Befriedigung, dieses fortwhrende Schwanken zwischen wilder Aufregung und tdtlicher Ermattung sagt meiner Natur nicht zu. Du solltest der Deinigen Zgel anlegen.
Reinhold machte eine halb ungeduldige Bewegung. Thorheit! Ich bin lngst daran gewhnt, und dann  das verstehst Du nicht, Hugo.
Mglich! Wenigstens bedarf ich noch keiner Betubung. Reinhold fuhr auf; ein Blick flammenden Zornes traf den Bruder, der es versuchte, ihm so tief ins Innere zu sehen, und der ganz unbeirrt fortfuhr:
Denn nur Betubung ist es, nach der Du Tag fr Tag ringst, die Du berall suchst, ohne sie je zu finden. Gieb dieses Leben auf  ich bitte Dich, Du richtest Dich damit geistig und krperlich zu Grunde; Du mut ja schlielich unterliegen.
Seit wann ist der lebensfrohe Capitain der Ellida denn zum Moralprediger geworden? spottete Reinhold mit dem herbsten Ausdrucke, der ihm zu Gebote stand. Wer htte vor Zeiten gedacht, da Du mir in dieser Weise den Text lesen wrdest! Aber gieb Dir keine Mhe mit meiner Bekehrung, Hugo! Ich habe die frommen Jugendideen ein fr alle Mal abgeschworen.
Der Capitain schwieg. Das war wieder der Ton verletzenden Hohnes, mit dem sich Reinhold unnahbar zu machen wute, sobald hnliche Gegenstnde berhrt wurden; dieser Ton, der jeden Einflu unmglich machte, in jede Jugenderinnerung wie ein Milaut hineinklang und das einst so warme Verhltni der Brder fremd und erkltend berhrte. Hugo versuchte auch heute nicht, das zu ndern; er wute, da es vergebens sein wrde. Sich abwendend, ergriff er ein auf dem Tische liegendes Buch und begann darin zu blttern.
Ich habe ja noch kein einziges Wort von Dir ber meine Werke gehrt, begann Reinhold nach einem minutenlangen Stillschweigen von Neuem. Du hast ja hier Gelegenheit gehabt, meine Opern kennen zu lernen. Wie findest Du sie?
Ich bist kein Musikkenner, sagte Hugo ausweichend.
Das wei ich, und eben deshalb lege ich Werth auf Dein Urtheil, weil es das des unbefangenen, aber scharfblickenden Publicums ist. Wie findest Du meine Musik?
Der Capitain warf das Buch auf den Tisch.
Sie ist genial und  er hielt inne.
Und?
Zgellos wie Du selber. Du und Deine Tne, Ihr geht ber jedes Ma hinaus.
Eine vernichtende Kritik, sagte Reinhold halb spttisch, halb betroffen. Gut, da nur ich sie hre; im Kreise meiner Bewunderer wrdest Du bel damit ankommen. Also etwas Genialitt gestehst Du mir doch wirklich noch zu?
Wo Du selbst sprichst, ja! erklrte Hugo mit voller Bestimmtheit, aber das geschieht selten genug. Stets berwuchert dieses fremde Element, das Deinem Talente die Richtung gegeben hat und es noch jetzt beherrscht. Ich kann mir nicht helfen, Reinhold, aber dieser Einflu, dem Du von Anfang an gefolgt bist, den alle Welt als so erhebend preist, er ist kein heilbringender gewesen, auch fr den Knstler nicht. Ohne ihn wrst Du vielleicht noch nicht so berhmt, aber unbedingt grer.
Wahrhaftig, Beatrice hat Recht, wenn sie in Dir den unvershnlichen Gegner frchtet, bemerkte Reinhold mit unverstellter Bitterkeit. Freilich, sie setzt nur ein persnliches Vorurtheil bei Dir voraus. Da Du nicht einmal ihren knstlerischen Einflu auf mich gelten lassen willst, das mchte ihr doch neu sein.
Hugo zuckte die Achseln. Sie hat Dich ganz und gar in die italienische Art hineingezogen. Du strmst immer, wo die Anderen nur tndeln, aber gleichviel! Warum schreibst Du nicht deutsche Musik? Doch was rede ich? Du hast ja der Heimath und all ihren Beziehungen fr immer den Rcken gekehrt.
[478] Reinhold sttzte den Kopf in die Hand. Ja wohl  fr immer.
Das klang ja beinahe wie Sehnsucht, warf der Capitain hin, das Gesicht des Bruders scharf fixirend. Dieser sah finster auf.
Was soll das? Denkst Du vielleicht, ich sehnte mich zurck nach den alten Ketten, weil ich in der Freiheit nicht das ertrumte Glck gefunden? Wenn ich eine Annherung versuchte, so 
Ah so, Du hast eine Annherung versucht? An Deine Frau?
An Ella? fragte Reinhold, und es war wieder das alte Gemisch von Mitleid und Verachtung, das sich in seiner Stimme verrieth, sobald er von seiner Gattin sprach, wozu htte das wohl fhren sollen? Du weit doch, wie ich damals gegangen bin, es geschah im vollsten Bruche mit ihren Eltern, und da mu ein so beschrnktes und abhngiges Wesen wie Ella natrlich in deren Verdammungsurtheil einstimmen, wenn sie sich berhaupt je bis zu einem eigenen Urtheil erhoben hat. War die Kluft zwischen uns frher weit, so ist sie jetzt, nach Allem was geschehen ist, endlos geworden. Nein, davon konnte keine Rede sein, aber ich wollte Nachricht von meinem Kinde haben. Ich ertrug es nicht lnger, den Knaben fern zu wissen, ihn nicht sehen zu drfen, nicht einmal ein Bild von ihm zu besitzen. Ich wollte Nachricht um jeden Preis, deshalb whlte ich den krzesten Weg und schrieb an die Mutter.
Nun, und ? fragte Hugo gespannt.
Reinhold lachte bitter auf. Nun, ich htte mir die Demthigung ersparen knnen. Es kam keine Antwort  das war freilich Antwort genug, aber ich wollte nun einmal wissen, wie es dem Kinde gehe; ich glaubte an die Mglichkeit eines Irrthums, eines Verlierens, an was glaubt man nicht in solchem Falle, und schrieb zum zweiten Male. Der Brief kam unerffnet zurck  er ballte im wilden Zorne die Hand  Unerffnet! Mir das, mir! Es ist das Werk des Onkels, daran ist kein Zweifel. Ella htte nie gewagt, mir das zu bieten.
Meinst Du? Da kennst Du Deine Frau nicht. Sie hat es allerdings gewagt, und sie allein konnte es wagen; denn die Eltern sind todt, schon seit Jahren.
Reinhold wandte sich rasch um. Woher weit Du das? Stehst Du noch in Verbindung mit H.?
Nein, sagte der Capitain ruhig. Du kannst Dir wohl denken, da die Stimmung, die in der Familie gegen Dich herrschte, zum Theil wenigstens auch auf mich bertragen wurde. Seit ich H. damals wenige Tage nach Dir verlie, habe ich es nicht wieder besucht, aber ich stehe noch in Correspondenz mit dem ehemaligen Buchhalter des Almbachschen Hauses, der das Geschft bernommen hat und es auf eigene Rechnung fortfhrt. Von ihm erfuhr ich Einiges.
Und das sagst Du mir jetzt erst, nach beinahe vierzehntgigem Zusammensein? rief Reinhold beinahe ungestm.
Ich habe selbstverstndlich einen Punkt nicht berhren wollen, von dem es mir schien, da Du ihn zu vermeiden wnschtest, entgegnete Hugo khl.
Reinhold ging einige Male im Zimmer auf und nieder. Die Eltern sind also todt? Und Ella und das Kind?
Ihretwillen brauchst Du nicht in Sorge zu sein. Der Onkel hat ein nicht unbedeutendes Vermgen hinterlassen, weit mehr, als man geglaubt.
Ich wute, da er viel reicher war, als er gelten wollte, sagte Reinhold rasch. Und diese Gewiheit allein gab mir die volle Freiheit des Handelns bei meiner Entfernung. Ich war fr Frau und Kind nicht nothwendig. Sie waren gesichert vor jedem Wechselfalle des Schicksals auch ohne meine Nhe. Aber wo sind sie jetzt? Noch in H.?
Consul Erlau wurde Vormund des Knaben, berichtete Hugo ziemlich kurz und gemessen. Er scheint sich auch der jungen, wohl nun sehr vereinsamten Frau thtig angenommen zu haben, denn bereits nach Ablauf der Trauerzeit siedelte sie mit dem Kinde in sein Haus ber. Dort lebten Beide noch vor einem halben Jahre; bis dahin reichen meine Nachrichten.
So? meinte Reinhold gedankenvoll. Nun, da begreife ich nur nicht, wie Ella mit ihrer Erziehung und ihrer Persnlichkeit es mglich macht, in dem groartigen Erlauschen Haushalte auch nur zu existiren. Freilich, sie wird sich ein paar Hinterzimmer eingerichtet haben, nie zum Vorschein kommen, oder trotz ihres Vermgens die Stelle einer Wirthschafterin bernehmen. Ueber dieses Niveau war sie ja nun einmal nicht hinaus zu bringen. Wre das nicht gewesen, ich htte viel, htte Alles ertragen  um des Kindes willen.
Er trat zum Fenster, stie es auf und lehnte sich weit hinaus. Die Abendluft strmte khl hinein in das schwle Zimmer, wo jetzt ein lngeres Stillschweigen eintrat, denn auch der Capitain schien keine Lust zu einer weiteren Fortsetzung des Gesprches zu haben; nach einer Weile erhob er sich.
Unsere Abreise ist morgen sehr frh angesetzt; wir werden zeitig wach sein mssen. Gute Nacht, Reinhold!
Gute Nacht! antwortete Reinhold, ohne sich umzuwenden.
Hugo verlie das Gemach. Ich wollte, diese Circe von Beatrice she ihn einmal in solchen Stunden, murmelte er, die Thr ins Schlo werfend. Sie haben gesiegt, Signora, und ihn an sich gerissen als Ihr unbestreitbares Eigenthum  glcklich haben Sie ihn nicht gemacht.
Noch einige Minuten lang verharrte Reinhold unbeweglich an seinem Platze; dann richtete er sich empor und ging hinber nach seinem Arbeitszimmer. Er mute mehrere der Gemcher durchschreiten, um dorthin zu gelangen. Die Wohnung, die das ganze untere Stockwerk der gerumigen Villa einnahm, war nicht so glnzend wie die Signora Bianconas und dennoch verschwenderischer eingerichtet; denn die Pracht, die dort vorherrschte, wurde hier zehnfach aufgewogen durch den knstlerischen Schmuck der Rume. Da hingen Gemlde an den Wnden, standen Statuen in den Fensternischen, deren Werth nur nach Tausenden berechnet werden konnte; da waren die herrlichsten Kunstschtze Italiens in meisterhaften Nachbildungen vorhanden. Wohin das Auge nur blickte, traf es auf Vasen, Bsten, Zeichnungen und Prachtwerke, die anderswo schon allein die Zierde eines Salons gebildet htten und die hier, berall hin zerstreut nur als beilufiger Schmuck dienten. Es war eine Flle von Schnheit und Kunst, wie sie in dieser verschwenderischen Art eben nur ein Rinaldo um sich versammeln konnte, dem mit dem Ruhme auch das Gold in nie versiechender Flle zustrmte und der gewohnt war, das letztere vllig achtlos wieder von sich zu werfen.
In der Mitte des Arbeitszimmers stand ein prachtvoller Flgel, das Geschenk eines begeisterten Verehrerkreises, der dem Meister ein sichtbares Zeichen seines Dankes hatte darbringen wollen; den Schreibtisch bedeckten Karten und Briefe, welche die ersten Namen im Reiche der Geburt und des Geistes trugen und die hier gleichgltig bei Seite geschoben waren, ohne da der Empfnger den mindesten Werth darauf zu legen schien; von der Hauptwand aber blickte das lebensgroe Bild Beatrice Bianconas herab, von berhmter Knstlerhand in genialster Auffassung und wahrhaft sprechender Aehnlichkeit gemalt. Sie trug das idealische Costm einer ihrer Hauptrollen in den Opern Rinaldos, mit deren hinreiender Darstellung sie diese Werke erst zur vollen Hhe ihrer Berhmtheit emporgehoben hatte, mit der sie selbst erst zu einer Knstlerin ersten Ranges hinaufgestiegen war. Es war dem Maler gelungen, den ganzen berckenden Zauber, den glhenden Reiz des Originals in diesem Portrait zu verkrpern. Die schne Gestalt schien sich in unnachahmlich graciser Stellung halb dem Flgel zuzuwenden, und die dunklen Augen blickten mit tuschender Lebenswahrheit herab auf den Mann, den sie nun so lange schon in unlsbaren Banden hielten, als wollten sie ihn selbst hier, im Heiligthume seines Wirkens und Schaffens, nicht allein lassen.
[491] Reinhold sa am Flgel und phantasirte. Das Gemach war nicht erhellt, nur das voll hereinstrmende Mondlicht schwebte ber dem Meere von Tnen, das hier aufbrauste, als ob der Sturm in seinen Wogen whle, sie bald anschwellend zu Bergeshhe, bald wieder eine Abgrundtiefe entschleiernd. Jetzt quollen die Melodien empor, leidenschaftlich, glhend, berauschend, und dann auf einmal zuckte es jh dazwischen, wie schneidende Dissonanzen, wie grelle Milaute. Das waren die Tne, mit denen Rinaldo schon seit Jahren im Reiche der Musik herrschte, mit denen er die Menge zur Bewunderung fortri, vielleicht weil sie jenem dmonischen Elemente eine Sprache liehen, das in der Brust eines Jeden schlummert, und dessen sich wohl schon Jeder einmal, halb mit Grauen und halb mit sem Schauer, bewut geworden ist. Es lag in diesen Melodien auch etwas von dem wilden Strmen von Genu zu Genu, von dem jhen Wechsel zwischen fieberischer Aufregung und tdtlicher Ermattung, von dem Ringen nach Betubung, die, ewig gesucht, nie gefunden wurde, und doch klang immer und immer wieder etwas Mchtiges, Ewiges hindurch, das nichts gemein hatte mit jenem Elemente, das mit ihm kmpfte, sich darber erhob, um schlielich doch wieder darin unterzugehen. 
Aus den Grten stiegen die Orangendfte empor und flutheten herein durch die weit geffneten Balconthren und wehten berauschend hin durch das Gemach. Klar, voll unendlicher Schnheit und unendlichen Friedens lag der Mondesglanz ber der ewigen Stadt, und im blulichen Nebeldufte verschwand die dmmernde Ferne. Trumerisch rauschte die Fontaine dort unten inmitten der Blthenbume, und das Licht, das in den fallenden Tropfen glnzte, erhellte jetzt auch in vollster Klarheit die ganze Reihe der Gemcher mit ihren Kunst- und Marmorschtzen; es beleuchtete das Bild in dem reich vergoldeten Rahmen, so da die dmonisch schne Gestalt da oben zu leben schien, und fiel auf das Antlitz des Mannes, dessen Stirn inmitten all dieser Schnheit und all dieses Friedens so schwer umdstert blieb.
Freilich, es lagen Jahre zwischen jenen langen nordischen Winternchten, in denen der junge Knstler seine ersten Compositionen schuf, und dieser duftigen Mondnacht des Sdens, in welcher der hochgefeierte Rinaldo das Hauptthema seiner Oper in unendlichen Variationen wiederholte, und wohl noch vieles Andere, was schwerer wog, als die Jahre allein. Und doch versank das Alles in dieser Stunde. Leise kam die Erinnerung gezogen und lie lngstvergangene Tage wieder aufleben, lngstvergessene Bilder wieder hervortreten, das kleine Gartenhaus mit seinen alterthmlichen Mbeln und der drftigen Weinranke ber dem Fenster, das armselige Stckchen Gartenland mit den wenigen Bumen und Gestruchen und den hohen gefngniartigen Mauern ringsum, das enge, dstere Haus mit dem so tief gehaten Geschftszimmer. Matte farblose Bilder  und doch wollten sie nicht weichen, denn ber ihnen schwebten lchelnd ein paar groe tiefblaue Kinderaugen, die dem Vater nur dort geleuchtet hatten, und die er hier, in dieser Umgebung voll Poesie und Schnheit, vergebens suchte. Er hatte sie so oft gesehen in dem Antlitze seines Kindes, und dann auch einmal noch  anderswo. Die Erinnerung daran war freilich halb verweht, fast vergessen, hatten sie sich ihm doch nur auf einen Augenblick gezeigt, um sich dann wieder zu verschleiern, wie sie es jahrelang gethan, aber diese Augen waren es doch, die ihm allein vorschwebten, als sich jetzt aus dem Wogen und Wallen der Tne eine zauberisch se Melodie emporrang. Es sprach ein unendliches Sehnen daraus, ein Weh, das die Lippen nicht aussprechen wollten, und es schlug die Brcke hinber zu der fernen, fernen Vergangenheit. Jetzt hatte der Genius die Fesseln gesprengt, die ihn damals drckten und einengten; jetzt stand er oben auf der einst ertrumten Hhe. Was Leben und Glck, was Ruhm und Liebe nur zu geben vermochten, das war ihm zu Theil geworden, und jetzt  wie ein Sturm brauste es wieder empor aus den Tasten, wild, leidenschaftlich, bacchantisch, und daraus hervor klagte immer wieder jene Melodie mit ihrem ergreifenden Weh, mit ihrem ruhelosen, nie gestillten Sehnen.



Ich frchte, unser Signor Capitano hlt es nicht lange aus in Mirando. Es ist gefhrlich, da er hier fortwhrend seine See vor Augen hat; er blickt mit einer solchen Sehnsucht darauf hin, als wolle er uns je eher je lieber davonsegeln.
Mit diesen Worten wandte sich Marchese Tortoni an seinen Gast, der whrend der letzten Viertelstunde fast gar keinen Antheil am Gesprche genommen hatte und den der junge Wirth soeben auf einem verstohlenen Ghnen ertappte.
Nicht doch! verteidigte sich Hugo. Ich fhle mich nur so grenzenlos unbedeutend und unwissend bei all diesen idealen Kunstgesprchen, bin so tief durchdrungen von dem Gefhle dieser meiner Unwissenheit, da ich mir soeben in aller Eile das ganze Commando whrend eines Sturmes wiederholte, um mir die [492] trstliche Ueberzeugung zu verschaffen, da ich doch auch noch irgend etwas verstehe.
Ausrede! rief der Marchese. Sie vermissen das weibliche Element hier, das Sie so sehr verehren und das Sie nun einmal nicht entbehren zu knnen scheinen. Leider kann mein Mirando Ihnen diesen Reiz noch nicht bieten. Sie wissen, ich bin unvermhlt und habe mich bisher noch nicht entschlieen knnen, meine Freiheit zu opfern.
Noch nicht entschlieen knnen, Ihre Freiheit zu opfern, parodirte Hugo, mein Gott, das klingt ja ganz entsetzlich. Wenn Sie wirklich die hchste Stufenleiter irdischen Glckes noch nicht erstiegen haben, wie die eigentliche Lesart lautet 
Glauben Sie ihm nicht, Cesario! fiel Reinhold ein. Mein Bruder ist mit all seiner Ritterlichkeit und Galanterie doch im Grunde eine Eisnatur, die so leicht nichts erwrmt. Er tndelt mit Allen  Empfindung hat er fr Keine; der jedesmalige Roman, den er Liebe, gelegentlich auch wohl Leidenschaft zu nennen beliebt, dauert gerade so lange, wie er am Lande ist, und verweht mit der ersten frischen Brise, die seine Ellida wieder heraustreibt ins Meer. In seinem Herzen hat sich noch nie etwas geregt.
Abscheuliche Charakteristik! rief Hugo, seine Cigarre fortwerfend. Ich protestire feierlichst.
Willst Du etwa behaupten, sie sei ungerecht?
Der Capitain lachte und wandte sich an Tortoni. Ich versichere Ihnen, Signor Marchese, da ich auch unverbrchlich treu sein kann  meiner schnen blauen Wellenbraut da drauen  er wies nach dem Meere hinber , der habe ich mich nun einmal angelobt mit Herz und Hand. Sie allein versteht es, mich immer wieder von Neuem zu fesseln und festzuhalten, und wenn sie mir auch hin und wieder erlaubt, in ein Paar schne Augen zu blicken, eine ernstliche Untreue duldet sie nicht.
Bis Du einmal doch in ein Paar Augen blickst, die Dich lehren, da Du auch nicht gefeit bist gegen das allgemeine Loos der Sterblichen, sagte Reinhold, halb scherzend, halb mit einer Bitterkeit, die nur dem Bruder allein verstndlich war. Es giebt solche Augen.
O ja, es giebt solche Augen, wiederholte Hugo mit einem beinahe trumerischen Ausdrucke in das Meer hinausblickend.
Wie, Signor, der Ton klang ja uerst bedenklich, neckte der Marchese. Sind Sie vielleicht doch schon den bewuten Augen begegnet?
Ich? der Capitain hatte den augenblicklichen Ernst schon wieder abgeschttelt und war ganz wieder der alte Uebermuth. Thorheit! Ich hoffe noch ziemlich lange dem allgemeinen Loose der Sterblichen zu trotzen. Sie hren es ja.
Schade, da Sie hier so gar keine Gelegenheit finden, diesen heroischen Entschlu zu bewahrheiten, meinte Cesario. Die einzige Nachbarschaft, die wir haben, schliet sich in einer Weise ab, die es gar nicht bis zu einer Versuchung kommen lt. Die junge Signora zumal 
Eine junge Signora? Wo? Hugo fuhr aufgeregt in die Hhe.
Der Marchese zeigte nach einem Landhause hinber, das, kaum eine Viertelstunde entfernt, halb versteckt in einem Olivenwalde lag.
Dort drben die Villa Fiorina ist schon seit mehreren Monaten bewohnt. Wie ich hre, sind es sogar Landsleute von Ihnen, Deutsche, welche sich dort fr den Sommer niedergelassen haben; aber sie scheinen sich vollstndigste Einsamkeit und Unsichtbarkeit zum Gesetze gemacht zu haben. Es wird Niemand dort empfangen, Niemand angenommen. Besuche aus S., die Bekanntschaften aus der Heimath geltend machten, wurden ohne Ausnahme zurckgewiesen, und da die Familie sich auch bei ihren Spaziergngen grtentheils auf den Park und die Terrasse beschrnkt, so ist die Unnahbarkeit eine vollstndige.
Und die Signora? Ist sie schn? fragte Hugo in lebhaftester Spannung.
Cesario zuckte die Achseln. Das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich sah sie nur flchtig und in ziemlicher Entfernung ein einziges Mal. Eine schlanke jugendliche Gestalt, ein Kopf voll schner goldblonder Flechten; das Gesicht war mir leider nicht zugewandt, und ich ritt auch ziemlich schnell vorber. 
Ohne das Gesicht gesehen zu haben? Signor Marchese, ich bewundere Ihren Stoicismus, verwahre mich aber feierlich gegen die Zumuthung, ihn irgendwie nachzuahmen.  Bis heute Abend bringe ich Ihnen und Reinhold die Nachricht, ob die Signora wirklich schn ist oder nicht.
Das mchte Ihnen doch schwer werden, lachte der Marchese. Sie hren es ja, der Eintritt ist nicht zu erlangen.
Bah, als ob mich das hinderte! rief Hugo bermthig. Jetzt fngt die Sache erst an interessant zu werden. Eine unzugngliche Villa, eine unsichtbare Dame, die noch dazu blond und eine Deutsche ist  das werde ich untersuchen, grndlich untersuchen. Schon meine Pflicht als Landsmann gebietet mir das.
Gott sei Dank, da Sie ihn auf diese Spur gebracht haben, Cesario, sagte Reinhold. Nun strt uns hoffentlich sein mhsam verhaltenes Ghnen nicht mehr, wenn wir von Musik reden. Ich wollte so noch Einiges ber die Partitur mit Ihnen sprechen.
Der junge Marchese war aufgestanden und legte jetzt wie bittend die Hand auf seine Schulter.
Nun, und die Oper? Bleiben Sie unerbittlich bei Ihrem Ultimatum stehen? Ich versichere Ihnen, Rinaldo, es ist fast unmglich, all die Aenderungen bis zum Herbste durchzufhren; ich habe mich selbst davon berzeugt. Man wird einen neuen Aufschub verlangen mssen, und Publicum und Gesellschaft warten nun bereits seit Monaten.
So warten sie noch lnger. Es klang eine hochmthig schroffe Abweisung in den Worten.
Wie ein Dictator gesprochen, bemerkte Hugo. Bist Du immer so souverain dem Publicum gegenber? Das Bild, das Maestro Gianelli von Dir entwarf, scheint doch einige treffende Zge zu besitzen. Ich glaube, es war wirklich nicht so unbedingt nothwendig, das ganze Opernpersonal, inclusive Eccellenza den Intendanten, so in Verzweiflung zu bringen, wie Du es diesmal gethan hast.
Reinhold hob den Kopf mit dem ganzen Stolze und der ganzen Rcksichtslosigkeit des verwhnten, gefeierten Knstlers, der gewohnt ist, seinen Willen als ein Gesetz befolgt zu sehen, und dem ein Widerspruch gleichbedeutend mit Beleidigung ist.
Ueber mein Werk und dessen Ausfhrung verfge ich. Entweder man hrt die Oper in der Gestalt, wie ich es wnsche, oder man hrt sie nicht. Ich habe ihnen die Wahl gelassen.
Als ob es eine Wahl gbe! meinte Cesario achselzuckend, indem er sich zu einem der Diener wandte, um ihm einen Auftrag zu geben, und die Brder auf einige Minuten allein lie.
Leider scheint es hier keine zu geben, sagte Hugo, dem jungen Wirthe nachblickend. Und Marchese Tortoni hat Dich auch mit auf dem Gewissen, wenn Du schlielich noch ganz und gar verdorben wirst durch die unsinnige Vergtterung, die man mit Dir treibt. Der leistet das Mglichste darin, wie berhaupt Dein ganzer Verehrerkreis! Sie setzen Dich ja wie einen Dalai Lama in die Mitte und gruppiren sich ehrfurchtsvoll um Dich herum, um den Aeuerungen Deines Genius zu lauschen, auch wenn es diesem Genius gelegentlich einmal belieben sollte, seine begeisterte Umgebung zu maltraitiren. Schade um Dich, Reinhold. Sie treiben Dich damit unfehlbar zu der Klippe, an der schon so manche bedeutende Kraft gescheitert ist  zur Selbstvergtterung.
Nun, da dies vorlufig noch nicht geschieht, dafr sorgst Du schon, entgegnete Reinhold sarkastisch. Du scheinst Dich jetzt ganz ausgezeichnet in der Rolle des getreuen Eckhard zu gefallen und probirst sie bei jeder Gelegenheit; sie ist aber die undankbarste von allen; gieb sie auf, Hugo! Sie sagt Deiner Natur ganz und gar nicht zu.
Der Capitain runzelte die Stirn, aber er blieb vollkommen ruhig bei dem Tone, der einen Anderen leicht gereizt htte, warf die Vogelflinte ber den Rcken und ging hinaus. Nach wenigen Minuten schon befand er sich drauen am Meere, und als der frische Seewind erst seine Stirn khlte, da war es auch schon wieder aus mit dem ganzen Ernste des Herrn Capitain; er schlug richtig den Weg nach der Villa Fiorina ein.
Die Wahrheit zu sagen, begann sich Hugo bereits zu langweilen in Mirando und in der vorwiegend knstlerischen Atmosphre, welche die Neigung des Marchese und die Gegenwart seines Bruders dort schufen. Die paradiesische Lage der Besitzung war dem mit der Schnheit der Tropenwelt vertrauten Seemanne nichts Neues, [493] und die Einsamkeit, der sich Reinhold mit einer fast krankhaften Sehnsucht hingab, sagte Hugos lebensfroher Natur durchaus nicht zu. Freilich lag das von Fremden schon reich bevlkerte S. in ziemlicher Nhe, aber man konnte doch nicht allzu oft hinberfahren und dadurch dem jungen Wirthe zeigen, da man bei ihm die Geselligkeit vermisse. Da kam denn diese vermuthlich schne und jedenfalls geheimnivolle und interessante Nachbarschaft uerst gelegen, und Hugo war sofort entschlossen, sie sich zu Nutze zu machen.
Das halte ein Anderer aus mit diesen Knstlern und Kunstenthusiasten! sagte er rgerlich, whrend er den Weg am Meere entlang verfolgte. Den halben Tag lang sitzen sie am Flgel, und whrend der brigen Zeit sprechen sie von Musik. Reinhold bewegt sich ewig in Extremen. Mitten aus dem wildesten Leben, aus den unsinnigsten Aufregungen strzt er sich Hals ber Kopf in diese ideale Einsamkeit und will nichts weiter hren und wissen als nur seine Musik; mich soll nur wundern, wie lange das anhlt. Und dieser Marchese Tortoni? Jung, schn, reich, aus dem edelsten Geschlecht, wei dieser Cesario mit dem Leben nichts Besseres anzufangen, als sich monatelang in die Einsamkeit seines Mirando zu vergraben, den Dilettanten in groem Stile zu spielen, und dem Reinhold mit seiner malosen Vergtterung den Kopf noch mehr zu verdrehen. Da verstehe ich meine Zeit doch besser anzuwenden!
Bei diesen letzten mit groem Selbstgefhle gesprochenen Worten blieb der Capitain stehen, denn das Ziel seines Ganges war vorlufig erreicht. Vor ihm lag die Villa Fiorina, berschattet von hohen Pinien und Cypressen und wie vergraben in blhenden Gestruchen. Das Haus selbst schien prachtvoll und gerumig zu sein, aber die Hauptfront, sowie die nach dem Meere hinaus gelegene Terrasse waren so dicht umrankt und umgeben von Rosen- und Oleandergebschen, da selbst der Falkenblick Hugos es nicht vermochte, die duftige Schutzwehr zu durchdringen. Eine hohe, von Schlingpflanzen berwucherte Mauer umschlo die parkartigen Gartenanlagen, die in dem Olivenwalde endigten, der die Besitzung umgab. Sie mochte, nach der Groartigkeit der ganzen Anlage zu urtheilen, wohl frher das Eigenthum einer vornehmen Familie gewesen sein, dann, wie so viele ihres Gleichen, fter den Besitzer gewechselt haben, und jetzt reichen Fremden zum vorbergehenden Aufenthalt dienen. Jedenfalls gab sie an Schnheit der Lage dem viel gepriesenen Mirando des Marchese Tortoni nicht das Geringste nach.
Der Capitain hatte seinen Feldzugsplan bereits entworfen; er musterte daher nur flchtig die Umgebung, machte einen vergeblichen Versuch von der Seeseite her einen freieren Blick auf die Terrasse zu gewinnen, ma fr alle Flle mit dem Auge die Hhe der Gartenmauer und schritt dann geradeswegs nach dem Eingange, wo er die Glocke zog und ohne Weiteres die Herrschaft zu sprechen verlangte.
Der Pfrtner, ein alter Italiener schien fr dergleichen Flle schon seine Instruction zu haben, denn ohne nur nach dem Namen des Fremden zu fragen, erklrte er kurz und bndig, die Herrschaft nehme keine Besuche an, und er bedaure, da sich der Signor umsonst bemht habe.
Hugo zog kaltbltig seine Karte hervor. Man wird eine Ausnahme machen. Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit, die durchaus persnliche Rcksprache erfordert. Ich werde inzwischen hier warten, da ich jedenfalls werde empfangen werden.
Er lie sich ruhig auf die Steinbank nieder, und diese unerschtterliche Zuversicht imponirte dem Pfrtner dermaen, da er wirklich an die Wichtigkeit der vorgeblichen Mission zu glauben begann. Er verschwand mit der Karte, whrend Hugo, ganz unbekmmert um die etwaigen Folgen, das Resultat seines kecken Manvers abwartete.
Dieses Resultat war ein ber Erwarten gnstiges, denn schon nach kurzer Zeit erschien ein Diener, der den Fremden, welcher sich mit einem deutschen Namen eingefhrt, auch in dieser Sprache anredete, und ihn ersuchte, einzutreten. Er fhrte den Capitain in einen Gartensaal und lie ihn dort allein, mit der Versicherung, der Herr werde sogleich erscheinen.
Glck mu der Mensch haben, sagte Hugo, selbst ein wenig erstaunt ber dieses unerwartet schnelle Gelingen. Ich wollte, Reinhold und der Marchese knnten mich jetzt sehen. Mitten in der unzugnglichen Villa, in Erwartung des Herrn und Gebieters derselben, und nur einige Thren weit von der blonden Signora. Das ist vorlufig genug fr die ersten fnf Minuten, und das htte nicht einmal mein genialer Herr Bruder fertig gebracht, vor dem doch sonst alle Thren springen. Jetzt heit es aber selbst genial sein, im Lgen nmlich. Was in aller Welt sage ich diesem Edlen, bei dem ich mich in einer wichtigen Angelegenheit habe anmelden lassen, ohne je eine Sylbe von ihm gehrt zu haben, so wenig als er von mir? Ah bah! Irgend Jemand hat mir auf irgend einer meiner Fahrten irgend einen Auftrag gegeben. Im schlimmsten Falle kann ich mich doch nur in der Person geirrt haben, inzwischen ist die Bekanntschaft eingeleitet, und das Uebrige ergiebt sich von selbst. Ich werde die Improvisation ganz nach der Persnlichkeit des Betreffenden einrichten, jedenfalls gehe ich nicht von der Stelle, ohne die Signora gesehen zu haben.
Er nahm Platz und begann in vollster Gemthsruhe die Umgebung zu betrachten. Meine verehrten Landsleute scheinen in der That der glcklich situirten Minderheit anzugehren, die jhrlich ber einige Zehntausende verfgt. Die ganze Villa nebst Park zum ausschlielichen Gebrauche gemiethet  die Einrichtung mit groen Kosten vervollstndigt, denn diesen Comfort findet man nicht hier im Sden  die eigene Dienerschaft mitgebracht; ich sah nicht weniger als drei Gesichter da drauen, denen die urgermanische Abkunft auf der Stirn geschrieben steht. Jetzt ist nur die Frage, ob wir es mit der Aristokratie oder mit der Brse zu thun haben. Das Letztere wre mir lieber, ich kann da doch wenigstens einige mercantilische Beziehungen geltend machen, whrend ich vor einem hohen Adel in der ganzen Nichtigkeit des Brgerlichen   wie, Consul Erlau?
Mit diesem in grenzenlosem Erstaunen hervorgestoenen Ausrufe prallte Hugo von der Schwelle zurck, auf der jetzt die wohlbekannte Gestalt des Handelsherrn erschien. Der Consul war freilich im Laufe der Jahre sehr gealtert, das einst so volle dunkle Haar erschien grau und sprlich; die Zge trugen den Ausdruck eines unverkennbaren Leidens, und auch das freundliche Wohlwollen, das sie sonst belebte, war, fr den Augenblick wenigstens, einer kalten Gemessenheit gewichen, mit der er sich dem Gaste nherte.
Herr Capitain Almbach, Sie wnschen mich zu sprechen?
Hugo war bereits Herr seiner Ueberraschung geworden und augenblicklich entschlossen, diesen ganz unerwartet gnstigen Zufall nach Krften zu benutzen. Er nahm all seine Liebenswrdigkeit zusammen.
Herr Consul, ich bin Ihnen sehr dankbar  ich hoffte in der That kaum, von Ihnen persnlich empfangen zu werden.
Erlau lie sich nieder und lud ihn mit einer Handbewegung zum Sitzen ein.
Ich habe auch auf rztliche Anordnung Besuche zu meiden; bei der Nennung Ihres Namens aber glaubte ich eine Ausnahme machen zu mssen, da es sich vermuthlich um meine Eigenschaft als Vormund Ihres Neffen handelt. Sie kommen im Auftrage Ihres Bruders?
Im Auftrage Reinholds? wiederholte Hugo ungewi. Wie so?
Es ist mir lieb, da Herr Almbach keine persnliche Annherung versucht hat, wie er sie schon einmal schriftlich versuchte, fuhr der Consul noch immer in dem Tone khler Zurckhaltung fort. Er scheint trotz unserer absichtlichen Zurckgezogenheit den gegenwrtigen Aufenthalt seines Sohnes zu kennen. Ich bedaure aber, Ihnen mittheilen zu mssen, da Eleonore durchaus nicht gesonnen ist 
Ella? Sie ist hier? Bei Ihnen? fuhr Hugo mit solcher Lebhaftigkeit auf, da Erlau ihn mit uerster Befremdung anblickte.
War Ihnen das nicht bekannt? Dann, Herr Capitain, darf ich wohl fragen, was mir eigentlich die Ehre Ihres Besuches verschafft?
Hugo berlegte einen Augenblick, er sah wohl, da der Name Reinholds, der ihm die Thren geffnet, doch die schlimmste Empfehlung war, die er hier mitbringen konnte, und fate danach seinen Entschlu.
Ich mu zuvrderst einen Irrthum aufklren, entgegnete er mit vollster Offenheit. Ich komme weder als Abgesandter [494] meines Bruders, wie Sie zu vermuthen scheinen, noch bin ich berhaupt in seinem Interesse oder mit seinem Wissen hier. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, er hat augenblicklich noch keine Ahnung davon, da seine Gattin und sein Sohn sich in seiner Nhe, da sie sich berhaupt in Italien befinden. Mich dagegen  hier hielt es der Capitain doch fr angemessen, etwas Dichtung in die Wahrheit zu mischen  mich dagegen fhrte ein Zufall auf die Spur, von deren Richtigkeit ich mich vorerst zu berzeugen wnschte. Ich kam, um meine Schwgerin zu sehen.
Das wrde wohl besser unterbleiben, meinte der Consul mit auffallender Klte. Sie werden begreifen, da ein solches Zusammentreffen fr Eleonore nur peinlich sein kann 
Ella wei am besten, wie ich von jeher zu der ganzen Angelegenheit gestanden habe, unterbrach ihn der Capitain. und sie wird mir sicher die erbetene Unterredung nicht versagen.
Nun wohl, so thue ich es im Namen meiner Pflegetochter, erklrte Erlau bestimmt.
Hugo stand auf. Herr Consul, ich wei, da Sie Vaterrechte ber meinen Neffen und auch wohl ber seine Mutter erworben haben, und ehre diese Rechte. Deshalb bitte ich Sie um die Gewhrung dieser Zusammenkunft. Ich werde meine Schwgerin mit keinem Worte, mit keiner Erinnerung verletzen, wie Sie es zu frchten scheinen, nur  sehen mchte ich sie doch wenigstens.
Es lag in den Worten eine so warme ernste Bitte, da der Consul schwankte. Er mochte wohl an die Zeit denken, wo der Muth des jungen Capitain Almbach ihm das beste seiner Schiffe gerettet hatte, und der Dank, den der reiche Handelsherr in berschwenglicher Weise abzutragen bereit war, hflich, aber bestimmt zurckgewiesen wurde. Es wre mehr als undankbar gewesen, diesem Manne gegenber auf der schroffen Abweisung zu beharren; er gab nach.
Ich werde fragen, ob Eleonore zu dieser Unterredung geneigt ist, sagte er aufstehend. Von Ihrem Hiersein ist sie allerdings schon unterrichtet, denn sie war bei mir, als ich Ihre Karte empfing. Ich bitte nur um einige Augenblicke Geduld.
Er verlie das Zimmer; es vergingen wohl an zehn Minuten ungeduldigen Harrens, da endlich wurde die Thr von Neuem geffnet und ein Damenkleid rauschte auf der Schwelle. Hugo ging rasch der Eintretenden entgegen.
Ella! Ich wute, da Sie mich nicht  Er stockte pltzlich, die zum Willkommen ausgestreckte Hand sank langsam nieder, und der Capitain stand wie angewurzelt.
Sie scheinen mich kaum mehr zu erkennen, sagte die junge Frau, die vergeblich auf eine Vollendung des Grues wartete. Habe ich mich denn so sehr verndert?
Ja  sehr, besttigte Hugo, dessen Auge noch immer in malosem Erstaunen an der Gestalt der vor ihm stehenden Dame hing. Der kecke, bermthige Seemann, der sich sonst jeder Lage des Lebens, jeder Ueberraschung gewachsen zeigte, stand hier stumm, verwirrt, fast bestrzt da. Freilich, wer htte das auch je fr mglich gehalten!
Das also war aus der einstigen Gattin seines Bruders geworden, aus der scheuen furchtsamen Ella, mit dem blassen unschnen Gesichtchen und dem linkisch schchternen Wesen! Jetzt erst sah man es, was jene Kleidung gesndigt hatte, in der Eleonore Almbach immer nur wie die Magd und nie wie die Tochter des Hauses erschien, und was jene unendliche Haube, die, wie fr die Stirn einer Sechszigjhrigen gemacht, Tag fr Tag das Haupt der noch so jugendlichen Frau bedeckte. Das Alles war verschwunden bis auf die letzte Spur. Das helle duftige Morgengewand lie die schlanke, noch immer mdchenhaft zarte Gestalt in ihrer ganzen Schnheit hervortreten, und der berreiche Schmuck der blonden Flechten, die jetzt unverhllt getragen wurden, umgab in seiner ganzen schweren, goldschimmernden Pracht das Haupt. Das Gesicht der blonden Signora hatte Marchese Tortoni freilich nicht gesehen, aber Hugo sah es jetzt, und whrend dieses secundenlangen Anschauens fragte er sich immer wieder, was denn eigentlich mit diesen Zgen vorgegangen sei, die einst so starr und leer waren, da man ihnen den Vorwurf der Stumpfheit gemacht, und die nun so beseelt und durchgeistigt erschienen, als sei ein Bann von ihnen genommen und irgend etwas Niegeahntes darin zum Leben erwacht. Freilich lag es noch um den Mund wie ein Zug leisen, nicht berwundenen Schmerzes, und die Stirn berschattete eine Schwermuth, die sie frher nicht gekannt, aber die Augen suchten nicht mehr verschleiert und scheu den Boden; jetzt waren sie klar und voll aufgeschlagen, und sie hatten wahrlich nichts eingebt von der einstigen Schnheit. Ella schien es gelernt zu haben, das, was ihr die Natur gegeben, nicht mehr ngstlich vor fremden Blicken zu verstecken. Als sie achtzehn Jahre alt war, fragte ein Jeder achselzuckend: Wie kommt diese Frau an die Seite dieses Mannes? Mit achtundzwanzig war sie eine Erscheinung, die mit jeder Anderen in die Schranken treten konnte. Wie schwer muten der Druck und die Fesseln des Elternhauses auf der jungen Frau gelastet haben, wenn wenige Jahre, in freieren edleren Umgebungen verlebt, gengt hatten, um die einstige Hlle bis auf den letzten Rest abzustreifen und dem Schmetterlinge die Flgel zu lsen. Die fast unglaubliche Vernderung bewies, was die einstige Jugenderziehung verschuldet.
Sie wnschten eine Unterredung mit mir, Herr Capitain? begann Ella, indem sie sich auf die Ottomane niederlie. Darf ich bitten?
Worte und Haltung waren so sicher und unbefangen, wie die einer vollendeten Weltdame, die einen Besuch empfngt, aber auch fremd und khl, als habe sie nicht die geringste Beziehung zu diesem Besuche. Hugo verneigte sich; es lag noch eine helle Rthe auf seiner Stirn, als er, der Einladung folgend, an ihrer Seite Platz nahm.
Ich bat darum  der Herr Consul glaubte mir in Ihrem Namen diese Unterredung versagen zu mssen, aber ich bestand auf der directen Anfrage bei Ihnen. Ich hatte ein besseres Vertrauen zu Ihrer Gte, gndige Frau.
Sie sah ihn gro und fragend an. Sind wir uns so fremd geworden? Warum geben Sie mir diesen Namen?
Weil ich sehe, da mein Besuch hier als ein unberechtigtes Eindringen angesehen wird, das man nur um des Namens willen, den ich trage, nicht entschieden zurckweist, versetzte Hugo mit einiger Bitterkeit. Schon Herr Consul Erlau lie mich das fhlen, und hier mache ich zum zweiten Male die Erfahrung. Und doch kann ich auch Ihnen nur wiederholen, da ich ohne Auftrag, selbst ohne Wissen  eines Anderen hier bin und da dieser Andere bis zur Stunde noch keine Ahnung von Ihrer Nhe hat.
Nun so bitte ich Sie, diese Nhe auch ferner ein Geheimni bleiben zu lassen, sagte die junge Frau ernst. Sie werden begreifen, da ich nicht wnsche, meine Anwesenheit verrathen zu sehen, und S. ist immerhin weit genug entfernt, um das mglich zu machen.
Wer sagt Ihnen denn, da wir unseren Aufenthalt in S. genommen haben? fragte Hugo etwas betreten ber die Sicherheit dieser Annahme.
Sie wies nach den auf dem Tische liegenden Zeitungen. Ich las heute Morgen, da man dort zwei der ersten musikalischen Berhmtheiten erwartet. Die Nachricht ist versptet, wie ich sehe, und Sie sind jedenfalls Gast Ihres Bruders.
Hugo schwieg; er hatte nicht den Muth, ihr zu sagen, um wie vieles nher ihr der einstige Gatte war, und die Zeitungsnotiz konnte er sich leicht erklren, da er von der bevorstehenden Ankunft Beatricens wute. Man war eben gewohnt, sie und Reinhold stets zusammen zu nennen, und wenn dieser auch jetzt noch in Mirando weilte, so setzte man sein Kommen doch als bestimmt voraus, sobald sie in S. eingetroffen. Im Grunde war es ja auch ein verabredetes Zusammentreffen zwischen den Beiden, ableugnen lie sich das nicht.
Aber weshalb dieses Verbergen? fragte er, den gefhrlichen Punkt ganz unberhrt lassend. Sie sind es doch nicht, Ella, die eine etwaige Begegnung zu scheuen oder zu fliehen hat?
Nein! Aber meinen Knaben will ich um jeden Preis schtzen vor der Mglichkeit einer solchen Begegnung.
Mit seinem Vater? Hugo legte einen vorwurfsvollen Nachdruck auf das letzte Wort.
Mit Ihrem Bruder  ja!
Der Capitain sah berrascht auf. Der Ton klang eiskalt, und starr und eisig lag es auf dem Antlitze der jungen Frau, das auf einmal den Ausdruck eines unbeugsamen Willens zeigte, wie ihn Niemand in dieser lieblichen Erscheinung gesucht htte.
[496] Das ist hart, Ella, sagte Hugo leise. Wenn Sie sich unnahbar machen  ich begreife es nach dem, was geschehen ist, warum aber auch den Knaben? Reinhold versuchte es schon einmal, sich seinem Kinde zu nhern  Sie wiesen ihn zurck 
Ella unterbrach ihn, Sie haben mir gesagt, da Sie ohne Auftrag kommen, Hugo, und ich glaube Ihnen; dann aber braucht dieser Punkt nicht weiter zwischen uns errtert zu werden. Lassen wir ihn ruhen!  Ich war sehr berrascht, Sie hier in Italien wieder zu sehen. Gedenken Sie lange hier zu bleiben?
Der Capitain folgte, wenn auch mit einiger Betroffenheit, dem gegebenen Winke. Es war ihm doch noch gar zu ungewohnt, da seine junge Schwgerin, die er fast nur als stumme scheue Zuhrerin gekannt, so vollstndig das Gesprch beherrschte und es mit so groer Sicherheit und Unbefangenheit auf einen anderen Gegenstand hinberzuleiten wute, wenn der frhere ihr peinlich wurde.
Wohl lnger, als ich anfangs glaubte, sagte er, ihre Frage beantwortend. Mein Aufenthalt war ursprnglich nur auf kurze Zeit bestimmt, aber ein Sturm, der uns auf offener See ergriff, hat meine Ellida so zugerichtet, da ich nur mit Mhe den nchsten italienischen Hafen erreichte und vorlufig noch nicht daran denken kann, die Fahrt wieder aufzunehmen. Die Arbeiten am Schiffe werden Monate erfordern, und mein Urlaub ist somit ins Ungewisse verlngert worden. Ich ahnte freilich nicht, da ich Sie hier finden wrde.
Ueber das Antlitz der jungen Frau flog ein Schatten.
Wir sind auf rztlichen Befehl hier, erwiderte sie ernst. Ein Brustleiden nthigte meinen Pflegevater, den Sden aufzusuchen; seine Gattin ist schon seit mehreren Jahren todt, und Sie wissen ja, da er kinderlos ist. Ich war lngst in die Rechte einer Tochter getreten; da war es wohl selbstverstndlich, da ich auch die Pflichten derselben bernahm. Die Aerzte bestanden durchaus auf diesen Ort, der in der That die gnstigste Wirkung zu ben scheint, und so sehr ich wnschte, gerade Italien zu vermeiden, so konnte ich es doch nicht ber mich gewinnen, den Kranken, dem meine Nhe Bedrfni geworden war, allein reisen zu lassen. Wir glaubten jeder peinlichen Begegnung vorzubeugen, wenn wir die Stadt vermieden, in der  Signor Rinaldo lebt, und uns hier die einsamste und abgelegenste der Villen zu mglichster Zurckgezogenheit auswhlten. Die Maregeln waren umsonst, wie ich sehe; Sie waren kaum in meiner Nhe, als Sie auch bereits meinen Aufenthalt entdeckten.
Ich? Ja freilich, sagte Hugo in unwillkrlicher Verlegenheit. Und Sie machen mir einen Vorwurf daraus?
Ella lchelte. Nein! Aber gewundert hat es mich, da Capitain Hugo noch so viel Interesse fr die kleine Cousine und ehemalige Spielgefhrtin hegte, um so hartnckig auf einem Wiedersehen zu bestehen, das ihm anfangs verweigert wurde. Wir glaubten uns hinreichend gegen fremde Besuche gesichert zu haben. Sie wuten dennoch den Eingang zu erzwingen, und das zeigt mir, da ich auch schon in meinem frheren Leben Freunde besessen habe. Bis heute bezweifelte ich das, aber es ist doch eine Gewiheit, die mir wohl thut, und dafr danke ich Ihnen, Hugo.
Sie hatte die Augen klar und voll zu ihm aufgeschlagen, und mit einem reizenden Lcheln, welches das Gesicht unendlich lieblich erscheinen lie, streckte sie ihm jetzt vertraulich die Hand entgegen. Aber der freundliche Dank fand keine Antwort  die Stirn des Capitains brannte in glhender Rthe, und urpltzlich sprang er auf und stie ihre Hand zurck.
[507] Nein! sagte der Capitain.  Das geht nicht!  Ich  ich habe Ihnen ein Bekenntni zu machen, Ella,  auf die Gefahr hin, da Sie mir dann sofort die Thr weisen.
Was haben Sie mir denn zu bekennen? fragte die junge Frau erstaunt.
Hugo sah zu Boden. Da ich noch immer der Abenteurer bin, dem Sie einst so nachdrcklich den Text gelesen. Gebessert hat ihn das freilich nicht, aber er hat es seitdem doch nicht wieder versucht, mit seinen Thorheiten Ihnen nahe zu kommen, und kanns auch heute nicht. Also kurz und gut, ich hatte keine Ahnung davon, wer die Bewohner dieser Villa seien, als ich meine Schritte hierher lenkte. Ich lie mich bei dem mir vllig unbekannten Herrn melden, weil Marchese Tortoni mir von einer jungen Dame gesprochen hatte, die hier in uerster Zurckgezogenheit lebe, und  ja, das wute ich vorher, da Sie mich wieder so ansehen wrden.
Ihr Blick hatte ihn in der That ernst und vorwurfsvoll getroffen; jetzt wandte sie sich schweigend ab und sah durch das Fenster. Es entstand eine Pause, dann trat Hugo an ihre Seite.
Das war der Zufall, der mich hergefhrt. Nun, Ella? Ich warte auf meine Strafpredigt.
Sie sind ja frei und haben keine Pflicht zu verletzen, sagte die junge Frau khl. Im Uebrigen kann meine Meinung in solchen Dingen wohl schwerlich von Einflu auf Sie sein, Herr Capitain.
Und damit hat der Herr Capitain sich zu entfernen, um das nchste Mal verschlossene Thren zu finden, nicht wahr? In seiner Stimme klang eine unverkennbare Erregung. Sie sind doch ungerecht gegen mich. Da ich hier, wo ich vllig Unbekannte zu finden whnte, einem Abenteuer nachging  nun, das ist eben nichts Neues bei mir, aber da ich die grenzenlose Albernheit beging, es Ihnen einzugestehen, obwohl mir doch der beste Vorwand zur Tuschung gegeben war, das ist sehr neu, und dazu haben nur Sie mich mit diesen Augen gezwungen, die mich wieder so gro und fragend anblickten, da ich roth wurde wie ein Schulknabe und nicht von der Stelle konnte mit meiner Lge. Und dafr bekomme ich nun auch sofort wieder den Herrn Capitain zu hren, der sich, Gott sei Dank, auf eine Viertelstunde aus unserem Gesprch empfohlen hatte.
Ella schttelte leise das Haupt. Sie haben mir die ganze Freude am Wiedersehn verdorben  jetzt freilich 
Haben Sie sich denn gefreut? Haben Sie das wirklich? rief Hugo, sie lebhaft unterbrechend, mit aufblitzenden Augen.
Gewi, versicherte sie ruhig. Man freut sich immer, wenn man in der Ferne Gre und Erinnerungen aus der Heimath wiederfindet.
Ja so, sagte Hugo langsam. Ich hatte ganz vergessen, da wir nebenbei noch Landsleute sind. Also nur den Deutschen haben Sie in mir gesehen? Da bekenne ich denn doch offen, da meine Regungen nicht so allgemein patriotischer Natur waren, als ich Sie wiedersah.
Trotz der unvermeidlichen Enttuschung, die Ihnen die Entdeckung bereitete? fragte Ella mit einiger Schrfe.
Der Capitain sah sie einige Secunden lang unverwandt an.
Sie lassen mich das unvorsichtige Gestndni arg ben, Ella. Seis darum! Ich mu es wohl ertragen. Nur eine Frage noch, ehe ich gehe, oder eine Bitte vielmehr. Darf ich wiederkommen?
Sie zgerte mit der Antwort; er trat ihr einen Schritt nher. Darf ich wiederkommen? Ella, was habe ich Ihnen denn gethan, da Sie auch mich von Ihrer Schwelle bannen wollen?
Es lag ein Vorwurf in den Worten, der seinen Eindruck auf die junge Frau nicht verfehlte. Ich thue es ja auch nicht, erwiderte sie leise. Wenn Sie mich wieder aufsuchen wollen  Ihnen wird unsere Thr nicht verschlossen sein.
Mit einer raschen Bewegung ergriff Hugo ihre Hand und zog sie an seine Lippen, aber diese Lippen ruhten ungewhnlich lange darauf, viel lnger als es sonst bei einem Handku blich ist, und Ella schien das zu fhlen, denn sie zog etwas hastig die Hand zurck. Ebenso hastig richtete sich auch der Capitain auf; die helle Rthe von vorhin lag wieder auf seinem Antlitz und er, der nie um eine Artigkeit oder eine passende Antwort verlegen war, sagte jetzt nur einsilbig:
Ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen also!
Auf Wiedersehen! entgegnete Ella mit einer Befangenheit, die seltsam mit der Ruhe und Sicherheit contrastirte, die sie whrend der ganzen Unterredung gezeigt hatte. Fast schien es, als bereue sie die soeben gegebene Erlaubni, die gleichwohl nicht mehr zurckgenommen werden konnte.
Wenige Minuten darauf befand sich Capitain Almbach im Freien und schlug langsam den Rckweg nach Mirando ein. Er hatte wieder einmal seinen Willen durchgesetzt und das heute Morgen im Uebermuthe gegebene Versprechen eingelst. Aber er schien wenig geneigt, diesen Triumph irgendwo geltend zu machen. Nach der Villa zurckschauend, strich er mit der Hand ber die Stirn wie Jemand, der aus einem Traume erwacht.
[508] Ich glaube, die elegische Atmosphre in Mirando hat mich angesteckt, murmelte er rgerlich. Ich fange jetzt auch an, die einfachsten Dinge vom ideal-romantischen Standpunkte aufzufassen. Was ist denn eigentlich an dieser Begegnung, da ich so gar nicht darber hinauskommen kann? Die Erlauschen Salons sind eben eine gute Schule gewesen, und die Schlerin hat ber Erwarten leicht und schnell begriffen. Geahnt habe ich lngst so etwas und doch  Thorheit, was geht es mich denn an, wenn Reinhold schlielich seine Blindheit bereuen lernt! Und sie wei noch nicht einmal, wie nahe er ihr ist, so nahe, da eine Begegnung auf die Dauer nicht ausbleiben kann. Ich frchte, der Versuch einer Annherung kme Reinhold dieses Mal noch viel theurer zu stehen als jener erste. Was war das fr ein seltsam eisiger Ausdruck in ihrem Gesichte, als ich auf die Mglichkeit einer Vershnung hindeutete! Das,  hier athmete Hugo auf, in vielleicht unbewuter, aber tiefster Genugthuung  das sprach Nein bis in alle Ewigkeit. Und wenn sie jetzt auch Zufall oder Schicksal wieder zusammenfhrt, jetzt ists zu spt  jetzt hat er sie verloren.



Ueber den blauen Spiegel der Fluth glitt ein Boot, das, von S. kommend, die Richtung nach Mirando nahm. Das zierliche Aussehen der Barke lie sie als das Eigenthum irgend einer reichen Familie erkennen, und die beiden Ruderer trugen die Farben des Hauses Tortoni. Fr den Herrn jedoch, der sich auerdem noch im Boote befand, schien weder die schwebend schnelle Fahrt noch das herrliche Panorama ringsum auch nur das mindeste Interesse zu besitzen. Er lehnte, wie schlafend, mit geschlossenen Augen in seinem Sitze und blickte erst auf, als das Fahrzeug an der Marmortreppe anlegte, die von der Terrasse der Villa direct ins Meer hinab fhrte. Er stieg aus. Ein Wink verabschiedete die beiden Leute, die, wie die gesammte Dienerschaft des Marchese, gewohnt waren, dem berhmten Gast ihres Herrn fast noch greren Respect als diesem selbst zu erweisen. Einige Ruderschlge trieben das Boot seitwrts, und gleich darauf legte es drben am Parke in einem kleinen Hafen an.
Reinhold betrat die Stufen und stieg langsam hinauf. Er kam von S. her, wo Beatrice inzwischen eingetroffen war. Wie gewhnlich war die Knstlerin auch hier, wo alle Fremden und Einheimischen von Bedeutung sich zur Villeggiatur zusammenfanden, von Bekannten umringt und mit Huldigungen umgeben worden, und Reinhold befand sich kaum an ihrer Seite, als auch ihm, und zwar in noch hherem Mae, dieses Schicksal zu Theil wurde. In Beatrices Nhe gab es nun einmal fr ihn kein Ausruhen und keine Erholung; sie zog ihn sofort wieder in den Strudel hinein. Aus den Stunden, die er bei ihr zubringen wollte, waren Tage geworden, die an Aufregung und Zerstreuung den letzten Wochen in der Stadt wenig nachgaben, und nachdem er sie gestern Abend noch zu einer greren Festlichkeit begleitet, welche die ganze Nacht hindurch bis an den lichten Morgen whrte, hatte er sich endlich mit Tagesanbruch losgerissen und sich ins Boot geworfen, um nach Mirando zurckzukehren.
Er athmete tief auf bei der Stille und Einsamkeit, die ihn hier umfing und die nicht einmal durch einen Gru oder Empfang gestrt wurde. Cesario hatte, wie er wute, heute bereits in aller Frhe und in Begleitung Hugos einen Ausflug nach der benachbarten Insel unternommen, von dem beide erst gegen Abend zurckerwartet wurden, und fr Fremde war die Villa jetzt nicht zugnglich. Der junge Marchese liebte es nicht, in der Einsamkeit seiner Villeggiatur gestrt zu werden, und der Verwalter hatte Befehl erhalten, whrend seiner Anwesenheit keine fremden Besucher zuzulassen, ein Befehl, der in vollster Strenge aufrecht erhalten wurde, zum groen Mivergngen der Fremden, denen Mirando als ein beliebtes Ziel ihrer Ausflge galt. Die Besitzung mit ihren weiten Grten und prachtvollen Gebuden, die man im Norden unbedingt ein Schlo genannt htte, und die hier nur den bescheidenen Namen einer Villa fhrte, war weitberhmt, nicht allein wegen ihrer paradiesischen Lage und des unbegrenzten Blickes auf das Meer hinaus, sondern auch wegen der reichen Kunstschtze, die sie in ihrem Innern barg und die jetzt nur das Auge der Wenigen entzckten, die das Glck hatten, sich die Gste des Marchese nennen zu drfen.
Ueberwacht, ermdet, und doch unfhig, Schlaf und Ruhe zu suchen, warf sich Reinhold auf eine der Marmorbnke im Schatten der Sulenhalle; er fhlte sich abgespannt bis zur uersten Erschlaffung. Jawohl, diese schwlen italienischen Nchte, mit ihrem betubenden Blthenduft und ihrer mondbeglnzten Ruhe oder dem rauschenden Festesjubel, diese sonnenhellen Tage mit dem ewig blauen Himmel und der glhenden Farbenpracht der Erde, sie hatten ihm alles gegeben, was er nur je im kalten trben Norden davon getrumt, aber sie hatten ihm auch den besten Theil seiner Lebenskraft gekostet. Die Zeit war lngst vorber, wo dem jungen Knstler das ganze Dasein nur ein Wechsel war von glhendem Rausch und beseligenden Trumen. Das hatte monden-, jahrelang gewhrt  dann war allmhlich die Ermdung gekommen und dann zuletzt das Erwachen, wo diese herrliche farbenglnzende Welt so kalt und leer vor ihm lag, wo die Ideale zusammensanken und die einst so hei ersehnte Freiheit zur grenzenlosen Oede wurde, die keine Pflicht, aber auch keine Sehnsucht mehr begrenzte. Mit den Fesseln, die er so energisch und rcksichtslos gesprengt, hatte er auch den Zgel verloren; er schweifte hinaus ins Schrankenlose, und die Schrankenlosigkeit war ihm zum Fluche geworden. Den Knstler bewahrte freilich der Prometheusfunke in seinem Inneren vor dem Schicksal, das so viele Andere ereilte, vor dem rettungslosen Versinken in diese Ernchterung und Gleichgltigkeit gegen alles, aber dieselbe Macht, die ihn immer und immer wieder daraus emporri, jagte ihn auch ruhelos umher, dem Einen nie Erreichten nach, das er nicht zu nennen wute, und von dem er nur fhlte, da es ihm fehle und ewig fehlen werde. Italien in all seiner Schnheit hatte es ihm nicht zu geben vermocht, nicht die glhende Liebe Beatricens und nicht die Kunst, die ihm doch den vollsten Ruhmeskranz gereicht  das Phantom zerflo, sobald er die Arme danach ausstreckte. Und wenn die Wunderblthe des Sdens sich ihm auch geffnet hatte in ihrer ganzen berauschenden Pracht  die blaue Mrchenblume hatte er nicht gefunden. 
Reinhold schreckte pltzlich empor aus seinen Trumereien. Irgend etwas hatte ihn darin gestrt. War es ein Schritt, ein Rauschen gewesen  er erhob sich und sah mit grenzenlosem Erstaunen eine Dame nur wenige Schritte entfernt auf der Terrasse stehen und in das Meer hinausblicken. Was sollte das heien? und wie kam diese Fremde hierher, jetzt wo Mirando doch fr Besucher nicht zugnglich war? Sie konnte erst vor wenigen Minuten aus der noch offenen Thr getreten sein, die in den Saal fhrte, der die berhmte Gemldesammlung der Villa enthielt, und schien den einsamen Trumer in der Sulenhalle so wenig bemerkt zu haben, wie er sie.
Reinhold war lngst auch gegen Frauenschnheit gleichgltig geworden, aber diese Erscheinung fesselte ihn doch unwillkrlich. Sie stand im Schatten einer der riesigen Vasen, welche die Terrasse schmckten; nur das etwas vorgeneigte Haupt wurde von dem vollen Sonnenlicht getroffen und die schweren blonden Flechten schimmerten in dem Strahle wie gesponnenes Gold. Das Gesicht war zur Hlfte abgewendet. Man sah kaum das zarte, rein und edel gezeichnete Profil. Die schlanke Gestalt im luftig weien Gewande lehnte leicht in unbeschreiblich graziser Haltung an der Marmorbalustrade; die linke Hand sttzte sich darauf, whrend die herabhngende Rechte den blumengeschmckten Strohhut hielt. Sie stand unbeweglich, ganz im Anblick des Meeres versunken und hatte augenscheinlich keine Ahnung davon, da sie beobachtet wurde.
Es war noch frh am Tage. Der Morgen war in leuchtender Klarheit aus dem Meere emporgestiegen und lag jetzt sonnig lchelnd in thauiger Frische ber der ganzen Umgebung. Noch umwob blauer Dunst das Vorgebirge und die fernen Ksten, deren Linien wie hingehaucht am Horizont zu schweben schienen, und in der Luft flimmerte es noch wie feuchter Silberglanz. Es lag etwas Mrchenhaftes in dieser Morgenstunde und dieser Umgebung, vor Allem in der weien Gestalt da drben mit dem goldschimmernden Haar, und wie ein Mrchenschlo, das aus der feuchten Tiefe emporgestiegen, erschien auch Mirando mit seinen weien Marmorsulen und Terrassen. Tiefblau wlbte sich der Himmel darber hin und tiefblau rauschte das Meer zu seinen Fen. Aus den Grten wehte der Blthenduft herber, aber geisterhafte Stille umfing Alles, als sei jedes Leben hier gebannt oder in Schlaf versunken. Kein Ton ringsum, nichts als das leise Wallen des Meeres, der immer gleiche, trumerische Laut der Wellen, welche die Marmorstufen kten, und vor den Blicken [509] nur die blaue wogende Unermelichkeit, die sich fernhin dehnte in unbegrenzter Weite.
Reinhold verharrte regungslos in seiner Stellung; er mochte mit keiner Bewegung den Zauber dieser Minute stren. Wehte es doch auf einmal zu ihm herber wie ein Hauch der alten Sagenpoesie seiner Heimath, die er lngst vergessen, und die mit ihrem schwermthig sen Reiz in diesem Augenblicke wieder vor ihm auftauchte. Aber die tiefe Stille wurde pltzlich unterbrochen durch das helle Jauchzen einer Kinderstimme. Ein Knabe von sieben oder acht Jahren strmte die Stufen zur Terrasse herauf, eine groe, glnzende Muschel in der Hand, die er irgendwo am Ufer aufgelesen haben mochte. Das Kind war sichtlich voll Entzcken ber seinen Fund; das ganze kleine Gesicht strahlte, als er mit glhenden Wangen und fliegenden Locken auf die Dame zueilte, die sich auf seinen Ruf umwandte.
Mit einem halb unterdrckten Aufschrei fuhr Reinhold auf und stand dann wie in dem Boden festgewurzelt. In dem Momente, wo sie ihm das Gesicht voll zuwendete, erkannte er die Fremde, die Ellas Zge trug und doch nicht Ella sein konnte. Betubt, todtenbleich starrte er die Frau an, deren poetische Erscheinung er soeben noch bewundert und die doch Zug um Zug seiner so sehr miachteten und schlielich verlassenen Gattin glich. Auch sie hatte ihn erkannt; das bewies die tiefe Blsse, die auch ihr Antlitz berflog, bewies auch ihr jhes Zurckweichen. Sie fate nach der Marmorbalustrade, wie um einen Halt zu suchen, aber jetzt hatte der Knabe sie erreicht, und seine Muschel mit beiden Hnden emporhaltend, rief er triumphirend:
Mama! Liebe Mama, sieh nur, was ich gefunden habe!
Das ri Reinhold aus seiner Erstarrung. Betubung, Schreck, Erstaunen, das Alles verschwand, als er die Stimme seines Kindes vernahm. Nur der Eingebung des Augenblickes folgend, strzte er vorwrts und streckte die Arme aus, um den Knaben strmisch an seine Brust zu reien.
Reinhold!
Almbach hielt betreten inne, aber der Name galt nicht ihm, sondern dem Knaben, der, dem Rufe augenblicklich gehorchend, zur Mutter eilte. Mit einer raschen Bewegung legte sie beide Arme um ihn, als wolle sie ihn schtzen oder verbergen, und richtete sich dann empor. Noch war die Blsse nicht von ihrem Antlitze gewichen, und die Lippen bebten noch, aber die Stimme klang fest und energisch.
Du darfst Fremde nicht belstigen, Reinhold. Komm, mein Kind! Wir wollen gehen.
Almbach zuckte zusammen und trat einen Schritt zurck; der Ton war ihm so neu, wie das ganze Wesen derjenigen, die er einst seine Gattin genannt. Htte er nicht ihre Stimme erkannt, er wrde jetzt mehr als je an eine Tuschung geglaubt haben. Der Kleine dagegen blickte bei dem Vorwurf verwundert auf. Er war dem fremden Herrn ja nicht einmal nahe gekommen und hatte ihn sicher nicht belstigt, aber er sah an der Blsse und Aufgeregtheit der Mutter, da irgend etwas Ungewhnliches vorging, und die groen blauen Augen des Kindes richteten sich trotzig, fast feindselig auf den Unbekannten, von dem es instinctmig errieth, da er es sei, der die Mama so erschreckt habe.
Ella hatte sich bereits wieder gefat. Sie wandte sich zum Gehen, den Arm noch immer fest um die Schulter ihres Knaben gelegt, aber Reinhold vertrat ihr jetzt heftig den Weg  sie mute stehen bleiben.
Wollen Sie die Gte haben, uns vorber zu lassen? sagte sie kalt und fremd. Ich bitte darum.
Was soll das, Ella? brach Reinhold jetzt in leidenschaftlicher Erregung aus. Du hast mich so gut erkannt, wie ich Dich. Wozu dieser Ton zwischen uns?
Sie sah ihn an; in dem Blicke lag die ganze Antwort, eiskalte niederschmetternde Verachtung. Er hatte es freilich nie fr mglich gehalten, da Ellas Augen so blicken konnten, aber er wandte sein Angesicht vor ihnen zu Boden.
Wollen Sie die Gte haben, uns den Weg frei zu geben, Signor? wiederholte sie in vollkommen reinem Italienisch, als nehme sie an, er habe die deutsche Anrede nicht verstanden. Es lag ein entschiedener Befehl in den Worten, und Reinhold  gehorchte. Ganz fassungslos wich er zur Seite und lie sie vorber. Er sah, wie sie mit dem Kinde die Stufen hinabstieg, wie dort unten ein Diener in fremder Livree, der gewartet zu haben schien, sich ihnen anschlo, und wie alle Drei durch die Grten davon eilten; er selbst aber stand noch immer oben auf der Terrasse und besann sich, ob er denn getrumt habe und das Ganze nur ein Gebilde seiner Phantasie sei.
Das geruschvolle Schlieen der Thr, die in den Gemldesaal fhrte, brachte ihn wieder zur Besinnung. Mit wenigen Schritten stand er dort, und die Thr ungestm aufreiend, trat er in den Saal, wo der Verwalter von Mirando soeben beschftigt war, die Vorhnge wieder niederzulassen, die er der besseren Beleuchtung wegen aufgezogen hatte.
Wer war die Dame mit dem Kinde, die sich soeben hier auf der Terrasse befand? Mit dieser hastigen Frage strmte Reinhold auf den Mann ein, der sehr bestrzt schien, als er den Gast seines Herrn, den er noch in S. vermuthete, so pltzlich vor sich sah; er zgerte in sichtlicher Verlegenheit mit der Antwort.
Verzeihung, Signor  ich hatte keine Ahnung davon, da Sie schon zurck seien, und da Eccellenza und der Signor Capitano erst gegen Abend erwartet werden, so hatte ich mir erlaubt 
Wer war die Dame? drngte Reinhold in fieberhafter Ungeduld, ohne auf die Entschuldigung zu achten. Woher kam sie? Schnell! Ich mu es wissen.
Drben aus der Villa Fiorina, sagte der Verwalter, halb verwundert, halb erschreckt ber das Ungestm des Fragenden. Die fremde Signora wnschte Mirando zu sehen und lie durch ihren Diener anfragen. Eccellenza haben freilich befohlen, whrend ihres Hierseins keine Besucher einzulassen, aber es war ja heute Morgen Niemand von den Herrschaften anwesend, und da glaubte ich eine Ausnahme machen zu drfen. Er hielt inne und setzte dann im Tone der Bitte hinzu: Es wrde mir freilich groe Ungelegenheiten bei Eccellenza bereiten, wenn Signor Rinaldo es ihm mittheilen wollten.
Ich? Nein, sagte Reinhold wie abwesend. Und wie nannte sich die Dame?
Erlau, wenn ich recht verstanden habe.
Erlau  so? Almbach fuhr mit der Hand ber die Stirn. Es ist gut, Mariano; ich danke Ihnen, sagte er und verlie den Saal.



Der Tag war glhend hei geworden, und auch der Abend brachte weder Khle noch Erfrischung. Luft und Meer schienen von keinem Hauche bewegt, und die Sonne ging in heien Dunstwolken nieder. Auch in der Villa Fiorina schien man von der Gluth zu leiden. Die Bewohner hielten sich vermuthlich drinnen in den khleren Zimmern, denn die Jalousien waren whrend des ganzen Tages nicht geffnet worden und die Glasthren, welche nach der Terrasse fhrten, blieben geschlossen. Die deutsche Familie bewohnte das weitlufige Gebude, das sie fr sich allein in Anspruch genommen hatte, kaum zur Hlfte. Einige Zimmer rechts vom Gartensaale waren fr den Consul eingerichtet worden; die auf der andern Seite gelegenen bewohnte dessen Pflegetochter mit ihrem Kinde; die Dienerschaft war in den hinteren Rumen untergebracht, und das Uebrige stand leer.
Es war schon in vorgerckter Abendstunde, als Ella in den von einer Lampe erhellten Gartensaal trat. Der Consul hatte sich bereits zur Ruhe begeben, und die junge Frau kam von ihrem Knaben, den sie, nachdem er eingeschlummert war, der Obhut seiner Wrterin berlie. Vielleicht war es der matte Lampenschein, der ihr Antlitz auch jetzt noch so bla erscheinen lie; seit dem heutigen Morgen war die Farbe noch nicht wieder darauf zurckgekehrt, wenn auch die Zge selbst vollkommen ruhig erschienen.
Sie ffnete die Glasthr und trat auf die Terrasse. Drauen herrschte bereits vllige Dunkelheit; kein Mondstrahl drang durch das Gewlk, das noch immer den Himmel umzogen hielt, kein Hauch des Seewindes bewegte die blhenden Gestruche. Schwl und schwer, schien die Luft auf der Erde frmlich zu lasten, und das Meer lag in trger Ruhe, fast regungslos. Es war bengstigend in dieser schwlen Stille und Dunkelheit; dennoch schien Ella sie dem Aufenthalt in dem erhellten Gartensaale vorzuziehen; sie stand wie heute Morgen an die Steinbalustrade gelehnt, zur Hlfte noch in dem matten Lichtkreise, der aus der geffneten Thr auf die Terrasse fiel und die helle Gestalt, wenn auch undeutlich, erkennen lie.
[510] ?Einige Minuten mochten so vergangen sein, als ein Gerusch in ihrer Nhe sie aufschreckte. Mit einem leichten Aufschrei wollte sie nach dem Hause zurckflchten, denn dicht neben ihr stand eine hohe dunkle Mnnergestalt, in demselben Augenblicke aber legte sich auch eine Hand auf ihren Arm, und eine unterdrckte Stimme sagte:
Beruhige Dich, Ella! Es ist weder ein Ruber noch ein Dieb, der vor Dir steht, wenn Du mich auch gezwungen hast, den Weg eines solchen zu whlen.
Die junge Frau hatte beim ersten Ton Reinholds Stimme erkannt, aber sie wich nur um so weiter zurck, bis an die Schwelle der Glasthr.
Was wnschen Sie, Signor? sagte sie kalt in italienischer Sprache. Und was bedeutet dieser Ueberfall zu einer solchen Stunde?
Reinhold war ihr gefolgt, aber er versuchte es nicht wieder, ihren Arm zu berhren oder ihr auch nur nahe zu kommen.
Vor allen Dingen wnsche ich, da Du die Gte haben mgest, einmal Deutsch mit mir zu sprechen, versetzte er mit mhsam verhaltener Erregung. Ich habe unsere Sprache doch nicht so ganz verlernt, wie Du vorauszusetzen scheinst. Woher ich komme? Aus dem Boote dort! Die Terrasse wenigstens hat sich nicht so unzugnglich gezeigt, wie die Thren Deines Hauses, die mir verschlossen blieben.
Er wies nach dem Meere hinber. Es war ein Wagni, von dem schwankenden Boote aus die hohe Steinterrasse zu ersteigen, aber Reinhold schien nicht in der Stimmung, nach der Mglichkeit einer Gefahr zu fragen. Er war augenscheinlich schon hier gewesen, als sie heraustrat, und fuhr jetzt noch erregter fort:
Es wird Dir wohl nicht unbekannt geblieben sein, da ich bereits heute Nachmittag hier war. Du lieest mich abweisen, oder vielmehr Erlau that es, denn ich hatte begreiflicher Weise nicht die Tactlosigkeit, mich bei Dir melden zu lassen. Er hat mich weder empfangen, noch das Billet angenommen, das meine Bitte enthielt, und doch mutet Ihr Beide wissen, was mich herfhrte. Da blieb denn nur die Selbsthlfe brig. Du siehst, ich habe den Eingang dennoch erzwungen.
Er sprach in tiefster Erbitterung. Der stolze Knstler empfand die doppelte Zurckweisung, die er heute erfahren hatte, als eine tdtliche Beleidigung. Man hrte, wie er noch jetzt jedes einzelne Wort seinem Stolze abrang, und es mute ein mchtiger Beweggrund sein, der ihn trotz alledem herfhrte und noch dazu auf solchem Wege. Seine Gattin hatte wohl keinen Antheil daran, denn er stand ihr gegenber in finsterem, ungebeugtem Trotze. Reinhold Almbach hatte es schon als Knabe nie vermocht, sich zu demthigen, selbst da nicht, wo er sich im Unrecht wute, und er hatte whrend der letzten Jahre nur zu oft die gefhrliche Erfahrung gemacht, da jedes Unrecht, das er beging, mit dem Rechte des Genius gedeckt wurde, der sich nahezu Alles erlauben darf.
Sie waren whrend der letzten Worte vollends in den Gartensaal getreten. In der Mitte desselben blieb Ella stehen.
Signor Rinaldo scheint diesmal den Weg verfehlt zu haben, sagte sie, jetzt zwar in deutscher Sprache, aber in dem gleichen Tone wie vorhin. Drben in S. liegt die Villa, wo sich Signora Biancona befindet, und es konnte wohl nur ein Irrthum sein, der sein Boot an unserer Terrasse landen lie.
Der Vorwurf traf. Almbachs trotziger Blick senkte sich, und fr einige Secunden fehlte ihm die Antwort.
Ich suchte diesmal nicht Signora Biancona, erwiderte er endlich, und da ich Eleonore Almbach nicht suchen darf, hat sie mir heute Morgen bereits hinreichend gezeigt. Es war nicht meine Absicht, Dich nochmals durch meinen Anblick zu beleidigen; es wre Dir erspart worden, httest Du meiner schriftlichen Bitte nachgegeben. Ich kam einzig, mein Kind zu sehen.
Mit einigen raschen Schritten war die junge Frau an der Thr des Schlafzimmers und stellte sich davor. Sie sprach kein Wort, aber in der inneren Bewegung lag ein so energischer Protest, da Reinhold sofort ihre Absicht begriff.
Willst Du es mir nicht einmal gestatten, meinen Sohn zu umarmen? fragte er heftig.
Nein! lautete die feste, mit vollster Entschiedenheit gegebene Antwort.
Reinhold wollte auffahren; sie sah, wie er die Hand ballte, aber er zwang sich zur Ruhe.
Ich sehe, da ich Deinem verstorbenen Vater Unrecht gethan habe, sagte er bitter. Ich hielt es fr sein Werk, da mir jede Nachricht ber meinen Knaben vorenthalten wurde.  Hast Du selbst meinen ersten Brief gelesen und ihn unbeantwortet gelassen?
Ja.
Und den zweiten unerbrochen zurckgesandt?
Ja.
In Reinholds Antlitz wechselten Rthe und Blsse; stumm sah er die Frau an, aus deren Munde er nie eine eigene Willensuerung, viel weniger einen Widerspruch vernommen, die er nur als demthig und schweigend Gehorchende kannte und die es jetzt wagte, ihm mit solcher Entschiedenheit Etwas zu versagen, was er als sein unbedingtes Recht in Anspruch nahm.
Nimm Dich in Acht, Ella! sagte er dumpf. Was auch zwischen uns geschehen ist, was Du mir vorwerfen magst, diesen Ton der Verachtung ertrage ich nicht, und vor allem dulde ich es nicht, da mir der Anblick des Knaben versagt wird. Ich will mein Kind sehen.
Die Forderung klang beinahe drohend, die bleichen Wangen der jungen Frau begannen sich leise zu rthen, aber sie wich nicht von ihrem Platze.
Dein Kind? fragte sie langsam. Der Knabe gehrt mir, mir allein. Du hast jedes Recht auf ihn verloren, als Du ihn mir zurcklieest.
Das mchte doch noch die Frage sein, rief Almbach mit ausbrechender Heftigkeit. Sind wir gerichtlich geschieden? Haben die Gesetze Dir Reinhold zugesprochen? Er bleibt mein Sohn, was auch zwischen Dir und mir liegen mag, und wenn Du mir meine Vaterrechte noch lnger verweigerst, so werde ich sie mir zu erzwingen wissen.
Die Drohung blieb nicht wirkungslos, aber sie verfehlte vollstndig ihren Zweck. Ella richtete sich auf mit zuckenden Lippen, aber mit vollster Energie.
Das wirst Du nicht. Die Stirn hast Du nicht, und httest Du sie, so giebt es, Gott sei Dank, noch eine andere Macht, die ich anrufen kann, und die Dir vielleicht nicht so gleichgltig ist wie Familienbande und Pflichten, welche Du so leicht zerrissest. Die Welt wrde es erfahren, da Signor Rinaldo, nachdem er Weib und Kind verlassen und jahrelang nicht nach ihnen gefragt hat, es jetzt wagt, seinem Weibe mit denselben Gesetzen zu drohen, die er verhhnt und mit Fen getreten hat, weil sie nicht will, da ihr Knabe ihn Vater nennt  und all Dein Ruhm und all die Vergtterung wrden Dich nicht schtzen vor der verdienten Verachtung.
Eleonore!
Es war ein Aufschrei der Wuth, der seinen Lippen entfuhr, als sie das letzte Wort aussprach, und sein Blick flammte in erschreckender Wildheit nieder auf die zarte vor ihm stehende Gestalt. Wenn Reinholds Leidenschaftlichkeit erst einmal aufs Aeuerste gereizt war, so kannte er keine Schranken mehr und seine ganze Umgebung pflegte dann vor ihm zu zittern. Selbst Beatrice, so wenig sie ihm sonst an Heftigkeit nachgab, wagte es in solchen Augenblicken nicht, ihn noch mehr zu reizen. Sie kannte die ihr gezogene Grenze, und war diese erst einmal erreicht, so fgte sie sich stets. Hier war das anders; zum ersten Male seit Jahren scheiterte er an einem fremden Willen; vor dem Auge, das so klar und gro dem seinigen begegnete, sank sein ganzer Trotz zusammen  er verstummte.
Du siehst wohl selbst ein, da es mehr als Hohn wre, wolltest Du Dich auf die Gesetze berufen, sagte die junge Frau ruhiger.
Reinhold sttzte sich schwer auf den Sessel, an dem er stand. War es Scham oder Zorn, die Hand, welche sich in die Polster vergrub, zitterte.
Ich sehe, da ich in einem verhngnivollen Irrthum befangen war, als ich die Frau zu kennen whnte, die zwei Jahre lang meine Gattin hie, erwiderte er in seltsam gepretem Tone. Httest Du mir nur ein einziges Mal die Eleonore gezeigt, der ich jetzt begegne, es wre wohl Manches ungeschehen geblieben. Wer hat Dich diese Sprache gelehrt?
Die Stunde, in der Du mich verlieest, antwortete sie mit vernichtender Klte, indem sie sich abwandte.
[512] Die Stunde scheint Dir noch Manches Andere gegeben zu haben, was Dir sonst fremd war  die Lust an der Rache zum Beispiel 
Und den Stolz, den ich Dir gegenber nie gekannt, ergnzte Ella. Ich mute erst zu Boden getreten werden, ehe er aufwachte und mir zeigte, was ich mir und meinem Kinde schuldig war, dem Einzigen, was Du mir noch gelassen hattest, dem Einzigen, was mich noch aufrecht erhielt. Um seinetwillen habe ich noch einmal angefangen, zu lernen und zu arbeiten, als die Zeit des Lernens lngst hinter mir lag, um seinetwillen habe ich mich emporgerissen aus den Vorurtheilen und Banden meiner Erziehung und meinem Leben eine neue Richtung gegeben, als der Tod der Eltern mich frei machte. Ich mute dem Kinde jetzt alles sein, wie es mir alles war, und ich hatte mir gelobt, da mein Sohn sich dereinst nicht der Mutter schmen sollte, wie sein Vater sich ihrer schmte, weil sie uerlich hinter anderen Frauen zurckstand.
Almbachs Stirn frbte sich dunkelroth bei den letzten Worten. Es war nicht meine Absicht, Dir Reinhold streitig zu machen, sagte er hastig. Nur sehen wollte ich ihn, wenn es sein mu, in Deiner Gegenwart. Du weit nur zu gut, welch eine Waffe Du mit dem Kinde in Deiner Hand hast, und gebrauchst sie schonungslos gegen mich. Ella, er trat ihr nher und zum ersten Male klang etwas wie Bitte in seiner Stimme, Ella, es ist unser Kind. Dieses Band wenigstens reicht noch aus der Vergangenheit herber in die Gegenwart, das einzige zwischen uns, das nicht zerrissen wurde. Willst Du es jetzt zerreien? Soll der Zufall, der uns hier zusammenfhrte, wirklich nur Zufall bleiben? In Deinen Hnden liegt es, ihn zu einer Schicksalswendung zu machen, die vielleicht noch zum Heil werden kann fr uns Beide.
Die Hindeutung war verstndlich genug, aber die junge Frau wich zurck, und auf ihr Antlitz legte sich wieder jener verhngnivolle Ausdruck, der Nein! sprach bis in alle Ewigkeit.
Fr uns Beide? wiederholte sie. Also glaubst Du wirklich, ich knnte ein Glck an Deiner Seite finden, nach Allem was Du mir angethan? Wahrlich, Reinhold, Du mut sehr durchdrungen sein von Deinem Werthe oder meinem Unwerthe, da Du es wagst, mir das zu bieten. Freilich, wo httest Du auch Achtung fr mich lernen sollen? In meinem Elternhause war es ja nicht mglich. Ich war zum Gehorsam, zur Unterordnung erzogen und brachte beides auch meinem Gatten entgegen. Was wurde mein Lohn dafr? Ich war die Letzte in seinem Hause und die Letzte in seinem Herzen. Er hielt es nie der Mhe werth, danach zu fragen, ob die Frau, der er sich doch nun einmal verbunden, auch wirklich so beschrnkt, so unempfnglich fr alles Hhere, oder ob sie nur verschchtert war durch den Druck einer Erziehung, unter der wir Beide gelitten hatten. Er wies meine scheuen Versuche, mich ihm zu nhern, verchtlich, verletzend zurck, und lie es mich tglich und stndlich fhlen, da nur das Verdienst, die Mutter seines Kindes zu sein, mir noch einen Anspruch auf seine Duldung gab. Und als ihm die Kunst und das Leben aufgingen, da warf er mich bei Seite wie eine Last, die man lange genug mit Widerwillen getragen, da gab er mich dem Gerede, dem Spotte, dem entehrenden Mitleid preis, da verlie er mich um einer Anderen willen, und fragte an der Seite dieser Anderen nicht danach, ob das Herz seines Weibes sich verblutete an dem Todessto, den er ihr gegeben.  Und jetzt, meinst Du, bedrfe es nur eines Wortes, um das alles ungeschehen zu machen? Du meinst, Du brauchest nur die Hand auszustrecken, um das wieder an Dich zu reien, was Du einst von Dir stieest? Glaubst Du? Nein, so spielt man nicht mit dem Heiligsten auf Erden, und wenn Du glaubtest, die verachtete, verstoene Ella wrde dem ersten Winke gehorchen, durch den Du sie wieder zu Gnaden annimmst, so sage ich Dir jetzt: eher strbe sie mit ihrem Kinde, ehe sie Dir wieder folgte. Du hast Dich losgesagt von Deinen Gatten- und Vaterpflichten, und wir haben es gelernt, den Gatten und Vater zu entbehren. Du hast es ja klar genug ausgesprochen, da wir die Fesseln waren, die den Aufschwung Deines Genius hemmten  nun wohl, sie sind jetzt gebrochen, durch Dich gebrochen, und ich gebe Dir mein Wort darauf, sie werden Dich nie mehr drcken. Du hast ja Deinen Lorbeer und Deine  Muse. Was brauchst Du da noch Weib und Kind?
Sie schwieg, berwltigt von der Erregung, und prete beide Hnde gegen die strmisch wogende Brust. Reinhold war todtenbleich geworden, und doch hing sein Auge wie festgebannt an ihr. Das Lampenlicht fiel voll auf ihr Gesicht und auf die blonden Flechten, wie an jenem Abende, wo er ihr so schonungslos die Trennung ankndigte. Aber wo war die Ella geblieben, die damals scheu und furchtsam an seinen Mienen hing, und jedem Winke, jeder Laune gehorsam folgte? Auch nicht ein Zug von ihr war in dem Wesen zu entdecken, das so hoch und stolz aufgerichtet ihm gegenberstand und so energisch ihm die einst empfangenen Demthigungen zurckschleuderte. Sie konnten aufflammen, diese blauen Mrchenaugen, aufflammen in glhender Emprung, das sah er jetzt, aber er sah auch zum ersten Male, wie wunderbar schn sie waren, wie hinreiend die ganze Erscheinung der jungen Frau; in dieser leidenschaftlichen Erregung, und mitten durch den Zorn und Groll des tiefgereizten Mannes blitzte etwas auf, das fast der Bewunderung glich.
Ist das Dein letztes Wort? fragte er endlich nach einer secundenlangen Pause.
Mein letztes.
Mit einer raschen Bewegung richtete sich Reinhold empor. All sein Trotz und Stolz flammte wieder auf bei dieser Art der Zurckweisung. Er schritt nach der Thr, whrend Ella unbeweglich auf ihrem Platze verharrte, aber an der Schwelle blieb er noch einmal stehen und wandte sich zurck.
Ich fragte nicht danach, ob das Herz meines Weibes sich verblutete an dem Todesstoe, den ich ihr gegeben  wiederholte er mit verschleierter Stimme. Hast Du ihn denn berhaupt gefhlt, Ella?
Sie schwieg.
Damals glaubte ich es in der That nicht, fuhr Reinhold mit tiefer Bitterkeit fort, und die heutige Begegnung lt mich mehr als je daran zweifeln, da Dein Herz bei einer Trennung litt, die Deinen Stolz allerdings tiefer verwundete, als ich je fr mglich gehalten.  Du brauchst nicht so angstvoll die Thr zu hten; ich sehe es ja, da ich Dich erst zur Seite schleudern mte, um zu dem Kinde zu gelangen, und den Muth habe ich nicht. Fr diesmal hast Du gesiegt. Ich verzichte auf das Wiedersehen. Leb wohl!
Er ging. Sie hrte seinen Schritt drauen auf der Terrasse, dann das Rauschen der Gebsche, durch die er sich einen Weg bahnte, endlich die Ruderschlge, die das Boot vom Lande entfernten. Die junge Frau athmete tief auf und verlie langsam den so energisch vertheidigten Platz. Sie trat an die Glasthr; vielleicht tauchte eine leise Besorgni in ihr auf, ob der gewagte Sprung von der Terrasse ebenso glcklich sein werde wie das Ersteigen derselben es gewesen, aber in der Dunkelheit war nichts zu unterscheiden. Wie vorhin lag das Meer in trger Ruhe. Darber hin breitete sich die stille schwle Nacht, und um sie her dufteten die Blthen  von Reinhold schien jede Spur verschwunden.
[523] Den duftig klaren Frhlingstagen folgte heie Sommergluth. Der Golf und seine Umgebungen lagen Tag fr Tag da in der ganzen sonnendurchleuchteten Schnheit, aber auch in der ganzen Gluth des Sdens, nur die Seeluft bot noch einige Khlung, und das Meer war deshalb auch das Ziel der meisten Ausflge, die jetzt noch unternommen wurden.
Dieser wochenlangen Ruhe der Natur folgte endlich ein Ausbruch; ein Gewittersturm tobte in den Lften und whlte das Meer auf bis in seine fernsten Tiefen. Das Unwetter war so schnell heraufgezogen, so pltzlich losgebrochen, da Niemand sich dessen versehen hatte, und jetzt wthete es schon ber eine Stunde mit unverminderter Gewalt.
Durch die schumenden Wogen scho ein Boot, das, augenscheinlich von dem Sturme berrascht, sich im Kampfe mit ihm befand. Eine Zeit lang war es in Gefahr gewesen, rettungslos erfat und auf die hohe See hinausgeschleudert zu werden, jetzt aber floh es mit vollen Segeln der Kste zu und nach einigen milungenen Versuchen glckte es ihm auch wirklich, zu landen.
Das heit mit dem Sturme um die Wette jagen, rief Hugo Almbach, indem er, ber und ber na von Regen und Spritzfluthen, als der Erste ans Land sprang. Fr diesmal sind wir der nassen Umarmung der Meeresgttin noch glcklich entgangen. Nahe genug waren wir ihr.
Es ist doch ein Glck, wenn man so einen echten Seemann bei sich hat, meinte Marchese Tortoni, der in nicht trockenerem Zustande ihm folgte. Das war ein Meisterstck, Signor Capitano, uns bei diesem Unwetter glcklich ans Land zu bringen. Ohne Sie waren wir verloren.
Reinhold hob die halb ohnmchtige Signora Biancona aus dem Boote, die sich zitternd und todtenbleich an ihn klammerte. Mein Gott, beruhige Dich doch, Beatrice! Die Gefahr ist ja vorber, sagte er ungeduldig, whrend der letzte Insasse der Barke, der englische Herr, der damals Hugos Incognito-Unterhaltung mit dem Maestro Gianelli beigewohnt hatte, gleichfalls den festen Boden gewann.
Inzwischen schttete Jonas seine ganze Verachtung auf die beiden Schiffer aus, denen ursprnglich die Fhrung anvertraut gewesen war und die zum Glck die ihnen in deutscher Sprache gespendeten Lobsprche nicht verstanden.
Das wollen Seeleute sein  ein Schiff wollen sie regieren, und wenn ein elendes Gewitter heraufzieht, so verlieren sie den Kopf und schreien zu ihren Heiligen. Htte mein Capitain Euch nicht das Steuer aus den Hnden gerissen und ich die Segel auf mich genommen, so lgen wir jetzt drunten bei den Haifischen. Ich wollte, Ihr machtet einmal einen Sturm durch, wie er unsere Ellida packte, ehe wir hier einliefen, da wrdet Ihr merken, was das Bischen Wehen auf Eurem Golfe zu bedeuten hat.
Das Bischen Wehen wre von jedem Anderen als dem Matrosen fr einen ganz ertrglichen Sturm gehalten worden. Jedenfalls hatte es die Gesellschaft in Lebensgefahr gebracht, und sie dankte ihre Rettung nur der energischen Fhrung des Capitains, der soeben die Dankesuerungen des Marchese und des Englnders abwehrte.
Ich bitte Sie, Signori! Mir ist ja eine solche Fahrt nichts Neues und Ungewohntes. Ich bedauerte nur Sie wegen der unangenehmen Situation, in die Sie die Laune einer schnen Frau brachte.
Ja wohl, die Frauenzimmer sind an Allem schuld, brummte Jonas wthend, whrend Hugo halblaut fortfuhr:
Ich wute bereits vor zwei Stunden, was uns Himmel und Meer trotz ihres heiteren Aussehens prophezeiten. Sie wissen ja, wie ernstlich ich die Fahrt widerrieth. Signora Biancona aber bestand entschieden darauf und geruhte, den furchtsamen Seemann zu verspotten, der sich nicht einmal auf sein eigenes Element wagte. Ich glaube nun allerdings, da mein Muth etwas weniger zweifelhaft geworden ist in ihren Augen, der ihrige dagegen  er brach pltzlich ab und that einige Schritte hinber nach der andern Seite. Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen, Signora?
Beatrice zitterte noch immer, aber der Anblick ihres Widersachers, der wie die vollendete Artigkeit und die vollendete Malice vor ihr stand, gab ihr doch einigermaen die Besinnung zurck. Fr sie war es gengend gewesen, da er sich gegen die Fahrt erklrte, um mit dem vollsten Eigensinne darauf zu bestehen und die brigen Herren mit ihren Spottreden taub gegen jede Warnung zu machen. Die Todesangst der letzten Stunde hatte ihr freilich eine harte Lehre gegeben, und noch hrter war es, da sie gerade dem Capitain ihre Rettung danken mute, der heute zum Helden geworden war, whrend sie sich in der Gefahr nichts weniger als heldenhaft benommen hatte.
Ich danke  mir ist besser, antwortete sie, noch kmpfend zwischen Zorn und Verlegenheit.
Ich bin glcklich, das zu vernehmen, versicherte Hugo, [524] indem er ihr mitten im Regen eine tadellose Salonverbeugung machte. Und jetzt werde ich mich an die Spitze des Entdeckungszuges stellen, der ins Innere geht. Voran, Jonas, und recognoscire das Terrain! Reinhold, Du bist ja kein Fremder hier in der Gegend; weit Du nicht, wo wir eigentlich sind?
Nein, versetzte Reinhold nach einem kurzen und raschen Umblick.
Und Sie, Marchese Tortoni?
Cesario zuckte die Achseln. Ich bedaure, Ihnen gleichfalls keine Auskunft geben zu knnen. Ich komme wenig ber die nhere Umgebung von Mirando hinaus, und berdies ist bei solchem Wetter eine Orientirung fast unmglich.
Das Letztere war allerdings wahr, Erde, Himmel und Meer schienen in wogendem Nebel ineinanderzuflieen. Man sah kaum einige Hundert Schritte weit in die aufgeregte See und nicht viel weiter in das Land hinein. Kein Berg, keine Ortschaft war zu erblicken; eine dichte graue Dunsthlle hielt Alles gefangen, dennoch schien der Capitain den Einwand nicht gelten zu lassen.
Unpraktische Knstlernaturen! murmelte er rgerlich. Da sitzen sie monatelang in ihrem Mirando und gerathen Tag fr Tag in Ekstase ber die unvergleichliche Schnheit ihres Golfs, aber die Ksten kennen sie nicht, und wenn sie einmal eine Meile abseits sind von der groen Touristenstrae, wissen sie sich nicht zurecht zu finden. Lord Elton, wollen Sie die Gte haben an meine Seite zu kommen? Ich glaube, wir Beide eignen uns noch am besten zu Pfadfindern.
Lord Elton, der schon bei der ersten Begegnung auerordentliches Wohlgefallen an dem bermthigen Wesen Hugos gefunden, und dem dieser heute vollends imponirt hatte, kam augenblicklich der Aufforderung nach. Mit derselben unverwstlichen Gelassenheit, die er vorhin in der Gefahr gezeigt, stellte er sich jetzt an die Seite des Seemanns, und man schritt vorwrts, whrend die anderen beiden Herren mit Beatrice folgten.
Mir scheint, der Zufall hat uns an eine ziemlich unwirthliche Kste geworfen, spottete Hugo, auf dessen Laune das Wetter nicht den geringsten Einflu bte. Meiner Berechnung nach mssen wir drei bis vier Stunden von S. entfernt sein, und da zur Linken schimmern durch den Nebel Berge mit sehr verdchtigen Schluchten. Gennaros Bande soll ja hier im Gebirge ihr Wesen treiben. Was meinen Sie, Mylord, wenn wir heute noch etwas von der echten Schauerromantik Italiens zu kosten bekmen?
Der Lord wendete sich mit pltzlicher Lebhaftigkeit den bezeichneten Schluchten zu, die in dem wogenden Nebel allerdings unheimlich genug aussahen, und musterte sie aufmerksam.
Indeed, das wre sehr interessant.
Vorausgesetzt, da sich eine hbsche Brigantesse dabei befindet, sonst nicht, ergnzte Hugo.
Gennaros Bande fhrt keine Frauen mit sich; ich habe mich genau darber unterrichtet, sagte Jener wichtig.
Schade! Die Bande scheint noch sehr uncivilisirt zu sein, da sie den billigen Wnschen ihrer geehrten Gste so wenig Rechnung trgt. Uebrigens wre das etwas fr meinen Jonas. Ein Leben ohne Frauenzimmer! Wenn er das hrt, wird er zum Ueberlufer und schwrt zu Gennaros Fahne; ich werde ihn in Obhut nehmen mssen.
So scherzen Sie doch nicht so leichtsinnig! mischte sich der Marchese ein. Bedenken Sie, Signor, wir haben eine Dame bei uns und sind smmtlich unbewaffnet.
Bis auf Mylord, der den sechslufigen Revolver immer als Taschenfeuerzeug bei sich trgt, sagte Hugo lachend. Wir Anderen hielten es allerdings nicht fr nthig, in Waffen zu starren, als wir die harmlose Spazierfahrt unternahmen. Uebrigens haben wir heute einen wirksameren Schutz, als zwei Dutzend Carabinieri ihn uns gewhren knnten. In dem Regen wagt sich kein Brigant heraus.
Meinen Sie? fragte der Lord im Tone unverkennbarer Enttuschung.
Gewi, Mylord! Und ich meinestheils halte es auch fr besser, wenn die Vergngungspartie in die Berge fr diesmal unterbleibt. Ist es brigens nicht wunderbar, da wir Beide, die einzigen Nichtknstler in der Gesellschaft, zugleich die Einzigen sind, die Verstndni fr die Romantik der Situation haben? Mein Bruder, hier senkte Hugo die Stimme, geht wie ein gereizter Lwe neben Signora Biancona her  er ist jetzt berhaupt immer in der Lwenstimmung, und man thut am besten, ihm so wenig wie mglich nahe zu kommen  Signora hat die tragische Verzweiflung auf der Bhne nie so vollendet zum Ausdruck gebracht, wie in diesen Minuten, und Marchese Cesario starrt elegisch in den Nebel, anstatt unseren hchst effectvollen Regenzug zu bewundern. Ah, da schimmert ja endlich etwas wie ein Gebude hervor, und da kommt auch Jonas zurck von seiner Recognoscirung. Nun, was giebt es?
Eine Locanda! berichtete Jonas, der vorausgegangen war und jetzt eilig zurckkehrte. Nun sind wir geborgen, setzte er triumphirend hinzu.
Der Himmel hat Erbarmen, rief Hugo pathetisch, indem er sich umwandte, um den Uebrigen die willkommene Mittheilung zu machen. Die Aussicht auf ein nahes Obdach belebte in der That den schon sinkenden Muth der Gesellschaft; man verdoppelte die Schritte und befand sich bald darauf in der geschtzten Vorhalle des bezeichneten Hauses.
Der rauhen Seemannshlle ist heute ein beneidenswerthes Glck zu Theil geworden, sagte der Capitain, indem er in der verbindlichsten Art von der Welt seinen Regenmantel von den Schultern Signora Bianconas nahm. Ich wute, da wir sie heute noch brauchen wrden, deshalb erlaubte ich mir, sie mitzunehmen. Der Mantel hat Sie doch vollkommen geschtzt, Signora?
Beatrice prete hastig die Lippen zusammen, als sie mit einem erzwungenen Danke die schtzende Hlle zurckgab. Es war ihr schwer genug geworden, sie gerade von der Hand des Capitains anzunehmen, indessen war er der Einzige, der sich im Besitze einer solchen befand, und ihr blieb keine andere Wahl, wollte sie nicht vllig durchnt werden. Aber wie alle leidenschaftlichen Naturen war sie dem Spott nicht gewachsen, und diese verhate Ritterlichkeit ihres Gegners erlaubte ihr nie, ihm entschieden feindselig gegenber zu treten, und hielt sie unerbittlich fest in den Grenzen gesellschaftlichen Umgangs.
Die Locanda, die abseits von der groen Touristenstrae ziemlich einsam am Strande lag, gehrte nicht zu denen, welche von vornehmeren Gsten frequentirt wurden, und lie an Reinlichkeit und Bequemlichkeit sehr viel zu wnschen brig, aber das Wetter und ihr vllig durchweichter Zustand erlaubten den Gsten nicht, whlerisch zu sein. Gab es doch hier einige Rumlichkeiten, die wenigstens den Namen von Gastzimmern fhrten und auch wirklich bisweilen jungen Malern und umherstreifenden Touristen als Nachtquartier dienten. Beatrice entsetzte sich beim Eintritt, und der Marchese blickte mit stummer Resignation auf diese Zimmer, die denen seines Mirando allerdings sehr unhnlich waren, der Lord dagegen fand sich besser in das Unvermeidliche, und was die beiden Brder betraf, so schien Reinhold gegen die Art der Aufnahme sehr gleichgltig und Hugo sehr amsirt dadurch zu sein. Bei dieser Gelegenheit erfuhr man auch, da man in der That volle drei Stunden von S. entfernt war, und da bereits eine Reisegesellschaft hier Zuflucht vor dem Unwetter gesucht hatte. Sie war aber glcklich noch beim Ausbruch desselben und zwar zu Wagen angekommen, hatte also nicht so vom Regen gelitten, wie die eben anlangenden Herrschaften, denen man bereitwillig mit Allem aushalf, was gerade zur Hand war.
Eine Viertelstunde spter trat Hugo in das allgemeine Gast- und Empfangszimmer und schob sanftmthig mit dem Fue einen schwarzen borstigen Gegenstand bei Seite, der sich in bewundernswerther Ungenirtheit gerade vor die Thr gelagert hatte und jetzt rgerlich grunzend den Platz rumte.
Diese lieben Thierchen scheinen hier als salonfhig betrachtet zu werden; bei uns sind sie das hchstens in gebratenem Zustande, sagte er ruhig. Ich wollte sehen, wo Du bleibst, Reinhold. Aber mein Gott, Du bist ja noch immer in dem nassen Anzuge, Warum hast Du Dich nicht umgekleidet?
Reinhold, der am Fenster stand und auf das Meer hinausblickte, wandte sich um und warf einen zerstreuten Blick auf seinen Bruder, der bereits, wie die brigen Herren, von den in aller Eile herbeigeschafften Sonntagskleidern des Padrone und seiner Shne Gebrauch gemacht hatte.
[525] Umkleiden? Ja so, das hatte ich vergessen.
So thue es jetzt! drngte Hugo. Willst Du denn Deine Gesundheit durchaus zu Grunde richten?
Reinhold wehrte ihn ungeduldig ab. La doch! Welch ein Aufheben um einen Gewitterregen!
Nun, der Gewitterregen htte um ein Haar verhngnivoll fr uns werden knnen, meinte der Capitain. Uebrigens kann ich als Pilot meiner Schiffsbesatzung das Zeugni geben, da sie sich tapfer gehalten hat, mit alleiniger Ausnahme Donna Beatricens. Sie machte von dem Rechte einer Dame, uns erst in Gefahr zu bringen und sie uns dann noch zehnfach zu erschweren, einen etwas ausgedehnten Gebrauch.
Dafr hast Du ja auch den Triumph, da sie Dir ihr Leben verdankt, wie wir Alle, warf Reinhold gleichgltig hin.
Hugo fixirte den Bruder scharf. Was Du fr Deine Person sehr wenig zu gelten scheint.
Mir  warum?
Er wartete die Antwort nicht ab, sondern wandte sich wieder dem Fenster zu, aber Hugo war bereits an seiner Seite und legte den Arm um seine Schulter.
Was hast Du, Reinhold? fragte er wieder mit dem Tone jener alten Zrtlichkeit, mit der er einst den jngeren Bruder umfate, den er im Hause der Verwandten unterdrckt und geqult wute, und die jetzt so selten unter ihnen geworden war. Reinhold schwieg.
Ich hoffte, Du wrdest hier endlich die Ruhe finden, die Du so leidenschaftlich suchtest, fuhr der Capitain ernster fort, statt dessen strmst Du rger als je seit den letzten acht Tagen. Wir sind kaum mehr als dem Namen nach die Gste des Marchese. Du reiest ihn und uns alle mit hinein in diesen ewigen Wechsel von Zerstreuungen und Ausflgen. Das geht vom Schiffe in den Wagen, und vom Wagen auf das Maulthier, als ob Dir jede Minute des Ausruhens oder Alleinseins zur Qual wrde, und sind wir erst mitten in dem Wirbel, so bist Du oft genug der steinerne Gast in unserer Mitte. Was ist vorgegangen?
Reinhold wand sich, nicht heftig aber entschieden, aus seinen Armen.
Das  kann ich Dir nicht sagen.
Reinhold 
La mich  ich bitte Dich!
Der Capitain trat zurck; er sah, da die Abweisung nicht einer Laune entsprang; der matte geprete Ton verrieth zu sehr den verhaltenen Schmerz, aber er wute bereits, da von seinem Bruder in solcher Stimmung nichts zu erreichen war.
Das Gewitter scheint vorber zu sein, sagte er nach einer kurzen Pause, an die Rckkehr aber wird wohl vorlufig noch nicht zu denken sein. Auf das erregte Meer knnen wir uns heute unter keinen Umstnden wieder wagen, und der Landweg wird auch arg genug zugerichtet sein. Ich habe den Herren versprochen, ihnen einigermaen Auskunft darber zu verschaffen, ob die Rckkehr heute berhaupt noch mglich ist, und ob wir nicht etwa einen zweiten Wolkenbruch zu gewrtigen haben. Die Veranda da oben scheint eine ziemlich freie Aussicht zu bieten; ich werde nachsehen.
Er verlie das Gemach und stieg die Treppe hinauf. Die Veranda lag an der anderen Seite des Hauses; es war ein groer steinerner Anbau, der wohl noch aus einer frheren Glanzperiode des Gebudes stammte, jetzt, wie dieses selbst, verwahrlost, halb zerfallen, aber unendlich malerisch in diesem Verfall und mit den wuchernden Weinranken, die sich um Pfeiler und Brstungen schlangen. Eine lange offene Gallerie fhrte hinber, und Hugo war eben im Begriff, sie zu durchschreiten, als er aufgehalten wurde. Dicht vor ihm flatterte eine Taube auf, und ihr nach jagte ein Knabe in vornehm stdtischem Anzuge. Das zahme, an Menschen gewhnte Thier dachte nicht an ernstliche Flucht; es flatterte, wie neckend, am Boden hin, und erst als die kleinen Arme sich ausstreckten, um es zu haschen, schwang es sich leicht empor bis auf das Dach des Hauses, whrend der ungestme kleine Verfolger noch im vollen Laufe vorwrts strzte und dabei gegen den Capitain anrannte.
Sieh da, Signorino, das htte ein Zusammensto werden knnen, sagte Hugo, indem er den Kleinen auffing, dieser aber, noch im vollen Eifer der Jagdlust, streckte beide Hnde in die Hhe und rief lebhaft in deutscher Sprache:
Ich mchte den Vogel so gern haben. Kannst Du ihn mir nicht fangen?
Nein, mein kleiner Jger, das kann ich nicht, ich mte mir denn Flgel anbinden, scherzte Hugo, whrend er, berrascht, hier seine Muttersprache zu vernehmen, den Knaben genauer ansah. Er stutzte, sah ihm einige Secunden lang tief in die Augen, und hob ihn dann pltzlich empor, um ihn mit aufflammender Zrtlichkeit in seine Arme zu schlieen.
Der Kleine lie sich die Liebkosung ruhig, wenn auch etwas verwundert, gefallen. Du sprichst ja grade wie die Mama und Onkel Erlau, sagte er zutraulich. Die Anderen verstehe ich alle nicht, und zu Haus verstand ich doch Jeden.
Ist die Mama auch hier? forschte Hugo hastig.
Das Kind nickte und zeigte nach der anderen Seite hinber; der Capitain setzte es rasch auf den Boden und trat mit ihm in die Veranda, wo Ella ihnen bereits entgegenkam, die in sprachlosem Erstaunen stehen blieb, als sie ihren Knaben an der Hand seines Oheims erblickte.
Mssen wir hier zusammentreffen! rief dieser, sie lebhaft begrend. Ich glaubte kaum, da Sie die Villa Fiorina berhaupt verlieen, und noch dazu in solchem Wetter.
Es war auch der erste Ausflug, den wir wagten, erwiderte die junge Frau. Das fortgesetzt gnstige Befinden des Onkels verleitete uns, eine Fahrt nach den Tempelruinen oben im Gebirge zu unternehmen, aber auf dem Rckwege berfiel uns das Gewitter, und da die Pferde scheu zu werden drohten, so waren wir froh, hier Schutz und Aufnahme zu finden.
Wir sind in dem gleichen Falle, berichtete Hugo, Nur ging es uns schlimmer, denn wir kamen zur See an.
Ueber Ellas Antlitz flog ein momentanes Erbleichen.
Wie? Sie sind also in Begleitung Ihres Bruders? Ich ahnte es, als ich Sie erblickte.
Hugo machte eine bejahende Bewegung. Sie sagten mir, da Sie eine Begegnung um jeden Preis vermeiden wollten  begann er von Neuem.
Ich wollte es, ja! unterbrach sie ihn fest. Es ist aber unmglich gewesen. Wir haben uns bereits gesehen.
Dachte ichs doch! murmelte der Capitain. Daher also seine unbegreifliche Stimmung.
Warum haben Sie mir nicht gesagt, da Sie die Gste des Herrn von Mirando sind? fragte die junge Frau vorwurfsvoll. Ich glaubte Sie in S. und kam ahnungslos, die Villa zu besichtigen. Erst als es zu spt war, erfuhr ich, wer in unserer nchsten Nachbarschaft weilte.
Hugo streifte mit einem raschen Blick ihr Antlitz, als wolle er sich ihrer Fassung versichern.
Sie haben Reinhold gesprochen? sagte er in uerster Spannung, ihren Vorwurf kaum beachtend. Nun?
Nun? wiederholte sie mit beinahe herbem Ausdruck. Frchten Sie nichts! Signor Rinaldo wei jetzt, da er mir und meinem Sohne fern zu bleiben hat. Er wird uns nicht kennen bei einem etwaigen Zusammentreffen, so wenig wie ich ihn kennen werde.
Fr heute wre das allerdings unmglich, entgegnete Hugo ernst, denn er ist nicht allein. Ich frchte, Ella, auch das wird Ihnen nicht erspart bleiben.
Sie meinen eine Begegnung mit Signora Biancona? Ellas Lippen bebten doch, als sie den Namen aussprach, so sehr sie sich auch zwang, ruhig zu scheinen. Nun denn, wenn es nicht zu vermeiden ist, so werde ich es zu ertragen wissen.
Sie waren whrend des Gesprches an die Brstung der Veranda getreten. Das Gewitter war in der That vorber und die Schleuen des Himmels schienen sich endlich erschpft zu haben, aber noch hing es feucht und regenschwer in der Luft. Die nassen Weinranken, vom Sturm zerwhlt und zerrissen, flatterten noch immer auf und nieder, und von dem Heiligenbilde in der nur schlecht geschtzten Mauerblende rannen die Tropfen herab. Unten brauste das noch immer wild emprte Meer; der sonst so ruhige azurblaue Spiegel war nur ein wstes Chaos von schwarzgrauen Fluthen und weischumenden Wellenhuptern, die sich zischend und tosend am Strande brachen. Aber der Nebel, der bisher die ganze Umgebung in einen undurchdringlichen Schleier hllte, begann endlich zu weichen, schon traten einige Ortschaften deutlich daraus hervor, nur um die [526] Hhenzge wogte und qualmte es noch, whrend im Westen bereits ein hellerer Lichtschein mit dem niedergehenden Gewlk kmpfte.
Woher kannten Sie denn meinen kleinen Reinhold? fragte Ella pltzlich in ganz verndertem Tone. Sie sahen ihn ja nicht bei Ihrem letzten Besuche, und als Sie H. verlieen, hatte er kaum das erste Lebensjahr zurckgelegt.
Hugo beugte sich zu dem Kinde nieder und hob dessen Kpfchen empor. Woran ich ihn erkannte? versetzte er lchend. An seinen Augen. Er hat ja die Ihrigen, Ella, und die verkennt man nicht so leicht, auch wenn sie einmal aus einem anderen Antlitz blicken. Ich finde sie heraus unter Hunderten.
Sein Ton hatte eine beinahe leidenschaftliche Wrme. Die junge Frau wich leise ein wenig seitwrts.
Seit wann machen Sie mir Complimente, Hugo?
Sind Ihnen Complimente jetzt so ungewohnt?
In Ihrem Munde allerdings.
Ja freilich, ich darf bei Ihnen nicht wagen, was jedem Anderen erlaubt ist, sagte der Capitain mit einem Anfluge von Bitterkeit. Der Versuch dazu hat mir schon einmal den Abenteurer eingetragen.
Es scheint, Sie knnen das Wort noch immer nicht vergessen, bemerkte Ella mit einem halben Lcheln.
Er warf mit einer trotzigen Bewegung den Kopf zurck. Nein, ich kann es auch nicht, denn es hat mir wehe gethan, und darum verwinde ich es nicht, bis auf diesen Augenblick.
Wehe gethan? wiederholte Ella. Kann Ihnen denn berhaupt etwas wehe thun, Hugo?
Das heit mit anderen Worten: Haben Sie denn berhaupt ein Herz, Hugo? O nein, ich besitze ganz und gar nichts von diesem Artikel, ich bin zu kurz gekommen bei der Austheilung desselben, das mssen Sie ja nachgerade herausgefunden haben.
So meinte ich es nicht, lenkte die junge Frau ein. Ich traue Ihnen gewi die volle Wrme der Empfindung zu.
Aber keinen Ernst und keine Tiefe?
Nein.
Der Capitain sah sie einige Secunden lang schweigend an, endlich sagte er leise:
War es nthig, Ella, mir eine so herbe Lehre zu geben, weil ich neulich einen Handku wagte, der Ihnen vielleicht mifallen hat? Ich wei, was dieses Nein bedeutet. Sie sehen, ich verstehe auch Winke und werde den heutigen ntzen. Frchten Sie nichts!
Ueber die Zge der jungen Frau flog ein leichtes Roth, als sie sich verstanden sah. Ich wollte Sie nicht krnken, gewi nicht! versicherte sie lebhaft und streckte ihm herzlich die Hand hin, aber Hugo stand trotzig abgewendet und schien das nicht zu bemerken.
Sind Sie mir bse? fragte sie halblaut; es war ein s bittender Ton, und er verfehlte auch seine Wirkung nicht, der Capitain wandte sich pltzlich um und ergriff die dargebotene Hand, aber in seiner Antwort kmpfte eine mhsam niedergehaltene Erregung schon wieder mit der alten Spottlust, als er entgegnete:
Wenn der selige Onkel und die Tante uns jetzt sehen knnten, sie wrden mit unendlichem Wohlgefallen bemerken, wie ihre Tochter den unverbesserlichen Hugo im Zgel hat, der sonst keinem Zgel gehorchen wollte, wie sie ihn auch nicht einen Schritt hinauslt ber die Grenze, die sie zu ziehen fr gut findet. Nein, ich bin Ihnen nicht bse, Ella, kann es nicht sein, aber  Sie mssen mir das Gehorchen auch nicht so schwer machen.
Die Beiden waren noch in lebhaftem Gesprche begriffen, als Marchese Tortoni und Lord Elton von der Gallerie her gleichfalls in die Veranda traten.
Sieh da, sagte der Erstere berrascht zu seinem Begleiter, darum also zog sich die Wetterbeobachtung unseres Capitano so endlos in die Lnge, da wir ihn schlielich aufsuchen muten. Es ist doch eine unverwstliche Natur. Vor einer Stunde erst hat er unser Boot durch Sturm und Wogen gezwungen und jetzt spielt er schon wieder den Liebenswrdigen bei einer jungen Signora.
Yes, ein ausgezeichneter Mensch, besttigte der Lord, der bereits eine so blinde Vorliebe fr Hugo gefat hatte, da er an diesem schlechterdings alles vortrefflich fand.
Die unertrglich schwle Luft in den dunstigen Zimmern schien die ganze Gesellschaft auf die Veranda getrieben zu haben, denn unmittelbar hinter den beiden Herren erschienen auch Beatrice und Reinhold. Wenn seine Gattin auf dieses Zusammentreffen vorbereitet war, so war er es jedenfalls nicht, denn er wurde todtenbleich und machte eine Bewegung wie zur Umkehr, aber in demselben Augenblicke tauchte der blonde Lockenkopf des Knaben hinter der jungen Frau auf und wie gebannt blieb der Vater stehen. Das Auge unverwandt auf das Kind gerichtet, schien er alles Andere um sich her vergessen zu haben.
Welch ein schnes Kind! rief Beatrice bewundernd, indem sie unbefangen die Arme ausstreckte, jetzt aber zuckte Ella empor; mit einer einzigen Bewegung hatte sie den Knaben der beabsichtigten Liebkosung entzogen und prete ihn fest an sich.
Verzeihung, Signora, sagte sie kalt. Das Kind ist scheu gegen Fremde, und nicht an solche Liebkosungen gewhnt.
Beatrice schien etwas beleidigt durch die Zurckweisung, indessen sah sie darin nichts, als die bertriebene Aengstlichkeit einer Mutter. Sie zuckte unmerklich die Achseln, und ein spttischer Seitenblick fiel auf die Fremde, aber er blieb bald genug gefesselt an der Erscheinung derselben haften, wenn das Wiedererkennen auch nur auf einer Seite stattfand.
Vor Ellas Gedchtni stand noch in vollster Klarheit jener Abend, wo sie allein, ohne Wissen der Ihrigen, den Schleier dicht ber das Gesicht gezogen, in das Theater eilte, um diejenige kennen zu lernen, die ihr den Gatten so vllig entfremdet hatte. Sie hatte sie gesehen, im vollen Glanze ihrer Schnheit und ihres Talentes, umrauscht von dem Jubel und den Huldigungen des Publicums, und sie nahm den Eindruck unauslschlich mit sich fort. Beatrice hatte gleichfalls nur ein einziges Mal die Gattin Reinholds erblickt, damals, als sie erst anfing, sich fr den jungen Knstler zu interessiren, und Ella noch nichts von ihrem unheilvollen Einflu ahnte. Der Italienerin gengte eine flchtige Begegnung von wenigen Minuten, um zu erkennen, da dieses stille blasse Wesen mit den niedergeschlagenen Augen und dem lcherlich matronenhaften Anzuge nicht einen solchen Mann zu fesseln vermochte, und diese Erkenntni war hinreichend fr sie, um ferner keine Notiz mehr von der jungen Frau zu nehmen. Jedenfalls war es ihr unmglich, das verblate, halb lcherliche und halb mitleidswerthe Bild, das sie in der Erinnerung trug, auch nur entfernt mit jener Erscheinung in Berhrung zu bringen, die so unnahbar stolz dort stand, die das blonde Haupt so hoch und frei aufgerichtet trug, und deren groe blaue Augen sie mit einem Ausdrucke anblickten, den Beatrice sich nicht zu entrthseln vermochte. Sie sah nur, da die Fremde sehr hochmthig, nebenbei aber auch sehr schn war.
Letzteres schienen auch die beiden Herren zu finden, die artig grend nher getreten waren, denn der Lord schaute Ella mit offenbarer Bewunderung an, und der Marchese, dem Hugo so oft eine strfliche Gleichgltigkeit gegen Damenbekanntschaften vorgeworfen hatte, sagte mit ungewhnlicher Lebhaftigkeit zu ihm:
Sie scheinen Signora zu kennen. Drfen wir nicht auf das Vergngen rechnen, ihr vorgestellt zu werden?
Der Capitain hatte sich wie zum Schutze an die Seite der jungen Frau gestellt. Zwischen seinen Augenbrauen lag eine Falte, die selten auf dieser heiteren Stirn erschien, und sie wurde noch tiefer bei dieser directen Aufforderung, die sich unmglich ablehnen lie. Er stellte daher die beiden Herren vor, und nannte ihnen seine Landsmnnin, Frau Erlau. Er wute, da Ella, um unliebsamen Nachforschungen vorzubeugen, zu denen der Name Almbach leicht htte Veranlassung geben knnen, den ihres Pflegevaters trug, so lange sie in Italien weilte.
Beatricens Augen sprhten auf in beleidigtem Stolze. Sie war es nicht gewohnt, da sie und Reinhold bei solchen Gelegenheiten zuletzt genannt wurden, und hier wurden sie berhaupt gar nicht genannt. Der Capitain ignorirte sie vollstndig und schien dies sogar absichtlich zu thun, denn der Zornesblick, den sie ihm zuschleuderte, ward mit emprender Klte aufgefangen, aber auch Cesario war betroffen ber die Tactlosigkeit [527] seines sonst so liebenswrdigen Gastes. Whrend er der fremden Dame einige Hflichkeiten sagte, wartete er vergebens auf die Fortsetzung der Vorstellung, und als diese nicht erfolgte, bernahm er es, die vermeintliche Unart des Capitains wieder gut zu machen.
Sie haben das Wichtigste vergessen, Signor, sagte er, die Sache rasch zum Scherze wendend. Signora Erlau wrde Ihnen schwerlich dankbar sein, wenn Sie ihr gerade die beiden Namen nicht nennen, die sie ohne Zweifel am meisten interessiren, und die ihr keinesfalls unbekannt sind. Signora Biancona  Signor Rinaldo.
Beatrice, noch entrstet ber die ihr widerfahrene Beleidigung, grte nur mit einer [?] kurzen Neigung des Hauptes, die ebenso erwidert wurde, pltzlich aber ward sie aufmerksam. Sie fhlte, wie Reinholds Arm zuckte, wie er den ihrigen fallen lie und einen Schritt von ihr wegtrat, als er sich verneigte. Sie kannte ihn allzu genau, um nicht zu wissen, da er in diesem Momente, trotz seiner scheinbaren Ruhe, furchtbar erregt war. Diese fahle Blsse, dieses nervse Zucken der Lippen waren das sichere Zeichen, da er irgend eine leidenschaftliche Aufwallung mit Gewalt unterdrckte, und was sollte dieser Blick, der freilich nur einige Secunden lang dem der Fremden begegnete, aber er flammte in unverkennbarem Trotze und schmolz doch wieder in vollster Weichheit, als er auf das Kind an ihrer Seite fiel. Sie selbst freilich stand ihm vllig unbewegt gegenber, auch nicht ein Zug regte sich in dem marmorkalten Antlitze, aber auch dies Antlitz war auffallend bleich und die Arme umschlangen den Knaben so krampfhaft fest, als sollte er ihnen entrissen werden. Dennoch erwiderte sie mit vollkommen beherrschter Stimme:
Ich bin Ihnen sehr dankbar, Signor. Ich hatte in der That noch nicht das Vergngen, Italiens erste Sngerin und Italiens berhmten Tondichter zu kennen.
Reinholds Blut wallte siedend hei auf, als ihm von Neuem, und diesmal vor Fremden, die unendliche Kluft gezeigt wurde, die ihn von der einstigen Gattin schied. Jetzt war sie es, welche ihm die Stellung anwies, die er ihr gegenber einzunehmen hatte, und da sie dies mit einer solchen Ruhe und Gelassenheit vermochte, brachte ihn aufs Aeuerste.
Italiens? wiederholte er mit scharfer Betonung. Sie vergessen, Signora, da ich von Geburt ein Deutscher bin.
Wirklich? entgegnete Ella in dem gleichen Tone wie vorhin. In der That, das wute ich bisher noch nicht.
Man scheint in der Heimath sehr schnell vergessen zu werden, warf Reinhold mit einer Art wilder Bitterkeit hin.
Doch wohl nur, wenn man sich ihr selbst entfremdet. In diesem Falle ist das freilich begreiflich. Sie, Signor, haben ja ein zweites Vaterland gefunden, und wem Italien so viel gegeben hat, der kann die Heimath und ihre Erinnerungen wohl leicht entbehren.
Sie wandte sich zu den brigen Herren, wechselte einige gleichgltige Worte mit ihnen und reichte dann ruhig und offen Hugo die Hand zum Abschiede.
Sie verzeihen, ich mu zu meinem Oheim. Reinhold, sage dem Herrn Capitain Lebewohl!
Es war nur zu wahr, Ella besa eine furchtbare Waffe in dem Kinde und verstand sie schonungslos zu gebrauchen, das empfand Reinhold wieder in diesem Augenblicke. Ihm versagte sie den Anblick und die Nhe seines Knaben unerbittlich, trotzdem sie wute, mit welcher Leidenschaftlichkeit er sich danach sehnte, und jetzt lie sie es ihm sehen, wie dieser Knabe seinem Bruder die Aermchen entgegenstreckte und ihm den Mund zum Kusse bot, lie es ihm sehen in Gegenwart der Frau, um deren willen er sie Beide verlassen hatte, und deren Nhe ihm verbot, auch nur eines seiner Vaterrechte geltend zu machen  die Rache traf bis ins innerste Herz hinein.
Beatrice hatte ganz gegen ihre Gewohnheit sich mit keiner Silbe an dem Gesprche betheiligt, aber ihr dunkelglhender Blick wich nicht von den Beiden, zwischen denen sie eine geheime Wechselbeziehung ahnte, wenn auch ihre Gedanken von der Wahrheit selbst unendlich weit entfernt waren. Fr jetzt jedoch machte Ella jeder weiteren Beobachtung ein Ende; sie nahm den kleinen Reinhold bei der Hand, und nach einer kurzen stolzen Verbeugung, die der ganzen Gesellschaft galt, verlie sie mit dem Kinde die Veranda.
Sie scheinen uns da irgend ein Incognito vorgefhrt zu haben, Signor Capitano, sagte Beatrice mit schneidendem Spotte. Vielleicht haben Sie jetzt die Gte, uns zu erklren, welche Frstin es denn eigentlich war, die soeben geruhte uns zu verlassen.
Ja beim Himmel, sehr stolz, aber auch sehr schn! rief der Marchese in ausbrechender Bewunderung, whrend Hugo khl erwiderte:
[528] Sie sind im Irrthume, Signora. Ich nannte Ihnen ja den Namen der deutschen Dame.
Der junge Italiener trat zu seinem Freunde und legte die Hand auf dessen Schulter.
Signoras Irrthum ist erklrlich. Meinen Sie nicht auch, Rinaldo?  Mein Gott, was haben Sie denn  was ist Ihnen?
[539] Nichts! sagte Reinhold, sich gewaltsam fassend. Mir ist nicht wohl; die strmische Fahrt hat mich angegriffen. Es ist nichts, Cesario.
Ich glaube, wir thun am besten, jetzt an die Rckkehr zu denken, fiel Hugo ein, der fr nthig fand, die Aufmerksamkeit von seinem Bruder abzulenken, da er sah, da dieser nicht mehr Herr seiner Aufregung war. Eine Wiederholung des Unwetters steht nicht zu befrchten, und da der Padrone versprochen hat, einen Wagen herbeizuschaffen, so knnen wir noch heute Abend in S. sein, wenn wir baldigst aufbrechen.
Es war das erste Mal, da Beatrice einem Vorschlage, den der Capitain machte, mit vollster Lebhaftigkeit beistimmte. Marchese Tortoni dagegen fand die groe Eile sehr unnthig und erhob verschiedene Einwendungen. Fr ihn schien die einsame Locanda auf einmal besondere Anziehungskraft gewonnen zu haben. Als er aber mit seiner Ansicht nicht durchdrang  denn auch Reinhold bestand auf der sofortigen Rckkehr  schlo er sich dem Capitain an, welcher ging, um nach dem Wagen zu sehen.
Ich frchte, Sie haben Ihrem Bruder und mir ein Mrchen aufgetischt, als Sie behaupteten, eine gewisse Villa sei Ihnen unzugnglich geblieben, sagte er neckend. Es war mir schon damals verdchtig, da Sie den Rckzug so offen eingestanden und so ruhig unseren Spott ber sich ergehen lieen. Ich wollte darauf schwren, da ich diese reizende Gestalt und diese blonde Flechtenpracht schon einmal erblickt habe, als ich an der Villa Fiorina vorberritt. Ich begreife es freilich, da Sie uns nicht zu Vertrauten Ihres Abenteuers machten, allein 
Sie irren, unterbrach ihn Hugo mit einer Entschiedenheit, die keinen Zweifel an seinen Worten mglich machte. Es ist hier von keinem Abenteuer die Rede, Signor Marchese; ich gebe Ihnen mein Wort darauf.
Ah, dann verzeihen Sie! sagte Cesario ernst. Ich glaube, Ihre anscheinend nhere Bekanntschaft mit der Dame 
Stammt aus einer frheren Bekanntschaft in Deutschland her, ergnzte der Capitain. Ich hatte allerdings keine Ahnung von diesem Zusammentreffen, als ich eine vllig Fremde in der Villa Fiorina aufzusuchen glaubte, aber ich wiederhole es Ihnen, da das Wort Abenteuer auch nicht entfernt mit jener Dame in Berhrung gebracht werden darf, und da ich die vollste und unbedingteste Achtung eines Jeden fr sie in Anspruch nehme.
Der sehr bestimmte Ton dieser Erklrung htte einen anderen Zuhrer vielleicht gereizt, der junge Marchese dagegen schien eine unverkennbare Genugthuung dabei zu empfinden.
Ich zweifle nicht im Geringsten daran, da Sie mit dieser Forderung in Ihrem Rechte sind, erwiderte er mit groer Wrme. Das ganze Wesen der schnen Frau spricht dafr. Welch ein imponirender Anstand und welche vollendete Lieblichkeit der Erscheinung! Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die beides so zu vereinigen wei.
Wirklich? In Hugos Stimme verrieth sich eine keineswegs angenehme Ueberraschung, als er seinen Begleiter ansah, dessen Wangen lebhaft gerthet waren und dessen Augen blitzten. Der Capitain sagte kein Wort weiter, aber seine Miene sprach deutlich genug aus, was er dachte. Ich glaube, dieser Idealmensch fngt jetzt auch an, sich um etwas Anderes zu kmmern, als um Arien und Recitative  das ist aber ganz und gar berflssig.
Droben in der Veranda stand Beatrice allein; sie war Reinhold und dem Lord nicht gefolgt, die gleichfalls hinabstiegen. Ihre Hand vergrub sich mechanisch in das nasse Weinlaub, whrend die dunklen Augen starr auf die See gerichtet waren, und doch schien sie nichts von der ganzen Umgebung zu sehen. In dsteres Sinnen verloren, hing sie nur dem einen Gedanken nach, den die Lippen jetzt aussprachen, als sie halb drohend, halb angstvoll flsterte: Was war das zwischen den Beiden?



Der Herbst war gekommen und hatte Fremde und Einheimische vom Meeresstrande und aus den Gebirgen wieder zurckgefhrt in den groen, ewig steten und ewig bewegten Mittelpunkt Italiens. Freilich war es kein Herbst, wie er im Norden die Natur zu Grabe geleitet, mit dsteren Regentagen, rauhen Sturmnchten, wogenden Nebeln, Reif und Nachtfrsten. Hier lag er mild in goldiger Klarheit und unbeschreiblicher Schnheit ber der weiten Ebene, von der endlich die Sommergluth gewichen war, ber dem Gebirge, das sonst Tag fr Tag von heiem Dunst umzogen, von weien Wolken umlagert, jetzt wieder seine blauen Linien unverhllt zeigte, und ber der Stadt, wo die groe Woge des Lebens, die einige Monden lang trger gerollt war, nun mit neuer Macht emporfluthete.
Auch Signora Biancona war bereits zurckgekehrt. Ihr Aufenthalt in S. hatte ein ebenso unerwartet schnelles Ende genommen, wie der Reinholds in Mirando. Diesen schien es [540] auf einmal nicht lnger zu dulden an dem sonstigen Lieblingsorte. Fast unmittelbar nach jener strmischen Seefahrt bestand er mit Entschiedenheit darauf, da der ursprngliche Plan wieder aufgenommen und die lngst beschlossene Villeggiatur im Gebirge angetreten werde. Die Einwendungen, ja selbst die offen gezeigte Empfindlichkeit des Marchese, der auf eine lngere Anwesenheit seiner Gste gerechnet hatte, waren umsonst; denn auch Beatrice schlo sich mit einer Art von Hast dem Plane Rinaldos an, und so blieb Cesario denn allein in Mirando zurck, whrend die Uebrigen in das Gebirge gingen, von wo sie soeben zurckgekehrt waren. 
Es war in den Vormittagsstunden In ihrem Boudoir sa Signora Biancona, den Kopf auf den Arm gesttzt und die Hand in den dunklen Locken vergraben, in der Stellung einer eifrig Zuhrenden. Ihr gegenber hatte der Capellmeister Gianelli Platz genommen. Was auch seine wahre Gesinnung gegen den vielbeneideten Rinaldo sein mochte, er war doch allzuklug, um dem in der Knstlerwelt wie in der Gesellschaft Allmchtigen nicht uerlich all die nthige Rcksicht und Unterordnung zu zeigen, und der schnen Primadonna gegenber war er nun vollends ganz Ergebenheit und Aufmerksamkeit; das zeigte sich in Ton und Haltung, als er, das vorhin begonnene Gesprch fortsetzend, sagte:
Sie hatten befohlen, Signora, und das war genug fr mich, um sofort alle Hebel in Bewegung zu setzen. Ich bin so glcklich, Ihren Wunsch erfllen und Ihnen die genauesten Mittheilungen ber den bewuten Gegenstand machen zu knnen.
Beatrice hob in lebhafter Spannung den Kopf. Nun?
Dieser Signor Erlau, fuhr der Maestro fort, ist in der That, wie Sie vermuthen, ein Kaufmann aus H. Er mu wohl zu den Reichsten seines Standes gehren; denn er tritt hier berall als Millionr auf. In der Nhe von S. hatte er die ganze Villa Fiorina fr sich und seine Familie gemiethet, und auch hier hat er eine der theuersten Wohnungen inne. Der Haushalt ist sehr vornehm eingerichtet, die Dienerschaft zum Theil aus Deutschland mitgebracht. Auch besitzt er bedeutende Empfehlungen an seine Gesandtschaft, von denen er jedoch noch keinen Gebrauch gemacht hat, da sein leidender Zustand ihn zur Zurckgezogenheit nthigt. Die Uebersiedelung bewerkstelligte er berhaupt nur, um sich der Behandlung eines unserer berhmtesten Aerzte zu unterwerfen 
Das Alles wei ich bereits, unterbrach ihn Beatrice ungeduldig. Als ich den Namen hrte, zweifelte ich nicht daran, da es sich um jenen Consul handelte, in dessen Hause auch ich whrend meines Aufenthaltes in H. verkehrte. Aber die Dame, welche sich in seiner Begleitung befindet, die junge Signora?
Ist  seine Nichte, erklrte Gianelli, der nach dem ersten Worte eine absichtliche Pause machte.
Die Sngerin schien nachzusinnen. Sie wurde mir allerdings als Signora Erlau genannt. Eine Anverwandte also. Ich habe sie damals nicht gesehen. Sie wre mir sicher aufgefallen; solch eine Gestalt bersieht man nicht so leicht.
Der Maestro lchelte mit boshaftem Ausdrucke. Sie soll allerdings den gleichen Namen wie ihr Pflegevater fhren; sie soll Wittwe sein, soll ihren Gatten schon vor Jahren verloren haben  wenigstens wnscht man, da es hier in Italien so heie, und die Diener haben strenge Weisung, etwaige Anfragen in diesem Sinne zu beantworten.
Beatrice horchte bei dieser zweideutigen Erklrung auf. Soll? Aber es ist nicht so? Ich ahnte es, da sich ein Geheimni dahinter berge. Sie haben es entdeckt?
Bediente schweigen nie, wenn man es versteht, in der rechten Weise anzuklopfen, bemerkte Gianelli spttisch. Ich frchte nur  es ist ein uerst zarter Punkt  und da er Signor Rinaldo betrifft 
Rinaldo? fuhr Beatrice auf. Wie so? Was hat Rinaldo damit zu thun? Sagten Sie nicht, da es Rinaldo betreffe?
Der Maestro neigte das Haupt und sagte in seinem sanftesten Tone: Ich war wohl im Irrthume, Signora, wenn ich voraussetzte, da die Veranlassung zu Ihrem Wunsche, etwas Nheres ber die Erlausche Familie zu erfahren, von Signor Rinaldo ausging.
Die Sngerin bi sich auf die Lippen. Sie. htte es freilich vorher sehen knnen, da bei dem Auftrage, den sie ihm gab, den beobachtenden Augen eines Gianelli nicht die Regung entgehen konnte, die diesen Auftrag dictirte.
Lassen wir jetzt Rinaldo bei Seite! sagte sie mit einer Anstrengung, ruhig zu erscheinen. Sie wollten von Signor Erlau sprechen.
Das mchte wohl schwer von einander zu trennen sein, warf Gianelli hin. Ich frchte nur  Signor Rinaldo ist mir leider schon ungnstig gestimmt, gewi ohne mein Verschulden  ich frchte, seinen hchsten Unwillen zu erregen, wenn er erfhrt, da ich es war, der eine solche Mittheilung gerade Ihnen  er stockte und zeichnete in gut gespielter Verlegenheit mit seinem Spazierstckchen Figuren auf den Boden.
Gerade mir? wiederholte Beatrice heftig. Also ist diese Mittheilung nicht fr mich bestimmt? Sie werden sprechen, Signor Gianelli! Sie werden mir auch nicht ein Wort, nicht eine Silbe verschweigen! Ich verlange, ich fordere es von Ihnen.
Nun denn,  er schien wirklich einen Anlauf zur Erklrung nehmen zu wollen, aber das Spiel war doch zu interessant, um es jetzt schon aufzugeben, und der Maestro hatte selbst zu oft unter den Launen der schnen Primadonna gelitten, als da er sich die Genugthuung htte versagen sollen, sie noch lnger auf die Folter zu spannen. Nun denn  Sie kennen jedenfalls die frheren Bande Signor Rinaldos. Man wei hier in Italien wenig oder nichts davon, da er bereits vermhlt war; ich selbst erfuhr es erst bei dieser Gelegenheit. Ihnen ist die Thatsache jedenfalls bekannt.
Ich wei es, entgegnete Beatrice gepret. Aber wie gehrt das hierher?
Doch wohl einigermaen. Sie kennen die Gemahlin Rinaldos nicht, Signora?
Nein. Doch ja, ich sah sie einmal flchtig. Eine hchst unbedeutende Erscheinung.
Das scheint man hier durchaus nicht zu finden, bemerkte Gianelli wieder in seinem sanften Tone. Die schne blonde Deutsche fngt trotz ihrer Zurckgezogenheit bereits an, Aufsehen zu erregen.
Wer? Beatrice erhob sich so jh und ungestm, da der Maestro es fr gut fand, um einige Schritte zurckzuweichen. Von wem sprechen Sie?
Von Signora Eleonore Almbach, die allerdings hier den Namen ihres Pflegevaters Erlau fhrt, wohl um neugierigen Nachforschungen auszuweichen.
Das ist unmglich, brach die Sngerin jetzt mit vollster Heftigkeit aus. Das kann nicht sein. Sie tuschen mich, oder Sie sind selbst getuscht worden.
Bitte, vertheidigte sich Gianelli, meine Quelle ist die sicherste. Ich stehe fr deren Richtigkeit ein, und Signor Rinaldo selbst wird sie mir besttigen mssen.
Unmglich! wiederholte Beatrice noch immer fassungslos. Seine Frau diese Erscheinung! Ich habe sie ja damals gesehen, wenn auch nur auf Minuten Bin ich denn blind gewesen?
Oder war er es? ergnzte Gianelli im Stillen bei sich, laut aber sagte er: Ich bin untrstlich, Sie in solche Aufregung versetzt zu haben, Signora. Sie werden mir das Zeugni geben, da ich nicht sprechen wollte, da Sie mir diese Mittheilungen frmlich abgezwungen haben. Ich beklage dies ganz auerordentlich.
Seine Worte gaben Beatrice wenigstens einigermaen die Besinnung zurck. Sie fhlte wohl, was sie von dem Mitleid des Mannes zu erwarten hatte, der in ihrem Auftrage den Spion spielte.
Nicht doch! erwiderte sie mit einem hastigen, aber vergeblichen Versuch, ihre Selbstbeherrschung zurckzugewinnen.
Ich  ich danke Ihnen, Signor. Ich bin nur berrascht, weiter nichts.
Der Maestro sah, da er am besten that, sich zu entfernen, aber whrend er Anstalt machte, zu gehen, legte er betheuernd die Hand auf das Herz:
Sie wissen, Signora, da ich ganz zu Ihren Befehlen bin, und wenn Sie es fr nthig halten sollten, in dieser Angelegenheit ber mein unbedingtes Schweigen zu verfgen, so bedarf es wohl keiner Versicherung, da Ihnen auch dies zu Diensten steht. Ganz, wie Sie befehlen.
[541] Er verlie mit einer tiefen Verneigung das Gemach, und es war ihm Ernst mit den letzten Worten. Gianelli war ein zu guter Rechner, um Etwas, das sich vielleicht frher oder spter doch einmal gegen den gehaten Rinaldo verwenden lie, nicht als ein kostbares Geheimni zu betrachten. Wenn er die pikante Neuigkeit jetzt den Gesellschaftskreisen preisgab, so lie sich eben nichts weiter damit anfangen, in seinem Alleinbesitz dagegen konnte sie zu Vielem ntzen. Sicherte sie ihm fr den Augenblick doch schon einen Einflu auf Beatrice und indirect sogar auf Rinaldo, dem dieses Bekanntwerden seiner Familienbeziehungen zum Mindesten nicht angenehm sein konnte.
In der vortrefflichsten Stimmung durchschritt der Maestro den Salon und trat in das Vorzimmer, wo sich augenblicklich nur der Matrose Jonas befand. Der Capitain hatte ihn seinem Bruder mit einem Auftrage nachgesendet; er whnte diesen bei Signora Biancona; Reinhold befand sich aber noch bei dem Intendanten, wurde jedoch jeden Augenblick erwartet. Das erfuhr Jonas von einem Bedienten, der aus dem Dienste des Impressario, welcher einst die italienische Operngesellschaft nach Deutschland fhrte, in den Beatrices bergangen war und als Errungenschaft seiner nordischen Reise etwas Deutsch radebrechte. Da der Matrose den Auftrag hatte, das Billet seines Herrn dessen Bruder selbst zu bergeben, so blieb ihm nichts brig, als zu warten; er fate daher im Vorgemach Posto, das Reinhold jedenfalls passiren mute. Er hatte allerdings bemerkt, da die Thr eines der Hinterzimmer offen stand und da sich dort Jemand befand, anscheinend ein Kammermdchen der Signora, welches sich mit einer Robe ihrer Gebieterin beschftigte. Da dieser Jemand aber ein Frauenzimmer war, so existirte er begreiflicherweise nicht fr Jonas, der sich, mrrisch und schweigsam wie gewhnlich, in eine der Fensterecken zurckzog und dort schon ber eine Viertelstunde harrte, ohne die mindeste Notiz von jener Nachbarschaft zu nehmen.
Signor Gianelli schien in Bezug auf die Frauen gerade den entgegengesetzten Ansichten zu huldigen; denn er hatte kaum die offenstehende Thr und das junge Mdchen entdeckt,[WS 2] als er auch sofort seinen Cours nderte und nach jener Richtung steuerte. Jonas verstand natrlich nichts von dem italienisch gefhrten Gesprche, das sich jetzt zwischen den Beiden entspann, aber so viel wurde ihm doch klar, da der Maestro sich bemhte, den Liebenswrdigen zu spielen, freilich, wie es schien, ohne besonderen Erfolg; denn er erhielt nur kurze und ziemlich trotzig klingende Antworten, und dabei wurden die schweren Seidenwogen der Robe so geschickt drapirt, da er nicht nher kommen konnte, ohne den hellen Atlas zu zerknittern. Das dauerte einige Minuten, dann schien Signor Gianelli dennoch eine ernstliche Attaque zu versuchen; denn man hrte einen entrsteten Ausruf, dem das zornige Aufstampfen eines kleinen Fues folgte. Die Robe flog zur Seite, und das junge Mdchen flchtete in das Vorgemach, wo es mit trotzig verschrnkten Armen und zornsprhenden Augen stehen blieb. Der Maestro aber war ihm gefolgt, und ohne im Mindesten durch den Widerstand eingeschchtert zu werden, machte er Miene, den ihm vorhin augenscheinlich versagten Ku hier zu erzwingen, als er auf ein hchst unerwartetes Hinderni stie. Eine krftige Faust packte ihn urpltzlich am Kragen und eine fremde Stimme sagte mit nachdrcklicher Betonung:
Das lt man bleiben.
Im ersten Augenblick schien der Italiener sehr betroffen durch diese Dazwischenkunft eines Fremden, den er noch gar nicht bemerkt hatte, als er diesen aber genauer ansah und entdeckte, da er es nur mit einem gewhnlichen Matrosen zu thun hatte, richtete er sich mit groem Selbstbewutsein und groer Entrstung auf. Er kehrte die Sache sofort um und spielte den Beleidigten. Wie man es wagen knne, einen Mann in seiner Stellung anzugreifen, noch dazu in den Zimmern Signora Bianconas; er werde sich bei der Signora darber beklagen; was das denn eigentlich fr eine Persnlichkeit sei, die sich dergleichen herausnehme, und damit strmte eine ganze Fluth von nicht gerade schmeichelhaften Ehrentiteln auf den armen Jonas herab.
Dieser ertrug mit unverwstlicher Gelassenheit die auf ihn gehuften Beleidigungen, da er nicht eine einzige davon verstand, als sich aber der Italiener, durch diese Ruhe getuscht, beikommen lie, mit seinem Spazierstocke einige drohende Bewegungen zu machen, da war es aus mit der Gelassenheit des Matrosen; denn diese Pantomime begriff er sehr gut. Mit einem einzigen Ruck hatte er dem Maestro den Stock entrissen, in der nchsten Secunde ihn selber umfat und suberlich zur Thr hinausgeschoben, dann warf er ihm seinen Stock nach, schlo die Thr, alles ohne ein einziges Wort zu sprechen, und kehrte ruhig, als sei nicht das Mindeste vorgefallen, wieder in seine Fensterecke zurck. Hier aber trat ihm bereits das junge Mdchen entgegen, das in aufwallender Dankbarkeit und mit sdlicher Lebhaftigkeit ihm beide Hnde entgegenstreckte.
Ist nicht nthig! Ist gern geschehen, sagte Jonas trocken, aber in dem Augenblick, wo er abwehrend den Arm ausstreckte, legte sich eine kleine Hand auf denselben, und eine helle Stimme sprach in den weichsten Tnen etwas, das ganz unzweifelhaft einen Dank ausdrcken sollte.
Jonas sah hchst indignirt erst seinen Arm, dann die Hand an, die noch immer auf demselben lag, und nachdem er beide eine Weile angeschaut, lie er sich endlich herab, auch auf die zu der Hand gehrige Person einen Blick zu werfen.
Vor ihm stand ein junges Mdchen von hchstens sechszehn Jahren, eine kleine, so unendlich leichte und zierliche Gestalt, da sie den denkbar grten Gegensatz zu der breiten Figur des Seemannes bildete. Eine Flle prchtiger blauschwarzer Flechten umgab das Gesichtchen, das mit seinem dunklen, braunen Teint und brennend schwarzen Augen jedenfalls dem Sden Italiens entstammte. Die Kleine war ohne Zweifel hbsch, sehr hbsch, das lie sich nicht leugnen, und die Lebendigkeit, mit der sie sich bemhte, ihrem Beschtzer zu zeigen, wie sehr dankbar sie ihm sei, machte sie nur noch anmuthiger.
Ja, wenn ich nur die vermaledeite Sprache verstnde! brummte Jonas, in dem zum ersten Male etwas wie Reue darber aufstieg, da er die whrend des Sommers ihm so reichlich gebotene Gelegenheit zum Lernen des Italienischen stets in hartnckiger Verschlossenheit von sich gewiesen hatte. Er schttelte den Kopf, zuckte die Achseln und gab auf diese Weise pantomimisch zu verstehen, da er des Italienischen nicht mchtig sei, was das junge Mdchen ganz unerhrt und nebenbei sehr unangenehm zu finden schien.
Den Herrn Reinhold soll ich suchen, brummte Jonas weiter, bei dem sich merkwrdiger Weise ein Bedrfni nach Mittheilung kund gab, das er sonst einem Frauenzimmer gegenber nie empfand. Er machte aber die Entdeckung, da auch der Name nicht verstanden wurde, denn jetzt war die Reihe den Kopf zu schtteln und die Achseln zu zucken an seiner Gefhrtin.
Ja so, sagte der Matrose rgerlich, er hat ja nicht einmal seinen ehrlichen deutschen Namen behalten! Rinaldo lt er sich hier nennen  da Gott erbarm! so heien bei uns zu Hause die Ruber und Spitzbuben. Signor Rinaldo, erklrte er, indem er zugleich das Billet seines Herrn hervorzog, das den gleichen Namen trug. Diese Adresse war nun freilich bekannt genug im Hause Signora Bianconas, eine weitere Verstndigung fr jetzt aber unnthig; denn gerade in dem Augenblick, wo die Beiden ihre Kpfe eifrig ber den Brief hinneigten, ffnete sich die Thr des Vorzimmers, und Reinhold selbst trat ein.
Das junge Mdchen bemerkte ihn zuerst. Sie war urpltzlich von der Seite des Matrosen weg und in der Mitte des Gemaches, wo sie einen zierlichen Knix machte, und dann in der Richtung des Salons verschwand, wahrscheinlich um ihrer Gebieterin den lngst Erwarteten zu melden, whrend Jonas, der nicht zu begreifen schien, wie Jemand so leicht und schnell davonfliegen und im Laufe weniger Secunden so spurlos verschwinden knne, ihr so beharrlich nachblickte, da Reinhold an ihn herantreten und ihn fragen mute, wie er hierher komme. Beschmt und etwas verlegen entledigte sich der Matrose seines Auftrages und bergab das Billet, das Almbach erbrach und flchtig durchlas; der Inhalt desselben schien ihn sehr gleichgltig zu lassen.
Sagen Sie meinem Bruder, ich wre fr heute bereits gefesselt, ich liee ihn bitten, die Einladung des Marchese allein anzunehmen. Wenn es irgend mglich ist, so erscheine ich noch gegen Abend.
[542] Damit steckte er den Brief zu sich, verabschiedete den Boten mit einer Handbewegung und trat gleichfalls in den Salon. Jonas hatte nun seinen Bescheid und htte fglich nach Hause gehen knnen; statt dessen suchte er drauen den Bedienten auf, der ihm vorhin die nthige Auskunft gegeben hatte, und dieser machte die Entdeckung, da der wortkarge, unzugngliche Seemann auf einmal sehr neugierig geworden sei, da er sich ausfhrlich nach dem Haushalte Signora Bianconas und nach dem Personale desselben erkundigte, und das wahrhaft frchterliche Deutsch des auf seine Sprachkenntnisse sehr stolzen Italieners mit einer musterhaften Geduld ertrug. 
Reinhold war inzwischen in das Boudoir getreten. Er bedurfte allerdings keiner Anmeldung mehr bei der Herrin desselben, und sie kam ihm auch schon an der Schwelle entgegen, aber wre er nicht so gnzlich von anderen Gedanken hingenommen gewesen, so htte er auf den ersten Blick sehen mssen, da irgend Etwas mit ihr vorgegangen war. Das dunkle warme Colorit der Italienerin konnte auch bleich erscheinen; das sah man jetzt, wo das heie Blut, das sonst immer in ihren Wangen pulsirte, bis auf den letzten Tropfen gewichen schien, aber es war eine unheimliche Blsse und die Augen brannten nur um so sengender. Beatrice war Schauspielerin genug, um, auf Minuten wenigstens, ihr strmisches Temperament beherrschen zu knnen, wenn es galt, einen Zweck zu erreichen, und heute wollte sie etwas erreichen. In ihrem Gesichte stand ein Zug finsterer Entschlossenheit; sie wollte klar sehen um jeden Preis.
Ich traf unten auf der Strae mit Gianelli zusammen, begann Reinhold nach der ersten Begrung. Er schien aus Deinem Hause zu kommen; war er bei Dir?
Gewi! Ich wei, da Du gegen ihn eingenommen bist, aber ich kann unmglich den Capellmeister der Oper abweisen lassen, wenn er kommt, um irgend etwas hinsichtlich der Auffhrungen mit mir zu besprechen.
Reinhold zuckte die Achseln. Das konnte fglich in den Proben geschehen. Bist Du eine junge Anfngerin, die der Protection bedarf, und frchten mu, irgend Jemand zu verletzen? Ich dchte, Du in Deiner Stellung knntest gegen miliebige Persnlichkeiten ebenso rcksichtslos auftreten, wie ich es thue. Indessen, ich will Dir darin keine Vorschriften machen. Empfange wen Du willst, auch Gianelli! Ich bin weit entfernt, Dir irgend einen Zwang auferlegen zu wollen.
Der Ton klang eisig, und Beatrices Stimme bebte leise, als sie erwiderte: Das ist mir neu. Du pflegtest sonst meine Besuche despotischer zu berwachen, frher durfte Keiner meine Schwelle berschreiten, der Dir nicht genehm war.
Reinhold hatte sich in einen Sessel geworfen Du siehst, ich bin duldsamer geworden.
Duldsamer, oder  gleichgltiger.
Du hast Dich doch oft genug ber meinen Despotismus beklagt, bemerkte er mit einem Anfluge von Spott.
Und ich ertrug ihn dennoch, weil ich wute, da er aus Liebe entsprang. Es ist nur natrlich, da mit der einen auch der andere ein Ende nimmt.
Reinhold machte eine ungeduldige Bewegung. Beatrice, Du verlangst Unmgliches, wenn Du forderst, das Menschenherz solle immer und ewig in jenen vulcanischen Empfindungen glhen, die allein Dir Liebe heien.
Sie war an seinen Sessel getreten und legte die Hand auf die Lehne desselben, whrend sie mit einem seltsamen Ausdrucke zu ihm niederblickte.
Ich sehe allerdings, da es unmglich ist, von dem kalten Herzen des Nordlnders eine Liebe zu fordern, wie ich sie gebe und  verlange.
Du httest ihn in seinem Norden lassen sollen, sagte Reinhold dster. Vielleicht wre die Klte dort besser fr ihn gewesen als die ewige Gluth Eures Sdens.
Soll das ein Vorwurf sein? War ich es, die Dich Deiner Heimath entri?
Nein! Ich ging freiwillig, aber  sei gerecht, Beatrice! , die treibende Kraft warst Du. Wer drngte mich unaufhrlich zu dem Entschlusse? Wer hielt mir immer und immer wieder meinen Knstlerberuf vor Augen? Wer schalt mich Feigling, als ich vor der Verantwortung zurckschreckte, und stellte mir endlich die verhngnivolle Wahl zwischen der Flucht oder unserer Trennung? Ich bitte Dich  Du wutest, wie die Entscheidung fallen wrde.
In den dunkeln Augen der Italienerin blitzte es drohend auf, aber noch erzwang sie Ruhe.
Es galt unsere Liebe, erklrte sie stolz, es galt Deine Knstlerlaufbahn. Ich rettete der Welt einen Genius, als ich Dich mir rettete.
Er schwieg. Die Vertheidigung schien keinen Wiederhall in seinem Inneren zu finden. Sie beugte sich tiefer zu ihm nieder, und ihre Stimme klang wieder s und bestrickend, aber der unheimliche Ausdruck wich nicht aus ihren Zgen.
Du trumst, Rinaldo. Das ist wieder eine von jenen Stimmungen, gegen welche ich so oft ankmpfen mute. Ist es denn das erste Mal, da eine unglckliche, unbefriedigte Ehe gelst wurde, um ein beglckenderes Band zu schlieen?
Reinhold sttzte den Kopf in die Hand. Nein, gewi nicht, aber das trifft hier nicht zu, denn meine Ehe ist nicht gelst worden, und wir  haben nie daran gedacht, uns zu vermhlen.
Beatrice zuckte zusammen, und ihre Hand glitt von der Lehne des Sessels herab.
Du warst nicht frei, murmelte sie.
Es kostete mich nur ein Wort, es zu werden. Ich wute, da man mich nicht halten wrde, und Dir standen genug Wege zu dem Dispens offen, der auch der Katholikin diese Ehe gestattet htte. Aber wir frchteten Beide das unlsbare Band, wir wollten frei und fessellos sein, ohne Schranken in unserer Liebe wie im Leben  nun wohl, wir sind es ja noch bis auf diese Stunde.
Was willst Du damit sagen? Beatrice prete wie athemlos die Hand auf das Herz. Betrachtest Du etwa Deine Ehe als noch bestehend?
O nein, gewi nicht, und wenn ich es thte, so wrde mir bald genug die Verwegenheit dieser Annahme klar gemacht werden. Du kennst nicht eine beleidigte Gattin und Mutter in ihrem Tugendstolze. Wenn der Snder auch sein ganzes noch briges Leben der Reue und Bue widmen wollte, er wrde doch nie begnadigt
Die Worte sollten wie herber Spott klingen; er ahnte nicht, was die grenzenlose Bitterkeit verrieth, mit der er sie hervorstie, aber Beatrice verstand es nur zu gut, und mit dieser Erkenntni brach die bisher so mhsam gewahrte Selbstbeherrschung rettungslos zusammen.
Hast Du das vielleicht schon versucht bei ihr, bei der beleidigten Gattin? rief sie aufflammend. Sie ist ja in Deiner Nhe; ich war ja selbst Zeuge Eures Wiedersehens. Darum also begegneten sich Eure Augen in so rthselhafter Weise, darum konntest Du den Blick nicht losreien von dem Kinde, darum bebte sie zurck vor mir, wie vor etwas Unheilvollem? Hast Du die Reuescene schon versucht, Rinaldo?
Reinhold war aufgesprungen, in seinen Mienen stritten Zorn und Ueberraschung miteinander. Also Du weit bereits, wer Signora Erlau ist? Doch was frage ich noch! Der Spion, dieser Gianelli, verlie Dich ja soeben; er wird auch das bereits herausgesprt und Dir hinterbracht haben.
Einen Moment lang flog eine dunkle Gluth ber die Zge der Sngerin, als sie an den directen Auftrag dachte, den sie dem Spion ertheilt hatte, aber in dem Aufruhr ihres ganzen Inneren fand die Beschmung keinen Platz.
Du wutest es bereits in Mirando, fuhr sie strmisch fort, und sie bewohnte die nahe Villa Fiorina. Willst Du mich vielleicht glauben machen, da Ihr Euch dort nicht gesehen, nicht gesprochen habt?
Ich will Dich berhaupt nichts glauben machen, sagte Reinhold kalt. Wie ich mit Eleonoren stehe, wird Dir unsere vllig fremde Begegnung wohl hinreichend gezeigt haben. Beruhige Dich! Von der Seite hast Du nichts zu frchten. Was brigens [544] zwischen meiner Gattin und mir vorgegangen ist, werde ich Dir nicht beichten.
Es lag ein leiser, aber doch bemerkbarer Ton der Verachtung auf den beiden Worten, und er schien verstanden zu werden.
Es scheint, Du stellst mich unter Deine Gattin, sagte Beatrice schneidend. Unter diese Frau, deren einziges Verdienst es war und ist, die Mutter Deines Kindes zu sein, die Dich niemals 
Ich bitte Dich, la das! unterbrach er sie entschieden. Du weit, da ich es nicht ertragen kann, wenn Du diesen Punkt berhrst, und jetzt dulde ich das weniger als je. Wenn Du mir durchaus wieder eine Scene machen mut, so thue es, aber mein Weib und mein Kind la aus dem Spiele!
Es war, als ob seine Worte einen Sturm entfesselt htten, so glhend, so malos brach die Leidenschaftlichkeit der Italienerin jetzt hervor, jede Spur von Selbstbeherrschung mit sich fortreiend.
Dein Weib und Dein Kind! wiederholte sie auer sich. O ich wei, was mir diese Worte bedeuten; ich mute es ja oft genug erfahren. Haben sie sich doch zwischen uns gedrngt von dem ersten Moment unserer Vereinigung an bis auf diesen Tag. Ihnen verdanke ich jede bittere Stunde, jede kalte fremde Regung in Deinem Innern. Sie haben auf Dir gelegen wie ein Schatten mitten in dem Aufsteigen Deines Knstlerruhmes, mitten in all Deinen Siegen und Triumphen, als ob sie Dich gebannt htten da oben im Norden mit der Erinnerung an sie  Du konntest Dich nicht losreien davon, und doch gab es eine Zeit, wo sie Dir die drckenden Fesseln waren, die Dich schieden von Leben und Zukunft, die Du schlielich zerreien mutest.
Um andere dafr einzutauschen, ergnzte Reinhold, dessen Heftigkeit jetzt auch aufloderte. Und es ist noch die Frage, ob diese anderen die leichteren sind. Dort waren es nur die ueren Verhltnisse, die mich einengten; mein Denken und Fhlen, mein Schaffen wenigstens war frei. Du wolltest auch dies willenlos zu Deinen Fen sehen, wie mich selber, und da Dir das nicht gelang, wenigstens nicht immer, habe ich mit Stunden endloser Aufregung und Bitterkeit ben mssen. Einen Anderen htte Deine Liebe zum Sclaven gemacht; mich zwang sie im ewigen Kampfe gegen Deine Herrschsucht zu stehen, die sich jedes Gedankens, jeder Regung meines Inneren bemchtigen wollte. Aber ich dchte, Beatrice, Du httest bisweilen doch in mir Deinen Meister gefunden, der seine Selbststndigkeit zu wahren wute und der nicht sein ganzes Sein und Wesen in Ketten schlagen lie.
Der Sturm war einmal heraufbeschworen. Nun gab es auch kein Einhalten und keine Migung mehr. Zum Mindesten fr Beatrice nicht, deren Leidenschaftlichkeit immer wilder aufschumte.
Das also mu ich von den Lippen des Mannes hren, der mich so oft seine Muse genannt hat? Hast Du vergessen, wer es war, der Dich zuerst zum Bewutsein Deines Talentes und Deiner selbst erweckte, wer allein Dich hinauffhrte auf die Sonnenhhe des Ruhmes? Ohne mich wre der gefeierte Rinaldo zu Grunde gegangen in den Fesseln, die er nicht zu zerreien wagte.
Sie fhlte nicht, wie grenzenlos der Vorwurf seinen Mannesstolz verletzen mute, Reinhold fuhr auf, aber nicht mit jenem Hochmuth, der jetzt nur zu oft seinen Charakter verdunkelte; diesmal war es stolzes energisches Selbstbewutsein, mit dem er sich emporrichtete.
Das wre er nicht. Denkst Du so klein von meinem Talente, da Du glaubst, es knnte sich nur mit Dir und durch Dich Bahn brechen? Meinst Du, ich htte nicht allein meinen Weg gefunden, mich nicht allein zu der jetzigen Hhe emporgeschwungen? Frage meine Werke danach! Sie werden Dir die Antwort geben. Ich wre gegangen, frher oder spter; da ich mit Dir ging, ist mir zum Verhngni geworden, denn das zerri jedes Band zwischen mir und der Heimath und ri mich selber auf Bahnen, die der Mann wie der Knstler besser gemieden htte. Du hieltest mich jahrelang fest in dem Rausche eines Lebens, das mir nie auch nur eine Stunde wahrer Befriedigung und wahren Glckes bot, weil Du wutest, da, wenn ich erst einmal daraus erwachte, es mit Deiner Macht zu Ende sei. Verzgern konntest Du das, verhindern nicht  das Erwachen kam spt, zu spt vielleicht  aber es kam doch endlich.
Beatrice sttzte sich auf den Marmorsims des Kamins, an dem sie stand; ihr ganzer Krper bebte wie im Fieber, zeigte ihr diese Stunde doch, was sie lngst schon gefhlt hatte, ohne es sich eingestehen zu wollen, da ihre Macht in der That zu Ende war.
Und wer, meinst Du, soll das Opfer dieses Erwachens sein? fragte sie dumpf. Hte Dich, Rinaldo! Deine Frau verlieest Du, und sie ertrug das geduldig  ich ertrage es nicht. Beatrice Biancona lt sich nicht aufopfern.
Nein, eher opfert sie selbst. Reinhold trat vor sie hin und sah ihr fest ins Auge. Du wrdest den Dolch zcken  nicht wahr, Beatrice? Auf Dich oder mich, gleichviel, wenn nur Deine Rache gekhlt wrde. Und wenn ich die Waffe Deiner Hand entrisse und reumthig zu Dir zurckkehrte, Du ffnetest mir doch wieder die Arme.  Du hast ganz Recht, Eleonore ertrug es geduldiger; da hielt mich kein Wort, kein Vorwurf, da wurde der Weheschrei erstickt im tiefsten Innern. Ich vernahm auch nicht einen Laut davon; aber in dem Moment, wo ich sie verlie, da war ich der Ausgestoene, da verschlo sich mir die Wiederkehr auf immer. Und wenn ich jetzt zu ihr kme in allem Glanze meines Ruhmes und meiner Erfolge, wenn ich ihr Lorbeeren, Gold, Ehren, Alles zu Fen legte und mich selbst dazu  es wre umsonst: sie vergbe mir nicht.
Er brach ab, als habe er bereits zu viel gesagt, Beatrice erwiderte kein Wort; kein Laut kam von ihren Lippen, nur die Augen redeten eine dstere, unheimliche Sprache, aber Reinhold verstand sie diesmal nicht, oder wollte sie nicht verstehen.
Du siehst, da jene Trennung unwiderruflich ist, sagte er ruhiger. Ich wiederhole es Dir, Du hast von dieser Seite nichts zu befrchten. Du warst es, nicht ich, die diese Scene heraufbeschwor. Es ist nicht gut, wenn man die Geister der Vergangenheit wieder aufweckt, zumal zwischen uns nicht. La sie ruhen!
Er verlie sie und trat in den anstoenden Salon, wo er sich in die auf dem Flgel liegenden Noten vertiefte oder doch zu vertiefen schien, um dem weiteren Gesprche zu entgehen. La sie ruhen! das wurde so ruhig, so dster gesprochen, und doch klang es wie ein Hohn in seinem Munde. Konnte er doch nicht einmal mehr die Geister der Vergangenheit bannen, und er verlangte es von der Frau, die sich von ihnen in dem bedroht sah, was ihr nun einmal als das Hchste galt, in seiner Liebe, die trotz allem, was sich im Laufe der Jahre zwischen sie und ihn gedrngt hatte, doch an ihm hing mit allen Wurzeln ihres Inneren, deren glhende leidenschaftliche Natur von jeher in der Liebe wie im Hasse keine Grenzen gekannt hatte. Wer Beatrice jetzt sah, wie sie sich langsam emporrichtete und ihm nachblickte, der wute, da sie das nicht ruhen lassen und selbst nicht ruhen werde, und Reinhold htte bedenken sollen, als er ihr so trotzig die Stirn bot, da er jetzt nicht mehr allein ihrer Rache gegenberstand, da er in dieser Stunde nur zu sehr verrathen hatte, auf welchem Wege sie ihn tdtlich treffen konnte. Der Blick, der so unglckverheiend dort aufflammte, bedrohte nicht ihn, aber etwas Anderes, das er nicht zu schtzen vermochte, weil man ihm das Recht dazu versagte  sein Weib und sein Kind.
[555] Ich wollte, Eleonore, wir wren in der Villa Fiorina geblieben und htten die Uebersiedelung hierher unterlassen, sagte der Consul Erlau, indem er vor seiner Pflegetochter stehen blieb, die er bei seinem unvermutheten Eintritte in ihr Zimmer in Thrnen berrascht hatte. Ich sehe, da ich Dir doch damit allzuviel zugemuthet habe.
Die junge Frau hatte rasch die Spuren des Weinens vertilgt und lchelte jetzt mit einer Ruhe, die einen Fremden wohl htte tuschen knnen.
Ich bitte Dich, lieber Onkel, qule Dich doch nicht mit Besorgnissen meinetwegen! Wir sind Deinetwillen hier, und wir wollen Gott danken, wenn Deine Genesung, die im Sden so vielversprechend begann, sich hier vollendet.
Ich wollte aber doch, Doctor Conti se an jedem andern Orte der Welt, versetzte der Consul rgerlich, nur nicht gerade in der Stadt, die wir um jeden Preis vermeiden wollten, und wo ich mich nun nothgedrungen seiner Behandlung unterwerfen mu. Armes Kind, ich wute, da Du mir ein Opfer brachtest mit dieser Reise; wie gro es ist, das lerne ich erst jetzt einsehen.
Es ist kein Opfer, wenigstens jetzt nicht mehr, sagte Ella fest. Ich frchtete nur die Mglichkeit einer ersten Begegnung. Nun ist diese berwunden und das Uebrige mit ihr.
Erlau prfte forschend und etwas argwhnisch ihre Zge. So! Warum hast Du denn geweint?
Onkel, man ist nicht immer Herr seiner Stimmung. Ich war eben niedergeschlagen.
Eleonore! Der Consul setzte sich neben sie und nahm ihre Hand in die seinige. Du weit, ich habe es nie verwinden knnen, da jenes unselige Verhltni gerade in meinem Hause seinen Anfang nahm, und es war meine einzige Genugthuung, da dieses Haus Dir spter eine Heimath bieten konnte. Ich hoffte, jetzt, wo Jahre dazwischen liegen, wo in Dir und um Dich nicht mehr als Alles sich gendert hat, wrdest Du die einst empfangene Krnkung verschmerzt haben, und statt dessen mu ich sehen, da sie unvermindert und unvergessen fortbrennt, da alle alten Wunden wieder aufgerissen werden, da Du 
Du irrst, unterbrach ihn die junge Frau hastig, Du irrst gewi. Ich  bin lngst zu Ende mit der Vergangenheit.
Erlau schttelte unglubig den Kopf. Als ob Du es je zeigen wrdest, wenn Du leidest! Ich wei am besten, welch eine Verschlossenheit und Selbstbeherrschung unter diesen blonden Flechten steckt. Du hast mir oft mehr davon gezeigt, als Du vor Deinem zweiten Vater verantworten konntest, aber er sieht doch schrfer und tiefer als die Anderen, und ich sage Dir, [556] Eleonore, Du bist nicht wieder zu erkennen, seit jenem Tage, wo dieser  Rinaldo, ungeachtet aller Abweisungen, doch schlielich eine Unterredung mit Dir ertrotzte. Was eigentlich zwischen Euch Beiden vorgegangen ist, das wei ich bis heute noch nicht; es hat schon Mhe genug gekostet, Dir das Gestndni zu entreien, da er berhaupt bei Dir war. Du bist nun einmal vllig unzugnglich in solchen Dingen, aber leugne es wie Du willst, seit der Stunde bist Du eine Andere geworden.
Es fiel durchaus nichts vor, beharrte Ella, nichts von Bedeutung. Er verlangte das Kind zu sehen, und ich verweigerte es ihm.
Und wer steht Dir dafr, da er den Versuch nicht wiederholt?
Reinhold? Da kennst Du ihn nicht! Ich habe ihn von meiner Schwelle gewiesen; jetzt betritt er sie sicher nicht zum zweiten Male. Er kannte von jeher Alles, nur das Eine nicht, sich zu demthigen.
Wenigstens hatte er Tact genug, Mirando so bald wie mglich zu verlassen, sagte Erlau. Diese Nhe wre auch auf die Dauer nicht zu ertragen gewesen. Aber viel ntzte uns seine Entfernung auch nicht, denn nun tauchte Marchese Tortoni auf, der Dir so ununterbrochen von seinem Freunde vorschwrmte, da ich mich endlich genthigt sah, ihm einen Wink zu geben, da dieses Thema sich bei uns auch nicht der geringsten Sympathie erfreue.
Vielleicht thatest Du das zu deutlich, warf Ella leise hin. Er hatte ja keine Ahnung davon, was er mit diesem Punkte berhrte, und Deine schroffe Ablehnung desselben mu ihm nothwendig aufgefallen sein.
Meinetwegen! So soll er sich von seinem vielbewunderten Freunde den Commentar dazu geben lassen. Sollte ich es vielleicht dulden, da Du eine stundenlange Verherrlichung Signor Rinaldos aushieltest? Freilich, hier sind wir nicht viel besser daran. Man kann ja keine Zeitung in die Hand nehmen, keinen Besuch empfangen, kein Gesprch fhren, ohne auf diesen Namen zu stoen; das dritte Wort ist Rinaldo. Er scheint es der ganzen Stadt angethan zu haben mit seinen Tnen und mit seiner neuen Oper, die man hier als eine Art Weltereigni zu betrachten scheint. Armes Kind! und zu dem Allen mut Du still halten, mut es mit ansehen, wie dieser Mann in Siegen und Triumphen frmlich schwelgt, wie er den Gipfel des Glckes erstiegen hat und sich unangefochten dort behauptet.
Die junge Frau sttzte den Kopf in die Hand, so da diese ihr Gesicht beschattete.
Vielleicht tuschest Du Dich doch. Er mag berhmt und gefeiert sein wie kein Anderer, glcklich  ist er nicht.
Das freut mich, sagte der Consul heftig, das freut mich ganz auerordentlich. Es gbe auch kein Recht und keine Gerechtigkeit mehr in der Welt, wenn er es wre. Und da er Dich gesehen hat, so wie Du Dich jetzt zeigst, trgt hoffentlich auch nicht sehr zu seinem Glcke bei.
Er war bei den letzten Worten aufgestanden und ging mit der alten Lebhaftigkeit im Zimmer auf und nieder. Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, das Ella endlich unterbrach.
Ich habe eine Bitte an Dich, lieber Onkel. Willst Du sie mir erfllen?
Erlau blieb stehen. Gern, mein Kind. Du weit, da ich Dir so leicht nichts abschlage. Was wnschest Du?
Ella hatte den Blick auf den Boden geheftet, und sie blickte auch nicht auf whrend des Sprechens.
Es heit, da Rein  da Rinaldos neuestes Werk bermorgen in Scene gehen soll
Ja wohl, und dann wird es vollends nicht mehr auszuhalten sein mit der Vergtterung, grollte Erlau. Du wnschest dem ersten Lrm darber zu entgehen? Ich begreife das vollkommen; wir wollen auf acht oder vierzehn Tage in das Gebirge fahren. So lange mu Doctor Conti mir Urlaub geben.
Im Gegentheil! Ich wollte Dich bitten  mit mir die Oper zu besuchen
Der Consul blickte sie mit der Miene uerster Befremdung an. Wie, Eleonore? Ich habe wohl nicht recht gehrt? Du willst an dem Tage in das Theater, das Du bisher entschieden geflohen hast, sobald der Name Rinaldo damit in Verbindung stand?
Trotz der beschattenden Hand sah man es deutlich, wie die tiefe Rthe, die das Antlitz der jungen Frau frbte, bis zu den Schlfen emporstieg, als sie kaum hrbar erwiderte:
Ich habe es nie gewagt, das Opernhaus daheim zu betreten, wenn seine Tne es beherrschten. War es mir doch immer, als mten sich aller Augen auf mich richten und mich suchen, selbst im dunkelsten Hintergrunde unserer Loge. In Deinen Salons und in denen unserer Gesellschaftskreise hrte ich selten oder nie jene Compositionen. Man vermied sie, sobald ich zugegen war; man kannte ja das Geschehene und suchte mich in jeder Weise zu schonen. Ich habe es nie versucht, diesen Kreis schonender Rcksicht zu durchbrechen, den Ihr Alle um mich gezogen hattet, vielleicht war ich zu feig dazu, vielleicht auch verbittert. Jetzt, sie erhob sich pltzlich mit einer heftigen Bewegung und ihre Stimme gewann volle Festigkeit, jetzt habe ich Reinhold wieder gesehen; jetzt will ich ihn auch in seinen Werken kennen lernen  ihn und sie.
Erlau blieb bei seinem Staunen; die Sache berraschte ihn augenscheinlich aufs Hchste, aber man sah es deutlich, da er nicht gewohnt war, seinem Lieblinge irgend etwas zu versagen, selbst wenn es ihm bedenklich erschien. Fr den Augenblick jedoch wurde er einer directen Zusage enthoben, denn der Diener trat ein mit der Meldung, da Doctor Conti soeben vorgefahren sei, und da auch Herr Capitain Almbach sich im Empfangszimmer befinde.
Dieser Capitain ist doch von einer beneidenswerthen Unbefangenheit, sagte der Consul. Trotz allem, was zwischen Dir und seinem Bruder geschehen ist, macht er nach wie vor ganz ruhig sein Verwandtenrecht geltend, als wre nicht das Geringste vorgefallen. Das kann auf der ganzen Welt auch nur Hugo Almbach fertig bekommen.
Siehst Du seine Besuche nicht gern? fragte Ella.
Ich? Erlau lchelte. Kind, Du weit ja, da er mich gerade so vollstndig erobert hat, wie Jeden, den zu erobern er sich berhaupt vornimmt, vielleicht einzig meine Eleonore ausgenommen, vor der er einen ganz unglaublichen Respect zu hegen scheint.
Damit nahm er den Arm seiner Pflegetochter und fhrte sie hinber in das Empfangszimmer. Der rztliche Besuch war nicht von langer Dauer und auch Hugo verlie nach einer halben Stunde bereits wieder das Erlausche Haus, das er allerdings fter zu besuchen pflegte. Ob Reinhold davon wute, lie sich nicht entscheiden, jedenfalls vermuthete er es, aber es schien ein stillschweigendes Uebereinkommen zwischen den Brdern zu sein, diesen Punkt nicht zu berhren. Es war nicht die Art des Capitains, sich in ein Vertrauen zu drngen, das ihm so hartnckig und fortdauernd versagt wurde, und so folgte er denn dem Beispiele Reinholds, der ber die Begegnung in der Locanda ein vollstndiges Schweigen beobachtete, und den Namen seiner Frau und seines Kindes nicht mehr nannte, seit er wute, da sie sich in seiner Nhe befanden. Was sich eigentlich hinter dieser undurchdringlichen Verschlossenheit barg, das vermochte auch Hugo nicht zu entrthseln, aber er war berzeugt, da es nicht der Gleichgltigkeit entstammte.
Der Capitain hatte die Wohnung seines Bruders erreicht und betrat jetzt sein eigenes Zimmer, wo er Jonas vorfand, der auf ihn zu warten schien. In dem Wesen des Matrosen lag heute entschieden etwas Ungewhnliches; sein sonstiges Phlegma war einer gewissen Unruhe gewichen, mit der er wartete, bis sein Herr Hut und Handschuhe abgelegt und sich niedergelassen hatte. Kaum war dies geschehen, so kam er herbei und pflanzte sich dicht vor dem Stuhle des Capitains auf.
Was giebt es denn, Jonas? fragte dieser, aufmerksam werdend. Du stehst ja da, als beabsichtigtest Du eine Rede zu halten.
Das will ich auch, besttigte Jonas, indem er sich halb feierlich, halb verlegen in volle Positur setzte.
So? Das ist mir neu. Ich war bisher der Meinung, Du wrdest eine uerst schtzbare Acquisition fr ein Trappistenkloster abgeben. Wenn aber angesichts all der classischen Erinnerungen hier der Rednergeist auch ber Dich gekommen ist, so soll es mich freuen. Also beginne! Ich hre zu.
[557] Herr Capitain  Der Rednergeist des Matrosen schien doch nicht hinreichend entwickelt zu sein, denn ber diese beiden Worte kam er vorlufig nicht hinaus, und anstatt fortzufahren, blickte er so beharrlich und angestrengt auf den Fuboden nieder, als wolle er die Mosaiksteine desselben zhlen.
Hre, Jonas, Du bist mir verdchtig, sagte Hugo nachdrcklich, sehr verdchtig schon seit lnger als acht Tagen. Du brummst nicht mehr; Du wirfst der Padrona und ihren Mgden nicht mehr wthende Blicke zu; Du legst bisweilen Dein Gesicht in Falten, die man mit einiger Phantasie fr den ersten schwachen Versuch eines Lchelns halten knnte  ich wiederhole Dir, da das hchst bedenkliche Symptome sind, und da ich mich auf Schreckliches gefat mache.
Jonas schien gleichfalls einzusehen, da er sich etwas klarer uern msse. Er nahm einen energischen Anlauf dazu und brachte wirklich einen halben Satz zu Stande. Herr Capitain, es giebt Menschen 
Eine ganz unbestreitbare Thatsache, die ich nicht entfernt anzugreifen beabsichtige. Also es giebt Menschen  nun weiter.
Die die Frauenzimmer leiden mgen, fuhr Jonas fort.
Und andere, die sie nicht leiden mgen, ergnzte der Capitain, als eine zweite Pause eintrat. Gleichfalls ein unleugbares Factum, zu dem Capitain Hugo Almbach und Matrose Wilhelm Jonas von der Ellida die redenden Beispiele liefern.
Das wollte ich eigentlich nicht sagen, versetzte der Matrose, den diese eigenmchtige Fortsetzung seiner augenscheinlich einstudirten Rede ganz aus dem Concepte brachte. Ich meinte nur, es giebt Menschen, die sich den Frauenzimmern gegenber wer wei wie schlimm anstellen, und es doch im Grunde gar nicht sind, weil sie sich nichts aus ihnen machen.
Ich glaube, das luft auf eine hchst schmeichelhafte Illustration meiner eigenen Persnlichkeit hinaus, bemerkte Hugo. Jetzt aber sage mir um Gotteswillen, was bezweckst Du eigentlich mit all diesen Vorreden?
Jonas holte einige Male tief Athem; die nchsten Worte schienen ihm entsetzlich schwer zu werden. Endlich sagte er stockend:
Herr Capitain, ich wei ja doch am besten, wie Sie eigentlich sind, und  und  ich kenne ein junges Frauenzimmer.
Um die Lippen des Capitains zuckte es wie mhsam unterdrcktes Lachen, aber er zwang sich, ernsthaft zu bleiben.
Wirklich! sagte er kaltbltig. Das ist bei Dir allerdings ein hchst merkwrdiges Ereigni.
Und ich bringe sie Ihnen, fuhr Jonas fort.
Jetzt begann der Capitain berlaut zu lachen. Jonas, ich glaube, Du bist nicht gescheit. Was zum Kukuk soll ich denn mit diesem jungen Frauenzimmer anfangen? Soll ich sie heirathen?
Sie sollen gar nichts mit ihr anfangen, erklrte der Matrose mit gekrnkter Miene, Sie sollen sie blos ansehen.
Ein sehr bescheidenes Vergngen, spottete Hugo. Wer ist denn eigentlich die betreffende Donna, und welche Nothwendigkeit bedingt dieses Ansehen meinerseits?
Es ist die kleine Annunziata, das Kammermdchen der Signora Biancona, berichtete Jonas, der jetzt endlich etwas in Redeflu kam. Ein armes blutjunges Ding, ohne Vater und Mutter. Sie ist erst seit ein paar Monaten bei der Signora, und es ging ihr so soweit auch gut, aber da ist ein Mensch, der Matrose ballte im vollen Ingrimme die Fuste, Gianelli heit er und ist Capellmeister; der geht dem armen kleinen Dinge auf Schritt und Tritt nach und lt sie nicht in Ruhe. Sie hat ihn einmal derb abgefertigt, und dafr hat er sie bei der Signora verklatscht, und Signora ist seit der Zeit so unfreundlich und heftig zu ihr, da sie es nicht mehr aushalten kann. In dem Hause sieht sie berhaupt nicht viel Gutes, und deshalb soll sie fort und mu sie fort, und ich leide es nicht, da sie lnger da bleibt.
Du scheinst ja ber diese kleine Annunziata sehr genau unterrichtet zu sein, bemerkte Hugo trocken. Sie ist doch Italienerin; hast Du all diese Details auf pantomimischem Wege erfahren?
Der Diener der Signora hat uns dann und wann ausgeholfen, wenn wir gar nicht fertig werden konnten, gestand Jonas ganz treuherzig. Aber der spricht ein schauderhaftes Deutsch, und ich mag es auch nicht, da er seine Nase in Alles steckt. Sie soll ohnedies fort von der ganzen Sippschaft; sie mu absolut in ein deutsches Haus.
Wegen der Moral, ergnzte Hugo.
Ja, und dann auch wegen des Deutschlernens. Sie spricht ja kein einziges Wort Deutsch, und es ist ein wahrer Jammer, wenn man sich so gar nicht versteht. Da habe ich denn gedacht.  Sie gehen ja so oft zu dem Consul Erlau, Herr Capitain; die junge Frau Erlau knnte vielleicht ein Kammermdchen gebrauchen, und in solch einem reichen Haushalte kommt es ja gar nicht auf eine Person mehr oder weniger an , wenn Sie ein gutes Wort fr die Annunziata einlegten  er stockte und blickte seinen Herrn bittend an.
Ich werde mit der Dame sprechen, sagte der Capitain, und jedenfalls ist es besser, Du stellst Deinen Schtzling erst dort vor, sobald ich eine bestimmte Zusage habe; ich werde ihn mir dann gleichfalls ansehen. Aber noch Eines, Jonas  er nahm eine feierliche Miene an  ich setze voraus, da Dich bei der ganzen Sache nichts weiter leitet, als nur das Mitleid mit dem armen verfolgten Kinde.
Nur das reine Mitleid, Herr Capitain, versicherte der Matrose mit einer so treuherzigen Offenheit, da Hugo sich auf die Lippen bi, um nicht in ein erneutes Gelchter auszubrechen.
Ich glaube wahrhaftig, er ist im Stande, sich das selbst einzubilden, murmelte er und setzte dann laut hinzu: Es ist mir lieb, das zu hren. Ich war im Voraus berzeugt davon, denn nicht wahr, Jonas, wir heirathen nie?
Nein, Herr Capitain, antwortete der Matrose, aber die Antwort kam etwas kleinlaut heraus.
Weil wir uns aus den Frauenzimmern gar nichts machen, fuhr Hugo mit unerschtterlichem Ernste fort. Denn weiter als bis zum Mitleide und zur Dankbarkeit geht die Geschichte doch nie, dann segeln wir davon, und sie haben das Nachsehen.
Diesmal gab der Matrose gar keine Antwort, aber er blickte seinen Herrn uerst betroffen an.
Und es ist auch ein wahres Glck, da es so ist, schlo der Capitain mit vollem Nachdrucke. Frauenzimmer auf unserer Ellida! Gott bewahre uns davor!
Damit lie er ihn stehen und ging aus dem Zimmer. Jonas schaute ihm mit einer Miene nach, von der sich schwer entscheiden lie, ob sie mehr verdutzt oder mehr trbselig war, endlich aber schien die letztere Empfindung vorzuherrschen, denn er lie den Kopf hngen und stie einen Seufzer aus, als er halblaut sagte:
Ja freilich, sie ist auch ein Frauenzimmer  leider Gottes! 
Hugo war hinbergegangen in das Arbeitszimmer seines Bruders, den er allein fand. Der Flgel stand offen, Reinhold selbst aber lag auf dem Ruhebette ausgestreckt, den Kopf tief in die Kissen zurckgeworfen. Das Antlitz mit den halbgeschlossenen Augen und die hohe Stirn mit den dunkeln Haaren, die darber hinfielen, sahen erschreckend bleich aus. Es war eine Stellung, nicht der Ruhe, sondern der grenzenlosesten Ermdung und Erschpfung, und er vernderte sie kaum beim Erscheinen seines Bruders.
Reinhold, das ist doch wirklich unverantwortlich von Dir, sagte dieser herantretend. Die halbe Stadt hast Du in Aufruhr gebracht mit Deiner Oper; im Theater geht es drunter und drber; im Publicum kmpft man frmlich um die Billets. Eccellenza der Intendant wei nicht mehr, wo ihm der Kopf steht, und Donna Beatrice ist in einer geradezu nervsen Aufregung. Und Du, der eigentliche Anstifter all dieses Unheils, trumst hier im dolce far niente, als ob es weder Oper noch Publicum noch sonst etwas auf der Welt gbe.
Reinhold wandte mit einer matten, gleichgltigen Bewegung den Kopf nach dem Eintretenden; man sah es seinem Gesichte an, da sein Trumen eher alles Andere, nur nicht s gewesen war.
Du warst in der Probe? fragte er. Hast Du Cesario gesehen?
Den Marchese? Allerdings, obgleich er so wenig in der Probe war wie ich. Er zog es diesmal vor, selbst eine Vorstellung in der hheren Reitkunst zu geben; ich habe seiner Bravour die hchste Bewunderung gezollt.
[558] Cesario? Wie so?
Nun, er ritt nicht weniger als drei Mal dieselbe Strae auf und nieder und lie regelmig unter einem gewissen Balcon sein Pferd so unsinnig courbettiren, da jeden Augenblick ein Unglck zu befrchten stand. Er wird sich den Hals brechen und seinem schnen Thiere dazu, wenn er das fter probirt. Leider war diesmal meine ihm wohl nicht sehr wnschenswerthe Physiognomie die einzige, die er am Fenster erblickte.
Der offenbar gereizte Ton dieser Worte machte Reinhold aufmerksam  er richtete sich zur Hlfte empor.
An welchem Fenster?
Hugo bi sich auf die Lippen; er hatte in seinem Aerger ganz vergessen, zu wem er sprach. Der Bruder bemerkte sein Zgern.
Meintest Du vielleicht das Erlausche Haus? fragte er rasch. Mir scheint, Du besuchst es ziemlich oft.
Wenigstens bisweilen, war die ruhige Entgegnung des Capitains. Du weit ja, ich habe dort von jeher den Vorzug der Neutralitt genossen, selbst damals, als der Streit im Hause des Onkels am heftigsten entbrannt war. Ich habe diesen alten Vorzug auch hier geltend gemacht, und er wird stillschweigend von beiden Parteien anerkannt.
Reinhold hatte sich vollends erhoben, aber die Abspannung war gnzlich aus seinen Zgen gewichen, statt dessen stand ein Ausdruck finsteren Forschens dort, als er sagte:
Also Cesario hat gleichfalls Zutritt im Erlauschen Hause? Freilich, Du stelltest ihn ja selbst vor.
Ja, ich war so  albern, fuhr der Capitain im vollsten Aerger heraus, und etwas ganz Allerliebstes scheine ich damit angerichtet zu haben. Kaum hatten wir Mirando verlassen, als Don Cesario, der sich nicht entschlieen kann, seine Freiheit zu opfern, der an der einzigen Dame der Nachbarschaft vorberreitet, ohne sie sich auch nur anzusehen, nichts Eiligeres zu thun hatte, als sich auf Grund jener Vorstellung in der Villa Fiorina angenehm zu machen, und das geschah, wie mir der Consul ganz offen erklrt, in einer so bescheidenen liebenswrdigen Weise, da man ihn unmglich zurckweisen konnte, um so weniger, als mit unserer Entfernung von Mirando der alleinige Grund der Zurckgezogenheit gefallen war. Nun hatte er auch noch das Glck, den Doctor Conti zu entdecken, der irgendwo in der Nhe von S. Villeggiatur hielt, und ihn dem Consul zuzufhren. Die Behandlung des Doctors hat einen Erfolg weit ber Erwarten gehabt, und es fehlt nicht viel, so wird Don Cesario in der Familie als eine Art Lebensretter betrachtet, was er auch gehrig auszunutzen wei.  Traue einer den Weiberfeinden! Sie sind die Allerschlimmsten, davon lieferte mir mein Jonas soeben erst ein redendes Beispiel. Der hat sich fr den Augenblick zwar noch eine hchst wunderbare Mitleidstheorie zurecht gemacht, an die er so fest glaubt, wie an das Evangelium, aber nichtsdestoweniger hat es ihn rettungslos gepackt, und der aristokratische Marchese Tortoni ist genau auf demselben Punkte.
Einem ruhigen Beobachter wre es schwerlich entgangen, da sich unter den Spottreden des Capitains, die sonst nur der Uebermuth dictirte, diesmal eine Bitterkeit barg, deren er mit all seinen Spttereien nicht Herr zu werden vermochte, aber Reinhold war nichts weniger als ruhig. Er hatte zugehrt, als wolle er dem Bruder jedes Wort von den Lippen ablesen, und bei der letzten Bemerkung desselben schreckte er wild auf.
Auf welchem Punkte? Was willst Du damit sagen?
Hugo trat betroffen einen Schritt zurck. Mein Gott, Reinhold, wie kannst Du so auffahren! Ich meinte ja nur 
Es handelt sich doch um Ella? unterbrach ihn Reinhold mit der gleichen Heftigkeit. Wem anders knnen denn diese Huldigungen gelten?
Allerdings, um Ella, sagte der Capitain; es war das erste Mal seit Monaten, da dieser Name wieder zwischen ihnen ausgesprochen wurde. Und eben deshalb kann und mu es Dir doch gleichgltig sein.
So einfach die Bemerkung war, so schien sie Reinhold doch mit ungeahnter Schwere zu treffen. Er durchschritt einige Male hastig das Zimmer und blieb endlich vor seinem Bruder stehen.
Cesario hat keine Ahnung der Wahrheit, sagte er gepret. Er machte im Anfange auch gegen mich einige enthusiastische Bemerkungen; ich mag ihm wohl unwillkrlich verrathen haben, wie sehr sie mich peinigten, denn seitdem berhrt er diesen Gegenstand nicht wieder.
Erlau scheint ihm einen hnlichen Wink gegeben zu haben, besttigte Hugo. Er suchte mich darber auszuforschen, ob und welche Beziehungen zwischen Dir und jener Familie bestnden. Ich wich natrlich aus, aber er scheint durchaus nur eine frhere Feindschaft zwischen Dir und Erlau zu vermuthen.
Reinhold sah finster vor sich nieder. Diese Beziehungen werden wohl nicht allzu lange mehr Geheimni bleiben knnen. Beatrice kennt sie bereits, und wie ich frchte, durch eine sehr unlautere Quelle, von der kein Schweigen zu erwarten ist. Jedenfalls wird Cesario sie frher oder spter erfahren mssen, nach dem, was Du mir soeben entdeckt hast. Er ist Schwrmer genug, so etwas ernst zu nehmen und sich mit ganzer Seele in eine hoffnungslose Leidenschaft zu vertiefen.
Der Capitain lehnte mit verschrnkten Armen am Flgel, auf seinem Antlitze lag eine leichte Blsse, und auch die Stimme verrieth ein leises Beben, als er erwiderte:
Wer sagt Dir denn, da sie hoffnungslos ist?
Hugo, das ist eine Beleidigung, brauste Reinhold auf. Vergit Du, da Eleonore mein Weib ist?
Sie war es, sagte der Capitain, das Wort schwer betonend. Du denkst wohl so wenig mehr daran, jetzt noch Rechte geltend zu machen, wie sie geneigt wre, Dir dieselben zu gewhren.
Reinhold verstummte. Er wute am besten, mit welcher Entschiedenheit ihm auch der geringste Schein eines Rechtes versagt worden war.
Ihr habt es Beide bei der bloen Trennung bewenden lassen, fuhr Hugo fort, ohne die gerichtliche Scheidung nachzusuchen. Du bedurftest ihrer nicht, und was Ella davon zurckhielt, begreife ich nur zu gut. In solchem Falle muten endgltige Bestimmungen ber den Verbleib des Kindes getroffen werden. Sie wute, da Du Deine Vaterrechte nie ganz opfern wrdest, und zitterte vor dem Gedanken, Dir den Knaben auch nur zeitweise zu lassen. Dein stillschweigender Verzicht auf ihn war ihr genug; sie entsagte lieber jeder Genugthuung, um nur im ungestrten Besitze ihres Kindes zu bleiben.
Reinhold stand da, wie vom Blitze getroffen. Die Gluth der Erregung, welche eben noch seine Stirn frbte, verschwand, er war wieder leichenbla geworden, als er mit unterdrckter Stimme fragte:
Und das  das, meinst Du, sei der alleinige Grund gewesen?
Wie ich Ella kenne, der einzige, der sie verhindern konnte, den Schritt, den Du begonnen hattest, nun auch ihrerseits zu vollenden.
Und Du glaubst  da Cesario Hoffnung hat?
Ich wei es nicht, sagte Hugo ernst. Aber das wissen wir Beide, da Ellas Freiheit nichts im Wege steht, wenn sie wirklich gesonnen wre, sie jetzt noch geltend zu machen. Du hast sie verlassen, hast sie jahrelang vllig aufgegeben, und die ganze Welt wei, weshalb es geschah, und was Dich ihr dauernd fern hielt. Sie hat nicht allein das Gesetz, sondern auch die ffentliche Meinung auf ihrer Seite, und ich frchte, diese wrde Dich zwingen, ihr auch den Knaben zu lassen. Beatrice steht Deinem Vaterrechte zu furchtbar im Wege.
Du glaubst, da Cesario Hoffnung hat? wiederholte Reinhold, aber diesmal klangen die Worte dumpf und drohend.
Ich glaube, da er sie liebt, leidenschaftlich liebt, und da er frher oder spter eine Werbung versuchen wird. Er wird dann allerdings erfahren, da die vermeintliche Wittwe die Gattin seines Freundes war und noch jetzt dessen Namen trgt, ich zweifle aber, da dies irgend einen Einflu auf ihn bt, da auf Ella nicht der geringste Schatten fllt. Nur Eure Freundschaft drfte einen unheilbaren Ri erhalten, aber damit ist es ohnedies zu Ende, sobald die Leidenschaft spricht. Bedenke das, Reinhold, und la Dich zu keiner Unbesonnenheit fortreien! Du sprengtest Deine Fesseln, um Dich frei zu machen. Du hast damit auch Eleonore frei gemacht  vielleicht fr einen Anderen.
Die Stimme des Capitains sank bei den letzten Worten, und [559] rasch, als wolle er eine heftige Bewegung unterdrcken oder verbergen, wandte er sich zum Gehen. Wenn ihm auch die Aufregung seines Bruders, den er jetzt allein lie, nicht entgangen war, so ahnte er doch nicht entfernt, welchen Brand er mit seinen Worten in dessen Inneres warf.
Wenn Reinhold seiner Umgebung in der letzten Zeit fast nur noch Ermdung und Gleichgltigkeit gezeigt hatte, wenn es ihn selbst oft berkam, wie ein Gefhl, als sei es nun zu Ende fr ihn mit dem Leben und Lieben, diese Stunde bewies, da es noch in ihm strmen konnte mit der ganzen wilden Leidenschaftlichkeit, die den jungen Knstler einst den Heimathbanden entrissen hatte, und die Art, wie der Sturm entfesselt ward, verrieth, wenn nicht Anderen, doch ihm selber, was er bisher nicht wissen wollte, und was sich jetzt in schonungsloser Klarheit vor ihm enthllte. Vor dem heien Schmerze, der pltzlich in seinem Inneren aufflammte, sanken der Trotz und die Bitterkeit zusammen, mit denen er sich gegen die Frau waffnete, die es wagte, ihn fhlen zu lassen da er sie einst schwer beleidigt hatte, und da sie diese Beleidigung nun und nimmermehr verzieh. Aber wenn sein Stolz ihn lehrte, der Klte und Gleichgltigkeit, der Unvershnlichkeit mit Schroffheit zu begegnen, er hatte es doch nicht hindern knnen, da, sobald das Bild seines Kindes vor ihm auftauchte, auch die Gestalt der Mutter an dessen Seite stand. Freilich war es nicht jene Ella mehr, die vor wenigen Monaten kaum noch einen Platz in seiner Erinnerung behauptete, sondern die Frau, die ihm einen so unbeugsamen Stolz, einen so energischen Willen und eine niegeahnte Gluth der Empfindung gezeigt, an jenem Abende, wo er zum ersten Male erkannte, was er frevelhaft aufgegeben und was er nun unwiederbringlich verloren hatte. Neben dem blonden Lockenkopfe des Kindes schwebte immer und immer das Antlitz mit den tiefblauen Augen, deren Strahl ihn gleichwohl so verachtend getroffen hatte. Er gestand sich selbst nicht, mit welcher Leidenschaft er an diesem Bilde hing, mit welcher [560] Sehnsucht er Stunden in diesen Erinnerungen vertrumte; er gestand sich auch den Gedanken nicht, der unausgesprochen in seiner Seele lag, da die Frau, welche noch immer seinen Namen trug, welche die Mutter seines Kindes war, trotz alledem und alledem ihm noch angehrte, und wenn er das Recht auf ihren Besitz verwirkt hatte, so durfte ihr wenigstens kein Anderer nahen.
Und nun mute er hren, da ein Anderer bereits die Hand nach dem Preise ausstreckte und Alles daran setzte, ihn zu erringen. Die Worte des Bruders deckten ihm schonungslos den Beweggrund auf, dem allein er es verdankte, da Ella auf seine Flucht nicht mit dem Scheidungsantrage geantwortet hatte. Nur um des Kindes willen hie sie noch seine Gattin, nicht weil noch eine Spur von Neigung fr ihn in ihrem Inneren lebte. Und wenn sie nun endlich dennoch den einst vermiedenen Schritt that, wenn sie auch ihrerseits die Kette abstreifte, jetzt wo ein Cesario ihr die Hand bot, wer konnte sie hindern, wer durfte die Frau tadeln,[WS 3] die nach Jahren endlich in einer besseren, reineren Liebe Ersatz suchte fr den Verrath, den der Gatte an ihr gebt? Die Gefahr lag nicht darin, da Marchese Tortoni, der schn, reich und aus einem der edelsten Geschlechter das Ziel so mancher Bestrebungen war, seine Gemahlin zu einer glnzenden Stellung erheben konnte; das konnte hchstens bei Erlau in Betracht kommen, aber Reinhold wute, da Cesario mit seinem edlen und durchaus reinen Charakter, mit seinem glhenden Enthusiasmus fr alles Schne und Ideale, wohl auch das Herz einer Eleonore gewinnen konnte, ja gewinnen mute, wenn dieses Herz noch frei war, und diese Ueberzeugung raubte ihm jede Fassung. Es hatte einst eine Stunde gegeben, wo die junge Frau verzweiflungsvoll an der Wiege ihres Kindes auf den Knieen lag, mit dem vernichtenden Bewutsein, da ihr Gatte in diesem Augenblicke sie, das Kind und die Heimath verlie, um einer Anderen willen  die Stunde rchte sich jetzt an dem, der sie verschuldet, rchte sich in den Worten, die wie mit Flammenschrift vor seiner Seele standen: Du hast damit auch sie frei gemacht  vielleicht fr einen Anderen.
[571] Im Opernhause donnerte der Beifallssturm, und der Vorhang hatte sich noch nicht einmal gehoben. Es galt der Ouverture, deren letzte Tne soeben verhallten. Das Theater war berfllt in all seinen Pltzen mit alleiniger Ausnahme einer der kleinen Prosceniumslogen zunchst der Bhne; dort befand sich nur ein einziger lterer Herr, vermuthlich irgend ein reicher Sonderling, dem es Vergngen machte, den Alleinbesitz einer Loge an solchem Abende mit Gold aufzuwiegen, denn anders wrde er schwerlich dazu gelangt sein. Im Uebrigen boten die blendend erhellten Rume und die Logenreihen mit ihrem reichen Damenflore ein glnzendes und vielgestaltiges Bild dar. Die Knstlerwelt wie die Aristokratie war vollstndig vertreten. Alles, was die Stadt nur an Schnheiten, Berhmtheiten und Personen von Stand aufzuweisen hatte, war erschienen, um dem gefeierten Lieblinge der Gesellschaft einen erneuten Triumph zu bereiten, denn nur um einen solchen handelte es sich. Hier gab kein junger Knstler zaghaft sein Werk dem Beifalle oder dem Mifallen des Publicums preis; eine anerkannte und unbestrittene Gre im Reiche der Musik trat mit einer neuen Offenbarung ihres Talents vor die Welt hin, um damit einen neuen Sieg zu erringen. Diese Gewiheit lag sehr deutlich, wenn auch in ziemlich mignstiger Form, auf dem Gesichte des Maestro Gianelli ausgeprgt, der das Orchester leitete. Gleichwohl wagte er nicht, es an Eifer oder Aufmerksamkeit fehlen zu lassen. Er wute zu gut, da, wenn er versuchte, hier, wo doch immerhin ein Theil des Gelingens in seine Hand gelegt war, gegen den allmchtigen Rinaldo zu intriguiren, dies ihn seine Stellung, vielleicht seine ganze Zukunft kosten konnte, denn die Ungnade des Publicums war ihm in diesem Falle gewi. So that er denn im vollsten Mae seine Schuldigkeit, und die Ouverture ging in vorzglicher Ausfhrung zu Ende.
Der Vorhang rauschte auf, und man huldigte bereits im Voraus dem Componisten durch ein erwartungsvolles Stillschweigen. Noch war der erste Act nicht zur Hlfte vorber  und es war nicht Einer unter den Zuhrern, der Rinaldo nicht bereits die Tyrannei verziehen, mit der dieser ber alle ihm zu Gebote stehenden Mittel verfgt und rcksichtslos seinen Ansichten Geltung verschafft hatte. Die Darstellung war eine in jeder Hinsicht vollendete, die Scenirung eine meisterhafte. Man fhlte es, da eine andere Hand als die des gewhnlichen Regisseurs hier gewaltet und den bloen Theatereffect berall zu knstlerischer Schnheit veredelt hatte; aber all diese uerlichen Vorzge verschwanden vor der Gewalt, mit der das Werk an sich zu fesseln wute.
Es war vielleicht das Vollendetste, was Rinaldo in der ihm nun einmal eigenthmlichen Richtung je geschaffen hatte, einer Richtung, die von so Vielen bewundert und vergttert und von so Manchem beklagt ward. Jedenfalls hatte er diesmal das Hchste geleistet auf jener Bahn, auf die ihn der Einflu Beatricens gerissen; ob es das Hchste war, was er berhaupt leisten konnte  diese Frage ging vorlufig noch unter in dem jubelnden Beifalle, mit dem das Publicum diese neue Schpfung seines Lieblings begrte. War es doch auch hier wieder Rinaldo mit dem ganzen Feuergeiste seines Genies, von dem man nie recht wute, ob es droben auf der Hhe des Ideals oder drunten in der Tiefe der Leidenschaft heimisch war, und der wieder alle Empfindungen des Menschenherzens aufwhlte, die zwischen diesen beiden Polen lagen.
Der Sturm brauste ber die nordischen Haiden hin, und die Brandung donnerte gegen die Kste. Wie die Nebel an den Uferhhen hinziehen, so wogten und wallten die Tne chaotisch durcheinander, bis endlich aus ihnen eine traumhaft schne Melodie emportauchte. Aber sie schwebte nur wie ein flchtiges Nebelbild ber dem Ganzen, nie vollendet, nie klar und voll austnend, und bald genug ging sie unter in anderen Klngen, die, nicht so rein und s wie jene, doch mit fremdartig seltsamem Reize zu fesseln wuten. Die Nebel zerrissen, und aus ihnen hervor trat die dmonisch schne Gestalt, welche die Haupttrgerin und der Mittelpunkt der ganzen Oper war. Ein lauter Beifall begrte das Erscheinen Signora Bianconas auf der Bhne. Beatrice zeigte es heute, da sie noch schn zu sein verstand, so schn, wie nur jemals im Beginne ihrer Laufbahn. Was die Kunst vielleicht dazu gethan hatte, kam ja hier nicht in Betracht, genug, die Erscheinung, die jetzt vor dem Publicum stand, war vollendet in jeder Hinsicht. Das halb phantastische, halb classische Costm zeigte die Gestalt in ihrem ganzen Reize; die dunkeln Locken wallten gelst ber die Schultern, und die Augen brannten in der alten verzehrenden Gluth. Und jetzt erhob sich diese Stimme, welche die Bewunderung fast ganz Europas gewesen war, voll und mchtig, den weiten Raum erfllend  die Sngerin stand noch im Zenith ihrer Schnheit und ihrer knstlerischen Kraft.
Glhender, feuriger rauschten die Melodien auf, und vor dem Publicum entrollte sich ein Tongemlde, das seine Farben [572] bald dem hellsten Sonnenlichte und bald der lodernden Gluth eines Kraters zu entlehnen schien. Es malte ein heies, wildes Leben, dem der Becher bis an den Rand gefllt war, und das ihn bis auf die Neige auskostete. Dieses Strmen ber alles Ma und Ziel hinaus, diese vulcanische Gluth der Empfindungen, dieses dmonische Spiel mit den Tnen ri die Zuhrer widerstandslos mit hinaus auf das tobende Meer der Leidenschaften, um sie dort zwischen Grauen und Entzcken, zwischen Himmel und Hlle ruhelos umherzuschleudern. Wohl klang es bisweilen daraus hervor wie Jubel und Triumph, aber dazwischen zuckten auch grelle Dissonanzen, und dann wieder wehten verlorene Klnge jener ersten Melodie herber, die wie eine leise tiefschmerzliche Sehnsuchtsklage durch die ganze Oper ging. Wie ein Traum von Liebe und Glck durch die Seele des Menschen zieht, ohne je zur Wirklichkeit herabzusteigen, so verwehten und erstarben diese Tne in der Ferne, im Vordergrunde aber stand immer und immer wieder die eine Gestalt, die Rinaldo mit der hchsten dramatischen Gewalt ausgestattet hatte, in der er Meister war wie kein Anderer, die er mit dem ganzen Zauber seiner Melodien umgeben hatte, deren sinnlich bestrickender Reiz sich wie ein Bann auf die Seelen der Zuhrer legte.
Und wenn irgend Eine, so war Beatrice dazu geschaffen, gerade diese Musik in ihrem innersten Sein und Wesen zu erfassen und zur Geltung zu bringen, sie, deren eigentlichstes Element die Leidenschaft war, die selbst als Knstlerin nur darin ihre Triumphe gesucht und gefunden hatte. Sie klang aus jedem Tone ihres Gesanges, bebte aus jeder Regung ihres Spiels, das sich zu einer dramatischen Hhe erhob, wie nie zuvor, whrend sie Ha und Liebe, Hingebung und Verzweiflung, Wuth und Rache mit ergreifender Wahrheit zeichnete. Es war, als ob ein Gluthstrom von dieser Frau ausgehe und sich dem Publicum mittheile, das halb entzckt, halb bengstigt ihrer Darstellung folgte. Noch nie war die Sngerin so eins mit ihrer Aufgabe gewesen, noch nie hatte sie diese so vollendet gelst, wie diesmal. Freilich, es ahnte ja Niemand, um welchen Preis sie kmpfte, was sie antrieb, ihre beste Kraft einzusetzen. Galt es doch den zurckzugewinnen, den sie schon mehr als halb verloren hatte! Er hatte die Knstlerin bewundert, ehe er die Frau lieben lernte, und die Knstlerin rief jetzt alle Macht ihres Talentes zu Hlfe, um die der Frau zu behaupten. Zum ersten Male war ihr der Beifallssturm gleichgltig, der jeder ihrer Scenen folgte; zum ersten Male lag ihr nichts an den Huldigungen der Menge, sie wartete nur auf den einen Blick leidenschaftlichen Entzckens, der ihr so oft gedankt hatte an solchen Abenden  heute wartete sie vergebens.
Signora Biancona bertrifft sich heute selber, sagte Marchese Tortoni begeistert zu dem Capitain Almbach, der sich in seiner Loge befand. So oft ich sie auch schon bewundert habe, so habe ich sie noch nie gesehen.
Ich auch nicht, entgegnete Hugo einsilbig.
Cesario blickte ihn mit unverhehltem Erstaunen an. Das klingt sehr khl, Signor Capitano. Haben Sie keinen anderen Ausdruck der Bewunderung fr diese Frau, die Ihrem Bruder so nahe steht?
Hugos Miene war in der That so khl, wie sein Ton, als er ruhig antwortete: Das ist eben Reinholds Geschmack. Wir gehen bisweilen in unseren Ansichten sehr weit auseinander. Uebrigens wre es ungerecht, Signora Biancona heute nicht unbedingt zu bewundern, und ich thue das gleichfalls, das heit, vom Zuschauerraume aus. In der Nhe wre mir eine solche ber alles Ma hinausgehende Leidenschaft, die gar keine Grenze zu kennen scheint, doch etwas unheimlich. Ich kann mich nie ganz des Gedankens erwehren, da Donna Beatrice einmal dieses allerdings meisterhafte Spiel in die Wirklichkeit bertragen und auch dort eine Art Medea sein knnte, die nur Tod und Verderben sprht. Da sie das kann, sieht man an ihren Augen, und  wenn ich auch sonst nicht gerade zu den Furchtsamen gehre  zu lieben vermchte ich eine solche Frau nicht.
Und doch fordern gerade Rinaldos Werke diese flammende Darstellung, sagte der Marchese vorwurfsvoll, und dessen ist nur eine Biancona fhig.
Ja wohl, sie ist von jeher sein Verhngni gewesen, murmelte Hugo. Und er wird nie frei werden, so lange dieses Verhngni ber ihm waltet.
Die beiden Herren hatten lngst in der gegenberliegenden Prosceniumsloge den Consul Erlau bemerkt, auch einen Gru mit ihm ausgetauscht. Da er nicht allein sei, davon ahnten sie so wenig, wie sonst Jemand aus dem Publicum, denn die Dame, welche sich in seiner Begleitung befand, sa tief im Hintergrunde der Loge, gnzlich verborgen hinter den Falten des zur Hlfte herabgelassenen Vorhanges, aber doch so, da sie die Bhne vollstndig berblicken konnte, und ihr Begleiter gebrauchte die Vorsicht, jedesmal, wenn er mit ihr sprach, aufzustehen und gleichfalls zurckzutreten. Sie wollte augenscheinlich das Gesehenwerden berhaupt und wohl auch einen Besuch der beiden Herren in ihrer Loge vermeiden.
Ella hatte in der That die Erfllung ihres Wunsches von Seiten des Pflegevaters erreicht. Sie kannte bisher nur Weniges und Unbedeutendes von den Compositionen ihres Mannes, einige Lieder und Phantasieen, sonst nichts. Das eigentliche Feld seines Schaffens und seiner Erfolge, die Oper, war ihr fremd geblieben. Im Gefhle der tdtlichen ihr widerfahrenen Krnkung hatte sie es nie ber sich gewinnen knnen, Zeugin der Triumphe zu sein, die Rinaldos Opern auch in ihrer Vaterstadt feierten, jener Triumphe, die sich auf den Trmmern ihres Lebensglckes aufbauten, und was sie durch die Zeitungen oder durch Fremde, denen ihre nahen Beziehungen zu dem gefeierten Componisten nicht bekannt waren, davon erfuhr, senkte den Stachel nur noch tiefer in ihre Seele. Jetzt zum ersten Male trat ihr der Tondichter Rinaldo in dem genialsten seiner Werke entgegen; jetzt lernte auch sie die Macht dieser Tne kennen, die so oft schon Freund und Feind bezwungen hatten und selbst die Gegner zur Bewunderung hinrissen, und der Eindruck war berwltigend. Halb vorgebeugt, in athemlosem Lauschen folgte die junge Frau jedem Tone der Musik; war sie jetzt doch fhig, neben all den Schnheiten, welche sich ihr entschleierten, auch in die dunkeln Tiefen zu blicken, die sich darin aufthaten. Zum ersten Male verstand sie ganz und voll den Charakter ihres Gatten, diese glhende Knstlernatur mit all ihren Widersprchen, mit ihrem Strmen, Wogen und Drngen; zum ersten Male begriff sie, was die tiefverletzte Frau bisher nicht hatte begreifen wollen, die innere Naturnothwendigkeit, die Reinhold zwang, sich aus den beengenden Fesseln des kleinbrgerlichen Alltagslebens loszureien und dem Rufe seines Genius zu folgen, die diese Katastrophe fr ihn zu einem Kampfe um Leben und Tod machte.
Da er dabei auch feste Bande zerri, die ihm unter allen Umstnden htten heilig bleiben sollen, da er der freien berechtigten Selbstbestimmung des Mannes die Schuld des Gatten und Vaters hinzufgte, der die Seinigen verlie, davon freilich sprach ihn auch der Genius nicht frei; aber in dem Innern Ellas tauchte jetzt leise mahnend die Frage auf: was sie selbst denn damals ihrem Gatten gewesen sei, um zu verlangen, er solle der Versuchung Stand halten, die in Gestalt einer Beatrice Biancona vor ihn hintrat, und was sie bieten konnte gegen eine Leidenschaft, deren glhende Romantik von jeher viel mehr den Knstler als den Mann beherrscht hatte. Die ihm angetraute Frau stand damals noch viel zu sehr unter dem Drucke ihrer Erziehung und Umgebung, um sich auch nur einigermaen zu seiner Hhe erheben zu knnen;  statt ihrer stand eine Andere da, im vollsten Glanze ihrer Schnheit und ihres Talentes, und diese Andere zeigte dem jungen Knstler die Bahn der Freiheit und des Ruhms  er war unterlegen! Ella aber fhlte tief im innersten Herzen, da er es nicht wre, htte sie ihm damals sein knnen, was sie heute war.
Zum letzten Male hob sich der Vorhang, und bis zur letzten Note zeigte Rinaldo, da er sich treu geblieben war. Der Schlu stand durchaus auf der Hhe des Ganzen und war von hinreiender Wirkung. Und dennoch fehlte dem Werke das Eine, Hchste, das all diese flammenden Blitze des Genies nicht zu ersetzen vermochten, die Vershnung mit sich selber. Es hatte keinen Frieden und weckte keinen in der Seele der Zuhrer. Der Componist schien den Conflict, der ungelst in seinem eigenen Inneren lag, auch auf seine Schpfung bertragen zu haben; es war doch schlielich nur ein Verzweifeln an dem Leben, an dem Glcke, an sich selber. Wenn die Sturmnacht ausgetobt hatte, schimmerte kein verklrendes Morgenroth, das einen neuen, besseren Tag verhie; auf der weiten den Wasserwste trieben nur die Trmmer umher, und an sie geklammert, erreicht der [573] Schiffbrchige endlich wieder die Heimathkste  zu spt zur Rettung. Und wie er todesmde und todeswund dort niedersinkt, da klingt noch einmal, wie mit Geisterlauten, aus weiter, unnahbarer Ferne jene Traummelodie zu ihm hernieder, zum ersten Male vollendet, zum ersten Male voll und ganz austnend  im Tode. Und die Klnge verwehen und ersterben leise, wie das Leben sich verblutet.
Die Aufnahme der Oper von Seiten der Zuhrer lie Alles hinter sich zurck, was Rinaldo je an Erfolgen errungen hatte. Bei einem Publicum des Sdens freilich waren diese Musik und diese Darstellung des Triumphes sicher. Da zndete jeder Funke; da flammte ein Feuer in das andere. Man htte meinen sollen, der Beifall msse sich doch endlich einmal erschpfen, der Jubel sich endlich einmal migen, aber heute schien selbst der glhendste Enthusiasmus noch einer Steigerung fhig zu sein. Nach jedem Actschlusse, nach jeder Scene brach er von Neuem hervor und endete schlielich in einem wahren Aufstande, mit dem das ganze Haus strmisch das Erscheinen des Componisten forderte.
Signor Rinaldo lie lange auf sich warten, ehe er diesem Verlangen Folge leistete; er lie, trotz all der strmischen Rufe, die ihm galten, Signora Biancona immer wieder allein vortreten. Erst am Schlusse der Oper, als das Rufen in ein Toben ausartete und der Ansturm der Begeisterung nicht lnger zu bndigen war, erst da zeigte er sich und wurde nun vom Publicum in einer Weise begrt, die selbst den malosesten Ehrgeiz befriedigt htte. Stolz und ruhig trat Rinaldo auf die Bhne; fast unbewegt stand er inmitten all der begeisterten Huldigungen. Er hatte es lngst gelernt, Triumphe als etwas ihm Gebhrendes hinzunehmen, und so ungemessen der heutige war, er raubte ihm nicht einen Moment lang die Fassung. Seine dunklen Augen glitten langsam an den Logenreihen hin, pltzlich aber blieben sie gefesselt an einem Punkte haften. Es war, als ob ein elektrischer Schlag auf einmal das ganze Wesen des Mannes durchzucke, so schreckte er empor, und jetzt flammte sein Blick auf  jener Blick leidenschaftlichen Entzckens, fr den Beatrice heute vergebens alle Macht ihres Talentes eingesetzt hatte  und wenn das blonde Haupt, das nur einen Augenblick sichtbar geworden war, auch im nchsten schon wieder verschwand, er wute jetzt doch, wer sich hinter den Vorhngen jener Loge barg, wer Zeuge seines Triumphes wurde.
Eleonore, das war unvorsichtig! sagte Erlau, der gleichfalls von der Brstung zurcktrat. Du beugtest Dich zu weit vor. Du bist gesehen worden.
Die junge Frau gab keine Antwort; sie stand aufrecht, mit beiden Hnden die Lehne des Sessels umfassend, von dem sie sich in vlliger Selbstvergessenheit erhoben hatte. Die groen, thrnenvollen Augen waren noch unverwandt auf die Bhne gerichtet, wo Reinhold soeben nochmals vortrat, um dem Publicum zu danken, dieser jubelnden strmisch erregten Menge, deren einziger Mittelpunkt er jetzt war. All diese tausend Augen waren auf ihn allein gerichtet; all diese Lippen und Hnde verkndeten ihm seinen Sieg, und whrend Lorbeerkrnze und Lorbeerzweige zu seinen Fen sanken, hallte sein Name, wie von einer brausenden Woge hoch emporgetragen, in tausendfachem Echo zurck.



Bei dem schen Gesandten fand eine groe Soire statt, die erste derartige Festlichkeit in der Saison. Durch die weiten und prachtvollen Rume des Gesandtschaftshtels wogte eine zahlreiche Gesellschaft. In den lichtstrahlenden, blumendurchdufteten Salons rauschten die Schleppen und blitzten die Uniformen; neben reizenden Frauengesichtern und vornehmen Ordenstrgern sah man aber auch manche ernste bedeutende Mnnergestalt in einfacher Civiltracht, und unter all diesen lngst bekannten Gestalten und Namen tauchten so manche fremde auf, die, je nach ihrer Erscheinung und ihrem Klange, eine grere oder geringere Aufmerksamkeit beanspruchten, um sich schlielich unter der Menge der Gste zu verlieren.
Auch Reinhold und Capitain Almbach befanden sich unter den Eingeladenen, und der erstere war auch hier wieder der Gegenstand allseitiger Huldigungen, wenn diese sich auch weniger ungestm kundgaben, als neulich im Theater. Rinaldo galt lngst in der Gesellschaft als eine Berhmtheit ersten Ranges. Seine neue Oper machte ihn vollends zum Lwen der Saison, und er konnte sich nicht zeigen, ohne sogleich von allen Seiten umringt und beglckwnscht zu werden.
Mit ihm theilte die geniale Darstellerin seiner Schpfung, Signora Biancona, die allgemeine Aufmerksamkeit. Leider kam man diesmal nicht in den Fall, den Ausdruck der Bewunderung beiden gemeinschaftlich darzubringen, denn sie schienen sich eher zu meiden als zu suchen. Aufmerksame Beobachter wollten behaupten, da so etwas wie ein Zerwrfni zwischen Beiden stattgefunden haben msse, denn sie waren zu verschiedenen Zeiten gekommen und nherten sich fast gar nicht einander. Nichtsdestoweniger war auch die Knstlerin fortwhrend von Huldigungen umgeben, an denen ihre Schnheit vielleicht einen nicht geringen Antheil hatte. Beatrice verstand es meisterhaft, sich zu drapiren, fr den Salon nicht weniger wie fr die Bhne, und wenn ihre Toilette auch gewhnlich etwas Phantastisches zeigte, so entsprach dies so durchaus der Eigenart ihrer Erscheinung, da sie nur um so hinreiender erschien. Die Sngerin trug, wie so viele ihrer Landsmnninnen, mit Vorliebe schwarze Kleidung, und hatte diese auch heute gewhlt, aber die aus Sammet, Atlas und Spitzen zusammengesetzte Robe war dennoch von einer verschwenderischen Pracht, und auf dem dunklen Grunde funkelte ein reicher Juwelenschmuck. Einzelne purpurrothe Blthen, scheinbar regellos hier und da in die Locken gestreut, schienen den schwarzen Spitzenschleier zu halten, und damit bildete der dunkle Teint der Italienerin und die lodernde Gluth ihrer Augen ein Ganzes, das, wenn es auf den Effect berechnet war, wenigstens diese Wirkung im vollsten Mae erreichte.
Ah, Mr. Almbach, finde ich Sie hier? fragte Lord Elton, der, glcklich endlich Jemand zu finden, mit dem er Englisch sprechen konnte, auf den Capitain zutrat. Ich wollte Sie bereits in diesen Tagen aufsuchen. Die neue Oper Ihres Bruders 
Um Gotteswillen, Mylord, fangen Sie mir nicht auch noch davon an! unterbrach ihn Hugo mit einer Geberde des Entsetzens. Seit dem Tage der Auffhrung werde auch ich halb todt geqult mit dieser Oper meines Bruders; alle Welt fhlt sich verpflichtet mich gleichfalls zu beglckwnschen. Wie oft habe ich schon eine Revolution, ein Erdbeben oder doch mindestens einen kleinen Vesuvausbruch herbeigewnscht, nur damit endlich einmal in der Gesellschaft von etwas Anderem gesprochen werde!
Der Lord schttelte halb lachend, halb mibilligend den Kopf. Mr. Almbach, Sie sollten das nicht so unumwunden aussprechen. Wenn ein Fremder Sie hrte, es knnte gemideutet werden.
O, ich habe mir bereits verschiedene Male das Vergngen gemacht, mir einige der rgsten Bewunderer mit solchen Aeuerungen vom Leibe zu halten, versicherte Hugo ganz unbekmmert. Ich fhle mich durchaus nicht verpflichtet, als Opferlamm fr die Popularitt meines Bruders Jedem Rede zu stehen. Wie Reinhold diesen Triumph auf die Dauer aushlt, begreife ich nicht. Knstlernaturen mssen in dieser Hinsicht wohl ganz absonderlich organisirt sein, meine Seemannsnerven wren lngst unterlegen.
Lord Elton schien auch heute wieder Vergngen an der Laune des Capitains zu finden, denn er blieb beharrlich an dessen Seite und war ein zwar schweigsamer, aber sehr aufmerksamer Zuhrer bei all den Bemerkungen, die Hugo wie gewhnlich schonungslos ber alles Bekannte und Nichtbekannte ergo.
Wenn ich nur wte, weshalb Marchese Tortoni auf einmal in solch einer Kometenbahn durch den Saal bricht, spttelte er. Die Thr drben scheint der Magnet zu sein, der ihn unwiderstehlich anzieht  ah so! Ja freilich, nun kann ich mir diesen Sturmlauf erklren.
Die letzten Worte klangen in so unverkennbarem Aerger, da auch der Lord aufmerksam nach dem Eingange blickte. Dort erschien jetzt Consul Erlau, der Ella am Arme fhrte; Marchese Tortoni befand sich bereits an ihrer Seite, und alle Drei traten soeben ber die Schwelle. Die junge Frau war in weier, scheinbar sehr einfacher Toilette, aber man sah es, da Erlau auch in Bezug auf seine Pflegetochter es liebte, sich als Millionr zu zeigen. Dieses weie Spitzenkleid, das so duftig Ellas zarte Gestalt umwogte, lie die meisten jener schweren Sammet- und Atlasroben, welche durch den Saal rauschten, an Kostbarkeit weit hinter sich zurck, und die Perlenschnur, die den Hals Ellas schmckte, war von einem so ungeheuren Werthe, da [574] viele der funkelnden Juwelen davor verschwanden. Das Haupt der jungen Frau trug einzig seinen natrlichen Schmuck; kein Diamant, nicht einmal eine Blume zierte die reichen blonden Flechten, deren matter Goldglanz so eigenthmlich reizend mit der zartrosigen Frbung des Teints harmonirte. Diese Gestalt bedurfte keiner berechneten Toilettenknste, um sich schn zu zeigen, sie war es, ohne alle knstliche Untersttzung, und wenn die Blicke der Damen bald genug herausgefunden hatten, welch ein Werth sich hinter dieser anscheinend so einfachen Toilette barg, so hatten die Herren nicht weniger Augen fr die Poesie der Erscheinung, die an ihnen vorber schwebte.
Die Drei waren etwa bis in die Mitte des Saales gelangt, als sich zufllig eine der Gruppen, deren Mittelpunkt Reinhold gewesen war, auflste und dieser selbst hervortrat und fast unmittelbar seiner Frau gegenberstand. Es war nicht die erste derartige Begegnung zwischen den beiden Gatten, und sie muten an solchem Orte immerhin auf die Mglichkeit eines Zusammentreffens gefat sein. Bei Ella schien dies auch der Fall; nur einen Moment lang bebte ihr Arm in dem ihres Begleiters, und eine fliegende Rthe kam und ging in ihren Zgen, dann aber glitt das groe Auge ruhig weiter, und sie wandte sich zu dem Marchese, der ihr soeben die Namen einiger der Anwesenden nannte. Reinhold dagegen stand so fassungslos, als habe er die ganze Umgebung vergessen. Wenn ihm die jetzige Erscheinung seiner Frau auch nicht mehr fremd war, sie sah doch anders aus bei dem matten Lampenschimmer im Gartensaal der Villa Fiorina, bei dem dsteren Regenlichte der Veranda an jenem Sturmtage, und in dem halbdunklen Hintergrunde der Theaterloge. So hatte er sie noch nie gesehen, wie heute. Im blendenden Lichtmeer des Salons, im duftigen Festgewande und trotz des Ortes und der Umgebung wehte es zu ihm herber, wie eine Erinnerung an jene traumhaft schne Morgenstunde in Mirando, wo das Meer so tiefblau um die Terrasse des Schlosses wogte und der Blthenduft aus den Grten herberzog, whrend die weie Gestalt drben an der Marmorbalustrade lehnte  freilich, ihr Antlitz war auch hier abgewandt, aber jetzt wandte sie es einem Anderen zu. Bei dem Anblick Cesarios, der noch immer seinen Platz an ihrer Seite behauptete, zerstob Traum und Erinnerung; vor Reinhold tauchten die Worte seines Bruders auf, die ihm seit jener Unterredung alle Ruhe raubten. Vielleicht fr einen Anderen, klang es in seinem Inneren. Ein heier drohender Blick fiel aus Cesario, und mit einer heftigen Bewegung in den kaum verlassenen Kreis zurcktretend, entzog er sich dem Grue oder der Anrede des jungen Marchese.
Dieser sah ihm betroffen nach. Er kannte nicht entfernt den Grund dieses pltzlichen Ausweichens, aber er ahnte lngst schon, da hier mehr zu Grunde lag als nur eine Feindschaft zwischen Rinaldo und Erlau, die er frher angenommen hatte. Es war ihm nicht entgangen, da irgend eine geheime Beziehung zwischen seinem Freunde und Ella stattfand, und das heutige Zusammentreffen besttigte nur zu sehr diese Annahme. Cesario war zu stolz, um wie Beatrice seine Zuflucht zum Spioniren zu nehmen, und so ertrug er denn eine Ungewiheit, deren Lsung von Ella oder dem Consul zu verlangen er noch kein Recht hatte, und die Rinaldo ihm nicht lsen wollte.
Der deutsche Handelsherr war beinahe fremd in der Gesellschaft, dennoch begann die Erscheinung seiner Begleiterin bereits Aufsehen zu erregen. Erlau hatte allerdings die Stirn gerunzelt bei dem unerwarteten Anblicke Reinholds; da er aber sah, da Ella scheinbar ganz ruhig blieb, so gewhrte ihm das Zusammentreffen eher eine Genugthuung. Der Consul war augenscheinlich sehr stolz auf seine schne Pflegetochter und bemerkte sehr wohl die bewundernden Blicke und flsternden Bemerkungen, welche ihr berall folgten. Er sagte sich, da auch der einstige Gatte diese Blicke sehen, diese Bemerkungen hren msse, und mit einem kaum verhehlten Gefhl des Triumphes schritt er an der Gruppe vorber.
Die Menge der auf- und abwogenden Gste und die zahlreichen Gesellschaftsrume machten es fr die, welche sich nicht sehen wollten, leicht, einander auszuweichen.
Es mochte ungefhr eine Viertelstunde seit dem Erscheinen Erlaus vergangen sein, als Capitain Almbach herantrat, um ihn zu begren.
Sind Sie denn berall, Herr Capitain? fragte der Consul berrascht.
Hugo machte eine halb ironische Verbeugung. Ich habe die Ehre. Mifllt Ihnen das so sehr?
Nicht doch! Sie wissen ja, da ich Sie immer gern sehe, aber am dritten Orte trifft man Sie leider nur in Begleitung Ihres Bruders. Es scheint, man kann keinen Schritt in die Gesellschaft thun, ohne auf Signor Rinaldo zu stoen.
Er ist mit dem Herrn des Hauses befreundet, erklrte Hugo.
Natrlich, grollte der Consul. Ich mchte einen Kreis kennen, der ihn nicht vergttert, und in dem er nicht dominirt. Ich konnte die Einladung unseres Gesandten nicht ausschlagen und wollte meiner armen Eleonore doch endlich einmal etwas Anderes zeigen, als nur das Krankenzimmer. Haben Sie sie schon gesprochen?
Allerdings, sagte der Capitain, nach der andern Seite des Saales hinberblickend, wo Ella im Gesprch mit dem Marchese, dem Lord und einigen Damen stand, das heit, so weit Marchese Tortoni mir die Mglichkeit dazu lie. Er beansprucht durchaus den Lwenantheil der Unterhaltung. Ich halte mich bescheiden zurck.
Ja, bester Capitain, daran werden Sie sich gewhnen mssen, lachte Erlau. Im Gesellschaftskreise ist Eleonore selten frei fr die Unterhaltung eines Einzigen. Ich wollte, Sie shen Sie einmal, wenn sie in meinen Salons die Honneurs macht. Wir sind fast gnzlich fremd hier, sonst, versichere ich Ihnen, wren Marchese Tortoni und Lord Elton nicht die Einzigen, ber die Sie sich in solcher Weise rgern.
Ella hatte inzwischen ihr Gesprch beendigt und verlie jetzt mit einer leichten Verneigung die Gruppe, um zu ihrem Pflegevater zurckzukehren. Da der Marchese zu seinem groen Mivergngen durch eine der Damen in der Unterhaltung festgehalten wurde, schritt die junge Frau ganz allein durch den Saal, als pltzlich in der Mitte desselben ein dunkles Sammetgewand das ihrige so nah und heftig streifte, da es beinahe wie Absicht aussah. Aufblickend gewahrte sie dicht vor sich das schne, aber in diesem Augenblick fast erstreckende Antlitz Signora Bianconas.
Ella verrieth inde weder Schrecken noch Verlegenheit, sie nahm langsam ihr Spitzenkleid auf und trat etwas seitwrts. In der Bewegung lag ein ruhiger, aber sehr entschiedener Protest gegen jede Berhrung von dieser Seite, und Beatrice schien ihn nur zu gut zu verstehen, trotzdem trat sie noch nher. Die junge Frau fhlte einen heien Athem dicht an ihrer Wange und vernahm die geflsterten Worte:
Signora, ich bitte Sie um einige Minuten Gehr!
Ella antwortete mit einem Blick des Erstaunens und der Entrstung. Sie  mich? fragte sie gleichfalls leise, aber mit einer nicht mizuverstehenden Betonung.
Ich bitte um einige Minuten, wiederholte Beatrice. Sie werden sie mir gewhren Signora.
Nein!
Nicht? Die Stimme der Italienerin bebte in kaum verschleiertem Hohne. Also frchten Sie mich so sehr, da Sie nicht einmal ein kurzes Alleinsein mit mir wagen?
[587] Signora Biancona schien die rechte Saite berhrt zu haben, die bloe Mglichkeit einer solchen Annahme brach Ellas Widerstand. Ich werde Sie anhren, entgegnete sie rasch. Aber wo?
In der kleinen Veranda zur Rechten der Galerie. Wir sind dort allein; ich werde vorangehen  Sie drfen mir nur folgen.
Mit einer kaum merklichen Bewegung neigte Ella das Haupt. Die wenigen Worte waren so rasch und leise gewechselt worden, da Niemand eine Silbe davon vernommen, Niemand auch nur die Annherung der beiden Frauen bemerkt hatte, die in jener Minute nur von Fremden umgeben waren; deshalb fiel es auch Keinem auf, als Signora Biancona gleich darauf aus dem Saale verschwand und Ella einige Minuten spter diesem Beispiele folgte.
Die mit Statuen und Gemlden geschmckte Galerie neben dem groen Empfangssaale war beinahe leer. Nur wenige der Gste hatten den khleren Raum aufgesucht, an dessen Ende eine Glasthr auf eine halb offene Veranda fhrte, die bei Tage wohl einen weiten Ausblick auf die umliegenden Grten gestatten mochte, heute Abend aber den Festrumen beigesellt zu sein schien, denn auch sie war mit hohen Blumengewchsen und Blattpflanzen geschmckt und, wenn auch nicht so glnzend wie die Sle, doch hinreichend erleuchtet. Jedenfalls war sie ganz leer, und der abgelegene, halb versteckte Raum, der den wenigsten Gsten bekannt war, bot die Mglichkeit eines ungestrten Gesprchs.
Beatrice befand sich bereits dort, als Ellas Spitzenkleid ber die Schwelle rauschte, aber die junge Frau blieb in unmittelbarer Nhe derselben stehen, ohne auch nur einen einzigen Schritt weiter vorwrts zu thun. Genau mit jener unnahbar stolzen Haltung, die sie bei der ersten Begegnung in der Locanda gezeigt, erwartete sie auch hier den Beginn dieser halb erzwungenen Unterredung. Die Augen der Italienerin hingen mit einem wahrhaft verzehrenden Ausdrucke an der weien Gestalt, die, vom Lampenlicht hell umflossen, ihr gegenberstand, und deren Schnheit sie geradezu vernichtend berhrte.
Signora Eleonore Almbach! begann sie endlich. Ich bedaure, Ihnen erklren zu mssen, da Ihr Incognito bereits verrathen ist. Vorlufig allerdings nur mir, ich glaube aber nicht, da Sie es auf die Dauer werden behaupten knnen.
Und auf wen wrde das fallen? fragte Ella ruhig. Ich schonte nicht mich, als ich mir dieses Incognito auferlegte.
Wen denn? Vielleicht Rinaldo?
Ich kenne Signor Rinaldo nicht.
Die Worte klangen in so eisiger Bestimmtheit, da ein Zweifel an dem, was sie ausdrcken sollten, gar nicht mglich war und Beatrice einen Moment lang davor verstummte. Sie war vllig auer Stande, einen Stolz zu begreifen, der den einmal begangenen Treubruch selbst einem Rinaldo nicht verzieh.
In der That, auf diese Verleugnung war ich nicht vorbereitet, entgegnete sie. Wenn Rinaldo 
Sie haben mich sprechen wollen, unterbrach die junge Frau sie, und ich versprach, Sie anzuhren. Da mir der Entschlu nicht leicht geworden ist, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu versichern; zum Mindesten erwartete ich nicht, diesen Namen von Ihnen zu vernehmen, und wnsche es auch nicht. Lassen Sie diese Unterredung so kurz wie mglich sein! Was haben Sie mir zu sagen?
Vor allen Dingen habe ich Sie zu bitten, da Sie einen andern Ton fr unser Gesprch whlen, fuhr Beatrice gereizt auf. Sie sprechen mit Beatrice Biancona, deren Name Ihnen wohl noch in anderer Weise bekannt ist, als nur durch unsere persnlichen Beziehungen zu einander, und die wohl Ha und Feindschaft von Seiten einer Gegnerin ertrgt, nicht aber die Verachtung, die Sie auszudrcken belieben.
Ella blieb vllig unbewegt dieser Forderung gegenber. Sie trat etwas seitwrts in den Schutz der hohen Blattgewchse, so da sie von der Galerie aus nicht gesehen werden konnte, und wandte sich dann wieder zu der Sprechenden.
Ich habe diese Unterredung nicht gesucht. Sie waren es, Signora, die mich gewissermaen dazu zwang, also werden Sie es wohl auch ertragen mssen, da ich den Ton festhalte, der mir geeignet erscheint. Mir steht Ihnen gegenber kein anderer zu Gebote.
Ein Blick wilden tdtlichen Hasses scho aus den Augen Beatricens, aber sie fhlte, da, wenn sie jetzt ihrer Leidenschaftlichkeit nachgab, ihr dies alle Haltung rauben und der Gegnerin nur einen neuen Triumph bereiten wrde. Sie kreuzte deshalb die Arme und erwiderte mit vernichtendem Hohne:
Sie lassen es mich hart ben, Signora Almbach, da ich Siegerin blieb in einem Kampfe, dessen Preis die Liebe Ihres Gatten war.
Sie irren, versetzte Ella kalt. Ich kmpfe berhaupt nicht um die Liebe eines Mannes. Das berlasse ich den [588] Frauen, die sich solch einen Preis erst mhsam erstreiten und dann ewig zittern mssen, ihn wieder zu verlieren.
Die letzten Worte schienen eine wunde Stelle berhrt zu haben. Beatrice erblate.
Freilich, Sie hatten ja ein Recht, ihn kraft des Traualtars zu fordern, sagte sie, noch immer den frheren Hohn festhaltend. Leider nur schtzt auch dieser Talisman nicht vor jedem Unglcke, zum Beispiel vor dem Verlassenwerden.
Jetzt war sie es, die schonungslos nach einer Wunde zielte, die sie selbst geschlagen hatte, aber der Pfeil prallte machtlos zurck. Die junge Frau richtete sich hoch und stolz auf.
Allerdings nicht vor dem Schmerze eines solchen Schicksals, aber doch mindestens vor seiner Schande. Der verlassenen Gattin bleibt die Theilnahme, die Sympathie der ganzen Welt, der verlassenen Geliebten  nur die Verachtung.
Nur diese? sagte Beatrice dumpf. Sie irren Signora; es bleibt ihr noch etwas Anderes  die Rache.
Soll das eine Drohung gegen mich sein? fragte Ella. Wer Ihre Rache herausfordert, mag sich davor zu schtzen suchen. Ich wei mich frei davon.
Gewi, Sie stammen ja aus dem Norden, wo man die Leidenschaft nicht kennt, wie wir das Wort verstehen, stie die Italienerin hervor. Bei Euch stehen ja immer und ewig die Vorurtheile, die Pflichten, die Meinung der Welt im Vordergrunde  die Liebe einer Frau kommt erst in zweiter Linie.
Allerdings erst in zweiter Linie. Ellas Ton klang jetzt in unverschleierter Verachtung. In der ersten steht die Ehre der Frau; wir sind gewohnt, sie unbedingt und berall voran zu setzen  ein Vorurtheil freilich, dessen sich Signora Biancona lngst entuert hat.
Die junge Frau kannte die Gegnerin nicht, welche sie reizte, sonst htte sie es vielleicht nicht gewagt, den Stolz der tief beleidigten Frau in so furchtbar vernichtender Weise sprechen zu lassen; die Wirkung war eine erschreckende. Es war, als ob sich auf einmal ein Dmon in der Italienerin aufbumte, als ob ihr ganzes Wesen wirklich Tod und Verderben sprhte; so loderten die dunklen Augen auf; ein halb erstickter Ausruf der Wuth entrang sich ihren Lippen, und Alles um sich her vergessend, that sie einige Schritte vorwrts.
Ella wich zurck bei[WS 4] dieser mehr als drohenden Bewegung. Was soll das, Signora? sagte sie fest. Vielleicht gar ein Attentat? Sie vergessen, wo wir uns befinden. Ich sehe, da ich Unrecht that, auf diese Unterredung einzugehen; es ist die hchste Zeit, da wir sie endigen.
Beatrice schien wieder etwas zur Besinnung zu kommen, wenigstens blieb sie stehen, obgleich der unheimliche Ausdruck nicht aus ihren Augen wich. Die Hand zerknitterte krampfhaft den schwarzen Spitzenschleier, der ber ihre Schultern hinfiel; sie bemerkte es nicht, da dabei eine der rothen Blthen sich aus ihrem Haar lste und zu Boden fiel.
Sie sollen diese Worte und diese Stunde bereuen lernen, Signora, zischte sie zwischen den zusammengebissenen Zhnen hervor. Sie kennen die Rache nicht? Nun wohl, so kenne ich sie; das werde ich Ihnen zu zeigen wissen  Ihnen und ihm. 
Sie rauschte davon und lie die junge Frau allein zurck, die es nicht ber sich vermochte, so unmittelbar nach dieser Scene wieder den Saal zu betreten und den besorgten Fragen Erlaus Rede zu stehen. Tief aufathmend lie sie sich auf einen der Sessel nieder und sttzte den Kopf in die Hand. Diese wilde Ha- und Rachedrohung erschtterte sie doch, aber sie zeigte ihr auch die Wahrheit durch alle Schleier hindurch. Man hat nur die siegreiche Gegnerin und rcht nur das Verlorene oder doch bereits verloren Gegebene  es war zu Ende mit der Bezauberung. Aber wem galten jene drohenden Worte? Reinhold? Die junge Frau erblate; sie selbst hatte der Drohung khn und fest Stand gehalten, aber bei diesem Gedanken ging es wie ein Hauch zitternder Angst durch ihre Seele, und wie im halb unbewuten Schmerze die Hand gegen die Brust pressend, flsterte sie:
O mein Gott, das kann ja nicht sein. Sie liebt ihn ja.
Eleonore! sagte eine Stimme in ihrer unmittelbaren Nhe.
Ella schreckte auf; sie erkannte beim ersten Tone die Stimme, noch ehe sie die Gestalt sah, die jenseits der Schwelle in der Thr stand, als wage sie es nicht, diese zu berschreiten. Reinhold schien Muth zu fassen, als er keine abwehrende Bewegung sah, und trat vollends ein.
Was ist das? fragte er unruhig. Ich finde Dich allein hier in diesem abgelegenen Raume, und soeben sah ich eine Andere von hier kommen und durch die Galerie eilen. Du sprachest ?
Signora Biancona, ergnzte Ella, als er inne hielt.
Hat sie Dich beleidigt? rief Reinhold aufflammend. Ich kenne den Blick an ihr, der nichts Gutes bedeutet. Ahnte ich es doch beinahe, als sie so pltzlich aus dem Saale verschwand und auch Du nicht mehr zu erblicken warst. Ich kam zu spt, wie es scheint. Hat sie Dich beleidigt, Ella?
Die junge Frau erhob sich und machte Miene, sich zu entfernen. Wenn sie es gethan htte, so begreifst Du wohl, da Dein Schutz der letzte wre, den ich in Anspruch nehmen mchte.
Sie wollte an ihm vorber nach dem Ausgange schreiten. Reinhold machte keinen Versuch, sie zurckzuhalten, aber sein Blick ruhte auf ihr mit so dsterem Vorwurfe, da sie wie unwillkrlich inne hielt.
Eleonore, sagte er leise, noch eine Frage, ehe Du gehst, eine einzige. Du warst in meiner Oper  wozu das leugnen? Ich habe Dich ja gesehen, wie Du mich. Was trieb Dich dorthin?
Ella senkte den Blick, als sei es eine Schuld, die man ihr vorhielt, und eine verrtherische Gluth flo ihr ber Stirn und Wangen, als sie zgernd erwiderte:
Ich wollte den Tondichter Rinaldo auch einmal in seinen Werken kennen lernen.
Und nun Du ihn kennen gelernt hast?
Willst Du von mir ein Urtheil ber Deine neue Schpfung? Die Welt sagt, es sei ein Meisterwerk.
Es war eine Beichte, sagte er mit schwerer Betonung. Ich ahnte freilich nicht, da Du sie hren wrdest, da es aber dennoch geschehen ist  hast Du sie verstanden?
Die junge Frau schwieg.
Ich sah Deine Augen nur einen Moment lang, fuhr er leidenschaftlicher fort, aber ich sah doch, da Thrnen darin standen. Hast Du mich verstanden, Ella?
Ich habe begriffen, da der Schpfer solcher Tne nicht ausdauern konnte in dem engen Kreise meines Elternhauses, entgegnete Ella fest, und da er vielleicht das Beste fr sich erwhlte, als er sich losri und sich hineinstrzte in ein Leben von Gluth und Leidenschaften, wie seine Tne es malen. Du hast Deinem Genius Alles geopfert  ich gebe Dir das Zeugni, da dieser Genius des Opfers werth war.
Die letzten Worte klangen in tiefer Bitterkeit; sie schienen bei Reinhold die gleiche Saite zu berhren.
Du weit nicht, wie grausam Du bist, sagte er in demselben Tone, oder vielmehr, Du weit es nur zu gut, und lt mich zehnfach ben fr jeden Schmerz, den ich Dir einst zugefgt habe. Freilich, was fragst Du auch danach, ob ich mich emporringe oder untergehe in einem Leben, das die Welt als ein Glck ohne Gleichen preist, und das ich oft, so oft schon, htte hingeben mgen fr eine einzige Stunde der Ruhe und des Friedens! Was kmmert es Dich, ob Dein Gatte, der Vater Deines Kindes sich verzehrt in der wilden Sehnsucht nach Vershnung mit einer Vergangenheit, die er nie ganz aus seinem Herzen zu reien vermochte, ob er schlielich verzweifelt an Allem und an sich selber! Er hat sein Schicksal ja verdient; damit ist der Stab ber ihn gebrochen und der erhabene Tugendstolz seines Weibes versagt ihm jedes Wort der Vershnung, versagt ihm sogar den Anblick seines Kindes 
Um Gotteswillen, Reinhold, mige Dich! fiel Ella angstvoll ein. Wir sind nicht allein hier  wenn ein Fremder uns hrte!
Er lachte bitter auf. Nun, dann vernhme er das groe Verbrechen, da der Mann es einmal wagt, zu seiner Frau zu sprechen. Und wenn alle Welt es erfhrt, mich kmmert es jetzt nicht mehr, auf wen die Entdeckung, auf wen die Verurtheilung fllt.  Ella, Du bleibst, unterbrach er sich, auer sich, als er sah, da sie sich entfernen wollte. Einmal mu es herunter [589] von der Brust, was ich mondenlang mit mir herumgetragen habe, und da Du sonst unerreichbar fr mich bist, so wirst Du mich hier und jetzt anhren. Du wirst, sage ich.
Er ergriff ihren Arm, um sie gewaltsam zurckzuhalten; in demselben Augenblicke aber erschien Marchese Tortoni in der Thr und trat fast strmisch zwischen Beide.
Reinhold lie den Arm seiner Gattin fahren und wich zurck. Cesarios Aussehen verrieth ihm, da dieser wenigstens die letzte Scene mit angesehen haben msse; mit finsterer Stirn und ernstem Blicke stellte sich der Marchese sofort an die Seite der jungen Frau.
Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten, Signora? sagte er sehr entschieden. Ihr Herr Oheim ist bereits in Sorge wegen Ihrer Abwesenheit. Sie gestatten wohl, da ich Sie zu ihm begleite.
Reinhold war bereits Herr seiner Ueberraschung geworden, nicht aber Herr seiner Aufregung. Die Strung in einem solchen Augenblick reizte ihn aufs Aeuerste, und der Anblick Cesarios an der Seite seiner Frau raubte ihm vollends die Fassung.
Ich bitte, da Sie sich entfernen, Cesario, sagte er heftig und gebieterisch, mit jener Ueberlegenheit, die er von jeher ber seinen jungen Freund und Bewunderer ausgebt hatte, aber er verga, da er bei diesem jetzt nicht mehr im Vordergrunde stand. Die Augen des Marchese blitzten vor Entrstung, als er erwiderte:
Der Ton Ihrer Bitte ist so seltsam, Rinaldo, wie die Bitte selbst; Sie werden es daher begreiflich finden, wenn ich ihr nicht nachkomme. Ich habe allerdings nicht die deutschen Worte verstanden, die Sie mit Signora Erlau wechselten, aber ich sah doch, da sie zum Bleiben gezwungen werden sollte, wo sie zu gehen wnschte. Ich frchte, da sie des Schutzes bedarf  befehlen Sie ber mich, Signora!
Sie wollen sie gegen mich schtzen? rief Reinhold auffahrend. Ich verbiete Ihnen, sich dieser Dame zu nahen.
Sie scheinen zu vergessen, da es sich hier nicht um Signora Biancona handelt, sagte der Marchese schneidend. Dort mgen Sie ein Recht haben, zu verbieten oder zu erlauben, hier aber 
Hier habe ich es mehr als jeder Andere.
Sie lgen.
Cesario! Das Wort werden Sie mir bezahlen, brauste Reinhold auf.
Wie es Ihnen beliebt, gab der Marchese ebenso heftig zurck.
Ella hatte es bisher vergebens versucht, die drohenden, Schlag auf Schlag fallenden Reden der wild erregten Mnner zu unterbrechen; man hrte nicht auf sie, aber die letzten Worte, deren Bedeutung sie nur zu gut verstand, zeigten ihr die ganze Gefahr dieses unseligen Zusammentreffens. Rasch entschlossen trat sie dazwischen und rief mit einer Entschiedenheit, die ihr selbst in dieser Minute Gehr erzwang:
Marchese Tortoni, gehen Sie nicht weiter! Es ist ein Miverstndni.
Cesario wandte sich sofort zu ihr. Verzeihung, Signora! Wir vergaen Ihre Gegenwart, sagte er ruhiger. Aber Sie bersehen, da in den Worten Signor Rinaldos eine Beleidigung fr Sie liegt, die ich nicht gesonnen bin, zu dulden. Ich kann und werde meine Worte nicht zurcknehmen, es sei denn, Sie selbst berzeugten mich, da er sich im Rechte befindet.
Ella rang in qualvollster Unentschlossenheit mit sich selber. Reinhold stand stumm und dster; sie sah, da er jetzt nicht sprechen wrde, da er sie mit diesem Schweigen zwingen wollte, ihn zu verleugnen oder als Gatten anzuerkennen, aber ihn verleugnen, hie hier das Schlimmste herbeirufen. Die Beleidigung war einmal gefallen, und bei dem Charakter der beiden Mnner war ein blutiger Zusammensto unvermeidlich, wenn sie nicht zurckgenommen wurde. Der jungen Frau blieb keine Wahl mehr.
Signor Rinaldo geht zu weit, wenn er jetzt noch Rechte beansprucht, die er einst besa, entgegnete sie endlich. Eine Beleidigung aber lag in seinen Worten nicht, er sprach  von seiner Gattin.
Reinhold athmete tief auf  also endlich bekannte sie sich doch dazu, und das vor Cesario. Dieser aber stand wie vom Blitz getroffen. Wie oft er auch schon nach der Lsung des Rthsels gesucht haben mochte, eine solche hatte er nicht erwartet.
Von seiner Gattin? wiederholte er fast betubt.
Wir sind schon seit Jahren getrennt, sagte Ella tonlos.
Diese Erklrung gab dem Marchese seine ganze Fassung zurck. Er errieth sofort den Grund der Trennung, kannte er doch Beatrice Biancona. Der eine Name machte ihm Alles klar und lie ihm keinen Zweifel darber, auf wessen Seite hier die Schuld lag. Der Capitain hatte Recht mit seiner Annahme; die Entdeckung lie Cesario, anstatt ihn zurckzuschrecken, vielmehr aufflammen in leidenschaftlicher Parteinahme fr die geliebte und gekrnkte Frau.
Nun denn, Signora, sagte er rasch, so steht es ja nur bei Ihnen, ob Sie einen Anspruch anerkennen wollen, den Reinhold auf eine Vergangenheit sttzt, die nicht mehr existirt, und die er wohl selbst vernichtet hat. Sie allein haben darber zu entscheiden, ob ich Ihnen noch ferner nahen, ob ich Ihnen auch in Zukunft ein Gefhl weihen darf, von dem ich offen bekenne, da es mehr ist als nur die kalte Bewunderung eines Fremden, und das Sie eines Tages werden annehmen oder verwerfen mssen.
Er sprach mit der ganzen Gluth einer lang zurckgehaltenen Empfindung, aber auch mit dem edlen unerschtterlichen Vertrauen eines Mannes, dem das Geliebte ber allen Zweifel erhaben ist, und die Sprache war unzweideutig genug; sie drngte unabweisbar zu einer Entscheidung, vor der die junge Frau zurckbebte.
Ja wohl, Eleonore, Du wirst entscheiden, nahm jetzt auch Reinhold das Wort. Die Stimme klang auf einmal unnatrlich ruhig, aber der Blick, der unverwandt an dem Antlitze seiner Gattin hing, mit einem Ausdrucke, als sollte in der nchsten Minute das Urtheil ber Leben und Tod von ihren Lippen fallen, zeigte besser, wie es um ihn stand. Eine Secunde lang begegneten sich die Augen der Beiden, und Ella htte kein Weib sein mssen, htte sie jetzt nicht gesehen, da die vollste und vernichtendste Rache in ihrer Hand lag. Ein einziges Ja aus ihrem Munde rchte Alles, was sie je erduldet. Langsam wandte sie sich zu Cesario.
Marchese Tortoni  ich bitte Sie, davon abzustehen  ich betrachte mich noch als gebunden.
Eine kurze, inhaltschwere Pause folgte den Worten. Ella sah, wie in den schnen Zgen des jungen Italieners ein tiefer Schmerz mit dem Stolze des Mannes kmpfte, der nicht zeigen wollte, wie tief er getroffen war; sie sah es, wie er sich, ohne ein Wort zu sprechen, vor ihr verneigte und sich zum Gehen wandte; den Blick nach der andern Seite zu richten, dazu fehlte ihr der Muth.
Cesario! rief Reinhold, der wie in aufflammender Reue einen Schritt ihm nach that. Wir sind Freunde.
Wir waren es, entgegnete der Marchese kalt. Sie begreifen doch wohl, Reinhold, da diese Stunde uns trennt. Meine Beschuldigung gegen Sie mu ich allerdings zurcknehmen; die Erklrung Ihrer Gemahlin spricht Sie frei davon  leben Sie wohl, Signora!
Er lie die beiden Gatten allein. Keiner von ihnen sprach whrend der nchsten Minuten. Ella beugte sich tief ber eins der duftenden Blumengewchse, und ein paar Thrnen fielen herab auf die breiten glnzenden Bltter. Da streifte ihr Name wie ein zitternder Hauch an ihrem Ohre vorber  sie schien es nicht zu hren.
Eleonore! wiederholte Reinhold.
Sie hob das Auge zu ihm empor. Noch stand ein tiefer Schmerz in ihrem Antlitz, aber die Stimme klang schon wieder vllig beherrscht.
Was habe ich denn gesagt? Da ich nie von der Freiheit Gebrauch machen werde, die Dein Schritt mir gab? Das stand ohnedies fest von Anbeginn. Die Erfahrungen meiner Ehe schtzen mich vor jeder zweiten. Ich habe ja mein Kind, und damit den Zweck und das Glck meines Lebens. Einer andern Liebe bedarf ich nicht.
Du freilich nicht, sagte Reinhold mit zuckender Lippe, und mein Schicksal ist Dir ja gleichgltig. Du hast von jeher [590] nur Dein Kind geliebt, mich nie. Um seinetwillen konntest Du mit allen Vorurtheilen Deiner Erziehung brechen und eine Andere werden, fr Deinen Gatten hast Du das nicht gekonnt.
Hat er mir denn je Liebe gegeben, wie ich sie bei meinem Knaben fand? fragte Ella mit verschleierter Stimme. La das, Reinhold! Du weit, wer zwischen uns steht und ewig stehen wird.
Beatrice? Ich will sie nicht anklagen, obgleich sie mehr Schuld an meiner damaligen Entfernung trug, als Du vielleicht glaubst. Gleichviel, ich war immer Herr meines Willens  warum unterlag ich dem Zauber! Aber wenn ich jetzt seinen Trug erkannt habe und mich davon losreie 
Willst Du sie verlassen, wie Du mich einst verlassen hast? unterbrach ihn die junge Frau mit vernichtendem Vorwurfe. Meinst Du, da das uns vershnen wrde? Ich habe den Glauben an Dich verloren, Reinhold, und der wird mir nicht wiedergegeben, wenn Du jetzt noch eine Zweite opferst. Ich habe keinen Grund, diese Biancona zu schonen oder zu achten, aber sie liebt Dich; sie hat Dir Alles geopfert, und Du selbst gabst ihr jahrelang ein unbestrittenes Recht auf Deinen Besitz. Wenn Du auch jetzt die selbstgeschmiedete Fessel zerreien wolltest, uns trennt sie dennoch auf immer. Es ist zu spt; ich kann Dir nicht mehr vertrauen.
Es klang ein grenzenloses Weh aus den letzten Worten, aber zugleich eine unbeugsame Festigkeit. In der nchsten Minute hatte Ella das Zimmer verlassen. Reinhold war allein.



Es war am Tage, welcher der Festlichkeit folgte, schon gegen Abend, als Capitain Almbach in das Empfangszimmer Reinholds trat.
Ist mein Bruder noch immer nicht sichtbar? fragte er den ihm begegnenden Diener.
Dieser zuckte die Achseln und zeigte hinber nach der geschlossenen Thr des Arbeitszimmers.
Sie wissen ja, Signor, da wir nicht stren drfen; Signor Rinaldo hat sich eingeschlossen.
Schon seit heute Morgen, murmelte der Capitain. Das fngt nachgerade an bengstigend zu werden. Ich mu durchaus wissen, was da vorgefallen ist.
Er ging an die Thr des Arbeitszimmers und pochte in einer Weise, die nicht berhrt werden konnte.
Reinhold, ffne! Ich bin es.
Von drinnen erfolgte keine Antwort.
Reinhold, ich habe heute bereits zweimal vergebens Einla bei Dir verlangt. Wenn Du jetzt nicht ffnest, so nehme ich an, da ein Unglck geschehen ist, und sprenge in der nchsten Minute die Thr.
Diese Drohung schien endlich zu fruchten; man hrte Schritte drinnen im Zimmer. Der Riegel wurde zurckgeschoben, und Reinhold stand vor dem rasch eintretenden Bruder und sagte ungeduldig:
Wozu die Strung? Kann ich denn nie allein sein?
Nie? fragte Hugo vorwurfsvoll. Seit heute Morgen bist Du unzugnglich fr Jeden, sogar fr mich, und Dein Gesicht zeigt, da Du jetzt eher alles Andere ertragen kannst als das Alleinsein. Diese unglckliche Soire gestern! Der Himmel wei, was da mit Euch Allen vorgegangen ist! Ella war auf einmal aus dem Saale verschwunden, und ich bin berzeugt, Ihr habt Euch gesprochen. Marchese Tortoni, der gleichfalls unsichtbar wurde, kommt mit einer Miene zurck, als habe er soeben sein Todesurtheil vernommen, und verlt in der nchsten Minute die Gesellschaft. Dich finde ich in der Galerie in einer Aufregung ohne Gleichen, und Donna Beatrice sieht aus wie das jngste Gericht, als sie in den Wagen steigt. Ich wette darauf, sie allein hat wieder das ganze Unheil angestiftet. Was hast Du mit ihr?
Reinhold verschrnkte die Arme und sah finster zu Boden. Jetzt nichts mehr  wir sind zu Ende.
Der Capitain trat in jhem Erstaunen zurck. Was soll das heien? Du begleitetest sie ja.
Gewi! Sie wute das zu ertrotzen, und da kam es denn endlich zur Entscheidung zwischen uns.
Du hast mit ihr gebrochen? fragte Hugo.
Ich  nein, versetzte Reinhold mit einem bitteren Ausdruck. Es war mir ja deutlich genug gesagt worden, da ich keine Zweite opfern drfe. Beatrice war es, die den Bruch gewaltsam herbeifhrte. Warum mute sie mich auch zu einer Unterredung zwingen, so unmittelbar nachdem mir klar geworden war, was ich um ihretwillen verloren habe. Sie stellte mich zur Rede ber mein Denken und Fhlen, und ich gab ihr die Wahrheit, die sie verlangte  schonungslos vielleicht, aber wenn ich grausam war, so hat sie mich zehnfach dazu herausgefordert.
Ich kann es mir denken, wie ich die Biancona kenne, sagte Hugo halblaut.
Wie Du sie kennst? wiederholte sein Bruder. Glaube das nicht! Habe ich selbst sie doch erst gestern Abend ganz kennen gelernt. Es war eine Scene  ich sage Dir, Hugo, auch Du mit all Deiner Energie wrest ihr nicht gewachsen gewesen. Man mu selbst etwas vom Dmon in sich haben, um solch einem Weibe Stand zu halten. Die Stunde drckte das Siegel auf unsere Trennung.
Es bebte ein dumpfer Groll in den Worten, aber ein Aufathmen, eine Erleichterung verriethen sie nicht. Der Capitain schttelte den Kopf.
Ich frchte, die Geschichte ist damit noch keineswegs zu Ende. Diese Beatrice ist keine Frau, die sich in ohnmchtigen Thrnen verzehrt. Sei auf Deiner Hut, Reinhold!
Sie drohte mir mit ihrer ganzen Rache, sagte Reinhold finster. Und wie ich sie kenne, wird sie das halten. Mag sie doch! Ich zittere nicht vor dem, was ich selbst heraufbeschwor  mit dem Glcke habe ich ja ohnehin abgeschlossen.
Und wenn jene Trennung unwiderruflich bleibt, glaubst Du nicht an die Mglichkeit einer Vershnung mit Ella? fragte der Capitain ernst.
Nein, Hugo, das ist vorbei. Ich wei, da sie nicht vergessen kann. In ihrem Herzen spricht auch nicht eine Stimme mehr fr mich, wenn sie berhaupt je gesprochen hat. Die Kluft zwischen uns ist zu weit und zu tief; es fhrt keine Brcke mehr hinber. Ich habe die letzte Hoffnung aufgegeben.
Das Gesprch der beiden Brder wurde in diesem Augenblicke durch Jonas unterbrochen, der rasch eintrat. Reinhold sah unwillig auf, als der Diener seines Bruders sich erlaubte, sein Arbeitszimmer so ohne Weiteres zu betreten, und Hugo hatte bereits einen Verweis auf den Lippen, als ein Blick auf das Gesicht des Matrosen ihn innehalten lie.
Was giebt es, Jonas? fragte er unruhig. Bringst Du irgend etwas Besonderes?
Herr Capitain!  die Stimme des Matrosen hatte ganz und gar ihren sonstigen ruhigen Klang verloren; sie zitterte hrbar  Ich komme eben aus dem Erlauschen Hause  Sie wissen ja, da ich jetzt oft dahin gehe  der alte Herr ist auer sich; die ganze Dienerschaft ist auf den Beinen  die Annunziata weint sich die Augen aus, obgleich sie doch wahrhaftig keine Schuld hat  und die junge Frau Erlau nun erst 
Was ist geschehen? fuhr Reinhold in ahnender Angst empor. Ein Unglck?
Das Kind ist fort, sagte Jonas verzweifelt, schon seit heute Mittag. Wenn sie es nicht wiederfinden, ich glaube, das geht der Mutter ans Leben.
Wer? Der kleine Reinhold? forschte Hugo, whrend sein Bruder keines Wortes mchtig den Unglcksboten anstarrte. Wie konnte das geschehen? War er denn nicht unter Aufsicht?
Er spielte im Garten, wie gewhnlich, berichtete Jonas, und die Annunziata war bei ihm. Sie geht nur auf eine Viertelstunde ins Haus  das kommt fter vor. Als sie zurckkommt, ist die Gartenthr offen, das Kind fort, keine Spur von ihm zu finden. Sie haben schon die ganze Nachbarschaft aufgeboten, die ganze Umgegend durchsucht, aber Teiche oder Grben, wo der Kleine verunglcken knnte, giebt es ja nicht in der Nhe, und wenn er fortgelaufen wre, so ist er ja am Ende gro genug, sich wieder zurecht zu finden. Kein Mensch kann sich die Geschichte erklren.
Die Blicke der Brder begegneten sich. In Beider Augen stand derselbe furchtbare Gedanke. In der nchsten Minute schon ri Reinhold, leichenbla und an allen Gliedern bebend vor Aufregung, seinen Hut vom Tische.
[603] Ich werde mir die Aufklrung schaffen, rief Reinhold aus. Wei ich doch, wo ich sie zu suchen habe. Geh Du voran zu Ella, Hugo! Ich komme nach  vielleicht schon mit dem Kinde.
Der besonnenere Capitain ergriff rasch seinen Arm.
Reinhold, ich bitte Dich, keine Uebereilung! Noch kennen wir die nheren Umstnde nicht. Das Kind kann sich in der That verirrt und, da es kein Italienisch spricht, sich noch nicht wieder zurckgefunden haben. Vielleicht wird es jetzt schon der Mutter wieder zugefhrt. Was willst Du thun?
Meinen Sohn zurckfordern, brach Reinhold mit furchtbarer Wildheit aus. Das also war die Rache, die diese Furie sich ausgedacht hat. Ella und mich, uns Beide wollte sie mit einem einzigen tdtlichen Streich treffen, aber ich werde sie zu erreichen wissen. La mich, Hugo! Ich mu zu Beatricen.
Das ntzt nichts, rief der Capitain, den der Ausdruck im Gesichte des Bruders erschreckte, und der sich vergeblich bemhte, ihn zurckzuhalten. Wenn Dein Argwohn begrndet ist, so wird sie ihre Rolle auch zu behaupten wissen. Du reizest sie nur noch mehr. Wir mssen andere Maregeln ergreifen.
Reinhold ri sich gewaltsam los. La mich! Wenn irgend Einer, so erzwinge ich von ihr die Herausgabe meines Kindes, und erzwinge ich nichts  nun, so giebt es ein Unglck.
Er strmte fort. Die Wohnung Beatricens lag ziemlich weit von der seinigen entfernt; dennoch legte er den Weg dahin in kaum einer Viertelstunde zurck. Sonst bedurfte er hier keiner Anmeldung; vor ihm sprangen alle Thren auf; war man doch gewohnt, ihn auch hier als Gebieter zu betrachten. Heute versicherte der Diener, welcher ihm ffnete, sehr entschieden, Signora sei fr Niemand zu sprechen, auch fr Signor Rinaldo nicht, sie sei heftig erkrankt und habe streng verboten 
Reinhold lie den Mann nicht ausreden. Er stie ihn bei Seite, eilte durch das Vorzimmer und ri die Thr nach dem Salon auf. Dieser war leer, ebenso das daneben liegende Boudoir; die Thren der brigen Gemcher standen weit offen  nirgends die Gesuchte, nirgends eine Spur von ihr; sie hatte augenscheinlich die Wohnung verlassen.
Reinhold sah, da er bereits zu spt kam, und in dem vernichtenden Bewutsein dieser Entdeckung fhlte er doch dunkel, da die Flucht Beatricens ihm ein Verbrechen erspart habe. In seiner jetzigen Stimmung wre er der Ruberin seines Kindes gegenber zu Allem fhig gewesen. Sich mit Aufbietung all seiner Willenskraft zur Ruhe zwingend, kehrte er zu dem Diener zurck, der es nicht gewagt hatte, ihm zu folgen, und eingeschchtert und ungewi im Vorzimmer stand.
Signora ist also fort. Seit wann?
Der Diener zgerte mit der Antwort. Das Gesicht des Fragenden schien ihm nichts Gutes zu verheien.
Marco, Sie werden mir antworten! Sie sehen, da ich mich nicht durch den Vorwand zurckhalten lie, mit dem Sie mich auf Befehl Signoras zu tuschen versuchten. Noch einmal, seit wann ist sie fort und wohin ist sie?
Marco war augenscheinlich nicht in das Geheimni eingeweiht, denn er war auf diese Frage durchaus nicht vorbereitet. Dagegen mochte er einen Theil der Scene belauscht haben, die gestern Abend zwischen seiner Herrin und Signor Rinaldo stattgefunden hatte, und erklrte sich damit den heutigen Auftritt in seiner Weise. Dem heftigen Charakter Beatricens sah es ganz hnlich, da sie jetzt auf einige Tage die Stadt verlie, wre es auch nur, um dadurch die erneuten Auffhrungen der Oper Rinaldos unmglich zu machen, und da dieser vor Zorn darber auer sich gerieth, lie sich leicht begreifen. Es war ja nicht das erste Zerwrfni zwischen den Beiden, und alle Zwistigkeiten zwischen ihnen hatten bisher noch jedesmal mit einer Vershnung geendigt. In der Voraussicht einer solchen Vershnung war der Diener klug genug, es mit der doch stets herrschenden Partei nicht zu verderben, und so berichtete er denn, Signora habe bereits heute Morgen in aller Frhe die Wohnung mit dem gemessenen Befehle verlassen, sie jeder Nachfrage gegenber fr krank auszugeben. Sie sei in ihrem eigenen Wagen fortgefahren; weiter wisse auch er nichts.
Und wohin fuhr sie? fragte Reinhold athemlos. Haben Sie nicht gehrt, welche Adresse dem Kutscher zugerufen wurde?
Ich glaube  die Wohnung des Maestro Gianelli.
Gianelli! Also auch der ist im Complot. Nun, vielleicht ist er noch zu erreichen. Marco, sobald Signora wieder eintrifft oder auch nur irgend eine Nachricht von ihr, melden Sie es mir sofort! Sofort! Ich wiege Ihnen jedes Wort mit Gold auf. Vergessen Sie das nicht!
Mit diesem dem Diener wie im Fluge zugeworfenen Befehle eilte Reinhold fort. Marco sah ihm ganz bestrzt nach. Die heutige Scene spielte sich doch viel strmischer ab als all die vorhergehenden bei hnlichen Gelegenheiten, und die Aufregung Signor Rinaldos berstieg auch alles bisher Dagewesene. Was war denn nur vorgefallen? Der Maestro konnte Signora [604] Biancona doch unmglich entfhrt haben? Es sah wirklich beinahe so aus. 
In der Wohnung des Consul Erlau herrschte begreiflicher Weise die grenzenloseste Verwirrung und Aufregung. Capitain Almbach, der unverzglich dorthin geeilt war, nahm sich zwar sofort mit grter Energie und Umsicht der noch im vollen Gange befindlichen Nachforschungen an, aber auch er vermochte nichts zu erreichen. Vorlufig stand nur die eine Thatsache fest, da das Kind spurlos verschwunden war und blieb. Ob es freiwillig den Garten verlassen, ob es hinausgelockt worden war, darber fehlte jede Vermuthung. Niemand hatte etwas ungewhnliches bemerkt, Niemand den Kleinen vermit bis zu dem Augenblicke, wo Annunziata zurckkehrte, um ihn zu holen. Die arme kleine Italienerin lste sich fast in Thrnen auf, und doch war sie vllig unschuldig an dem Vorfalle, denn ihre junge Herrin selbst hatte sie in das Haus gerufen. Der Knabe war ja alt genug, um nicht einer unausgesetzten Aufsicht zu bedrfen, und er spielte oft genug allein in dem vllig abgeschlossenen Raume. Noch hatte Hugo es nicht gewagt, dem Verdachte Worte zu leihen, den er mit seinem Bruder theilte und der mit jeder Minute lebendiger in ihm wurde. Er hatte nur leise auf die Mglichkeit eines Raubes hingedeutet und war dabei dem vollsten Unglauben begegnet. Ruber in der Mitte der Stadt, im vornehmsten Theile derselben  unmglich! Weit eher war ein Unglck anzunehmen. Man machte sich nochmals, trotz der hereinbrechenden Dunkelheit, an die Untersuchung der Nachbargrten und der sonstigen Umgebung.
Inzwischen bemhte sich Erlau vergeblich, seine Pflegetochter zu beruhigen und ihr all die Mglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten auszumalen, die immer noch einen glcklichen Ausgang hoffen lieen; Ella hrte ihn nicht. Stumm und todtenbla, ohne eine einzige Thrne zu vergieen, sa sie jetzt an seiner Seite, nachdem sie sich stundenlang an den fruchtlosen Nachforschungen betheiligt, sie zum Theile sogar selbst geleitet hatte. Obgleich Hugo ihr gegenber mit keiner Silbe auf jene Mglichkeit hingedeutet hatte, nahmen die Gedanken der jungen Frau doch die gleiche Richtung, und je unerklrlicher das Verschwinden ihres Kindes blieb, desto unabweisbarer drngte sich auch ihr die Erinnerung an das gestrige Zusammentreffen auf, die Erinnerung an den wilden Ha und die glhende Rachedrohung Beatricens, und klar und immer klarer rang sich in ihr die Ahnung empor, da es sich hier nicht um einen Zufall oder ein Unglck, da es sich um ein Verbrechen handele.
Da kam ein Wagen im vollsten Jagen die Strae herauf und hielt vor dem Hause. Ella, die bei jedem Gerusche zusammenschreckte, in jedem Kommenden einen Boten sah, der Nachricht brachte, flog an das Fenster; sie sah ihren Gatten aussteigen und in das Haus treten. Wenige Minuten darauf stand er vor ihr.
Reinhold, wo ist unser Kind?
Es war ein Aufschrei der Todesangst und Verzweiflung, aber auch ein Vorwurf, wie er vernichtender nicht gedacht werden konnte. Von ihm verlangte sie das Kind zurck; trug er doch allein die wahre Schuld, da es der Mutter entrissen wurde.
Wo ist unser Kind? wiederholte sie mit einem vergeblichen Versuche, in seinem Gesichte die Antwort zu lesen.
In den Hnden Beatricens, entgegnete Reinhold fest. Ich kam zu spt, es ihr zu entreien; sie hat sich bereits mit ihrem Raube geflchtet, aber die Spur wenigstens habe ich. Gianelli verrieth sie mir; der Schurke war Mitwisser, wenn er nicht gar Helfershelfer war, aber er sah wohl, da es mir Ernst war mit der Drohung, ihn niederzustoen, wenn er mir den Weg nicht nenne, den sie mit dem Kinde eingeschlagen. Sie sind ins Gebirge geflohen in der Richtung nach A. hin. Ich folge ihnen sofort. Es ist kein Augenblick zu verlieren. Nur die Nachricht wollte ich Dir bringen, Ella. Leb wohl!
Erlau, der erschreckt zugehrt hatte, wollte jetzt mit Fragen und Rathschlgen dazwischen treten, aber Ella lie ihm keine Zeit dazu. Die Gewiheit, so furchtbar sie war, gab ihr den ganzen Muth zurck; sie stand bereits an der Seite ihres Gatten.
Reinhold, nimm mich mit! bat sie entschlossen.
Er machte eine abwehrende Bewegung. Unmglich, Eleonore! Das wird eine Jagd auf Leben und Tod und, wenn ich das Ziel erreiche, vielleicht noch ein Kampf auf Leben und Tod. Da ist kein Platz fr Dich; das mu ich allein durchfechten. Entweder bringe ich Dir Deinen Sohn zurck, oder Du siehst mich zum letzten Male. Sei ruhig! Die Mglichkeit der Rettung liegt ja jetzt in den Hnden des Vaters.
Und die Mutter soll inzwischen hier verzweifeln? fragte die junge Frau leidenschaftlich. Nimm mich mit! Ich bin nicht schwach, Du weit es  von mir hast Du keine Thrnen und Ohnmachten zu frchten, wo es Thaten gilt, und ich ertrage Alles, nur nicht die furchtbare Ungewiheit und Unthtigkeit, nur nicht das angstvolle Harren auf eine Nachricht, die tagelang ausbleiben kann. Ich begleite Dich.
Eleonore, um Gotteswillen! fiel Erlau entsetzt ein, Welch eine Idee! Das wrde Dir den Tod geben.
Reinhold sah seine Frau einige Secunden lang schweigend an, als wolle er prfen, wie weit ihre Kraft gehe.
Kannst Du in zehn Minuten fertig sein? fragte er rasch. Der Wagen wartet unten.
In der Hlfte dieser Zeit.
Sie eilte in das Nebenzimmer; der Consul wollte nochmals verbieten, bitten, beschwren, aber Reinhold schnitt ihm das Wort ab.
Lassen Sie sie gewhren, wie ich es thue! sagte er energisch. Wir knnen jetzt nicht der kalten Ueberlegung Raum geben.  Ich sehe meinen Bruder nicht hier, und mir fehlt die Zeit, ihn aufzusuchen. Sagen Sie ihm, was geschehen ist, was ich entdeckt habe. Er soll hier unverzglich die nthigen Schritte thun, um uns die Hlfe zu sichern, die wir vielleicht brauchen, und uns dann folgen. Wir nehmen frs erste den directen Weg nach A. Dort wird Hugo weitere Nachrichten von uns finden.
Er wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, nach der Thr, wo Ella bereits in Hut und Mantel erschien. Die junge Frau warf sich mit einem kurzen, strmischen Abschiedsgrue an die Brust ihres Pflegevaters, dessen Protest nicht gehrt wurde, dann folgte sie ihrem Gatten. Erlau sah vom Fenster aus, wie Reinhold sie in den Wagen hob, ihr dann nachfolgte und den Schlag zuwarf, wie der Wagen mit Beiden im vollsten Galopp davonbrauste  das war zu viel fr die noch immer angegriffenen Nerven des alten Herrn, zumal nach der Angst und Aufregung der letzten Stunden; fast betubt sank er in einen Lehnstuhl.
Kaum zehn Minuten spter trat Hugo ein; er hatte von einem der Diener bereits die pltzliche Ankunft seines Bruders und dessen ebenso pltzliche Abreise mit Ella erfahren; auf seine hastigen Fragen erst kam Erlau wieder etwas zu sich. Er war auer sich ber den Entschlu seiner Pflegetochter, noch mehr aber ber die Eigenmchtigkeit ihres Gatten, der sie so ohne Weiteres mit sich genommen hatte. Ankunft, Erklrung, Abreise, das Alles war ja wie im Sturmwinde geschehen; diese Handlungsweise glich einer frmlichen Entfhrung. Und was sollte die junge Frau auf einer solchen Reise? Was konnte da Alles vorfallen, was geschehen, wenn sie nun wirklich diese entsetzliche Italienerin erreichten? Der Consul war bei dem Gedanken an all die Mglichkeiten, denen sein Liebling ausgesetzt war, nahe daran, zu verzweifeln.
Hugo hrte schweigend den Bericht mit an, ohne besonderes Erstaunen oder Entsetzen zu verrathen. Er schien so etwas erwartet zu haben, und als Erlau geendigt hatte, legte er beschwichtigend die Hand auf dessen Arm und sagte ruhig, aber doch mit einem leichten Beben der Stimme:
Lassen Sie es gut sein, Herr Consul! Die Eltern sind jetzt auf der Spur ihres Kindes; da werden sie hoffentlich den Kleinen finden und  sich auch.



Die steilen Windungen der Bergstrae hinauf, die durch das Gebirge nach A. fhrte, bewegte sich ein Wagen. Er kam trotz der vier krftigen Pferde und der ermunternden Zurufe des Fhrers nur langsam vorwrts. Es war hier eine der schlimmsten Stellen des ganzen Gebirges. Die Insassen des Wagens, ein Herr und eine Dame, waren ausgestiegen und hatten einen Fupfad eingeschlagen, der den Weg fast um die Hlfte abkrzte, sie standen bereits oben auf der Hhe, whrend das Gefhrt sich noch in ziemlicher Entfernung von derselben befand.
[605] Erhole Dich, Ella! sagte der Herr, indem er die Dame in den Schatten der Felswand geleitete. Die Anstrengung war zu gro fr Dich; warum bestandest Du auch darauf, den Wagen zu verlassen?!
Die junge Frau hielt den starren trostlosen Blick noch immer auf die Bergstrae gerichtet, die sich von der andern Seite in das Thal hinabsenkte, und deren Windungen man zum Theil bersehen konnte.
Wir waren doch immerhin eine Viertelstunde eher auf der Hhe, entgegnete sie matt. Ich wollte den Weg berblicken, vielleicht schon  den Wagen entdecken.
Reinholds Blick verfolgte dieselbe Richtung, in der gleichwohl nichts zu entdecken war als zwei Mnnergestalten, dem Anscheine nach Landleute, die, rstig berganwrts steigend, bald in den Biegungen der Strae verschwanden, bald wieder darin auftauchten.
So nahe knnen wir ihnen wohl noch nicht sein, sagte er beruhigend, obgleich wir seit gestern Abend fast geflogen sind. Du siehst wenigstens, da wir der rechten Spur folgen. Beatrice ist berall gesehen worden und das Kind an ihrer Seite. Wir mssen sie einholen.
Und wenn es geschieht  was dann? fragte Ella tonlos. Unser Knabe ist ja schutzlos in ihren Hnden. Gott wei, welche Plne sie mit ihm verfolgt.
Reinhold schttelte den Kopf. Plne? Beatrice handelt nie nach Plan oder Berechnung. Der Impuls des Augenblicks allein entscheidet bei ihr Alles. Der Gedanke an die Rache ist in ihr aufgeblitzt, und blitzschnell hat sie ihn auch vollfhrt, blitzschnell sich mit ihrem Raube geflchtet. Wohin? Zu welchem Zwecke? Das ist ihr vielleicht selbst nicht einmal klar, und danach fragt sie auch im Augenblicke nicht. Sie hat Dich und mich bis ins innerste Herz treffen wollen, und das ist ihr gelungen; weiter wollte sie ja nichts.
Er sprach mit tiefer Bitterkeit, aber doch mit vollster Bestimmtheit. Sie standen Beide allein auf der Hhe des Passes; der Wagen befand sich noch tief unter ihnen und verschwand soeben in der letzten Biegung des Weges. Das Gebirge hatte hier einen schroffen, wilden Charakter; fast nackt stiegen die starren Felsen empor, bald in mchtigen Gruppen, bald wild zerklftet und zerrissen. Nur die Alo wurzelte in den Spalten des gelbgrauen Gesteins, und hin und wieder verstreute ein Feigenbaum seinen drftigen Schatten. Drben an der andern Seite des Thales hing in schwindelnder Hhe ein Gemuer an der Bergwand, ein Schlo oder Kloster, grau wie das Gestein selbst und in der Entfernung kaum von diesem zu unterscheiden. Weiter niederwrts hatte sich am Rande einer Schlucht ein Bergstdtchen eingenistet, das, auf und in den Fels hineingebaut, fast einen Theil desselben zu bilden schien, und dessen des verfallenes Aussehen mit der Einsamkeit ringsum harmonirte. Tief unten wlzte sich der breite reiende Strom hin, fast die ganze Weite des Thales einnehmend, soda kaum Raum genug fr die Strae an seiner Seite blieb. Ueber der ganzen Umgebung aber lag das heie Sonnenlicht eines sdlichen Herbsttages, der an Gluth dem nordischen Hochsommertage nicht das Geringste nachgiebt; obgleich die Sonne lngst ihre Mittagshhe verlassen hatte, flimmerte es doch noch hei in der Luft; grell und scharf beleuchtet hob sich jeder einzelne Gegenstand, fast schmerzend fr das Auge, hervor, und das erhitzte Gestein brannte frmlich unter den sengenden Strahlen, denen es unaufhrlich ausgesetzt war.
Es wre eine Thorheit, dem Wagen auch nur noch einen Schritt vorauszugehen, sagte Reinhold. Bei der Fahrt bergabwrts berholt er uns in den nchsten Minuten. Wir haben ja jetzt den vollen Ueberblick.
Ella widersprach nicht; ihr Antlitz trug deutlich genug den Ausdruck der hchsten krperlichen und geistigen Erschpfung. Diese zwanzigstndige ruhelose Fahrt und dazu die Todesangst im Innern, die immer erneute qualvolle Aufregung, wenn die gesuchte Spur jetzt auftauchte, jetzt wieder verschwand  das war zu viel fr das Herz einer Mutter und die Kraft einer Frau. Sie lie sich auf ein Felsstck nieder, lehnte stumm den Kopf an die Bergwand und schlo die Augen.
Ihr Gatte stand neben ihr und blickte schweigend nieder auf das schne blasse Antlitz, das in seiner tdtlichen Erschpfung fast bengstigend erschien. Die scharfen Kanten des Gesteins gruben sich tief in die weie Stirn und lieen rothe Rnder dort zurck. Reinhold schob langsam seinen Arm zwischen den Fels und die blonden Flechten der jungen Frau; sie schien es nicht zu fhlen, und ermuthigt dadurch, legte er den Arm vollends um sie und versuchte, ihr an seiner Schulter eine bessere Sttze zu geben.
Jetzt zuckte Ella leise zusammen und schlug das Auge auf; sie machte eine Bewegung, als wolle sie sich ihm entziehen, aber sein Blick entwaffnete sie, dieser Blick, der mit so schmerzlicher angstvoller Zrtlichkeit auf ihr ruhte; sie sah, er zitterte in diesem Augenblicke nicht weniger um sie, als er um sein Kind zitterte. Sie lie den Kopf wieder zurcksinken und verharrte regungslos in seinen Armen.
Er beugte sich tief ber sie. Ich frchte, Eleonore, sagte er gepret, Du hast Deiner Kraft allzu viel zugetraut; Du brichst zusammen.
Ella schttelte verneinend das Haupt. Wenn ich meinen Knaben wieder habe, dann vielleicht. Eher nicht.
Du wirst ihn zurckerhalten, sagte Reinhold energisch. Wie? um welchen Preis?  das wei ich freilich noch nicht, aber ich wei, wie Beatrice zu meistern ist, wenn der Dmon sich in ihr regt. Habe ich ihr doch oft genug gegenbergestanden in Stunden, wo vielleicht jeder Andere vor ihr gezittert htte, und habe meinen Willen zu erzwingen gewut. Noch einmal, zum letzten Male werde ich das versuchen, und sollten sie und ich die Opfer werden.
Du glaubst an eine Gefahr, auch fr Dich? Es klang wie bebende Angst aus der Stimme der jungen Frau.
Nicht, wenn ich ihr allein gegenbertrete, nur wenn Du ihr nahst. Versprich mir, da Du auf der letzten Station zurckbleiben, da Du Dich nicht zeigen willst, wenn wir sie erreichen! Bedenke, sie hat in dem Kinde einen Schild gegen jeden Angriff, jede Gewalt unsererseits, und es steht Alles auf dem Spiele, wenn sie Dich an meiner Seite erblickt.
Hat sie mich denn so sehr? fragte Ella befremdet. Ich reizte sie, das ist wahr, aber Du warst es doch, der sie am tiefsten beleidigte.
Ich? wiederholte Reinhold. Du kennst Beatrice nicht. Wenn ich jetzt vor sie hintrte als Reuiger, als Zurckkehrender, so wre es vorbei mit ihrem Ha und ihrer Rache. Ein einziger Schwur, da ich und mein Weib getrennt sind und es bleiben, da ich jeden Gedanken an Wiedervereinigung aufgebe, und sie giebt Dir das Kind zurck, ohne Kampf, ohne Widerstand. Wenn ich das knnte, wre die Gefahr zu Ende.
Ellas Auge suchte den Boden; sie wagte es nicht, aufzublicken, als sie kaum hrbar fragte: Und kannst Du denn das nicht?
Sein Auge flammte auf; er lie den Arm von ihrer Schulter herabsinken und trat zurck.
Nein, Eleonore, das kann ich nicht, und das werde ich nicht, denn es wre Meineid. So wenig ich je zurckkehre in die Bande, von denen ich lngst fhlte, da sie mich entwrdigten, ehe ich Dich wiedersah, so wenig gebe ich eine Hoffnung auf, die mir mehr ist als das Leben. O, weiche doch nicht so weit vor mir zurck! Ich wei ja, da ich Dir nicht mit einer Empfindung nahen darf, zu der ich das Recht verwirkt habe, aber mein Fhlen kannst Du mir doch nicht vorschreiben, und wenn Du bisher nicht sahest, nicht sehen wolltest, so mu der glhende Ha Beatricens gegen Dich, und nur gegen Dich allein, Dir doch zeigen, wie sehr Du  gercht bist.
Die junge Frau machte eine heftig abwehrende Bewegung. O mein Gott, wie kannst Du in dieser Stunde 
Es ist vielleicht die einzige, wo Du mich nicht zurckstt, unterbrach sie Reinhold. Darf ich in der Stunde, wo wir Beide um das Leben unseres Kindes zittern, seiner Mutter nicht sagen, was sie mir geworden ist? Schon damals, als ich den Boden Italiens betrat, lag es auf mir wie eine Ahnung dessen, was ich verloren hatte; ich konnte der neu errungenen Freiheit, der endlich erreichten Knstlerlaufbahn nicht froh werden, und je reicher und glnzender sich mein Leben nach auen gestaltete, je tiefer regte sich das Heimweh nach einer Heimath, die ich doch nie besessen hatte. Du kennst es freilich nicht, dieses dumpfe Weh, das nicht schweigen will mitten im Rausche der Leidenschaft, im Jubel des Triumphes und in der [606] stolzesten Befriedigung des Schaffens, das in der Einsamkeit zu einer Qual wird, der man entfliehen mu, und wre es auch um den Preis der wildesten Betubung. Ich glaubte, es sei allein das Sehnen nach meinem Kinde, da sah ich das Kind wieder, sah Dich  und da wute ich, was dieses Sehnen gewollt hatte, da begann die Shne fr Alles, was ich an Dir verschuldet.
Er sprach ruhig, ohne Vorwurf und ohne Bitterkeit, aber die Worte schienen darum nur um so mchtiger auf Ella zu wirken; sie hatte sich erhoben, als wolle sie diesem Tone und diesem Blicke entfliehen, und vermochte es doch nicht.
La mich, Reinhold! bat sie beinahe flehend. Ich kann jetzt nichts Anderes denken und fhlen als nur die Gefahr meines Kindes. Wenn ich den Knaben gerettet in meinen Armen habe, dann 
Nun, dann  fragte er in athemloser Spannung.
 habe ich vielleicht nicht mehr den Muth, seinem Vater wehe zu thun, ergnzte die junge Frau, whrend ein Thrnenstrom aus ihren Augen strzte.
Reinhold sagte kein Wort weiter, aber er schlo ihre Hand so fest in die seinige, als wolle er sie nie wieder loslassen. In derselben Minute erschien auch der Wagen auf der Hhe, und der Fhrer hielt an, um sich und den ermdeten Thieren einige Ruhe zu gnnen.
Fast gleichzeitig kamen von der andern Seite her die beiden Landleute, die schon vorhin auf der Strae sichtbar gewesen waren. Sie musterten neugierig die schne blasse Dame und den fremden, vornehm aussehenden Herrn, der jetzt an sie herantrat und fragte, woher sie kmen. Sie nannten eine Ortschaft, die einige Stunden entfernt, am Ausgange des Thales lag.
Habt Ihr keinen Wagen gesehen? forschte Reinhold.
Gewi, Signor. Einen Reisewagen wie den Eurigen, aber er hatte nur zwei Pferde. Ihr habt deren vier.
Habt Ihr die Insassen gesehen? fiel Ella mit bebender Stimme ein. Wir suchen eine Dame mit einem Kinde.
Mit einem kleinen Knaben  ganz recht, Signora. Sie ist Euch aber schon eine ganze Strecke weit voraus. Ihr mt scharf zufahren, wenn Ihr sie einholen wollt, sagte der ltere der beiden Mnner und trat zugleich erschrocken nher, denn es sah aus, als wolle die Dame zusammensinken bei der Nachricht; in demselben Augenblick aber schlang auch schon ihr Begleiter den Arm um sie und hielt sie aufrecht.
Muth, Eleonore! Wir stehen vor der Entscheidung; jetzt gilt es.
Er hob sie in den Wagen und sprang selbst nach. Die wenigen Worte, die er dem Kutscher zurief, muten wohl ein ganz ungewhnliches Versprechen enthalten, denn dieser schwang wie rasend seine Peitsche ber die Pferde, und fort ging es, den Flchtigen nach.
Diese hatten in der That schon einen ziemlichen Vorsprung gewonnen, und auch ihr Wagen fuhr in scharfem Trabe. Beatrice befand sich allein darin mit dem kleinen Reinhold, der, ermdet vom Weinen und von der ruhelosen, anstrengenden Fahrt, eingeschlafen war. Das blonde Lockenkpfchen schmiegte sich tief in die Polster; die Hndchen hielten instinctmig die Seitenlehnen umklammert, als suchten sie eine Sttze gegen das ununterbrochene Stoen und Rtteln auf dem unebenen Wege. Das Kind schlummerte tief und fest, aber Beatrice beachtete es kaum in diesem Augenblick. Sie befand sich in jenem Zustande geistiger Ueberreizung, der auch der wildesten Leidenschaftlichkeit Halt gebietet. Es lag auf ihr wie ein schwerer dumpfer Traum, aus dem nur Eins mit furchtbarer Deutlichkeit hervortrat, die Erinnerung an jene Stunde, wo Rinaldo sich von ihr lossagte, wo er sie den Fluch und das Unglck seines Lebens genannt und ihr mit stolzem Trotz bekannt hatte, da seine Liebe einzig seiner Gattin angehre. Diese Worte bohrten sich immer wieder wie mit einem glhenden Stachel in das Herz der Italienerin. Was sie auch gethan, wie sie gefehlt haben mochte, diesen einen Mann hatte sie mit der ganzen Gluth ihrer Seele geliebt, diesem einen war sie unverbrchlich treu gewesen; sie hatte seine Liebe als ein Recht betrachtet, das keine Macht der Welt ihr zu entreien vermochte, und nun verlor sie es an die Frau, die sie unter Allen am letzten gefrchtet htte, an sein Weib. Sein Weib und sein Kind! Das war ja von jeher der dunkle Schatten gewesen, der diesem Glcke drohte, und der jetzt, aus der fernen Vergangenheit hervortretend, Leben und Gestalt gewann, um es zu vernichten.
Beatrice hatte die Beiden gehat, noch ehe sie dieselben kannte; wute sie doch am besten, welchen Platz sie noch immer in Reinholds Erinnerung behaupteten, hatte sie es doch oft genug vergebens versucht, ihn davon loszureien Es mute doch wohl etwas sein an der einst verhhnten Macht der geheiligten Ehe; sie siegte schlielich doch ber die schne geniale Biancona, ber die hochgefeierte Knstlerin und lie sie jetzt selbst die ganze Qual des Verlassenwerdens durchkosten, die sie einst so gleichgltig ber eine Andere verhngt hatte, ohne danach zu fragen, ob das Herz dieser Andern brach unter dem unverdienten Schicksal. Die scheinbar zerrissene Fessel hatte den Flchtling ja nie ganz losgelassen; jetzt umwand sie ihn aufs Neue, und Beatrice fhlte mit verzweiflungsvoller Gewiheit, da sie nie den Platz in seinem Herzen besessen hatte, den jetzt seine Gattin einnahm.
[619] Die leidenschaftliche Frau handelte in der That nicht nach Plan und Berechnung, als sie zu diesem letzten, uersten Mittel griff, um ihre Rache zu khlen. Ihr Erscheinen in dem Garten Erlaus galt einzig der gehaten Gegnerin. Sie fand Ella nicht, aber statt dessen fand sie den Knaben, allein, unbeaufsichtigt, und die Idee wie die Ausfhrung des Raubes waren das Werk eines Augenblickes. Das Kind folgte anfangs willig der schnen fremden Dame, die es schmeichelnd an sich zog, und als es ngstlich zu werden begann und nach seiner Mutter zurckverlangte, da war es bereits zu spt. Beatrice dachte gar nicht an die mgliches Folgen ihres Schrittes, als sie triumphirend ihre Beute entfhrte; sie fhlte nur, da kein Dolchsto das Herz Ellas so tief und sicher treffen konnte als der Verlust ihres Kindes, und da dieser Verlust eine ewig trennende Scheidewand zwischen den beiden Gatten aufrichtete. Das war es, was sie gewollt hatte. Jetzt aber galt es, sich den Raub zu sichern. Gianelli mute zu der rasch ins Werk gesetzten Flucht die Hand bieten.
Nun lag bereits mehr als eine Tagereise zwischen dem Kinde und seinen Eltern. Aber einmal mute doch Halt gemacht werden, einmal mute diese plan- und ziellose Flucht doch ein Ende nehmen. Die Rache war gelungen, weit ber Erwarten  was nun?
Der kleine Reinhold schlief noch immer. Htte er wenigstens die Zge seines Vaters getragen! Vielleicht htte ihn das vor allem Bsen bewahrt, aber dieses goldblonde Haar, dieses rosige Antlitz und diese tiefblauen, im Augenblicke freilich geschlossenen Augen gehrten ja der Mutter an, der Frau, die Beatrice hate, wie sie noch nie etwas auf der Welt gehat hatte, und diese Aehnlichkeit war eine furchtbare Gefahr fr das schlummernde Kind. Die glhenden Augen seiner Begleiterin hafteten minutenlang starr auf seinem Gesichte, dann auf einmal zuckte sie zusammen, und wie vor ihren eigenen Gedanken erschreckend, ri sie das Auge los von dem Knaben und wandte sich ab.
Da erblickte sie oben auf der Hhe den Wagen, der dem ihrigen folgte. Ein Reisewagen war berhaupt eine Seltenheit auf diesem Wege, und er kam in der gleichen Richtung, kam in vollster Eile. Beatrice errieth sofort, um was es sich handelte. Also ihre Spur war bereits verrathen, und die Verfolger waren ihr auf den Fersen  mochten sie doch! Sie fhlte sich allmchtig, so lange sie das Kind in ihren Hnden hatte.
Sich rasch erhebend, gab sie dem Kutscher Befehl, die Pferde zur grten Eile anzutreiben. Er gehorchte, und nun begann eine wilde Jagd zwischen den beiden Wagen. Mehr als einmal vermochten die krftigen Thiere sie kaum zu halten, mehr als einmal drohte der Hemmschuh zu reien und die Insassen dem Sturze preiszugeben. Keiner von ihnen achtete darauf, und das Versprechen eines berreichen Lohnes spornte auch die beiden Fhrer zur Verachtung der Gefahr an. Es war eine rasende, eine tollkhne Fahrt. Felsen und Schluchten schienen zu beiden Seiten vorberzufliegen; immer hher stieg die Bergwand empor, je mehr sich die Strae senkte; immer nher brauste der Flu herauf, doch das Viergespann war unleugbar im Vortheile. Die Wagen rollten jetzt beide im Thale dahin, aber der Raum zwischen ihnen wurde mit jeder Minute kleiner  noch einige hundert Schritte, und die Flchtigen waren eingeholt.
Das erste Gefhrt donnerte ber die Brcke, die hier die beiden Ufer verband. Jenseit derselben hielt es auf einmal still. Beatrice hatte selbst den Befehl dazu gegeben; sie sah, da hier kein Ausweichen, kein Entrinnen mglich war, da sie auf das Aeuerste gefat sein mute. Der Wagen hielt unmittelbar am Rande des Flusses, der reiend schnell dahinscho; langsam ffnete Beatrice den Schlag, whrend sie mit der Linken den kleinen Reinhold umfate, der von der rasenden Fahrt erwacht war und jetzt ngstlich in die schumenden, tosenden Wellen blickte, die dicht unter ihm dahinschossen. Er wute ja nicht, wie nahe ihm die Eltern waren. Jetzt hatte auch der zweite Wagen die Brcke erreicht, und in dem Momente, wo Ella ihr Kind erblickte, war es vorbei mit Besinnung und Ueberlegung. Sie verga Reinholds Warnung, sich nicht zu zeigen, ihm den entscheidenden Schritt allein zu berlassen, und beugte sich weit aus dem Schlage.
Reinhold! hallte es hinber  es war ein Ruf unaussprechlicher, bebender Angst, Das Kind schrie auf, als es die Mutter erkannte, und streckte beide Arme nach ihr aus. Laut aufweinend wollte es hinber zu ihr, aber dieses Wiedersehen wurde sein Verderben. Beatrice war leichenbla geworden, als sie die Gatten nebeneinander erblickte. Also beisammen! Was sie trennen sollte, das gerade hatte sie vereinigt, und wenn Reinhold in der nchste Minute die Flchtige erreichte und ihr seinen Sohn entri, dann waren die Beiden vereinigt fr immer, und der Verlassenen blieb nur die Verachtung  oder die Rache.
Aber die Wahl war bereits getroffen. Eine einzige blitzschnelle Bewegung nach dem Strome hin entschied Alles. Beatrice hatte das Kind nicht losgelassen, und mit der Kraft der Verzweiflung ri sie es mit sich hinunter in den Fluthentod. 
[620] Der entsetzlichen That folgte eine Scene unbeschreiblicher Verwirrung. Die Fhrer der beiden Wagen waren von ihren Sitzen herabgesprungen und liefen rathlos am Ufer hin und her; sie versuchten es gar nicht einmal, eine Hlfe zu bringen, die hier nur mit Aufopferung des eigenen Lebens mglich war. Ella stand auf der Brcke; sie hatte sich nachstrzen wollen, wo sie nicht retten konnte, aber es war bereits eine bessere Hlfe zur Stelle. Die junge Frau sah die Wellen hoch aufspritzen, in denen ihr Liebstes verschwand, sah, wie diese Wellen sich im nchsten Momente auch ber dem Haupte ihres Gatten schlossen. Reinhold hatte sich unverzglich seinem Kinde nachgeworfen, das sich im Sturze von Beatricen losgerissen hatte und das nun in einiger Entfernung auftauchte. Es folgten Minuten einer Qual, gegen die alles zuvor Erduldete doch nur ein Spiel war. Fr Ella drngten sich Leben und Tod zusammen in diesen schumenden, zischenden Wogen, mit denen die beiden Krper rangen, der eine hlflos, fast widerstandlos, der andere sich mchtig emporarbeitend zu dem einen Punkte, den er endlich, endlich erreichte. Der Vater erfate sein Kind, ri es an sich und strebte mit ihm vereinigt dem Ufer zu. Jetzt fate er Fu auf dem felsigen Grunde; jetzt ergriff er die berhangenden Felszacken, um sich daran zu halten, und nun gewann auch die Mutter Kraft und Bewegung zurck. Sie strzte den Beiden entgegen. Langsam stieg Reinhold den Abhang empor. Seine Brust keuchte schwer von der furchtbaren Anstrengung; die Arme bluteten, verwundet von dem scharfen Gesteine, an dem er sich gehalten, aber diese Arme umfaten seinen Knaben, den er seit Jahren zum ersten Male wieder an seine Brust schlo, und halb ohnmchtig zusammenbrechend, legte er das Kind in die Arme der Mutter.



Also das soll wirklich und unwiderruflich ein Abschiedsbesuch sein? fragte der Consul Erlau den Capitain Almbach, der neben ihm sa. Ihre Abreise kommt ja ganz pltzlich und unerwartet. Was wird Ihr Bruder, was Eleonore dazu sagen? Beide rechneten ganz bestimmt darauf, Sie noch einige Wochen hier zu behalten.
Auf der sonst so heiteren Stirn Hugos lag heute ein Schatten, und in seinen Zgen stand ein fremder, bitterer Ausdruck, als er erwiderte: Sie werden sich leicht genug in die Trennung finden. Reinhold wird in der steten Nhe von Weib und Kind meine Abwesenheit nicht fhlen, und Ella  er brach pltzlich ab. Lassen Sie es gut sein, Herr Consul! Die Beiden haben viel zu viel mit sich selber und mit ihrem neuerworbenen Glcke zu thun, um nach mir zu fragen.
Ja wohl, stimmte Erlau bei, und wer bei dieser Vershnungsgeschichte am meisten verliert, das bin ich. Jahrelang habe ich Eleonore als mein Kind betrachtet, habe sie und den Kleinen als mein unbestreitbares Eigenthum angesehen und jetzt auf einmal macht der Herr Gemahl seine sogenannten Rechte geltend und nimmt sie mir Beide, ohne da ich Einspruch dagegen erheben darf. Ich begreife Eleonore nicht, da sie ihm so ohne Weiteres verziehen hat.
Nun, so ohne Weiteres geschah das wohl nicht, sagte Hugo ernst. Er hat Widerstand genug gefunden, und ich glaube kaum, da er ihn jemals berwunden haben wrde ohne jene Katastrophe, die ihnen schlielich Beiden zu Hlfe kam. Er erkaufte sich die Vershnung mit der Rettung seines Kindes. Ella wre keine Gattin und keine Mutter gewesen, wenn sie sich auch da noch von ihm abgewendet htte, als er ihr den Knaben unversehrt in die Arme legte. Der Augenblick shnte Alles, und Sie wissen ja so gut wie ich, da die Rettung des Kleinen dem Vater beinahe das Leben gekostet hat.
Nun ja, er konnte gar nichts Gescheidteres thun, als nach der Geschichte todkrank zu werden, grollte Erlau, der durchaus nicht in sehr vershnlicher Stimmung zu sein schien. Das war genug, um Eleonore sofort an seine Seite zu rufen, von der sie dann nicht wieder wegzubringen war, und er lie sie wohlweislich auch nicht wieder von sich. Man kennt das schon. Gefahr und Angst, Pflege und Zrtlichkeiten ohne Ende! Sie verlangen doch nicht etwa gar, da ich mich ber die Vershnungsgeschichte freuen soll? Ich wollte, wir htten die Reise nach Italien unterlassen, dann htte ich meine Eleonore behalten, und Herr Reinhold htte sein genial romantisches Knstlerleben hier fortsetzen knnen. Mir wre das vollkommen recht gewesen.
Sie sind ungerecht, sagte Hugo vorwurfsvoll.
Und Sie verstimmt, ergnzte Erlau. Ich begreife nicht, was mit Ihnen eigentlich vorgegangen ist, Herr Capitain. Ihr Bruder ist auer Gefahr, Ihre Schwgerin die Liebenswrdigkeit selbst; der Kleine hat sich mit vollster Zrtlichkeit an Sie angeschlossen, Ihnen aber scheint der Humor ganz und gar abhanden gekommen zu sein, seit bei uns hier Alles in Vershnung und Liebe schwimmt. Sie spielen keinem Menschen einen Streich mehr, Sie rgern Niemanden mehr mit Ihren Neckereien und Einfllen; kaum da man noch hin und wieder ein Scherzwort von Ihnen hrt. Ich frchte, Ihnen steckt auch irgend etwas im Kopfe oder gar im Herzen.
Hugo lachte laut, aber ein wenig gezwungen auf:
Warum nicht gar! Ich halte es nur nicht aus, so lange auf dem festen Lande zu bleiben und meine See zu entbehren. Diese mondenlange Unthtigkeit peinigt mich. Gott sei Dank, da sie endlich ein Ende nimmt! Morgen frh reise ich, und in wenigen Tagen bin ich wieder drauen auf den Wellen.
Nun, dann stieben wir ja recht hbsch nach allen Himmelsrichtungen auseinander, meinte der Consul, der noch immer nicht seiner Gereiztheit Herr zu werden vermochte. Sie segeln nach Westindien, Ihr Bruder und Eleonore wollen gleichfalls fort; ich gehe nach H. zurck  eine allerliebste Einsamkeit, die mich dort zu Hause erwartet! Herr Reinhold hatte zwar die Gnade, mir zu versprechen, da ich seine Frau und das Kind von Zeit zu Zeit sehen solle. Von Zeit zu Zeit! Als ob mir das gengen knnte, nachdem ich sie jahrelang jede Minute um mich gehabt habe. Freilich jetzt hat ja der Herr Gemahl und Vater darber zu bestimmen; ich bin berzeugt, er lt sie keine acht Tage von sich; er ist jetzt gerade so berschwenglich in der Zrtlichkeit, wie er es einst in der Rcksichtslosigkeit war.
Es hatte fast den Anschein, als ob der Gegenstand des Gesprches dem Capitain peinlich sei, denn er brach es rasch ab, indem er sich erhob und sich von dem Consul verabschiedete, zwar herzlich, aber doch etwas kurz und hastig. Erlau sah ihn sichtlich ungern scheiden; denn so gro das Vorurtheil war, das er noch immer gegen Reinhold hegte, so entschieden war er fr Hugo eingenommen, und wre dieser der reuig Zurckkehrende gewesen, der Consul htte die Vershnung wohl mit gnstigerem Auge angesehen, als er es jetzt that, wo jedes Gerechtigkeitsgefhl in dem Schmerze ber die bevorstehende Trennung von seinem Lieblinge unterging. Es trstete den alten Herrn nur wenig, da er die wiedergewonnene Gesundheit mit nach Hause nahm; sein Haus kam ihm jetzt unendlich verdet vor, und er seufzte tief auf, als die Thr sich hinter seinem Gaste geschlossen hatte.
Hugo kehrte inzwischen in die Wohnung seines Bruders zurck, die er noch immer theilte. Sein Zimmer befand sich in Folge der Vorbereitungen zur Abreise bereits in der grten Unordnung. Er hatte Jonas befohlen, einzupacken und Alles fr morgen frh vorzubereiten, und der Matrose war dieser Weisung auch zum Theil nachgekommen, denn die Koffer standen geffnet auf dem Fuboden, und die Reise-Effecten lagen auf Tischen und Sthlen umher. Vom Packen aber schien vorlufig keine Rede zu sein, denn Jonas sa noch in vollster Gemthsruhe auf dem Deckel des groen Reisekoffers und neben ihm die kleine Annunziata, die er sich vermuthlich zur Hlfe bei dem schwierigen Geschft herbeigeholt hatte. Die Unterhaltung zwischen den Beiden war trotz der noch immer sehr mangelhaften deutschen Sprachkenntnisse der jungen Italienerin in vollem Gange, und dabei hatte Jonas ganz ungenirt den Arm um sie gelegt und war soeben im Begriff, ihr einen Ku zu rauben, der nicht der erste zu sein schien und auch wohl nicht der letzte gewesen wre, wenn das Erscheinen Hugos nicht der ferneren Vertraulichkeit ein Ende gemacht htte.
Das Prchen fuhr bei dem unvermutheten Oeffnen der Thr erschreckt in die Hhe. Annunziata fate sich zuerst. Sie flchtete mit einem leichten Aufschrei an dem Capitain vorber in das Vorgemach, wo sie verschwand, und berlie ihrem Gefhrten die Aufklrung der Situation. Jonas aber stand vor Schrecken starr und steif wie eine Bildsule und sah, ohne sich zu rhren, seinen Herrn an, der jetzt vollends eintrat und die Thr hinter sich schlo.
Heit das die Koffer packen? fragte er. Also so [621] weit bist Du nun glcklich mit Deinen Mitleids-Exercitien gekommen?
Jonas seufzte tief auf. Ja, Herr Capitain, ich bin so weit, versetzte er resignirt.
Das Gestndni wurde mit einer so unendlich komischen Zerknirschung gethan, da Hugo mhsam ein Lcheln unterdrckte; dennoch sagte er mit ernster Miene:
Jonas, ich habe nie geglaubt, da ich dergleichen an Dir erleben wrde. Es ist nur ein Glck, da Du ein Mensch von Grundstzen bist, die Dir nicht erlauben, aus solchen Thorheiten Ernst zu machen. Die Grundstze ber Alles! Unsere Ellida ist segelfertig; morgen reisen wir nach dem Hafen ab, und wenn wir aus Westindien zurckkehren, hast Du Dir die Liebesgeschichte aus dem Sinne geschlagen, und die Annunziata hat inzwischen einen Andern genommen 
Das wird sie bleiben lassen, fuhr Jonas wthend auf. Ich bringe mich um und sie dazu, wenn sie mir so etwas anthut.
Willst Du das Umbringen nicht auch auf mich ausdehnen? fragte Hugo kaltbltig. Du scheinst mir ganz in der Laune dazu. Bis zum Kssen bist Du gekommen, das steht fest. Ich habe es mit diesen meinen Augen sehen mssen, wie der Matrose Wilhelm Jonas von der Ellida ein Frauenzimmer gekt hat, und ich dchte, mit dieser haarstrubenden Thatsache wre Alles zu Ende.
Bewahre, sagte Jonas trotzig. Damit fngt es erst an  jetzt kommt das Heirathen.
Heirathen willst Du auch noch? fragte der Capitain im Tone der tiefsten Emprung. Ein Frauenzimmer willst Du heirathen? Aber so bedenke doch, Jonas, da die Frauenzimmer an allem Schlimmen schuld sind, da alles Unheil auf der ganzen Welt nur von ihnen stammt, da der Mann nur Ruhe und Frieden hat, wenn er fern von ihnen ist, da 
Herr Capitain, erwiderte ihm der Matrose, der gegen allen Respect seinem Herrn mitten in die Rede fiel, als er seine eigenen Worte aus dessen Munde vernahm. Herr Capitain  ich war ein Dummkopf.
So? Deine Annunziata scheint Dir bereits einen hohen Grad von Selbsterkenntni beigebracht zu haben, und das ist um so bewundernswerther, als die Sprache in Eurem Verkehre nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Deine Auserkorene spricht das Deutsche noch herzlich schlecht, und Du hast vom Italienischen nicht viel mehr als ihren Namen begriffen. Freilich, ich habe ja vorhin gesehen, wie vortrefflich Ihr Euch zu helfen wit. Eure Conjugation des amare war, wenn auch nicht gerade grammatikalisch richtig, doch uerst verstndlich.
Ja wohl, wir wissen uns zu helfen, sagte Jonas voll Selbstgefhl. Wir verstehen uns berhaupt immer, und in der Hauptsache haben wir uns gleich verstanden. Ich habe sie gern, sie will mich, und wir heirathen einander.
Punctum! vollendete Hugo. Und was wird unter so bewandten Umstnden aus unserer Abreise?
Nach Westindien gehe ich noch mit, Herr Capitain, versicherte Jonas eifrig. So ber Hals und Kopf knnen wir doch nicht heirathen und meine Braut bleibt inde bei der jungen Frau Almbach, die versprochen hat, fr sie zu sorgen. Wenn ich aber zurckkomme, dann, meint Annunziata, mte das Seefahren ein Ende nehmen. Sie meint, wenn sie einen Mann nhme, dann mte er auch bei ihr bleiben und nicht jahrelang auf allen mglichen Meeren umhersegeln. Wir knnten ja irgendwo eine kleine Gastwirthschaft anlegen, dann wre ich nicht so weit von der See entfernt und htte immer noch Verkehr mit meinen Cameraden  meint Annunziata.
Deine Annunziata scheint sehr viel zu meinen, bemerkte der Capitain. Und Du fgst Dich als bekehrter Weiberfeind und gehorsamer Brutigam natrlich unbedingt dieser Meinung Deiner Zuknftigen. Fr diese Fahrt also soll die Ellida noch die Ehre haben, Dich zu ihrer Besatzung zhlen zu drfen? Spter hat sie sich einen andern Matrosen zu suchen und ich mir einen andern Diener?
Ja, spter freilich, sagte Jonas kleinlaut. Wenn nicht  wenn Sie nicht auch  Herr Capitain  Sie sollten doch lieber auch heirathen.
Bleib mir vom Leibe mit Deinen Vorschlgen! rief Hugo, rgerlich auffahrend. Ich dchte, es wre vorlufig genug, da Du unter den Pantoffel gerthst. Jetzt packe die Koffer und nimm Abschied von Deiner Annunziata! Denn morgen in aller Frhe geht es fort. Ich  habe auch noch Abschied zu nehmen.
Die letzten Worte klangen so eigenthmlich gepret, da Jonas verwundert aufschaute. Er wute, da es nicht die Art seines Herrn war, sich den Abschied irgendwo und irgendwie schwer zu machen, und doch hrte sich das an, als werde ihm das Lebewohl diesmal recht von Herzen schwer. Zum Glck befand sich der Matrose in der gleichen Lage; deshalb grbelte er nicht viel nach, sondern machte sich an das Einpacken, whrend Hugo nach den Zimmern hinberging, die jetzt seine Schwgerin bewohnte. Einige Minuten stand er regungslos vor der geschlossenen Thr, als wage er es nicht einzutreten; dann auf einmal legte er wie mit einem pltzlichen Entschlu die Hand auf den Drcker und ffnete.
Ella sa am Schreibtisch. Sie war allein und im Begriff, einen soeben vollendeten Brief zu schlieen, als ihr Schwager eintrat und sich ihr rasch nherte.
Haben Sie sich in Deutschland angemeldet? fragte er, auf den Brief deutend, Consul Erlau wird ganz H. aufrhrerisch machen mit seiner Verzweiflung darber, da er ohne Sie und den Kleinen zurckkehren mu.
Die junge Frau legte die Feder bei Seite und stand auf. Es thut mir weh, da der Onkel sich so unendlich schwer in die Trennung findet, entgegnete sie. Ich habe bereits nach Krften fr einen Ersatz gesorgt und brieflich eine seiner Verwandten gebeten, meine Stelle in seinem Hause einzunehmen, da mich jetzt andere Pflichten rufen. Seinen Wunsch, mich nach H. zu begleiten und fr die erste Zeit unsern Aufenthalt dort zu nehmen, konnte ich um Reinholds willen nicht erfllen. Wir haben der dortigen Gesellschaft schon einmal Anla gegeben, sich eingehend mit uns zu beschftigen; wenn wir jetzt zurckkehren, wre der peinigenden Neugier und Theilnahme kein Ende, und Reinhold bedarf noch so sehr der Schonung. Er ertrgt noch nicht die leiseste Hindeutung auf das Vergangene, ohne sich gefhrlich aufzureizen. Wir mssen durchaus einen andern, ruhigern Aufenthalt suchen.
Jedenfalls ist es ein Glck, da Sie ihn bestimmt haben, berhaupt nach Deutschland zurckzukehren, sagte Hugo. Er ist der Heimath lange genug entfremdet gewesen, in seinem Leben wie in seinem knstlerischen Schaffen. Es ist Zeit, da er endlich einmal wieder im Vaterlande Wurzel fat.
Ella lchelte. Das predigen Sie ihm und mir tglich, und Sie selber sehnen sich doch wieder ruhelos ins Weite? Gestehen Sie es nur, Hugo, Sie knnen den Tag Ihrer Abreise kaum erwarten, und es wird Ihnen schwer genug, die wenigen Wochen noch hier bei uns auszuhalten.
Die Schwierigkeit ist bereits gehoben, warf Hugo mit erknstelter Unbefangenheit hin. Ich reise schon morgen.
Morgen? rief Ella halb verwundert, halb erschreckt. Aber Sie versprachen ja doch bis zu unserer eigenen Abreise hier zu bleiben.
Der Capitain beugte sich tief ber die auf dem Tische liegenden Papiere und Briefschaften, als suche er etwas darin.
Das  hat sich inzwischen gendert. Ich habe Nachrichten von der Ellida erhalten, die mich sofort abrufen. Sie wissen ja, bei uns Seeleuten pflegt dergleichen schnell und unerwartet zu kommen. Ich wollte es Ihnen und Reinhold soeben mittheilen und Ihnen zugleich Lebewohl sagen, denn ich mu bereits in aller Frhe fort.
Er hatte das Alles hastig hervorgestoen, ohne aufzublicken. Die Augen der jungen Frau hafteten ernst und forschend auf seinem Antlitze.
Hugo, das ist ein Vorwand, sagte sie bestimmt. Sie haben keine Nachrichten erhalten, wenigstens keine so dringenden. Was ist geschehen? Warum wollen Sie fort?
Sie inquiriren mich ja wie ein Criminalrichter, scherzte Hugo mit einem Versuche, den Ton des alten Uebermuthes wiederzufinden. Seien Sie vorsichtig, Ella! Sie haben es mit einem verstockten Snder zu thun, der durchaus nichts eingestehen will.
Ich sehe aber doch, da irgend etwas vorgefallen ist, das [622] Sie forttreibt, sagte Ella unruhig. Und ich habe lngst schon bemerkt, da etwas zwischen uns getreten ist, das Sie Reinhold und mir mit jedem Tage mehr entfremdet. Seien Sie aufrichtig, Hugo! Was haben Sie gegen uns? Weshalb wollen Sie uns jetzt verlassen?
Sie war ihm nher getreten und hatte bittend, aber in vollster Unbefangenheit ihre Hand auf seinen Arm gelegt. Auf dem Antlitze des Capitains lag eine tiefe Blsse, whrend er stumm zu Boden blickte; jetzt endlich hob er langsam das Auge.
Weil ich es nicht lnger aushalte, brach er pltzlich mit vollster Heftigkeit aus. Ich habe Ihrer Vershnung mit Reinhold so lange das Wort geredet, und nun sie da ist und ich das tglich und stndlich mit ansehen mu, nun fhle ich erst, wie wenig Talent zum Heiligen oder zum platonischen Schwrmer eigentlich in mir ist. Ich mu fort, wenn ich nicht zu Grunde gehen will.  Mein Gott, Ella, so sehen Sie mich doch nicht so an, als ob sich auf einmal ein Abgrund vor Ihnen aufthte! Haben Sie denn wirklich keine Ahnung davon gehabt, wie es in mir aussieht, und was mich diese letzten Wochen an Ihrer Seite gekostet haben?
Ella war schon bei den letzten Worten zurckgewichen, und ihr Erbleichen, der Ausdruck tdtlichen Schreckens in ihrem Gesichte gaben bereits die Antwort, noch ehe sie die Lippen zur Erwiderung ffnete.
Nein, Hugo, davon hatte ich keine Ahnung, entgegnete sie mit bebender Stimme. Ich glaubte im Anfange unseres Wiedersehens eine flchtige Tndelei zurckweisen zu mssen. Da es jemals Ernst bei Ihnen werden knnte, das habe ich nie fr mglich gehalten.
Ich auch nicht, sagte Hugo dumpf, Ich habe im Anfange auch geglaubt, ich knnte dieses Gefhl weglachen und wegspotten wie alles Andere, und nun ist es doch Ernst geworden, so bitterer Ernst, da ich auf dem Wege war, den Bruder hassen zu lernen, der ganzen Welt zu grollen, da mir die letzte Zeit hier zu einer Hlle wurde  vielleicht wird es da drauen auf der See besser, vielleicht auch nicht. Aber fort mu ich, je eher, je lieber.
Es lag etwas so Wildes, Leidenschaftliches in den letzten Worten, und das ganze Wesen Hugos verrieth so deutlich die mhsam niedergehaltene innere Qual, da die junge Frau nicht den Muth fand zu einer herben Erwiderung; sie wandte sich schweigend ab.  Nach einigen Minuten trat der Capitain wieder an ihre Seite.
Wenden Sie sich nicht von mir, Ella, wie von einem Verbrecher! sagte er mit aufquellender Weichheit. Ich gehe ja, vielleicht auf Nimmerwiederkehr, und die Stunde meines Gestndnisses ist auch zugleich die des Abschiedes. Ich htte es Ihnen freilich ersparen, Ihnen nicht auch noch das Herz mit dem schwer machen sollen, was mir das meinige abdrckt. Wei Gott, ich hatte den redlichen Willen, zu schweigen und bis zum Abschiede Stand zu halten; aber man ist doch am Ende auch nur ein Mensch, und als Sie mich baten zu bleiben und mich so freundlich ansahen, da war es vorbei mit der Selbstbeherrschung. Reinhold hat es mir ja selbst prophezeit, da ich noch einmal den Augen begegnen wrde, die allem Spotte und allem Leichtsinne ein Ende machen wrden. Das Unglck war nur, da ich sie gerade in dem Antlitze seines Weibes finden mute. Wre das nicht gewesen, ich htte um dieser Augen willen der ganzen Freiheit und Unabhngigkeit Lebewohl sagen, htte zum ruhigen, gesetzten Ehemanne werden, htte meine ganze Natur verleugnen knnen, und da wre es doch am Ende schade gewesen um den alten Hugo Almbach  deshalb hat der Himmel wohl ein Einsehen gehabt und Nein gesprochen.
[640] Der Capitain versuchte es vergebens mit der alten Spottsucht; sie wollte ihm heute nicht zu Hlfe kommen. Seine Lippen zuckten, und seine Worte klangen wie die bitterste Ironie. Ella sah, wie tief die Wunde bei dem Manne ging, den sie in dieser Beziehung fr unverwundbar gehalten hatte.
Sie htten lngst gehen sollen, Hugo, sagte sie mit leisem Vorwurfe. Jetzt ist es zu spt, Ihnen den Schmerz zu ersparen, aber wenn die Liebe einer Schwester 
Um Gotteswillen, nur das nicht! unterbrach er sie ungestm. Nur nichts von Achtung, Freundschaft und all den schnen Dingen, mit denen sich die Idealisten in solchem Falle trsten, und die einen gewhnlichen Menschen umbringen, wenn sich sein heies Herz damit zufrieden geben soll. Ich wei es ja, da Sie in mir von jeher nur den Bruder gesehen haben, da Ihr Herz immer und ewig an Reinhold gehangen hat, selbst da noch, als er Sie verrieth und verlie, aber ich ertrage es nicht, das jetzt aus Ihrem Munde zu hren. Freilich, es geschieht mir schon recht. Warum bin ich ihr auch untreu geworden, meiner schnen blauen Wellenbraut da drauen, der ich doch nun einmal allein angehre! Sie lt es mich jetzt ben, da ich daran denken konnte, sie zu verlassen um einer Anderen willen, und doch war es mir immer, als blickte ich in ihre blauen Tiefen, wenn ich in Ellas Augen sah. Er warf mit einer halb trotzigen Bewegung den Kopf zurck. Und mir haben sich diese Augen doch zuerst entschleiert, damals, als mein Bruder noch nicht ahnte, welchen Reichthum er sein nannte. Ich wute besser als er, was an der Frau war, die er um einer Biancona willen aufgab, und trotzdem trgt er jetzt den Preis davon, fr den ich Alles hingegeben htte. Solche dmonische Knstlernaturen siegen ja immer gegen Unsereinen, der nichts einzusetzen hat, als sein warmes Herz und sein heies, volles Lieben. Reinhold nimmt zurck, was nie auch nur einen Augenblick lang aufgehrt hatte, sein Eigenthum zu sein, und ich  gehe. So ist uns Allen geholfen.
Es lag eine grenzenlose Bitterkeit in den letzten Worten, die nur zu sehr verriethen, da selbst die Liebe zu dem Bruder nicht mehr vor einer Leidenschaft Stand halten wollte, welche die ganze Natur Hugos verndert zu haben schien. Er machte Miene, das Zimmer zu verlassen. Ella hielt ihn zurck.
Nein, Hugo, so drfen Sie nicht gehen, sagte sie fest. Nicht mit dieser Bitterkeit gegen Reinhold und mich im Herzen. Unser Glck hat sich schon auf den Trmmern eines fremden Lebens aufbauen mssen; es wre zu theuer bezahlt, sollte es uns nun auch noch den Bruder kosten. Wir wrden es nie, nie berwinden, Sie in der Ferne unglcklich zu wissen, unglcklich durch uns.
Sie hatte bittend und traurig das Auge zu ihm emporgehoben; der Capitain blickte mit einem seltsamen Gemisch von Groll und Zrtlichkeit nieder auf die junge Frau.
Sorgen Sie nicht um mich! entgegnete er gepret. Ich gehre nicht zu den Mnnern, die sich gleich der Verzweiflung ergeben, weil sie sich von dem losreien mssen, woran doch nun einmal ihr ganzes Herz hngt. Und wenn bei dem Losreien auch ein Stck von dem Herzen mitgeht, nun, so lebt es sich auch so weiter. Ertragen werde ichs; ob ich es berwinde, ist eine andere Frage.  Wenn Reinhold vllig wieder hergestellt ist, so sagen Sie ihm, was mich fortgetrieben hat aus seiner und Ihrer Nhe! Ich mag vor dem Bruder nicht als Heuchler dastehen, und ich htte es ihm lngst selbst gebeichtet, frchtete ich nicht jetzt noch die Aufregung eines solchen Gestndnisses fr ihn; er ist nur allzu reizbar in jedem Punkte geworden, der Sie betrifft. Sagen Sie ihm, Hugo htte nicht bleiben knnen, nicht eine Stunde lnger, und er htte Ihnen sein Wort darauf gegeben, nicht eher wiederzukommen, bis er der Gattin seines Bruders so unter die Augen treten kann, wie er mu.
[641] Seine Hand, die er ihr zum Lebewohl entgegenstreckte, umschlo mit krampfhaftem Druck die ihrige, als die Thr sich ffnete und der kleine Reinhold hereinstrmte, der sich mit kindlichem Ungestm an den Oheim hing.
Onkel Hugo, Du willst fort? rief er athemlos. Jonas hat Deine Koffer gepackt und sagt, Du wolltest morgen abreisen. Onkel Hugo, das darfst Du nicht; Du mut bei uns bleiben.
Der Capitain hob den Knaben empor und drckte mit leidenschaftlicher Heftigkeit seine Lippen auf die des Kindes.
Bringe Deiner Mutter diesen Ku! flsterte er mit halb erstickter Stimme. Von Deinen Lippen wird sie ihn ja wohl nehmen drfen. Lebe wohl, mein Kind  Leben Sie wohl, Ella! 
Mama, sagte der kleine Reinhold, indem er verwundert dem Oheim nachblickte, der ihn so strmisch niedergesetzt und dann das Zimmer verlassen hatte, Mama, was hat denn Onkel Hugo? Er weinte ja, als er mich kte.
Die junge Frau zog das Kind an sich und jetzt berhrten auch ihre Lippen die Stirn desselben, die noch feucht war, wie von zwei darauf niedergefallenen Thrnen.
Es wird dem Onkel schwer, uns zu verlassen, erwiderte sie leise. Aber er mu fort  Gott gebe, da er einst zu uns zurckkehrt!



In der alten Hafen- und Handelsstadt H. hatte sich im Laufe der Zeit nur wenig verndert. Sie sah noch ebenso aus, wie vor zehn Jahren, als die italienische Operngesellschaft hier ihre ersten Vorstellungen gab. Das ltere Stadtviertel lag noch ebenso dster und winklig, das neuere noch ebenso vornehm und ruhig da, wie zu jener Zeit; auf den Straen und am Hafen herrschte noch das alte rege Leben und Treiben, und heute, an einem Frhlingsabende, lag auch wieder die alte feuchte Nebelatmosphre ber der Stadt und ihrer Umgebung.
Im Erlauschen Hause herrschte eine ungewhnliche Aufregung. Der groe, sonst mit vornehmer Ruhe und Pnktlichkeit gefhrte Haushalt schien heute ganz aus den Fugen gegangen zu sein. Es war ein Rennen und Laufen ohne Ende; die ganze Flucht der Zimmer war geffnet und erleuchtet; die Dienerschaft befand sich in vollster Gala und wurde mit Befehlen bald hierhin, bald dorthin gerufen. Die Equipage war bereits vor einer Stunde nach dem Bahnhofe abgefahren, und soeben trat die Verwandte, welche jetzt dem Haushalte des Consuls vorstand, eine schon ltere Dame, in Begleitung des Doctor Welding in den groen Salon.
Ich versichere es Ihnen, Herr Doctor, mit meinem Cousin ist heute nicht auszukommen, klagte sie, whrend sie sich mit der Miene der Erschpfung auf einen Fauteuil niederlie. Er bringt das ganze Haus in Aufruhr und jagt die gesammte Dienerschaft mit Befehlen und Anordnungen durcheinander. Nichts ist ihm festlich und glnzend genug. Ich freue mich gewi auch, meine liebe Eleonore wiederzusehen, und ihren berhmten Gatten persnlich kennen zu lernen, aber der Consul hat mich mit seiner Aufregung bereits so nervs gemacht, da ich wnsche, die Empfangsfeierlichkeiten wren erst berstanden.
Es ist ja aber auch das erste Mal, da er seine Pflegetochter wieder im eigenen Hause empfngt, sagte Welding. Der Doctor hatte sich in dem langen Zeitraume kaum verndert; er sah nur wenig lter aus. Es war noch immer das scharf und geistreich gezeichnete Gesicht, der durchdringende Blick und der ihm eigene ironische Klang der Stimme, mit dem er jetzt fortfuhr: Herr Reinhold Almbach scheint dem Consul gegenber seine Oberhoheit ber seine Frau ganz entschieden zu behaupten. Er hat es, wie Sie wissen, richtig durchgesetzt, da Erlau jedesmal zu ihnen nach der Residenz kommen mute, und wir bekamen trotz aller Versprechungen Frau Eleonore nicht eher zu sehen, als bis der Herr Gemahl sich entschlo, sie hierher zu begleiten. Es scheint, er kann sie nicht eine einzige Woche lang entbehren.
Nein, gewi nicht, rief die Dame gerhrt. Sie sollten nur den Cousin davon erzhlen hren, der erst so sehr gegen Reinhold eingenommen war, und nun mit ihm und dem Glcke Eleonorens vllig ausgeshnt ist. Es ist eine Liebe zwischen den Beiden, so rein und klar, so fest und stark, und dabei von einem so mrchenhaft poetischen Hauche umwoben, da sie fast wie eine Sage herberklingt in unsere glckes- und liebesarme Zeit.
Der Doctor verbeugte sich ironisch. Vollkommen richtig, meine Gndige. Ich sehe mit Vergngen, welche eingehende Aufmerksamkeit Sie meinen Artikeln widmen. Genau dasselbe stand in Nr. 12 des Morgenblattes, gelegentlich einer Besprechung des Textes zu Rinaldos neuester Oper.
So? Steht es im Morgenblatt? fragte die Dame in einiger Verlegenheit; es schien ihr lieb zu sein, da in diesem Momente der Consul eintrat, der, ohne in seiner freudigen Aufregung den Doctor zu bemerken sofort auf sie zueilte.
Aber beste Cousine, ich suche Sie berall. Der Wagen kann jede Minute vom Bahnhofe zurckkehren, und wir hatten ja ausgemacht, da wir zusammen unsere lieben Gste empfangen wollen. Ist das rothe Cabinet noch nachtrglich erleuchtet worden, wie ich befahl? Ist der Heinrich drunten im Vestibl bei der brigen Dienerschaft? Haben Sie 
Cousin, Sie machen mich nervs mit Ihren unaufhrlichen Fragen, rief die Dame in etwas gereiztem Tone. Ist es denn das erste Mal, da Sie mir die Anordnung einer Festlichkeit bertragen? Ich habe Ihnen bereits zwei Mal versichert, da Alles nach Ihren Wnschen geregelt ist.
Das ist fr heute nicht genug, mischte sich jetzt Welding in das Gesprch. Diesmal bernimmt der Herr Consul selbst die Rolle des Hausmeisters und inspicirt das ganze Haus vom Boden bis zum Keller. Wehe Dem, der sich heute nicht im Festgewande vor ihm blicken lt!
Spotten Sie nur! lachte der Consul. Ich werde mir die Freude des Wiedersehens dadurch nicht stren lassen, und mit Ihnen, Doctor, bin ich berhaupt ausgeshnt, seit Sie in Ihrem ,Morgenblatte eine solche Jubelhymne ber Reinholds neuestes Werk anstimmten.
Bitte, ich schreibe keine Jubelhymnen, sagte der Doctor etwas pikirt. Ich habe im Gegentheil nur zu oft die Erfahrung machen mssen, da meine Kritiken von den Herren Knstlern mit weniger schmeichelhaften Namen belegt werden. Unser groer Mime und Heldentenor, der, wie Sie wissen, sein hochtragisches Bhnenpathos stets auch im wirklichen Lehen beibehlt, nannte neulich erst mein Urtheil ber eine seiner Hauptrollen ,den Ausflu der schwrzesten Bosheit, die je eine schwarze Menschenseele ausgebrtet. Wie finden Sie das?
Nun, Reinhold hatte auch genug von Ihrer Feder auszustehen, meinte Erlau. Ein Glck, da er damals in Italien unser Morgenblatt nicht zu Gesichte bekam; er htte sonst sehr unliebsame Dinge lesen mssen, von der beklagenswerthen Richtung eines unleugbar groen Talentes, von unverzeihlicher Verschleuderung der kostbarsten Gaben, von der Verwirrung eines Genius, der zum Hchsten befhigt und dennoch auf dem Wege sei, sich und die Kunst zu ruiniren  und was dergleichen Artigkeiten mehr waren.
Mit denen Sie damals doch vllig einverstanden waren, ergnzte Welding. Gewi, ich bin ein offener Gegner Rinaldos gewesen. So unbedingt ich von jeher sein groes Talent anerkannte, so sehr ich ihn bei seinen ersten knstlerischen Versuchen ermuthigte, so entschieden verwarf ich jene Richtung, der er sich spter in Italien zuwandte. Jetzt ist das anders geworden. Sein neuestes Werk zeugt von einer Umkehr, zu der man ihm und der Kunst nur Glck wnschen kann. Er hat sich durchgerungen durch die wilde Ghrung zur vollsten Freiheit und Klarheit des knstlerischen Schaffens. Sein Genius scheint endlich die rechte Bahn gefunden zu haben  dieses Werk steht durchaus auf der Hhe seines Talentes.
Natrlich  und das ist einzig Eleonorens Verdienst, sagte Erlau mit unerschtterlicher Zuversicht, whrend seine Cousine sehr andchtig den Worten des Doctors lauschte.
Hilft Frau Almbach ihrem Gemahl bei seinen Compositionen? fragte Welding boshaft.
Lassen Sie die Malice, Doctor! Sie wissen doch am besten, wie ich es meine, rief der Consul rgerlich. Nun, Heinrich, was giebt es? wandte er sich an den rasch eintretenden Diener, der berichtete, da der Wagen soeben vorfahre.
Cousin! Um Gottes willen, langsamer! Die ganze Dienerschaft steht ja drauen im Vestibl, rief die alte Dame, die sich bereit gemacht hatte, die Ankommenden feierlich und wrdevoll zu empfangen, und die jetzt von dem Consul, der ihren Arm ergriff, so strmisch fortgezogen wurde, da die Majestt ihrer [642] Schleppe gar nicht zur Geltung kam. Erlau hrte nicht auf ihre Vorstellungen; sie mute im Sturmschritte mit ihm bis zur Treppe. Doctor Welding, der zufllig gekommen war, ohne die Stunde der Ankunft zu kennen, hielt sich als Hausfreund berechtigt, der Familienscene beizuwohnen. Er blieb deshalb im Salon, whrend drauen die ersten Empfangs- und Bewillkommnungsreden laut wurden. Der Consul begrte mit voller Zrtlichkeit seine Pflegetochter und den kleinen Reinhold, der in hellem Jubel an seinem Halse hing. Die Cousine dagegen schien sich des groen Reinhold bemchtigt zu haben, den sie mit einem Strome von Complimenten in den Saal geleitete, whrend die Uebrigen noch in dem vorderen Zimmer weilten.
Ich freue mich unendlich, in dem Gatten meiner theuren Eleonore, den ich ja auch wohl als Verwandten begren darf, zugleich den gefeierten Rinaldo kennen zu lernen, versicherte sie noch auf der Schwelle. Und unser H. wird stolz darauf sein, seinen berhmtem Sohn endlich einmal wieder in seinen Mauern zu sehen. Herr Almbach, man kann Ihnen und der Kunst nur Glck wnschen zu Ihrem neuen Werke; es steht durchaus auf der Hhe Ihres Talentes. Ihr Genius hat endlich  ja endlich 
Die rechte Bahn, half Doctor Welding, der in der Nhe stand, mit grter Artigkeit ein.
Die rechte Bahn gefunden, fuhr die Dame begeistert fort. Sie haben sich durchgerungen durch die wilde Ghrung zur vollsten Freiheit und zu hheren Sphren.
Nicht ganz wortgetreu, aber es geht auch so, murmelte Welding vor sich hin, whrend Reinhold, etwas betreten ber dieses Sturzbad von sthetischen Redensarten, sich vor der Dame verneigte. Zum Glck sah diese jetzt Ella am Arme des Consuls eintreten und eilte, sie und ihren Knaben zu umarmen, whrend der Doctor zu Reinhold trat.
Darf ein alter Bekannter sich Ihnen in das Gedchtni zurckrufen, Herr Almbach? Ich bin zwar nicht so khn, Sie gleich mit kritischen Lobsprchen zu empfangen, wie Ihnen eben geschah, aber ich heie Sie deswegen nicht minder herzlich in der Heimath willkommen.
Die Tante meint es gewi sehr freundlich, sagte Reinhold halb entschuldigend. Es war mir nur im Augenblicke etwas befremdlich  er hielt inne.
Mit einer meiner Recensionen empfangen zu werden, ergnzte der Doctor. O, Ihre Frau Tante erweist mir fter die Ehre, meine Artikel zu reproduciren, wenn auch freilich bisweilen an etwas ungeeigneter Stelle und mit eigenen Variationen, fr die ich die Verantwortung nicht bernehme. Mit den hheren Sphren zum Beispiel habe ich fr gewhnlich nichts zu thun.
Reinhold lchelte. An Ihnen ist die Zeit spurlos vorbergegangen, Herr Doctor. Sie bewahren noch immer Ihren alten Ruf. Das dritte Wort, das Sie sprechen, ist eine Malice.
Je nachdem, meinte Welding achselzuckend und wandte sich an Ella, die dem alten Freunde des Hauses herzlich die Hand entgegenstreckte.
Nun, wie finden Sie unsere Eleonore? rief der Consul triumphirend. Blht sie nicht wie eine Rose? Und der Kleine ist so gro geworden, da wir bald eine andere Bezeichnung fr ihn werden suchen mssen.
Doctor Welding lchelte und diesmal ausnahmsweise ohne jede Malice, als er erwiderte: Frau Eleonore ist sich gleich geblieben. Das ist das beste Compliment, das man ihr sagen kann. Gewi, gndige Frau, ich bin nicht der Letzte, der sich ber dieses Wiedersehen freut und nebenbei auch darber, da die Erlauschen Salons, fr die nchsten Wochen wenigstens, wieder unter Ihrem Scepter stehen. Unter uns gesagt  er senkte die Stimme  es sieht bisweilen etwas bedenklich darin aus, wenn die Frau Tante bei den Kunstgesprchen den Vorsitz fhrt. 
Die Aufregung und die Freude des Wiedersehens hatte die Ankmmlinge erst spt zur Ruhe gelangen lassen. Die Morgensonne schien schon klar und hell in die Fenster, als Ella in das Gemach trat, das whrend ihres Aufenthaltes in dem Erlauschen Hause ihr Wohn- und Arbeitszimmer gewesen war. Es zeigte noch ganz die frhere kostbare Einrichtung, mit welcher der Consul seinen Liebling umgeben hatte. Auch Reinhold war bereits dort; er stand am Fenster und blickte auf die Straen seiner Vaterstadt herab, die er nach mehr als zehnjhriger Abwesenheit zum ersten Male wieder betrat. Es war nicht der junge Knstler mehr, der im trotzigen Kampfe mit seiner Umgebung und seiner Familie die Fesseln wie die Pflichten zerri, um sich in eine Laufbahn zu werfen, die ihm Ruhm und Liebe verhie, und der beides im Sturme errang, aber auch der Rinaldo war es nicht mehr, dessen wild geniales Leben in Italien so oft das Urtheil der Welt herausgefordert hatte, der keinen anderen Zgel und kein anderes Gesetz zu kennen schien als seinen eigenen Willen, und dem die Vergtterung von Seiten des Publicums und seiner Umgebung so verderblich zu werden drohte. In seinem Wesen lag nichts mehr von hochmthiger Ueberhebung oder verletzender Schroffheit; es zeigte jetzt einzig das ruhige feste Selbstbewutsein, das dem Manne wie dem Knstler nur zum Vortheile gereichte. In seinem Auge blitzte noch immer etwas von der alten Leidenschaftlichkeit, die im Leben wie in seinen Werken doch nun einmal Rinaldos eigentliches Element bildete, aber die wilde unstte Flamme, die einst in diesem Blicke loderte, war erloschen, und was jetzt dort leuchtete, pate besser zu dem ruhigen, etwas dsteren Ausdrucke seiner Zge. Was auch ein wildes, berschumendes Leben in dieses Antlitz gegraben haben mochte, es redete jetzt nur noch von Ueberwundenem, und der trumerisch nachdenkliche Blick, der in diesem Augenblicke den Giebel des alten Hauses in der Canalstrae suchte, der deutlich aus dem Husergewirr emportauchte  es war ganz der Blick des ehemaligen Reinhold, jenes Reinhold, der in dem engen kleinen Gartenhause vor seinem Flgel so oft gesessen und jene Tne wachgerufen, die damals nur in der Nacht laut werden durften, wollte er nicht wegen der unntzen Phantasterei gescholten werden, welche die Welt jetzt die Offenbarung seines Genius nannte.
Ella nherte sich ihrem Manne. Ihr Aussehen rechtfertigte in der That den Ausspruch des Consuls; sie blhte wie eine Rose. Die drei letzten Jahre hatten dieser reizenden Gestalt nichts von ihrer Anmuth genommen, aber sie hatten ihr den Ausdruck des Glckes gegeben, der ihr einst fehlte.
Hast Du so frh schon Briefe erhalten? fragte sie auf zwei geffnete Schreiben deutend, die auf dem Tische lagen.
Reinhold lchelte. Gewi! Sie wurden uns aus der Residenz nachgesendet, und den Absender dieses Briefes,  er nahm den einen empor,  errthst Du sicher nicht. Eins wenigstens hat mir mein neuestes Werk eingetragen, das mir mehr werth ist, als all die Ovationen, mit denen man uns berschttete  einen Brief von Cesario. Du weit ja, wie tiefverletzt er sich damals von uns zurckzog, und mir jeden Annherungs- und Vershnungsversuch unmglich machte. Er konnte es Dir nicht vergeben, da Du so lange gegen ihn geschwiegen hattest, und mir nicht, da ich seinem Glcke im Wege stand; seit drei Jahren habe ich, wie Du weit, kein Lebenszeichen von ihm erhalten. Die erste Auffhrung meiner Oper in Italien hat endlich das Eis gebrochen; er schreibt wieder ganz mit der alten Herzlichkeit und Begeisterung, beglckwnscht mich wegen des neuen Werkes, das er weit ber sein Verdienst erhebt, und  zeigt mir zugleich seine bevorstehende Vermhlung mit der Tochter des Principe Orvieto an. Sie wird in wenigen Wochen seine Gemahlin.
Ella war an die Seite ihres Mannes getreten und las ber seine Schulter hinweg den Brief, den er geffnet in der Hand hielt und in dem ihrer auch nicht mit einem einzigen Worte Erwhnung geschah.
Kennst Du die Braut? fragte sie endlich.
Nur wenig! Ich sah sie ein einziges Mal im Hause ihres Vaters und erinnere mich ihrer nur als eines schnen, lebhaften Kindes. Sie wurde im Kloster erzogen und stattete damals einen flchtigen Besuch bei den Eltern ab. Aber ich wei, da diese Verbindung schon in jenen Tagen ein Lieblingswunsch der beiderseitigen Familien war, dem nur Cesarios Abneigung gegen jedes Band, das ihn in Zukunft fesseln knnte, wie gegen jede Heirath berhaupt entgegenstand. Jetzt, wo Jahre darber hingegangen sind und die junge Prinzessin erwachsen ist, scheint man jenen Plan wieder aufgenommen zu haben  Cesario hat dem Andringen der Verwandten nachgegeben. Ob ihm diese Convenienzheirath geben kann, was eine so glhende, schwrmerische Natur wie die seinige verlangt, das freilich ist eine andere Frage.
Ella sah nachdenklich zu Boden. Du sagtest ja, die Braut sei jung und schn, und Cesario ist wohl der Mann, so einem jungen Wesen, das aus der einsamen Klostererziehung eben erst in das Leben tritt, Liebe einzuflen.
[643] Wir wollen es hoffen, sagte Reinhold ernst. Der zweite Brief ist von Hugo und aus S. datirt.
Ein leichtes Errthen flog ber das Antlitz der jungen Frau, als sie in lebhafter Spannung fragte:
Nun? Kommt er endlich? Drfen wir ihn erwarten?
Reinhold schttelte leise den Kopf. Nein, Ella. Unser Hugo kommt nicht; wir mssen auch diesmal darauf verzichten, ihn wiederzusehen Hier, lies selbst!
Er reichte ihr den ziemlich umfangreichen Brief. Die ersten Seiten enthielten nur Reiseschilderungen, die ganz in der kecken, von Uebermuth und Laune sprhenden Art des Capitains hingeworfen waren; erst ganz am Schlusse wurden die persnlichen Verhltnisse berhrt.
Ich habe meinen Aufenthalt in S. benutzt, schrieb Hugo, um dem Jonas einen Besuch abzustatten, der sich nun schon seit Jahr und Tag mit seiner Annunziata hier niedergelassen hat. Ihr habt die Kleine so berreich ausgestattet, da aus der bescheidenen Wirthschaft, die sie sich einrichten wollten, ein recht hbscher Gasthof geworden ist, mit dem es auch schon tchtig vorwrts geht. Die junge Frau hat endlich Deutsch gelernt und ist berhaupt eine ganz allerliebste Wirthin, den Jonas aber habe ich mir ernstlich vornehmen mssen, denn es ist frmlich haarstrubend, wie das winzige Ding, die Annunziata, diesen Bren von einem Seemanne nach allen Regeln der Kunst commandirt. Ich habe ihm in das Gewissen geredet, ihn an seine Manneswrde erinnert, ihm prophezeit, da er rettungslos unter den Pantoffel gerathen wrde, wenn das so fortginge  was giebt mir der Mensch zur Antwort? Ja, Herr Capitain, man ist aber doch so unmenschlich glcklich dabei! Da blieb denn freilich nichts brig, als ihn seinem unmenschlichen Glcke und seinem Pantoffelregimente zu berlassen.
Noch eine Nachricht habe ich fr Dich und auch fr Ella. Mir gerieth gestern zufllig eine italienische Zeitung in die Hand, in der ich der Notiz begegnete, da eine Verschwgerung der Huser Tortoni und Orvieto bevorstehe. Marchese Cesario werde sich in Kurzem mit der einzigen Tochter des Principe vermhlen. Du siehst, auch ein Idealist stirbt heutzutage nicht mehr an unglcklicher Liebe; er trstet sich statt dessen nach Jahr und Tag mit einer jungen und vermuthlich auch schnen Frau aus frstlichem Geblte. Nur der Leichtsinnige, der Abenteurer kann es noch immer nicht verwinden, da er zu tief in ein Paar blaue Augen geblickt hat. Ich kann nicht kommen, Reinhold, noch nicht! Du kennst das Wort, das ich Deiner Frau gab, es verbannt mich noch immer von Eurer Schwelle. Der Himmel wei es, wie lange ich mich noch auf dem Meere herumtreiben mu, ohne Euch wiederzusehen, aber wenn mir die Erinnerung auch nicht mehr das Herz abdrckt, wie im Anfange, loslassen will sie mich noch immer nicht. Meine Ellida liegt wieder einmal segelfertig im Hafen, und morgen fliegt sie mit ihrem Capitain wieder hinaus ins Weite  also leb wohl, Reinhold! Ksse Deinen Knaben in meinem Namen! An Ella werde ich doch wohl einen Gru senden drfen, da Du ihn ihr bringst?  Vielleicht sehen wir uns wieder.
Ella faltete den Brief zusammen und legte ihn schweigend nieder. Ich hoffte doch, er wrde wenigstens diesmal zu uns zurckkehren, sagte sie endlich  es bebte wie Wehmuth in ihrer Stimme.
Ich habe es nicht erwartet, entgegnete Reinhold ernst, denn ich kenne Hugo. An seinem Charakter scheint vieles so leicht und spurlos abzugleiten, und gleitet vielleicht auch wirklich ab, hat er aber einmal etwas mit voller Seele erfat, dann lt er es auch fr das ganze Leben nicht wieder los. Er bewahrt seine Liebe treuer und besser, als  ich es that.
Liebtest Du mich denn, als ich Dir angetraut wurde? fragte Ella mit sanftem Vorwurf. Konntest Du die Frau lieben, die damals Dich und sich selbst noch nicht verstand? Wir muten erst getrennt werden, um uns so voll, so ganz wiederzufinden, und mich wrde nichts mehr an die Trennung erinnern, she ich nicht auf Deiner Stirn immer wieder den Schatten, den die eine Erinnerung wach ruft.
Reinhold fuhr mit der Hand ber die Stirn. Du meinst den Tod Beatricens? Ich wei es ja, da sie sich mit eigener Hand ihr Schicksal bereitete, und doch kann ich nicht immer die Stimme zum Schweigen bringen, die mich der Mitschuld daran zeiht. Da ich sie verlie, das trieb sie zur Verzweiflung, zum Wahnsinn; sie wollte uns vernichtend treffen und traf sich selber.
Und aus den Wellen, die ihr den Tod gaben, rettetest Du Dir und mir das Hchste, unser Kind und unsere Liebe, sagte die junge Frau leise. Sieh, da kommt unser Reinhold. Willst Du auch dem Kinde diese schwer umdsterte Stirn zeigen?
Der kleine Reinhold steckte den Kopf zur Thr herein, und als er die Eltern im Zimmer sah, kam er vollends hereingesprungen, so rosig und frisch, so voll Leben und Uebermuth, da die Dsterheit des Vaters und der Ernst der Mutter nicht Stand halten wollten vor seinem Schmeicheln und Tollen. Ella kte zrtlich die Stirn ihres Knaben, whrend Reinhold sie und das Kind an sich zog. Sie hatten ihn doch unlsbar festgehalten, diese Fesseln, die er einst in jugendlicher Verblendung gesprengt und zerrissen hatte, bis er drauen in dem so heiersehnten Leben, unter all den ertrumten Schtzen fhlen lernte, da er doch das Beste daheim gelassen, bis die Sehnsucht nach der Vergangenheit erwachte, und sich mchtig und unwiderstehlich Bahn brach, bis er sich durch Schuld und Todesgrauen das zurckerkmpfen mute, was er einst selbst von sich gestoen hatte, sein Weib und sein Kind  und in dem Blicke, mit dem er jetzt auf die Beiden niedersah, stand deutlich und klar das Gestndni, welches die Lippen nicht aussprachen, da er das so lang und ruhelos gesuchte und immer versagte Glck endlich hier gefunden.

