﻿Arzt der Seele
Wilhelmine von Hillern (1869)
Band I

Erstes Kapitel. 
„Nur ein Mädchen“.
 In einer waldumsäumten aber flachen Gegend Nord­deutschlands unweit eines ärmlichen Dorfes lag eine rauchende Branntweinbrennerei, wie man deren häufig auf den Gütern norddeutscher Adeligen findet, damit verbunden ein großartiges Fabrikgebäude und ein Gehöft mit einem von Unkraut überwucherten Gemüsegarten, einigen Obstbäumen, welche die Trümmer längst ver­fallener Bänke beschatteten, und einem Wohnhause, das zwar stattlich gebaut, aber so verwahrlost und schmutzig war, wie sein Wächter, der lechzende, magere Kettenhund, dessen leerer, sandiger Freßtrog und ausgetrockneter Saufnapf zeigten, wie lange dem armen Tiere bei der drückenden Juli-Hitze keine Erquickung gereicht worden war. — Wer auf dies Bild einen Blick warf, konnte nicht zweifeln, daß das Innere des Hauses ebenso trostlos sei, wie sein Äußeres, und daß darin keine milde liebestätige Hand walte, die ein Haus rein und schmuck erhält, einen Garten pflegt, einem Tier seine Nahrung reicht — und wo eine solche Hand fehlt, da fehlt auch den Menschen Pflege und Ordnung, Freude am Schönen und nicht selten am Guten — vielleicht sogar jede Freude und jedes Glück! — Es war Niemand auf dem Hofe und im Garten, nichts regte sich als ein paar leise piepende Hühner, die sachte eines nach dem anderen hinter dem Hundehaus hervortrippelten, um sich einen etwaigen Abfall von des Hundes Fressen zu suchen. Ehe sie ganz herankamen, zogen sie ein Bein hinauf, drehten fragend die Köpfe zur Seite und warteten vorsichtig, ob sich dieser wohl rühren würde, sie zu verscheuchen, aber er blieb matt in seiner Hütte, die Schnauze zwischen die Pfoten gelegt und die blutunterlaufenen Augen starr ins Weite ge­richtet. Nun schlichen die hungrigen Hühner ermutigt heran und pickten und suchten um den Freßnapf her, doch vergebens, es war nichts zu finden weit und breit, als trockener Sand.
Neben dem Brunnen stand ein Butterfaß, und eine Bank, auf welcher ein Ballen frischer Butter lag, der vergessen und von der Sonne geschmolzen in das wuchernde Unkraut herabtroff. Vielleicht dachte der arme schmachtende Hund darüber nach, wie sehr ihm diese Verschwendung zu Gute käme, wäre sie in sein Bereich gefallen, denn er sprang plötzlich auf und lief, seine rasselnde Kette nach sich ziehend, so weit wie möglich von der Hütte weg, als wolle er sich überzeugen, wie lang denn seine Fessel eigentlich sei; dann hielt er an, besann sich eine Weile und kroch gesenkten Kopfes wieder unter sein niederes Dach zurück. — Vor einem Fenster des Erdgeschosses standen ein paar unbegossene und verdorrte Kaktusstöcke und einige Flaschen mit destillierten Kräutern; der einen davon mangelte der Kork und ihr Inhalt war mit Mücken und Käfern vermischt. — Alles, was weit und breit zu sehen war, zeugte von Nachlässigkeit und Unreinlichkeit, aber ihr fehlte die Entschuldigung der Armut, denn wie reich der Eigentümer des Gutes sei, bewiesen die ausgedehnten Vieh- und Pferdeställe, die weitläufigen Ökonomiegebäude und die unabsehbaren Kartoffel- und Kornfelder, welche dasselbe umgaben. Die Anwesenheit eines Kranken oder Lahmen verriet ein bequemer kleiner Rollwagen, der auf dem Hofe stand und dessen Lederkissen von der Sonne durchröstet wurden. — Im Hause schien nur der unterste und oberste Stock bewohnt, denn die Laden des mittleren waren sämtlich geschlossen und so dick mit Spinngeweben überzogen, daß sie schon seit lange nicht mehr geöffnet worden sein konnten; auch waren die Schwalben vielleicht die einzigen lebenden Geschöpfe, denen das unfreundliche Gebäude ein angenehmes Obdach ge­währte, denn sie hatten sich massenhaft angesiedelt und die Gesimse zeigten reiche Spuren ihres Haushaltes. — Die Hühner reckten neidisch blinzelnd die Köpfe zu ihnen empor und hüpften auf die niederen Fenster des Erdgeschosses, um dessen Bewohner an ihr Dasein und ihre Bedürfnisse zu erinnern. Plötzlich aber flatterten sie er­schrocken weg, denn aus einem der geöffneten Fenster klang der Schrei eines Kindes so durchdringend und wehklagend, daß der große Hund die Ohren spitzte und wieder unruhig die Länge seiner Kette maß.
In einem niedern Zimmer, einer Art Gesindestube, in welcher die schwüle Luft zum Ersticken verschlimmert war durch den Dunst eines geheizten Plättofens und feuchter Wäsche, welche drei robuste, schweißtriefende Mägde glätteten, stand vor einer alten Kommode ein kleines Mädchen von ungefähr zehn Jahren. Es war halb entkleidet und das von den Schultern fallende Hemdchen gab ein Körperchen bloß, so zart und schmächtig, daß sein Anblick jeder Mutter die Tränen in die Augen getrieben hätte. Aber es war keine Mutter bei dem Kinde, sondern eine alte Haushälterin, die mit ihren knochigen Fingern die Kleine verletzt zu haben schien, denn sie hielt sich laut weinend mit der einen Hand die magere Schulter und weigerte sich, ein Kleid anzuziehen, das ihr die Frau aufdringen wollte.
„Was gibt es denn schon wieder?“ schrie eine zornige Stimme aus dem Nebenzimmer. Das Kind fuhr er­schrocken zusammen, die Alte ging zur Türe und rief hinein: „Ernestine ist wieder so ungezogen, daß man es nicht aushält. Sie hat ihr bestes Kleid zerrissen, weil sie behauptet, es sei verwachsen und tu’ ihr weh; es ist aber nicht wahr, es sitzt noch ganz gut.“
„Wie kann denn das elende Ding ein Kleid ver­wachsen haben!“ entgegnete die rauhe Stimme von Innen. „Augenblicklich ziehst Du es an und machst, daß Du fortkommst!“
Das Kind lehnte an der Kommode und sah düster und trotzig vor sich nieder.
„Sie tut es nicht, gnädiger Herr, sie will eben nicht in die Kindergesellschaft!“ sagte die lieblose Vermittlerin.
„Ich habe Dir befohlen, daß Du hingehst“, — rief der Vater, — „wenn Dir eine Dame wie die Frau Staatsrätin1 die Ehre erweist, Dich einzuladen, so hast Du dankbar zu folgen. Ich will nicht, daß es heißt, ich er­zöge meine Tochter wie ein Aschenbrödel!“ —
Die kleine Ernestine erwiderte nichts, aber sie heftete einen Blick ihrer großen eingesunkenen Augen auf die Haushälterin, der diese ganz außer sich brachte, — einen Blick so voll Verachtung und Haß, wie sie in einer Kinderseele kaum für möglich gehalten werden sollten. Die Frau schlug die Hände zusammen: „Nein, das böse abscheuliche Ding, — Sie sollten nur sehen, Herr von Hartwich, wie sie mich jetzt anschaut!“ Mit diesen Worten wollte sie Ernestinen das Kleid über den Kopf werfen, — doch das Mädchen riß es herab, trat darauf und schrie mit schäumender Wut, durch einzelne Tränenstöße unterbrochen: „Und ich zieh’s nicht an und ich geh’ nicht zu den fremden Leuten! Ich lasse mich nicht so behandeln. Sie sind ein boshaftes, schlechtes Weib, dem ich nicht gehorchen will!“
„Ei, Du meine Güte! — Hab’ ich in meinem Leben solch ein entartetes Kind gesehen?“ klagte die Beleidigte, mit einem heimlichen Grauen auf die kleine Gorgone blickend, die mit aufgelösten Haaren und fliegender Brust vor ihr stand.
„Wird das Gezerr da draußen nun ein Ende nehmen?“ wütete der Vater. „Bin ich ungücklicher Mann dazu verdammt, nichts als Kinder- und Mägdegeschrei zu hören? Ernestine! Da komm’ herein!“
Die Kleine begann bei diesem Befehl am ganzen Leibe zu zittern, sie wußte, was ihrer nun wartete und ging langsamen Schrittes der Türe zu. „Wird’s bald?“ tönte die Stimme des Kranken. Ernestine trat ein und blieb unweit des Bettes stehen, in dem dieser lag. „Da komm her!“ rief er und bedeutete sie mit der rechten Hand, die linke war lahm, ganz nahe zu sich, während er, als Ernestine zögerte, fortfuhr: „Du unnützes widerliches Balg, das, seit es auf der Welt ist, noch keinem Menschen Vergnügen gemacht hat, nicht einmal seiner Mutter — denn Dein Dasein kostete sie das Leben, Gott hat mir in Dir alle Leiden, aber nicht die Freuden beschieden, die ein Sohn bereitet, denn Du hast den Trotz und die Starrheit eines Buben und den armseligen gebrechlichen Leib eines Mädchens — was fängt man nun mit solch einem jämmerlichen bösartigen Geschöpf an, das nichts kann, als heulen oder wüten?“
Bei diesen Worten brach das Kind von Neuem in ein lautes Schluchzen aus und wollte hinauseilen, aber ein donnerndes „Halt, erst Deine Strafe“, rief es zurück.  Nun wuβte Ernestine, was unvermeidlich war und bebend flehte sie: „Nicht schlagen, Vater — o nicht schon wieder schlagen!“  Doch unerbittlich befahl sie der Kranke zu sich hin.  Die Lippen fest zusammengepreβt, die kleinen Hände krampfhaft verschlungen, trat sie an das Bett.  Der Kranke hob die breite harte Hand und ein schwerer Streich fiel brennend auf die durchsichtige Wange des Kindes, das von der Wucht des Schlages zu Boden geworfen ward.  „Willst Du jetzt gehorchen — oder willst Du noch mehr?“ frug keuchend der Vater.  „Ich will gehorchen“ — schluchzte die Kleine und erhob sich.
„Zuerst aber bittest Du der Frau Gedike ab!“ befahl der zornige Mann.
„Nein,“ rief Ernestine sich bäumend: „Das tu’ ich nicht!“
„Wie, noch nicht gebrochen, der Eisenkopf? Tu’s, oder ich zerschlage Dir alle Rippen!“
„Und wenn Du mich umbringst, ich tu’s nicht,“ antwortete das Kind und ihre Augen leuchteten seltsam, als der Vater sich im Bette aufzurichten bemühte und den Arm nach ihr ausstreckte.
„O pfui! Bist Du bei Sinnen?“ sagte eine melodische Stimme plötzlich hinter Ernestinen.  „Ist das eine Art für einen vernünftigen Mann, sich mit einem eigensinnigen Kinde herumzubalgen und den Tierbändiger zu spielen bei einem kranken Kätzchen!“ —
Dann wendete sich der Sprecher zu der Kleinen und sagte freundlich: „Geh’, mein Kind, und laβ Dich anziehen, Du wirst gewiβ recht vergnügt sein bei den schönen kleinen Mädchen!“
Ernestine senkte die langen scharzen Wimpern und gehorchte still.
Der seltsame Erlöser des gequälten Kindes war ein hochgewachsener, schlanker, fast schöner Mann mit feinen Zügen und einer vornehmen Ruhe, die zwar eher Kälte genannt werden konnte, aber um der gefälligen Form willen, in die sie gekleidet war, einen geziemenden Eindruck machte. Seine Redewise war leise, wohlklingend und langsam, seine Sprache tadellos reines Deutsch. Ein geistiger Hauch, der auf seinem ganzem Wesen lag, gewann ihm augenblicklich ein entschiedenes Übergewicht über seine Umgebung. Seine Kleidung war einfach, aber geschmackvoll, sein Gang leicht und leise, seine Haltung und Bewegung schlangenhaft geschmeidig, sein Ausdruck
für den unbefangenen Beobachter leutselig, für den Menschen­kenner jedoch ironisch und hinterlistig. —
In Augenblicken der Leidenschaft wirken solche mensch­liche Reptile höchst wohltätig abkühlend auf die erhitzten Gemüter und hemmen ihre leidenschaftlichen Ergüsse, wie Eisumschläge Blutungen stillen. — Von seinem Ein­treten an war der Kranke ruhig, fast kleinlaut geworden, das Zimmer erschien ihm plötzlich kühler, er empfand einen angenehmen Luftzug, als die hohe Gestalt an seinem Bett vorüberglitt und sich in den Lehnstuhl zu dessen Häupten schmiegte.
„Es ist ja kein Wunder, wenn man außer sich gerät“ — entschuldigte sich Herr von Hartwich — „das Balg bringt einen auch aufs Äußerste. Wenn man so unsäg­liche Schmerzen leidet und monatelang gelähmt ans Bett gefesselt ist, wie ich, da ist man gereizt und hat nicht mehr die Geduld eines Gesunden, der den widerwärtigen Szenen aus dem Wege gehen kann!“ —
„Das könntest Du auch, mindestens indirekt, indem Du die Kleine in den oberen Stock hinauf schaffen ließest, der nun jahrelang leer steht. Du hättest so wenigstens Ruhe und müßtest Dir nicht nachsagen lassen, daß das schwächliche Kind des reichen Hartwich bei solcher Hitze in der Plättstube sitzen muß, ich finde das mehr als un­recht, ich finde es unklug!“
„So“ — fiel Hartwich heftig ein, — „ich soll also da oben die Mägde und das Kind treiben lassen, was sie wollen, und hier unten ganz verlassen liegen? Oder soll ich vielleicht gar noch einen teuern Krankenwärter bezahlen, damit man mich gleich als einen Sterbenden aus­schreit und die Fabrikarbeiter meinen, sie seien herrenlos?“ 
„Das Letztere wird nicht geschehen, denn diese be­trachten Dich schon lange nicht mehr als ihren Herrn, da sie wissen, daß ich das denkende und leitende Haupt des ganzen Unternehmens bin. Was aber nun die Aus­rede mit der Kostspieligkeit eines Krankenwärters betrifft, so ist eine solche Torheit nur mit Deinem unerhörten Geiz zu entschuldigen, der sich in letzter Zeit bis zur Manie gesteigert hat. Für wen sparst und scharrst Du nur zusammen? Für Dein Kind nicht, denn das hast Du ja auf den Pflichtteil gesetzt, — für mich noch weniger, — denn Du warst mir von jeher ein echter Stiefbruder und vermachtest mir Dein Vermögen nur, weil ich Dir sonst das Geheimnis meiner Erfindungen nicht über­lassen hätte, weil Du lieber nach Deinem Tode das Ganze als bei Lebzeiten auch nur den kleinsten Teil hergeben wolltest. — Ich aber versichere Dir, daß, wenn — was ja vielleicht gar nicht geschehen wird — wenn ich Dich je beerben sollte, ich lieber auf ein paar tausend Taler verzichten, als den Skandal einer solchen Kindererziehung länger mitansehen will!“
Der Kranke horchte hoch auf. „Du sprichst heute sehr unumwunden mit mir und rechnest, wie es scheint, sehr fest auf die Unabänderlichkeit meines letzten Willens?“ fragte er drohend und gereizt. 
Ohne eine Miene zu verziehen, fuhr der Andere fort: „Du bist trotz aller Deiner Sonderbarkeiten und Fehler ein so rechtschaffener Charakter, um Offenheit und Ehrlichkeit so schwer zu bestrafen, wie Du mir es eben andeuten zu wollen scheinst. Du weißt am besten, daß ich es gut mit Dir meine und ein ehrlicher Mann bin. Ich hätte Dir große Summen abnötigen, hätte Dich auf Grund der beträchtlichen Einnahmen, welche durch meine Tätigkeit erzielt wurden, zwingen können, mich zum Kompagnon zu ernennen und dergleichen mehr, aber ich begnügte mich mit dem bescheidenen Gehalt eines Direktors und mit der Gewißheit, daß durch Dein Testament — Gott schenke Dir ein langes Leben — meinem Kinde, wenn ich nicht mehr bin, eine glänzende Zukunft bereitet ist. — Ich denke, diese Beweise von Uneigennützigkeit geben mir auch das Recht, ein freies Wort mit Dir zu sprechen!“
„Nun wohin zielt denn die weitschweifige Vorrede eigentlich?“ fragte Hartwich, während sich eine auffallende Abspannung seiner bemächtigte und seine Zunge schwerer zu werden begann. „Mach’s kurz, denn ich bin schläfrig.“ 
„Nun einfach darauf, daß Du Ernestinen entweder in den oberen Stock — oder, was das Beste wäre, aus dem Hause tun sollst!“
„Aus dem Hause — wohin denn?“
„Nun, in ein Institut, wo sie anständig erzogen wird und etwas lernt, damit man sich dereinst nicht schämen muß, sie als Verwandte anzuerkennen; das Kind verbauert ja völlig in der Umgebung von Mägden, Knechten und Dorfkindern.“
„Ah pah!“ brummte der Kranke, „was liegt daran!“
„Wenn es Dir auch gleichgültig ist, was aus Deiner Tochter, so ist es doch mir nicht gleichgültig, was aus meiner Nichte wird und welchen Einfluß sie, wenn sie überhaupt am Leben bleibt, auf mein heranwachsendes Töchterchen üben kann. So, wie sie jetzt ist, denke ich mit Sorge daran, daß diese Kinder in wenig Jahren Spielgefährtinnen sein sollen! Lebt sie bis dorthin noch und ist hier, so werde ich meine Kleine fortschicken müssen, sonst verdirbt Ernestine sie mir ganz und gar! Abgesehen davon aber, wünsche ich ihre Entfernung auch in Deinem Interesse; Du kannst Dich dem starren, verwahrlosten Kinde gegenüber nicht mäßigen und so lange Du sie um Dich hast, sind Szenen, wie die vorige, unvermeidlich. Ich habe aber heute erfahren, daß bereits im ganzen Dorf das Gerede von Deiner ‚Grausamkeit‘ gegen Dein leibliches Kind geht! — Das wirft ein schlechtes Licht auf Deinen Charakter in einem Augenblick, wo Du unsern neuen Nachbarn den Eindruck strengster Rechtschaffenheit machen solltest!“
„Ach, das ist dummes Zeug; wenn ihnen die Fabrik 50,000 Taler wert scheint, so kaufen sie sie — ob sie mich für einen Schurken oder Ehrenmann halten!“ warf Hartwich ein.
„Wert scheint — ja, das ist es eben“ — fuhr der schlangenglatte Mann fort — „aber zu diesem Schein gehört mancherlei und unter Anderem auch ein klein wenig Vertrauen auf die Person des Verkäufers, — dafür sind es Menschen.“ —
„Und Dir liegt der Verkauf gar sehr am Herzen, weil Du die fünfzehntausend Taler Überschuß, die ich Dir zugesichert, lieber in die Tasche stecktest, als Dein Brot durch Arbeit verdientest“, bemerkte sarkastisch der Kranke. — „Ein hübsches Geschenk, das ich Dir da in den Schoß werfe!“
„Ein Geschenk?“ fragte der Bruder, „eine Ent­schädigung für den Gehalt, dessen ich beim Verkauf der Fabrik verlustig ginge, — ohne welche ich diesen unter allen Umständen hintertreiben würde! — Daß Du es doch immer wieder versuchst, Dir als Großmut anzurechnen, was lediglich Geschäftssache zwischen uns Beiden ist. Ich fordere ja von Dir keine Großmut — Du bezahlst mich für meine Dienste — ich diene Dir, weil Du mich be­zahlst; wozu uns ein Gefühl vorheucheln, welches wider alle Natur wäre. Wir sind Stiefbrüder, es wäre eine sentimentale Verschrobenheit, wenn wir uns bemühten, einander zu lieben!“
„Wenigstens gibst Du Dir nicht die geringste Mühe, Dich bei mir beliebt zu machen“ —  bemerkte der Kranke.
„Wozu sollt’ ich das?“ erwiderte lächelnd der Bruder. „Es muß doch Alles in der Welt einen Zweck haben — das aber hätte keinen. Für meine Liebenswürdigkeit schenktest Du mir keinen Heller, was Du mir gibst, mußte ich mir durch andere Verdienste erwerben, als durch brüderliche Zärtlichkeit.“
„Du bist ein Teufel, den kein Mensch von Fleisch und Blut lieben kann, und warst es von klein auf. Wie peinigtest Du meine arme Mutter! Du weißt nichts von menschlichen Gefühlen. Wie Du in der größten Hitze immer feuchtkalte Hände hast, so wird auch Dein Herz nie warm. Ich bin bös und jähzornig, aber so fühllos wie Du, bin ich doch nicht. Gott bewahre mich — Du bist eines von den unheimlichen Wesen, die aus dem Verband mit der Natur ausgeschieden sind und deren Leib keinen Schatten mehr wirft, wenn sie in der Sonne gehen!“ Der Kranke schloß erschöpft die Augen und dicke Schweißtropfen standen auf seiner Stirn.
Der Bruder nahm ein feines Tuch und wischte sie leicht und sorgfältig ab. „Sieh, wie Du Dich wieder unnütz aufregst und wie Du übertreibst!“ sagte er in dem lieblichsten wohlwollendsten Tone — „weil ich kein Freund unwahrer Ergüsse und erzwungener Empfindungen bin, nennst Du mich gefühllos. Weil ich blutleer und nicht zu Wallungen geneigt bin — muß ich gar in Deiner er­hitzten Krankenphantasie zum Vampyr werden! — Ich will Dich jetzt verlassen, sonst rege ich Dich auf. — Beherzige meine Warnungen wegen des Kindes, — denn solch ein Treiben bringt uns Schande und ich finde nichts uner­träglicher, als diese!“
Hartwich antwortete nicht, er hatte das Gesicht zur Wand gekehrt und wendete sich nicht um, bis der Bruder lautlos zur Türe hinausgeschlüpft war. —
Während dieses Gesprächs hatte sich die kleine Ernestine anziehen lassen. Als sie fertig war, ging die Haushälterin hinaus und Ernestine bemühte sich, ihre Füße in ein Paar alter, zu eng gewordener Stiefelchen einzuschnüren.
„Hast Recht, Ernstchen!“ hetzte leise eine der Mägde, — „die Gedike ist ein böses Weib und wir können sie Alle nicht leiden — wenn Du sie ärgerst, ist’s ihr gesund und freut uns!“
„Ich will sie nicht ärgern — aber ich hasse sie — und den Vater auch — er ist grausam gegen mich!“ sagte das Kind mit jenem Ingrimm, durch welchen sich der wehrlos Mißhandelte stets zu rächen sucht.
„Er ist aber auch ein wahrer Rabenvater“, — flüsterte Rieke, die ältere Magd, leise der jüngeren zu, aber Ernestine vernahm es recht wohl mit jenem scharfen Ohr, das die Kinder für Alles haben, was sie nicht hören sollen. „Er hat sich immer einen Sohn gewünscht und von nichts Anderem gesprochen, als von seinem Jungen und den Plänen, welche er für den gemacht habe. Als aber endlich das Kind zur Welt kam und kein Knabe war, da schrie er ganz außer sich: „Nur ein Mädchen?“ — ging hinaus und schlug im Zorn die Türe hinter sich zu, daß es dröhnte. Die junge Mutter — ’s war ein zartes Frauchen — bekam vor Schreck und Kummer Weinkrämpfe und regte sich so auf, daß sie das Fieber bekam und am dritten Tage starb. Dann packte ihn freilich die Reue, er raufte sich die Haare und weinte und schrie bei der Leiche, aber lebendig machen konnte er sie doch nicht mehr. Er ist jetzt schwer gestraft seit ihn der Schlag getroffen, und die Ernestine ist viel­leicht auch zur Strafe so garstig geworden — aber er sollte doch wenigstens an dem armen kränklichen Geschöpf gut machen, was er bei seiner Geburt verbrach, statt es zu mißhandeln. — Das Kind kann ja doch nichts dafür, daß es kein Junge ist.“
Ernestine hatte, dieser Rede mit klopfendem Herzen gelauscht und nun schlich sie sich sachte hinaus, damit die Magd nicht merke, daß sie etwas verstanden. Draußen blieb sie beim Hunde stehen und wollte ihn streicheln, aber das gequälte, dürstende Tier knurrte sie an. Sie sah, daß er kein Wasser mehr habe, ging mit dem Saufnapf zum Brunnen und füllte ihn. Als sie das Wasser so schön aus der Röhre sprudeln sah, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, ihren brennenden Kopf unter den kühlen Strahl zu beugen. „Ernestine, was ist denn das wieder für eine Unart!“ schrie die Haushälterin zum Fenster heraus, aber schon triefte das Wasser aus den langen Locken des Kindes herab über Schultern, Brust und Rücken. — „Es wird in der Sonne trocknen, bis ich zur Frau Staatsrätin komme“, dachte sie und brachte dem Hunde seinen Trunk; eine zweite Liebkosung wies dieser aber knurrend ab, weil er sich nicht im Saufen stören lassen wollte.
„Nicht einmal der Hund kann mich leiden“, dachte sie und schlich fort. „Nur ein Mädchen! deshalb ist der Vater so bös, weil ich kein Junge bin?“ und im Weiter­schreiten murmelte sie das Wort in Einem fort und ihre Füße gingen im Takte darnach, wie nach einer Melodie: „Nur ein Mädchen, — nur ein Mädchen!“ — — — — — — — — —
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Aus dem Fenster des oberen Stockwerks schauten ihr der Oheim und dessen Gattin nach. Die Letztere war wenigstens äußerlich der entschiedendste Gegensatz zu ihrem anämischen Gatten. Sie war ungewöhnlich beleibt und ihr lachendes Gesicht zeigte eine so mächtige Voll­blütigkeit, daß, wenn ihr Mann selbst ein Vampyr gewesen wäre, er sich jedenfalls von dem angehäuften Vorrat an Blut- und Lebensfülle eine hübsche Zeit nähren ge­konnt hätte. Er war aber kein solches Ungetüm, wenn er auch die Knappheit seines körperliches Seins mit einem gewissen Schmarotzerbehagen durch diese üppige Hälfte ergänzte und ihren warmen Lebensatem durstig einschlürfte, wie etwa der Frierende und Hungernde den Duft eines warmen Backofens. Eine poetischere Vergleichung ließ die fette Frau und ihr Verhältnis zu der feinen durchgeistigten Person des Gatten nicht zu, denn trotz ihrer strahlenden Schönheit, ihrer breiten buschigen Augenbrauen, und der glänzendschwarzen Herzkirschen-Augen, trotz des wild gewellten, dicken Haares über einer kräftigen Stirn, trug der ganze Ausdruck des breiten Gesichts mit seinem gedrungenen Doppelkinn und dem aufgeworfenen Mund ein so plumpes, geistloses und grobsinnliches Gepräge, daß ihr Anblick nur die materiellsten Gedankenverbindungen hervorrufen konnte. — Doch dieser Ausdruck bedeutete zugleich, daß, wie groß auch der körperliche und geistige Unterschied zwischen dem Paare sein mochte, — etwas da war, daß die Beiden einander ver­wandt machte — es war das Herz, das bei ihm verknöchert, bei ihr von Speck überwachsen war.
Es gibt Menschen, deren Gemütsart sich durch die medizinische Benennung „Fettherz“ trefflich ver­anschaulichen lässt. Er kennzeichnet alle jene Gemüter, die keiner Bewegung, keiner gesunden moralischen Tätigkeit mehr fähig sind, weil eine träge Sinnlichkeit sich, wie das Fett im Herzen, hemmend und lähmend darin abgelagert hat. — War auch der Entwicklungsgang im Gemüte ihres Gatten ein von dem ihren grundverschiedener gewesen, — so fiel doch das Endergebnis übereinstimmend genug aus, um zwischen den Eheleuten jene Harmonie herzustellen, in welcher gewöhnlich der „Hehler“ mit dem „Stehler“ lebt. Die dicke, brünette Frau war eine würdige Gesinnungsgenossin ihres hagern, blonden Mannes, und daß sie außerdem Mittel wußte, ihm das Leben an­genehm zu machen, die bei Niemandem ihre Wirkung verfehlen, der Geschmacks- und Geruchsnerven hat, bewies der mit köstlich duftenden Früchten, Biskuits und einer in Eis gekühlten Himbeerbowle besetzte Tisch vor dem schwellenden Sofa. — So ertrug denn der feine Denker die Beschränkteit und Plumpheit seiner „besseren Hälfte“ um ihrer körperlichen Vorzüge und der Leichtig­keit willen, mit der sie sich zur Genossin seiner eigen­nützigen Pläne machen ließ, — als Köchin besaß sie ganz und gar seine Hochachtung und die Ehe dieser beiden so verschiedenen Menschen war vollkommen, was man eine glückliche nennt.
„’S ist eine scheußliche Kröte, die Ernestine“, sagte die zärtliche Tante, ihrer kleinen, bleichen Nichte nach­schauend, wie sie gesenkten Kopfes dahinschlich, „wenn ich sie auch noch so gut behandle, sie will ja doch nichts von mir wissen; man sagt, Hunde und Kinder merkten, wer sie lieb hat und wer nicht; so mag es das Balg ahnen, daß ich sie nicht mag.“ —
„Ob Du sie leiden magst, ob nicht, ist hier ganz Nebensache“, entgegnete der Gatte. „Du hast sie nicht an Dich zu fesseln verstanden und das ist ein Fehler, — denn der schlechte Schein von Hartwichs Grausamkeit gegen das Kind fällt dadurch auch mit auf uns. Man hält sie im Dorfe schon für ein Opfer liebloser Erziehung. Der Pfarrer betrachtet sie wie eine Märtyrerin, deren er sich als Christ annehmen müsse, der Schullehrer ist wegen ihres klugen Kopfes für sie eingenommen, — es fehlte nur, daß diese Leute uns auf den Hals kämen und meinem blödsinnigen Bruder noch in der elften Stunde das Gewissen rührten, daß er ihr in der Reue Gott weiß welche Vorteile zuwendete! Das wäre ein fataler Streich, und solche Leute fallen leicht von einem Extrem ins andere. — Das Kind muß also unter jeder Bedingung von ihm fern gehalten werden. Gelingt es mir nicht, sie von hier fortzubringen, so müssen wir sie wenigstens durch Güte an uns ziehen und den Leuten den Mund stopfen!“ Ein unwilliger Seufzer seiner Frau unterbrach ihn. „Ich weiß wohl — es ist eine lästige und widerwärtige Pflicht, — aber es wird ja, so Gott will, nicht lange dauern. Hartwig ist übernächtig, — er kann noch ein Jahr leben, er kann aber auch, wenn ein zweiter Schlaganfall kommt, in der nächsten Stunde weg sein, — dann magst Du meinethalben die Last ab­schütteln und Ernestine in ein Institut stecken. Der Anstand aber, meine Liebe, muß immer und vor Allem aufrecht erhalten werden, — Du weißt, daß der Anstand jederzeit die Richtschnur meines Handelns war. Wie ich es nicht liebe, einen schmutzigen Rock zu tragen, auf einem unreinen Tischtuch zu speisen, so ist mir auch jeder Fleck an meinem Namen unerträglich.“
Er hatte sich während dieser Rede an den Tisch ge­setzt und die duftende Bowle in einen Becher von Eis­glas gegossen. Wahrend er sie mit fein zugespitzten Lippen bedächtig prüfend einschlürfte, warf sich die Gattin neben ihm so ungestüm in das Sofa, daß die Sprung­federn knackten und der arglose Gemahl auf der andern Seite wie auf einer Waage in die Höhe geschnellt ward, das Gleichgewicht verlor und sein Getränk auf das reinste aller Hemden goß. — Er schnalzte leise mißbilligend mit der Zungenspitze und wischte sich sorgfältig ab. „Nun muß ich mich ganz umkleiden“, sagte er im Tone schärfsten Vorwurfs.
„Das bedeutet nichts Gutes, daß Du Dich gerade bei diesem Gespräch vollgeschüttet hast“, meinte verblüfft die abergläubische Frau.
„Es bedeutet, daß Du nie lernen wirst, Dich wie eine Dame zu benehmen!“ war die ruhige Antwort.
„So!“ rief die Getadelte lachend. „Ich muß mir wohl aristokratischere Manieren angewöhnen, damit ich Deinem Bruder mehr Ehre mache, der sich in dem Schnaps, den er brennt, den Schlag an den Hals getrunken hat? Ein schöner Adliger, — das muß ich gestehen!“
„Gerade weil er seinem Stande Unehre macht, will ich meinem Stande desto mehr Ehre machen und darin sollst Du mich unterstützen, statt darüber zu lachen. Und wenn wir sein Erbe antreten, dann will ich zeigen, daß man nicht in freiherrlicher Wiege geboren zu sein braucht, um ein Aristokrat zu sein, — und der weggejagte Mar­burger Professor wird in der Elite der wissenschaftlichen Welt, wie in der Gesellschaft eine Rolle spielen, um die ihn ein Fürst beneiden kann. — Mit Geld geht ja Alles und wo Geld und Verstand beisammen sind, da fängt man die Menschen wie Fliegen an der Leimstange.“ 
„Ach, das wird herrlich!“ rief die von dieser Aus­sicht hocherregte Frau, goß sich ein großes Glas Bowle voll und stürzte es in raschen Zügen hinunter.
„Es ist allerdings ein so unerhörtes Glück, daß man so nüchtern sein muß, wie ich — um den Verstand nicht darüber zu verlieren!“ sagte der Mann und schaute mit seinen weißblauen Augen fast träumerisch vor sich hin.
„Dann halten wir Wagen und Pferde und ich fahre mit Bedienten vor den Läden an! Und Gretchen be­kommt eine französische Bonne und wird immer weiß und himmelblau gekleidet. Wir ziehen in die Residenz und Du, Leuthold, brauchst nichts mehr zu arbeiten, kannst Dich den ganzen lieben langen Tag amüsieren!“ bemerkte die Gattin und warf stolz den Kopf zurück, als dächte sie sich in die Seele eines ihrer künftigen Kutschen­pferde hinein.
„Glaubst Du, ich würde dann zum Tagedieb?“ fragte er sie mit einem stechenden Blick: „Nein, gewiß nicht! Wenn ich die zehn Gebote zu machen gehabt hätte, ich hätte statt des siebenten Gebotes gesetzt: ,Du sollst dem lieben Gott den Tag nicht stehlen!‘ denn kein Dieb erscheint mir so verächtlich wie der Tagedieb!“
Die Frau lachte und zeigte zwei Reihen der schönsten Beißwerkzeuge, deren Stärke sie gleich darauf durch das Aufknacken von Haselnüssen erprobte. —
„Glaubst Du“, fuhr Leuthold fort, „ich würde mich mit dem Ruhm, ein reicher Mann zu sein, begnügen? Nein, mich dürstet nach anderen Ehren. Sobald ich die Mittel in Händen habe, nehme ich meine alte Wissenschaft wieder auf und dann will ich etwas leisten, was mir die armen Teufel, die täglich ein paar Stunden Kolleg lesen müssen, nicht nachmachen werden! Und ein chemisches und physiologisches Laboratorium will ich mir
errichten, wie es manche Universität nicht aufzuweisen hat. — Ach — wenn ich einmal all des verhaßten Zwangs, all der elenden Handlangergeschäfte in der rauchenden, stinkenden Fabrik entledigt bin, — dann will ich mich baden in der freien frischen Strömung der Wissenschaft und mir einen Namen machen, der sich den ersten unserer Zeit zur Seite stellt.“
„Das ist das ganze Glück, das Du Dir ausmalst?“ fragte geringschätzig die Frau.
„Es gibt kein größeres Glück, als eine Rolle in der Welt zu spielen durch eigenes Verdienst, — und hat mich meine Armut bisher daran verhindert, so soll mir nun bald mein Reichtum dazu verhelfen, indem er mich unabhängig macht. Wer unabhängig ist, kann seine Talente zur vollen, freien Entwicklung bringen, während oft die höchste Begabung sich vor der Zeit erschöpft an der harten Notwendigkeit des Broterwerbs. — Es ist ein köstlich Ding, arbeiten dürfen, was man will! Ebenso köstlich, — als es eine Verdammnis ist, arbeiten müssen, was man nicht will!“ Er strich sich über die glatt anliegenden spärlichen Haare und murmelte mit einem Seufzer: „Es ist kein Wunder, daß ich kahl wurde, — wo sollte die Kraft herkommen, die noch ein Haar auf meinem Scheitel erzeugte, nachdem ich zehn Jahre lang dieser Verdammnis unterworfen war! Das zehrt das Mark aus den Knochen und das Blut aus den Adern.“ 
Die Frau sah ihn verwundert an. „Aber, Leuthold, ich habe Dir doch immer so kräftig gekocht!“
Leuthold blickte auf, wie aus einem Traume erwachend, dann gingen seine Züge in jenen Ausdruck der Ironie über, die seine unbefangenen Mitmenschen immer für die wohlwollendste Freundlichkeit hielten. „Du hast Recht, Bertha!“ sagte er dann, „Dein oberster Grundsatz ist: Essen und Trinken, — der meine: Denken und Arbeiten. Wie viel praktischer der Deine ist, zeigt Figura deutlich!“ Er blickte lächelnd auf die ungeheuren Formen seiner Ehehälfte.
„Na warte nur, — wenn wir erst in der Residenz sind, will ich Dich schon herausfüttern. Gib Acht, was ich Dir jeden Tag für Diners hinstellen werde!“ sagte Bertha.
„Das wird auch nötig sein, denn wir werden oft Tischgäste haben. Weißt Du, die Menschen sind darin wie die Hunde, — wo sie Braten riechen, da gehen sie gerne hin; mit guten Diners macht man sich die besten Freunde und die wichtigsten Streitfragen sind schon oft durch den Gaumen entschieden, die wärmsten Gefühle durch ein Glas Wein eingeflößt worden! — Man hat solche Freunde freilich nur, so lange man ihnen zu essen gibt, — aber das können wir ja tun, so lange wir sie brauchen, nachher waren sie doch nur unnützer Ballast, den man über Bord wirft.“
„Ja, da hast Du Recht, Du bist doch ein gar zu kluges Kerlchen!“ rief Bertha und versuchte ihren Gemahl mit begeisterter Bewunderung in die Wangen zu kneifen, mußte jedoch wegen Mangels an dem hiezu erforderlichen Material von ihrem Vorhaben abstehen. — „Ach, Gott!“ rief sie mit der liebenswürdigsten Naivetät, vergnügt wie ein Kind in die Hände klatschend, „wenn er nur bald stürbe!“
Der Gatte sah sie streng an. „Ich hoffe, daß, wenn der Fall, den ich so sehnlich herbeiwünsche wie Du, wirklich eintritt, kein menschliches Auge etwas Anderes an Dir zu sehen bekommt als Tränen! Und wärst Du zu ungeschickt, sie zu heucheln, — so müßte ich dafür sorgen, daß Du sie wirklich vergießest, — denn der Anstand muß gewahrt werden, koste es, was es wolle! Das merke Dir.“ —
Bertha faltete entsetzt die Hände. „Gott sei mir gnädig! Ich glaube. Du wärst im Stande, mich alle Tage so lange zu peinigen und zu martern, bis meine Augen das nötige Maß Salzwasser vergossen hätten! Das sähe Dir ähnlich; Dir geht zuletzt noch das Urteil der Leute oder der Anstand, wie Du’s nennst, über Weib und Kind und über Alles.“
Sie war aufgesprungen und man hörte deutlich das Geräusch ihrer arbeitenden Lungenflügel. Leuthold be­trachtete sie mit Wohlgefallen, wie sie so vor ihm stand mit rollenden Augen und aufgeworfenen Lippen. Es war doch einmal eine Bewegung über sie gekommen, freilich nur die des Zornes, aber da das Genie immer leidenschaftlich ist, so sieht auch umgekehrt die Leidenschaft oft genial aus und leiht den unbedeutendsten Menschen einen vorübergehenden Nimbus.
„So gefällst Du mir!“ sagte Leuthold, zog sie zu sich herab und ließ behaglich seine kühle Hand über ihre warmen Schultern gleiten. In demselben Augenblick er­scholl aus dem Nebenzimmer die Stimme eines Kindes. Gretchen wacht auf“, rief Bertha, vergaß ihren Zorn und ging mit so schnellen Schritten hinein, daß sich die Dielen unter ihrer Last ächzend bogen und der Gatte die Erderschütterung auf seinem Sofa spürte. Bald kehrte sie zurück mit einem hübschen, etwa dreijährigen Kinde auf dem Arme, das sie trotz seiner Stärke und Größe auf- und niederschaukelte wie einen Gummiball. Sie warf es nun mit mütterlichem Stolz ihrem Manne auf den Schoß und dieser preßte das schwere Fleischklümpchen an den schmalen flachen Brustkasten, den es in der Wucht des Falles fast eingedrückt hätte. Er liebkoste entzückten Angesichts das Kind, aus seinen Augen brach ein Strahl, wie wenn die Wintersonne über einer Schneelandschaft aufgeht. Denn er besaß nicht nur Vaterliebe, sondern auch etwas, was dieser zum Verwechseln ähnlich ist: Vater-Eitelkeit! 
„’S ist merkwürdig“, sagte die glückliche Mutter, „wenn man denkt, daß das Dein Kind ist!“ —
„Weshalb?“ fragte Leuthold überrascht.
„Ei nun, daß solch ein schwächlicher hagerer Mann, wie Du, solch dickes Riesenmädchen zur Tochter haben kann! — Das kommt mir gerade vor, als ob so ein dünner Ährenstengel gleich Groschensemmeln statt Körnern trüge!“ Sie lachte unbändig über diesen Einfall, ohne zu bedenken, daß der Gemahl sich eben nicht sehr geschmeichelt dadurch fühlte. „Man sagt“, fuhr sie fort, „was lange währt, wird gut! — Na, ’s hat lange gewährt, bis wir das Mädel bekamen, aber es wurde auch gut!“ Dann steckte sie die kleine runde Hand des Kindes in ihren geräumigen Mund, als wolle sie sie abbeißen und machte „Wau, wau, wau!“ Die Kleine jauchzte und dieser, eine Mutter so sehr entzückende Ton verfehlte seine Reflex-Wirkungen auf Berthas Kehle nicht, sie jauchzte mit, daß es ihrem zarten Gemahl in die Ohren schrillte. „Wenn nur der Molch, die Ernestine, ein Junge wäre, da könnte sie Gretchen einmal heiraten und man hätte doch gleich einen Mann für das Mädel“, meinte sie nach einer Pause.
„Schwatze doch nicht so töricht“, sagte Leuthold, „einen Sohn würde Hartwich eben so leidenschaftlich lieben, als er Ernestine haßt, und einem Sohne hätte er sein ganzes Vermögen vermacht. Dem unerhört günstigen Zu­fall allein, daß Ernestine nur ein Mädchen ist, verdanken wir das Glück, ihn zu beerben! Gesetzt aber auch, Alles wäre, wie es ist und Ernestine wäre ein Knabe — meinst Du, so wohlfeil würde ich einst meine Tochter hergeben? Nein, unser Gretchen wird eine so glänzende Partie, so schön und so reich, daß ich sie wahrlich nicht an einen Herrn von Hartwich vermähle. Dies Prachtexemplar wird mich einmal zum Schwiegervater eines großen Staats­manns, eines berühmten Gelehrten — oder doch wenigstens eines Grafen machen!“
„Und mich zur Gräfinmutter!!“ rief die Gattin in Wonne zerfließend. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Ernestine hatte indessen ihren Weg fortgesetzt. Lang­sam schritt sie über die weitgedehnten Kartoffelfelder in dem, durch keinen Baum oder Strauch gehemmten Brand der Vieruhrsonne. Der enge Leib des verwachsenen Kleid­chens preßte die kleine Brust zusammen, daß sie öfter stehen bleiben mußte, weil sie zu ersticken glaubte, der Schweiß rann an ihr herab, als müsse das kraftlose Körperchen seine letzten Säfte hergeben. Die Sonnenstrahlen sammelten sich wie glühende Dolchspitzen auf ihrem Scheitel — und doch mußte sie weiter und durfte nicht zurück; die Furcht vor dem Vater war noch größer als die Qualen, die sie litt. Lieber von den goldenen Sonnenstrahlen gestochen, als von der rohen Faust des Vaters zerschlagen werden! Aber doch konnte sie nicht umhin, bitterlich zu weinen, daß Alle so erbarmungslos gegen sie waren. Was hatte sie nur verschuldet, daß der Vater sie so haßte? sie konnte ja nichts dafür, daß sie häßlich und daß sie — kein Junge war! — „Ach, warum mußt’ ich ein Mädchen werden?“ schluchzte sie und setzte sich todesmatt in das graue, verbrannte Kartoffelkraut auf die harten ausgetrockneten Schollen. Sie umschlang mit beiden Armen ihre Knie und dachte darüber nach, warum denn Knaben etwas Besseres seien, als Mädchen, und ob sie denn nicht am Ende auch vollbringen könne, was jene vollbrächten? — Der Schullehrer sagte ja ohnehin immer, sie lerne besser und sei klüger als die Buben! Was fehlte ihr denn nun noch? Die Kraft und die Wildheit und der Mut! Ja, das war freilich viel — aber ließ sich denn das nicht erringen mit der Zeit? — Sie dachte ernst darüber nach. Sie wollte ihre Kraft üben; sie hatte einmal gelesen, wie ein Mann ein Kälbchen herumgetragen und, weil er dies jeden Tag getan, es gar nicht gemerkt hatte, wie das Kälbchen allmälig wuchs und schwerer wurde, so daß er zuletzt auch den mächtigen Stier noch heben konnte. So wollte auch sie es machen; sie wollte erst kleine, dann immer größere Lasten schleppen, bis sie die größten zu bewältigen vermochte. Und wild konnte sie auch sein, wenn sie nur durfte, und ihre Ängstlichkeit wollte sie sich gleichfalls abgewöhnen. Dann, hoffte sie, werde der Vater schon zufrieden sein! — Sie sprang getröstet auf und ging weiter. Der Vorsatz stand nun fest in ihr, — sie wollte werden wie ein Knabe! — 

Zweites Kapitel. 
Das Märchen vom häßlichen jungen Entlein.
Nach einer Stunde erreichte Ernestine ein schönes weitläufiges Gehölz und, als sie dies durchschritten, einen Garten, an dessen Ende ein prachtvolles Landhaus stand. Vor dem Hause war ein weiter Rasenfleck, auf dem sich eine Schar munterer Kinder tummelte und in dessen Mitte der hohe Wasserstrahl eines Springbrunnens glän­zende Glaskugeln auf und nieder trieb. Vor den geöffneten Türen eines in den Garten führenden Salons saß eine Gesellschaft elegant gekleideter Damen und Herren, Diener in funkelnder Livree reichten Erfrischungen auf silbernen Platten umher. Ernestine stand wie geblendet von aller der Pracht und Herrlichkeit. Sie wagte nicht heranzutreten. Wie sollte sie? An wen durfte sie sich wenden? Niemand kam ihr entgegen, Niemand redete sie an. Der Schweiß brach ihr von Neuem aus, ihre Verlegenheit war unbe­schreiblich, als plötzlich die schönen, reich gekleideten Kinder auf dem Rasenplatz ihr Spiel unterbrachen und mit ver­wunderten Mienen nach ihr hinsahen. Ernestine bemerkte, wie ein kleines Mädchen das andere am Kleide zupfte .und mit dem Finger nach ihr zeigte. Sie verstand ganz deutlich, wie einige fragten: „Was will denn die?“ — Sie war nahe daran, wieder umzukehren, aber in dem Augenblick hatte man sie in der Gesellschaft vor dem Hause bemerkt und einen Bedienten nach ihr geschickt, sie zu fragen, wen sie suche. Es flimmerte ihr vor den Augen, als der große Mann mit vornehmer Haltung auf sie zuschritt und sie scharf anredete: „Was willst Du hier?“
„Nichts“, erwiderte Ernestine, „ich wäre gar nicht gekommen, wenn ich nicht gemußt hätte!“
„Wer bist Du denn?“ fragte der Bediente.
„Ich bin ja Hartwichs Ernestine!“
„Ah, so!“ sagte er jetzt mit einer kurzen Verbeugung; „das ist etwas Anderes, Sie sind eingeladen. Darf ich bitten?“ mit diesen Worten führte er die willenlos Folgende zu den Damen und meldete: „Fräulein von Hartwich!“
Aller Augen richteten sich nun mit Blicken auf Ernestine, die ärger stachen und brannten, als vorher die Sonnen­strahlen. Die Leute dachten nicht daran, daß das kleine stille Wesen, das vor ihnen stand, eine Seele habe, so zart besaitet und so hoch gespannt, daß jeder Hauch von Verachtung, der darüber rauschte, einen schrillen Mißklang, einen schmerzlichen Aufruhr darin hervorbrachte; sie be­trachteten nur mit der Rücksichtslosigkeit, welche gewöhn­lichen Kindern gegenüber ganz in der Ordnung ist, die schwarzen, schlaff herabhängenden Locken, die eingesunkenen Wangen, die altklugen, scharfen Züge des bleichen Gesichts, die finstern, tiefliegenden Augen mit dem scheuen, unsichern Blick, die bitter verzogenen, festgeschlossenen Lippen und endlich die abgezehrte Gestalt mit dem verwaschenen kurzen Kleidchen und den schmalen, aber langen Füßen und Händen. —Bei den meisten Menschen ruft ein häßliches Äußere mehr Widerwillen als Mitleid hervor und um dies vor sich selbst zu beschönigen, bilden sie sich dann ein, der arme Häßliche habe einen „unangenehmen Aus­druck“; sie können ihm so einen Vorwurf aus seiner Häßlichkeit machen, als sei diese durch die Häßlichkeit der Seele selbst verschuldet worden, und ihr Widerwille ist scheinbar gerechtfertigt. In diesem Falle befanden sich nun Alle, die das seltsame Kind sahen. Es war, als sögen sie sämtlich mit den Augen das Gift ein, das Ernestinens kleinen Körper verzehrte, das Gift des Hasses, das ihr Vater und ihre ganze Umgebung in ihre junge Brust ge­träufelt hatten, und als wirke dieses Gift sogar in den Fremden auf sie zurück. Dies empfand die Kleine mit wunderbar sicherem Instinkt und wo einer jener lieblos forschenden Blicke hinfiel, da war es ihr, als werde ihr eine Sonde in eine Wunde gesenkt, und wenn sie auch nicht verstand, was die Damen sich französich zuflüsterten, sie hörte am Ton, in dem sie sprachen, daß es Spott und Mißfallen war. Sie ward sich plötzlich gegenständlich, wie in einem Spiegel; sie betrachtete sich mit den Augen jener Leute und sie sah, was sie nie gesehen hatte, daß sie grenzenlos häßlich und linkisch, daß sie schlecht gekleidet sei und glühend stieg die Scham in ihr auf, die Scham über ihr armes unschuldiges Dasein. Sie hatte in der einzigen Minute vom Baume der Erkenntnis gegessen, einer Erkenntnis, die Tausende früher oder später aus dem Paradies kindlicher Unbefangenheit treibt: der des eigenen Unwerts!
Sie war in jenes Stadium getreten, wo der Mensch mit sich selbst zerfällt, weil er sich ungeliebt, unbegehrt sieht, wo er sich selbst verachtet, weil er sich verachtet sieht, sich selbst häßlich findet, weil er Niemandem gefallt. Was sie auch bisher gelitten, sie war immer noch mit sich im Frieden gewesen, jetzt auf einmal war sie in Feindschaft mit sich und der ganzen Welt geraten. Es schnürte ihr den Hals zu, — es schwindelte ihr und heiße Tränen quollen ihr aus den Augen. — Da kam aus dem Salon eine große stattliche Frau hinzu. „Frau Staatsrätin“, rief ihr eine Dame mit unverkennbar spöttischer Miene entgegen, „Sie haben einen neuen Gast bekommen!“
„Das ist wohl die kleine Hartwich?“ fragte die Wirtin und gab sich sichtlich Mühe, ihr Befremden über die Er­scheinung Ernestinens hinter einem gütigen Tone zu ver­bergen; sie reichte ihr die Hand: „Guten Tag, mein Kind, — es ist recht, daß Du kommst. Willst Du nicht eine Erfrischung zu Dir nehmen? Du bist erhitzt, — Du wirst doch nicht den ganzen Weg zu Fuße gemacht haben? — Ja?! o, das ist aber gar zu viel bei der Hitze! — Ein so zartes Kind!“ sagte sie mit einem Blick des Mitleids zu den Andern. Sie mischte nun schnell einen Teller Him­beeren mit Zucker und nötigte Ernestine, sich zu setzen und zu essen, — aber die Übrigen sahen sie immer noch so durchdringend an, — sie vermochte kein Glied zu regen, sie vermochte kaum, den Teller zu halten, wie sollte sie gar essen, während alle die Leute ihr zuschauten, sie hätte vor Zittern den Löffel nicht zum Munde führen können.
Sie würgte die immer reicher aufquellenden Tränen hinunter, so gut es ging, denn sie schämte sich auch zu weinen und sagte leise:
„Ich möchte wieder nach Hause!“ — 
 „Nach Hause!“ rief die Staatsrätin, „ei, das kann nicht sein, mein Kind, Du hast Dich ja noch nicht einmal ausgeruht und bist so angegriffen! Komm’, liebe Kleine, ich bringe Dich in ein kühles Zimmer, wo Du Dich ein wenig erholen kannst, ehe Du mit den andern Kindern spielst!“ Sie nahm Ernestinen an der Hand und führte sie in das Haus, durch mehrere prachtvolle Salons in ein kleineres, aber hohes Gemach mit geschlossenen Läden und grüner Damasteinrichtung, in dem es so still, so dunkel und frisch war, wie in einem Wald. Auch an Duft fehlte es nicht in dem kühlen Raum, denn auf dem Tisch stand ein Glaskörbchen mit den herrlichsten Rosen.
Ernestine war sprachlos vor Bewunderung über all das Schöne, was sie hier umgab. Sie hatte in ihrem Leben noch kein so prächtiges Zimmer gesehen, keine so reine Atmosphäre geatmet. Die Staatsrätin hieß sie, sich auf einen der grünen Damastdivans legen, was sie jedoch nur nach langem Sträuben und erst tat, nachdem sie ihre staubigen Stiefel ausgezogen hatte, ohne zu be­denken, daß dadurch ihre zerrissenen Strümpfe zu Tage kamen, und als nun die Staatsrätin mit einem freund­lichen „Schlafe wohl, liebes Kind!“ weggegangen und sie allein war, da brach eine Flut neuer Empfindungen über sie herein. Die Bitterkeit des eben Erlebten, die schmerzliche Freude über die Güte der Staatsrätin, der Zauber, den Pracht und Reichtum auf jedes Kinderherz üben, das Alles wogte in dem kleinen Kopfe wirr durcheinander. Die Einsamkeit in dem kühlen Gemach wirkte jedoch bald beruhigend auf sie. Das grüne Dunkel tat ihren ver­weinten, sonnengeblendeten Augen so wohl, sie fühlte sich so selig geborgen vor den bösen stechenden Blicken; es war so kühl und still hier, so still, daß sie das Rauschen ihres eigenen Blutes zu hören glaubte. Sie dachte an ihre Plättstube und an des Vaters dumpfes Krankenzimmer daheim. Welch ein Unterschied war das! Ach, hätte sie für immer hier bleiben dürfen! „Wie ist es möglich, daß Menschen böse sein können, die es so gut haben, und daß sie sich über ein armes Kind lustig machen können, das dies Alles entbehrt?“
Aber die Frau Staatsrätin, der die Zimmer ge­hörten, die war doch gut, — ach, wie gut! Aber so ganz anders, als Alle daheim, — so — wie nur? So vor­nehm! — Ja, zu Hause waren Alle mit ihr verglichen gemein — und Ernestine selbst war gemein, und wenn die Dame sie es auch nicht fühlen ließ, sie fühlte es doch und schämte sich auch vor der gütigen Frau. Und wenn diese Dame nun erst gesehen hätte, wie unge­zogen sie heute war, wie sie ihr Kleid abgerissen und mit Füßen getreten und Frau Gedike ein böses Weib ge­schimpft hatte.
Sie wurde rot bei dem Gedanken und nahm sich vor, nie und in keinem Augenblick mehr so zu sein, daß die Frau Staatsrätin sie nicht sehen dürfte! Das ästhetische Gefühl war plötzlich in dem Kinde erwacht, aber es flatterte noch wie ein scheuer Vogel hin und her; von den Ihren fühlte es sich abgeschreckt, an die neue Umgebung wagte es sich nicht anzuschließen, weil sie ihm noch zu fremd war.
 Welch’ ein innerer Adel sie vor Tausenden ge­wöhnlicher Kinder auszeichnete, dessen war sich die Kleine nicht bewußt, sie war nur tief zerknirscht über den Ver­gleich, den sie zwischen sich, jener Frau und jenen glän­zenden Kindergestalten, die sie so anmutig auf der Wiese umherschweben gesehen, anstellte und diese Zerknirschung, dieser Ekel vor sich selbst war eben der Beweis, wie fern ihrer jungen Seele das Gemeine, das Unschöne war, das man ihrer Außenseite anerzogen. — Über all diesen und ähnlichen Gedanken kam ihr der Schlaf, sie streckte sich auf dem weichen Lager behaglich aus. Das Klopfen ihres Herzens, der schmerzhafte Andrang gegen das Gehirn ließ nach und das allmälig schwächer werdende Sausen und Brausen in ihren Ohren sang sie, wie ein eintöniges, sanftes Schlummerlied, ein. —
Vor dem Hause war indessen von nichts anderem die Rede, als von dem Kinde und seiner Familie. Man fand es unerhört, daß ein Freiherr von Hartwich seine Tochter so verwahrlosen ließ, man hatte ihn zwar nie für einen echten Aristokraten gehalten, denn seine Mutter war von niederer Herkunft, die sie auch dadurch bekundete, daß sie als Wittwe des alten Hartwich wieder in ihre kleinbürgerlichen Kreise zurückkehrte und den herunter­gekommenen, gleichfalls verwittweten Fabrikanten Gleißert ihrem adligen Sohn zum Stiefvater gab, daß sie die verschuldeten Fabriken des Gatten an sich kaufte und sie dem jungen Hartwich mit der Bedingung hinterließ, sie fortzuführen, was diesem sehr unlieb war. — Gleißert besaß einen Sohn aus erster Ehe Namens Leuthold, welcher studiert und seinem Bruder nicht viel Ehre ge­dacht haben sollte — es war derselbe, der hier bei ihm lebte. —
Das Gespräch wurde unterbrochen durch die Ankunft eines ältlichen Herrn, der in einer bestäubten, aber eleganten Equipage vorfuhr. Eine Menge Ordensbänder zeigten, daß er eine bedeutende Stellung bekleide, aber daß sein Erscheinen noch von besonderer Wichtigkeit für die Frau des Hauses sei, bewies die Hast, mit der sie ihm entgegeneilte und das leise Zittern der Hand, die sie ihm entgegenstreckte. „Vivat“, rief er ihr entgegen, „Ihr Johannes hat die erste Note bekommen — glänzendes Examen — seit zehn Jahren kein solches erlebt!“
„Gott sei Dank!“ — hauchte die Staatsrätin aufatmend.
„Ja, ja!“  — fuhr der freundliche Herr fort. „Superber Junge — können sich gratulieren zu solch einem Sohn. Nicht eine Frage gefehlt — nicht eine! Und mit einer Ruhe und Sicherheit geantwortet und ohne die leiseste Spur von Arroganz — Potz Tausend noch einmal — ich wollte, ich hätte geheiratet und hätte nun auch solch einen Sohn. — Na“,  sagte er, sich zu einem Knaben von ungefähr vierzehn Jahren, der mit ihm gekommen war, umwendend — „wirst vielleicht auch einmal so — halte Dir nur den Johannes immer vor Augen. Sie erlauben doch meine Gnädige, daß ich Ihnen den Sohn eines verstorbenen Freundes, Ferdinand Hilsborn, vorstelle? Sie wissen, er verlor vor einigen Mo­naten seine Mutter und ist nun mein Adoptivkind.“
Die Staatsrätin reichte dem Knaben die Hand und sprach mit tiefem Gefühl: „Wenn ich auch Ihre Frau, Mutter nicht kannte, so beklage ich sie doch aufs Innigste, daß sie von hinnen mußte, bevor sie einen Augenblick er­leben konnte — wie der ist, den mir eben Ihr Pflege­vater durch seine Nachricht bereitet!“
Dem sanften Knaben traten bei diesen Worten die Tränen in die Augen.
„Denken Sie, meine Freunde“, sagte die Staatsrätin nun zu der Gesellschaft gewendet, „Johannes hat mir den Tag seines Examens verheimlicht, um mich zu überraschen, ich erriet es erst diesen Nachmittag aus einigen unvorsichtigen Worten meines Bruders Soeben bringt mir nun unser verehrter Geheimrat Heim die Nachricht seiner Promotion.“
Die Gäste drängten sich teilnehmend und glückwünschend um die stolze Mutter, welche das Gefühl, das sie bewegte, in ein stilles Gebet zusammenfaßte, während sie mechanisch auf die schönen Redensarten der Gesellschaft antwortete. —
„Aber, liebe Möller“, sagte eine Frau Landrätin2 boshaft, das ist doch ein wenig eigenmächtig von Ihrem Johannes, Sie nicht einmal den Tag seines Examens wissen 
zu lassen — darauf hat doch die Mutter ein heiliges Recht, solche Stunden mit dem Sohne zu teilen!“
„Wer die Rechte einer Mutter so heilig hält, wie mein Sohn es tut“, erwiderte die Staatsrätin mit edlem Ernst. „der darf sich wohl so etwas erlauben! Er wollte mir einige Stunden der Angst dadurch ersparen und ich danke es ihm.“ — 
„Die Frau ist ganz blind in den Sohn vernarrt!“ flüsterte die Landrätin einer Freundin zu.
„Sie wird noch völlig kindisch vor mütterlicher Eitel­keit“, — bemerkte eine andere.
„Wie kann man aber auch seinen Sohn studieren lassen, wenn man so reich ist, wie die Staatsrätin!“ meinte die Landrätin.
„Ja, ja!“ stimmten Mehrere bei, „der hätte es doch wahrlich nicht nötig, sich sein Brot auf diese Art zu ver­dienen! Hätte sie ihn Offizier werden lassen, — Schade um den schönen jungen Mann!“
„Ja, ja“, rief der alte Geheimrat zu den Damen hinüber, als habe er nur die letzten Worte gehört, „der Johannes ist ein Mann — ein Mann mit kaum zwanzig Jahren! Aber nur eine solche Mutter kann auch einen solchen Sohn erziehen!“ — Dabei klopfte er die Staatsrätin wohlwollend auf die Schulter.
„Sie sind ein Freund, wie ich ihn jeder alleinstehenden Frau wünsche, Sie sind das beste Vermächtnis meines seligen Mannes“, sagte sie, ihm dankbar die Hand reichend. „Aber wo bleibt Johannes, warum kommt er nicht mit Ihnen?“
„Er trug mir auf, seine Ankunft einstweilen für heute Abend anzumelden“, erwiderte der alte Herr. „Er muß heute Nachmittag noch einige Besuche machen. Puh“, seufzte er, während ihm die Staatsrätin eine Erfrischung reichte, „’s ist ein heißer Weg von der Stadt da heraus, ein langweiliger, — aber hier ist’s um so kühler und kurzweiliger.“ Er wischte sich die Stirne und schaute heiter im Kreise umher mit jenem freund­lichen, durchdringenden Blick, der Männern eigen ist, welche die Schwächen der Menschen durchschauen, aber mit dem Humor eines überlegenen Naturells auffassen. „Nun, meine Damen“ — fragte er gutmütig — „hat der alte Doktor eine recht anziehende Unterhaltung ge­stört? Sie sitzen ja Alle so stumm da, daß ich mir un­möglich denken kann, dieser Zustand sei ein normaler und andauernder bei Ihnen; wovon war denn die Rede, als ich kam?“
„O, von nichts Anziehendem, Herr Geheimrat“ — sagte die Landrätin verdrießlich, „wir sprachen nur über Herrn von Hartwich und dessen Bruder, welcher schlechte Streiche gemacht haben soll, von denen man leider nichts Genaueres weiß“, 
„O, darüber, meine Herrschaften, kann ich Ihnen Aufschluß geben“, sagte der Geheimrat.
Alle drangen auf ihn ein: „O, erzählen Sie, bitte, erzählen Sie!“
Der Geheimrat begann: „Ich war noch in Marburg Professor der Medizin, als jene denkwürdige Geschichte sich ereignete. Es mögen jetzt zehn Jahre her sein. Gleißert war damals extraordinarius bei uns und ein junger Mann von vielen Fähigkeiten. Durch Fleiß und ein feines, einschmeichelndes Benehmen hatte er sich bald unser Aller Zuneigung gewonnen und einer unserer Kollegen, Namens Hilsborn, der Vater des Knaben, den ich mir heute mitzubringen erlaubte, schloß sogar eine intime Freundschaft mit ihm. Sie waren Fachgenossen und Hilsobrn bekleidete die Professur, nach welcher Gleißert strebte. Beide waren Physiologen, aber Hilsborn hatte dem Lehrstuhl der speziellen Physiologie und Gleißert las als extraordinarius nur physiologische Chemie. Eines Tages vertraute mir Hilsborn an, daß er auf der Spur zu einer neuen Entdeckung sei. Seine Ideen konnten von hoher Bedeutung für die Wissenschaft werden, wenn es ihm gelang, sie durchzuführen und nach allen Seiten hin zu begründen. Die Schwierigkeit lag vorzugsweise in der Erlangung des zu den Versuchen nötigen Materials, einer Gattung von Fischen, welche nur bei Triest zu finden und nicht lebendig zu versenden war. Hilsborn, als Sohn einer armen Wittwe, klagte darüber, daß er nicht die Mittel besitze, dorthin zu reisen und seine Idee zu verwerten. Ich versprach ihm, bis zu den nächsten Ferien ein Reisestipendium vom Minister, den ich kannte, zu erwirken und hielt, auch Wort, doch leider zog sich die Sache, wie alle derartigen Angelegenheiten, länger hinaus, als ich erwartete, und die erforderliche Summe traf erst nach Ablauf der Ferien ein. Hilsborn mußte sich also gedulden bis zu der nächsten Vakanz, es handelte sich freilich um ein halbes Jahr Aufschub, doch war ja damit nichts verloren. — Plötzlich heiratete Herr Gleißert die Tochter eines wohlhabenden Gastwirts und kam um Urlaub ein, da er eine Hochzeitsreise machen wollte. Der Urlaub wurde bewilligt und Gleißert war vier Wochen fort. Seltsamer Weise erhielt sein Freund während dieser Zeit keine Nachricht von ihm und als er zurückkehrte, bemerkten wir Alle, daß er uns nicht wissen lassen wollte, wo er sich die Zeit über aufgehalten. Wir dachten, er habe hiefür Privatgründe und forschten nicht weiter nach. Das Semester war um und Hilsborn be­gab sich nun auf die Reise nach Triest. Dort arbeitete er Tag und Nacht mit übermenschlicher Anstrengung. — Das Resultat seiner Forschungen fiel befriedigend aus und er kam zurück mit den Vorarbeiten für ein Werk, welches seinen Ruhm, sein Lebensglück begründen sollte und konnte. — Eines Tages, ich werde es nie vergessen, war er gerade bei mir, als der Buchhändler mir mehrere neue wissenschaftliche Schriften schickte. Hilsborn blätterte sie heiter und unbefangen durch, auf einmal wird er leichenblaß. Unter den Büchern befand sich eines von Gleißert, das seine Idee zum Gegenstand hatte. Ich war fast ebenso erstaunt und erschrocken wie Hilsborn; es konnte kein Zufall sein, der zwei Menschen gleichzeitig auf einen so fern liegenden Gedanken geraten ließ, um so mehr, als Gleißerts gegenwärtiges Fach ihn nicht speziell auf Forschungen, wie die Hilsborns, hinwies. Nach langem, unverkennbarem Kampfe mit sich selbst ge­stand mir denn auch Hilsborn, daß er Gleißert seine Ideen mitgeteilt und sich von Anfang an oft und ausführlich mit ihm darüber besprochen habe, ohne daß dieser jemals auch nur die leiseste Andeutung fallen ließ, als habe er sich schon früher mit dem Gegenstände beschäftigt. Im Gegenteil begann er gerade damals eine Schrift über Fragen der Chemie, welche nie erschienen ist. So schwer sich auch der edle, arglose Mensch dazu entschloß, er mußte endlich an eine gemeine Betrügerei seines Freundes glauben, denn wir stellten Nachforschungen über Gleißerts Hochzeitsreise an und es zeigte sich, daß er in Triest gewesen war, daß er dort die von Hilsborn beabsichtigten Untersuchungen gemacht und mit einer auffallenden Eile den Druck des Werkes beschleunigt hatte. — Die äußere Tatsache einer nichtswürdigen Handlungsweise stand fest — und ebenso fest stand in uns Allen die moralische Überzeugung, daß Gleißert nicht selbst­ständig auf Hilsborns Idee geraten war, sondern sie gestohlen hatte! — Ich zog ihn als damaliger Prorektor zur strengsten Verantwortung. Seine Verteidigung war schlau, aber keineswegs überzeugend oder beweisend. Ja, ein Hauptargument der Anklage vermochte er nicht abzu­leugnen, nämlich die höchst verdächtige Tatsache, daß er sich aus sogenannter Freundesfürsorge von Hilsborn hatte das Versprechen geben lassen, keinem Menschen dessen Entdeckung mitzuteilen, „damit sie nicht gemißbraucht würde!“ Er wollte also alleiniger Besitzer des Geheim­nisses sein, um nicht durch irgend einen Zeugen für Hils­borns Autorschaft des Diebstahls überführt werden zu können. — Ich frage die verehrte Gesellschaft“, unterbrach sich der alte Herr in edler Entrüstung, „ist bei diesen Tatsachen noch ein Zweifel an der Niederträchtigkeit des genannten Herrn möglich?“ — 
„Nein, gewiß nicht, Herr Geheimrat, gewiß nicht!“ riefen Alle einstimmig.
„Nun“, fuhr der Erzähler fort, „so erging es auch uns! Wir beschlossen sämtlich, den unglücklichen, um seine schönsten Bestrebungen und Hoffnungen betrogenen Hilsborn zu rächen. Wir hatten freilich keine gesetzlichen Waffen gegen Gleißert in der Hand. Unser plumpes, täppisches Gesetz straft wohl Nachahmungen und Fälschungen, aber dem Ideendiebstahl vermag es nicht auf seinen leisen Geistesspuren zu folgen. Der hungrige Bettler, der ein Brot nimmt, wird eingesperrt, aber der, welcher einem Menschen sein Bestes, Kostbarstes stiehlt, seinen eigenen schmerzgeborenen Gedanken, die Frucht jahrelangen Mühens, — der geht frei von dannen! — Wir Professoren übernahmen es, das Gesetz zu ergänzen. Wir veröffentlichten die Sache in allen wissenschaftlichen Blättern — und reichten einstimmig beim Ministerium unser Ent­lassungsgesuch ein, da wir es nicht mit unsererer Ehre verträglich fänden, länger die Kollegen eines solchen Menschen zu sein. — Natürlich wurde Gleißert hierauf schimpflich entlassen und ihm die akademische Laufbahn dadurch für immer verschlossen. — Ich wurde bald darauf von Marburg wegberufen und seit ich Leibarzt des Königs und in der Hauptstadt bin, habe ich meinen ehemaligen Kollegen aus den Augen verloren. Hilsborn kränkelte seit der Zeit und starb wenige Jahre spater. Sein Sohn ist jetzt mein Adoptivkind. — Was aus Gleißert wurde, weiß ich nicht!“ —
„Das kann ich Ihnen sagen“, begann ein stattlicher Herr, der nach der Ähnlichkeit ein Bruder der Staatsrätin sein mußte. „Ich kenne die Verhältnisse hier sehr genau, weil ich die Absicht habe, die Fabriken Hartwichs für meinen Sohn zu kaufen. Nach den Berichten des Schullehrers spielt der saubere Patron auch hier eine zweideutige Rolle. Es sei nicht zu leugnen, daß er durch seine Leitung und wichtige chemische Er­findungen den Wert der Fabriken seit seiner Ankunft um das Doppelte erhöhte, denn Hartwich sei ein sehr beschränkter Mensch, der nichts verstehe und aus kleinlichem Geiz nie den Mut zu größeren Spekulationen gehabt habe; aber die Art, wie er sich für seine Tätigkeit bezahlt machte, ist denn doch sehr auffallend. Fünf Jahre lang hatte er nur den Gehalt eines Direktors und freie Station, er schien den Zeitpunkt abzuwarten, wo er seinen Schnitt machen konnte. Dieser kam auch. Eines Tages traf Herrn von Hartwich der Schlag und die Ärzte sprachen ihm nur noch wenige Jahre Leben zu. Diesen Augenblick der Hilflosigkeit benützte Gleißert und drohte ihm mit seinem Austritt aus dem Unternehmen und anderweitiger Verwendung seiner Erfindungen, welche für die Fabrik von höchstem Werte waren, wenn Hartwich ihn nicht zum Erben seines Vermögens ernenne. Hartwich, der ihn gerade jetzt nötiger brauchte als je, ging auf seine Bedingungen ein, setzte jenes arme kleine Mädchen auf den Pflichtteil und machte ein gerichtliches Testament zu Gleißerts Gunsten.“ —
„’s ist doch ein böser Bube, dieser Gleißert“, rief der alte Geheimrat, „also auch ein Erbschleicher? Nun möcht’ ich wissen, was dem Kerl noch heilig ist?!“
„Wir wollen einmal das Kind über ihn ausfragen“, rief eine der Damen.
„Ja, ja“, stimmten mehrere bei. „Das wäre inter­essant. Ach, liebe Staatsrätin, holen Sie die Kleine doch!“
Die Staatsrätin sah nach der Uhr und überlegte, ob sie Ernestinen schon wecken solle; da sie jedoch seit fast einer Stunde schlief, ging sie, nach ihr zu sehen. Bald kehrte sie mit ihr zurück und wieder mußte die Kleine zwischen den Neugierigen Spießruten laufen. Doch die Ruhe hatte sie erquickt und gestärkt, sie war diesmal standhafter.
Da hörte sie, wie der alte Geheimrat seinem Nachbar zuflüsterte: „Wie kommt der dumme Hartwich zu einem so klugen Kinde — sehen Sie doch diesen merkwürdigen Kopf an. Schade, daß die Kleine kein Knabe ist — daraus würde etwas!“
Das Wort fuhr Ernestinen zündend durch die Seele! — Schon wieder mußte sie das hören, — von einem ganz fremden Mann, — das furchtbare „Schade, daß sie kein Knabe wurde.“ —
Sie richtete sich hoch auf, als wäre sie um einen Zoll gewachsen und blickte zu dem unvorsichtigen Sprecher Hinüber, als wolle sie ihm zurufen: „Es wird doch etwas daraus!“ Dann schaute sie verlangend nach den spielenden Kindern, die sich eben im Werfen von Bällen übten; wenn sie nur jetzt unter ihnen wäre, sie wollte schon zeigen, daß sie es den Buben gleichtun könne. Da faßte sie die Landrätin an der Hand und sagte: „Nun, liebes Kind, erzähle uns doch auch etwas von Deinem Vater, wie geht es ihm?“
 Ernestine sah sie wie verwundert über diese Frage an: „Ich habe ihn nicht danach gefragt!“
Die Damen winkten sich verstohlen zu. 
„Hast Du ihn denn heute nicht gesehen?“ 
„Doch!“ antwortete sie kurz. 
„Hast Du denn Deinen Vater recht lieb?“ fragte die Landrätin weiter.
Ernestine stutzte — dann aber sagte sie ruhig und fest: „Nein!“
Die Fragerin ließ des Kindes Hand los, als habe sie ein Insekt gestochen: „Das ist ja eine zärtliche Tochter!“ höhnte sie, während die Andern die Köpfe schüttelten. „Wen hast Du denn eigentlich lieb — Deinen Onkel vielleicht?“
„Ich habe zu Hause Niemanden lieb, — aber meinen Onkel kann ich doch besser leiden als den Vater; er schlägt mich wenigstens nicht!“ antwortete Ernestine.
„Nun es scheint, Gleich und Gleich gesellt sich!“ warf eine Dame hin, die Übrigen nickten ihr mit ent­setzten Gesichtern zu und Alle wandten sich von Ernestinen ab.
„Das ist ein unglückliches Kind“, sagte die Staatsrätin und erhob sich, um die Gefolterte zu der kleinen Gesellschaft zu führen. „Angelika! hier ist Ernestinchen von Hartwich“, rief sie ihrem etwa achtjährigen Töchterchen zu, „sei hübsch Deiner Pflichten als Wirtin eingedenk!“
Die Kinder, zu welchen die Staatsrätin ihren Schützling hinführte, stoben scheu auseinander wie eine Vögelschar, wenn ein Papierdrache unter sie hinein­fliegt. In einzelnen Gruppen umstanden sie von Weitem das fremde Mädchen und flüsterten sich lebhaft zu. — Ernestine sah sich gemieden, allein, inmitten des glänzenden Kreises, an den sie noch kurz zuvor so bewundernd ge­dacht; sie war behaftet mit dem ganzen Fluch einer Vogelscheuche, aber sie hatte den grausamen Vorzug vor jener, daß sie diesen Fluch empfand. Sie fühlte, daß sie jenen frohen Kreis auseinander gesprengt hatte, daß sie die Kleinen von sich bannte, daß man sich vor ihr scheute, und wieder glaubte sie, in die Erde sinken zu müssen und ihre schwachen Kniee zitterten unter der Last des Spottes und der Verachtung, die hier von Neuem über sie hereinbrach. — Die Staatsrätin warf der
kleinen Angelika einen strengen Blick zu, den Ernestine gewahrte, und sagte: „Gib Deiner neuen Freundin die Hand!“
Ein Paar größerer Mädchen kicherte verstohlen; Ernestine verstand, wie sie flüsterten: „eine schöne Freundin!“
Angelika trat nun zu Ernestine und reichte ihr das runde weiche Händchen, zog es aber gleich wieder zurück, blieb eine Weile stumm vor ihr stehen, betrachtete den alten braunen Strohhut, den Ernestine in der Hand hielt, wagte es auch einmal, ihr flüchtig in die Augen zu schauen und schmiegte sich dann verlegen und ängstlich an die Mutter. Diese sprach dem rosigen Kinde milde aber ernst zu, sie sprach französisch und die Kleine ant­wortete ihr ebenso. Ernestine staunte. Das Mädchen verstand schon eine fremde Sprache und war doch noch kleiner als sie, — und sie verstand keine! Und sie wollte so klug sein wie ein Junge und wußte noch nicht einmal so viel als das kleine Mädchen? Und sie mußte es sich gefallen lassen, daß man in ihrer Gegenwart über sie redete, als wäre sie gar nicht da; sie stand so stumm dabei und konnte sich doch denken, daß es nichts Gutes war, denn sonst hätte sie es ja deutsch sagen können. Die doppelte Beschämung drückte sie nun nieder, die — unwissend zu erscheinen und die, daß man in ihrer Gegenwart gleichsam hinter ihrem Rücken sprach.
„Frau Staatsrätin“, sagte sie mit bebender Stimme, „Ich bleibe nicht da, — die Kinder wollen mich nicht, — ich bin zu schlecht für sie!“ Sie wandte sich zum Gehen wollte nun unwiderruflich fort, — da siegte aber das gute Herz der kleinen Angelika, sie lief ihr eilig nach und hielt sie fest: „Nein, nein, liebe Ernestine, Du bist nicht zu schlecht für uns; Du bist nur so sonderbar — ganz anders als wir Alle! Komm wir wollen mit Dir spielen!“ Da faßte die Staatsrätin Angelika in die Arme und rief, sie mit Küssen bedeckend: „So ist’s recht, so bist Du wieder meine Angelika, mein braves, süßes Kindchen!“
Ernestine sah diese Zärtlichkeit mit Staunen und es quollen ihr heiße Tränen aus den Augen: so lieb war nie jemand mit ihr gewesen, welch ein Glück mußte es sein, so geherzt und geküßt zu werden! Aber das wurde ihr nimmer zu Teil, — warum nicht? warum liebte sie Niemand? Angelika war doch auch nur ein Mädchen — warum ließ man es sie nicht entgelten? Sie war aber auch so herzig, so schön — wer sollte sie nicht gern haben? Da zuckte es durch das kleine Herz, als würde ein Messer hindurchgestoßen: „so schön“ — wiederholte sie — „das ist es — warum man sie liebkost und sich ihrer freut: ich bin nicht nur ein Mädchen — ich bin auch ein häßliches Mädchen; darum mag mich kein Mensch!“
„Nun“, sagte Angelika, „warum starrst Du so vor Dich hin? Komm zu den Andern.“ Sie führte die Willenlose zu dem Springbrunnen, den die kleine Ge­sellschaft mittlerweile aufgesucht hatte. Die Kinder unter­hielten sich damit, Kieselsteinchen nach den gläsernen Kugeln zu werfen, die der Wasserstrahl auf und nieder trieb. Aber weder Mädchen noch Knaben trafen, die Kugel war jedesmal wieder gefallen, ehe sie der Stein erreichte und sie sollte getroffen werden, wenn sie auf der Spitze des Strahles tanzte. Die Kinder lachten einander weidlich aus und selbst die Erwachsenen und Eltern wurden auf ihre Bestrebungen aufmerksam und kamen herbei. Ernestine sah in ihrer gewohnten brütenden Weise dem Spiele zu. Sie erriet sehr bald, woran der Fehler lag, der Stein brauchte länger, bis er den Sprudel erreichte, als die Kugel oben blieb. Sie rechnete schnell heraus, daß, wenn man richtig nach der Spitze der Wassersäule zielte, während der Ball noch unten war, dieser beim Steigen mit dem Stein gleichzeitig zusammen­treffen würde. Eben hatte der vierzehnjährige Hilsborn gefehlt und bewiesen, das auch er nicht wußte, worauf es ankam, — da faßte sie der Ehrgeiz — war sie häßlich, so wollte sie doch wenigstens zeigen, daß sie klug sei — und war sie auch nur ein Mädchen, so wollte sie doch zeigen, daß sie Kraft und Geschicklichkeit habe. Sie blickte unwillkürlich nach dem alten Geheimrat hinüber, ob er sie wohl sehe und als dies der Fall zu sein schien, bückte sie sich schnell, nahm einen größeren Stein als die Andern, um sicherer zu treffen, stellte sich nach Art ihrer bisherigen Gefährten, der Bauernbuben, mit gespreizten Füßen fest hin, schwenkte zielend den Arm dreimal herum und als die Kugel unten war, schleuderte sie mit aller Kraft den Stein nach der Höhe, welche der aufsteigende Strahl erreichen mußte. Der Zufall war boshaft genug, zu begünstigen, der Stein prallte richtig an die emporgetriebene Kugel und der Zusammenstoß war so heftig, daß diese aus der Wassersäule heraus geschnellt weit über die Umstehenden wegflog und einem Kinde auf den Kopf fiel, wo das dünne Glas klirrend zerbrach. Das Kind schrie mehr aus Schreck, als aus Schmerz laut auf; eine große Bewegung entstand — die Mama des Getroffenen stürzte mit schrecklichen Gebärden auf ihren weinenden Liebling zu, — die „Wunde“ wurde untersucht, gestickte Taschentücher wurden gleich in das Bassin getaucht und als Umschläge auf den dicken Kopf des Kleinen gelegt und gleich einer düsteren Wolke schwebte die Besorgnis über dem teilnehmenden Kreis — „es könne gar ein Glassplitter in die Hirnschale ein­gedrungen sein!“ Ernestine stand wie eine Gerichtete da, sie fühlte sich eines Mordes überführt und als sie nun noch von allen Seiten hören mußte: Welch un­weibliches Wesen! — Wie wild und unfein! — Wie kann man ein Mädchen so knabenhaft erziehen! und dergleichen mehr — da brach Alles in ihr zusammen. Nun war sie wie ein Junge gewesen, und nun war es auch nicht recht — was sollte sie nur machen, um den Leuten zu gefallen und sich ein klein wenig Zuneigung zu erringen? Da trat der alte Geheimrat zu ihr und zog ihre krampfhaft verschlungenen Händchen aus ein­ander. „Tröste Dich, kleines bleiches Mädchen, das Un­glück ist nicht so groß — Du mußt eben künftig solche Kraftübungen den Knaben überlassen!“ Damit ging er weg, untersuchte die sogenannte Wunde des Beschädigten und erklärte lachend, daß er erst eine Lupe holen müsse, um sie zu sehen. — Die übrigen Mütter zeigten jedoch eine um so größere Teilnahme an dem „Unglück“, je größer ihr Ärger war, daß sich Ernestine geschickter als ihre eigenen Kinder gezeigt hatte.
Das Alles fühlte Ernestinens feiner Instinkt sogleich heraus, — sie blickte auf den summenden Knaul ihr feindlicher Menschen mit einem Abscheu wie auf einen Wespenschwarm, in den sie getreten. Sie hörte das Auf­heben, das von dem kleinen Vorfall gemacht wurde, mit grenzenloser Bitterkeit und dachte daran, wie sich zu Hause, wenn ihr der Vater Beulen geschlagen, kein Mensch darum kümmere und wie sie erst kürzlich eine Wunde, die sie sich in die Stirn gefallen, am Brunnen selbst auswaschen mußte. — Und nun hatte auch noch der alte Herr gesagt, sie solle dergleichen Kraftübungen den Jungen über­lassen! — und sie hatte es doch so geschickt gemacht, — also sollte sie nicht einmal mit den Knaben wetteifern, selbst wenn sie es konnte? Weshalb nicht? Warum waren denn jene so bevorzugt? Das war jedenfalls eine Ungerechtigkeit! Ihre kleinen Fäuste ballten sich. Wenn sie nur erst groß geworden — dann wollte sie es den Leuten schon zeigen, welch eine Ungerechtigkeit das sei! Sie nahm es sich fest vor.
Da kam die kleine Angelika herbei und rief die zer­streuten Kinder wieder zu einem Spiel zusammen. „Komm Ernestine“, sagte sie, „Du hast es ja nicht mit Willen getan — komm nur und spiele mit uns, wir machen ,blinde Kuh‘.“ 
Ernestine wagte in nichts mehr zu widersprechen; sie war so eingeschüchtert, daß sie Alles mit sich geschehen ließ und es duldete, daß man sie zur blinden Kuh ausersah und ihr die Augen fest verband. Sie wagte nicht, aufzuschreien, als ihr eine Menge Haare in die Binde hinein geknüpft wurde, obgleich sie vor Schmerz die Zähne zusammenbiß. Nun begannen die schlimmsten Neckereien. Das Eine riß sie an ihren langen Locken, das Andere erschreckte sie durch das Ansetzen von Käfern und Raupen und dergleichen Späße mehr, die ebenbürtigen Freunden zugefügt, und von diesen erwidert, harmlos sind, ein blödes Kind aber, das sich nicht zu wehren wagt, zur Verzweiflung bringen. Niemand wollte sich greifen lassen von der Verpönten, die man nur auf Wunsch der Wirtin wieder in das Spiel aufgenommen hatte, da­gegen glaubte man sich berechtigt, ihr jeden denkbaren Schabernack anzutun. Ernestine erhaschte nichts und drehte sich ewig vergeblich im Kreise. Dabei war sie so gewissenhaft, daß sie nicht daran dachte, die Binde ein wenig zu lüften, damit sie ihre Umgebung sehen könnte, sie wäre sich wie eine Lügnerin erschienen und lügen wollte sie niemals. Da faßte sie eine Hand am Strohhut und dessen alte morsche Krämpe riß aus­einander und fiel ihr zum Jubel der Andern wie ein Halskragen auf die Schultern herunter. Das war dem armen Kinde ein schwerer Verlust, denn sie wußte, daß sie keinen Hut zu Hause bekäme, wohl aber Schläge für ihre Nachlässigkeit. Sie haschte heftig nach der Täterin und erwischte sie am Rocke; diese aber, ein größeres Mädchen, riß sich rasch los und Ernestine,, die sehr fest gehalten, behielt ein Stück ihres dünnen eleganten Sommer­kleides in der Hand; sie sah nicht, daß das Mädchen so­gleich zu seiner Mutter lief und seinen Schaden klagte, die Binde verhüllte ihr wohltatig die empörten Mienen der Damen und sog die Tränen ein, die sie still um den zerrissenen Hut weinte. Sie stand regungslos inmitten der Wiese und wußte nicht, was sie tun sollte, denn es näherte sich nun kein Kind mehr und das Spiel schien unterbrochen zu sein. Plötzlich traf sie eine derbe Ohrfeige. Der siebenjährige Bruder des beleidigten kleinen Fräuleins hatte sich herangeschlichen und seine Schwester gerächt. Eine Empörung und ein Zorn kochte in dem gequälten Kinde auf, der es fast sinnlos machte; sie packte den Knaben, als er an ihr vorüber wollte und begann mit ihm zu ringen. Er trieb sie Schritt um Schritt rückwärts, sie konnte die Hände nicht frei machen, um die Binde zu entfernen, sie wußte nicht, wo sie war, sie wollte nur ihren Feind nicht loslassen, denn Alles, was sie erlitten, drängte sich in der kleinen Brust zu Haß und Groll zusammen. Da ertönte ein Schrei und gleichzeitig fühlte sie sich über etwas stolpern und fiel; sie hielt sich mühsam mit den Händen an ihrem Gegner fest, während ihre Füße bis ans Knie im Wasser hingen, — sie war über den Rand des Bassins geraten. Die Gesellschaft eilte herbei, man griff zuerst nach dem Knaben, an dem sich Ernestine hielt, um diesen in Sicherheit zu bringen, dann half man dem zitternden Kinde herauf und ließ es stehen mit zerfetzten triefenden Kleidern, fröstelnd, sich selbst und Andern ein Gegenstand des Schreckens und Abscheus.
Was hatte das entsetzliche Geschöpf Alles getan! Einem Kinde hatte ihr Wurf fast das Leben gekostet, dem andern hatte sie ein neues wertvolles Kleid zerrissen, das dritte wollte sie gar ins Wasser werfen! —
„Ich bitte Sie, liebe Staatsrätin, lassen Sie meinen Kutscher anspannen“, sagte eine der beleidigten Mütter, „man ist ja hier seines Lebens nicht sicher!“
„Das Souper ist serviert“, erwiderte die Staatsrätin, „ich bitte die Damen und Herren mit den Kleinen ins Haus zu gehen; — für das Leben Ihrer Kinder leiste ich Bürg­schaft, so lange Sie meine Gäste sind!“ setzte sie mit einem feinen, vornehmen Lächeln hinzu.
Die sämtlichen Damen riefen nun ihre Töchter und Söhnchen zu sich hin, wie um sie vor den Ränken des kleinen Ungetüms zu schützen, das noch immer wie be­täubt und vernichtet drüben auf der Wiese stand und mit blutendem Herzen zusah, wie sich die Kinder lachend und schäkernd an ihre Eltern drängten, wie sie kosten und küßten, zutraulich und ihres süßen Rechts bewußt. — Jedes hatte eine Mutter — oder einen Vater, der es lieb­koste — nur sie — sie allein war rechtlos und ausge­stoßen, und Niemand dachte daran, daß sie müde und durchnäßt sei — Niemand kümmerte sich um sie. Die reizende kleine Angelika ward von einem Arm auf den anderen gezogen und konnte nicht weg, die Staatsrätin redete den Gästen zu, ihr nicht den Mißgriff anzurechnen, daß sie ein Kind eingeladen, welches sie nicht gekannt, — sie habe doch nimmermehr voraussetzen können, daß Herr von Hartwich seine Tochter so schlecht erziehen lasse. — Ernestine hörte das Alles. Sie vermochte sich nicht mehr aufrecht zu halten, sie sank in die Kniee und verbarg schluchzend ihr Gesicht. Die Staatsrätin konnte jetzt erst loskommen, um für sie zu sorgen.
„O Du arme Kleine, Du bist ja ganz naß und Niemand denkt daran!“ rief sie mitleidig bei Ernestinens Anblick. „Geh nur schnell ins Haus und lasse Dir von meinem Mädchen frische Strümpfe und Schuhe anziehen; rechts neben der Salontür ist mein Schlafzimmer. Gehe ja gleich hinein — hörst Du? ich kann jetzt von meinen Gästen nicht weg.“ —
„Verzeihen Sie mir — ich bin unschuldig an Allem!“ stammelte Ernestine.
„Das bist Du im Grunde auch, liebes Kind“ — sagte die Staatsrätin ernst — „ich bedaure Dich nur — ich zürne Dir nicht! Aber nun mach’ und laß Dich umkleiden — ich schicke Dir dann die Speisen auf mein Zimmer, Du wirst gewiß lieber allein essen!“
Damit eilte sie wieder zur Gesellschaft und in dem­selben Augenblicke fuhr ein Einspänner vor, ein jünger Mann von ungefähr zwanzig Jahren und auffallender Schönheit sprang heraus und auf die Staatsrätin zu. „Mein Johannes“, rief diese, „kommst Du doch noch? Ich hatte Dich nicht mehr erwartet!“ 
Der Jüngling küßte ihr die Hand und verneigte sich vor den Übrigen. Das Auge der Staatsrätin ruhte auf ihm mit jenem seligen Stolz, mit dem das Weib nur zwei Menschen im Leben anblickt: einen geliebten Bräutigam und einen wohlgeratenen Sohn. Die Gesell­schaft umringte ihn glückwünschend zu dem heutigen Fort­schritt auf der Bahn des Gelehrten, die kleine Angelika sprang jubelnd an ihm empor, jedes der anwesenden Kinder wollte eine Hand oder einen Kuß. Es war ein allgemeiner freudiger Aufruhr. 
Plötzlich rief die Staatsrätin erschrocken: „Die kleine Ernestine ist fort! Mein Gott, das durchnäßte zarte Kind, in der kühlen Abendluft, — ich kann es ja nicht verantworten! Johannes, lieber Sohn — laufe, schnell, hol’ sie zurück.“ —
„Was denn — wen denn?“ fragte dieser verwundert.
„Aber, liebe Staatsrätin“, sagte die Mutter des Jungen, den Ernestinens Wurf getroffen, „wie mögen Sie sich nur um die Kröte so ängstigen, — die hat ein zäheres Leben als unsere Kinder!“
Die Staatsrätin streifte sie mit einem verächtlichen Blick und fuhr zu Johannes gewendet fort: „Es ist ein blasses, ärmlich gekleidetes Mädchen von etwa zehn bis elf Jahren, — Du kannst sie nicht verfehlen, wenn Du auf der Straße nach Hartwichs Gute gehst — es ist dessen Tochter. Eile, Johannes — eile!“ — Dieser gehorchte sogleich und sie führte nun ihre Gesellschaft zu der glän­zenden, reichbesetzten Tafel.
Ernestine lief indessen, so schnell sie konnte, durch das Gehölz und atmete erst auf, als sie das Haus hinter sich hatte, in dem es ihr so schlecht ergangen war. Jetzt ließen aber auch ihre Kräfte nach, die nassen engen Schuhe und Strümpfe klebten kalt und bleischwer an ihren Füßen und lähmten ihre Schritte, sie fühlte jetzt erst, daß sie einen nagenden Hunger habe und es drängte sich ihr die erste Nahrungssorge ihres kurzen Lebens auf, — denn sie zweifelte, daß ihr Jemand noch so spät etwas zu essen geben werde; es war ja schon dunkel und bis sie nach Hause kam, mußte es halb zehn Uhr werden, — da lag Frau Gedike längst zu Bett. Und doch war das noch nicht das Schlimmste, was ihr bevorstand, der Stroh­hut, dessen Rand sie immer noch um den Hals hängen hatte, — der zerrissene Strohhut brachte ihr sicher da­heim eine schwere Züchtigung. Sie setzte sich auf einen Hügel am Saume des Wäldchens und nahm die Krempe herunter, um sie zu betrachten und zu überlegen, wie sie Wohl wieder an das Deckelchen zu befestigen sei, das sie in der Hand trug. Der Baum über ihr schüttelte teilnehmend den Kopf und warf ihr eine Menge Blätter und Käferchen auf die wirren Locken herab. Sie achtete nicht darauf, schwer drückte die Überzeugung ihr kleines Herz, daß sie nicht im Stande sei, das Strohhütchen zu sticken, bevor es Frau Gedike sähe. Träne um Träne stoß auf die Bruchstücke nieder und die nassen großen Augen schim­merten im Mondlicht aus dem bleichen Gesicht hervor wie Leuchtkäfer aus dem Kelche einer Lilie. — Sie schrak heftig zusammen, als plötzlich Jemand vor ihr stand und sie erkannte, daß es der junge Mann sei, dessen Ankunft im Schlosse sie benützt hatte, um zu entfliehen. Er be­trachtete sie eine Weile still, dann sagte er: „Bist Du das kleine Mädchen, das heute bei uns war und heimlich fortlief?“
„Ja“ — stammelte Ernestine.
„Warum tatest Du das?“ fragte er weiter.
Ernestine antwortete nicht, sie schämte sich vor Jo­hannes, wie vor Keinem von der Gesellschaft. Er war so ganz anders als die Leute im Schloß, so mächtig an­zusehen und so stolz — er mußte sie noch mehr ver­achten, als es die Andern taten, denn er war viel schöner und vornehmer und gewiß mehr wert als Alle. — Sie wagte nicht, zu ihm aufzuschauen, sie fürchtete, es treffe sie wieder einer jener schrecklichen Blicke, die sie noch jetzt in der Erinnerung folterten. — Da nahm sie der junge Mann bei der Hand und sagte mitleidig: „Nun, Du kleine blasse Dryade3 — kannst Du nicht reden? Willst Du mit mir gehen oder ziehst Du vor, heute Nacht in Deinem Baume zu hausen?“
„Ich will heim!“ sagte Ernestine.
„Heim laß ich Dich nicht — ich muß Dich meiner Mutter bringen, sie hat Angst, Du könntest Dich erkälten, — komm!“
Ernestine fuhr erschrocken zurück — „dorthin gehe ich nicht mehr.“
„Warum denn nicht, — was haben sie Dir denn getan?“
„Sie haben mich verhöhnt und beschimpft“ — schrie das gereizte Kind, „sie verachten mich und ich will mich nicht verachten lassen — ich will nicht!“
Der junge Mann stand nachdenklich vor ihr.
„Und wenn ich auch häßlich bin“ — fuhr sie fort, „und arm bin und schlecht erzogen und ungeschickt, — ich will doch nicht behandelt sein, wie ein Hund!“ Ihre Stimme bekam einen Anflug von Verzweiflung, ihre Brust rang nach Atem in dem engen Kleidchen, ihre Zähne schlugen vor Frost und Erregung aneinander.
„Du armes Kind“, — sagte Johannes, „sie müssen Dir arg mitgespielt haben, aber meine Mutter war doch wohl gut mit Dir?“
„Ja — die war gut, — aber zuletzt wurde sie mir auch gram, ich hörte es, wie sie’s zu den Andern sagte und auf mich schalt. Und ich will sie nicht mehr sehen, nie mehr, bis ich groß bin und gescheit und auch ein so feines Benehmen habe wie sie!“
„Weißt Du denn so gewiß, daß Du einmal so gescheit wirst?“ fragte Johannes lächelnd.
„Ja, der Lehrer sagt’s immer und der alte Herr meinte auch, wenn ich ein Bube wär’, würde etwas aus mir. O — es soll doch was draus werden — wenn ich auch nur ein Mädchen bin, ich will mir nicht immer die Buben vorhalten lassen — und wenn ich nur erst groß bin, dann sollen sie’s schon sehen, daß ein Mädchen so viel wert ist, wie ein Junge, dann sollen alle die schlechten bösen Menschen Respekt vor mir haben — und wenn’s nicht so wird, will ich lieber sterben!“
„Drolliges Kind!“ lachte Johannes. „Du würdest schön zappeln, wenn Dir’s einmal an Hals und Kragen ginge, — und schau, wenn Du noch lange hier mit mir in dem Nachtwind stehst, dann erkältest Du Dich und dann könnte Dir’s passieren, daß Du sterben müßtest, ehe Du so gescheit geworden, wie Du Dir’s vorgenommen hast, — denke, das wäre arg!“ Mit diesen Worten wollte er das Kind mit sich fortziehen, aber sie riß sich los und klammerte sich an das Buschwerk, das sie umgab. — „Nein, nein“, bat sie atemlos, „lieber Herr, lassen Sie mich, — nehmen Sie mich nicht wieder mit aufs Schloß, — bitte, bitte — nur nicht wieder dorthin!“
„Eigensinniges Ding, Du mußt mit“, lachte Johannes, „glaubst Du, ich werde jetzt ohne Dich zurückkehren, nachdem ich Dir nachgehetzt wurde, wie einem verlorenen Schlaf — meine Mutter sperrte mich ja drei Tage lang bei Wasser und Brot ein — wenn ich Dich nicht brächte, — das wirst Du doch nicht wollen?“
„Ach — Sie machen sich auch nur über mich lustig, — ich will nicht mit Ihnen gehen — ich will nicht!“ schluchzte Ernestine.
„Ich will nicht? Ei! sagt man so, wenn man noch solch ein kleines schwaches Mädchen ist, das einer mir nichts dir nichts auf dem Arm davon tragen kann?“ mit diesen Worten hob Johannes Ernestinen gutmütig auf seine Schulter und wollte mit ihr nach dem Schlosse zurückkehren. Doch sie vermochte von dieser Höhe aus einen überhängenden Zweig der Eiche, unter der sie standen, zu ergreifen und ehe sich’s Johannes versah, hatte sie sich hinaufgeschwungen und kletterte wie ein Eichhörnchen von Ast zu Ast empor.
„Das wird hübsch!“ rief Johannes, den der Vorfall ungemein belustigte, — „also doch am Ende eine ver­kleidete Dryade? Nein, einen solchen Fang darf man sich nicht entkommen lassen, es hätte mir freilich nicht geträumt, als ich heute mein Examen bestand, daß die erste Tat des neuen Herrn Doktors sein würde, einem eigensinnigen kleinen Mädel auf die Bäume nachzuklettern — indessen ist die Episode immer noch poetischer, als meinen alten Examinatoren Trepp auf, Trepp ab nach­zusteigen und Kratzfüße zu machen.“ Er hatte wahrend dieses Selbstgesprächs den Rock ausgezogen und schwang sich nun mit einem Satze auf den Baum.
Aber als er Ernestine ergreifen wollte, rückte sich diese an die äußerste Spitze des Astes hinaus, auf dem sie saß. Nun war sie für Johannes unerreichbar, auf den dünnen Ast konnte er ihr nicht nach, denn dieser krachte und schwankte unter der geringen Wucht des Kindes schon so bedenklich, daß Johannes den Moment nahen sah, wo er brechen mußte. Aus dem Scherz war ihm banger Ernst geworden; wenn die Kleine fiel, so stürzte sie die doppelte Höhe herab — die des Baumes und die des Hügels, auf dem er stand. Schnell besonnen gab Johannes seine Verfolgung in den Zweigen auf und sprang herab, um sich unter den Baum zu stellen und Ernestine wo­möglich in seinen Armen aufzufangen; da sah er erst, wie hoch es oben war und der Schatten, den eine vor den Mond getretene Wolke warf, ließ ihn die Gestalt und Richtung, welche sie im Sturze nehmen konnte, nicht genau erkennen, das erhöhte seine Angst. Die Verantwortung für ein Menschenleben war ihm plötzlich in ihrer ganzen Schwere aufgebürdet; wenn er das fallende Kind nicht erhaschte, so mußte es entweder als eine Leiche oder doch mit zerschlagenen Gliedern unten liegen. Dazu erschwerte es ihm noch der abschüssige Hügel, einen festen Stand zu fassen — wie er sich stemmte, er rutschte immer wieder. Das Blut stieg ihm siedend heiß ins Gesicht, sein Herz schlug hörbar, mit ausgebreiteten Armen starrte er in qualvollster Spannung zu dem Kinde hinauf, das über ihm hing, ohne an die Gefahr zu denken, in der es schwebte.
„Kleine“, rief er atemlos, „der Ast, auf dem Du sitzest, trägt Dich nicht, klettere schnell zurück, sonst gibt’s ein Unglück!“
„Ich komme nicht eher herunter, als bis Sie mir versprechen, mich nicht aufs Schloß zu führen! — Ich falle nicht!“ rief sie keuchend herab und griff nach einem starkem Zweige über ihr, aber dieser schnellte empor und sie behielt einige Reiser in der Hand.
„Ich verspreche Dir Alles, Alles, was Du willst!“ schrie Johannes in höchster Angst, „nur rasch zum Stamm zurück — schnell, schnell!“
Jetzt krachte der Ast, — mit einem Ruck hatte sich die Kleine dem Stamme zugeschwungen, wahrend unter ihr der Zweig geknickt herabfiel. In tödlichem Schrecken hielt sie nun den stärkeren Stumpf umklammert, der noch aus dem Stamm herausragte und als Johannes emporkletterte, um sie zu holen, und sie endlich seine Schulter erreichen konnte, da schlang sie zitternd und willig die dünnen Ärmchen um seinen kräftigen Hals. Mühselig stieg Johannes mit dem Kinde wieder herab und kam mit wundgeritzten Armen und zerfetzten Hemdärmeln unten an. Er stellte Ernestinen vor sich auf den Boden und trat, sie stumm betrachtend, einen Schritt von ihr weg, dann trocknete er sich den Schweiß von der Stirn und begann endlich, nachdem er sich gesammelt und tief Atem geschöpft hatte, ernster als bisher: „Weißt Du, was ich jetzt täte, wenn ich Dein Vater wäre?“
Ernestine blickte fragend zu ihm auf.
„Ich gäbe Dir tüchtig die Rute, — dann würde Dir’s schon vergehen, die Leute in solche Angst zu bringen, um Deines leidigen Eigensinnes willen!“
Diese Worte, die der junge Mann in Unmut über die ausgestandene Qual hinwarf, hatten eine furchtbare Wirkung auf das Kind. Es stieß einen durchdringenden Schrei aus und warf sich verzweifelnd zur Erde: „O, schlagen, schon wieder schlagen — der auch, der auch! — O, wer schlägt mich denn nicht, wer tritt mich den nicht mit Füßen, wer hat denn Erbarmen mit mir?“ schluchzte sie immer wilder ausbrechend.
„Guter Gott“, sagte Johannes halb mitleidig, halb unwillig, „was für ein Kind bist Du! Erst kletterst Du mit Todesgefahr auf die Baume, um Deinen Eigensinn durchzusetzen, und dann wirft Dich ein einziges tadelndes Wort zu Boden. Ist mir schon so etwas vorgekommen?!“ Dabei hob er sie auf und hielt sie mit beiden Händen vor sich in der Luft, sie im Mondschein betrachtend, wie man etwa ein seltenes Tier oder sonst eine absonderliche Naturerscheinung betrachten würde.
„Das ist nun ein Ding“, sagte er mehr zu sich selbst als zu Ernestine, „ein Ding, so klein und zart, daß man es mit einem Griff zerdrücken könnte; aber in dem dünnen Hirnschädelchen sitzt ein so starker Wille, daß man trotz aller Überlegenheit gezwungen wird, ihr zu gehorchen, und das enge Brustkästchen birgt ein so wild schlagendes, ungestümes Herz, daß man unwillkürlich mit fortgerissen wird. Nun soll mir Einer sagen, wie das zugeht, welch seltsame Mischung dieses Menschen-Exemplar hervorgebracht hat. Weine nicht mehr, Kleine, ich meine es mit Dir ja gut — was das Mädchen für Augen hat! — Du bist ein merkwürdiges Kind — aber erziehen möchte ich Dich nicht; Du kannst Einem was zu raten aufgeben, und mit Gewalt oder Schlägen wärst Du am Ende nicht einmal zu zwingen!“
Mit diesen Worten stellte er sie wieder zur Erde und hob seinen Rock auf, um ihn anzuziehen. Da fiel ihm ein schwerer harter Gegenstand in der Tasche des Paletots auf, er sah nach, was es sei, und zog ein Buch in prachtvollem Einband hervor.
„Ach“, rief er heiter, „das hab’ ich ganz vergessen! Kannst Du lesen?“
Ernestine nickte, — sie war froh, daß sie nicht nein zu sagen brauchte — wie würde sie sich geschämt haben!
„Nun, das ist Recht!“ sagte der junge Mann und Ernestine war stolz auf dieses erste Lob, das sie heute bekam, sie nahm sich vor, nun doppelt fleißig zu werden, um gelegentlich einmal wieder solch ein „das ist Recht!“ zu hören.
Johannes drückte ihr das Buch in die Hand: „Schau, das soll Dein sein, damit Du doch an dem schlimmen Tage etwas Gutes mit nach Hause nimmst. Es sind hübsche Märchen, ich wollte sie meiner Schwester Angelika mitbringen und konnte sie ihr nicht geben, weil ich Dir gleich nachlaufen mußte. Nun freut mich’s, daß ich das Buch noch habe und es Dir schenken kann!“
„Ja — aber Angelika?“ fragte Ernestine zögernd.
„Die bekommt morgen ein anderes, nimm’s nur — und lies das Märchen vom häßlichen jungen Entlein, das wird Dich trösten, wenn die Leute bös mit Dir sind. Da, nimm’s, besinne Dich nicht so lange.“
Das Kind griff nun nach dem Buche so behutsam und unsicher, als sei es ein wirkliches Märchenbuch, das heißt ein solches, das ihr in der Hand wieder zu Nichts zer­rinnen könne. Als sie es dann hatte und es nicht ver­schwand und sie endlich an das unerhörte Glück, solch ein Geschenk zu bekommen, glauben lernte, brachte sie nur ein kaum hörbares: „Danke — vielmals!“ heraus, aber der Blick, mit dem sie das Wort begleitete, rührte Johannes.
„Du erhältst wohl selten Geschenke?“ fragte er.
„Niemals!“
„O — Du scheinst wirklich in keiner besonders zärt­lichen Umgebung zu leben. Bekommst Du denn von Deiner Mama nie etwas?“
„Ich habe keine Mutter, sie ist ja gestorben, weil ich kein Junge war!“
„Eine eigentümliche Todesart“, bemerkte Johannes halb humoristisch, halb mitleidig.
„Ach, wenn ich eine Mutter hätte, da wäre gewiß Alles anders.“ Ein paar große Tränen rollten ihr über die Wangen.
„Höre Kindchen“, sagte Johannes nach einer Pause weich, „ich habe eine gute Mutter, ich will sie mit Dir teilen, ein halbes Mutterherz ist immer besser, als gar keines. Komm mit mir nach Hause, Du sollst mein Schwesterchen sein und wirst schon auftauen, wenn Du uns einmal näher kennst.“
Ernestine schüttelte lebhaft den Kopf. Der Gedanke, auf das Schloß zurückzukehren, erfaßte sie wieder mit allen Schrecken. „Nein, nein, niemals!“ rief sie ängstlich, „Ihre Mutter würde mich doch nicht lieb haben, gewiß nicht! Sie versprachen mir vorhin, daß Sie mich zu nichts zwingen wollen, — und wenn Sie denken, ich solle Ihnen nun folgen, weil Sie mir das Buch geschenkt haben, dann will ich’s lieber nicht, — da nehmen Sie’s wieder, ich mag’s nicht mehr!“
Johannes wies mit unwilliger Handbewegung das dargebotene Buch von sich. „Behalt’s“ — sagte er kalt, „ich schenkte Dir’s ohne Bedingungen, — ich dachte nur, die Freundlichkeit, mit der ich Dir’s gab, hätte Dich weicher gemacht und fügsamer, aber ich täuschte mich, — Du bist auch durch Güte nicht zu bewegen. Schade um ein so früh verhärtetes Herz.“ —
Ernestine stand regungslos mit niedergeschlagenen Augen, sie atmete kaum; was jetzt in ihr vorging, war so neu, so ganz anderer Art, als Alles, was sie bisher empfand, daß es vergebens nach einer Kundgebung rang, ihr kindlicher Mund fand kein Wort dafür. Es war ein Schmerz, ein tieferer, und doch kein so bitterer als alle früheren, sie haßte den nicht, welcher ihn ihr zufügte, wie die Andern, — sie hätte seine Hand küssen und ihn fuß­fällig um Verzeihung bitten mögen, aber sie wagte es nicht.
„Nun?“ fragte er nach einigem Schweigen, „soll ich Dich nach Deinem Hause führen?“ Ernestine schüttelte den Kopf.
„Auch das nicht? Willst Du allein gehen?“ fragte er ungeduldig weiter. Ernestine nickte.
„Nun, — ich habe versprochen. Dir den Willen zu tun, und was ich versprach, halte ich, obgleich es gegen mein Gewissen ist, Dich so allein durch die Nacht laufen zu lassen. Erlaube mir wenigstens, daß ich Dich über die Felder führe, — bist Du denn stumm geworden?“
Ernestine richtete ihre großen traurigen Augen so bittend auf ihn, daß er aufs Neue aus der Fassung kam. „Du kannst einen Menschen verrückt machen, rätselhaftes Geschöpf. Wer hat Dich diesen Blick gelehrt, diesen Blick einer schönen Seele, die ein böser Zauberer in den Leib eines Koboldes gebannt? Gott weiß, was aus Dir noch wird! — Du willst mich also nicht mithaben? Nein? Fürchtest Du Dich denn nicht? Kopf­schütteln, nichts als Kopfschütteln! So geh’ — ich kann Dich nicht zwingen! Leb’ wohl denn!“ — er reichte ihr die Hand; sie ergriff dieselbe hastig, drückte sie mit leidenschaftlicher Innigkeit und lief, so schnell sie ihre Füße trugen, querfeldein. Johannes ließ sie einen Vorsprung gewinnen und folgte ihr dann in einiger Entfernung, er wollte das hilflose Kind nicht den Weg ganz allein machen lassen. Sie lief, ohne sich umzusehen, als hätte sie Flügel, aber Johannes bemerkte, daß sie unterwegs das Buch mehrmals küßte und wie ein lebendiges Wesen ans Herz preßte. Als endlich Ernestinens Haus sichtbar wurde, blieb er stehen: „Gott sei dem Manne gnädig, der die einmal zur Frau bekommt!“ dachte er und kehrte langsam um. —
Ernestine trat klopfenden Herzens in den Garten ihrer freudlosen Heimat ein. Mit mürrischem Gesichte öffnete ihr eine Magd. „Du kommst spät! So bist Du aber, erst wolltest Du nicht hin, und nun mochtest Du wieder nicht nach Hause. Immer was Anderes tun, als Du sollst, das ist so Deine Art.“  
Ernestine erwiderte nichts. „Kann ich noch was zu essen haben?“ fragte sie kurz.
„Zu essen? Na, auch noch! Soll ich vielleicht für Dich um zehn Uhr Nachts in den Stall gehen und eine Kuh melken, — wo soll ich denn was hernehmen? Du weißt doch, daß ich keine Schlüssel habe!“
„Ist denn Frau Gedike zu Bett?“
„Wenn Du nicht so dumm wärest, hättest Du Dir das denken können.“
„Mich hungert aber!“
„Das geschieht Dir ganz recht, hättest Du Dich dort satt gegessen, — sie werden Dir wohl was gegeben haben in der langen Zeit.“
Ernestine schwieg und ging mit der Magd in die Stube, wo sie schnell ihren zerrissenen Hut in der Kom­mode verbarg. „Ich habe nasse Füße“, sagte sie fröstelnd, „geben Sie mir trockene Strümpfe.“
„Natürlich — wirst wieder in einer Pfütze herumgeplatscht sein und dann soll man in später Nacht noch Wäsche herausreißen. Mach’, daß Du ins Bett kommst, jetzt zieht man keine frischen Strümpfe mehr an. Gute Nacht, — ich will jetzt endlich auch zur Ruhe.“ — Damit ging die Magd mit dem trüben Talglicht, das sie hatte, und ließ Ernestine in dem vom Monde matt erhellten Zimmer allein. In dem Kinde grub und nagte schon wieder wie ein verborgener Maulwurf der unterdrückte Zorn über die Grobheit der Dirne. Alles, was sie soeben erlebt hatte, verschwand mit seinem ganzen Zauber vor der rohen Berührung. Dem ersten Hauch einer warmen großen Seele, der die ihre angeweht, hatte sich diese geöffnet wie die Knospe dem Frühlingsatem — der Frost, der nun hineinfiel, tat doppelt weh. — Sie war wieder das alte, verlassene, mißhandelte Kind, dessen Mark und Blut aufgezehrt ward von ohnmächtigem Grimm gegen seine Peiniger. Hatte sie denn die letzte Stunde wirklich erlebt? Hatte denn wirklich ein Mensch so gut zu ihr gesprochen und noch dazu einer, der schöner und besser war als Alle?
Sie griff hastig nach dem Buche wie nach einem Talisman, es war noch da — war nicht verschwunden — sie hatte Alles in Wirklichkeit erlebt. Und doch war sie gegen den guten, guten Herrn eigensinnig und bös gewesen und hatte es ihm nicht gesagt, wie dankbar sie ihm sei, und er mußte sie nun auch verabscheuen, — es war gar nicht anders möglich. Sie erkannte jetzt, daß sie, um die Achtung eines Menschen wie Johannes zu gewinnen, ganz anders werden mußte. — Wie? das konnte sie sich selbst nicht sagen, — aber es wallte plötzlich ein unnennbares Etwas in ihrer kleinen Brust auf, das sie über sich selbst hinaushob. Sie blickte mit kindlichem Verlangen zum Himmel und betete: „Lieber Gott, laß mich gut werden!“ Dann drückte sie wieder das Buch ans Herz, es war ja ihr kostbarstes Besitztum, ihr erster Freund und der Wunsch erfaßte sie mächtig, heute noch zu sehen, was ihr denn dieser Freund erzählen werde! Aber im Mondschein konnte sie doch nicht lesen, Licht durfte sie sich nicht ver­schaffen, sie schlief bei Frau Gedike, die hätte ihr das Lesen in der Nacht ausgetrieben. Ratlos stand sie da und blickte schmerzlich auf den schönen Einband mit seinen rätselhaften Figuren nieder. Da fiel ihr ein, daß bei ihrem Vater immer eine Nachtlampe brenne; — das war ein glücklicher Umstand, er mußte benutzt werden. Sie zog mit großer Anstrengung die nassen Stiefelchen herunter und schlich auf den Strümpfen sachte in Hartwichs Zimmer. Der Kranke lag auf dem Rücken und schlief fest. Er schnarchte und röchelte so stark, daß es dem Kinde fast unheimlich wurde, aber es machte sie noch sicherer in ihrem Vorhaben und ermutigt schlüpfte sie am Bette vorbei. Sie setzte sich behutsam hin, öffnete in heißer Spannung das Buch, wendete leise, leise die Blätter um und suchte natürlich zuerst die Geschichte, welche Johannes ihr genannt. Das Buch entielt die reizenden wehmütigen Märchen des nordischen Dichters Andersen.4 Ernestine las in großer Bewegung die Ge­schichte vom häßlichen jungen Entlein. Sie las, wie es überall mißhandelt und verstoßen wurde, weil es so ganz anders als alle Enten war, und wie es zuletzt ein herr­licher Schwan geworden, schöner und stolzer, als das gemeine Federvieh, von dem es eine so verächtliche Be­handlung erlitten hatte. Der Eindruck, den diese liebliche, rührende Dichtung auf sie hervorbrachte, war unbeschreiblich. Die Leidensgeschichte des armen Entleins war ja auch die ihre und wie mit Schwanesfittigen rauschte die Ver­heißung aus dem Gelesenen vor ihr auf. — „Ob aus mir auch einmal solch ein Schwan wird?“ fragte sie wieder und wieder, ihr Herz flog über von nie em­pfundenem Wohl und Wehe, sie legte die mageren Händchen vor das Gesicht und schluchzte, als müsse sie sich, — wie das Volk sagt, die Seele aus dem Leibe weinen. Da erwachte der Vater und fuhr erschrocken auf: „Wer ist da?“ Ernestine eilte zu ihm hin und warf sich vor seinem Bette auf die Knie. Sie ergriff seine Hand und wollte sie küssen, — er riß sie ihr zornig weg, aber die Tränen, die sie vergossen, hatten ihr Herz im Tiefsten erweicht: „Vater, lieber Vater!“ rief sie, „ich war oft unartig und eigensinnig. Vergib es mir und habe mich nur ein klein wenig lieb, dann will ich Dich auch lieb haben!“
Hartwich drehte den Kopf zur Wand und grollte: „So unnütz geweckt zu werden! Wie kannst Du Dich so spät zu mir hereinschleichen, — meinst Du, Dein dummes Gewinsel sei mir lieber, als ein erquickender Schlaf?“
„Vater“, rief Ernestine, seine lahme Hand ergreifend, die er nicht wegziehen konnte. „Vater, stoß’ mich nicht mehr von Dir, ich will gut werden, hilf mir auch, daß ich es kann; wenn Ihr immer hart mit mir seid, kann ich es nicht. Ich sah es heute, alle Kinder haben Eltern, die sich ihrer freuen, nur ich — ich bin allen Leuten ein Ärgernis und ich habe doch auch ein Herz und möchte doch auch einmal einen freundlichen Blick sehen und ein gutes Wort hören. Ich will ja gewiß nicht mehr so viel weinen, wenn Ihr mich nicht immer weinen macht und ich will auch Alles tun, um wie ein Junge zu werden, damit Du nicht mehr böse darüber bist, daß ich ein Mädchen bin. Ach Vater, mir ist heute, als wäre der liebe Gott bei mir gewesen und hätte mich ge­lehrt, was mir fehlt: Liebe, Vater, Liebe fehlt mir, — ach gib sie mir doch und habe Mitleid mit Deinem armen häßlichen Kinde!“
Der Kranke hatte sich der Kleinen wieder zugewendet und starrte sie mit seinen verglasten Augen erstaunt an, — es war, als wolle sich aus dem dumpfen Zustand geistiger und körperlicher Versunkenheit ein Gefühl hervorringen, sein Atem ging rascher, seine schwere Zunge setzte sich mehrmals in Bewegung, Ernestine wagte nicht, ihn anzublicken, ein starker Branntweinduft, der sie plötzlich anwehte, verriet, daß der Vater ihr sein Gesicht ge­nähert habe, aber dieser heiße Hauch widerte sie so entsetzlich an, daß sie unwillkürlich den Kopf zurückbog und der Berührung des Mundes auswich, der ihr vielleicht den ersten Kuß in ihrem Leben geboten hatte. Der Kranke mußte das empfinden, denn er wandte sich wieder ab und murmelte etwas unverständliches vor sich hin. Nach längerem Schweigen schnalzte er mit der Zunge an seinem ausgetrockneten Gaumen und griff nach einem Glase, das neben ihm stand, aber es war leer. „Durst!“ sagte er verdrießlich. — „Soll ich Dir Wasser geben, Väterchen?“ fragte Ernestine. Der Kranke machte eine Gebärde des Ekels. — „Nein! höre, Du kannst zum Onkel hinaufgehen und ihm sagen, er möge mir noch einen Tropfen von dem gewissen schicken — er weiß schon, was ich meine. Aber sag’ es ihm allein — hörst Du? ganz allein! Und erzähl’s auch Niemandem, sonst schlage ich Dich krumm und lahm, merk’ Dir’s, Und nun geh’ schnell, mich quält der Durst sehr!“
Ernestine erhob sich von den Knien, sie blickte nun auf ihren Vater herab mit jenem Schmerz, den wir em­pfinden, wenn wir das beste, das heiligste Gefühl an einen Unwürdigen wegwarfen. Bisher hatte sie nicht nach ihm verlangt, heute zum erstenmal, als sie sich in ihrer Ver­lassenheit nach einem Wesen umsah, an das sie ein Recht der Liebe hätte, war ihr eingefallen, daß sie ja einen Vater besitze. Mit vollem überströmenden Herzen wollte sie ihn suchen und fand einen Trinker, der mit seiner Menschenwürde auch seine Vaterwürde abgelegt hatte. Stumm und wie gebrochen an Leib und Seele schlich sie hinaus, die Treppe hinauf zum Oheim. Sie sollte Brannt­wein für den Kranken holen und erinnerte sich doch, daß der Arzt ihm jedes geistige Getränk verboten hatte, — aber sie mußte tun, was der Vater befahl, wenn sie sich nicht dem Schlimmsten aussetzen wollte. Sie trat langsam und schüchtern bei dem Oheim ein, sie fürchtete dessen Frau. Es war Niemand im Zimmer, Bertha lag schon zu Bette, nur Leuthold stand unter dem geöffneten Fenster, in dessen Pfosten er ein langes Rohr einge­schraubt hatte.
„Ach, Ernestinchen, Du kommst noch so spät zu Deinem Onkel?“ sagte er freundlich.
„Onkel, was ist das?“ fragte Ernestine, aus Ver­wunderung über das seltsame Gerät ihren Auftrag ver­gessend.
„Das ist ein Fernrohr“, belehrte sie Leuthold.
„Was machst Du damit?“ fragte sie weiter.
„Ich schaue in den Mond, mein Kind.“
„Ach, kann man das?“ rief sie im höchsten Erstaunen,
„Gewiß kann man es! Willst Du auch einmal durch­sehen?“
„Ach ja, wenn ich das dürfte!“ flüsterte Ernestine entzückt über dies Anerbieten.
Leuthold hob sie freundlich auf das Gesims des Fensters und stellte ihr das Fernrohr ein. Sie erschrak fast, als sie plötzlich den leuchtenden Mondball so nahe vor sich hatte, den sie stets so hoch am Firmament schweben gesehen. Ihre Brust weitete sich, um das niegeahnte Wunder in sich aufzunehmen. Sie schaute und schaute und spähte atemlos vor Wißbegierde nach allen den Bergen und Tälern und Kratern, die so zauberhaft vor ihr erstanden. Die laue Nachtluft umfächelte milde ihre brennende Stirn. Alles um sie her war versunken und vergessen — und mit heißer Sehnsucht schlug das müde, gequälte Kinderherz dem stillen Frieden jener neuen fernen Welt entgegen.

Drittes Kapitel.
Sühne.
Der Tag begann langsam zu grauen, denn ein trübes schweres Gewölk vertrat die Rechte der scheidenden Nacht. Einzelne große Regentropfen fielen nieder, es war ein unlustiger Morgen. Kein Hahn krähte, kein Vogel rührte sich. Der Hund lag tief in seiner Hütte
versteckt.
Dann und wann schlich ein früher Arbeiter, sein Gerät auf der Schulter, an dem Zaun von Hartwichs Gehöft vorbei und schaute verwundert hinein, denn auf dem Hofe und im Hause war ein seltsames reges Leben. Türen wurden auf- und zugeschlagen, Mägde mit schlaf­trunkenen verstörten Gesichtern liefen hin und wieder; am Brunnen wurde eilig Wasser geholt, Keines gab dem Andern Rede noch Antwort. Es war, als scheue sich Jeder, über das Geschehene zu sprechen. Ein Knecht zog ein gesatteltes Pferd aus dem Stalle, bestieg es und jagte im Feuerreiterstrabe hinaus der Richtung zu, wo das Gut der Staatsrätin lag. „Brennt’s denn irgend­wo?“ schrieen ihm ein paar Bauern nach, aber er ant­wortete nicht. Stumm trabte er über Felder und Wiesen, ohne Halt zu machen, bis er vor dem Gartentor der Staatsrätin stand. Er riß ein paar Minuten lang an der Glocke, bis ein verschlafener Diener kam, der ihn mürrisch fragte, was er wolle.
„Wecken Sie schnell den Geheimrat Heim, der hier zum Besuch sein soll. Der Dorfchirurg schickt mich, es handelt sich um ein Menschenleben!“
Der Diener riß die Augen weit auf und starrte den Knecht fragend an.
„Ja, ja, nur schnell, schnell! Der Hartwich hat sein Kind erschlagen, wir glauben, es stirbt. Der Geheim­rat soll helfen, meint der Barbier.“
„Um Gotteswillen, das ist ja schrecklich!“ rief der Diener entsetzt und ging, den alten Herrn zu wecken.
Dieser war rasch auf; ohne ein Wort zu verlieren, kleidete er sich an, schwang sich rüstig auf das Pferd des Knechtes und sprengte dem Unglücksorte zu.
Unter der Tür des Hauses stand, ihn erwartend, der sogenannte Dorfchirurg und empfing ihn ehrfurchts­voll. „Herr Geheimrat, ich bitte sehr um Entschuldigung — aber da ich wußte, daß Sie in der Nähe sind, hielt ich es für meine Pflicht, zuerst um Ihre Hilfe zu bitten, bevor ich zu dem drei Stunden weit wohnenden Kreisphysikus schickte. Der Fall scheint mir ein schwerer.“
„Entschuldigen Sie sich nicht“, sagte Heim, Hut und Überrock in der Hausflur ablegend. „Es ist ja meine Pflicht zu helfen, wo ich kann, — aber wie ging denn das ums Himmelswillen zu? Wo ist das Kind verletzt?“
„Sie hat eine Kopfwunde und ich fürchte — einen Sprung im Schädel“, erwiderte der Barbier und öffnete die Tür der Stube, welche in Hartwichs Zimmer führte. Der Geheimrat hörte schon draußen heftiges Schluchzen. Er trat ein und vor ihm lag der Kranke, wie ein Wahn­sinniger wehklagend und wimmernd, auf seiner Bettdecke das Kind leichenähnlich, starr ausgestreckt; die Augen waren geschlossen und tief in ihre großen Höhlen ein­gesunken, die bleichen Lippen hingen schlaff über den Zähnen, es war ein trauriger Anblick. Hartwich hielt mit dem rechten ungelähmten Arm ihren verbundenen Kopf empor und drückte, laut weinend, Kuß um Kuß auf die weiße Stirn.
„Ach, Herr Geheimrat!“ schrie er dem Eintretenden entgegen. „Kommen Sie, helfen Sie! Ich bin ein schlechter, ein niederträchtiger Vater, ich habe mein Kind umgebracht. Ich bin ein Mensch, der sich mit dem scheußlichsten Laster, dem Trunke — noch entschuldigen muß. Zeigen Sie mich an und schicken Sie mich lahmen Krüppel ins Zuchthaus, meinetwegen, aber machen Sie nur das arme Kind wieder lebendig, sonst bringen mich die Gewissensbisse um den Verstand!“
Der Geheimrat ergriff die herabhängende Hand des Kindes und untersuchte den Puls. „Es ist sehr zu bedauern, daß sich Ihr Gewissen nicht schon vor der Tat regte, wie es nach der Tat geschieht!“ sagte er kalt und streng, dann nahm er den Verband von dem Kopfe der Kleinen.
„O, o!“ wimmerte Hartwich und schloß die Augen, „machen Sie das nicht bei mir — ich kann kein Blut sehen, ich kann die Wunde nicht sehen, — es bringt mich um!“
„Ach was, — konnten Sie sie schlagen, dann können Sie sie auch sehen!“ erwiderte der Geheimrat unerbittlich und begann die Verletzung zu untersuchen.
„Das ist ein schwerer Fall“, sagte er dann, „hat sich das Kind erbrochen?“
„Ja, ja, — o Gott ja, bis es diesen Starrkrampf bekam!“ stöhnte Hartwich und griff zitternd nach Ernestinens Hand, um sie zu küssen. — Dann sah er in Todesangst den Arzt an: „Wie ist es — muß sie — o Herr Jesus — muß sie sterben?“ und wieder verfiel er in jenes laute kindische Weinen, das nur durch Krank­heit oder Trunk entnervten Menschen eigen ist.
„Nehmen Sie sich zusammen“, befahl der Geheim­rat. „Ich kann noch nichts Bestimmtes sagen, die Schädelverletzung ist erheblich. Von der Wunde könnte sie zwar genesen; wie stark aber die Wirkung der Er­schütterung ist, kann ich noch nicht beurteilen. Dazu die zarte Konstitution des Kindes“, er zuckte bedenklich die Achseln.
„Ach, Sie geben mir wenig Hoffnung!“ jammerte Hartwich. „Ernestinchen, wach auf, schau doch Deinen Vater nur ein einziges Mal an. Deinen bösen Rabenvater! Ach Herr Geheimrat, ich habe das Kind gerade deshalb nicht leiden können, weil es so schwächlich und häßlich ist. Wäre es wenigstens ein kräftiges hübsches Mädchen geworden — ich hätte mich vielleicht eher darüber getröstet, daß es kein Stammhalter war, — so aber schämte ich mich seiner und hörte mein eigenes Herz nicht. Ach, die Händchen, die armen mageren Händchen — und die Bäckchen, die bleichen zarten Bäckchen, die hab’ ich schlagen können! — Gott sei mir sündigem verlorenen Manne gnädig!“ und damit schlug er sich wieder die Brust, daß es dröhnte.
Der Geheimrat sah ihn kopfschüttelnd an. „Regen Sie sich nicht so auf! Ihrer Tochter nützen Sie nichts und sich selbst schaden Sie dadurch.“
„Meine Tochter, meine Tochter!“ wiederholte Hartwich, „ach ich habe sie nie als solche betrachtet. Ein Wechselbalg war sie mir, von einer Hexe zum Schabernack statt des ersehnten Sohnes in die Wiege gelegt. Jetzt erst fühl’ ich, daß sie mein Kind ist, seit ich Gefahr laufe, sie zu verlieren!“
„Es ist eine alte Erfahrung, daß sich jedes verleugnete Naturgesetz rächt“, entgegnete der Arzt. „Sie haben bisher gegen das große Gesetz der Väterliebe schwer gesündigt — nun fordert es seine Rechte mit verdoppelter Kraft. Ich bitte Sie aber, vor allen Dingen betätigen Sie Ihre Reue durch die sorgsamste Pflege der Kranken und er­lauben Sie, daß ich Jemanden rufe, sie zu Bette zu bringen, — es ist ein Fehler, das dies nicht schon längst geschah.“
„Ach, ich sollte mich von ihr trennen?“ jammerte Hartwich. „Ich wollte sie so gern um Verzeihung bitten, wenn sie erwacht.“
„Das werden Sie so bald schwerlich können“, sagte der Geheimrat und zog die Glocke.
Frau Gedike erschien eben so sanft und unterwürfig, als sie Tags zuvor gegen Ernestine roh und herrisch war.
„Helfen Sie mir das Kind zu Bette bringen“, sagte Heim und schob behutsam den Arm unter den starren Körper der Kleinen, um sie aufzuheben.
„Ach ich bitte, Herr Geheimrat, bemühen Sie sich doch nicht selbst“, rief Frau Gedike sichtlich erschrocken. „Ich kann das arme Würmchen allein hinübertragen.“
Heim heftete einen scharfen Blick auf sie, dann befahl er ruhig: „Zeigen Sie mir den Weg.“
Frau Gedike lief ihm, so schnell sie konnte, über die Hausflur voraus nach der Tür eines Hinterzimmers. „Sie erlauben“, sagte sie und wollte vor dem Geheimrat hineinschlüpfen, „nur eine Minute bitte ich, zu verziehen, damit ich ein klein wenig aufräumen kann, es sieht durch mein frühes Aufstehen so unordentlich aus.“
Aber Heim sagte gebieterisch: „Sie werden mir folgen!“ und schritt mit seiner stummen Last an Frau Gedike vorbei in das Zimmer; erstaunt blieb er stehen, als er dessen Einrichtung sah. Es war eine Art Wäschekammer, wenigstens befand sich ein Berg gebrauchter Wäsche in einer Ecke aufgetürmt. Zerbrochenes Haus- und Gartengerät aller Art lag und stand umher, kein Vorhang wehrte dem Lichte den Eingang. Ein Heer von Fliegen summte an den trüben Scheiben, eine erstickende Luft erfüllte den engen Raum. In einer Ecke stand eine Kinderbettstelle mit hohem Geländer, die noch aus Ernestinens fünftem oder sechstem Jahre stammen mußte. Sie enthielt einen alten zerrissenen Strohsack ohne Laken, ein schmutziges Kopfkissen und eine schwere buntbezogene Feder­decke. Frau Gedike fuhr eifrig umher, so viel als möglich von der schlimmen Einrichtung den klaren Augen des Geheimrats zu entziehen. Doch es half nichts mehr. 
„In dieses Bett soll ich das verwundete Kind legen? In dieser Spelunke soll es verpflegt werden?“ fragte er mit einem Tone, welcher nichts Gutes verhieß.
„Ja, mein Gott, wir haben kein anderes Zimmer und kein anderes Bett. Das liebe Kindchen hat mich oft recht gejammert, aber der gnädige Herr sind ja so sparsam — und schaffen nichts an“, klagte sie.
Der Geheimrat ging auf eine geöffnete Tür zu, die in ein zweites größeres Gemach führte. Hier war die Luft rein, die Einrichtung anständiger und ein bequemes Bett stand aufgedeckt da.
„Dies ist Ihr Zimmer?“ sagte der Geheimrat scharf und streng.
„Zu dienen, Herr Geheimrat, ich bekam es so von meiner Vorgängerin überliefert.“
„Beziehen Sie das Bett augenblicklich mit frischer Wäsche.“
Frau Gedike sah ihn groß an.
„Augenblicklich!“ wiederholte der Geheimrat mit einer Miene, die keinen Widerspruch zuließ, und setzte sich, um seine Arme unter der immer schwerer werdenden Last zu stützen. Frau Gedike holte das Verlangte herbei und rüstete das Bett.
„Wo soll ich denn schlafen?“ fragte sie mit unterdrückter Wut; „es ist ja sonst keine Schlafstätte im ganzen Hause!“
„Sie können sich ja in Ernestinchens Bett dort drinnen legen und spüren, wie sich’s ruht, wenn man zusammengekrümmt liegen muß, wie auf der Folter!“ erwiderte der alte Herr mit trockenem Humor. Dann aber zog er wieder die grauen, buschigen Augenbrauen drohend zusammen und fuhr fort: „Ich zweifle übrigens, daß Sie noch ein Lager hier bedürfen, denn was mich betrifft, so werde ich dafür sorgen, daß Sie noch vor Nacht dieses Haus verlassen!“ 
„Ei Herr Jesus! Herr Geheimrat, was hab’ ich denn verschuldet? Was können Sie mir vorwerfen?“ jammerte Frau Gedike, während sie die Kissen glättete.
Heim erhob sich und legte den leblosen Körper nun behutsam auf das Bett, dann sagte er ruhig: „Betrachten Sie doch nur die Kammer, in welcher Sie das schwächliche Kind verkümmern, das Lager, in dem Sie es fast ver­krüppeln ließen und fragen Sie sich dann, ob Ihnen ein ehrlicher Mann zu viel tut, wenn er Sie eine Kanaille nennt!“ Damit ließ er sie stehen und rief den Chirurgen, um mit seiner Hilfe die nötigen Vorkehrungen zu Ernestinens Verpflegung zu treffen.
Frau Gedike lief weinend und schreiend hinaus und der Geheimrat schaltete und waltete nun bei dem Kinde mit der Ruhe und Umsicht eines erfahrenen Arztes und mit der Milde eines wahren Menschenfreundes.
Nach einer halben Stunde begann Ernestine Lebens­zeichen zu geben. Das Bewußtsein jedoch kehrte nicht zurück. Mit irren gebrochenen Blicken schaute sie umher, schloß aber sogleich die Augen wieder und murmelte ab­gerissene unverständliche Worte. Endlich versank sie von Neuem in eine schlummerähnliche Abspannung. Der Geheimrat ließ den Chirurgen bei dem Kinde und ging zu Hartwich hinüber, der einstweilen einen Beistand an Leuthold gefunden hatte. Leuthold war von der ungewöhnlichen Unruhe im Hause endlich auch erwacht und hatte sich von seiner schnarchenden Ehehälfte weggestohlen, um zu sehen, ob vielleicht sein Bruder am Sterben sei, und seiner Gattin die frohe Botschaft als Morgengruß zu bringen. Leider fand er, daß er sich getäuscht, doch war wenigstens das Gute an der Sache, daß die Auf­regung, in der sich Hartwich befand, notwendiger Weise seinen Tod beschleunigen mußte; Ernestinens Schicksal war ihm gleichgültig, aber höchst unangenehm berührte ihn die Nachricht, daß man Heim geholt hatte. Dieser Mann war ihm sehr unheimlich und frischte, wie mit einer chemischen Flüssigkeit, alle alten scheinbar verblichenen Flecken an seinem Namen wieder auf. Er beschloß daher, sich die nächsten Tage über entfernt zu halten, um eine Begegnung mit dem Zeugen seiner Schande zu meiden, dagegen wollte er seine Gattin als Wächterin anstellen; sie sollte sich von nun an im unteren Stocke aufhalten, unter dem Vorwand, „Ernestinen pflegen zu helfen“ — natürlich aber durch ihre Gegenwart bei den Besuchen des Arztes verhindern, daß dieser sich gegen Hartwich mißliebig über Leuthold äußere. Er schlich hinauf um seine Gattin eiligst aufstehen zu heißen, doch brauchte die träge Frau hierzu länger, als Leuthold lieb, — und seinen Zwecken gut war.
Unmittelbar nachdem er Hartwich verlassen, trat Heim in dessen Zimmer. „Was bringen Sie mir für Nachricht?“ rief ihm Hartwich entgegen.
„Noch nichts Gutes.“ Die Kleine gab einige Lebenszeichen, als wir ihr Eisumschläge machten. Doch ist die Lethargie, in welche sie gleich wieder verfiel, beunruhigend.
Ich kann Ihnen nicht die geringste Hoffnung geben, bevor nicht wenigstens drei Tage überstanden sind.“
Hartwich schlug die feuchte Stirn in Verzweiflung an die Wand. „Das bringt mich um, das bringt mich um!“
Der Geheimerat setzte sich an sein Bett, nahm eine Prise aus einer, mit dem Bilde des Königs ge­schmückten goldenen Dose und beobachtete ruhig den jammernden Mann. „Nun sagen Sie mir ’mal, Herr von Hartwich, wie ging denn die Geschichte eigentlich zu? Darf ich das nicht wissen? Das Kind hat außer der Kopfwunde einige blaue Flecken an Schultern und Armen, die jedoch nicht erst von gestern sind. Es scheint demnach überhaupt sehr hart behandelt worden zu sein!“
Der Kranke hatte eine Weile geschwiegen, dann aber sagte er: „Ja — ach ja, wir haben es Alle zu hart gezüchtigt, aber diese furchtbare Verletzung wollte ich ihm nicht zufügen, bei Gott nicht! Ich hatte gestern Abend schon fest geschlafen, als Ernestine heimkam, sich zu mir schlich und mich durch Schluchzen weckte!“
„Das arme Kind, es hatte Ursache zu weinen“, unterbrach ihn der Geheimerat.
„Ja, ja — aber ich sah es gestern noch nicht ein. Da ich nun einmal wach war, bekam ich Durst und schickte sie zu meinem Bruder hinauf, um mir ein wenig — ein wenig — ein paar Tropfen —“
„Liqueur zu holen,“ ergänzte der Geheimerat. 
„Ja — ich will’s nur gestehen!“ fuhr Hartwich fort. „Sie aber schaute beim Oheim durch ein Fern­rohr und vergaß ihres Vaters Auftrag. Ich warte von Minute zu Minute mit brennendem Gaumen — sie kommt nicht. Ich werde immer ungeduldiger — immer zorniger und als sie endlich nach einer starken halben Stunde kommt und mir das Gewünschte nicht einmal bringt, da greif’ ich nach ihr, um sie zu schlagen; sie klammert sich aber in der Angst an meinen gichtkranken Arm, daß mich der Schmerz halb rasend macht und in sinnloser Wut pack’ ich das Kind mit meiner gesunden Hand,—möge sie auch noch erlahmen— und schleudere es weit hinweg. Es stürzt rücklings um, schlägt mit dem Hinterkopf auf die Marmorplatte meiner Waschtoilette, Sie sehen noch das Blut daran, von da auf den Boden und bleibt wie tot liegen. Mir wurde es so schwarz vor den Augen wie damals, als mich der Schlag getroffen. Ich klingelte nun den Leuten, Niemand kam. Ich konnte mich ja nicht rühren, konnte nicht aus dem Bette, dem Kinde beizustehen, — ich sah’ sein Blut fließen, hörte es wie eine Sterbende röcheln und lag da, ein elender gelähmter Mann, mit dem Gefühl, daß ich mein Kind gemordet. O Herr Geheimerat — in solch einer Stunde geht man in sich — in solch einer Angst lernt man beten! Endlich nach langem, wiederholtem Rufen und Klingeln kam das nichtswürdige Gesindel herbei. Herr Geheimerat — ich kann Ihnen nicht sagen, was in mir vorging, als sie mir das Kind aufs Bett legten — das arme zerschlagene Kind. Als mir das blutende Köpfchen in die Hände fiel, — da war mir’s, als sei mit der klaffenden Wunde auch mein Herz aufgesprungen und es ströme nun erst die echte warme Vaterliebe daraus hervor. — Sonst wenn ich die Kleine züchtigte, hatte sie nur Trotz und Widerstand, — da tat mir’s dann auch nicht leid, wenn ich ihr weh getan; jetzt wo sie gebrochen und stumm vor mir lag — redete sie eine Sprache, die mich zu mir selbst brachte, als erwachte ich aus einem Rausche. Und, Herr Geheimerat, bisher war ich auch berauscht. Ich hatte mich zum Tier getrunken und das arme Opfer meiner Wut hat mich erst wieder zum Men­schen gemacht!“
Der Geheimerat hörte dem Sprecher mit wachsender Teilnahme zu. Als er geendet, nahm er dessen Hand. „Es ist recht, Herr von Hartwich, daß Sie so offen gegen mich sind. Menschen, die von Natur nicht böse, können ihre Vergehen durch nichts besser entschuldigen, als durch Wahrhaftigkeit, denn ihre Beweggründe sind meist nicht so schlimm, als ihre Taten; — aber beruhigen Sie sich nun auch — Ihr Zustand bedarf wirklich der Schonung! Wenn der Arzt bei solchen Gelegenheiten dem Beichtvater ein wenig ins Handwerk pfuschen darf, so möchte ich zu Ihrem Troste sagen: was auch mit dem Kinde geschieht, wenn die Krankheit selbst einen schlimmen Verlauf nähme, — Sie dürfen es sich nicht zu schwer anrechnen. Dasselbe was Sie vor dem irdischen Gericht entschuldigen würde, jene Unzurechnungsfähigkeit, die die Folgen Ihrer Tat nicht ermessen konnte — dasselbe entschuldigt Sie auch vor Ihrem innern Richter. — Sie haben ja doch sonst väterlich an dem Kinde gehandelt,“ fügte er mit besonderer Betonung hinzu: „Sie haben ihm ein schönes Vermögen gespart, daß es doch einmal eine Stellung in der Welt einnehmen und sein Leben, wenn es ihm Gott wieder schenken sollte — genießen kann.“
Hartwich ergriff Heims Hand und flüsterte rasch und ängstlich: „Ach lieber Herr — das tat ich ja nicht und das drückt mir jetzt auch so auf der Seele, ich war dem Kinde nie und in Nichts ein Vater!“
„Was Sie sagen!“ rief Heim mit scheinbarer Verwunderung. „Sie hatten also Ernestinchen zu Gunsten eines Andern verkürzt?“
Hartwich sah besorgt nach der Tür. Der Geheimerat verstand ihn und öffnete dieselbe, es war kein Lauscher in der Nähe. Hartwich zog den Geheimerat zu sich hin und gestand ihm Alles, was dieser schon wußte. Heim schüttelte den Kopf: „Es ist fast unglaublich, daß ein Vater so an dem leibli­chen Kinde handelt — aber da ja überhaupt jetzt Ihr Pflichtgefühl erwacht ist, so werden Sie auch dies Unrecht gut machen wollen?“
„Ach, Herr Geheimerat, wenn ich das könnte — wie gerne tät’ ich’s! Wenn das arme Ernestinchen wieder aufkäme, ich wollte ihm ja schon bei mei­nen Lebzeiten das ganze Vermögen als Schmerzensgeld schenken. Sagen Sie mir, wie fang’ ich’s an, das unglückliche Kind zu entschädigen, wie fang’ ich’s an, gut zu machen, was ich an ihm verbrach. Ich will ja alles tun, alles, wenn ich nur kann! — Helfen, raten Sie mir!“
 „Ich denke,“ begann der Geheimerat mit ruhiger Entschiedenheit — „die Sache ist ganz einfach: Sie machen ein neues Testament und stoßen das alte um. Wenn Ernestinchen wieder aufkommt, so ist es sehr die Frage, ob sie nicht ein kränkliches Wesen für ihr ganzes Leben bleibt. Ein solch’ unglückliches Geschöpf aber braucht Geld, — viel Geld, — denn Kränklichkeit ist eine kostspielige Sache. Das Kind war von Natur gesund, — es ist erst durch schlechte Pflege, ja durch Mißhandlung verkümmert. Sie überließen es einer nichtswürdigen Haushälterin, die ihm Alles versagte, was ein Kind braucht, um zu gedeihen, und jetzt gaben Sie der geschwächten jungen Natur einen Todesstoß, von dem sie sich schwerlich ganz erholen wird. Sie müssen also selbst fühlen, daß, wenn Sie Ernestinens Leben fast zerstörten, Sie ihr wenigstens die Mittel gewähren sollten, dereinst dies sieche Dasein auf jede denkbare Weise er­träglich zu machen und sich für die Schmerzen einer verwahrlosten Kindheit durch alle die Freuden zu ent­schädigen, welche der Reichtum gewährt!“
Hartwich brach wieder in lautes Weinen aus. „Ja, ja, Sie haben Recht, — Sie sind ein Ehren­mann, Herr Geheimerat. Aber wie kann ich mein Testament umstoßen, ohne Leutholds schlimmste Rache zu fürchten. Ach, Sie wissen nicht, welch ein gefähr­licher Feind er ist.“ —
„Ich weiß, ich weiß“ — unterbrach ihn Heim, mit dem Kopfe nickend, — „er ist ein schlimmer Bursche, aber sagen Sie mir einmal, Herr von Hart­wich, was fürchten Sie von ihm? Wird Sie dereinst der Fluch Ihres unglücklichen Kindes, wenn es am Leben bleibt, nicht schwerer treffen, als der Haß eines so elenden Subjekts wie Ihr Stiefbruder?“
Hartwich wand und krümmte sich in seinem Bette: „Wenn ich nur wenigstens die Fabrik schon verkauft hätte! Wenn er erführe, daß ich ihn enterbte, er wäre im Stande, aus Rache den Verkauf zu hintertreiben und mir das ganze Unternehmen herunterzubringen — dann könnte das arme Kind noch mehr als die Hälfte seines Vermögens einbüßen!“ Der Geheimerat legte die Hände mit der Dose übereinander und sah Hartwich lächelnd an.
„Wenn Sie weiter kein Bedenken haben, dann steht die Sache vortrefflich. Die Fabrik ist so gut wie verkauft, denn der Bruder der Frau Staatsrätin Möllner, Herr Neuenstein, brennt darauf, sie für seinen Sohn, der Chemiker ist, zu erstehen; — er kennt Ihren Bruder und würde seine Ränke durchschauen.Übrigens braucht es Gleißert ja auch vor der Hand noch nicht zu erfahren. Sie machen das Testament ganz heimlich. Ich gebe Ihnen Tinte und Feder, wenn ich das Rezept für Ernestinchen aufschreibe, — Ihre Haushälterin schicken Sie augenblicklich fort, damit Sie unbewacht sind, denn der traue ich jeglichen Verrat zu und die Pflege des Kindes dürfen Sie ihr nicht mehr überlassen. Heute Nachmittag komme ich wieder und Sie legen die Schrift in meine Hand, — wo sie sicher ist! Nun — wie gefällt Ihnen der Vorschlag?“
„Ja, ja, — rief Hartwich leidenschaftlich. — „Das ist gut, — so kann ich es machen. Ach — es ist ja das Einzige, was ich für mein Kind noch tun kann — und ich will es tun. Schicken Sie die Gedike fort, verschaffen Sie sich schnell Papier und Tinte — so etwas soll man nicht aufschieben, keine Stunde länger, als nötig — ich fühl’s, ich bin ein übernächtiger Mann. Wenn diese Last von meiner Seele ist — sterbe ich ruhiger!“ —
Heim ging sogleich hinaus, um das Schreibmaterial zu holen; denn er wußte besser als der Kranke selbst, daß hier kein Aufschub geraten sei. Die Mäd­chen suchten das Geforderte zusammen und er sah einen Augenblick nach Ernestinen, während der Chirurg ging, um frisches Eis zu Umschlägen zu holen. Sie lag unruhig lallend und stöhnend da. Er beobachtete sie liebevoll und sprach froh vor sich hin: „Du armes Kind, — Du sollst von nun an bessere Tage haben!“ Dann begab er sich zu Frau Gedike, um ihr Hartwichs Willen zu verkünden und stellte Rieke, die älteste der andern Mägde, die ihm gefiel, als Ernestinens Wärterin an.
Als er wieder bei Hartwich eintrat, fand er diesen in höchster Aufregung. Sein Gesicht war hochrot, seine Adern angeschwollen.
„Wo bleiben Sie so lange?“ rief er dem Geheimerat entgegen, — „ich war schon in Angst, der Schlag könnte mich treffen — ich hatte Kongestionen wie damals! — So, geben Sie die Schreibsachen her — es wäre furchtbar, wenn ich jetzt stürbe, be­vor ich mein Verbrechen gesühnt. — Helfen Sie mir auf, bitte, Herr Geheimerat — aber rühren Sie meinen kranken Arm nicht an, — o, dieser Schmerz! So, — so — ich danke Ihnen. — Jetzt die Feder! Ich habe mir, während Sie draußen waren, alles überlegt, wie ich’s anfangen will, daß er mich nicht wortbrüchig nennen kann, und daß er’s das arme
Ernestinchen nicht entgelten läßt, wenn ich etwa jetzt sterben sollte, — Ach Luft — Herr Geheimerat — öffnen Sie ein Fenster. Wenn ich nur erst geschrieben habe — dann wird mir leichter werden! Dann werd’ ich ruhiger.“
So sprach der Kranke in atemloser Hast, während große Schweißtropfen von seiner Stirne rieselten.
„Nur ruhig, ruhig!“ sagte der Geheimerat. „Sie sterben noch nicht so bald, aber mit dieser Aufregung machen Sie sich krank.“
„Ach Sie sind gut, — Sie wollen mich trösten, aber ich fühl’s, diese Nacht hat auch mir den Todes­stoß gegeben, — es ist hohe Zeit!“
Er tauchte die Feder ein und sah nach der Tür: „daß nur Leuthold nicht kommt — sonst ist alles verloren. Riegeln Sie zu, ich bitte Sie, damit er uns nicht überrascht. — Sagen Sie, — nicht wahr — es ist recht, wenn ich ihn zum Erben Ernestinchens einsetze? Dann bin ich doch nicht ganz wortbrüchig; es ist ja, leider, leider, wahrscheinlicher, daß das arme Lamm stirbt, als daß es durchkommt — dann ist alles, wie es war, und er erhält das Vermögen, — wenn sie aber lebt, so soll sie ihm ein hübsches Legat auszahlen.“
„Ja, ja,“ sagte der Geheimerat gutmütig, „geben Sie dem Burschen, was Sie ihm schuldig zu sein glauben. Aber schalten Sie noch ein, daß er Ernestinen nur beerbt, wenn sie unverheiratet stürbe; denn wenn es Gottes Wille wäre, daß sie lebte, sich verheiratete und Mutter würde, so dürfen Sie ihrem Kinde das Vermögen nicht entziehen. Das könnte sie einmal sehr unglücklich machen.“
„Ja, Sie haben recht. Ich will auch dies noch beifügen. Aber die Vormundschaft — nicht wahr — muß ich Leuthold wenigstens lassen; er wird sonst zu furchtbar gereizt!“
Der Geheimerat schüttelte den Kopf: „Das würde ich nicht tun!“
„Doch, doch, Herr Geheimerat. Es sähe zu gehässig aus — und dabei ist keine Gefahr für das Kind. Er hat Ernestine immer gern gehabt und ihr bei mir das Wort geredet und am Ende steht er ja unter einer gewissenhaften Obervormundschaftsbehörde!“ 
„So kürzen Sie diese Vormundschaft wenigstens so viel als möglich ab und setzen Sie zu meiner Be­ruhigung ausdrücklich die Bestimmung fest, daß Ernestine mit achtzehn Jahren mündig wird. Nach unsern Gesetzen kann ein Vater sein Kind mit achtzehn Jahren mündig sprechen. Bis dahin bleibt das Vermögen bei dem Obervormundschaftsgericht deponiert und Ernestine kann es dann selbstständig verwalten. — Bei einem Menschen wie Gleißert ist solch eine Vorsicht wohl am Platze!“
„Auch damit bin ich einverstanden. — So wären wir denn im Reinen! Gott sei Dank!“ Hartwich atmete tief auf und tauchte mit zitternder Hand die Feder ein. Doch kaum hatte er die ersten Züge zutun versucht, als er in Verzweiflung die Feder fallenließ: „Großer, barmherziger Gott — ich kann nicht mehr schreiben!“— 
Der Geheimerat sah erschrocken in das Papier, die Buchstaben waren krumm und völlig unleserlich. Der alte Herr ließ einen Augenblick in höchster Bestürzung die Hoffnung sinken, — während Hartwich wie ein Kind stöhnte und jammerte. So nahe am Ziel sollte der schöne, redlich gemeinte Plan scheitern? Der Geheimerat betrachtete den Kranken mit zweifel­haftem Blick und erwog, einen wie langen Aufschub sein Zustand wohl noch gestatte. Dann faßte er sich schnell und sagte entschlossen: „Ich schaffe Rat, seien Sie nur ganz unbesorgt. Ich fahre in das nächste Städtchen, hole eine Gerichtsdeputation und Sie machen ein mündliches Testament! In zwei Stunden bin ich wieder da. Sagen Sie mir nur, wann Leuthold nicht zu Hause ist, damit er uns nicht sieht?“ 
„Um die Zeit, in der Sie zurück sein können, ist er in der Fabrik. Wenn Ihr von der Waldecke an zu Fuße geht, so merkt er nichts. Herr Geheimerat, Sie sind ein edler Mann, mein und meines Kindes Wohltäter — wie soll ich Ihnen danken?“
„Nichts zu danken, — nichts zu danken! Ist ja nur Menschen- und Christenpflicht!“ damit versteckte der vorsichtige alte Herr die Schreibmaterialien und eilte hinaus. Hartwich blickte mit seinen blutunter­laufenen Augen zum Himmel und betete: „Laß mich’s noch erleben, Herr mein Gott, — nur so lang’ laß mich noch leben!“ — Und wieder und immer wieder sprach er die wenigen Worte, während sein Herz immer ungestümer und unregelmäßiger pochte und seine Adern blau anschwollen, als schlängelten sich lebendige Nattern hindurch. Es war die Todesangst eines armen Sünders, der fühlt, daß er in Kurzem vor einen unerbittlichen Richter treten muß und sich noch vorher von einem Teil seiner Schuld loskaufen möchte. Diese Angst mußte natürlicherweise sein Ende beschleunigen! Frau Bertha kam bald nach des Geheimerats Entfernung herab und wollte Hartwich Gesellschaft leisten, aber sein Zustand flößte ihr Grauen ein. Sie sah, daß es mit ihm zu Ende ging, und hatte nicht den Mut, seinen Todeskampf mitanzusehen. Sie kam sich vor wie seine Mörderin, weil sie seinen Tod so sehr wünschte. In der Tat macht uns das Schicksal oft durch unsere stillen Wünsche zu Mitschuldigen sei­ner Härte und wir schlagen uns zerknirscht vor die Brust, wenn das, was wir auf Kosten eines Andern im Geheimen ersehnt, plötzlich Gestalt gewinnt. Wer hätte nicht in seinem Leben einmal solch einen egoisti­schen Wunsch gehegt und, nachdem er ihn bekämpft, dem Himmel heiß gedankt, wenn er ihn nicht erfüllte? Und wer hätte sich im andern Falle nicht einer schweren Schuld angeklagt, als habe sein geheimes Verlangen das Schicksal zum Nachteil seines Opfers herausgefordert? Frau Bertha war zwar so zartfühlend nicht, sie wollte Hartwichs Tod, um sein Vermögen zu bekommen, und dankte dem Himmel, daß er ihr so schön in die Hände arbeitete, sie war jedoch zu sehr Weib, um im Augenblicke der Erfüllung ihrer schlech­ten Wünsche nicht zu schaudern und in der Gestalt des sterbenden Hartwichs einen rächenden Popanz zu erblicken. Sie beschloß daher, dem Befehl ihres Herrn untreu zu werden und den Schreckensort zu meiden. Die wohlerwogenen Gründe, die jener hatte, ihr Aufmerksamkeit auf Alles, was vorging, zu em­pfehlen, vermochte sie nicht einzusehen und so begab sie sich, nachdem Leuthold in die Fabrik gegangen, wieder hinauf in ihre eigenen Gemächer.
Hartwich lag nun allein, in Angstschweiß gebadet, auf seinem heißen Lager. Langsam schlichen die Mi­nuten hin, von Viertel- zu Viertelstunde mußten ihm Nachrichten über Ernestinens Zustand gebracht werden; sie lauteten immer gleich. Doch plötzlich nach Ver­lauf einer Stunde kam Rieke eilig herein: „Gnädiger Herr,“ rief sie, „Ernestine ist aufgewacht und verlangt nach einem Buche, aber wir können gar nicht erraten, was sie für eines meint, sie spricht so undeut­lich, und was wir ihr bringen, ist ihr nicht recht. Was soll man denn da machen?“
„Einen Knecht in die Stadt schicken und alle Kinderbücher holen lassen, die es dort zu kaufen gibt, — dem Kinde soll es an nichts fehlen — hört Ihr? an nichts! Hat sie nicht von mir geredet?“
„Ach nein“ — entgegnete die Magd. „Sie ist ja gar nicht recht bei sich — sie jammert nur immer um ihr Buch!“
„Nun so schafft nur rasch herbei, was sie will — nur rasch!“
 Die Magd ging hinaus und der Kranke brütete wieder einsam vor sich hin. Es ängstigte und quälte ihn grenzenlos, daß Ernestine etwas wünsche, was erst in einigen Stunden zu bekommen war. Nach einiger Zeit klingelte er der Wärterin wieder und er­hielt den Bericht, daß die Kleine noch immer nach einem Buche verlange. Der Kranke ward immer un­ruhiger und begehrte endlich die Nähe des Chirurgen, der noch bei Ernestinen war.
„Lederer,“ rief er diesem entgegen, als er ein­trat, „laß Er mir zur Ader! Weiß Er noch? Das tat mir damals so gut.“
„Ei bei Leibe nicht, gnädiger Herr!“ rief Lederer, „das darf ich nicht ohne ärztliche Verordnung und scheint mir ja auch gar keine Ursache zu einem so ge­waltsamen Mittel vorhanden zu sein!“
„Was weiß Er!“ fuhr ihn Hartwich zornig an, „ich fühle, daß es nötig ist, sag’ ich Ihm. Das klopft und bohrt in meinem Kopfe. Er muß mir Blut lassen, wenn mich der Schlag nicht zum zweiten Male treffen soll!“
„Ach gnädiger Herr, Sie machen sich gewiß unnütze Sorgen,“ jammerte der Barbier, „haben Sie doch nur Mitleid mit mir armen, abhängigen Manne, ich darf mir bei einem Kranken, wie Sie sind, keine solche Eigenmächtigkeit erlauben — ich wollte es ja sonst gern tun! Gedulden Sie sich doch nur, bis der Geheimerat wieder kommt!“
 „Er ist ein nichtsnutziger feiger Wicht“ — schrie Hartwich in überschäumender Wut.
„Ums Himmels willen, gnädiger Herr, beruhigen Sie sich nur“ — unterbrach ihn der Chirurg er­schrocken: „Ich will Ihnen ja gehorchen, — aber ich habe mein Verbandzeug nicht da — ich muß erst nach Hause gehen und es holen. Bis dahin kommt viel­leicht auch der Herr Geheimerat wieder!“
„So geh’ Er,“ murmelte Hartwich, den seine Heftigkeit schon wieder reute, aus Angst, er habe damit die Gefahr seines Zustandes erhöht. „Aber richte Er mich erst noch auf! Ach, wenn ich nur mit den Füßen aus dem Bette könnte, es würde mir gewiß leichter. Versuch Er es doch, ob’s nicht geht, — ziehe Er die steifen Klötze einmal heraus. — So recht — so recht. Es geht schwer. Ach, wer hölzerne Beine hat, ist doch viel glücklicher daran, — Stelzfüße kann man abschnallen, aber der Gelähmte muß die toten schweren Glieder immer an sich hängen haben! — ’s ist ein Hundeleben und ich hätte nichts dagegen, wenn’s ein Ende nähme, — aber nur nicht jetzt, bevor ich meine Schuldigkeit getan. Geh’ Er nur, Lederer, und komm Er bald wieder.“
Der Barbier hatte ihm so weit herausgeholfen, daß er aufrecht, im Bette saß und die lahmen Füße auf einem Schemel stehen hatte. Er sah sich im Zimmer um und gewahrte Ernestinens Buch, das noch aufgeschlagen auf dem Tische lag. „Was ist das?“ fragte er. Lederer reichte es ihm. Er blätterte darin. Plötzlich verklärte sich sein Gesicht: „Das ist am Ende das Buch, nach dem Ernestine verlangt! Gewiß hat ihr’s gestern in der Gesellschaft Jemand geschenkt. Du lieber Gott — jetzt verstehe ich, warum sich das arme Würmchen noch so spät zu mir geschlichen — es wollte bei meiner Lampe lesen! — Ach — und hat das unschuldige Vergnügen so furchtbar büßen müssen! Geh’ Er schnell hinüber, guter Lederer, und bring’ Er’s dem Kinde. — Die Rieke soll mir dann berichten, was es gesagt hat und — nicht wahr — Er holt dann gleich das Verbandzeug?“ —
„Ja wohl, gnädiger Herr, empfehle mich ganz gehor­samst!“ sagte Lederer und eilte mit dem Buche hinaus.
Eine Uhr schlug Neun. Hartwich seufzte tief. „Erst Neun — da kann es noch eine Stunde dauern, bis Heim kommt. Die Herren vom Gericht sind auch nicht so schnell bereit. Lieber Gott — Du wirst das arme unschuldige Kind nicht so schwer strafen, daß Du mich sterben lässest — bevor ihm sein Recht wurde, — Du wirst nicht!“ — Er versuchte vergebens, die Hände zu falten, und ließ sie endlich matt auf die ge­lähmten Kniee niedersinken.
Es kam ihm vor, als würde plötzlich auch die rechte Hand steif. Schon daß sie ihm vorhin beim Schreiben den Dienst versagt, konnte nicht nur von der Ungewohnheit herrühren. Er hob und senkte mehr­mals prüfend den Arm, — war es Wahrheit oder Einbildung, er wurde ihm immer schwerer. Dies war keine Gichtlähmung, wie die der linken Seite; dies konnte nur Folge eines Blutergusses im Gehirn sein. Kalte Tropfen traten ihm auf die Stirn, er versuchte es, sie mit der mehr und mehr erschlaffenden Hand abzuwischen, doch vergebens, er brachte sie nicht mehr so weit in die Höhe. So saß der hilflose Mann da, an allen Gliedern gelähmt und der Angstschweiß rann ihm unaufgehalten über das Gesicht. Er dachte an die weißen magern Händchen seines Kindes, wie wohl sie ihm jetzt tun würden, könnten sie ihm die eigenen ersetzen, ihm die Stirne trocknen, eine Erfrischung reichen — er dachte, wie einsam und ver­lassen er den Tod erwarte und wie das doch lediglich sein eigenes Verschulden sei — und wieder verfiel er in ein krampfhaftes Schluchzen. — Da trat Rieke ein. 
„Nun — war es das Rechte?“ rief Hartwich. 
„Ja, gnädiger Herr!“
„Gott sei Dank! Sprach sie nicht von mir?“ 
„Nein, gnädiger Herr! Sie redete gar nichts Sie nahm nur das Buch und küßte es, dann schlang sie ihre Arme darum und schlief wieder ein.“
„Wenn mir das Kind nicht verzeiht, bevor ich sterbe, finde ich nicht Ruhe im Grabe!“ stöhnte Hartwich. „Rieke, denke Dir — mein rechter Arm wird auch lahm. Schau’ mich einmal an — findest Du mein Aussehen nicht verändert?“
„I, bewahre — so blau sind Sie immer gewesen!“ tröstete Rieke.
„Gib mir ’mal einen Spiegel, daß ich’s selber sehe!“
Rieke hielt ihm denselben hin, er betrachtete sich lange ängstlich darin. „Ich sehe furchtbar aus. Findest Du nicht, daß meine Zunge schwer wird?“
Rieke stellte den Spiegel weg. „Ach, Ihre Zunge war ja immer schwer, wenn Sie Schnaps getrunken hatten. Machen Sie sich doch darum keine Sorgen.“
„Ich habe heute nichts getrunken, unverschämte Person,“ stammelte Hartwich aufgebracht, „mache, daß Du hinauskommst und pflege mir das Kind gut — sonst —!“
„Ja, ja — gnädiger Herr — ich werde schon meine Schuldigkeit tun, auch ohne Ihre Drohungen — aber gut machen, was Sie schlecht gemacht haben, kann ich doch nicht!“ Damit schlug sie die Tür hinter sich zu.
„Das muß man sich von solch’ einer Bauern­dirne sagen lassen!“ klagte Hartwich. „Wie werden sie mein Kind gegen mich aufhetzen, wenn es wieder zu sich kommt. O — o — ich verdien’s nicht besser, ’s ist traurig, sehr traurig! Aber nur ruhig — nur nicht ärgern!“ So murmelte er mit zittern­den Lippen vor sich hin, stets bemüht, seine Aufregung niederzukämpfen und seiner keuchenden ringenden Brust einen regelmäßigen Atem abzuzwingen.
Wieder schlug die Uhr und zwar Zehn. 
„Jetzt müssen sie doch kommen,“ dachte Hartwich. „Wenn ich nur noch bei klarem Verstande bin!“
Der unglückliche geängstigte Mann stellte nun alle möglichen Denkversuche an, um seine Geisteskräfte zu prüfen und wiederholte hundertmal die Fassung des Testamentes, um sie sich so einzuprägen, daß er sie auch im letzten Augenblick noch wisse.
Endlich ertönten Schritte in der Hausflur.
„Lederer wird das Verbandzeug bringen,“ dachte er, sich jetzt erst wieder seines Wunsches, Blut zu lassen, erinnernd. Aber es waren mehrere Tritte, das mußte die Gerichtsdeputation sein! Die Tür ging auf. „Ach Gott sei Dank, Gott sei Dank,“ stammelte Hartwich und sank ohnmächtig zurück.
„Dacht’ ich’s doch!“ rief der Geheimerat. „Hätten Sie ihm nur zur Ader gelassen — oder wären Sie wenigstens bei ihm geblieben,“ fuhr er den erschrockenen Barbier an, der mit ihm eintrat.
„Nur schnell — das Etui her — drüben beim Kinde Eis geholt,“ befahl er und während er sprach, hatte er schon alle Vorbereitungen getroffen und bald spritzte das dunkle Blut aus der geöffneten Ader hervor.
„Nehmen Sie nur einstweilen Platz, meine Herren,“ sagte er nun, während er den Arm unterband. Ich glaube, daß der Kranke noch einmal aufwacht. Dort in der Ecke steht das nötige Schreibmaterial.“
Die Herren setzten sich und rüsteten den Tisch zur Aufnahme des Protokolls. Der Chirurg brachte Eis. Es ward Hartwich auf den Kopf gelegt, und wie der Geheimerat gesagt hatte, kam er bald wieder zu sich. Er blickte erstaunt um sich. „Lebe ich noch?“ fragte er schwach.
„Ja wohl, ja wohl,“ sprach der Geheimerat froh. „Es war nur ein kleiner Streifschuß.“
„Gott der Gnade,“ stammelte Hartwich. „Du bist barmherzig! Ich habe auch das Gedächtnis noch. Sind die Herren da?“
Der Richter erhob sich und trat an das Bett:
„Wir sind da, Herr von Hartwich, und erwarten Ihre Bestimmungen.“
„Ich bin noch bei Verstande — gewiß ich bin’s!“ beteuerte der Kranke mit kindischer Ängstlichkeit.
„Die Absicht, mit welcher Sie uns hierher gerufen, zeugt wenigstens nicht von dem Gegenteil,“ sagte der Richter ernst, während er dem Protokollführer ein Zeichen gab. Dieser schickte sich an, zu schreiben.
„Auch beteure ich, daß dieser letzte Entschluß ein ganz freier ist,“ fuhr Hartwich fort.
„Auch hiervon bin ich überzeugt, — ich war weit mehr geneigt, Ihr voriges Testament für ein erzwungenes zu halten, als dieses,“ erwiderte der Beamte.
„Beeinträchtigt es die Gültigkeit des Dokuments nicht, wenn ich keine Unterschrift beifügen kann? Meine Hand versagt mir leider den Dienst!“
„Durchaus nicht!“ sagte der Richter. „Die beiden Herren, Geheimerat Heim und Chirurg Lederer werden die Güte haben, als Zeugen für Sie zu unterschreiben, dann ist die Urkunde rechtskräftig. Fühlen Sie sich stark genug, Ihren Willen zu Protokoll zu geben — so steht der Aufnahme nichts im Wege!“
„Ja wohl — ja wohl!“ keuchte Hartwich und richtete sich an dem Geheimerat auf. „Jede Minute ist mir kostbar.“
Der Protokollführer setzte die üblichen Präliminarien auf, der Geheimerat schloß auf Hartwichs Wunsch die Tür und dieser diktierte nun mit solcher Hast, daß ihn der Richter um langsameres Sprechen bat, weil der Schreiber kaum folgen konnte. — Einige Verworrenheiten in der Abfassung brachte der Richter mit edlem Eifer bald ins Klare und so ward denn das Testament vollendet, ehe die mühsam glimmende Lebensflamme des Testators erlosch. Die kleine Ernestine war Erbin eines Vermögens von neunzigtausend
Talern. Das Protokoll wurde Hartwich vorgelesen. Der Geheimerat und Lederer unterzeichneten statt seiner.
„Nun kann ich sterben!“ sagte der Kranke mit der Miene eines Erlösten, und als habe er die letzte Kraft an diese Tat gesetzt, brach er jetzt geistig und körperlich zusammen.
„Geheimerat!“ stammelte er mit schwerer Zunge, und ein seltsames Lächeln verklärte sein Gesicht: „Legen Sie das Dokument meinem Kinde aufs Bettchen, als den — letzten — Gruß — seines — Vaters! — Ihnen danke —“ seine Augendeckel sanken herab, er begann zu lallen und verlor das Bewußtsein.
Der Geheimerat nickte dem Richter zu und sprach ernst: „Das war hohe Zeit!“

Viertes Kapitel. 
Die trauernden Hinterbliebenen.
Am andern Tage um dieselbe Zeit stand Frau Bertha in ihrer Küche und schlug mit gewaltigem Schwunge Schnee zu einem Kuchen, wobei ihre vollen Wangen von der heftigen Bewegung wackelten, wie Geldsäckchen, die geschüttelt werden. Sie hatte die Magd mit dem Kinde in den Garten geschickt und mußte nun selbst ihre Stelle vertreten. — Sie wischte sich mehrmals mit der Schürze die Stirn und drehte endlich prüfend den Teller um, ob der Schnee steif sei, es fiel kein Tropfen herab, — er war sehr steif! Sie stellte ihn nun mit hoher Genugtuung auf den kalten Wassereimer und wandte sich dann nach einem großen Sacke unter dem Tische um, in dem es jämmerlich zappelte und piepte. Ein weißes Täubchen steckte den Kopf heraus, und Bertha schlug es darauf
und band den Sack noch fester zu, in dem die armen Tiere schmachteten. — Ein Kochtopf lief zischend und prasselnd über, sie eilte herbei, strich die weiten Ärmel zurück und hob mit ihren fleischigen Armen den glühen­den schweren Kessel vom Feuer. Sie war schön an­zusehen, als die rote Flamme aus der frei gewor­denen Öffnung schlug und ihr zurückgebogenes Gesicht mit einem Glutschein übergoß, als sie so mächtig und geschäftig herumhantierte, dampfende Töpfe hin und her schob, das Herdtürchen aufriß, Holzklötze nach­legte, herausfallende Brände und Kohlen mit der bloßen Hand wieder hineinwarf oder hoch vom Rauchfang­gesimse eine eiserne Pfanne herabschwang. Es war, als sei Frau Venus, jene derbe plumpe Höllenvenus der deutschen Volksphantasie aus dem Hörselberge5 gekommen und habe sich in eine Küchenschürze gesteckt, um den blutlosen, kalten Doktor Gleißert in Gestalt einer Köchin zu verführen und ihm vorher höchsteigenhändig ein erwärmendes, begeisterndes Mahl zu be­reiten. — Jetzt nahm sie ein Netz voll Krebse und setzte sie in einem Topf mit kaltem Wasser zum Feuer, dann schürte sie tüchtig und schaute behaglich den Zuckungen der langsam sterbenden Tiere zu. Sie dachte nicht daran, daß so eben auch ein zähes Menschenleben in schwerem Kampfe mit dem Tode rang und als sie wenige Minuten später die Leiber der Krebse in einem Mörser zerstieß, ahnte sie nicht, daß das Dröhnen und Klingeln, welches sie hervorbrachte, ein Totengeläute sei. Sie stampfte wacker und wohlgemut die krachenden Schalen zu Brei zusammen und hörte es nicht, als plötzlich ihr Gemahl wie ein vom Bogen geschossener Pfeil die Treppe herauf und in die Küche flog. „Weib!“ rief er atemlos und hielt ihr den Arm fest. „Weib, heute hast Du Dich zum letzten Male gequält!“ — 
Frau Bertha sah ihn an — eine halb ängstliche, halb freudige Überraschung malte sich auf ihrem er­hitzten Gesicht: „So vergnügt sah ich Dich, seit ich Dich kenne, nur einmal, — als Du jene sonderbaren Fische in Triest untersuchtest; was ist denn geschehen?“ „Kannst Du’s nicht erraten?“ fragte Leuthold. 
„Ist er tot?“
„Er ist’s, nach einer Agonie von vierundzwanzig Stunden!“
„Na, Gott sei Dank!“ sagte Frau Bertha und faltete ihre kurzen dicken Hände.
„Ja — wenn ich an einen Gott glaubte — ich würde jetzt auch so sagen!“ erwiderte Leuthold und warf sich auf einen Küchenstuhl. „Weib, fasse es nur, das unerhörte Glück! Wir sind nun reich, un­abhängig — erlöst von der zehnjährigen Sklaverei — erlöst! Ach!“ — Er fächelte sich mit dem Taschentuche, welches er an Hartwichs Leiche benützt hatte, um die Tränen zu trocknen, die er nicht weinte, Luft zu.
Frau Bertha stand trotz allen Glückes etwas be­klommen da. „Es jammert mich doch fast, daß er sterben mußte,“ sagte sie kleinlaut. „Ich meine immer, es sei eine Sünde, sich über eines Menschen Tod so zu freuen, er könnte uns einmal erscheinen!“
„Schwatze nicht so albern, Du weißt, daß ich solchen Unsinn nicht hören will!“ zürnte Leuthold. „Tust Du doch, als hätten wir ihn umgebracht! Wünsche, meine Liebe, sind weder Gift noch Dolch, und wir freuen uns jetzt auch nicht seines Todes sondern nur unseres Erbes. Das ist menschlich!“
„Ach ja,“ meinte Bertha beruhigt; „da hast Du wieder Recht. Wenn wir das Geld nur bei seinen Lebzeiten schon hätten bekommen können, so würde ich ihm das Leben ja gegönnt haben; meinetwegen mochte er dann hundert Jahre alt werden. Es ist seine eigene Schuld, daß wir seinen Tod herbei wünschten — warum hielt er uns so knapp!“
Leuthold nickte ihr lächelnd zu. „Ich sehe, Du nimmst Vernunft an und wirst jetzt auch so gut sein, mit mir hinunter zu gehen und der Leiche Deine Reverenz zu machen.“
„Wozu soll ich denn das?“ fragte Bertha er­schrocken.
„Weil es anständig ist! Ich habe Dich über diesen Punkt schon genug belehrt, Du kennst meinen Willen, also komm’!“
Mit diesen so fein und scharf wie ein Rasiermesser gesprochenen Worten war jeder Widerstand abgeschnitten. Bertha setzte ihre Töpfe vom Feuer, sah nach dem Sack mit den Tauben und folgte dem voranschreitenden Gatten. Unterwegs fragte sie ihn: „Was soll ich denn machen bei der Leiche?“
„Nicht viel,“ sagte Leuthold mit Laune. „Die Unterhaltung mit solch einem steifen stummen Kerl ist bald gemacht: ein paar Ach’s und O’s genügen voll­kommen, auch ist es für Damen sehr geziemend, an Totenbetten auf die Knie zu sinken, wobei ich Dich jedoch bitte, dies nicht mit Deinem gewohnten Un­gestüm zu tun. Der schwere Fall könnte sonst die Ruhe des Toten stören und ihn wieder erwecken!“
„Du bist ein abscheulicher Mensch,“ klagte Bertha.
„Mir graut wahrhaftig vor Dir. Wirst Du auch solche Witze reißen, wenn ich einmal sterbe?“
„Ich werde Dich nicht überleben, meine gute Bertha!“ sagte Leuthold wehmütig. „Wenn es aber geschehen sollte, so sei überzeugt, daß ich nach Dir weinen werde — wie der Säugling nach seiner Amme!“
Frau Bertha sah den Gemahl zweifelhaft an, sie wußte nicht recht, was sie aus dieser zärtlichen Beteuerung machen sollte, und erwiderte nichts. Sie waren vor Hartwichs Tür angekommen.
„Wo ist Dein Tuch — Dein Taschentuch?“ fragte Leuthold leise. Bertha suchte nach — sie hatte es vergessen! „Wie ungeschickt,“ flüsterte Leuthold wütend, „das Taschentuch zu vergessen — bei solchen Gelegenheiten . . .“
„So gib mir Deines,“ bat Bertha.
„Törin, das brauch’ ich ja selbst. Nimm Deine Küchenschürze, halte sie vor’s Gesicht — so!“ Mit diesen Worten öffnete er und trat langsam, Bertha vor sich her schiebend, ein. Hartwich lag ausgestreckt auf seinem Schmerzenslager, sein Gesicht war so furchtbar entstellt, daß Bertha nun froh war, die Augen mit ihrer Schürze verhüllen zu können. Leuthold stand mit würdevoller Haltung neben ihr, sein stiller männlicher Schmerz gefiel allen Anwesenden, — dem Chirurgen, der den Sterbenden gepflegt, den Knechten und Mägden, welche ihren toten Herrn be­trachteten. Sie überzeugten sich sämtlich, daß Herr Gleißert seinen Stiefbruder doch lieber gehabt habe, als man es geglaubt, und daß man Unrecht getan, ihn für herzlos zu halten. Nach einigen Augenblicken legte er milde seiner Gattin die Hand auf die Schulter, aber ein starker Kniff des Daumens belehrte sie über den Zweck dieser Zärtlichkeit, sie an den Kniefall zu erinnern. Sie sank nun mit möglichster Vorsicht nie­der, der Gatte drückte ihr noch zum Überfluß den Kopf auf die Leiche und so war die hingegossene Frau mit dem breiten weißen Rücken ein sehr schönes und rührendes Bild der Trauer. Nach einigen Augen­blicken bog er sich zu ihr herab und sagte weich: „Komm, mein Kind, rege Dich nicht so auf, unsere Tränen können den Armen nicht mehr lebendig machen — komm!“ Damit hob er sie empor, legte ihren Kopf an seine Brust, ihr Gesicht zu verbergen, und führte sie hinaus. Verwundert sahen ihnen die Leute nach.
„Daraus soll nun Einer klug werden,“ sagte der Chirurg. „Man weiß doch, daß die Frau den Herrn von Hartwich nie leiden konnte und jetzt tut sie, als wolle sie vergehen vor Jammer!“
„Glaubt nur nicht, daß es ihr Ernst ist,“ brummte der Knecht, „die tut nur so!“
„Ja, ja!“ bestätigte Rieke, „sie hat keine Träne vergossen — keine Träne, wie sehr sie sich auch mit der Schürze die Augen rieb!“
„Glaubt sie, Rieke?“ fragte eine andere Magd.
„Nu freilich!“ beteuerte Rieke schlau; „das ist ganz sicher, sie hat sich ja nicht ein einziges Mal die Nase geputzt!“
„Sie wollte vielleicht nicht die gute Schürze dazu gebrauchen,“ meinte die Andere begütigend.
„Ach was,“ fuhr Rieke, ohne sich irre machen zu lassen, fort: „wer wirklich ordentlich weint, der muß sich die Nase putzen — er mag wollen oder nicht, und der nimmt, was er gerade in der Hand hat — und wer das nicht tut, dem glaub’ ich auch nicht, daß er rechtschaffen betrübt ist, er mag mir vormachen, was er will! Hat Einer von Euch schon, jemals geweint, ohne daß es Wasser gab? Ich nicht!“
„Ich auch nicht!“ riefen Mehrere.
„Es ist, wahr, sie hat Recht,“ murmelte der Haufe durcheinander, „weder er noch sie haben sich geschneuzt. Das ist doch ein geriebenes Paar! Uns für so dumm zu halten, daß wir nicht merken sollen, wie froh sie über des Herrn Tod sind. — Schade, daß das viele Geld in keine besseren Hände kommt.“ 
Damit zerstreuten sich die Leute und Jeder ging wieder gleichgültig an seine Arbeit.
„Das wäre so weit gut abgelaufen,“ meinte Leuthold, als er mit Bertha wieder oben ankam; „aber ein Genie für die Bühne hast Du nicht.“
„Sei froh, da bist Du doch sicher, daß ich Dir nie eine Komödie vorspielen werde,“ sagte sie und schüttelte sich, als wolle sie den schrecklichen Eindruck des Gesehenen abschütteln, wie den Staub von ihrem Kleide.
Das Mädchen war indessen mit dem Kinde zurückgekehrt und hatte den Tisch gedeckt.
„Wir wollen uns heute eine Flasche Champagner erlauben!“ sagte Leuthold und nahm die Kellerschlüssel. „Auf eine so große Gemütsbewegung bedarf man der Stärkung! Laß auch die Lene Eis herauf holen.“ Damit ging er hinaus.
Frau Bertha schickte das Mädchen nach dem Gewünschten und dachte selbstzufrieden: „Die Eisgrube war doch der beste Gedanke meines Lebens!“
Ihr Töchterchen, das noch vermöge seiner Fülle etwas unbeholfen, war einstweilen unter den Tisch gekrochen und hatte sich dann an dem herabhängenden Tischtuchzipfel aufrichten wollen, letzteres schlug jedoch fehl, da das Tuch nachgab, und ein paar herabfallende Teller und Messer begruben Gretchen unter sich. Bertha riß das schreiende Kind in die Höhe, gab ihm einige derbe Klapse, die weithin schallten und rief zornig: „So, jetzt weißt Du doch, warum Du heulst!“ Dann trabte und stampfte sie mit ihm im Zimmer auf und ab, um es zu beruhigen, weil sie wußte, daß ihr gestrenger Gatte kein Kindergeschrei hören wollte. Gretchen wurde eben noch zu rechter Zeit still, als der Papa mit dem Champagner eintrat. Lene brachte Eis und die Flasche wurde hineingestellt. Während sich das Ehepaar zu Tische setzte, ließ Bertha die Trümmer der herabgefallenen Teller wegräumen. „Ach Gott!“ murmelte sie, „nichts als schlechte Zeichen! Wenn nur unser Glück nicht wie dies Porzellan in Stücke geht!“
„Unverbesserliche Närrin!“ schalt Leuthold, „wenn wir Alles, was wir wünschen, so sicher hätten, wie unser in gerichtlichen Dokumenten niedergelegtes Erbe, dann tummelte sich in einem Fürstensaale Gretchens künftiger Mann, — dann stünde jetzt schon der beste französische Koch an unserem Herde, — dann . . .“
„So!“ unterbrach ihn Bertha gereizt, „genügt Dir meine Kochkunst nicht mehr, daß Du Dir einen Franzosen wünschest?“
„Nur ein solcher wäre im Stande, Dich zu ersetzen,“ erwiderte der Gatte, der sich einstweilen in der feinen Liebenswürdigkeit üben wollte, welche er später den Damen der großen Welt gegenüber zu gebrauchen dachte. Er küßte ihr die Hand und fuhr schmeichelnd fort: „Ich wünsche nicht, daß diese rosigen Finger sich ferner an glühenden Fleischtöpfen versengen und an Reibeisen verwunden. Überlasse Du das einem im Feuer gestählten Jünger der Gastronomie!“
Frau Bertha starrte ihn verwundert an. 
„Ja, können denn die Gastronomen auch kochen?“ 
„Nun gewiß, was könnten sie denn sonst?“ 
„Ei, ich glaubte, die guckten nur in die Sterne!“ 
Leuthold faltete, wie zerschmettert, die Hände und blickte gen Himmel. „Großer Gott! wenn ich mir denke, daß Du dergleichen in einer unserer künftigen Gesellschaften sagen könntest, — da befällt mich eine so tiefe Zerknirschung, daß ich im Stande wäre, mein Vermögen einem geistlichen Orden zu vermachen und mich selbst in ein Büßerhemd zu stecken! Frau, Frau, muß ich Dich noch den Unterschied zwischen Gastro­nomie, Kochkunde und Astronomie — Sternkunde lehren?!
„Gastronomie oder Astronomie!“ sagte Bertha ärgerlich, während sie die dampfende Krebssuppe herausschöpfte, „es ist besser, daß ich das Kochen ver­stehe, als den fremden Namen, den Du ihm gibst. Hättest Du während der zehn Jahre, wo Du zu arm warst, Dir eine ordentliche Köchin zu halten, eine Frau vorgezogen, mit der Du lateinisch reden konntest und die Dir dabei ein Essen hingestellt hätte, das kein Schwein verdauen könnte?“
„Nein, gewiß nicht, meine teure Bertha!" be­gütigte der Gemahl, dem das Wort Schwein in dieser Anwendung abermals einen Schauder verursachte, „man kann indessen Beides vereinigen, wenn man nur will! Ich fordere nicht von Dir, daß Du der latei­nischen oder griechischen Sprache mächtig seist, auch nicht, daß Du unserer Küche Deine treffliche Leitung entziehst — aber Du hättest manches niedrige Hausgeschäft Deinen Dienstboten überlassen können, das Du nur deshalb selbst besorgtest, weil es Dir Vergnügen machte und Du Deine Zeit nicht besser ausfüllen mochtest. Das muß anders werden; bisher hattest Du den Vorwand, unsere kümmerlichen Ver­hältnisse zwängen Dich zu den Arbeiten einer Magd. Von nun an fällt dieser Grund weg, denn ich werde Dir in der Stadt eine anständige Dienerschaft halten und Du kannst Dich alsdann so weit bilden, als es die Kreise, in welchen ich leben will, verlangen.“
Bertha ließ ungeduldig den Löffel in die Suppe fallen, daß sie hoch aufspritzte, und Leuthold blickte sie wieder kopfschüttelnd an, er tat einen tiefen Seufzer, als wollte er sagen: „’S ist Alles vergebens,“ wäh­rend Bertha ihren Zorn an der duftenden Brühe ausließ, die sie mit heftigen Bewegungen wieder in die Suppenschüssel zurückgoß, nachdem sie den Löffel ab­geleckt und neben sich gelegt hatte.
„Wenn Du das je vor Fremden tust, so hast Du Dich mit dieser einzigen Kleinigkeit zu einer ungebildeten Frau gestempelt und mich blamiert!“ sagte er ingrimmig.
Bertha schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. „Jetzt hab’ ich aber wirklich genug! Soll ich nicht einmal mehr essen dürfen, wie ich will? So lange Du arm warst, und ich mein kleines Aussteuerkapital gehorsam in die Wirtschaft einbrockte0, um Dir eine anständige Kost zu verschaffen, da war ich Dir recht, da hattest Du nur schöne Worte für mich — und jetzt, wo Du reich bist und ich nichts mehr habe, bin ich Dir auf einmal nicht mehr gut genug und ziehst Du plötzlich ganz andere Saiten auf! Gott bewahre mich — da hat man ja keine frohe Stunde mehr und am Ende wirfst Du mich noch zum Hause hinaus, wenn ich Dir’s nicht recht mache. Im Stande wärst Du’s, das seh’ ich nun ein. O, hätte ich das gewußt!“ 
Sie schwieg, weil Lene mit dem Braten erschien, aber ein paar große Tränen rollten ihr in die Suppen­schüssel herab, als sie diese dem Mädchen reichte.
„Welch übertriebenes Geschwätz,“ sagte endlich Leuthold, „sei so gut und schneide das Fleisch, mich hungert; — Du weißt, daß ich ein anständiger Mann bin, der Gewaltmaßregeln vermeidet, wo er kann. Ich hoffe, Du wirst mich nicht durch störrisches, albernes Benehmen dazu zwingen! Du wirst die Pflichten anerkennen und erfüllen, die unser Reichtum Dir auferlegt.“
„Pflichten, Pflichten? Ich denke, wenn ich reich bin, kann ich mich erst recht meines Lebens freuen und erst recht tun, was ich will — statt dessen soll ich mich in Allem genieren und mir doppelten Zwang auferlegen. Das ist gerade, wie wenn Du mir statt des alten Sofas da ein neues besseres hinstelltest, ich dürfte mich aber dann zur Schonung des kostbaren Überzugs nicht mehr darauf setzen; da hätte ich ja lieber das alte behalten, auf dem ich mich wenigstens behaglich ausstrecken konnte!“
Leuthold sah sie lächelnd an. „Das Ausstrecken auf dem neuen Sofa ist Dir unverwehrt, ich wünsche nur, daß Du zuvor die schmutzigen Schuhe ablegtest, die Du trägst. Verstehst Du das?“
Diese Erklärung beruhigte Bertha so weit, daß sie ein ansehnliches Stück Fleisch in großen Brocken hinabzuschlingen vermochte. Der Gatte sah ihr dabei von der Seite mit einer eigentümlichen Mischung von Ärger und Humor zu.
„Du wirst Dich jetzt auch daran gewöhnen müssen, mit der linken Hand die Gabel zu halten,“ sagte er endlich.
„Herr Jesus!“ fuhr Bertha wieder auf, „was liegt denn an einer solchen Kleinigkeit!“
„Sehr viel, meine Liebe! Solche an sich gering­fügige Formsachen bezeichnen den Bildungsgrad, wie der Quecksilberstand im Thermometer den Wärmegrad: eine Linie auf oder ab ist schon von Bedeutung. Wenn Du die Gabel mit der ganzen Faust packst wie eine Heugabel, das Messer weglegst und mit der rechten Hand die Bissen zum Munde führst, — so weiß jeder Gebildete, daß Du nicht in vornehmer Gesellschaft zu speisen gewöhnt bist und sagt: ‚Es ist eine ordinäre Frau!‘ — Ich gebe zu, es ist eine Geringfügigkeit an sich und für jeden denkenden Menschen eine Lächerlichkeit. Aber es hat doch einen Sinn und Zweck: solche peinlichen Formen sind kleine stillschweigende Erkennungszeichen, durch die sich der Feingebildete von dem Halbgebildeten unterscheidet. Gerade weil sie an sich so unbedeutend sind, bemerkt sie der Uneingeweihte gar nicht und eignet sie sich daher nicht an. Steckt er aber in Silber und Gold — die Unkenntnis dieser Dinge verrät ihn als Parvenü. Wer sich in Kreise aufschwingen will, in denen er, wie Du, nicht erzogen ist, der muß ihnen vor Allem ihre konventionellen Geheimnisse ablauschen, um nicht mit Schande zu bestehen!“
„Ach, was ist das wieder für eine Moralpredigt!“ seufzte Bertha. „Na warte nur, an Dir habe ich heute genug gekriegt, — Du bist ein ganz herzloser Mensch, der nur gut mit mir war, so lange er mich brauchte. Ich muß es hinnehmen, wie es kommt, denn ich bin arm und hilflos, seit ich mit dem Vater überworfen bin, aber satt hab’ ich Dich, das kannst Du glauben.“
Leuthold lächelte. „Und wenn diese Sättigung eine so nachhaltige wäre, daß sie jede andere überflüssig machte, so würdest Du dich von mir trennen — da dies jedoch leider nicht der Fall ist und Du nebenbei eine Freundin guter Mahlzeiten bist, die Dich an meiner Seite erwarten, so werden diese wohl einen dauerhaften bindenden Kitt zwischen uns abgeben. Ich werde Dich auch großmütig als meine Gemahlin be­handeln, so lange Du mir keinen gerichtlichen Grund zur Scheidung gibst, — deshalb sei ganz ruhig, das Los, das Dich erwartet, ist tausendmal glänzender, als Du es je beanspruchtest und zu beanspruchen berechtigt warst.“
Bertha fuhr auf, sie wollte etwas erwidern, doch der Gatte machte ihr ein so gebieterisches Zeichen zu schweigen, daß sie ihren Zorn hinunterschluckte und heftig schluchzend hinaus eilte. Als sie in die Küche trat, nahm eben das Mädchen den Kuchen aus dem Ofen, den sie gebacken. Er war geraten — er war wunderschön! Das Mädchen stellte ihn zur Abkühlung an das offene Fenster. Bertha trat hinzu und betrachtete ihn wehmütig. Wie viel Mühe hatte sie sich damit gegeben, wie steif war der Schnee gewesen und wie schön war er aufgegangen — aber kein Mensch freute sich nun darüber. Verdiente der böse Gatte, daß sie ihm einen solchen Genuß bereitete — verdiente er es, dieses Meisterwerk zu verzehren? Aber wie es so da lag, so rund und hoch, so braun und duftig, da trockneten allmälig ihreTränen und es überkam sie eine versöhnlichere Stimmung, ein freudiger Stolz; dies Rezept besaß in der Gegend Niemand, diesen Kuchen buk ihr Niemand nach! Sie dachte an das Entzücken aller der Leute, welche ihn künftig an ihrer Tafel verspeisen würden, an die Bedeutung, welche sie wenigstens nach dieser Richtung hin gewinnen werde — und als sie sich eine Zeit lang diesen Betrachtungen überlassen, da war sie wieder ganz wohlgemut und nun faßte sie auch den Entschluß, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen und den Gemahl nicht mit Entziehung des Leckerbissens zu strafen, sondern ihm vielmehr durch denselben zu imponieren: er sollte nur sehen, gegen welche Frau er sich so eben vergangen hatte! Wenn er diesen Kuchen kostete, mußte ihn ja seine Härte von vorhin reuen! Sie ergriff die Platte und trug sie auf einer Hand hoch emporgehalten nach Art der Kellner in das Eßzimmer, sie mit siegreicher Miene vor den Gemahl hinstellend.
„Nun, das ist ja sehr schön!“ sagte er wohl­gefällig, bald auf das runde hübsche Gebäck, bald auf die runde hübsche Bäckerin blickend — und dieser Aus­druck der Zufriedenheit hob Bertha auf den Gipfel des Glücks und Ruhmes und sie fühlte sich jetzt mo­ralisch berechtigt, ein Glas Champagner zu fordern. Der Gatte löste vorsichtig mit der Serviette den Kork, um das verräterische Knallen zu verhüten, welches nicht wohl in ein Trauerhaus paßte, und goß ihr den kalten perlenden Trank ein.
„Komm,“ sagte sie, ihm das Glas hinhaltend, „wir wollen anstoßen: ein Vivat dem guten Hartwich, der uns zu so reichen Leuten machte!“
„Da er nun tot ist, will ich ihn gern leben lassen,“ sagte Leuthold lächelnd und stieß mit der Gattin leise an. „Er lebe hoch — oben im Himmel und es sei ihm dort so wohl, als es uns hier unten mit seinem Gelde sein wird!“
Beide leerten ihre Gläser, wenn auch nicht mit der gleichen Schnelligkeit, bis zur Neige und Bertha, die natürlich zuerst fertig war, stülpte das Glas auf den Tisch und lief in das Nebenzimmer, wo Gretchen Mittagsruhe hielt. Sie riß das schlafende Kind aus dem Bettchen, schüttelte es und schrie: „He! wach auf, ’s gibt Kuchen!“
Die Kleine, die noch nicht ausgeschlafen hatte, fing heftig erschrocken zu weinen an und war erst zu beruhigen, als der Papa ihr das in den Mund stopfte, was ihr die Mutter so ungestüm verheißen, und sie zärtlich in den Armen wiegte.
„Du verstehst es nicht einmal, mit Deinem eige­nen Kinde umzugehen,“ murmelte Leuthold, „wie soll das werden, wenn unsere Nichte zu uns kommt?“
„Was!“ rief Bertha, „muß ich denn den Wechselbalg bei mir aufnehmen?“
„Bei mir nimmst Du ihn auf — ja!“
„Aber ich denke doch, wir geben sie in ein Institut? Du versprachst es mir ja!“
„Wenn Ernestine durchgebracht wird, — was dem alten Praktiker, dem Heim, wohl gelingen könnte, — dann bleibt sie jedenfalls für Monate so schwach, daß wir sie nicht in fremde Hände geben dürfen, ohne uns schwerem Tadel auszusetzen. Du wirst Dich daher darein fügen müssen, den unwillkommenen Gast unter unserem Dache zu beherbergen, bis man ihn anständiger Weise abschütteln kann. Daß dies, so bald nur irgend tunlich, geschieht, dafür bürge ich Dir. Also sei nun ruhig und verbittere mir nicht diesen Freuden­tag durch unnützes Gezänk!“
Frau Bertha ließ die volle Unterlippe weit herabhängen, während Gretchen auf ihrem breiten Knie „Hottopferd“ machte. — Der düstere Vorsatz stieg in ihr auf, der verhaßten Stiefnichte nie etwas von den Kuchen zukommen zu lassen, die sie buk. Für diese „Kröte“ war solch leckere Speise weitaus zu gut. Sie wagte keinen entschiedenen Widerspruch gegen den Willen des Gatten, aber sie tröstete sich mit dem Ge­danken, daß sie als Hausfrau Gelegenheit genug habe, sich an Ernestinen für den Zwang zu rächen, den ihr Leuthold auferlegte. Einen Sündenbock mußte sie nach Art gemeiner Naturen doch haben, und da sie den Ge­mahl dazu nicht machen konnte, so sollte es das wehrlose Mädchen werden.
Leuthold, der dies Brüten an seiner Frau nicht gewohnt war, berührte leicht ihre Schulter. „Nun? es sieht ja beinahe aus, als ob Du etwas dächtest?“ fragte er mit Laune.
„Ja, — ich denke auch etwas!“ versicherte sie nachdrücklich. „Ich denke, daß es ein rechtes Hundeleben gibt, so lange ich das kränkliche, böse Kind ver­pflegen muß und daß mir doch kein Mensch lohnen wird, was ich tue —“
Sie mußte schweigen, denn Gretchen hielt ihr mit solcher Kraft die Nase zu, daß ein großer Teil des zu dieser Rede nötigen Luftstromes abgesperrt ward und der Klang ihrer Stimme nicht mehr den gewünschten Eindruck auf den ästhetischen Gemahl hervorbrachte, dessen Lippen bereits ein verhängnisvolles Lächeln umspielte.
Das Essen war vorüber, Leuthold legte die Serviette zusammen und stand auf. „Jetzt muß die Todesanzeige geschrieben werden, es ist die höchste Zeit,“ — sagte er, im Nebenzimmer die Hände waschend und die Nägel bürstend. „Nähe mir auch den Trauerflor um den Hut.“ Er kam wieder heraus und setzte sich an den Schreibtisch. Bertha stellte ihm eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Licht hin. Er zündete sich eine feine Zigarre an, die er beim Schreiben rauchte, während er von Zeit zu Zeit behaglich seinen Kaffee schlürfte. Das Dienstmädchen räumte leise den Tisch ab, Gretchen spielte am Boden mit Papier, das es in Tausende kleiner Fetzen zerriß, um ein Schneegestöber zu veranstalten, und Bertha probierte vor dem Spiegel verschiedene Trauergegenstände an, die sie sich schon längst im Vorrat gekauft hatte. Sie war ent­zückt, denn das Schwarz kleidete sie vortrefflich.
Es war eine kleine, stillvergnügte Gesellschaft bei einander. Leuthold hatte seine Tasse geleert und legte zugleich die Feder weg. „So, — das ist gewiß höchst rührend und erbaulich! Da lies!“ Er reichte Bertha das Geschriebene, sie las:
Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, unsern geliebten Vater, Bruder und Schwager, Herrn Karl Emil von Hartwich, Rittergutsbesitzer und Fabrikanten dahier, heute Mittag 12 Uhr von seinen langen Leiden zu erlösen und in ein besseres Jenseits abzurufen. Wer den Verstorbenen und sein segensreiches Wirken kannte, wird unsern tiefen Schmerz zu würdigen wissen und uns eine stille Teilnahme nicht versagen. 
Unkenheim, 24. Juli 18 . .
Die trauernden Hinterbliebenen

Fünftes Kapitel. 
Enttäuschung.
Ernestine lag noch immer regungslos in dem breiten Bette der Frau Gedike und an ihrer Seite saß eine kleine, kaum drei Schuh hohe Wärterin, baumelte mit den kurzen Beinchen und dachte darüber nach, wie schön es sein müsse, in solch einem großen, breiten Bett zu liegen, wie ein Erwachsener, und wie schade es sei, daß die arme Ernestine immerfort schlafe und dies Glück nicht genießen könne. Hin und wieder drehte sie das blonde Köpfchen nach dem hinter ihr liegenden Fenster, durch dessen weiße Vorhänge sie einem dunkeln Zuge nachblickte, der sich vom Hause weg dem Dorfe zu bewegte. Als sie ihn nicht mehr sehen konnte, seufzte sie ein wenig und baumelte etwas stärker, als zuvor, mit den Beinen, — ihr kleiner Oberkörper aber bewahrte eine immer gleiche, sehr ehrbare Haltung, denn sie war sich ihrer wichtigen Obliegenheiten wohl bewußt. Man hatte ihr die Be­wachung Ernestinens anvertraut, so lange die Dienerschaft der Einsegnung von Hartwichs Leiche beiwohnte. Als diese vorüber war und der Zug nach dem Kirch­hofe ging, hatte Rieke die Kleine gebeten, bei Ernestinen zu bleiben, bis die Herren vom Kirchhof kämen, damit sie noch einige Hausgeschäfte besorgen könne. Angelika, denn sie war es, übernahm diesen Auftrag mit Freuden. Sie hatte ihrem Onkel Neuenstein, der Hartwich die letzte Ehre erweisen wollte, keine Ruhe gelassen, bis er sie zu Ernestinen mitnahm. Freilich mußte sie sich bald eingestehen, daß sie sich in ihrem ganzen, sieben Jahre langen Leben noch nicht so gelangweilt habe, wie in diesem stillen Krankenzimmer, wo das einzige Geräusch in dem Gesumme der Fliegen be­stand, die sich um den Rest einer Arznei in Ernestinens Löffel rauften; aber es wurde ihr darum doch nicht leid, sie verhielt sich mäuschenstill, um die Kranke nicht zu stören, und wagte nicht einmal, sie anzusehen, weil sie gehört hatte, man könne Schlafende durch den Blick wecken. Nur das schöne Buch betrachtete sie manchmal, das Ernestine bei sich hatte und ganz zerdrückte, weil sie es nicht aus den Armen ließ. Plötz­lich murmelte diese unruhig: „Ich liege ja verkehrt im Bette!“ Angelika rutschte erschrocken von ihrem hohen Stuhle herab, lief zur Türe und rief: „Rieke, Ernestine hat was gesagt!“
Die Magd eilte herzu und Ernestine drehte und wendete sich und blieb dabei, sie liege mit dem Kopfe unten und mit den Füßen oben. Rieke kam endlich auf den Gedanken, daß Ernestinens vorige Bettstelle an der entgegengesetzten Wand gestanden hatte, und daß sich die alte Gewohnheit nun beim Erwachen gel­tend mache. Sie war klug genug, das als ein gutes Zeichen zu betrachten und bettete Ernestinen rasch und vorsichtig um. Als diese die Hand ausstreckte und nun die Wand an der Seite fühlte, wo sie es ge­wohnt war, schien sie zufrieden wieder einzuschlummern, und Rieke entfernte sich, um ihre Arbeit fortzusetzen. Doch bald schlug Ernestine die Augen auf und blickte zum erstenmal mit klaren Blicken um sich. „Angelika!“ sagte sie verwundert — dann sah sie sich im Zimmer um: „Das ist ja die Stube von Frau Gedike — und welch großes, weiches Bett!“
„Nicht wahr,“ brach Angelika vergnügt aus: „Da liegt sich’s gut drin? Ach Du arme, liebe Ernestine, bist Du denn nun wieder ein bißchen gesund? Ist Dein Köpfchen wieder ganz?“
Ernestine befühlte ihre Binde. „Was hab’ ich denn da?“
„Sie haben Dir ja Deinen Kopf zerbrochen — o — so etwas ist schrecklich — ich weiß das von meinen Puppen — und denen tut’s doch nicht einmal weh und man kann ihnen neue Köpfe aufsetzen — aber Dir konnte man das nicht und sie sagten, Du müßtest sterben. Du bist aber doch nicht gestorben!“
„Ach ja,“ sagte Ernestine sich besinnend, „jetzt weiß ich’s, heute Nacht schlug mich der Vater und warf mich um — ja — das tat sehr weh!“
„Es war nicht heute — es war vor einigen Tagen, da hast Du wohl die ganze Zeit geschlafen und hast auch nicht gemerkt, daß sie Dir die Haare abschnitten?“ fragte Angelika, lief zur Kommode und holte ein dickes Büschel langer schwarzer Locken herbei. „Siehst Du, da sind sie, — sie sind noch ganz von Blut verklebt — aber wenn Du sie mir lassen wolltest, wüsche ich sie aus und machte meiner großen Laufpuppe eine prachtvolle Perrücke davon! — Bitte, bitte, liebe Ernestine, schenke sie mir, Dir wachsen sie ja doch nicht wieder an!“
„Ich will sie Dir gerne schenken,“ sagte Ernestine, „aber frag’ erst Frau Gedike, ob Du sie behal­ten darfst.“
„Ei, die ist ja nicht mehr da, Onkel Heim hat sie fortgejagt!“ erwiderte Angelika, die dunkeln Sträh­nen sehnsüchtig durch die Finger ziehend.
„So frag’ meinen Vater.“
Diese Antwort brachte Angelika ganz außer Fassung. „Deinen Vater kann ich nicht fragen,“ klagte sie und legte ärgerlich die Haare weg. „Der ist ja tot. Sie steckten ihn vorhin in den Leichen­wagen — ich hab’s gesehen.“
„Ach,“ sagte Ernestine erschrocken, „er lebt nicht mehr? O, warum mußte er sterben?“
„Ich denke, weil er so böse mit Dir war“ — meinte Angelika altklug: „Weißt Du, — wenn ich unartig bin, sperrt mich Mama ins dunkle Zimmer — und weil Dein Vater doch noch viel schlimmer war als ich — sperrt ihn der liebe Gott in das finstere Grabloch hinein, da muß er nun immer drin bleiben!“
„Ach meinetwegen hätte der liebe Gott das nicht tun sollen, meinetwegen nicht,“ — sagte Ernestine, aus ihrer Stumpfheit in Tränen übergehend: „Nun hab’ ich ja keinen Vater mehr — nun hab ich gar Niemanden mehr — und bin ganz allein auf der Welt! — Ach, der arme Vater! um meinetalben muß er jetzt in das enge Grab hinein, wo ihn die Würmer fressen, daß nur die Knochen übrig bleiben — o wie schrecklich, wie schrecklich! Ich habe einmal auf einem Gemälde ein Totengerippe gesehen — solch ein Gerippe wird er nun werden — der arme, arme Vater.“ Und sie rang ihre dürren Hände und wälzte sich laut jammernd im Bette herum.
Angelika war in Verzweiflung über das Unglück, das sie angerichtet. Sie hatte ganz vergessen, daß man ihr verboten hatte, für den Fall von Ernestinens Erwachen von ihrem Vater zu reden. Sie trippelte in großer Angst an dem hohen Bette auf und nieder und holte endlich einen Schemel herbei, auf den sie sich stellte, um zu Ernestinen hinauf reichen zu können. Sie küßte sie, streichelte ihr unaufhörlich die Wangen und drückte ihr mit dem weichen Händchen den Mund zu, um sie zum Schweigen zu bringen, aber nichts half. Endlich kam sie auf den Gedanken, ihr das Buch vorzuhalten, das neben ihr lag. Sie schlug ein Bildchen auf und zeigte es ihr: „Schau, liebe Ernestine, schau doch Dein schönes Buch an“ — flehte sie und sogleich hob diese den Kopf und wischte die 
Tränen aus den Augen, als sie das Bild sah: „Der Schwan“ — rief sie — „der Schwan, das ist die Geschichte vom häßlichen, jungen Entlein!“ Sie nahm das Buch hastig aus Angelikas Händen, und sie blätterten zusammen darin. Allmälig verdrängten die wundervollen Gestalten der Schneekönigin, der kleinen Seejungfrau und Andere mehr das furchtbare Bild ihres toten Vaters, und seine enge Gruft verwandelte sich bald in den leuchtenden Garten des Paradieses, bald in das weite, krystallen schimmernde Meer mit seinen unterseeischen Nixenschlössern. Leiser und leiser ward ihr Schluchzen und endlich spielte ein Lächeln um ihre Lippen, als sie die Geschichte der Dryade „Fliedermütterchen“ fand.6
„Nun weiß ich doch, was eine Dryade ist,“ — sagte sie. „Das freut mich — das freut mich sehr!“
„Was denn, was freut Dich so?“ 
„Daß eine Dryade nichts Schlechtes ist; denn — weißt Du? — er hat mich so genannt, ich dachte, es sei ein Spottname und das tat mir weh — nun ist es aber keiner!“
„Er? Wer denn?“
„Ich weiß nicht, wie er heißt, — Dein Bruder, der mir das Buch gab!“
„Johannes“ — lachte Angelika. „Kannst Du ihn leiden?“
„Ja, o ja — er ist so schön und gut — gerade wie der Prinz in der kleinen Seejungfrau.“ Bei diesen Worten verklärte sich das blasse Gesicht und die dunkeln Augen des Kindes bekamen wieder Glanz. „Ich würde auch lieber in Schaum vergehen, als ihm was zu Leide tun, wenn ich die Seejungfrau wäre.“
„Das ist schön, das ist prächtig,“ jubelte Angelika, „da haben wir ihn beide gern! Er ist ein so lieber Bruder. Schade, daß er fort ging, er müßte sonst zu Dir kommen und mit Dir spielen. Ach, er kann so schön spielen!“
„Ging er fort?“ fragte Ernestine traurig. 
„Ja, er ist nach Paris gereist, um mir eine Wachspuppe zu holen. — Denke Dir, — eine, die schreien und Papa und Mama sagen kann!“ —
„Ach solche Puppen gibt es ja nicht!“ sagte Ernestine mit trübem Blick.
„Freilich gibt es solche und wenn ich sie habe, dann will ich Dir sie zeigen. Denke doch nur an die Puppe in Ole Luköje, die konnte auch reden und machte sogar Hochzeit.“7
„Das ist aber keine wahre Geschichte,“ bemerkte Ernestine altklug und griff sich an den Kopf, der sie heftiger zu schmerzen begann.
„Ach höre, — Hochzeit machen, ist etwas Reizen­des,“ fuhr Angelika fort: „Ich bin einmal bei einer wirklichen Hochzeit gewesen, da ging es fast noch schöner her als im Mährchen — was meinst Du, wie gut es solch eine Braut hat? Denke Dir nur, die darf in der Mitte des Tisches sitzen und vor ihr steht ein großer Baumkuchen mit einem Häuschen oben drauf, in dem ein Männchen steht — ein ganz kleines Männchen mit einem Köcher und Pfeilen, aber sonst hat es weiter nichts an. Von dem Kuchen bekommt sie das beste Stück und das Figürchen stellt man ihr auf den Teller und sie darf von Allem zuerst nehmen. Ich ärgerte mich recht über meine Cousine, daß sie von den schönen Sachen so wenig aß. Und denke Dir nur, zuletzt kamen Tauben von Eis, die lagen in einem Zuckerneste und hatten Marzipan-Eier unter den Flügeln. Sie sahen so natürlich aus, daß mir’s ordentlich leid tat, als meine Cousine einer davon den Kopf abschnitt. Ich hätte fast geweint und wollte nichts davon essen, als es aber an mich kam, da sah man schon nicht mehr, daß es Tauben waren und man konnte es auch nicht mehr schneiden, nur mit dem Löffel herausschöpfen, denn es war zerflossen und da schmeckte mir’s recht gut. Und Schaumwein gab’s auch in Menge und alle Herren hielten lange Reden an die Braut hin, wobei man ganz stille sitzen mußte und nicht mit den Löffeln klappern durfte, — wenn sie aber fertig waren, dann konnte man schreien, so viel man wollte, und die Gläser aneinander stoßen und je ärger man klirrte und schrie, desto besser war es und Alles küßte sich um den Tisch herum, aber meine Cousine war so dumm und weinte! Ich würde nicht weinen, wenn es mir so gut ginge. Und weißt Du was? Wenn mein Bruder zurückkommt, muß er Dir auch eine Puppe mitbringen, einen Jungen mit Mütze und Weste, den lassen wir meine Schreipuppe heiraten. In sechs Monaten kommt er, und bis dahin muß es lange sein, denn Mama weinte beim Abschiede. Bis dahin sind wir vielleicht groß und können unsern Puppen die Kleider selbst nähen. Das wäre hübsch!“
„In sechs Monaten sind wir aber noch nicht erwachsen,“ belehrte sie Ernestine, „Da muß es erst Winter werden und wieder Sommer und noch einmal Winter und noch einmal Sommer — dann erst sind wir groß!“
„Das ist ja schrecklich lange,“ rief Angelika, „das kann man kaum erwarten.“
„Und wenn wir einmal erwachsen sind, spielen wir nicht mehr mit den Puppen, — dann kaufe ich mir ein Fernrohr, wie Onkel Leuthold eines hat, und schaue immerfort in den Mond, das ist mir lieber als Alles!“
„In den Mond? Hast Du schon einmal hineingesehen?“ fragte Angelika verwundert.
„Ja, das hab ich!“
„Wie sieht es denn darin aus?“
„Ach schön — wunderschön. Es leuchtet und glänzt so silbern und ist so still und ruhig und Berge und Täler sind dort wie bei uns, aber sie sind nicht farbig wie die unsern, sie sind wie lauter Licht!“
„Hast Du denn auch den Mann im Monde gesehen?“
„Nein, den sah, ich nicht — Onkel Leuthold sagte, es gäbe keine Menschen im Mond — aber ich glaub’s nicht, — es ist nur so weit weg, daß man sie nicht sieht. Und die Leute, die dort leben, sind gewiß viel glücklicher und besser als hier, die schlagen sicher kein Kind, und wer weiß, ob nicht am Ende gar der liebe Gott dort wohnt! Ach wenn ich fliegen könnte — dahin flög ich!“ sie blickte mit feuchtschimmernden Augen zur Decke empor, während ihre schmale Brust tief Atem holte.
„Nein, liebe Ernestine, Du mußt nicht fortfliegen, wer weiß, ob der Mond in der Nähe so hübsch ist wie von weitem. Und hier auf der Welt ist’s auch schön, und wenn Du groß bist, wirst Du eine Tante oder Mama, dann darf Dir Niemand was tun. Meine Tanten und Mama bekommen auch keine Schläge mehr, — von Niemandem!“
Ernestine hörte das Geplauder der Kleinen nicht, ihre Augen schlossen sich, ihr geliebtes Buch entsank ihren Händen, Ole Luköje, der milde, nordische Schlummergott war daraus auferstanden. Er hatte Balsam in ihre schmerzende Wunde gegossen und seinen Schirm mit den tausend schönen, bunten Malereien über ihre ruhende Seele ausgespannt. —
Angelika betrachtete sie ein Weilchen, dann fragte sie: „Bist Du wieder eingeschlafen?“ Und als sie keine Antwort bekam, dachte sie, daß es wohl so sei und schob sich leise, leise auf ihren hohen Stuhl hinauf, wo sie mit dem Ernst und der Steifheit eines Wachtpostens sitzen blieb. Endlich kam Heim mit Herrn Neuenstein vom Begräbnis zurück und trat mit diesem vorsichtig ins Zimmer.
„Sie hat mit mir geredet,“ berichtete Angelika.
„Was — war sie bei sich?“ fragte der Geheimerat mit freudiger Überraschung.
„Ja, ja — wir haben uns eine Menge erzählt und dann schlief sie wieder ein.“
Der Geheimerat rieb sich die Hände: „Das ist ja herrlich! Schien sie Dir denn völlig bei Vernunft zu sein?“
„Ja, ja — sie war ganz vernünftig!“ bestätigte Angelika.
„Schade, daß ich nicht da war! Jetzt hoffe ich, sie durchzubringen,“ sagte der Geheimerat zu Herrn Neuenstein; dieser aber betrachtete mit ungläubigem Kopfschütteln das leichenähnlich schlummernde Kind.
„Nicht wahr,“ fuhr der Arzt fort, „das scheint Ihnen unwahrscheinlich? Und dennoch glaube ich es mit Bestimmteit. Wer solch eine welke verkümmerte Knospe daliegen sieht, der hat wohl kaum eine Ahnung von den wunderbaren Hülfsquellen in ihrem Innern. Und ich sage Ihnen, in diesem Kinde wohnen solche geheime Lebenskräfte, sonst wäre es dieser tierquälerischen Erziehung längst erlegen. Das wird noch was — glauben Sie mir, das wird was!“
„Nun es soll mich von Herzen freuen, wenn Ihre Bemühungen nicht vergebens sind. Also wollen Sie das Mädchen wirklich mit sich nehmen?“
„Ja, wenn der heuchlerische Oheim sie mir über­läßt, will ich sie aus seinen Klauen befreien und sie so erziehen lassen, wie es ihrer Gesundheit zuträglich und ihrem großen Vermögen entsprechend ist!“
„Sie sind ein wahrer Menschenfreund, Geheimerat.“
„Ein Menschenfreund bin ich — aber dabei ist ja gar kein Verdienst. Viele lieben es, junge Hunde und Katzen aufzuziehen, Viele schwärmen für Blumen­pflege — ich ziehe und pflege gern junge Menschen. Wo mich ein paar bedeutsame Kinderaugen aus einem verkümmerten Gesicht anschauen, da möchte ich sie wie eine seltene Blume in mein Herbarium stecken und mitnehmen. Ja, wenn die Pflege eines Kindes so wenig kostete wie die einer Pflanze — ich hätte schon längst ein ganzes Menschen-Treibhaus angelegt. Die Geschichte ist nur so verwünscht teuer!“
„Und man weiß, daß Sie fast Ihre sämtlichen Einkünfte zu solchen Zwecken verwenden. Sie könnten längst ein Millionär sein, wenn Sie nicht so fürstlich freigebig wären.“
„Ach was — der Eine wirft sein Geld für die Passion hinaus — der Andere für jene. Das ist nun einmal meine Passion und die lasse ich mich so viel kosten, als ich nach Pflicht und Gewissen meinem Adoptivsohn, der meinem Herzen am nächsten steht, entziehen darf. Tun Sie mir aber den Gefallen und gehen Sie jetzt; das unnütze Geschwätz stört den Schlaf des Kindes. Ich will noch ein Stündchen hier bleiben und beobachten.“
„Komm, Angelika,“ sagte Neuenstein, „Onkel Heim beißt heute. Wir wollen nach Hause.“ Er nahm das Kind bei der Hand und nickte Heim freund­lich zu: „Soll ich Ihnen den Wagen schicken?“
„Nein, danke. Ich nehme mir ein Gefährt nach der Residenz, der König hat mich auf heute Nachmittag befohlen. Morgen komme ich aber wieder.“
„Adieu — lieber Onkel,“ sagte die kleine Angelika, sich auf die Zehen stellend und ihm das rote Mäulchen zum Kuß hinhaltend. „Nicht wahr, Du beißest mich nicht?“ fragte sie, ihr blondes Lockenköpfchen an den struppigen herabgebogenen Graukopf schmiegend, „ich bin ja so artig!“ — Dann hüpfte sie auf den Zehen mit Herrn Neuenstein hinaus. —
Als Heim allein war, setzte er sich neben das Bett und betrachtete schweigend das schlummernde Kind. „Ich will wetten, daß die einmal bildschön wird,“ dachte er. „Ihr Gesicht ist ihren Jahren vorausgeeilt, es ist alt und das ist an einem Kinde häßlich, wenn aber ihre Jahre dem Ernst auf dieser hohen Stirn entsprechen und sich die scharfen, bittern Züge bei besserer Behandlung verlieren, dann wird es ein herrlicher Kopf. Ei, ei, ei — solch ein Kind zu haben und es halb tot zu schlagen! — Solch ein Kind!“ 
In den Augen des alten Mannes blinkte etwas wie eine Träne und er nahm leise eine Prise Tabak, um sich zu sammeln, — denn durch seine Seele zog bei diesen Gedanken ein altes, tiefes Weh, das er nicht Herr über sich werden lassen wollte. Die Prise half aber diesmal nichts. Er sah hier vor sich liegen ein kostbares Gut, das ein Unwürdiger, dem es in den Schoß gefallen, verächtlich von sich gestoßen hatte, und er dachte, wie grenzenlos ihn dies Besitztum beglückt hätte, wäre es ihm zu Teil geworden. Er dachte, daß es ihm hätte werden können, wenn sein Herz nicht eigensinnig an der Einen gehangen, die ihm nicht angehören durfte. Nun war’s zu spät, er war alt und unwiederbringlich lag die Zeit hinter ihm, in der er die Liebe hätte säen sollen, die er jetzt so gern ernten wollte. Die Leidenschaft, die so lange sein Herz erfüllt hatte, war überwunden und mit den Jahren erstorben, aber in der alten Brust lebten die ewig jungen Triebe eines Gefühls, das stärker ist als alle Leidenschaft. „Wenn sein geliebtes Weib stirbt,“ dachte er, „dem steht sie wieder auf in ihren Kindern — wer aber nicht Weib noch Kind hat — der ist doppelt arm.“ So viele Menschenleben waren in seine Hand gelegt, keines aber sollte er „sein“ nennen; er hatte so manches Wesen am Leben erhalten, aber keinem hatte er das Leben gegeben. Die schwersten Leiden hatte er durch Liebe lindern sehen, nur er sollte der­einst sterben, ohne ein liebes Kind zum Abschied an sein Herz zu drücken, ohne von ihm beweint zu werden. Und wie er so darüber nachdachte, da war es ihm wirklich, als läge er auf dem Totenbette und er fühlte einen weichen Arm sich um seinen Hals schlingen und hörte eine süße, schluchzende Stimme: „Vater“ rufen!
Es war wohl Ole Luköje, der von Ernestinens Lager her diesen schmerzlich schönen Traum über ihn ausgegossen; er war so schnell zerronnen, als er ge­kommen und nichts ließ er zurück als eine Träne auf der gefurchten Wange des alten Mannes. —
Da begann leise die Tür im Schlosse zu zittern, wie wenn ein Lastwagen vorbeiführe und endlich nahten wuchtige Schritte dem Zimmer, welche das Geräusch verursacht hatten. Ehe es der Geheimerat hindern konnte, ward die Türe so weit aufgerissen, als nötig war, um die gigantische Gestalt der Frau Bertha hindurch zu lassen. Sie war in ein funkelneues schwarzes Tibet-Gewand gekleidet, dessen steifes Kattunfutter rauschte und raschelte, während sie auf das Bett zuschwenkte, so, daß das schlafende Kind er­schrocken auffuhr und der Geheimerat ein mißbilligen­des Schnalzen mit der Zunge nicht unterdrücken konnte. 
„Guten Tag, Herr Geheimerat, guten Tag, Tine!“ sagte sie mit kurzem Kopfnicken. „Na, Tine, Du lebst ja immer noch? Da hätten sie auch kein so großes Geschrei um Dich zu machen gebraucht.“
Ernestine warf sich bei dieser barschen Anrede auf die andere Seite und rief: „O schafft mir doch die Tante fort — ich will sie nicht sehen — ich will nicht!“
Der Geheimerat bot der Ruhestörerin gefällig den Arm und führte sie, ohne ein Wort zu sprechen, aus dem Zimmer. Bertha fragte verblüfft: „Na, was soll denn das heißen? Ich werde doch nach meiner Nichte sehen dürfen?“
„Wenn Sie nicht selbst fühlen, meine Gnädige, daß dies geknickte Leben der äußersten Schonung und Liebe bedarf — so muß ich, der Arzt, Ihnen sagen, daß die Verantwortung Sie trifft, wenn meine Sorg­falt an dem Kinde zu Schanden wird und es trotz meiner treuen Pflege stirbt. Ich bitte Sie also, entweder Ihre Besuche bei der Kleinen einzustellen oder ihr etwas milder zu begegnen.“
„Na, um Gotteswillen,“ rief Bertha, „ich habe ja nur einen Spaß gemacht! — Herr Jesus, meinet­wegen, wickeln Sie sie in Baumwolle, ich habe nichts dagegen.“
Der Geheimerat seufzte unwillkürlich. „Armes Kind,“ dachte er, „wenn Du in solche Hände kommen sollst!“ —
Da ward plötzlich die Tür aufgerissen und herein schaute ein Gesicht so erdfahl, leichenhaft, daß Bertha erschrocken zurückfuhr. Es war Leuthold, zur Unkenntlichkeit entstellt. Als er den Geheimerat erblickte, grüßte er ihn mit gewohnter Höflichkeit, dann streckte er seine zitternde Hand nach Bertha aus und sagte, indem ihm hörbar die Zähne zusammenschlugen: „Liebe Bertha, sei so gütig und komm hinauf!“
Sie folgte ihm in höchster Angst, denn so hatte sie ihn noch nie gesehen, und das an dem frohen Tage von Hartwichs Begräbnis! Was konnte da vorge­fallen sein? Er zog sie an der Hand nach sich die Treppe hinauf, seine Finger umklammerten die ihren kalt und starr wie Totenfinger; ihr graute, als sie so stumm mit einander dahin schritten.
Jetzt standen sie an der Tür ihres Wohnzimmers, er trat ein, riß die zögernde Frau jäh mit sich, schloß ab, und ehe sie wußte, wie ihr geschah, hatte die furcht­bare, kalte Hand ihre Kehle umfaßt, wie ein eisernes Band:
„Soll ich Dich erwürgen?“ keuchte er tonlos, einen Blick auf sie heftend, wie den einer Schlange, wenn sie ihr Opfer umringelt.
„Barmherziger Gott,“ schrie Bertha und fiel auf die Kniee, um sich loszureißen. Da wurde ihr der Hals zugeschnürt, daß sie zu ersticken glaubte.
„Wenn Du einen Laut von Dir gibst, den die Magd hören kann, so erdrossele ich Dich!“ knirrschte Leuthold. „Drum sei ruhig — oder —“ Bertha hörte auf zu ringen, sie verlor fast das Bewußtsein. Nun ließ er sie los und schleuderte sie auf das Sofa, wo sie wie betäubt sitzen blieb.
Einige Minuten hielt er sich die fahle Stirn, dann hauchte er mühsam Wort für Wort hervor: „An dem Tage, wo das Unglück mit Ernestinen geschah und Heim ins Haus kam, dem ich ausweichen wollte, trug ich Dir auf, streng über Alles, was vor­ging, zu wachen, weißt Du das noch?“ 
„Ja,“ stöhnte die geängstigte Frau. „Tatest Du das?“ 
Keine Antwort. 
„Du tatest es nicht!“
„Ach, ich fürchtete mich so vor dem sterbenden Hartwich — deshalb blieb ich oben,“ stotterte Bertha. 
„Und deshalb,“ — Leutholds Brust rang nach Atem, während seine Hände krampfhaft zuckten, „des­halb ließest Du’s geschehen, daß Hartwich uns“ — sein Mund öffnete und schloß sich ein paar Mal, ehe er das Wort herausbrachte, „enterbte — und Ernestinen das Vermögen vermachte.“ — Seine Züge verzerrten sich, sein schlanker Körper begann zu wanken wie eine gefällte Pappel, er griff nach einem Stuhl, um sich zu halten, und stürzte ohnmächtig zu Boden.
„Allmächtiger Gott,“ schrie Bertha und schüttelte den leblosen Mann, „das ganze Vermögen? so sag’ doch — das ganze? Ach, Du Schwächling, wie kann man nur gleich Krämpfe bekommen! Rede doch, — daß man wenigstens weiß, ob man denn ganz leer ausging?“
Leuthold hob langsam den Kopf, sie half ihm auf und trug ihn mehr, als sie ihn führte, zum Sofa. Sie holte Eau de Cologne und goß sie ihm über die Stirn, daß sie ihm in die Augen lief. Er stieß einen Schmerzenslaut aus und bemühte sich, die brennende Flüssigkeit abzuwischen. „Soll ich auch noch blind werden durch Dich?“ stöhnte er, und als der Schmerz vorüber war, blieb er in sich zusammengesunken sitzen und starrte vor sich hin.
„So rede doch endlich!“ rief Bertha. „Den Mund wirst Du doch noch auftun können, — nicht ein Legat — nicht einmal eine Rente?“
Leuthold sah die unzärtliche Gattin mit einem Blick an, der ihr unwillkürlich das Blut in die Wan­gen trieb. Es lag etwas Unbeschreibliches in diesem Blick, etwas halb Schmerzliches, halb Verächtliches, wie man etwa die Leiche einer Selbstmörderin betrachtet.
„Eine Rente von sechshundert Talern!“ mur­melte er dann und legte die Stirn in die Hand, um seine Umgebung nicht mehr sehen zu müssen und sich in sich selbst zu sammeln.
„Das ist ja zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben!“ klagte Bertha und warf sich laut wei­nend auf einen Sessel in der fernsten Ecke des Zim­mers, als ob sie schon kein Anrecht mehr auf ihre Lehnstühle und Sofas hätte. Leuthold blieb lange regungslos, das Gesicht in den Händen verborgen, kein Atemzug war zu hören, seine Brust hob und senkte sich kaum. Es war, als brauche er alle seine Körperkraft zur Bewältigung des furchtbaren Schmer­zes, der ihn erfaßt hatte, als habe er nicht mehr Stärke übrig, nur ein Glied zu rühren. Der Ge­fühlsmensch sucht sich im Unglück Luft zu machen durch Klagen und Toben, er kämpft mit physischen Mitteln gegen den Schmerz, indem er hin und her rennt, sich die Haare rauft, den Kopf an die Wand schlägt, die Hände ringt und ihn so gewissermaßen durch eine starke Muskeltätigkeit nach außen ableitet. Der Verstandesmensch aber verarbeitet ihn geistig und bedarf dazu der völligen körperlichen Ruhe. Einen Augenblick nur konnte die erste Wut einen Mann wie Leuthold zu einer Tätlichkeit gegen die verhaßte Urheberin seines Unglücks hinreißen, dann aber stellte sich das geistige Gleichgewicht wieder her und sein Elend wurde ihm zu einer harten Denkarbeit, über deren Bewältigung er wohl den Verstand verlieren konnte, von der er sich aber durch nichts ablenken lassen wollte.
So saß er in tiefes Brüten versunken. Dann und wann fuhr ihm, wie ein Blitz durch die Wolken, ein Gedanke an Selbsthilfe durch den Kopf, aber er erlosch eben so schnell, wie er entstanden, und mit jedem Male ward es dunklere Nacht in seiner Seele.
„Die Opfer von zehn langen Jahren verloren!“ murmelte er endlich mit gepreßter Stimme. „Das Haar auf meinem Haupte ist verblichen vor der Zeit im schweren Dienst um dies eine Ziel, und nun es mir auf Armeslänge nahe gerückt; versinkt mir’s vor den Augen; wieder soll ich mich beugen unter das Joch der Notwendigkeit und mit einem Geist, der befähigt ist, die kostbarsten Schätze der Wissenschaft zu heben. — Brot verdienen! — Die besten Lebensjahre hin­gegeben — um nichts — um jetzt als alternder Mann von vorn anzufangen. Das war eine verfehlte Spekulation! Wenn sonst meine Kräfte erlahmen wollten, dann war es die Hoffnung auf die nahe Erlösung, die mich aufrecht hielt, aber was soll mich von nun an stärken, da keine Erlösung mehr winkt? Keine Erlösung, nichts als lebenslange Frohnarbeit im Dienste des knurrenden Magens! O — o!“
Mit diesem Todesseufzer vergrub der gequälte Mann das Gesicht in den Kissen des Sofas und wieder trat eine lange Stille ein, die nur von den vereinzelten Tränenstößen Berthas unterbrochen ward.
Endlich hielt diese das Schweigen nicht mehr aus: „Was soll denn nun werden?“ fragte sie halb jammernd, halb trotzig.
„Laß mich,“ sagte Leuthold, „laß mich — Du siehst, wie ich leide und ringe.“
„Woher weißt Du denn die ganze Sache?“ forschte sie weiter.
„Der boshafte Chirurg Lederer flüsterte es mir bei der Rückkehr vom Begräbnis zu. Er hat das Testament als Zeuge mit unterschrieben. Die Leute drängten uns vor der Haustür auseinander, ich konnte ihn nicht einmal mehr fragen, ob man mir die Vor­mundschaft ließ. Wenn ich nur wenigstens Vormund wäre“ — er schwieg und versank wieder in ein tiefes Sinnen.
Da regte sich etwas im Nebenzimmer und zur Tür schaute ein selig lächelndes Kindergesicht herein und ein glockenhelles Stimmchen rief: „Kukuk!“ Bei dem Tone wandte Leuthold den Kopf und sah mit seltsam bewegten Mienen nach der Stelle hin, wo sein Töchterchen stand. Die Kleine steinigte sich fest auf die Füßchen und überschritt endlich nach ein paar vergeblichen Versuchen zu ihrem eigenen Entzücken die hohe Schwelle. Nachdem sie dies vollbracht, trippelte sie jauchzend auf ihre Mutter zu, die der Tür zunächst saß; als sie aber von dieser so unsanft weggeschoben ward, daß sie sich auf den Boden setzte, faßte sie den Beschluß, ihre Reise bis zum Papa auszudehnen. Um jedoch schneller und sicherer vom Flecke zu kommen, zog sie es vor, statt auf zwei Beinen auf allen Vieren zu laufen, und als sie am Ziele anlangte, faßte sie die Kniee des Papas und richtete sich stramm daran em­por, ihn mit ihrem rosigen Gesichtchen anlachend. Leuthold blickte eine Sekunde lang in die runden, un­schuldigen Augen — dann verdunkelte sich sein Blick — er hob die Kleine zu sich empor und flüsterte, in­dem er sie an sich preßte: „Armes Kind!“ Sein Atem ging schneller, er umschlang das Kind fester und fester und plötzlich erleichterte ein heftiges Schluchzen seine gepreßte Brust. Sein Vaterherz hatte die Träne gefunden und zum ersten Male in seinem Leben überwältigte ihn ein menschliches Gefühls.
Gretchen versuchte, ihm mit ihrem Schürzchen die Augen zu trocknen und tätschelte mit ihren dicken Händchen seinen kahlen Scheitel.
Es ist eine wunderbare Kraft in dem Auflegen solch einer weichen, reinen Kinderhand, besänftigend, wo es im Herzen stürmt, stärkend, wo die Seele hoffnungslos ermattet. So war es Leuthold, als schlössen sich unter der milden, leichten Berührung die Wunden in seinem Innern. Er küßte das runde, warme Händchen wieder und wieder. Für dieses Kind wollte er arbeiten, so schwer er es vermochte, ihm wollte er eine Zukunft gründen um jeden Preis! Er stand auf und setzte die Kleine sanft auf den Teppich, dann schritt er langsam mit gekreuzten Armen im Zimmer auf und nieder, tausend feine Fäden für die Zukunft in seinem Kopfe anspinnend. — Da störte ihn Bertha, die ihren Unmut in Ermangelung von etwas Anderem an Gretchen ausließ. Es hatte einen gestickten Schemel erwischt und die genußreiche Be­schäftigung begonnen, Perlen und Quästchen davon abzuzupfen. Bertha riß es keifend in die Höhe, schüt­telte es und schlug ihm auf die Hände. Da stand plötzlich Leuthold vor ihr und hielt ihr den Arm fest, aus seinen Augen strömte ein Widerwille, der ihr wie Gift durch alle Adern drang und Gift lag auf seiner
Zunge, in seinem Ton, in seinem ganzen Wesen, als er begann: „Du bist so roh, daß nicht einmal die feinen Instinkte des Muttergefühls in Dir aufkommen konnten. Wenn Du ein weiblich beobachtendes Auge besäßest und gesehen hättest, welche Wohltat mir das Kind soeben erwiesen, Du würdest ihm mit verdoppelter Liebe danken, statt es zu mißhandeln. — Doch frei­lich, was kümmern Dich meine Empfindungen; Du hattest in dem Augenblicke, als Du mich gebrochen zu Boden stürzen sahst, nur Sinn für Dein Unglück, für meinen Schmerz fandest Du kein anderes Wort des Trostes, als den Schimpfnamen „Schwächling.“ Ich sage Dir aber, die Schwäche eines kränklichen Mannes ist nicht so abscheulich, wie die rohe Kraft eines gemeinen Weibes. Sei daher so gütig und mäßige Deinen Kraftausdruck wenigstens gegenüber diesem Engel, der keine bittere Stunde haben soll, so lange ich die Augen offen halte!“
Bertha setzte Gretchen zur Erde und stemmte die Arme in die Seite. „So,“ sagte sie zitternd vor Wut, „so fängst Du an? Solche Grobheiten wirfst Du mir ins Gesicht in einem Augenblick, wo Du froh sein solltest, wenn ich Dein erbärmliches Los nur mit Dir teile?“
„Mein erbärmliches Los?“ wiederholte Leuthold, indem sich sein Gesicht wieder mit Todesblässe überzog. „Wer hat mir denn dies Los bereitet? wer anders als Du?! Du wagst es noch, Dich zu beschweren, und bedenkst nicht, was Du damit herausforderst? Ist nicht Dein Ungehorsam, Deine Torheit Schuld an diesem ganzen Unglück? Hättest Du meine Befehle befolgt und gewissenhaft über die Vorgänge im Hause gewacht, so konnte Dir das Erscheinen einer Gerichtsdeputation nicht entgehen, Du hättest mich rechtzeitig in Kenttnis gesetzt und ich konnte die Sache noch im letzten Augenblick hintertreiben. Du — Du allein hast mein und meines armen Kindes Lebensglück zerstört und statt, daß Du mich fußfällig um Vergebung bittest, macht du mir noch Vorwürfe. Wahrlich, man könnte darüber lachen, wenn es nicht zu traurig wäre!“
„Natürlich!“ kreischte Bertha, „nun muß ich Schuld sein, das könnte ich mir denken. Warum bliebst Du nicht selbst im Hause, warum paßtest Du denn nicht selbst auf? Weil Du so wenig wie ich an eine derartige Möglichkeit dachtest und weil Du dem alten Zeugen Deiner Schande, dem Heim, aus dem Wege gehen wolltest. Was kann ich dafür, daß Du eine so unsaubere Vergangenheit hast, daß Du Dich vor jedem Bekannten aus früherer Zeit beiseite drücken mußt!“
Leuthold bäumte sich auf. „Schweig’, nichtswürdiges Weib! Willst Du mich aufs Äußerste treiben?“
„Ja“ fuhr Bertha immer heftiger fort, „ja jetzt is mir Alles einerlei. Ein anderes Vergnügen erwartet mich an Deiner Seite doch  nicht mehr, als das, Dir wenigstens einmal gründlich die Wahrheit zu sagen. Ich gehe fort von Dir nach Hause. Ich will mich mit meinem Vater versöhnen, so lange es noch Zeit ist. Vielleicht übergibt er mir das Geschäft, ich verstehe es zu führen und kann’s noch zu was bringen. Das ist jedenfalls eine bessere Aussicht, als mit Dir zu hungern. Mein alter, ehrlicher Vater hat Recht gehabt, als er mich vor Dir warnte, — weiß der Kukuk, was mich damals auf Deine Klappergestalt so erpicht machte, — es reizte meine Gutmütigkeit, Dich auszupolstern. Aber von Anfang an sahe ich ein, was ich an Dir hatte; Gott erbarme sich — eine Masse Geist und Gelehrsamkeit, womit ich nichts anzufangen wußte, und ein vornehmes, eiskaltes Wesen, bei dem nie wohl werden konnte. Nach den ersten paar Monaten unserer Ehe gab es den Skandal mit dem Hilsborn; der Vater wollte, ich sollte mich von Dir trennen, Du schwindeltest mir von Deinem Bruder vor, der ein Trinker sei, der Dich reich machen werde und ich glaubte Dir, überwarf mich mit meinem Alten und ging mit Dir in diese Einöde. Was hatte ich nun davon? Mein kleines mütterliches Vermögen brockte ich während der zehn Jahre in die Wirtschaft, damit Du Deinem Bruder gegenüber den Uneigen­nützigen spielen konntest. Auf jedes Vergnügen ver­zichtete ich, Theater, Konzerte, Gesellschaft, das Alles gab’s ja hier nicht, und ich entbehrte es willig in der Voraussicht einer besseren Zukunft. Ich habe gehorsam und geduldig mit Dir erbgeschlichen bei dem Trunkenbold — dem Hartwich— und nun habe ich Zeit, Jugend, Geld und Alles hingeworfen für Nichts, und soll mich nicht einmal beklagen dürfen? Und soll mich womöglich noch höflichst bedanken und sagen: Du lieber Mann, Du hast mich zwar um Alles ge­bracht, Du hast mir zwar vorhin gezeigt, daß Dir’s auch nicht darauf ankäme, mich, gelegentlich zu er­würgen — dennoch aber will ich so frei sein und bei Dir bleiben, damit Du doch ferner den Genuß hast, mich roh, gemein und nichtswürdig zu schimpfen und mir zu zeigen, mit welcher Hand ich die Kartoffeln in den Mund stecken muß, die wir zu essen haben werden. Nicht wahr, so soll ich sprechen? Ja . . . “
Leuthold hatte ihr aufmerksam zugehört und im Laufe der langen Rede seine alte Ruhe wieder gewonnen. „Das heißt mit andern Worten, Du willst mir zu meinem sonstigen Unglück die Zugabe Deiner liebenswürdigen Persönlichkeit ersparen und mir über­lassen, mein schweres Geschick allein zu tragen, — nun das ist immerhin anerkennenswert — und wenn Du eine Scheidung willst, so habe ich nichts mehr dawider. Nur bitte ich, daß Du den Anlaß dazu gibst — damit ich nicht meinen guten Namen bloßstellen muß. Wir haben uns anständig betragen, daß es uns die Gerichte von der Unmöglichkeit eines weiteren Zusammenlebens zu überzeugen. Scheidungsgrund gefunden oder zu Stande gebracht werden und dazu wirst Du dich bequemen müssen.“ 
„So!“ rief Bertha, „ich soll wohl einen Skandal machen, damit die Leute mit Fingern auf mich zeigen und der Wolf im Schafskleide als Opferlamm bedauert wird? Nein, nein — so dumm bin ich nicht. Da würde sich mein Vater auch nicht mehr mit mir aussöhnen und ich hätte dann gar nichts!“
Leuthold ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. „Es war der größte Fehler meines Lebens, daß ich vor zehn Jahren auf kein anderes Mittel verfiel, mir das Reisegeld nach Triest zu verschaffen, als in­dem ich Dich heiratete; ich hielt Dich für unschäd­licher, als Du bist. Ich habe mich zehn Jahre lang von Deiner Plumpheit und Beschränkteit peinigen lassen, denn für einen Mann, wie ich, ist ein Weib, wie Du, eine fortwährende Verlegenheit; so etwas greift mit der Zeit die Nerven an. Jetzt aber sehe ich, daß Du auch wirklich bösartig werden kannst und nicht einmal so viel Gefühl hast, um Deinem Kinde Mutter zu sein und es zu erziehen. Und wäre es mir nicht um Gretchen, so wiese ich Dich einfach aus meinem Hause — so aber . . .“
Bertha stutzte. „Ja, so — daran dachte ich nicht — Gretchen!“
„Daß ich meine Tochter nicht hergeben werde, kannst Du dir denken,“ fuhr Leuthold fort und versank in den Anblick des schönen Geschöpfes, das auf dem Teppich saß und eine Menge unverständlicher Worte heraussprudelte. „Sie ist der ganze Inhalt meines verarmten, verpfuschten Lebens, — meine letzten Hoffnungen ruhen auf ihrem lockigen Köpfchen — ich werde sie nie und nimmer von mir lassen! Das Gesetz spricht sie Dir zu, wenn ich den Grund zur Scheidung gebe — Du siehst also ein, daß ich nicht den Anfang machen kann. Willigst Du aber in eine Trennung und  überläßt mir Gretchen, so steht Deinem Abzuge aus meinem Hause nichts im Wege. Überlege Dir das.“
Bertha fragte kleinlaut auf den Teppich niederkniend: „Gretel, soll Deine Mama fortgehen?“
Das Kind, dessen Händchen noch aufgeschwollen waren, gedachte seiner Schläge zu gut, um sich eine Liebkosung abgewinnen zu lassen, und flüchtete, so schnell es konnte, zu den Füßen des Vaters.
„Es hat gewählt!“ sagte Leuthold und nahm es auf den Arm.
„Natürlich, Du bist auch gewissenlos genug, mir mein eigen Fleisch und Blut abwendig zu machen,“ klagte Bertha. „Was soll ich nun tun? Von dem Kinde mag ich nicht fort und bei Dir mag ich nicht bleiben, — was soll ich nun tun?“
Sie ging händeringend und schweren Schrittes im Zimmer auf und ab. Leuthold war mit Gretchen an das Fenster getreten und schaute mit bitter zusammengepreßten Lippen der breitschultrigen Gestalt des alten Heim nach, der rüstig über den Hof schritt.
Ein Blitz des tödlichsten Hasses zuckte aus seinen Augen auf den Feind nieder, aber er traf nicht, und mit einem tiefen Seufzer lehnte Leuthold die feuchte Stirn an die Scheiben und sah zu, wie Heim sich mit dem heitersten Gesicht in den Wagen warf und noch behaglich vor der Abfahrt eine Prise nahm. Der Knecht kletterte schwerfällig auf den Bock und suchte Zügel und Peitsche zusammen; die Pferde griffen aus, die Hühner flogen gackernd auseinander, ihr alter Freund, der Kettenhund, fuhr bellend aus seiner Hütte und die altmodische Kutsche des Hartwich’schen Hauses rasselte schnell von dannen.
Wie nach großen Aufregungen die ermüdete Seele oft sklavisch der Tätigkeit der Sinne folgt, so hatte Leuthold in seinem Elend auf das Genaueste diesen an sich so geringfügigen Vorgang beobachtet.
„Der ist glücklich!“ dachte er und schaute dem Federvieh zu, wie es die Haferkörnchen aufpickte, die den, vom Fressen geholten Pferden vom Maule gefallen waren. „Glücklich der, dem es gegeben ist, sich beliebt zu machen, — die Menschen folgen seinen Spuren, wie das Getier da unten den Geleisen von Heims Wagen. Ist es ein Verdienst, das ihm alle Herzen gewinnt? Pah, Unsinn — es ist ein Talent — und zwar eines, das seinem Besitzer am Meisten zu Gute kommt. Diese sogenannten Wohltäter der Menschen werden doch immer selbst am fettesten bei ihrem Geschäft; wer ahmte ihnen nicht gerne nach, wenn er nur könnte? Aber wem es nicht angeboren ist, der kann es nicht, Begabung ist Alles! Der Eine kommt zur Welt mit den Eigenschaften, die ihn der
menschlichen Gesellschaft angenehm und nützlich machen, der Andere mit Trieben, die ihn zum Gegenstand des Schreckens stempeln! Was kann der Schoßhund dafür, daß ihn sein liebenswürdiges Naturell berechtigt, auf seidenem Kissen seine leckere Mahzeit einzunehmen, und was der Fuchs, daß er es nicht versteht, sich einzuschmeicheln, und sein armes Leben durch Raub und Diebstahl stiften muß? Wer will ihm einen Vorwurf daraus machen? Es liegt einmal in der Art, — und wir Menschen haben Alles mit den Tieren gemein,— warum nicht auch die Eigentümlichkeiten ihrer verschiedenen Arten? Auch unter uns gibt es Schoßhunde, Füchse und Wölfe, Schmeichelkätzchen und Tiger! Wie wir uns da­gegen wehren und von freier Selbstbestimmung faseln: die Art ist das allein Bestimmende — was kann ich dafür, daß ich zu der des Fuchses gehöre? Ein Tor, der nach Moral in diesem blinden Treiben fragt! Die Tätigkeit der Natur besteht in ewigem Schaffen, Vernichten und aus dem Vernichteten Wiederschaffen: Pflanzen, Tiere und Menschen, sie sind nur die Vollstrecker ihres Willens, die Werkzeuge ihrer geheimen Kräfte, erzeugender und zerstörender, oder wie der Moralist sie bezeichnet: guter und böser! Was aber nennen wir gut? Was uns nützt! Was böse? Was uns schadet! Und diese engherzige, egoistische Moral soll uns absoluter Maßstab sein? O welche Torheit! Erzeugende und zerstörende Kräfte, sind sie nicht gleichberechtigte, gleich notwendige Faktoren in dem großen Haushalte der Natur? Und sollten sie, die in den unbewußten Wesen so mächtig wirken, sollten sie im Menschen, der die zum Bewußtsein ge­kommene Natur darstellt, — ersterben? Sollte unser armseliges zusammengeklügeltes Sittengesetz vermocht haben, uns von dem starken Bande loszureißen, das uns in die allgemeine Ordnung reiht? Nein wahrlich, es ist elender Hochmut, das zu fordern. Die Natur hat keine Gattung hervorgebracht, ohne ihr in einer andern ihren Feind zu schaffen, in der menschlichen Gesellschaft wie in der Tier- und Pflanzenwelt. Die Schmarotzerpflanze, die ihrem Wirte die Nahrung entzieht, das Insekt, das seine Eier in dem Leibe und auf Kosten eines andern zeitigt, der Raubvogel, der die unschuldige Taube würgt, der Tiger, der die frommäugige Antilope zerreißt, und, endlich der Mensch, der sein Dasein zum Schaden seines Nächsten fristet, sie Alle sind nichts weiter, als Träger jener feind­lichen Kräfte, die zur Ökonomie der Natur unent­behrlich sind. Wer wagt es noch: von Gut und Böse zu reden? Es gibt nur eine sichere Errungenschaft, die wir unserer Kultur verdanken, Nur einen Firnis, der das Tier in uns übertüncht: es ist der Anstand! Dieser ist die Grundlage unserer Ethik, ist die einzige praktisch durchführbare Disziplin des Menschenge­schlechts. Den Anstand gewahrt und wir sind höchst bevorzugte, untereinander wohlangesehene Wesen, denn der ganze Lohn unserer Tugend beschränkt sich ja doch auf die Anerkennung unserer vortrefflichen Mitwelt, wie hoch oder gering wir jene anschlagen, das be­stimmt den Grad unserer Moralität, — alles Andere ist Überspanntheit.“ — 8
Aus diesem Brüten ward er aufgeschreckt durch Bertha, die ihn derb an der Schulter rüttelte und ungeduldig fragte: „Nun?“ 
Leuthold sah sie, wie träumend an: „Was denn?“ 
„Ich will endlich wissen, was werden soll?“ sagte Bertha zornig.
Leuthold legte das Kind, das auf seiner Schulter eingeschlafen war, auf das Sofa.
„Ja so — wegen unserer Scheidung!“ „Daran hast Du wohl schon gar nicht mehr
gedacht?“
„Ich gestehe Dir allerdings, daß ich in diesem Augenblick an etwas Anderes dachte. Doch ist die Sache sehr einfach. — Du begibst Dich vorderhand zu Deinem Vater und suchst, Dich mit diesem aus­zusöhnen. Gretchen bleibt bei mir. Du bist frei, zu gehen und zu kommen. Hältst Du es nicht aus ohne das Kind, so magst Du in einigen Wochen zurück­kehren, das ist Dir unverwehrt. In jedem Falle wird es gut sein, wenn Du so lange wegbleibst, bis ich mein elendes Los neu gestaltet habe. Ich will jetzt auf das Gericht gehen und auf Eröffnung des Testa­ments antragen. Bin ich zu Ernestinens Vormund ernannt, so kann und muß ich mein Schicksal an das meiner Mündel knüpfen,“ — er blickte, von einem Gedanken erfaßt, plötzlich starr vor sich hin, dann fuhr er auf und griff nach seinem Hute. „Ja, ja, aufs Gericht, vielleicht bin ich doch Vormund!“ Damit wandte er sich zum Gehen.
Bertha rief ihm nach: „Also soll ich mein Bün­del schnüren?“
„Tue ganz, wie Dir beliebt!“ sagte Leuthold auf der Schwelle mit der alten Höflichkeit und ver­schwand.
Bertha trat an ihre Kommode und begann darin zu kramen. „Das war der Mühe wert, daß ich den braven Oberkellner im Stiche ließ, um des vornehmen Herrn Doktors willen. Hätte ich den Fritz genommen, so wäre ich jetzt Hotelbesitzerin,während ich als
Frau Doktorin kaum weiß, wo ich mein Haupt hinlegen soll!“ Sie blickte zu dem schlafenden Kinde hinüber. „Hätte ich das Mädel nicht — da wäre mir mein Herz leichter! Ach was — es ist ja sein Kind und hat ihn auch viel lieber als mich — es schlägt gewiß einmal ihm nach und verbittert mir das Leben!“ Doch als reue sie dieser Gedanke im Entstehen, eilte sie zu Gretchen hin und küßte sie.weinend auf die reine, kindliche Stirn. „Nein, nein, Du kannst nichts dafür!“ schluchzte sie und riß die Kleine mit Ungestüm an ihre volle Brust.

Sechstes Kapitel, 
Seelenmord.
Ein frischer Herbstwind schüttelte die früchte­schweren Äste der Obstbäume in dem Hartwich’schen Küchengarten. Unter einem großen Apfelbaum stand eine neue, grünangestrichene Bank. Einige weiße Wäsche, die zum Trocknen aufgehängt war, flatterte lustig wie Festfahnen nach der Seite zu, von welcher eine Gruppe von Personen eintrat, die sich der Bank unter dem Apfelbaume näherte. Es war Rieke, die langsam und behutsam den alten Rollstuhl schob, der so lange den Katzen und Hühnern zur Wohnung ge­dient hatte, jetzt aber frisch aufgepolstert, und schön bezogen war. Nebenher gingen der biedere Heim und Leuthold. In dem Stuhle lag, von Kissen umgeben, Ernestinens kleine, schmächtige Gestalt mit verbundenem Kopfe und andächtig gefalteten Händen. Wären nicht ihre großen Augen mit leuchtendem Blick ins Weite gerichtet gewesen, man hätte sie für eine lächelnde Leiche halten können — so lilienweiß war das abge­zehrte Gesicht, so bläulich die geöffneten Lippen, durch die sie die frische Morgenluft einsog. Haben doch die Spuren des eben rückkehrenden und des entfliehen­den Lebens eine so wunderbare Ähnlichkeit mit ein­ander, wie Früh- und Abenddämmerung; dies stille, regungslos daliegende Kind konnte ebenso gut Abschied von der Welt nehmen, als sie zum ersten Male wie­der begrüßen. Und dennoch feierte Ernestine heute ihre Auferstehung, — sie durfte zum ersten Male an Gottes freie Luft hinaus und sie genoß dieses Glück mit so unaussprechlicher Freude, daß sie nichts zu tun vermochte, als ihre kleinen Hände zu falten und zu beten. Sie hatte freilich noch nicht die Kraft, sich aus den Kissen ihres Sessels zu erheben; aber ihre junge Seele regte und lüftete die Fittiche und schwang sich mit den Vögeln empor in den blauen Herbsthimmel. 
„Wie ist Dir, mein Kind?“ fragte Leuthold sanft und teilnehmend.
„O — gut, lieber Onkel!“ hauchte die Kleine tief aufatmend. „Ich glaube, ich könnte schon um­herlaufen, wenn ich dürfte.“
„Das könntest Du noch nicht, auch wenn Du dürftest,“ sagte Heim und prüfte nicht ohne Besorgnis das geisterhaft verklärte Aussehen und den kaum fühl­baren Puls des Kindes.
„Ihr Gemüt hat ihre Leiden schneller verwun­den, als der Körper,“ sagte er, ein wenig zurückbleibend, zu Leuthold. „Solch ein Kindesherz ist ein gutes Ding, es hält unendlich viel aus, aber körper­lich ist ein Kind gar bald zerstört. Ich kann den Ausdruck schwerer Leiden auf einem so jungen Gesicht nie ohne das tiefste Mitleid sehen. Wann sollen wir denn fröhlich und glücklich im Leben sein, wenn wir es als Kind nicht sind?“
„Sie haben Recht,“ sagte Leuthold. „Dieser bitter verzogene Mund, der sich jetzt so sichtlich gegen seine Gewohnheit zu lächeln bemüht, und das glän­zende Auge, das noch von Tränenfurchen umrändert ist, machen auch auf mich einen überwältigenden Eindruck.“ 
Heim streifte den gerührten Sprecher mit einem forschenden Blick.
„Ach, die hübsche, neue Bank!“ sagte Ernestine mit schwacher Stimme, als sie unter dem Apfelbaum ankam. „Und die prächtigen Zweige, da sitzt man wie in einer Laube.“
Sie ließ ihr Auge überall umher schweifen, und die Wäsche auf der Leine gefiel ihr, die weißen Schmetterlinge mit schwarzen Punkten, die über die Gemüse­beete hinflogen, entzückten sie, die weite kahle Ebene bis zum Waldessaum dünkte sie herrlich, Alles war so neu, als sähe sie es jetzt zum ersten Mal, und sie bewunderte Alles mit inniger Freude. Die langen Reihen verwilderter Bohnenstauden erschienen ihr als lockende, geheimnisvolle Irrgänge, selbst das hoch ge­schossene Spargelkraut und die Kohlköpfe, in deren krausen Blättern sich der Morgentau zu großen Per­len gesammelt hatte, waren für sie Meisterwerke der Schöpfung.
„Ach, wie schön ist es doch in der Welt!“ sagte sie zu den beiden Herren. „Und Niemand schlägt mich mehr! Ihr seid so gut gegen mich, Sie, Herr Geheimerat, und Du, Onkel Leuthold, und auch Du, Rieke, Du bist auch gut — ach — ich danke Euch!“ Und sie faßte die Hände der Umstehenden und küßte sie, während Träne um Träne aus ihren Augen quoll.
„Seltsames Kind, warum weinst Du jetzt?“ fragte Leuthold.
„Ach, ich weiß es nicht — ich bin so glücklich!“ schluchzte Ernestine. „Wenn ich nur jetzt einen Vater oder eine Mutter hätte!“
„Wenn aber Dein Vater noch lebte, dann bekämst Du wieder Schläge,“ meinte Rieke, deren praktischer Sinn gleich das Rechte traf. „Sei froh, daß er tot ist, sonst wärst Du ja nicht so glücklich!“
Ernestine senkte das Haupt. „Ach, es ist auch eigentlich nicht mein toter Vater, nach dem ich mich sehne — ich wünsche mir nur einen, der mich lieb hätte.“
„Du hast ja einen Onkel, der Dich herzlich liebt, mein Kind,“ sagte Leuthold.
„Onkel“ — begann Ernestine plötzlich nach kur­zem Sinnen: „Wie sind denn nur die ersten Menschen entstanden? Jeder Mensch hat Eltern, aber die ersten Menschen hatten doch keine! Wie kamen denn die zur Welt?“
Leuthold und Heim sahen sich mit unverhehltem Staunen an.
„Nun, Du gehst den Dingen auf den Grund und willst gleich das höchste Geheimnis der Schöpfung erforschen!“ lächelte der Oheim.
„Dieses Kind hat das Zeug zu einer Gelehrten,“ sagte Heim, „das muß entwickelt werden.“
„Ja wahrhaftig!“ rief Leuthold mit ungewohnter Lebhaftigkeit, „daraus läßt sich etwas machen. In zwei Jahren liest sie den Darwin!“ — Er versank in ein tiefes Brüten.
Heim brach ein Paar Stiefmütterchen, die im Unkraut hervorsproßten, und reichte sie Ernestinen. „Streng’ Dein Köpfchen jetzt nicht mit solchen Ge­danken an. Wenn Du groß bist, wirst Du das Alles erfahren. — Blumen habt Ihr hier aber wenige, Du kannst Dir nicht einmal einen Strauß binden!“ sagte er und versuchte zu lachen.
 „Das tut nichts, Herr Heim,“ meinte Ernestine wieder heiter. „Wenn wir auch keine Blumen haben, mir gefällt es hier doch so gut — wie im Garten des Paradieses!“
 „Die Kleine hat Phantasie,“ bemerkte Heim zu Leuthold, „ein verwilderter Küchengarten wird für sie zum Paradies. Poesie darin, Poesie!“ er deutete auf Kopf und Herz.
Leuthold trat zu Ernestinen: „Wenn Du Blumen wünschest, mein Herzchen, so sollst Du sie haben, Du bist jetzt“ — sein Mund verzog sich krampfhaft — „so reich, daß Du Dir keinen Wunsch zu ver­sagen brauchst.“
„Ich bin reich!“ wiederholte Ernestine, als könne sie es immer noch nicht fassen. „Gehört denn auch der Stuhl mir, in dem ich sitze?“
„Gewiß!“
„Und der Garten und die Felder?“
„Alles, so weit Du siehst!“
„Ach, wie prächtig! Aber, Onkel — habe ich denn auch so viel Geld, daß ich mir ein Fernrohr, wie Deines, kaufen kann?“
Leuthold stutzte über diese Frage. „Ist das der Höhepunkt Deiner Wünsche? Nun, das sollst Du haben und ein noch viel besseres, als das meine! Eine ganze Sternwarte, auf der Du den weiten Himmel durchforschen kannst, wenn Du willst, und ich werde Dein Lehrer sein. Ist Dir das recht?“
„Ach, Onkel“ — hauchte Ernestine, wieder die Hände faltend, „der liebe Gott meint es doch zu gut mit mir, wie soll ich ihm alle diese Wohltaten lohnen?!“
Da flog ein häßliches Lächeln über Leutholds Gesicht, sie sah ihn verwundert an, ihr Blick haftete so fest auf ihm, daß er sich unwillkürlich abwandte.
Seltsam! — Warum hatte der Oheim bei diesen Worten gelächelt? War es denn etwas so Dummes, was sie sagte? Lächelte er über sie oder über den lieben Gott? Es war ihr auf einmal alle Freude ver­dorben, als hätte sie in einer duftigen Rose einen garstigen Wurm, in einem schönen Glase einen Sprung entdeckt — sie fühlte etwas wie einen Stich durchs Herz. Ja — ja, so mußte es dem kleinen Kay in ihrem Märchenbuche gewesen sein, als ihm der Splitter von dem teuflischen Spiegel der Wahr­heit in Auge und Herz kam und er nun nichts mehr schön und in Allem einen Makel fand! — Sie blickte unwillkürlich gen Himmel, als wollte sie die Teufel mit dem verhängnisvollen Spiegel9 emporsteigen sehen, zu Spott und Hohn ihres gütigen geliebten Gottes — und als sie wieder die Lider senke und das Ge­sicht des Oheims streifte, der eben so häßlich gelacht hatte, da war es ihr, als gleiche er dem Bilde, das sie sich von jenen bösen Geistern gemacht, und sie empfand einen leisen, ihr selbst unbegreiflichen Wider­willen gegen ihn. Sie legte sich erschöpft in den Stuhl zurück, sie mußte ausruhen von all den Gedan­ken, die durch ihr kleines müdes Köpfchen gezogen waren, und Heim, dies bemerkend, nahm Leuthold mit sich fort; sie hörte, wie er sagte: „Kommen Sie, wir wollen Ernestine ein Wenig schlummern lassen.“ Rieke setzte sich still auf die Bank neben ihr. — Ernestine schmiegte den Kopf behaglich in die weichen Kissen, während die balsamische Morgenluft wie mit unsicht­barer, liebender Hand über ihr Gesicht strich. In den Zweigen, die sie beschatteten, zwitscherten so leise und süß die Vögel. „Schlummere, schlummere an der warmen Brust des jungen Tages,“ tönte es durch die ganze Natur an ihr Ohr: „Ruhe! — Du hast noch nicht genug ausgeruht von all dem Weh, das Du er­litten!“ — Und sie schloß fest die Augen und wollte so gerne schlafen — aber sie konnte es nicht: Warum hatte der Oheim gelächelt, als sie von Gott sprach? Diese Frage hielt sie wach und scheuchte den Frieden von ihrer treuen frommen Kindesseele. —
Heim ging indessen mit Leuthold den Garten entlang. „Herr Professor,“ begann er zu Leuthold gewandt, der in tiefem Sinnen neben ihm herschritt. „Ich muß mich nun endlich einmal über die Zukunft unseres Schützlings mit Ihnen besprechen, denn ich habe Pläne für denselben, deren Ausführung von Ihnen abhängt.“ Leuthold sah ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an. „Ich hatte,“ fuhr Heim fort, „schon seit ich das seltsame Kind zum erstenmal sah, den Wunsch, mich seiner anzunehmen und als ich nun durch Zufall, in sein Schicksal einzugreifen Gelegen­heit fand, gedieh dieser Wunsch zur Reife. Meine Bitte ist die: treten Sie mir, — nicht Ihre vormundschaftlichen Rechte, —aber Ihre vormundschaftlichen Pflichten ab, und lassen Sie mich Ernestine in die Stadt mitnehmen, wo ich sie ihren Geistes- und Körperkräften angemessen erziehen werde.“
Leuthold schwieg einige Sekunden und zog eine Bohnenranke durch seine weißen, schmalen Finger, dann begann er etwas unsicher: „Das soll so viel heißen, Herr Geheimerat, als trauten Sie mir nicht die Fähigkeit oder den Willen zu, meine Mündel zu er­ziehen, wie es recht ist.“
Heim zuckte ärgerlich die Achseln. „Wir wollen uns keine Flausen vormachen, Herr Gleißert; wir wissen Beide, wie wir über einander denken, und ein Arzt hat nicht viel Zeit auf Höflichkeiten zu verwen­den. Seien Sie also so freundlich, mir kurz und bündig Ihre Bewilligung oder Ablehnung meines Vor­schlags zu erklären.“
 „Nun denn, mein Herr,“ sagte Leuthold mit einem stechenden Blick, „so werde ich Ihnen kurz und bündig mit ‚Nein‘ antworten!“
„So—o!“ war das Einzige, was der verblüffte Heim herausbrachte.
„Sehen Sie, Herr Geheimerat,“ begann nach einiger Überlegung Leuthold, „ich will ehrlich gegen Sie sein. Sie kennen den dunkeln Fleck, der meine Vergangenheit schändet und den Hauptfehler meines Charakters: den Ehrgeiz. Aber, Herr Geheimerat, ich bin deshalb doch nicht herzlos! Ich bin, wie Ernestine, von Klein auf als ein unliebsamer Gegen­stand, als ein fünftes Rad am Wagen herumgestoßen worden. Ich sah mich hinter Hartwich, dem Sohn meiner wohlhabenden Stiefmutter, zurückgesetzt und verkürzt bei jeder Gelegenheit. Sie als erfahrener Menschenkenner werden am besten wissen, welch gro­ßer Teil der Verantwortung für die Fehler eines Menschen auf seine Erziehung fällt; — vielleicht beurteilen Sie mich nun minder hart. — Da mir nie Liebe und Wohlwollen entgegengebracht wurden, ver­kümmerten auch diese zarten Gefühle in meiner Seele und ich konnte nicht geben, was ich nicht empfing. Auf diese Weise, Herr Geheimerat, wurde ich ein boshafter, übelwollender Mensch. Durch Härte und unerbittliche Strenge war mir eine gewisse Geschmeidigkeit angewöhnt worden, welche mir Freunde ge­wann, ohne daß ich die Eigenschaften besaß, mir die­selben zu erhalten. Dies brachte mich in den Ruf eines Heuchlers und Schmeichlers. Das Schlimmste aber war, daß man mich die feine Unterscheidung zwischen Ehren und Ehre nicht gelehrt hatte, und so kam es, daß ich in dem falschverstandenen Drang nach Ehren meine Ehre verlor!“ — Er legte die Hand über die Augen und schwieg. Der alte Heim schüttelte das breite Haupt vor Unwillen über eine Regung von Mitleid, die er nicht zu unterdrücken vermochte.
„Meine Stiefmutter,“ sprach Leuthold weiter, „war ein herrisches Mannweib, das meinen Vater, ihren zweiten Gatten, tyrannisierte und eben so unglück­lich machte als Sohn und Stiefsohn. Den Erfolg ihrer Erziehung bei Hartwich haben Sie gesehen und werden dadurch meine Aussage bestätigt finden: Er ist ein Trinker geworden, ein Sünder im Fleische — ich, eine minder sinnliche Natur, wurde ein Sünder im Geiste!“
„Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche,“ fuhr hier Heim auf. „Ich muß da gerade mit der Sprache heraus: Hätten Sie nichts weiter getan, als dem armen Hilsborn seine Ideen gestohlen, wären Sie bloß nach geistigen Gütern lüstern gewesen, — dafür möchte es noch eine Entschuldigung geben, aber Sie strebten auch nach irdischem Besitz und zwar gerade nach dem Eigentum des armen Kindes, das jetzt Ih­rer Obhut übergeben werden soll! Sagen Sie selbst, kann man solch ein hilfloses Wesen einem Vormund anvertrauen, der sich nicht entblödet hat, die Hand nach dessen Hab und Gut auszustrecken?“
Leuthold stand ruhig Heim gegenüber, keine Miene, keine Bewegung verriet, was in ihm vorging. „Herr Geheimerat,“ sagte er mit Würde, „ich be­greife, daß ein Fremder, der die Verhältnisse nicht kennt, die Sache so ansehen muß und daß Sie sich zu den mir zugefügten Beleidigungen berechtigt glau­ben. Ja denn — ich streckte die Hand nach Hart­wichs Vermögen aus, weil mir zwei Dritteile davon gebühren. Wissen Sie, Herr Geheimerat, daß Hartwich, als ich in die Fabrik eintrat, dem Bankerotte nahe war? Wissen Sie, daß ich und nur ich es war, durch dessen Leitung das Unternehmen schuldenfrei wurde, daß meine Erfindungen Hartwich jene Sum­men einbrachten, welche ihn im Laufe von zehn Jah­ren zum reichen Manne machten? Sein war nichts als das Material, das er mir für meine Wirksamkeit zur Verfügung stellte. Hatte ich nicht ein heiliges Anrecht an die Früchte dieser meiner eigenen Wirk­samkeit?“
Der Geheimerat zuckte wieder die Achseln und schwieg.
„Zeit ist Geld!“ fuhr Leuthold fort, „und ich bekenne gern, daß ich nicht zu den Menschen gehöre, die etwas umsonst tun, ich besitze kein Vermögen, muß von meiner Arbeit leben; ich habe nie etwas ge­schenkt bekommen, warum soll ich etwas verschenken? Wenn ich Hartwich meine Zeit opferte, so mußte er mich dafür bezahlen. Ich bin nicht unbescheiden, wenn ich rechne, daß ich jährlich mit meinen Fähig­keiten als Leiter einer andern großen Fabrik bei freier Station dreitausend Taler verdient hätte, während ich hier nicht einmal den Gehalt eines Werkführers bezog. Dreitausend Taler jährlich machen aber in zehn Jahren dreißigtausend Taler, ohne die Zinsen. Da haben Sie schon das eine Drittel des Vermögens beisammen, das ich beanspruchte.“ 
Heim nickte überrascht mit dem Kopfe.
Leuthold fuhr sichtlich erleichtert fort: „Nun das zweite Drittel: Wer Erfindungen macht, die binnen zehn Jahren neunzigtausend Taler Netto eintragen, kann dieselben heutzutage leicht für zwanzigtausend Taler verkaufen. Rechne ich nun dazu die Zinsen, die mir durch zehn Jahre verloren gingen, so macht es gerade wieder dreißigtausend Taler. Hätte mir mein Stiefbruder diese Summe bar ausbezahlt, so blieb ihm immer noch ein Reingewinn von dreißig­tausend Talern, dessen Besitz ich seiner Tochter nie­mals streitig machte, denn es war ja das ihr zuge­sicherte Dritteil. Ich hätte meine Tätigkeit einem andern Unternehmen zuwenden können, fand es jedoch anständiger, meinem Bruder zu dienen, als einem Fremden; ich hätte mich gleich bezahlt machen können, aber ich kannte den Geiz meines Bruders und wußte, daß ohne die fürchterlichsten Auftritte, die vielleicht seinen Tod herbeigeführt hätten, kein Geld von ihm zu erlangen war. Ich hielt es deshalb wiederum für anständiger, da ich sein baldiges Ende voraus­sah, meine Forderungen ruhen und mir mein Guthaben testamentarisch ‚schenken‘ zu lassen. — Wie sehr ich bei dieser, — ich sage kühn, nobeln Hand­lungsweise der Geprellte ward, wissen Sie und ich bitte Sie nur noch, mir den Groschen herauszurech­nen, den ich unrechtmäßig beansprucht habe!“
Heim ging gebeugten Hauptes, die Hände auf dem Rücken, neben Leuthold her, dessen schlanke Ge­stalt ihre alte Elastizität wieder erlangt hatte und sich leicht zwischen dem Gestrüpp und Geranke der schlech­ten Wege hindurchwand.
„Ich weiß nicht, wie ein Jurist die Sache an­sehen würde,“ murmelte der alte Herr, „edel kann ich Ihre Handlungsweise zwar nicht finden, aber von Ihrem Standpunkte aus mag sie gerechtfertigt sein. Man weiß nur immer nicht, wessen man sich bei so spekulativen Leuten für die Zukunft zu gewärtigen hat!“ 
„Sehen Sie, Herr Geheimerat, das ist das doppelte Verhängnis Aller, welchen das Schicksal nichts freiwillig bietet, die ihm jeden, auch den erlaubtesten Vorteil abringen oder ablisten müssen; man hält sie für gewinnsüchtig, weil man sie fortwährend dem nach­jagen sieht, was Andern in den Schoß fällt. In dieser Sache aber habe ich nicht einmal für mich ge­handelt, sondern für die Zukunft des Besten, was ich besitze. Herr Geheimerat, ich bin Vater!“
„Ei, das waren Sie aber damals noch nicht, als die Testamentsangelegenheit zwischen Ihnen und Hart­wich abgekartet wurde,“ fuhr der Geheimerat heraus. 
„In jener Zeit hatte ich Aussicht, es zu wer­den, — denn meine Frau gebar wenige Monate nachher einen toten Knaben. Das Gefühl, das mich jetzt beseelt und mich zwang, bis zu Hartwichs Tod an dem, was ich gewollt, festzuhalten, — das Gefühl war von dem Augenblicke an in mir erwacht, wo ich zum ersten Male hoffen durfte, einem teuren Wesen das Leben gegeben zu haben, und damit auch der Wunsch, ihm eine Zukunft zu bereiten. Ich glaube, Sie wer­den mir das Zeugnis nicht versagen, daß ich die Zertrümmerung aller meiner Hoffnungen mit Anstand er­trug. Mein Weib verließ mich, weil sie meine trost­lose Zukunft nicht mit mir teilen wollte, ich stehe allein mit meinem hilflosen Kinde; Sie haben keine Klage von mir gehört, prüfen Sie sich, und Ihr rechtschaffenes Herz wird Ihnen sagen, daß ich Ihr Mißtrauen nicht verdiene! Nun aber zu dem letzten und Hauptpunkte, meinem Verhältnis zu meiner Mün­del. Fragen Sie hier im Orte, wen Sie wollen, ob ich nicht allezeit der Fürsprecher und Beschützer Ernestinens war? Jede Magd im Hause, die Kleine selbst wird Ihnen das bestätigen. In dieser Sache kann ich jedem Richter frei in die Augen sehen. Denn wissen Sie, Herr Geheimerat, dieses Kind ist außer meinem Töchterchen das Einzige auf Erden, woran mein Herz hängt. Es gibt eine Stelle in meinem Innern, die, wie hart mich auch das Leben schlug, immer weich geblieben ist: es ist die Erinnerung an meine unglückliche Kindheit. Ich sehe in Ernestine meine eigene Jugend vor mir und es ist mir eine süße Genugtuung, ihr so manches zu geben, was ich in ihrem Alter schmerzlich entbehrte. Lassen Sie mir dies Kind, Herr Geheimerat! Ich bin ein armer, einsamer, um Alles betrogener Mann, — nehmen Sie mir nicht das Letzte, woran ich mit menschlichem Wohlwollen hänge, es wäre nicht gut getan!“ — 
Heim blieb stehen und wollte sprechen, — besann sich anders und ging ein Paar Schritte, dann stand er wieder: „Der Fall ist psychologisch begründet, Sie können so empfinden. Sie können sich aber auch in solche Empfindungen hinein denken. Welche Garantie habe ich für die Wahrheit dessen, was Sie behaupten?“
„Es tut mir leid, sie Ihnen schuldig bleiben zu müssen, wenn meine ehrlichen Geständnisse sie Ihnen nicht bieten. Aber, Herr Geheimrat, verzeihen Sie die Frage, mit welchem Rechte Sie überhaupt eine Garantie von mir fordern?“
„Nun — ich dächte mit dem Rechte, das mir meine treue Sorge für das Kind gibt. Und wenn Sie noch nicht ganz verlernt haben, menschlich zu fühlen, so werden Sie dies Recht auch ohne gericht­liche Urkunden ehren!“
„O gewiß, gewiß — ich ehre es und danke Ihnen für Ihre Teilnahme an der Kleinen. Aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß ich über die Zä­higkeit Ihres Mißtrauens gegen mich in hohem Grade befremdet bin und daß ich es nun für eine Ehrensache halte, Sie durch die Tat eines Besseren zu belehren.“
„Das heißt also, Sie überlassen mir das Kind?“ fragte Heim rasch.
„Das heißt: ich werde jetzt seine Erziehung weniger als je aus den Händen geben, damit Sie sich durch den Erfolg derselben einst überzeugen, wie unrecht Sie mir getan!“
Heim sah den lächelnden Sprecher mit einem durchdringenden Blick an: „Sie pochen darauf, daß ich gesetzlich nichts gegen Sie unternehmen kann. — Gut denn, ich kann nichts weiter tun! Ich lege das Schicksal dieses seltenen, mir so lieb gewordenen Wesens in die Hand einer gütigen Vorsehung, die über Ihnen wachen wird, mein Herr, wo Sie sich und Ihre Pläne auch dem Auge der irdischen Gerichtsbar­keit entziehen.“
Während dieser Worte waren die Herrn wieder bei Ernestinen angelangt, die still in sich versunken dasaß. Der Oheim legte seine Hand auf ihre weiße hohe Stirn und sagte bei sich selbst: „Ich halte Dich!“

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Am Abend desselben Tages saß Leuthold vor sei­nem Schreibtische am offenen Fenster. Der kühle Nachtwind spielte mit der Flamme in seiner grün ver­hängten Lampe. Aus dem Nebenzimmer tönte das leise Summen des Mädchens, welches Gretchen mit einem wehmütigen Volksliede in den Schlaf sang. Auf dem äußern Gesims von Leutholds Fenster hatte sich eine Grille festgesetzt, die unaufhörlich zirpte, und auf das unbeschriebene Papier, welches vor ihm lag, fiel dann und wann ein versengter Nachtfalter nieder. Es war eine milde, friedliche Herbstnacht, solch’ eine Nacht, die das gelbe Laub verhüllt und in der die Seele träumen kann, es sei noch Sommer. Und dennoch saß der einsame Mann bei seiner Lampe starr vor sich hinblickend, und hatte so wenig Sinn und Gefühl für die Natur, als wäre er ein aus ihrem Verband Ausgeschiedener. — Oben in der Fensterecke schwankte ein großes Spinngewebe, dessen Herrin auf die kleinen Insekten lauerte, die Leutholds Licht zuflattern woll­ten. Noch feinere Gewebe aber spann in der Stille der Nacht Leutholds Kopf und, so zart und geistig sie auch waren, in ihrer Mitte saß die plumpe häßliche Spinne der Geldgier und lauerte wie ihre Nachbarin auf ihr Opfer. Ernestine sollte umsponnen werden, aber das mußte schlau angefangen werden, denn sie hatte Beschützer, die auf der Hut waren, kein Mensch durfte ahnen, daß sie ihren schlimmsten Feind zum Freunde habe! —
Das Testament war in den letzten Tagen eröff­net worden und zwei Punkte desselben hatten Leuthold Leben und Hoffnung wiedergegeben, denn sie boten ihm Haken, um seine Schlingen daran zu befestigen. Er war Ernestinens Vormund — und sollte sie beerben, wenn sie unverheiratet starb! Als endlich spät in der Nacht seine Lampe zu verlöschen drohte, da lag das ganze vielfach verschlungene Netz fertig in seinem Kopfe und er erhob sich mit der Genugtuung, mit der ein Dichter die Feder hinlegt, wenn ihm der Entwurf eines schwierigen Werkes gelungen ist. Ernestine war ihm nicht mehr, als dem Dichter eine der Gestalten, die sich, ihm selbst zum Trotze, unabweisbar aus dem Gange der Handlung entwickelt haben und die er als notwendiges Übel mit Sorgfalt, aber nicht mit Liebe ausarbeitet. So hatte er des Kindes Lebenslauf auf das Fleißigste zurechtgelegt und wenn alle Berechnun­gen zutrafen, mußte die Gestalt, welche seiner dichte­rischen Phantasie vorschwebte, einen für ihn und sein Kind günstigen Schluß des Romans herbeiführen. — Die Lampe erlosch rauchend. Leuthold schlich auf den Zehen in sein Schlafgemach und entkleidete sich im Dunkeln. Er fröstelte, als habe ihn sein eigenes eis­kaltes Herz erkältet. Neben seinem Bette stand Gretchens Wiege, die er auch nach dem Scheiden Berthas nicht von sich ließ, und als er sich gelegt hatte, er­wachte das Kind, richtete sich auf und griff mit sei­nen kleinen Händchen zärtlich nach dem Papa hinüber. Da zog der kalte Mann die Kleine zu sich empor und legte sie auf seine Brust; sie schlang die Ärmchen um seinen Hals und schmiegte das Köpfchen an seine Wange. Er hörte bald an ihren ruhigen Atemzügen, daß sie wieder eingeschlummert war und allmälig begann sein Herz unter dem friedlich pochen­den Kindesherzen zu erwärmen und neue Lebenswärme durchdrang seinen Körper unter der süßen Last. Er wagte kaum zu atmen, aus Furcht, die kleine Schlä­ferin zu wecken — es war ein seliger Augenblick für ihn. Aus dem Atem des schlummernden Kindes strömte ein unnennbares beglückendes Etwas auf ihn über. Hier hielt er das einzige Wesen, das ihn und das er liebte, das einzige Kind, das eigene Leben, Fleisch und Blut! — Da klopfte es plötzlich heftig an die verschlossene Tür des Nebenzimmers und zugleich erklang die gellende Stimme Riekens: „Herr Doktor, Herr Doktor, stehen Sie schnell auf und kommen Sie zu Ernestinen!“
Leuthold fuhr empor und legte hastig das Kind in die Wiege zurück, jeder Nerv in ihm schien sich anzuspannen, sein Herz drohte zu zerspringen, seine Hände zitterten, während er sich mit dem Nötigsten bekleidete. Dieser heftige Ruf konnte nur etwas Außerordentliches verkündigen, — sollte Ernestine kränker — vielleicht gar sterbend sein? Sollte das Schicksal Hartwichs Ungerechtigkeit so schnell gut machen und seine Hoffnungen — jetzt schon —! O — es war ein Gedanke, der ihn schwindeln machte. — Atemlos, fast taumelnd erreichte er die Tür, wo Rieke seiner harrte und ihm die Treppe hinableuchtete. „Was gibt es denn?“ fragte er. „Ach, Herr Doktor, wir haben eine große Dumm­heit gemacht, ich und die Therese, wir saßen bei Ernestinen und schwatzten zusammen und bemerkten nicht, daß das Kind nicht schlief,“ erzählte Rieke. „Da sprachen wir auch vom verstorbenen Herrn und daß die Kuhmagd nicht mehr allein auf dem Speicher schlafen will, weil sie behauptet, er ginge um. Auch von seinem Tode redeten wir, wie er nach seinem Kinde geschrieen und noch zuletzt gesagt habe, er finde nicht Ruhe im Grabe, wenn Ernestine ihm nicht ver­zeihe. Wir meinten, daß er ihr gewiß einmal er­scheinen werde, denn wenn Einer so was Quälendes mit ins Grab nehme, dann lasse es ihm keinen Frieden, und er müsse so lange geistweise gehen, bis er durch das Gewünschte erlöst werde. — Da fing Ernestine plötzlich an zu weinen und wir sahen nun zu unserem Schlecken, daß sie Alles gehört. Wir suchten sie zu beruhigen, aber sie regte sich immer mehr auf und ver­langte, wir sollten sie noch heute Nacht auf den Kirch­hof bringen, sie wolle zu ihres Vaters Grabe und ihm sagen, daß sie ihm vergeben habe. Kein Zureden half, sie bleibt bei ihrem Willen und hat nun aus Eigensinn und Jammer förmliche Krämpfe bekommen!“ 
Sie traten in Ernestinens Zimmer, wo Therese, die zweite Magd bemüht war, das widerstrebende, ver­zweifelte Kind im Bette zu erhalten. Leuthold ging leise zu ihr hin und legte ihr seine zarte, kühle Hand auf die heiße Stirn. Unter dieser Berührung ward sie plötzlich ruhig und ihre großen Augen richteten sich hilfesuchend auf den Oheim.
„Laßt uns allein,“ sagte er gebieterisch zu den beiden Mädchen, die murrend seinem Befehle folgten. Dann zündete er an der trüben Nachtlampe ein Licht an, daß es hell im Zimmer wurde, und setzte sich bei Ernestinens Lager nieder. „Mein Kind,“ begann er mit seinem melodischen Flüstern, „Du bist schon klug genug, um das zu verstehen, was ich Dir jetzt sagen werde, aber Du mußt mir versprechen, es keinem Menschen auf der Welt mitzuteilen, willst Du?“
„Ich verspreche Dir’s, Onkel,“ schluchzte Ernestine, „wenn Du mir helfen willst, meinen armen Vater wissen zu lassen, daß ich ihm — ach, so von ganzem Herzen — verziehen habe und daß meine Wunde heil ist und gar nicht mehr weh tut, gar nicht mehr! — O Du armer, armer Vater, Deine Ernestine hat ja keinen Groll gegen Dich und kann Dir’s doch nicht sagen!“ 
„Du bist ein gutes Kind, Ernestine, aber Du bist — eben noch ein Kind!“ sprach Leuthold ruhig weiter, während jenes seltsame Lächeln wieder um seine Lippen spielte, das Ernestine diesen Morgen so tief verletzt hatte. — Sie schaute ihn befremdet an, — war es denn wieder etwas so Dummes, was sie gesagt?
„Du bist schon zu klug, als daß ich Dich länger in den albernen Begriffen der Mägde verharren lassen möchte, deshalb will ich Dir jetzt mitteilen, was jene nie erfahren dürfen, daß nämlich die Gestorbenen in keiner­lei Gestalt fortleben.“
Ernestine fuhr empor und starrte den Oheim an: „Wie?“
„Ja, ja — wie ich Dir sage: wer tot ist, ist tot, das heißt, er hat aufgehört zu sein, er denkt nicht mehr, fühlt nicht mehr. Alles was übrig ist von ihm, sind die Knochen, die nur gut sind, um Leim daraus zu machen oder Düngerpulver.“
Ernestine lauschte atemlos seinen Worten: „Aber Onkel, so gäbe es keine Geister?“ 
„Es gibt keine Geister.“ 
„Dann kämen wir auch nicht in den Himmel?“ 
„Ei bewahre — das sind Vorspiegelungen, mit denen man das dumme Volk zwingen will, brav zu sein.10 Die gemeinen Leute müssen an Lohn und Strafe nach dem Tode glauben, um ohne Murren alle die Entbehrungen und Schmerzen zu erdulden, die ihnen das Schicksal auferlegt. Sie würden aufsäßig gegen jede Obrigkeit und arteten nach allen Seiten aus, wenn sie ihr schweres Los tragen müßten ohne die Aussicht auf eine Vergeltung nach dem Tode. Des­halb hat jene Gesellschaft kluger Menschenkenner, welche man die christliche Kirche nennt, die schönen Legenden erfunden, die Du unter dem Namen „Bibel“ kennst. — Der Aberglaube hat sich aus der menschlichen Schwäche und Hilfsbedürftigkeit, aus der Unkenntnis der Natur­gesetze herausentwickelt und die Kirchen aller Zonen und Zeiten haben sich seiner bemächtigt und ein reli­giöses Gängelband daraus gewoben, an dem sie die Völker leiteten. Der Gebildete aber, der sich in den reinen Äther des Gedankens emporgeschwungen hat, ist frei von jener Fessel. Die Wissenschaft führt ihn mit liebender Hand auf die Höhen der Erkenntnis, zeigt ihm den natürlichen Zusammenhang aller Dinge und gibt ihm an Stelle der Stütze, die sie ihm nimmt, die Kraft, allein zu stehen.“
Ernestine war leichenblaß, ihre Lippen bewegten sich, aber sie brachte kein Wort heraus, ihre Hände hatten sich krampfhaft verschlungen, sie fühlte sich unter der Wucht des Niegeahnten, Unerhörten inner­lich zusammengebrochen. Sie wollte nicht hören, was der Vormund sprach, und dennoch sog sie jedes Wort gierig ein, sie wollte ihm nicht glauben und dennoch konnte sie schon nicht mehr glauben, was der Geistliche sie gelehrt. Sie schämte sich, dümmer zu sein, als er es von ihr erwartete und sein Gift ätzte sich mit Gedankenschnelle in ihre Seele ein.
„Aber Onkel, was so viele Menschen glauben, kann das Irrtum sein? Erwachsene und Kinder, Könige und Kaiser, arme und reiche Leute gehen ja in die Kirche, gibt es denn außer Dir noch Jemanden, der es nicht tut?“
Leuthold lachte lauter als gewöhnlich auf. „Diese Beweisgründe, liebes Kind, kann ich Dir leicht wider­legen. Erstens gibt es außer mir Millionen von Menschen, die sich zu keiner Konfession bekennen. Zwei­tens ist die Anzahl derer, die einen Glauben teilen, keineswegs maßgebend für die Wahrhaftigkeit seiner Grundlagen, sondern nur für die Unwissenheit und Beschränkteit seiner Bekenner. Millionen von Men­schen haben Vielgötterei getrieben und jeden für einen Verbrecher gehalten, der etwas Anderes glaubte. Jede Religion hat die andere als einen Irrwahn verdammt — welche hatte Recht? — So lange die Völker sich die erhabenen und wunderbaren Naturerscheinungen nicht in ihrem Zusammenhang, ihren Ursachen und Wirkungen erklären konnten, gaben sie ihnen über­irdische Deutungen und hielten sie für Offenbarungen von Gottheiten. Donner und Blitz, Licht und Luft hatten bei den Alten wie noch jetzt bei den Wilden ihre besonderen Oberherren; jede Naturkraft gewann für sie eine menschlich-göttliche Wesenheit und so war Erde und Himmel bevölkert mit guten und bösen Göttern, je nachdem die Wirkungen der Elemente für die Men­schen nützlich oder nachteilig waren. Der Glaube schreitet mit der Wissenschaft fort: oder besser, er wird von ihr mehr und mehr zurückgedrängt, verdünnt, ver­geistigt. Die üppigen Göttergestalten der Griechen und Römer verloren mit der wachsenden Erkenntnis der Naturgesetze an Körper, um allmälig zu ver­schwinden und an ihre Stelle die Elemente als solche und eine Zentralgewalt treten zu lassen, welche deren Tätigkeit nach bestimmten und weisen Plänen regelt. Dies ist ein Fortschritt, allein— es muß noch besser kommen. Noch zerfällt unser einheitlicher Gott in eine Dreiheit, Vater, Sohn und heiliger Geist, noch haben wir Engel, Teufel, Heilige, — kurz eine ganze über- und unterirdische Gesellschaft, die uns nur in anständigerem Kostüm aus dem Heidentum herüber begleitete und allerlei Wunder tun soll. Je mehr indessen der natürliche Zusammenhang der Dinge vor unserem forschenden Auge Gestalt gewinnt, desto mehr verflüchtigen sich die Gebilde unseres Glaubens, wie wenn bei dem ersten Sonnenstrahl der Schatten, den wir in der Dunkelheit oft für den Gegenstand selbst hielten, verbleicht und dieser in seiner fraglosen Form zu Tage tritt. Die verschiedenen Götter aller Völker und Zeiten waren nur Schatten, welche die Erschei­nungsformen der Naturkräfte warfen; sowie das Licht der Wissenschaft auf dieselben fiel, verschwanden sie. So wurde die religiöse Phantasie immer mehr von der rauhen Erde mit ihrer starren Gesetzlichkeit hinweg auf ein abstrakteres Gebiet getrieben, allein selbst dort ist sie nicht mehr sicher, denn der wissenschaftliche Ge­danke, der von Stufe zu Stufe aufwärts klimmt und dessen Stärke mit der wachsenden Übung zunimmt, begann ihr längst auch dahin zu folgen — und sie muß sich zu bedeutenderen Zugeständnissen herbeilassen, wenn sie nicht aus ihrem letzten Zufluchtsort, aus ihrem selbstgeschaffenen Himmel vertrieben werden soll!“ 
Leuthold hielt inne. Ernestinens unsicher schwei­fender Blick erinnerte ihn daran, daß die Gewohnheit einer gelehrten Ausdrucksweise ihn für das Verständnis eines Kindes zu weit geführt. Dennoch tat es ihm wohl, sich selbst einmal wieder so sprechen gehört zu haben und seine grauen Augen glänzten seltsam, als er die Wirkung seiner halbverstandenen Rede auf Ernestinen beobachtete.
„So hat der Herr Pfarrer gelogen?“ fragte diese endlich bewegt.
„Er log nicht, er ist nur ein sehr beschränkter Mann und weiß es selbst nicht besser. Er gehört nicht zu den Betrügern, sondern zu den Betrogenen.“
„Aber er ist ja doch der Klügste im Dorfe,“ schaltete Ernestine wieder ein.
„Im Dorfe, ja! — Aber hältst Du ihn auch für klüger als Deinen Onkel?“
„Nein, gewiß nicht!“ flüsterte sie kaum hörbar; es erschien ihr fast wie eine Sünde, daß ein gewöhn­licher Mensch mehr Verstand haben sollte, als der Geistliche.
„Nun sieh, ich will Dir sogar sagen, daß er nicht einmal so viel Verstand hat wie Du!“
„Onkel!“ rief Ernestine erschrocken.
„Glaube mir, mein Kind, Du bist noch jung — aber wenn Du einmal so alt bist wie der Pfarrer, wirst Du mehr wissen und auf einem anderen Stand­punkte stehen, als er!“
„Wirklich, Onkel?“ fragte Ernestine hoch aufhorchend, — denn diese erste Schmeichelei verfehlte Wirkung nicht. „Glaubst Du, daß ich je so gescheit werde, wie ein Mann?“
„Ei ganz gewiß! Aus Dir wird, wenn mich nicht Alles täuscht, einmal etwas Großes!“
Ernestine saß aufgerichtet in ihrem Bette und sah den Oheim mit leuchtenden Augen an. Ihr bleiches Gesicht rötete sich, ihr Atem ging schneller. Der Ehrgeiz schlug plötzlich in der jungen, leicht entzünd­lichen Seele zur hellen Lohe auf, — der Brennstoff war seit jener ersten Begegnung mit den Menschen, die sie so verächtlich behandelt hatten, schon ange­sammelt gewesen, nun fiel der Funke hinein und entfachte jenen langsam schleichenden Brand, der allmälig alle Hilfsquellen des Gemütes aufsaugt, wenn nicht ein großes Unglück das Herz mit Tränenfluten überschwemmt, und ihn darin auf einmal auslöscht.
Leuthold betrachtete das durchgeistigte und be­geisterte Antlitz des Kindes nicht ohne heimliche Ve­wunderung und Freude. So — gerade so wollte er sie haben! Er bog sich zu ihr hin und reichte ihr die Hand, die sie mit Ungestüm ergriff.
„Onkel,“ sprach sie mit kindlicher Emphase, — „willst Du mir helfen, daß ich so klug werde und so viel lerne wie ein Mann, und mich die Wissenschaften lehren, von denen Du vorhin sagtest, daß sie den Menschen frei und stark machen?“
„Ja!“ — rief Leuthold —„das will ich!“
„Versprich es mir, lieber Onkel!“
„Ich gelobe Dir mit Wort und Handschlag, daß ich Dich lehren will, was noch kein Weib gewußt, und daß ich Dich leiten will, bis Du Dein gan­zes Geschlecht überflügelt hast. Aber Du mußt fleißig sein und keinen Wunsch mehr haben, als zu lernen!“
„Ach, das will ich, bester Oheim. Warum sollte ich denn nicht? Was hätte ich Besseres zu tun? Mit andern Kindern mag ich nicht mehr spielen, — sie lachen mich nur aus. Ich passe nicht zu ihnen, ich bin zu häßlich und zu ernstaft für sie. Ganz allein will ich bleiben, allein mit Dir will ich lernen. Dann sollen sie sich einst vor mir schämen, wenn ich viel mehr weiß, als sie. Ach das wäre schön!“
„Nun höre, mein Kind, ich hoffe aber, daß Du Dein Versprechen hältst und Niemandem etwas mitteilst von dem, was ich Dir heute gesagt.“
„Niemandem, auch Herrn Heim nicht?“
„Um Alles in der Welt nicht. Sowie ich sehe, daß Du nicht schweigen kannst, werde ich Dich nichts lehren und Du magst so dumm bleiben wie die An­dern, die Dich verspotteten.“
„Nein Onkel — ich will ja gewiß nichts aus­plaudern, gewiß nicht!“ rief Ernestine erschrocken. „Aber sage mir nur noch das Eine: gibt es denn auch wirklich keine Engel?“
„Engel!“ lächelte der Oheim — „wozu habe ich die ganze Zeit gesprochen, wenn Du mich das noch im Ernste fragen kannst?“
„So habe ich keinen Schutzengel?!“ sagte das Kind und eine Träne trat ihm in das Auge: „ich habe meinen Schutzengel so lieb gehabt!“
„Mein Kind,“ erwiderte Leuthold, „Dein Schutz­engel bist Du selbst. Deine große starke Seele wird Dich jede Gefahr bestehen lassen, besser als solch ein geflügelter dummer Junge es könnte.“
Ernestine schwieg. Sie selbst sollte sich beschützen aus eigener Kraft, aber sie fühlte sich so schwach und so zerknirscht — wie sollte sie bestehen, ohne eine höhere Macht zur Stütze zu haben? Keinen Engel, keinen Vater, keine Mutter, nicht einmal ihre Geister mehr! Sie kam sich vor, als stünde sie plötzlich allein ohne Halt, ohne Geländer auf einer schroffen Felsspitze und unter ihr gähne der Abgrund. Der Augenblick mußte kommen, wo sie der Schwindel hinabriß! Da bot sich ihrer Seele der letzte Halt in der höch­sten Angst: Gott! Er war ja Alles in Allem, Vater und Schutzgeist! Er war die Liebe — er verließ sie nicht. Mochte Alles in den Staub sinken, woran sie geglaubt, er blieb ihr, an ihn wollte sie sich klammern mit verdoppelter Innigkeit. Sie schaute dem Oheim an, sollte sie aussprechen, was sie dachte? Nein! Vor Leuthold wollte sie den heiligen Namen nicht mehr nennen, sie wollte nicht noch einmal das Lächeln von heute Morgen sehen — sie scheute sich davor, ohne selbst zu wissen warum?
Da öffnete der Oheim die Lippen, es war der letzte Tropfen Gift, der noch in ihre Seele geträufelt werden sollte. „Wir sind Alles, was, der moderne Glaube sich außer uns vorstellt in höchsteigener Per­son,“ begann er: „Engel, Teufel, Gott“ — Ernestine zuckte zusammen — „sie sind nur Sinnbilder unserer guten und schlechten Eigenschaften. Es ist eine gren­zenlose Selbstüberschätzung des Menschen, daß er das bischen Vernunft, welches ihn vor dem Tiere aus­zeichnet, für etwas hält, das die Natur gar nicht hervorzubringen vermöge, etwas Überirdisches, Unsterb­liches— Göttliches, und sich einbildet, es müsse eine besondere oberste Persönlichkeit irgendwo über dem Weltall thronen, die mit uns in direktem Zusammen­hang stehe und weiter nichts zu tun habe, als sich um unsere wichtigen persönlichen Angelegenheiten zu bekümmern! — Dieser unser Gottesglaube mit all seiner scheinbaren Demut und Liebedienerei ist die üppigste Blüte, die Hochmut und Eitelkeit des Men­schengeschlechts getrieben haben und alle Gottesanbetung, mein Kind, ist im Grunde nur eine Selbst­anbetung. Die wahre Demut ist es, zu erkennen, daß wir keine Ausflüsse eines „göttlichen Urgeistes,“ wie es die Theologen nennen, sondern lediglich das Meisterwerk der weise schaffenden Natur sind und daß wir für uns nichts Besseres beanspruchen können, als das Schicksal all der Millionen Wesen, die im Bau des Ganzen ihre Schuldigkeit tun!“ —
Ernestine war in die Kissen zurückgesunken, sie fühlte sich vernichtet: nun sollte sie auch keinen Gott mehr haben! — — 
Der Oheim stand auf, denn von der Dorfkirche dröhnte dumpf und traurig der Schlag Zwei herüber. Es entging ihm nicht, welch furchtbaren Eindruck seine Worte auf Ernestine gemacht hatten. Er ergriff ihre Hand, sie entzog sie ihm. Er lächelte: „Nicht wahr, es tut Dir weh, Dich von Allem loszusagen, was Dein Kinderglaube so treu umfaßt hielt? Ich verstehe das. Aber Ernestine, Du bist zu bedeutend, als daß Dir der fromme Wahn auf die Dauer genügen könnte. Sei versichert, früher oder später hättest Du ihn doch abgestreift, wie die entwickelte Blume die Knospenhülle. Du warst krank und Deine Körperschwäche hält auch Deine Seele darnieder, wenn Du aber wie­der genesen und erstarkt bist, dann wirst Du ihn erst freudig empfinden den Stolz, ein Wesen mit freier Selbstbestimmung zu sein, — nicht abhängig von dem Willen und der oft sehr zweifelhaften Gerechtigkeit des phantastischen Herrn Zebaoth. In Dich selbst, mein Kind, versenke Dich, Du trägst Dein Schicksal in Dir. Glaube an Dich, in Deinem Selbstvertrauen müssen Deine Hoffnungen wurzeln! — Ich lasse Dich jetzt ruhen und bin überzeugt, morgen — finde ich eine kleine Philosophin.“ —
Der Oheim hatte längst das Zimmer verlassen und Rieke war leise, in der Meinung, Ernestine schlafe, im Nebengemach zu Bette gegangen, — aber Ernestine schlief immer noch nicht. Regungslos lag sie da, als seien ihr alle Glieder zerbrochen! Erst als Rieke draußen das Licht löschte und nun kein Strahl mehr durch die geöffnete Tür hereinfiel, richtete sich das Kind auf und holte tief Atem in seiner Herzensangst. Es breitete die Arme in der Dunkelheit aus, als wollte es die entschwindenden Gestalten seines Glaubens zurückhalten — aber seine Arme blieben leer — es hatte die wesenlose Luft umschlungen. Ein ärmeres Geschöpf konnte es in diesem Augenblick auf Erden nicht geben. Was hat eine Waise, die Vater und Mutter entbehrt, wenn sie auch noch ihren Schutz­geist und ihren Gott verliert? Sie ist ein aus dem Neste gefallener Vogel, dem Bosheit die Flügel aus­riß und ihn lebendig liegen ließ, — Die ahnungs­volle, in Leiden frühgereifte Seele des Kindes fühlte die ganze Größe dieses Elendes und es vergrub das Gesicht in die Kissen, damit Rieke das krampfhafte Schluchzen nicht höre, in dem sich sein tiefes Weh Luft machte. Die Träne, die es seinem Gott nach­weinte, war das Einzige, was ihm der Oheim ge­lassen, — war das einzige Gebet, dessen es in die­sem Augenblicke fähig war, denn wie gerne es beten wollte — es fand kein Wort. „Er hört Dich ja doch nicht, er ist ja nicht!“ rief es in ihm und dann brachen aufs Neue die heißen Tropfen hervor und es weinte wieder im bittersten Abschiedsschmerz. Aber je länger es weinte, desto weicher wurde ihm zu Sinne und wie der Gekreuzigte, nachdem er beeidigt war, unsichtbar unter den Jüngern weilte, so stand der Gott, den es im Geiste begra­ben, heimlich in seinem Herzen wieder auf: es hörte ihn nicht, sah ihn nicht, — aber es fühlte seine Nähe und fühlte sich durch sie gestärkt, daß es wieder beten konnte. Und nun warf es sich mit voller Inbrunst im Bette auf seine Kniee, faltete die Hände und flehte: „Lieber Gott, laß mir den Glauben an Dich, — wenn Du bist und mich hörst —„ ja, da war es schon wieder, das furchtbare — „wenn“. — Die Kleine mußte innehalten und darüber nachdenken — sie mußte! Aber bis sie das getan, war Ge­bet und Andacht dahin — und der Gott ent­schwunden!
So rang sie in Fieberglut zwischen Zweifel und Glauben und ihre Seele schmachtete nach Liebe, wie ihr heißer Gaumen nach Wasser; — wo war die Hand, die milde, treue Hand, die ihr den Trunk reichte und aus der sie im Kusse die Labung für die liebedürstende Seele saugen konnte? O —solch’ eine Hand, wie nur eine Mutter sie hat! Ernestine starrte durch die Finsternis empor, ihr Atem ging rasch und ihr Herz schlug hörbar, aus den weit geöffneten bren­nenden Augen floß keine wohltätige Träne mehr. „O Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlas­sen?“ war der letzte Wehschrei ihres gefolterten Her­zens, dann versank sie in fieberhaften Schlummer.

Siebentes Kapitel, Abschied.
Die Herbststürme hatten alles Laub von den Bäumen geschüttelt, nur drüben über den weiten, grauen Feldern, welche Hartwichs Besitztum umga­ben, rauschten die grünen Tannen des Waldsaumes. Über die kahle, trostlose Ebene schwebte eine kleine einsame Gestalt dem Walde zu, geisterhaft bleich und traurig, wie Heines letzte Elfe.11 Ernestine war so weit genesen, um wieder ihrer alten Gewohnheit nach mit dem Sturmwind um die Wette zu rennen, sie breitete die Arme aus und konnte noch immer nicht von dem Gedanken los, es würden einmal Flügel daraus, die sie forttrügen, hoch, hoch hinauf. Sie wußte wohl, es konnte nicht sein, aber der Gedanke war doch so schön! Von der Erde weg, hinauf wollte sie — auf der Erde war es so trübe, sie war ein Fremdling da, und sie fühlte es, ihre Heimat müsse wo anders sein — Im Himmel? Himmel gab es ja keinen — aber doch in der Luft — wenigstens in der Luft. Und sie lief — sie stürmte dahin und es hob ihr das Herz, als es ihr um die Ohren sauste und ihre Locken und Kleider im Winde flatterten.
Sehnsucht, unendliche Sehnsucht, sie wußte nicht, wonach, trieb sie hinaus — sie wußte nicht, wohin, — Sie hatte nichts mehr, wonach sie sich sehnte, und dennoch tat sie es, so innig, so zum Sterben. Sie hätte sich jetzt in Schaum auflösen mögen, wie die Seejungfrau, daß die Töchter der Luft sie fortgetragen hätten in das Unendliche! Und sie stand still und schaute empor in das graue Gewölk und atmete tief — ach da droben war ja nichts mehr, worauf sie hoffte — und in der eigenen Brust hatte sie noch nicht suchen gelernt. Leer war es um sie her und leer über ihr — und dennoch zog es ihr volles Herz in das Leere!
Sie hatte endlich das Gehölz erreicht und stand unter den dunkeln Tannen, die der Sturm mit furchtbarer Gewalt zerzauste. Zum letzten Mal betrat sie heute den alten heimatlichen Wald, denn morgen sollte sie mit dem Onkel nach dem Süden reisen, sie sollte dem nordischen Winter entfliehen. Es tat ihr leid, denn sie hing an der Heimat, wie wenig ihr diese auch gab — sie muβte doch an etwas hängen!  Sie hatte sich so auf Schnee und Eis gefreut — die leuchtende Gestalt der Schneekönigin aus dem Märchenbuche, Andersens nordische Poesie hatte ihr den Winter verschönt und verklärt.  War es ihr doch ergangen, wie dem kleinen Kay, blühten ihr doch, wie ihm, keine Freuden mehr und quälte sie sich im Geiste, wie er, mit dem Worte Ewigkeit ab.12 — Sie konnte nicht anders, so wie es ihr ums Herz war, muβte sie den Winter lieben und die Einsamkeit auf ihrem abgelegenen Gehöft. — Sie ging unerschrocken durch das rauschende Dickicht weiter, tiefer und tiefer in den Wald hinein, bis sie, ohne zu wissen wie, auf der andern Seite heraustrat und unter der Eiche stand, wo sie Johannes zuerst erblickt hatte.  Da hing noch ganz verdorrt jener Zweig, der unter ihr gebrochen war, als sie vor ihm fliehen wollte, dort war jener Rasenfleck, wo er ihr das Buch geschenkt, das wunderbare Buch, das ihr ganzes Denken mit lieblichen Bildern durchwob; und doch erschien das, was sie mit Johannes erlebt, noch viel märchenhafter als alle Märchen und sie versank in tiefes Sinnen, bis ein furchtbarer Windstoβ in die Krone des majestätischen Baumes fuhr, als wolle er sie niederschmettern und den ganzen Wald damit zertrümmern. Prasselnd stürtzte der geknickte Ast herab, der nur noch an einer dürren Faser gehangen hatte und wehklagend rauschte es durch die entlaubten Wipfel in der Tiefe des Gehölzes nach. Ernestine blickte bebend empor.  Die Zweige ächzten und knarrten und die aufgescheuchten Raben flogen kreischend darüber hin. Abermals strich es heulend über die Ebene her, langsam, aber mäch­tig anschwellend dem Walde zu und wieder war es die freistehende Eiche, an die es zuerst anprallte, daß sie bis ins Mark erzitterte. Nur einen Augenblick aber währte Ernestinens Schreck, — sie war ja die nordischen Oktoberstürme gewöhnt und es überkam sie eine Freude an der wilden entfesselten Naturkraft, als ob es ihre eigene Hand sei, die die Bäume rüttle und Äste zersplittere. Eine Titanenlust in der Brust eines Geschöpfes wie aus Mondschein und Lilienfasern gewoben! — Es war ein gottverwandter Geist, der in so zartem Leib so mächtige Gefühle erzeugen konnte. Dieser Geist jauchzte dem ebenbürtigen Elemente den Brudergruß zu und vergaß freudetrunken der schwachen Hülle, in die er gebannt war. Wilde Lieder in den Sturm hinaussingend, schwang sich die Kleine mit der gewohnten Geschicklichkeit auf den Baum, der ihr so lieb geworden, höher und höher, und wiegte sich frohlockend in den hin und her gepeitschten Zweigen. Da saß sie endlich in der höch­sten Spitze und schaute weithin über Wald und Ebene, und je stärker es brauste und rüttelte, je heftiger der Wipfel mit ihr schwankte, desto lieber war es ihr, — es war ja halb und halb geflogen — sie schwebte hoch über der Erde und doch so geborgen. Sie küßte den Ast, an dem sie sich hielt, sie mußte doch etwas küssen, und als sie unter sich bald hier, bald dort die jungen Stämme brechen sah — und der Orkan ihr den Atem fast raubte, — da schaute sie begeisterten Blickes empor und sagte unwillkürlich: „Das ist der Atem Gottes.“ Plötzlich raschelte etwas wie der Tritt eines Menschen und durch das Tosen des Stur­mes drang ein Ruf. Sie mußte an den fremden, schönen Jüngling denken, — wenn er es gar wäre, sie wieder vom Baume zu holen? Es befiel sie ein unerklärliches, freudiges Bangen, wenn er es wieder wäre und seine Arme nach ihr ausstreckte? — Aber er war es nicht, es legte sich kalt über ihr Herz und dunkel über die ganze Natur — es war der Oheim!
„Ernestine!“ rief er hinauf, „unbesonnenes Kind, in welche Angst stürzest Du mich! In solchem Wetter in den Wald zu laufen und auf Bäume zu klettern — Du kannst Dir ja den Tod holen. Komm’ herab, ich bitte Dich.“
„Oheim, laß mich hier — hier ist mir so wohl!“ bat die Kleine.
„Ich muß Dich ernstlich ersuchen, mit mir zu gehen. Was sollten die Leute denken, wenn ich Dich in diesem Sturme draußen ließe? Sei so freundlich und folge mir.“
Ernestine blickte stumm noch einmal über den geliebten Wald hin und kletterte mit trübem Antlitz abwärts. Als sie an die Stelle kam, wo der Ast ge­brochen war und Johannes sie geholt hatte, riß sie ein paar welke Blätter ab, steckte sie zu sich und glitt leicht, wie ein Schatten, am Stamme nieder. Sie blickte den Oheim an. Verschwunden war aller Zau­ber, alle Freude, sie war wieder auf der Erde und des Oheims kaltes lauerndes Auge ruhte so ernüch­ternd auf ihr. — Sie schaute zu Boden, sie schämte sich fast; wenn er wüßte, daß sie noch soeben an Gott gedacht, wie würde er sie verhöhnen. Und warum konnte sie dort oben wieder an ihn glauben und hier unten in des Oheims Nähe nicht?
Sie ging schweigend neben Leuthold her, sie schaute nicht rechts noch links, gleichgültig ließ sie es geschehen, daß ihr der Sturm die Kleider fast vom Leibe riß. Sie wollte nicht mehr fliegen, sie hatte keine Sehnsucht mehr, — wcnn der Oheim bei ihr war, schämte sie sich jeden Gefühls. Als sie bei der Stelle ankamen, wo der Weg nach Hartwichs Gut sich von dem trennt, der nach dem Dorfe zu führt, bat sie Leuthold, sie noch im Pfarrhaus Abschied nehmen zu lassen. Er gestattete es ihr nach kurzem Besinnen und ging allein weiter. Ernestine eilte nun die ge­wohnte Straße zu dem alten Prediger hinab, die Baueinkinder schrieen ihr nach: „Halloh — Hart­wichs Tine, die stolze Tine mit dem Käsegesicht!“ — Sie achtete nicht darauf, über die Spöttereien dieser Geschöpfe fühlte sie sich erhaben. Mit pochendem Herzen erreichte sie den Pfarrhof, doch plötzlich blieb sie stehen. Was wollte sie eigentlich hier? Dem Herrn Pfarrer und seiner Frau Lebewohl sagen! Wenn sie nun aber der gute fromme Greis etwa wie immer ermahnte, recht gottesfürchtig zu sein? Oder wenn er sie gar fragte, ob sie noch an Gott glaube? Was sollte, was konnte sie ihm dann antworten? Durfte sie, die Ab­gefallene, Zweifelnde, den Diener Gottes aufsuchen ohne sich einem peinlichen Gericht auszusetzen — oder zu lügen? Da stand sie nun wie eine Büßende vor der Tür, die sich ihr so oft gastlich aufgetan uno wagte nicht, einzutreten. Zweimal hatte sie die Glocke in der Hand und ließ sie immer wieder los, ohne daran zu ziehen. Sie wußte, daß es dem alten Herrn leid tun würde, wenn sie ohne Abschied fortginge, aber sie wußte auch, daß es ihn noch tiefer schmerzen würde, wenn sie ihm verriete, wie es in ihr aussah. Vielleicht verachtete er sie dann gar, das konnte sie nicht ertragen und wie sie sich vor dem Onkel ihres immer wiederkehrenden Glaubens schämte, so schämte sie sich jetzt vor dem Priester ihrer immer wiederkehrenden Zweifel. Wie oft hatte er ihr gesagt — es sei eine Sünde, zu grübeln — und sie hatte diese Sünde be­gangen, sie beging sie noch in diesem Augenblicke. Nein — sie konnte mit solch bösem Gewissen weder seinen Blick aushalten, noch die weichen, stets gefalte­ten Hände der Frau Pfarrerin küssen,— und sie schlich fort hinter dem Hause vorbei, damit sie Niemand bemerke und trat in den Friedhof ein, wo es einsam und still war und sie ihr schuldbeladenes kleines Herz an den Gräbern ihrer Eltern bergen konnte. Sie kniete bei den Kreuzen nieder und rang nach Tränen, die sie erleichtern sollten; — aber kein Segen stieg für sie aus den Grüften auf, die der Geist den Eltern nicht umwallte, die — wie Onkel Leuthold sagte — nur Knochen bargen. Und dennoch sehnte sie sich so sehr, Buße zu tun. „Wenn ich nur jetzt noch schnell glauben könnte, wenn ich den lieben Gott recht inbrünstig um Verzeihung bäte, dann könnte ich auch noch zum Herrn Pfarrer,“ dachte sie. Ratlos blickte sie um sich; da stand ja die Kirche und die Tür war offen. Da hinein in das Haus Gottes wollte sie,— vielleicht fand sie an der heiligen Stätte wieder, was sie verloren. In tiefer Zerknirschung trat das Kind ein, es warf sich vor dem Altar auf die Kniee und schloß die Augen. „Jetzt — jetzt wirst Du beten können!“ dachte es, aber wie in jener furcht­baren Nacht, wo ihm Frieden und Religion geraubt ward — die Andacht nahte sich ihm, wie ein scheuer Vogel und wenn es sie bannen wollte, entschlüpfte sie ihm. Da lag die kleine schuldlos Büßende, die Seele voll Frömmigkeit und konnte nicht beten, das Herz voll Tränen und konnte nicht weinen. Verzweifelnd sprang sie auf — auch hier war Gott nicht. Im Sturm
hatte sie ihn zu fühlen gemeint, den Sturm für sei­nen Atem gehalten, aber der Onkel hatte ihr ja auf dem Heimweg bewiesen, jener sei nichts als eine Luft­strömung, veranlaßt durch die wechselnde Erwärmung der Erdoberfläche oder starke Regengüsse, und sie hatte nieder gesehen, wie sehr sie sich geirrt, wie viel mehr der Oheim wisse, als der Pfarrer, und hatte ihm ver­traut. Wenn sie aber dem Oheim glaubte, konnte sie nicht an Gott glauben — sie konnte nichts dafür und doch lastete dieser Abfall auf ihr als das erste Ver­brechen ihres Lebens. Ihre treue Seele glich dem Eisen, das noch lange fortglüht, auch wenn das Feuer, das es erhitzte, ausgebrannt ist: ihr Glaube war erloschen, aber die Wirkung des Glaubens dauerte fort und wurde in ihr zum Strafgericht. — Es be­gann zu dunkeln und noch immer stand sie da mit gesenktem Haupte und niedergeschlagenen Augen; der Christus, der sich für seinen „Wahn“, wie es der Oheim nannte, ans Kreuz schlagen ließ, sah sie so vorwurfsvoll an — sie wagte nicht, zu ihm auf­zublicken. Er hatte für das geblutet, was sie verleugnete — es war ihr, als müsse er die Hand mit dem Nagel vom Holze reißen und drohend gegen sie aufheben; — ein unerklärlicher Schauder überrieselte sie, sie stürzte wieder auf die Kniee.
„Vergib, vergib!“ rief sie und nun plötzlich löste ein Strom von Tränen das Band, das ihr Herz zusammenschnürte.
Da faßte sie etwas an der Schulter und zog sie in die Höhe — war es der Oheim oder der Teufel, der sie angrinste?
„Also hier finde ich Dich!“ spottete er, „im Dunkeln — weinend und knieend? Ei, ei, ich suchte meine kleine stolze Philosophin und finde ein wimmerndes Kind, das zu einer Holzpuppe betet! Kannst Du mir nicht sagen, wo Ernestine Hartwich ist?“
„Onkel,“ rief Ernestine mit schmerzlichem Trotz, „warum verfolgst Du mich heute überall? Kann ich denn keine Stunde allein sein, muß ich über jeden Gedanken Rede stehen. Du hast mir Alles genommen, woran ich noch hing, bist zwischen mich und den lieben Gott getreten, daß ich nun nicht einmal mehr zum Herrn Prediger gehen kann und mich ums Pfarrhaus schleichen muß, als hätte ich gestohlen — meinst Du denn, so etwas tue Einem nicht weh und man solle keine Gewissens­bisse, keine Reue fühlen? Du magst mich lehren, was Du willst — ich werde nie wieder meines Lebens froh. Was brauchtest Du mir zu sagen, es gäbe keine Geister, keine Engel, keinen Gott? Ich hab’s ja nicht zu wissen verlangt! Ich habe Gott lieb gehabt und wenn mir’s noch so schlecht ging, so konnte ich doch hoffen, er werde mich schützen und barmherzig sein — und wenn kein Mensch mir gut war, so konnte ich doch denken, er sei es. Und nun, nun muß ich alles hinnehmen, wie’s kommt, und kann nichts mehr hof­fen und nichts mehr lieben, nichts mehr — auch Dich nicht!“
Leuthold streichelte lächelnd Ernestinens Locken.
„Ich sehe jetzt, daß ich einen Fehler beging, ein zehnjähriges Mädchen zu behandeln, wie einen zwan­zigjährigen Jüngling. Man kann einen Kranken und Schwachen nicht dadurch stärken, daß man ihm zu kräftige Kost reicht, er würde sie nicht ertragen; das hätte ich bedenken und Deinem jungen Mädchengehirn nicht so viel zumuten sollen. Ich begreife Deinen Widerwillen gegen mich als den unschuldigen Urheber Deiner geistigen Verdauungsbeschwerden und vergebe ihn Dir. Vergib Du auch mir, daß ich Deinen Verstand überschätzte, denn das ist mein gan­zes Unrecht gegen Dich!“
Ernestine stand schweigend und düster neben ihm er konnte nicht erraten, was in dem verschlossenen Geschöpf vorging.
„Ich will Dich hier lassen, mein liebes Kind, bete weiter, von mir sollst Du nicht mehr gestört werden. Gehe hin und küsse Deinem Herrn Jesus die Füße, das wird Dir Dein Herzchen erleichtern. Tue es doch, Ernestine — wie, oder genierst Du Dich vor mir? Soll ich hinaustreten? Gut!“
Er machte eine Bewegung, sich zu entfernen, da hielt ihn Ernestine am Arm.
„Ich will mit Dir gehen,“ sagte sie finster, „ich könnte jetzt doch nicht beten, wenn ich auch wollte. Und so dumm, wie Du denkst, bin ich auch nicht. Ich habe Alles begriffen, was Du mich lehrtest — und ich glaube ja gar nicht mehr an — an — das Andere. Was verlangst Du denn weiter? Weinen wird man doch können, ohne daß man gleich für einfältig zu gelten braucht und ich sage Dir — weinen werde ich noch oft, öfter als lachen — weinen werde ich mein ganzes Leben lang.“
Und sie schlug beide Hände vor das Gesicht und brach in lautes Schluchzen aus.
„Du bist nervös, mein Kind. Deine jetzigen Tränen entspringen Deiner Körperschwäche und in wenigen Jahren wirst Du über das lächeln, was Du jetzt beklagst! — Daß Du Niemanden mehr lieben kannst, auch mich nicht, laß Dich nicht verdrießen. Solche Gewohnheiten der Kinderstube legen sich mit dem zunehmenden Verstande ab. Wer frei sein will, muß damit beginnen, nichts zu lieben — denn jedes Band, was unser Herz an einen Andern bindet, ist, wie schön es auch sei, eine Fessel. Wer stark sein will, muß nicht das Bedürfnis haben, sich an Andere zu lehnen. Hänge Dich an nichts als an die Wissen­schaft; alles Lebendige, das Du liebst, kann Dir ent­rissen werden, ist nicht Dein und wird Dir Schmer­zen bereiten, — die Wissenschaft ist Dein, ist treu, ist eine unversiegbare Quelle der Freude. Die Menschen sind ungerecht, sie messen Dich nicht nach Deinen innern, nur nach Deinen äußern Vorzügen und diese sind zu gering, um Dir Geltung zu verschaffen; die Wissenschaft gibt Dir, was Du verdienst, nach Dei­nem Fleiße mißt sie ihre Gaben. Die Frauen wer­den Dich beneiden, denn Du wirst sie an Verstand überflügeln, die Männer werden Dich geringschätzen, denn Du bist und wirst nicht schön, sie aber fordern vor Allem Schönheit vom Weibe. Bei den Menschen wirst Du daher nichts als Enttäuschung finden, wenn Du Dir nicht abgewöhnst, auf sie zu hoffen. Willst Du Dir jedes Leid, daß sie Dir zufügen werden, ersparen, so lerne früh, ihrer nicht zu bedürfen und dazu ver­hilft Dir allein die Wissenschaft, die Pflege des Geistes, denn er tilgt alle Mängel und Leiden unserer Menschlichkeit, nur in ihm erheben wir uns zu unserer vollen Würde. Deshalb, mein Kind, gib Deinem Verstande die rechte Nahrung und bald werden die dum­pfen Instinkte des Herzens in Dir ersterben vor dem klaren Gedanken. Du sehnst Dich nach Frieden — glaube mir, im Geiste allein, nicht in der Liebe wirst Du ihn finden!“
Ernestine ging stumm neben dem Oheim her, das Weiße in ihren Augen leuchtete seltsam durch die Dämmerung, als sie den Blick zu ihm erhob. Sie hatte nicht Alles verstanden, was er gesagt, dennoch teilte sich ihr die Eiseskälte, die seine Rede aus­hauchte, mit — und sie dankte es ihm, daß er ihrem heißerregten Gemüte Fassung und Ruhe gab. — Leise und sanft, wie Schneefall in der Nacht, waren seine Worte in ihre Brust niedergerieselt und hatten, ohne daß sie es ahnte, die letzten Blüten mit dichter, kal­ter Decke überzogen. Das junge Herz versank darunter in Winterschlaf und sie hielt dies stille, schmerz­lose Ersterben für Frieden. —
Als sie an ihrem Hause ankamen, fanden sie den Wagen der Staatsrätin vor der Türe.
„Oheim,“ sagte Ernestine erschrocken und bestimmt. „Geh hinein und sieh nach, ob es gar die Frau Staatsrätin selbst ist, — wenn das wäre, bliebe ich hier draußen.“
In diesem Augenblick wurde die kleine Angelika am Parterrefenster sichtbar und rief vergnügt ihren Namen. Nun konnte Ernestine nicht anders, sie mußte hinein und da stand zu ihrem größten Schreck die ma­jestätische Gestalt der Staatsrätin vor ihr. — Sie begrüßte den sich tief verbeugenden Leuthold mit einem leichten Neigen des Kopfes und reichte Ernestinen die Hand.
„Du wolltest mich bisher nicht sehen, mein Kind, ich habe Dir wohl ohne Wissen und Wollen etwas zu Leide getan?“
Ernestine schwieg in peinlichster Verlegenheit. Wenn sie auch hätte sagen wollen, was ihr die freund­liche Frau getan — sie hätte es nicht gekonnt, denn sie wußte es ja selbst nicht; das unerfahrene Kind konnte nicht ahnen, daß es das Gefühl der Beschämung über die eigene Unzulänglichkeit einer solchen Frau gegenüber war, das ihm diese Scheu vor ihr einflößte.
Das Auge der Staatsrätin ruhte mit mitleidi­gem Ernst auf der schattenhaften Erscheinung, sie strich mit der Hand über die neugewachsenen schwar­zen Locken der Kleinen und wandte sich dann an Leuthold, während Angelika, eine große Puppe auf dem Arm, Ernestine in eine Fensternische zog.
„Ich habe Sie aufgesucht, Herr Doktor, um so schnell als möglich ein dringendes Geschäft mit Ihnen zu besprechen!“
„Gnädige Frau,“ sagte Leuthold, sich verneigend, „ich fühle mich unendlich geehrt! Darf ich Ihnen einen dieser schlechten Stühle anbieten oder würden Sie geruhen, sich mit mir in meine Gemächer hinauf zu bemühen, wo ich Sie, wenn auch nicht Ihrer wür­dig, doch würdiger, als hier, empfangen könnte?“ Die Staatsrätin blickte nach den Kindern. „Ich wünschte Sie einige Augenblicke allein zu sprechen, Herr Doktor.“
„Nun dann bitte ich die gnädige Frau, mir gü­tigst vorauszugehen.“ Damit öffnete Leuthold die Tür, um die Staatsrätin hinaufzugeleiten.
„Angelika,“ rief sie der Kleinen zu, „bleibe bei Ernestinen, bis ich wiederkomme.“
Sie stieg nun mit Leuthold die Treppen hinan und als sie, oben angekommen, sich auf das Sofa niederließ und die behagliche hübsche Einrichtung des Zimmers überblickte, die musterhafte Ordnung und Reinlichkeit, als sie auf dem Tisch vor sich eine Menge Schulhefte mit der Aufschrift: Ernestine v. Hartwich liegen sah, — da überkam sie unwillkürlich eine Art von Zutrauen zu dem feinen ernsten Mann, der sie mit so viel Anstand empfangen hatte. Sie musterte ihn mit dem Kennerblick einer erfahrenen Frau von Stand. Sein Benehmen war in der Form tadellos und seine regelmäßigen Züge trugen das Gepräge eines ungewöhnlichen Verstandes. Die Staatsrätin, wie erfahren und vorsichtig sie auch sein mochte, war doch zu sehr Weib, als daß das Ästhetische in Leutholds Erscheinung sie nicht hätte bestechen und geneigt machen sollen, Heims Urteil über ihn für zu hart zu halten. Die Staatsrätin gehörte nicht zu den Frauen, denen eine schmale Hand mit wohlgepflegten Nägeln Achtung einflößen kann, aber die sorgfältige Ordnung, die sich an Leutholds Person wie in seiner Einrichtung zeigte, tat ihrem weiblichen Auge wohl.
„Ich wundere mich über die Pünktlichkeit, welche ich hier sehe, Herr Doktor,“ begann sie, als Leuthold sich ihr gegenüber gesetzt hatte, — „da Sie doch, wie ich hörte, jetzt der ordnenden Hand einer Gattin ent­behren.“
„Ja, gnädigste Frau, ich bin leider allein, doch ist mir ein gewisser Sinn für derlei Äußerlichkeiten nur vielleicht in zu hohem Grade eigen und ich verwende deshalb mehr Sorgfalt darauf, als sich wohl für einen Mann schickt.“
„Bleibt Ihre Frau Gemahlin lange fort?“ fragte die Staatsrätin prüfend.
Über Leutholds Miene verbreitete sich ein Schat­ten. „Ich fürchte: Ja, gnädigste Frau! Die Unglück­liche besaß nicht Liebe für mich und unser Kind ge­nug, um sich den Entbehrungen zu unterwerfen, welche die Zerstörung meiner Erbansprüche an den Bruder uns auferlegte. Sie ging auf unbestimmte Zeit zu ihrem Vater zurück und da sie es über sich gewann, nun schon zwei Monate fern von unserem Töchterchen zu bleiben, so zweifle ich an ihrer Wiederkehr.“
„Das ist aber sehr traurig für Sie, Herr Docktor,“ bemerkte die Staatsrätin.
Leuthold fuhr sich mit der Hand über die Augen.
„Es ist traurig, gnädige Frau, daß ich eine so falsche Wahl treffen konnte, daß ich Jahre der Mühe und Liebe darauf verwandte, ein Wesen zu veredeln und zu bilden, das nicht bildungsfähig war. Es ist der­selbe Schmerz, der den Künstler erfaßt, wenn er zu spät sieht, daß er sich in dem Marmor vergriff, den er gestalten wollte. Er hat im Schweiße seines An­gesichts mit aller Hingebung und unsäglicher Mühe ein Gebild geschaffen und wenn er es endlich der Vollendung nahe glaubt — da legt sich unter dem Meißel plötzlich eine schwarze Ader bloß, verunstaltet das ganze Werk und er hat vergebens gearbeitet und gehofft!“
Die Staatsrätin sah ihn mit Interesse an. „Das ist ein wenig kalt — aber sehr poetisch gedacht!“
„Ein Künstler würde es nicht kalt nennen, gnä­dige Frau, denn er würde den Schmerz kennen, dem ich den meinen zu vergleichen wage.“
Die Staatsrätin nickte beifällig mit dem Kopfe. Leutholds Sprechweise gefiel ihr immer besser. Da trat Lene ein, an der einen Hand Gretchen und in der andern eine spiegelblanke hellbrennende Lampe, die sie auf den Tisch stellte.
„Ach, welch reizendes Kind!“ rief die Staatsrätin mit aufrichtiger Überraschung.
In Leutholds Gesicht ging wieder die Sonne auf, was die scharf beobachtende Frau mit Wohl­gefallen bemerkte. „Nicht wahr, meine Gnädigste — es ist ein liebes Ding?“ sagte er, förmlich triefend von geschmeichelter Eitelkeit. „Sie tun einem Vaterherzen, welches eben erst die eigene Mutter das Kind verlassen sah — gar zu wohl! Ja — es ist ein wah­res Gnadengeschenk für mich. Es hat die äußere Schönheit, welche mich einst an seiner Mutter so be­stach, aber ich hoffe, ihm auch die Schönheit der Seele anerziehen zu können, welche mich jene vermissen ließ. So wird sie mir in der Zukunft alles ersetzen, was ich verlor; so lange ich diese Tochter habe, for­dere ich nichts weiter vom Leben!“
Das edle große Herz der Staatsrätin ward durch diese Kundgebung eines schönen Gefühls voll­ständig gewonnen. „Wer so an seinem Kinde hängt, ist kein schlechter Mensch!“ dachte sie. —
Leuthold winkte Lenen, sich mit Gretchen wieder zu entfernen, und als dies geschehen war, warf die Staatsrätin wie zufällig hin: „Neben der Liebe für solch einen Engel wird aber wohl wenig Raum für die arme blasse Ernestine in Ihrem Herzen geblieben sein?“ —
Leuthold sah sie fest an. „Gnädige Frau, das kann mich eine Dame wie Sie, deren liebreiches Gemüt sich an so Vielen betätigt, nicht im Ernste fragen.“
„Sie, haben Recht,“ sagte die Staatsrätin, „ich sollte es von mir wissen, wie viele Wesen man zu­gleich im Herzen tragen kann, ohne einem um des andern willen etwas zu entziehen. Aber ich bin eine Frau, deren Beruf es ist, zu lieben; ein Mann, und noch dazu ein Denker, als welcher Sie mir geschildert wurden, beschränkt seine Neigungen auf das, was ihm zunächst steht.“
„Es ist natürlich und ich leugne es nicht, daß meine Tochter mir teurer ist, als meine Nichte, — dennoch glaube ich so viel Neigung für die letztere zu haben, als solch ein junges Wesen bedarf und als notwendig ist, um meine Pflichten als Vormund nach allen Richtungen zu erfüllen. Sie ahnen nicht, gnädige Frau, welch’ sorgsame Pflege der merkwürdige, frühreife Geist dieses Kindes braucht und welch’ schwere Verantwortung es mit sich bringt, solch ein ungewöhn­liches Naturell zu erziehen.“
„Ich glaube das und bin überzeugt, daß sie nir­gend besser aufgehoben wäre, als bei Ihnen. Aber die körperliche Pflege Ernestinens muß doch gerade jetzt, wo Sie weibliche Hilfe entbehren, eine rechte Last für Sie sein. Ich möchte Ihnen deshalb an­bieten. Ihnen späterhin Ihr Amt ein wenig zu er­leichtern. Sie wollen morgen nach dem Süden reisen und ich kann diesen Vorsatz um Ernestinchens Ge­sundheit willen nur loben. Wie ich höre, beabsichtigen Sie, in einem halben Jahre wieder zurückzukehren, um eine Anstellung hier zu suchen. Für diesen Fall wollte ich Sie bitten, mir Ihren Pflegling alljährlich auf meh­rere Wochen oder Monate zum Besuch zu überlassen, denn Sie werden auch mitunter der Ruhe bedürfen, und wünschen, einige Zeit ganz sich selbst und Ihrem Töchterchen leben zu können. Würden Sie mir diesen Anteil an Ihrem und Ernestinchens Geschick wohl gestatten?“
Leuthold verneigte sich. „Eine Frau, wie Sie, bringt jeder Zeit Segen und Freude, wohin sie kommt. Ich, meine Gnädigste, fühle mich Ihrer Teilnahme zu unwürdig, um sie auf mich zu beziehen. Deshalb darf ich Ihnen nicht in meinem Namen, sondern nur in dem meiner Nichte danken. Ich danke Ihnen aber noch in einem andern Namen, in dem der unglück­lichen, früh verblichenen Mutter des Kindes. Könnte sie aus jener Welt herübersehen und sich uns mitteilen, sie würde Ihnen besser lohnen, als meine schwachen Worte es vermögen.“ 
Der Staatsrätin traten die Tränen in die Augen, sie dachte an ihre kleine Angelika, wie es wäre, wenn sie die Mutter entbehren müßte, und in dieser weichen Stimmung versöhnte sie sich immer mehr und mehr mit dem rätselhaften Manne, dessen Benehmen und Erscheinung dem so sehr widersprach, was sie von ihm gehört.
„Also Sie billigen meinen Plan?“ fragte sie.
„Mein Wort darauf, gnädige Frau, sowie ich mit Ernestinen zurückkehre, soll sie die Ihrige sein, so lange Sie es wollen!“
„Ich danke Ihnen!“ sagte die Staatsrätin, fast erstaunt über diese schnelle Nachgiebigkeit. Es stand ihr nun fest, Heim habe, dem sonderbaren Mann Un­recht getan.
„Nachdem wir über diese Sache so schnell einig wurden,“ begann die Staatsrätin wieder, „darf ich hoffen, daß wir es auch über eine andere Angelegen­heit werden, die mich zu Ihnen führt. — Ich komme nämlich zu Ihnen, um die Hartwich’schen Besitzungen von Ihnen zu kaufen.“
Über Leutholds Gesicht flog eine leichte Röte.
„In der Tat, gnädige Frau, Sie sehen mich höchst erstaunt!“
„Sie wissen, daß mein Bruder Neuenstein schon lange wünschte, die Fabrik an sich zu bringen, aber schwere Verluste in einein andern Unternehmen mach­ten es ihm für den Augenblick unmöglich, den Preis bar zu bezahlen, wie Sie es bedingten. — Da ich sah, wie viel ihm daran lag, seinem Sohne, meinem Neffen, eine feste Lebensstellung durch den Besitz und die Leitung der Fabrik zu gründen, beschloß ich mit Zustimmung meines Johannes und seiner Vormünder das Kapital für ihn zu erlegen. So eben traf aus Paris Johannes’ Antwort auf meine Anfrage ein. Er ist vollkommen mit meinem Plane einverstanden, denn er liebt seinen Onkel und würde, wenn selbst die Ge­fahr eines Verlustes damit verknüpft wäre, denselben für ihn gerne tragen.“
„Man weiß in der Tat nicht, was man mehr bewundern soll, gnädige Frau, Ihre Entschlossenheit und Energie, oder Ihr großmütiges Herz! Wohl dem der eine solche Schwester hat!“
„Ach, bitte, schmeicheln Sie nicht,“ sagte die Staatsrätin und eine Wolke des Mißfallens zog über ihre hohe, kräftige Stirn. „Solche Dinge sind ja gar nicht der Rede wert. Ich wünsche Bruder und Neffen in meine Nähe zu fesseln, was ich nicht könnte, wenn sie genötigt würden, sich in einer andern Gegend anzukaufen; es trifft sich gerade so schön, daß ich hier meinen Landsitz habe. Was ich also tue, ist reiner Eigennutz. — Da Sie morgen früh ab­reisen, wäre es wohl das Beste, wenn wir jetzt gleich die Sache in Ordnung brächten. Ich würde meinem Bruder dann heute Abend den Verkaufskontrakt unter die Teetasse legen!“
„Eine fürstliche Art zu überraschen,“ versetzte Leuthold und eilte dienstfertig zum Schreibtisch, um das Dokument aufzusetzen. Dieser Verkauf kam ihm eben recht, denn es lag ihm alles daran, mit Ernesti­nen im Süden zu bleiben, um seine Erziehungs­methode den Blicken ihrer jetzigen Gönner zu entziehen, und durch die Entäußerung des Gutes fiel der letzte Grund weg, der ihn zwingen konnte, wieder auf den Schauplatz von Ernestinens Kindheit zurückzukehren. 
Mittlerweile saßen Angelika und Ernestine unten in der ehemaligen Plättstube am Fenster und führten ein gar ernstes Gespräch. Angelika hatte von ihrem Bruder die Schreipuppe, von der sie geglaubt, er werde sie ihr mitbringen, heute geschickt erhalten. Sie war außer sich vor Entzücken und konnte nicht begrei­fen, daß Ernestine so gleichgültig bei dem Anblicke des Wunderwerkes war. Sie hatte sie mehrmals Papa und Mama sagen und die Augen öffnen und schließen lassen — Ernestine blieb kalt. Sie fand die Aus­sprache der Worte Papa und Mama undeutlich und behauptete, die Augendeckel klappten mit zu vielem Geräusch auf und zu.
Daß sie schon eine angehende Menschenfeindin war, schmerzte Angelika nicht, denn sie bemerkte es nicht, aber sie als eine Puppenfeindin kennen zu ler­nen, das tat dem kleinen Mädchen bitter weh. „Du wirst nie Freude an einer Puppe erleben,“ schalt es, „wenn Du sie so wenig leiden kannst!“
„Was sollte ich auch wohl daran für Freude er­leben?“ spottete Ernestine bitter.
„So? Das kannst Du nicht wissen! Du denkst wohl, die armen Dinger fühlen es nicht, wenn man häßlich mit ihnen ist? Mama sagt, sie wüßten es wohl und trügen es nach, wenn sie es auch nicht zeigten!“
„Glaubst denn Du Alles, was Deine Mutter sagt?“ frug Ernestine kopfschüttelnd.
„Ei gewiß, das versteht sich. Mama spricht immer die Wahrheit.“
„Woher weißt Du das?“
Angelika sah Ernestine groß an. „Woher? Ei ich weiß es eben.“
„Ja, aber wer sagte Dir’s?“
„Niemand — ich weiß es von mir selbst.“
Ernestine blickte schweigend vor sich nieder.
„Ich weiß es von mir selbst —“ wiederholte sie in Gedanken und konnte nicht begreifen, warum das Wort sie so seltsam traf. „Wenn sie nun aber doch einmal etwas behauptet, was man nicht glauben kann?“
„Ach, was eine Mutter sagt, muß ein Kind im­mer glauben.“
„Wenn man’s nun aber nicht kann?“
„Man muß es aber können!“ schrie Angelika ganz böse.
„Man muß es können, — wie ist es möglich etwas zu glauben, weil man muß? Das steht ja doch nicht in unserm Willen,“ sagte Ernestine und dachte bei sich, Angelika sei sehr töricht; da fiel ihr aber plötzlich ein, daß der alte Pfarrer ja nicht einmal klüger sei, denn er hatte auch gesagt: man müsse glauben und wenn man’s nicht tue, so begehe man eine Sünde — und dennoch konnte sie’s nicht — wie war’s denn nun mit dem Muß?
„Ernestine, starre doch nicht so vor Dich hin,“ unterbrach Angelika ihr Brüten, „sieh nur, wie mein Püppchen sitzen kann — ganz allein, ohne Lehne! Ach, gib ihm nur einen einzigen Kuß, es ist ja Deine Namensschwester, ich taufte es Ernestine.“
„Nein, ich mag nicht, solch ein lederner Balg fühlt es nicht und ich küsse nichts, was nicht fühlt, noch lebt.“
„O Ernestine, sag’ das nicht. Sie ist nicht lebendig, aber sie könnte es doch werden. Mama er­zählte mir einmal von einem Manne in Griechenland Namens Pygmalion, der habe sich eine steinerne Puppe gemacht und sie so liebgewonnen, daß sie erwärmte und lebendig wurde. Siehst Du, da meine ich nun, wenn ich meine Puppe recht lieb hätte, dann würde sie am Ende auch lebendig und ich fühle, daß ich sie sehr, sehr lieben werde! Papa und Mama kann sie ohnehin schon sagen, — das konnte ja dem Herrn Pygmalion seine nicht einmal, und so denke ich, es vielleicht doch noch so weit mit ihr zu bringen, wie er!“ —
Und sie drückte den „ledernen Balg“ an ihr klei­nes Herz, schaute ihm zärtlich und hoffnungsvoll in die blauen Glasaugen und war unendlich zufrieden.
Ernestine sah ihr mit wehmütiger Verwunderung, zu, jetzt erst ward ihr das schöne Wort verständlich: „Der Glaube macht selig!“ und sie beneidete das Kind um seine Seligkeit.
„Würdest Du nicht lieber ein Hündchen oder Kätzchen haben?“ fragte sie milde, „das lebt, ißt und trinkt doch und man kann es füttern, es versteht, was man mit ihm spricht, läuft einem nach und ist anhänglich — wäre das nicht hübscher?“
Über Angelikas rosiges Gesichtchen zog, wie ein Sonnenwölkchen, ein kleiner, ganz kleiner Kummer. „Ach!“ seufzte sie, „ein Hündchen haben wir, aber ich kann es nicht füttern — es ißt und trinkt nicht!“
„Warum nicht, ist es krank?“
„Nein, es ist ausgestopft!“
Ernestine konnte sich eines Lächelns nicht er­wehren, „dann habt Ihr ja doch keinen Hund.“
„Freilich, es ist ja unser Assor! Er ist nur ge­storben und Mama ließ ihn ausstopfen. Nun liegt er immer still am Ofen und rührt sich nicht, und Mama sagt, er würde nicht wieder lebendig. Ach, Ernestine, es ist so traurig,— wenn ich ihn streichle, leckt er mich nicht mehr! Ich rufe ihn wohl hundert­mal bei Namen und meine, er müsse den guten schwarzen Kopf nach mir umdrehen, aber er tut es nicht, er sieht und hört mich nicht mehr — und er hat mich doch so lieb gehabt.“ 
Die Kleine zog ihr Tuch aus dem Täschchen und fing an zu weinen.
Ernestine suchte sie zu beruhigen. „Deine Mut­ter hätte den Hund begraben lassen sollen, — Du hättest ihn dann vergessen und müßtest Dich nicht um ihn grämen.“
„Nein, o nein, das hätte ich durchaus nicht ge­mocht. In die kalte Erde stecken, das treue alte Tier?! Das verdiente er nicht — er war so brav, er ging uns nie von der Seite und als er schon fast nicht mehr laufen konnte, kroch er aus seinem Körbchen, um uns zu begrüßen, wenn wir in die Stube kamen. Und als er auf meinem Schoße starb, da schaute er mich so traurig an, als wollte er sagen: nun muß ich fort von Euch, — und ich sollte ihn verscharren und vergessen wollen? Das wäre ja abscheulich! Nein, nein bei uns am Ofen soll er liegen, da hat er es doch besser als unter dem Boden und ich will immer daran denken, wie gut er war. — Und weißt Du, wenn Mama einmal stirbt, darf sie auch nicht begra­ben werden, — dann ziehe ich ihr ein Nachtjäckchen an und lege sie in ihr weiches Bett, darin mag sie bleiben. Dann denke ich mir, sie sei krank, setze mich alle Tage zu ihr, erzähle ihr was, und wenn sie mir auch nicht antwortet, ich weiß doch, was sie mir sagen würde, wenn sie sprechen könnte. Und wenn sie mich auch nicht mehr küssen kann, so will ich sie desto zärtlicher küssen. Nicht wahr, das ist doch besser, als wenn mir gar nichts mehr von ihr übrig bliebe?“
Ernestine schüttelte den Kopf. „Das geht nicht, Angelika, Leichen kann man nicht aufbewahren, sie verwesen ja! Was denkst Du nur?“
„Ach! Du sagst bei Allem, das geht nicht, das ist nichts — und verdirbst Einem die Freude. Weißt Du, daß das gar nicht hübsch von Dir ist?“ 
Ernestine fühlte sich beschämt. Sie hatte fast an Angelika gehandelt, wie Leuthold an ihr. Das Kind empfand es schon schmerzlich, daß sie seine Puppen herabsetzte und seine kindischen Hoffnungen nicht teilte — und sie sollte nicht zucken, als ihr der Oheim die Hoffnungen des ganzen Daseins aus dem Herzen riß und ihr das Höchste, das Heiligste in den Staub zog? Sie lehnte die gedankenschwere Stirn an die Scheiben und schaute den grauen jagenden Wolken nach, durch die kein Stern, kein Mondesschimmer drang. Es war dunkel im Zimmer geworden, ohne daß es die Kinder bemerkt hatten und Rieke erschrecke sie fast, als sie plötzlich eintrat und Licht brachte.
„Kommt denn die Mama noch nicht bald?“ fragte Angelika mit einem tiefen Seufzer, „sagen Sie ihr doch, ich möchte nach Hause.“
„Ich werd’s bestellen!“ erwiderte Rieke und ging hinaus.
„Du hast es satt bei mir?“ flüsterte Ernestine schmerzlich vor sich hin: „nicht wahr, Du kannst mich auch nicht leiden?“
Angelika schwieg verlegen. Über Ernestinens Gesicht flog ein Zug tiefster Bitterkeit. „Nun, ’s ist echt — dann brauche ich Dich auch nicht gern zu haben. Der Oheim würde doch nur schelten, wenn ich’s täte!“
„Was, warum denn?“ fragte Angelika verwundert.
„Weil es dumm ist, etwas Anderes zu lieben als die Wissenschaft — und weil mich doch Niemand mag — Niemand!“
Während sie so sprach, fuhr ein Wagen an und heraus stieg der alte Heim. Ernestine erschrak, sie hatte ein Gefühl, wie wenn der Pfarrer käme, den sie heute gemieden. Die Tür ging auf und er trat ein. 
„Nun, da seid Ihr Beiden?“ rief er in seiner biederen Art. „Ich wollte Dir noch Lebewohl sagen, Ernestinchen, ehe Du auf so lange fortgehst. — Aber warum steht Ihr so verlegen da? Habt Ihr Euch um die Puppe gezankt? Ei was für eine Staatsmamsell!“ er nahm die Puppe, setzte sich mit ihr auf einen Stuhl und ließ sie auf seinen Knieen reiten, wodurch sich der Mechanismus in Bewegung setzte und die Puppe laut Mama schrie. „Ach, Herr Jesus, wie bin ich erschrocken,“ lachte der alte Herr. „Das ist aber ein unartiges Kind — Du mußt es besser ziehen, Angelika, daß es fremde Leute nicht gleich so anschreit.“ 
Angelika klatschte in die Hände vor Freude. „O, ich wußte es wohl, Onkel Heim, daß sie Dir gefallen würde, — Du wirst sie lieb haben, wie alle meine Puppen, nicht wahr?“
„Das versteht sich, sie ist wirklich ein ausgezeichnetes Frauenzimmer und verdient, daß ich ihr näch­stens eine Zuckertüte mitbringe.“
„Ach ja, Onkel, ach ja!“ jubelte Angelika.
„Aber Du sorgst mir dafür, daß sie nicht zu viel ißt, sonst muß sie ins Bett wie Deine alte Selma und Onkel Heim soll wieder den Puppen-Doktor machen.“
„Nein, nein, Onkel, ich will schon selbst mitessen, bringe nur bald die Tüte, nicht wahr?“
Heim hatte mittlerweile sein Auge beobachtend zu Ernestine hinüberschweifen lassen, die stumm zur Seite stand. 
„Nun? was sagt denn unsere Ernestine zu dem Weltwunder?“
„Ach Onkel,“ klagte Angelika, „sie hat sie einen ledernen Balg geschimpft.“
Heim sah Ernestine nachdenkend an: „So jung und schon so skeptisch? Kaum zehn Jahre alt und schon keine Freude an Puppen mehr? Armes Kind!“
Ernestine schwieg. Die Worte „armes Kind“ fielen wie heißes Blei in eine offene Wunde. Heim gab Angelika die Puppe zurück: „Komm her, Ernestinchen.“
Sie näherte sich ihm scheu und langsam.
„Was ist denn mit Dir vorgegangen? Siehst Du doch aus, als hättest Du ein böses Gewissen?“
„Das hat sie auch, Onkel Heim,“ unterbrach ihn Angelika, „denn sie sagte vorhin, es sei dumm, Je­manden lieb zu haben, und das ist doch gewiß sehr unrecht von ihr!“
„Das hast Du gesagst?“ fragte Heim im höch­sten Erstaunen.
 Ernestine glaubte in die Erde zu sinken, sie fal­tete bittend die Hände: „Ach verzeihen Sie mir, bald ist mir’s so, bald anders — ich weiß ja gar nicht mehr, was ich tue und was ich rede, ich weiß nur, daß ich ein elendes, elendes Ding bin!“
Heim schüttelte den Kopf und zog das zitternde Kind zu sich hin: „Herzchen, vertraue mir’s an — ist Dein Oheim hart gegen Dich, mißhandelt er Dich? Sprich!“
„Nein, o nein — er ist ja gut — er tut mir nie etwas zu Leide, er gibt mir kein böses Wort — das ist’s nicht, das nicht!“
„Ich verstehe. Du fühlst trotzdem, daß er Dir ferne steht — Du entbehrst eben immer die Eltern und brauchst Licht und Wärme, Du arme, verkümmerte Pflanze. Na warte nur! Wenn Du in den schönen sonnigen Süden kommst mit seiner Farbenpracht und Lebensfülle, da wird Dir wohler sein und das Herz wird Dir aufgehen. Gerne hätte ich Dich bei mir behalten, hätte Dich treu und liebevoll erzogen und Dir den Vater ersetzt, aber es durfte nicht sein — Gott wird es ja wohl wissen, warum —und so seh ich Dich wenigstens mit den besten Hoffnun­gen für Dein körperliches und geistiges Gedeihen in jene milden, freundlichen Gegenden ziehen.“
Ernestinen war es, als schmölzen ihr diese väter­lichen Worte das Herz. Sie preßte Heims Hände an die Lippen, sie wollte ihm Alles gestehen. „O sprechen Sie nicht so zu mir!“ — rief sie mit überströmendem Gefühl, „nicht so gütig, ich verdiene es nicht!“
„Armes schuldloses Kind, was solltest Du ver­brochen haben, daß Du kein Wohlwollen mehr ver­dientest? Ernestinchen, raffe Dich auf, was wandelt Dich nur so plötzlich an?“
„Ach, wenn Sie wüßten —“ rief Ernestine — da ging die Tür auf und zur rechten Zeit erschien Leuthold, um zu verhindern, was alle seine Pläne zerstört haben würde.
„Herr Geheimerat — ich irrte mich also doch nicht — der Wagen, der anfuhr, war der Ihre. Die Frau Staatsrätin ist in Geschäften bei mir und wünscht Ihre Anwesenheit bei Unterzeichnung eines Vertrages.“ —
„Schön, ich komme,“ sagte Heim kurz und ging mit Leuthold hinaus.
„Nun fährt Onkel Heim mit uns nach Hause!“ jubelte Angelika. „Nicht wahr, Ernestine — er ist gut?“
„Ja, ach ja!“ hauchte Ernestine wie träumend vor sich hin und blieb lange regungslos neben dem Stuhle stehen, auf dem Heim gesessen hatte. Da trat er endlich mit Leuthold und der Staatsrätin wieder ein.
„Angelika!“ sagte die Letztere, „wir müssen eilen, daß Onkel Neuenstein nicht mit dem Tee wartet. Lebe wohl, Ernestinchen, Herr Gleißert wird Dir sagen, was wir nach Deiner Rückkehr mit Dir vorha­ben. Erhole Dich recht, mein gutes Kind, daß Du uns froh und gesund wieder kommst.“
Angelika küßte Ernestine rasch und zog ihre Mutter zur Türe.
Ernestine stand schweigend mit niedergeschlagenen Augen. Da kam Heim auf sie zu und schloß sie in die Arme. Er sagte nichts als: „Gott segne Dich!“ aber dies Wort erschütterte sie im Tiefsten und als er sich zum Gehen wandte, sank sie laut schluchzend nieder.
Die Fremden waren fort, die Wagen von dannen gerollt. Leuthold, der sie geleitet hatte, scherzte längst auf seinem Zimmer mit Gretchen und noch lag Ernestine in dem öden Gemach auf den Knien und weinte über dem Grabe ihrer Kindheit.

Ende des ersten Bandes.
Arzt der Seele
Wilhelmine von Hillern

Zweiter Teil
Erstes Kapitel
„Nur ein Weib.“
An einem heitern, sonnigen Morgen versammelte sich bei Professor Möllner in N*** eine Gesell­schaft, bestehend aus den Hauptvertretern der dortigen medizinischen und philosophischen Fakultät. Vor den Gästen stand ein Tisch bereit, gedeckt mit Allem, was das Herz eines Menschen, der morgens ein paar Stunden Kolleg gelesen hat, erfreuen kann. Das Früh­stück war jedoch nicht der einzige Zweck des Beisam­menseins der gelehrten Herren, sie wollten bei dieser Gelegenheit eine höchst spaßhafte Geschichte besprechen, nämlich das Gesuch einer Dame, die Vorlesungen an der dortigen Universität zu hören und zu promovieren.
Möllner hatte die Herren behufs dieser kleinen Beratung zu sich eingeladen. Der Physiker Meibert, der Anatom Berk und die Philosophen Her­bert und Taun dehnten sich schon in bequemen Lehnstühlen und betrachteten mit trockenem Gaumen die unentkorkten Flaschen, die so still und steif dastanden, als wären sie von unsichtbarer Hand hierher gebannt und es bedürfe eines besonderen Zauberspruchs, den Keiner kannte, um ihres Inhaltes habhaft zu werden. Auch Hektor, der große Hund Möllners, richtete in ehrerbietiger Entfernung seine braunen ehrlichen Augen sehnsüchtig nach den Leckerbissen des Tisches und begriff nicht, wie die Herren so lange davor sitzen konnten, ohne zuzugreifen; wäre er ein Mensch gewesen, er hätte es sicher anders gemacht.
Da trat mit ihrer würdigen Ruhe und Freundlichkeit die Staatsrätin ein und begrüßte die aufspringenden Gäste mit leichtem Neigen des Kopfes. — „Soeben erfahre ich erst, daß mein Sohn noch nicht da ist, die Herren zu empfangen,“ sagte sie, „erlauben Sie mir daher, Sie einstweilen zu bewirten, Sie werden nach dem Lesen einer Erquickung bedürfen.“
„O, zu gütig, bitte recht sehr,“ erscholl es von den dürstenden Lippen, während die Staatsrätin die Gläser voll goß. Herbert, der Philosoph, nahm für die Andern das Wort, denn er war ein Liebling der Salons und der Damen und vereinte gern den Ernst des Gelehrten mit der Liebenswürdigkeit des anerkann­ten Weltmannes: „Wir schätzen uns glücklich,“ sagte er, „die Hand küssen zu dürfen, deren mildtätiges Walten wir schon in der köstlichen Anordnung dieses Frühstücks bewunderten!“ 
„Professor Herbert ist immer galant, das kennt man schon,“ sagte die Staatsrätin trocken.
„Ich bestrebe mich stets“, erwiderte er, „den Gefühlen der Hochachtung, welche ich für die Damen hege, den genügenden Ausdruck zu geben, was mir indessen leider nur selten gelingt.“
„Guten Tag, Mama, guten Morgen, meine Herren,“ erklang eine glockenhelle Stimme unter der Tür und herein flog eine Gestalt, so rosig und maienhaft, daß ihr Glanz auf allen Gesichtern wiederstrahlte.
 „Angelika“, sagte die Staatsrätin, sie umar­mend, „kommst Du ohne Deinen Mann? Was willst Du denn? Du warst ja nicht geladen, sondern er! Das ist wohl eine Verwechslung?“
„O Frau Staatsrätin, wir sind ganz mit dem Tausche zufrieden,“ lachten die Professoren und dräng­ten sich, Herbert voran, um Angelika, den Frühlingshauch, der von ihrem Wesen ausging, mit Behagen einschlürfend.
„Ich weiß wohl, Mama, daß Ihr nur Moritz einludet, aber ich komme doch. Ich möchte so gerne hören, was über meine einstmalige Jugendfreundin in diesem hohen Rate verhängt wird. Nicht wahr, ich darf bleiben?“
„Wenn es Dein Mann erlaubt und die Herren nichts dawider haben,“ sagte die Staatsrätin.
„Nein, o nein, wir haben nichts dagegen,“ rie­fen die Herren mit Ausnahme Herberts, der mit et­was bedenklicher Miene lispelte, er fürchte nur, die Frau Kollega könnte manches für ihr Geschlecht nicht Schmeichelhafte in dieser Beratung zu hören bekommen.
„O, von Ihnen, dem anerkannten Damenfreund, dem galantesten Manne der Stadt, fürchte ich das nicht,“ lachte Angelika, „und die anderen Herren wer­den es wohl auch nicht zu schlimm machen.“
Herbert zuckte verlegen die Achseln. 
„Und übrigens“, fuhr Angelika munter fort, „bin ich durch meinen gestrengen Eheherrn schon ein wenig abgehärtet, denn er hat gar keinen Respekt vor unserem Geschlecht.“
„Das ist einem Arzte seines Faches gerade nicht zu verdenken,“ murmelte Herbert den Kollegen zu, dann aber wandte er sich mit seiner süßesten Miene zu Angelika: „Sollten Sie ihn nicht schon längst eines Besseren belehrt haben?“
„Ach nein,“ klagte Angelika.
„Seine Frau nennt er eine Ausnahme“ — schal­tete die Staatsrätin ein, „es ist, als habe sie in ihm keinen Raum zur Teilnahme für die übrige Frauenwelt gelassen. Solch ein Mann, so aus­schließlich in seiner Liebe, ist mir noch nie vorge­kommen!“ 
„Eine Frau, wie Sie, verdient das aber auch,“ beteuerte Herbert, Angelika die Hand küssend.
In dem Augenblicke ging die Tür auf und her­ein trat, die hohe Stirn nur spärlich von silberweißem Haare bedeckt, der alte Heim. — Alle verneig­ten sich ehrerbietig vor diesem „Nestor der Wissen­schaft“, wie man ihn nannte. Er hatte nach dem Tode seines Königs einen Ruf nach N*** angenom­men und bekleidete schon seit zehn Jahren den dorti­gen Lehrstuhl der Pathologie. — Hinter ihm trat sein Pflegesohn Hilsborn ein, dem er die Professur der Augenheilkunde verschafft hatte, ein hübscher, blonder, junger Mann von schlankem Wuchs und sanftem Benehmen, dessen Hände so schmal und fein waren, als seien sie von der Natur nur dazu bestimmt, mit einem so zarten Gegenstande, wie das Auge, umzugehen. Die Staatsrätin und Angelika begrüßten die Beiden mit der alten Herzlichkeit, und Professor Herbert rief mit Emphase: „Wie frisch und rüstig unser verehrter Kollege aussieht, bei ihm kann man lernen, sich jung zu erhalten!“
„Ja, wahrhaftig“, sagte Meibert, „wenn Bock ihn sähe, er nähme sicher sein grausames Wort, daß der Mensch nur bis zum fünfzigsten Jahre im Vollbesitze seiner geistigen Kräfte sei, zurück!“
„Das wird er ohnehin tun, wenn er selbst einmal über die Fünfzig hinaus ist,“ erscholl eine tiefe, volle Männerstimme. Die Anwesenden wendeten sich rasch zu dem Eintretenden: „Ah, Möllner, hast Du uns belauscht?“
„Nein, ich hörte nur unter der Tür, daß Ihr Euch Schmeicheleien sagt, als säßet Ihr bei der Teetasse und nicht bei einem kräftigen Glase Wein. Was hat Euch denn so sentimental gestimmt?“
„Dein langes Ausbleiben wahrscheinlich,“ meinte Angelika und nahm dem Bruder Hut und Stock ab. Der schöne, stolze Mann sah freundlich auf sie nieder. „Ja so — ich bitte um Entschuldigung. Es war mir im Praktikum ein Versuch verunglückt, den ich wiederholen mußte. Daher die Verspätung!“
„Da hast Du gewiß wieder einen Hund oder ein Kaninchen gequält?“ fragte Angelika bekümmert, „solch ein armes Tier!“13
„Schäme Dich, Angelika“, sprach Möllner ernst. „Bist die Schwester eines Physiologen, kennst die Zwecke unserer Wissenschaft und klagst noch um ein geopfertes Tier!“
Angelika schwieg, denn sie sah mit Wohlgefallen, wie zärtlich Johannes den Hektor streichelte, der seinen Herrn aufmerksam beschnüffelte, als ob er ahnte, daß dieser das Blut eines Gefährten vergossen.
Die Tür wurde ungestüm aufgerissen uud herein stürzte in großer Eile Angelikas Gatte, der Professor Moritz Kern, Direktor der Klinik und praktizierender Arzt. Er war eine nicht große, aber muskulöse Gestalt, mit blitzenden schwarzen Augen, einem scharf gezeichneten Profil und kurz geschorenen, gerade aufstehenden Haaren. „Morgen, Morgen,“ rief er ganz außer Atem und seelenvergnügt, während er Hut und Handschuhe auf den Tisch und sich selbst in einen Stuhl warf. „Verzeihung, daß ich so spät — süßes Weibchen — Hand — Kuß — mich noch lieb? Ja? Seit heute früh nicht gesehen, — hast Walter mit — nein? War er brav?“
„Ja freilich,“ sagte Angelika und hing am Halse des ungestümen Gatten wie eine Rose am Dornen­zweig, „er fiel nur einmal vom Schaukelpferd herun­ter und schlug sich eine Beule.“
„So, das ist gut, das härtet ab,“ sagte der Gatte lächelnd. Er versenkte seine lebensprühenden Blicke in die blauen Augen Angelikas und das Feuer dieser Blicke mußte sie noch immer tief in das Herz hineinbrennen, denn es jagte ihr die helle Glut in die Stirne und sie senkte die Lider wie eine Braut am Verlobungstage.
„Nun, Moritz, liebäugle ein ander Mal mit Dei­ner Frau,“ unterbrach Johannes das stumme Zwie­gespräch der Beiden, „es ist schon spät, wir müssen zur Sache kommen— warum bliebst Du auch so lange aus.“
„Ja, lieber Freund, dafür konnte ich nicht, ich habe ein Mädchen in der Klinik, das mir furchtbar zu schaffen macht: Alter Herzklappenfehler, akute Ent­zündung, Blutpropf in der linken Fußarterie: Brand! Das Bein muß noch heute herunter.“
„Embolie“, sagte Heim wohlgefällig, „das ist ein schöner Fall.“
„Freilich, freilich,“ bestätigte Moritz und rieb sich vergnügt die Hände.
„Gott bewahre mich, was seid Ihr für Barbaren, das nennt Ihr einen schönen Fall!“ sagte Angelika entsetzt.
„Engel, wenn Du hier dem Rate rauher Män­ner beiwohnen willst, mußt Du nicht über einen so harmlosen terminus technicus erschrecken,“ rief der Gatte, sich an Angelikas lieblicher Entrüstung weidend.
„Ja, ich habe sie auch gescholten“, sagte Möllner, „weil sie sich’s nicht abgewöhnen kann, um die Hunde und Kaninchen zu jammern, an denen ich operiere!“
„Du tatest Unrecht, sie darum zu tadeln, es freut mich, daß sie mitleidig ist. Weine Du nur um die geplagten Hündchen, mein Kind, meinetwegen auch um die armen Frösche, die noch viel mehr erdulden müssen. Was geht es Dich an, wozu das gut ist! Ich will nicht, daß Du nach der Gelehrsamkeit Deines Bruders oder Gatten schmeckst, wie das Wasser, das man aus einem ungespülten Weinglase trinkt, nach Wein. Du bist mir so, wie Du bist — gerade recht und anders will ich Dich nicht.“ Er schlang seinen Arm wie eine eiserne Klammer um Angelika und schmiegte seinen borstigen Kopf an sie.
„Ums Himmelswillen — Mama, schaffe mir Angelika hinaus,“ rief Johannes lachend, „wenn der Mensch seine Frau bei sich hat, ist nichts Vernünfti­ges mit ihm zu sprechen.“
„Hier bleibt sie!“ sagte Moritz bestimmt. „Was ist denn überhaupt so Wichtiges zu beraten, die Hart­wich will bei uns hören,— nun, wer wird mit solch einer Närrin viel Umstände machen — gebt ihr keine Antwort, und damit fertig!“
„Gemach, gemach, junger Kollege,“ rief der alte Heim sehr ernst, während Moritz, Angelika bei der Hand haltend, ein Glas Wein schlürfte. „Lesen Sie erst einmal diese Schrift durch, die das Mädchen heute an mich schickte, und die, ich will’s nur ausplaudern, Möllner so fesselte, als ich sie ihm nach dem Kolleg gab, daß sie sein langes Ausbleiben verschuldete. Das Praktikum war längst zu Ende, als wir uns hier versammelten!“
Ein leichtes Rot überflog Johannes Gesicht und er reichte Moritz die Schrift. Dieser las den Titel: „Die Reflexbewegung in ihrem Verhältnis; zur sittli­chen Freiheit!“14 „Donnerwetter, das ist ein guter Einfall, wenn sie ihn selbst gehabt hat!“ —
„Das hat sie — dafür verbürge ich mich!“ rief Heim mit Wärme.
„Das ist philosophisch und physiologisch gleich interessant,“ sagte der Philosoph Taun zu Herbert, welcher frostig die Achseln zuckte.
„Laßt sehen, ob der Inhalt dem Titel entspricht,“ brummte Moritz und blätterte in dem Manuskript.
„Lesen Sie den Herren Einiges daraus vor,“ sagte Heim, und Moritz schlug die nächste beste Stelle auf und las: „Meiner Ansicht nach besteht der Man­gel an äußerer Selbstbeherrschung in einer zu schwa­chen Tätigkeit der Hemmungsnerven gegenüber der Tätigkeit der Bewegungsnerven, denn das Bestreben, sich selbst zu beherrschen, ist gewissermaßen ein Wettkampf der Hemmungs- und der Bewegungsfasern um die Herrschaft. Ist der Reiz, der auf die letzteren geübt wird, stärker als der Willensimpuls, der die ersteren in Bewegung setzt, dann vollzieht sich die Reflexbewegung trotz des sogenannten „besten Willens“ — sei diese nun ein Zusammenschrecken, ein Gähnen, ein Lachen oder Weinen zur unpassenden Gelegenheit, ein Schrei, ein Zucken des Zornes oder gar ein Schlag gegen den Gegenstand, von dem der Reiz zum Zorn ausging.“
Moritz unterbrach sich lächelnd: „Sie hat den Kuß vergessen, der auch unter Umständen nur eine Reflexbewegung ist: nämlich, wenn man nicht küssen will, nicht küssen sollte und doch nicht anders kann,“ damit zog er Angelikas Kopf zu sich nieder und küßte sie so ungestüm, daß sie ihr Gesichtchen wie in Purpur getaucht wieder erhob und in lieblicher Beschämung zu ihrer Mutter eilte, welche mit einer Arbeit still am Fenster saß. Die Herren lachten und Moritz sah ihr nach mit einem Blick voll Mutwillen und flammender Zärtlichkeit.
„Es ist übrigens sonderbar, daß die Hartwich, während sie die Reflexe des Schreckens: das Zusam­menfahren, des Schmerzes: das Weinen, der Lange­weile: das Gähnen, des Zornes: das Schlagen u.s.w. nennt — nicht auf den Gedanken kommt, daß es auch Reflexbewegungen der Zärtlichkeit gibt!“ bemerkte der junge Hilsborn.
„Nun“, meinte Moritz lachend, „sie wird wohl keine Gelegenheit gehabt haben, Beobachtungen darüber anzustellen; sie wird, wie alle Blaustrümpfe, so häßlich sein, daß ihr noch Niemand Zärtlichkeiten erwies.“
„Häßlich ist sie nicht,“ fuhr Johannes heftig auf. „Das ist recht voreilig gesprochen, die Hartwich könnte Anbeter genug haben, wenn sie wollte.“
Moritz drehte sich rasch nach Johannes um, dem er halb den Rücken gekehrt hatte und starrte ihn an, als ginge ihm ein besonderes Licht auf. „Was Teufel, Johannes, Du kennst sie? Ah so — nun ist mir das Interesse klar, das Du an ihr nimmst. Na, da kannst Du ihr ja zu den versäumten Studien verhelfen.“
„Das wird gewiß ein höchst interessantes Kolleg, bei dem ich auch zuhören möchte!“ schaltete Herbert ein.
„Spottet nur,“ sagte Johannes ruhig — „mich mögt ihr verhöhnen, so viel Ihr wollt, die Hartwich aber laßt aus dem Bereich Eurer Scherze, hörst Du Moritz? Und Sie auch, Kollege Herbert — Sie können sich’s auch merken! Die Person des Mädchens gehört nicht hierher, sie geht uns nichts an — wir haben es hier nur mit ihren Fähigkeiten zu tun und zu erörtern, ob wir auf ihr Gesuch eingehen oder nicht. Lies weiter, Moritz!“
Dieser fuhr fort: „Selbst die Justiz hat, ohne es zu wissen, diese physiologische Tatsache berück­sichtigt, denn sie bestraft eine Tötung im Affekt minder schwer als einen vorbedachten Mord. Was aber ist diese sogenannte Tötung im Affekt anderes als eine Reflexbewegung im weiteren Sinne? Somit wäre denn durch diese Theorie mancher arme Sünder nicht nur vom Henkerstode, sondern auch aus dem Fegefeuer erlöst, in welchem ihn beschränkte Moralisten brennen lassen, und wir haben nun nur zu erörtern, in welchem Verhältnis die sittliche Freiheit zu diesen Tatsachen steht. Alles was wir tun können, um die Selbstbeherrschung, welche den Keim aller andern größeren Tugenden birgt, zu erlangen, ist, daß wir so viel als möglich von Kleinem auf unsere Hemmungsnerven in der Verrichtung ihrer Funktionen üben. Es ist eine unbezweifelte Tatsache, daß die Seele von Beginn des Lebens an erst lernen muß, sich der Organe des Körpers als ihrer Werkzeuge zu bedienen. Ein Werkzeug, das wir selten führen, verstehen wir nicht so vollkommen zu gebrauchen, wie eines, das wir zu handhaben gewöhnt sind. Ebenso ist es mit der Seele und den Nerven. Jede Nerventätigkeit, welche unmittelbar durch die Seele veranlaßt wird, verstärkt sich durch Gewohnheit. Bei dem Blinden zum Beispiel verfeinert sich der Tastsinn, weil er auf diesen als das einzige Organ angewiesen ist, welches ihm das Auge ersetzt. Durch fortwährende Übung der Empfindungsnerven seiner Fingerspitzen erlangt er die höchste Fertigkeit im Unterscheiden seiner Tast­empfindungen. — „Übung macht den Meister“, hört man in Künsten und Handwerken sagen, deren Technik schwer zu erlernen ist. Was ist diese Übung aber anders als die Gewöhnung der Seele, diesen oder jenen Nerv in Tätigkeit zu setzen, welcher die er­forderliche Muskelbewegung hervorbringen soll: also Übung bestimmter Nervenfasern? Sollten nun die Hemmungsnerven hievon allein eine Ausnahme bil­den? Gewiß nicht. Auch sie kann die Seele ihrem Willen vollkommen dienstbar machen, wenn sie keine Gelegenheit versäumt, sie zu üben, und warum sollte sie hierauf nicht denselben Eifer verwenden, wie auf die Erreichung jeder andern zur Ausübung einer Kunst nötigen Fertigkeit? Ich hatte z. B. die Schwäche, wenn ich einen Schuß hörte, aufzuschreien. Ich gab den Befehl, täglich, ohne mich vorher davon zu benachrichtigen, eine Pistole in meiner Nähe abzufeuern. Es geschah und in kurzer Zeit vermochte ich den Schrei zu unterdrücken. Man könnte sagen, ich hätte mich allmälig gegen das Geräusch abgestumpft und sei nicht mehr erschrocken. Doch dies war nicht der Fall. Ich erschrak nach wie vor, aber ich hatte die betreffenden Hemmungsnerven daran gewöhnt, den Reflex auf den Kehlkopf zu rechter Zeit abzuschneiden. — Ich weiß wohl, daß eine subjektive Wahrnehmung, wie diese, kein objektiver Beweis ist, aber ich denke, eine so einfache Folgerung bedarf auch keines solchen. Hier sind wir nun wieder an der Grenzlinie, wo wir von dem physiologischen Gebiet auf das psychologische kommen, wo die sittliche Freiheit gleichsam aus dem materiellen Gesetz hervorgeht, wie der Duft dem Blütenkelche entströmt. Wissen wir einmal, daß unsere Nerven nichts sind als eine Klaviatur, deren Tasten wir nur richtig anzuschlagen brauchen, um einen harmonischen Akkord unseres Wesens zu erzielen, — und wir lernen nicht, es zu tun, so sind wir beklagenswert oder verächtlich, je nachdem die Schule war, in der wir es hätten erlernen können!“
„Und so weiter,“ sagte Moritz umblätternd, „das Übrige kann man sich denken. Hier kommt nun noch eine spezielle Abhandlung über die motorischen Ner­ven — die scheint nicht übel zu sein, auch eine sehr ausgedehnte Betrachtung über Nervenreizung — na — ich denke aber, wir haben unsere Schuldigkeit getan und genug von dem Zeuge gelesen. Was ist also nun zu beschließen? Wollen wir die Posse aufführen und einen Studenten im Unterrock auf der Hörbank und am Seziertische dulden?“
„Warum nicht?“ sagte der Philosoph Taun mit Humor: „Wir promovieren ja so viele dumme Jungen — warum nicht auch einmal eine Frau?!“
„Lieber Kollege“, begann der alte Heim, „ich glaube, wir haben nicht viele begabtere Schüler gehabt als diese Hartwich. Und ist eine talentvolle Frau nicht immer besser, als ein talentloser Mann?“
„Das dürfte sich fragen,“ bemerkte Herbert und richtete seine grünen Augen stechend auf Heims ehr­liches Gesicht: „Ich glaube, daß die talentierteste Frau doch nicht zu Stande bringt, was der unbegabteste Mann durch Fleiß und Ausdauer erreicht. Was kann sie uns und der Wissenschaft sein? Höchstens eine Arbeitskraft — denn Produktionskraft besitzt keine Frau! Aber auch die weibliche Arbeitskraft ist so schwach, daß es sich nicht lohnt, um sie zu gewinnen, eine Lächerlichkeit zu begehen.“
„Eine Lächerlichkeit?“ fragte Heim.
„Ja — so würde ich es nennen, wenn wir eine Dame unter unsere Zuhörer aufnähmen, — wenn wir die Wissenschaft zu einer Puppe für eitle Närrinnen herabwürdigten, damit wir zuletzt in jedem Damen­kaffee einen Areopag15 errichtet fänden, vor dem wir unser gehorsamstes Kompliment machen dürften. — Das fehlte nur. Wir haben unter uns selbst schon der Konkurrenz genug — wir brauchen sie nicht noch durch Beiziehung des andern Geschlechtes zu erhöhen.“ 
„Das klingt sonderbar,“ sagte der alte Heim, „sieht es doch beinahe aus, als fürchteten Sie eine Konkurrenz, die Sie doch so tief verachten, lieber Kollege. Warum überhaupt von Konkurrenz sprechen in der Wissenschaft? Überlassen Sie dies engherzige Wort der Industrie, die auf einem wirklichen begrenz­ten Boden steht. In ein so abstraktes und unendliches Gebiet, wie die Wissenschaft, sollte der persönliche Neid und Hochmut nicht hinüber spielen. Machen wir uns Konkurrenz, wenn wir im Schweiße unseres Angesichtes für eine Sache arbeiten, die der ganzen Welt zu Gute kommt? Wahrlich, wer einen anderen Lohn fordert als den, welchen die Erkenntnis in sich selbst birgt — der ist kein Priester der Wissenschaft! Der echte Gelehrte ist nur für die Wissenschaft da, nicht sie für ihn; er freut sich jeden Fortschrittes, sei er bewirkt, durch wen er wolle, denn die Ehre der Sache, der er dient, ist auch seine Ehre, und wir dürfen mit Recht sagen, wir arbeiten „Einer für Alle und Alle für Einen.“ — Wenn sich daher ein paar Hände bieten, die unsere Mühe teilen wollen — so sollen wir sie nicht zurückweisen, weil es ein paar zarte weiche Frauenhände sind, sondern wir sollen sie freundlich auf­nehmen und ihnen ein bescheidenes Plätzchen anweisen, wo sie so viel fördern helfen, als in ihren Kräften steht!“ 
„Ach was“ — rief Moritz, „solche Hände sollen etwas für uns tun, was wir nicht selbst können, z. B. Strümpfe stricken, das nützt uns mehr, als wenn sie uns bei etwas helfen wollen, was wir ohne­hin zu Stande bringen.“
„Lieber junger Freund“, sagte Heim lächelnd, „der Bau der Wissenschaft ist groß, sehr groß — und ich denke, weder wir, noch unsere Nachkommen werden ihn vollenden, wie Viele ihrer auch seien!“
„Ich glaube, meine Herren“, sagte der Philosoph Taun in seiner milden vergeistigten Redeweise, „es gibt hier nur zwei Gesichtspunkte, über die wir uns zu einigen haben. Entweder wir machen unsere Ent­scheidung von dem Leistungsvermögen der Dame abhängig, dann haben wir vor allen Dingen die vor­liegende Schrift gewissenhaft zu prüfen; oder wir stellen das Prinzip auf, ein für allemal keine Frau an unserer Universität zu promovieren — dann kommt die Fähigkeit oder Unfähigkeit derselben gar nicht in Betracht. Lassen Sie uns daher vorerst über diese beiden Punkte abstimmen.“
„Das ist wahr, Taun hat Recht,“ rief Heim, „ich stimme für Aufnahme genialer Frauen, wie diese.“
„Ich nicht — weil ich überhaupt bestreite, daß es ,geniale Frauen‘ gibt!“ erwiderte Herbert.
„Ich meinesteils bin nicht grundsätzlich da­gegen,“ sagte Taun, „eine Dame bei uns hören zu lassen — und wäre ich es sogar gewesen, so würde mich die Originalität der Hartwich’schen Schrift um­gestimmt haben. Ich weiß nicht, welchen Wert der physiologische Teil derselben hat, darüber muß unser verehrter Kollege Möllner entscheiden, aber den natur­philosophischen Gedanken, der ihr zu Grunde liegt, finde ich anregend — und das ist mehr, als man von einem Laien fordern kann.“ 
„Ich bin prinzipiell gegen jede Frauenemanzipation“, rief Moritz, „weil ich unsere soziale Ord­nung, so wie sie ist, als die allein vernünftige er­kenne und sie nicht verrücken lassen will.“
„Ich stimme für die Hartwich,“ sagte der junge Hilsborn, „unsere soziale Ordnung wird durch einen solchen Ausnahmefall nicht verrückt, die Hartwich wird nicht gleich Scharen von Nachahmerinnen finden, aus dem einfachen Grunde, weil sie ein außergewöhnliches Talent ist. Ich sage, wir haben kein Recht, einem solchen Talente die Mittel zu seiner Entwicklung zu verweigern, weil es zufällig in dem Kopfe einer Frau statt eines Mannes steckt! Ein großer Geist fordert große Nahrung und es ist eine Grausamkeit, wenn wir ihm dieselbe aus moralischem Brotneid vorent­halten und ihm zumuten, in den kleinlichen Alltags­beschäftigungen der Frauen unterzugehen.“
„Hilsborn hat nicht Unrecht“, meinte Meibert, „aber kann denn ein solcher Geist seinen Wissensdurst nicht auch in anderer Weise stillen, als auf der Uni­versität? Die Dame hat es ja schon in der vor­liegenden Abhandlung bewiesen, daß sie auch außer­halb des Hörsaales etwas gelernt hat. Wozu braucht sie denn gerade die Doktorwürde? Das ist doch nur eine Eitelkeit und es wäre eine Blamage für uns, wollten wir uns dazu hergeben, solche Torheiten zu unterstützen.“
„Der Ansicht bin ich auch,“ fügte Berk hinzu. 
Doch Hilsborn beruhigte sich noch nicht: „Daß eine Frau, die das Leistungsvermögen eines Mannes in sich fühlt, auch männliche Würden beansprucht, finde ich sehr natürlich und daß sie die Wissenschaft nicht zur Unterhaltung, sondern als ihren ausschließ­lichen Lebensberuf betreiben will, ist ein Beweis, wie tief sie von dem Ernst und der Größe derselben durchdrungen ist; wahrlich das ist etwas anderes als Frauen­eitelkeit, die sich geistig und körperlich nur schmückt, um zu gefallen.“
„Du bist ein tapferer Ritter, Hilsborn,“ sagte Möllner und reichte dem jungen Manne die Hand.
„So wären wir denn nur Drei gegen Vier und es fehlt noch Möllner,“ sprach der alte Heim. „Stimmt er für die Hartwich, so würde keine Ma­jorität erzielt, deshalb denke ich, wir lassen ihn in jedem Fall den Ausschlag geben, da er als Physiolog allein über die Bedeutung der vorgelegten Abhandlung zu entscheiden hat.“
„Ich dächte“, rief Moritz, „eine solche Dilettantenarbeit können wir Alle beurteilen, es ist eben die moderne Spielerei mit den sogenannten Hemmungs­fasern.16 Dahinter steckt ja nicht viel!“
Sämtliche Anwesende blickten gespannt auf Johannes, der ernst und ruhig im Sessel lehnte. „Eine Dilettantenarbeit ist es nicht. Ich gebe zu, daß es vorgegriffen und einseitig sein mag, alle Selbst­beherrschung auf die Hemmung von Reflexen zurück­führen zu wollen, jedenfalls zeugt aber die Auffassung der Hartwich von einem, weit über das gewöhnliche Laienwissen gehenden Verständnis der heutigen Nervenphysiologie, und ich kann nicht leugnen, daß eine so selbständige Verwertung des Gelernten der Beweis entschiedener Produktivität ist.“ Dabei sah er Her­bert an.
„Wirklich?“ fragte dieser spitz.
„Ja!“ bestätigte Möllner mit Wärme, „dennoch aber — gebe ich meine Stimme zu ihrer Aufnahme nicht — und somit ist die Sache erledigt, denn wir sind nun Fünf gegen Drei!“ Die Anwesenden sahen sich teils erstaunt, teils unwillig an.
„Was ist denn das?“ rief Heim, „Du warst ja heute ganz entzückt von dem Genie dieses Mädchens.“
„Auf Dich haben wir uns verlassen,“ klagte Hilsborn.
„Das ist die erste Ungerechtigkeit, deren sich unser verehrter Freund Möllner schuldig macht!“ sagte Taun kopfschüttelnd.
Johannes blickte die entrüsteten Kollegen mit stiller Freude an und sah es deshalb wohl nicht, daß ihm Herbert die Hand hinstreckte, um sich für seinen Beistand zu bedanken.
„Gott Lob!“ flüsterte dieser, „daß Sie der Närrin den Garaus gemacht haben,“ und sog wohlgefällig, den Inhalt seines Glases aus.
„Johannes, Johannes!“ sagte Hilsborn wieder, „warum hast Du dem Mädchen und uns das getan?“
„Warum?“ fragte Johannes und aus seinen Augen strahlte ein Licht, welches sein ganzes Antlitz verklärte; „weil sie mir mehr am Herzen liegt als Euch Allen!“
„Auf diese Weise aber bestätigst Du das wahrlich nicht,“ meinte Hilsborn.
„Glaubst Du, kurzsichtiger Mann?“ sprach Möllner ernst.
„Was kann es Dir schaden, wenn die Hartwich glücklich wird?“ grollte Hilsborn weiter.
Möllner sah ihn lächelnd an. „Wenn wir einem Kinde ein Messer wegnehmen, womit es spielt, so ge­schieht es nicht, weil wir fürchten, daß es uns, son­dern daß es sich selbst damit verletzen könnte. Das Kind wird uns freilich für seinen Feind halten, — aber deshalb meinen wir es doch gut.“
„Nun, die Hartwich soll doch wohl nicht das Kind sein, das Du so bevormunden willst?“
„Ja, Hilsborn! Das Weib steht unter der Vor­mundschaft des Mannes, wie groß es immer sei! Wir sind sein leitendes Schicksal, wir haben es zu erziehen, zu schützen, und sind für seine Entwicklung verantwortlich. Wer von Euch, meine lieben Freunde Heim, Taun und Hilsborn, wird mir, wenn ich ihn auf sein Gewissen frage, nicht zugeben, daß die Hartwich auf einem Irrwege ist, daß sie über diejenigen Grenzen ihres Geschlechts hinaustreten will, welche eben die natürliche Scheidewand zwischen den Ge­schlechtern bilden? Ich habe nichts gegen eine geistige Tätigkeit der Frau, welche ihre Kräfte innerhalb ihrer Sphäre beschäftigt, und ich stecke die Grenzen dieser Sphäre viel weiter, als zum Beispiel unser Kollege Herbert und mein Schwager Moritz. Aber ich habe eine so hohe Verehrung für echte Weiblichkeit, daß ich kein Vorhaben unterstützen werde, welches nur auf Kosten derselben ausgeführt werden kann.“
„Ich glaube“, sagte Moritz, „daß die Hartwich schon mit der Weiblichkeit, von welcher Du sprichst, gebrochen hat, sonst würde sie gar nicht auf solche Gedanken gekommen sein. Da ist wohl nicht mehr viel zu verderben.“
„Du urteilst wieder voreilig, Moritz, wie immer,“ sagte Johannes. „Wenn Du wüßtest, unter welchen Einflüssen dieses Mädchen aufgewachsen ist, Du wür­dest begreifen, daß es nicht ein Mangel an Zartgefühl, sondern ein hoher Mut ist, welcher sie vor den Schrecknissen eines physiologischen Studiums nicht erbeben, eine priesterliche leidenschaftliche Begeisterung, welche sie über das Einzelne hinweg nur auf das Ganze blicken läßt. Ein zu grelles Licht, das uns in die Augen strömt, macht uns blind für das Nächstliegende; so war es wohl dem geistreichen Mädchen, als ihr ein Licht von Erkenntnissen aufging, das alles Wirkliche für sie in eine Glorie hüllte.“ 
Moritzens sonst so munteres Schelmengesicht wurde plötzlich ernst und er blickte mit einem Ausdruck von unverhehlter Besorgnis auf Möllner. „Johannes, Du sprichst, als hättest Du ein persönliches Interesse für dies verschrobene Geschöpf.“
„Warum soll ich es leugnen? Ja, das habe ich auch!“
Ums Himmelswillen!“ rief Moritz, „Du wirst doch unserem Freund Hilsborn nicht ins Gehege kommen? Denn der hat, wie mir scheint, Absichten auf sie.“
„O, da irrst Du Dich Moritz“, erwiderte Hilsborn; „ihre gefährliche Emanzipationsbestrebungen flößen mir wohl Teilnahme ein, aber keineswegs den Wunsch, sie zu besitzen, — wenn ich sie auch gerne zur Schülerin haben möchte, so folgt doch daraus noch nicht, daß ich sie heiraten will.“
„Siehst Du Hilsborn“, sagte Johannes heiter, ,,das ist der Unterschied zwischen uns Beiden, ich möchte sie nicht zur Schülerin, wohl aber zur Frau!“
Ein Ausruf des Schreckens entschlüpfte den Lip­pen Aller. „Woher kennst Du sie? Woher kennt er sie?“ riefen die Herren durcheinander, mit Ausnahme Heims und Hilsborns.
„Wie Ihr erschreckt, schon bei dem Gedanken, das Mädchen könnte mir gefährlich sein!“ sagte Johannes gutmütig lächelnd. „Ist sie denn ein böser Geist, eine Hexe? Nein — sie ist ja nur ein Weib! Wie kann man denn ein Weib fürchten? Was sie Euch schrecklich macht, das macht sie mir eben interessant und wenn es mich treibt, sie von einem Irrwege abzubringen, was laufe ich dabei für Gefahr? Ja — wenn sie sogar meine Gattin würde —„
„Gott bewahre Dich vor einer solchen Frau,“ schaltete die Staatsrätin ein.
„Noch sind wir nicht so weit, Mutter, noch ist es nur eine rein menschliche Teilnahme, käme es aber auch weiter, was wäre es? Der Mann, der sich von einer Frau unglücklich machen läßt, ist lediglich selbst Schuld, denn die Frau ist niemals etwas Anderes, als was wir aus ihr machen.“
„O übermütiger Mann“ — klagte die Staats­rätin — „es gibt weibliche Charaktere, die Dich furchtbar Lügen strafen könnten! Und diese Hartwich war mir schon als Kind unheimlich, wie wird sie jetzt erst sein?“
„Ein Weib, wie aus einer anderen Welt, Mut­ter, eine Erscheinung, die der nie vergißt, der sie ein­mal sah!“
„Mein Gott,“ sagte die Staatsrätin tief be­kümmert, „wo und wann bist Du ihr denn begegnet? War sie doch seit fast zwölf Jahren ganz verschollen und wären nicht ihre atheistischen Bücher vorigen Winter erschienen, kein Mensch hätte mehr an sie gedacht.“
„Also Sie kannten sie früher?“ fragten mehrere Herren neugierig.
„Ja, wir waren einige Zeit Spielgefährtinnen“, erzählte Angelika, „aber zuletzt mochte ich sie nicht mehr leiden, weil sie so altklug war und meine Pup­pen herabsetzte.“
Die Herren lachten.
„Sie war das bedeutsamste Kind, das mir in meinem Leben vorkam!“ sagte der alte Heim.
„Ja, das war sie“, bestätigte Möllner, „aber sie hatte etwas Abschreckendes, weil sie durch grausame Behandlung verbittert wurde und ihren Jahren geistig ebenso unnatürlich vorausgeeilt, als körperlich hinter denselben zurückgeblieben war. Ein solches Mißverhältnis ist immer etwas Häßliches, und deshalb scheuten die Menschen sie — wie sie die Menschen! Bald gedachten wir ihrer nicht mehr, denn sie war als zehnjähriges Mädchen von ihrer und unserer Heimat fortgezogen und weder sie noch ihr Vormund, der mit ihr gegangen, ließen mehr etwas von sich hören. — Vor einem Jahr oder länger erschienen ein paar Broschüren von ihr, die namentlich unter den Damen wegen ihres rationalistischen Inhaltes einen Sturm von Unwillen erregten. Ich fand es nicht der Mühe wert, sie zu lesen, da mir die kleine bleiche Hartwich gleichgültig geworden. Niemand wußte etwas von ihr und wir kümmerten uns auch nicht um sie, denn meine Mutter und Schwester waren aufs Tiefste von dem Atheismus des jungen Mädchens verletzt und gaben sie gänzlich auf. Vor einiger Zeit wollte ich Freund Hilsborn besuchen, traf ihn aber, als er eben in den Wagen stieg, um nach dem Dorfe Hochstetten, zwei Meilen von hier, zu fahren. Er war zu dem dortigen Schullehrer gerufen. Hilsborn forderte mich auf, ihn zu begleiten und, da es ein schöner Tag war, willigte ich ein. Als wir bei dem Schlößchen ankamen, welches den Anfang des Dorfes bildet, stie­gen wir aus. Hilsborn suchte die Wohnung des Lehrers auf, ich blieb, ihn erwartend, zurück und schritt gemächlich an dem großen, aber vernachlässigten Gar­ten vorbei, der das Schloß umgibt. Ein frischer Wind sauste über die wallenden Kornfelder hin und die Abendsonne durchglühte die ganze Gegend und die stürmisch bewegte Luft. Da hob sich plötz­lich, wie ein mittelalterliches Heiligenbild auf Gold­grund, vor mir eine dunkle Gestalt von dem strahlen­den Horizont ab, ein schwarz gekleidetes Weib, so schön und düster, als sei sie eine Botin der Nacht, die der Sonne zu sinken gebiete. Sie stand mit un­terschlagenen Armen regungslos auf einer Anhöhe des Gartens und starrte festen Blickes in den Feuerball, während der Sturm ihr faltiges Gewand hin und her wehte. Die Abendröte warf einen Schein von Glut auf ihr marmorweißes ernstes Gesicht, der Glanz ihrer großen Augen schien nicht aus der Sonne, die sie widerspiegelten, sondern aus ihrem eigenen Innern zu kommen. Ich bewunderte wie ein Knabe diese schöne schweigende Erscheinung und vergaß ganz, daß mein Gaffen ihr unangenehm auffallen müßte, wenn sie es gewahrte. Und so kam es auch. Sie ergriff einige neben ihr liegende bunte Gläser, woraus ich mit Staunen ersah, daß sie Nachbilder-Versuche17 mache und dabei fiel ihr Blick auf mich. Ein düste­rer Schatten legte sich über das nun dem Licht abge­wandte Gesicht und gab ihr etwas Kaltes, Strenges. Sie raffte, ohne mich eines zweiten Blickes zu wür­digen, ihre optischen Geräte zusammen und schritt ruhig die Anhöhe hinab; gleichzeitig versank auch die Sonne wie auf ihren Befehl und trübe Dämmerung breitete sich über den schweigenden Garten, hinter des­sen Mauer sie langsam verschwand. Ich stand lange und blickte ihr nach, — eine eigentümliche Wehmut ergriff mich. Ich konnte mir unter diesen wilden dun­keln Gebüschen, hinter dieser hohen Mauer kein fröh­liches Gesicht, konnte mir in der Brust dieses einsa­men finsteren Wesens kein glückliches Herz denken. Die Nacht brach herein, während ich noch vergebens nach ihr spähte. Ich eilte nun zu dem Lehrer unter dem Vorwand, Hilsborn abzuholen und erfuhr dort, daß die Unbekannte Ernestine Hartwich sei. Sie habe vor kurzer Zeit das ,verzauberte Schloß‘, wie man es nannte, gemietet und da man in dem Dorfe nicht sehr aufgeklärt war, mochte man sich auch einer ge­wissen geheimnisvollen Scheu vor dem schönen Mäd­chen nicht erwehren — denn man meinte, es könne nicht gut um einen Menschen stehen, der sich so streng von allem Lebendigen abschließe und gar, das war das Schlimmste, nie in die Kirche gehe! Ein Entschuldigungsgrund wurde freilich in dem schlechten Einfluß eines Stiefonkels und Vormunds gefunden, der sie seit dem frühen Tode beider Eltern erzogen habe und sie gänzlich beherrschen soll. Es ist dies jener berüchtigte Doktor Leuthold Gleißert, von dem Ihr wohl Alle gehört habt.“
„Aha der!“ murmelten die Herren verächtlich und der alte Heim fügte noch ein herzhaftes: „der Schurke!“ bei.
„Nun —“, fuhr Johannes fort: „Ich denke, Ihr Alle werdet mir glauben, daß ich nicht der Tor bin, der sich auf den ersten Blick in ein schönes Ge­sicht verliebt, aber bei dieser Erscheinung trifft das zusammen, was einen Menschen unwiderstehlich fes­seln kann: Schönheit, Geist und Tugend.“
„Tugend?“ wiederholte Herbert: „Wissen Sie das so genau?“
„Ja, wäre die Hartwich nicht tugendhaft, so würde sie nicht in so strenger Abgeschlossenheit leben. Wer einmal dem Genusse gefrönt, der sucht ihn immer wieder, — in solcher Einsamkeit, in solcher Hingabe an eine große Idee findet nur eine reine Seele Befriedigung! — Ich gehe sogar noch weiter, ich stütze mich als Physiolog auf das Prinzip der Erhaltung der Kraft und sage: ein Weib, das sich so außergewöhnliche geistige Aufgaben gestellt und sie gelöst hat, verbraucht hiezu seine ganze Kraft und stirbt für alle Sinnlichkeit ab. Deshalb finden wir bei Frauen, welche übertriebene Geistesanstrengungen machen, so häufig ein verkümmertes Gemüt, weil ihr Vorrat von Kraft meist nicht ausreicht für die doppelte Seelentätigkeit von Denken und Fühlen. Und deshalb fürchte ich nur, daß in dieser schönen Hülle schon jetzt kein warmes Herz mehr schlägt!“
Die Professoren sahen sich einander bedeutungsvoll an und die Staatsrätin flüsterte bekümmert mit Angelika.
„Nun,“ sagte Herbert aufstehend: „Ich dächte, wir überließen unsern verehrten Kollegen seinen Träumen und wünschten ihm, daß seine Schülerin in der Lehre von den Empfindungsnerven nicht ebenso bewandert sei, wie in der von den Hemmungsfasern!“
Die Herren erhoben sich.
Johannes heftete seinen Blick fest auf Herbert: „Ein Träumer bin ich nicht, Kollege Herbert, wenn ich auch noch an eine Tugend glaube, ohne nach ih­rem polizeilichen Leumundszeugnisse zu fragen. Und ich wiederhole Ihnen, ich glaube so fest an diese Tugend, daß ich Jeden als einen Verleumder strafen würde, der sie auch nur mit einem Worte anzutasten wagte!“
„Mein Herr!“ rief Herbert gereizt und sich in die Brust werfend: „das ist eine Beleidigung!“
„Nur für den, der sich getroffen fühlt!“ sagte Johannes ruhig.
Angelika flog auf Johannes zu und schlang die Arme um ihn: „Johannes, Johannes, denke nur, für wen ereiferst Du Dich so? Du kennst sie ja nicht einmal!“
„Ja, ja, da hat sie Recht,“ bestätigten Mehrere.
Johannes hob Ernestinens Schrift empor und sprach mit tiefem Ernst: „Ich kenne sie!“
Herbert nahm seinen Hut, verneigte sich stumm und wollte das Zimmer verlassen, da stürzte der Pe­dell herein und überreichte Johannes einen Brief: „Herr Professor, Herr Professor, dieser Brief von Sr. Magnifizenz sei eilig und gehe alle die Her­ren an.“ —
Johannes erbrach das Papier und Herbert blieb noch horchend auf der Schwelle stehen. Johannes blickte, nachdem er gelesen, heiter im Kreise umher: „Meine Herren, wir sind in unerhörter Weise mysti­fiziert worden. Jene Preisschrift über den Raumsinn des Auges,18 als deren Verfasser wir Alle Hilsborn vermuteten, ist — von der Hartwich!“
Ein Ausruf des Erstaunens beantwortete diese Mitteilung. Die Herren drängten sich um Johan­nes und sahen in den Brief, selbst Herbert kam wie­der herbei, um sich von dem Unerhörten zu überzeu­gen. Es war so, es stand unwiderruflich fest: die Herren hatten den Preis, welchen die Universität für die beste Schrift über den Raumsinn des Auges festgesetzt, der Arbeit Ernestinens erteilt, derselben, die sie heute nicht in ihre Kollegien aufzunehmen beschlos­sen, weil sie ein Weib war. — Das war höchst un­angenehm, und die Professoren sahen sich betreten an.
„Was ist nun zu tun?“ fragten Einige.
„Dieser Fall ändert freilich die Sache“, meinte Berk.
„Möllner“, rief Meibert, „das ist eine fatale Geschichte — ich denke, wir sollten doch umstimmen.“
„Einer Frau, die wir mit dem Preise krönten, können wir den Doktorhut nicht wohl vorenthalten“, meinte Taun.
Heim nickte ihm vergnügt zu und brummte wohl­gefällig: „Nun wendet sich das Blatt.“
„Meine Herren“, sprach Johannes mit Ener­gie, „lassen Sie sich davon nicht beirren! Wenn es auf die Fähigkeiten der Betreffenden ankäme, hätte uns schon die vorhin gelesene Schrift zu einem ande­ren Entschluß bringen müssen, aber es handelt sich hier um einen sozialen Grundsatz,19 von dem wir nicht um einer Einzigen willen abgehen dürfen. Muß ich Ihnen das noch wiederholen, was Sie selbst so reif­lich erwogen?“
„Unser verehrter Kollege bleibt Sieger wie im­mer“ — sagte Taun, mit seiner würdevollen Freund­lichkeit, Johannes die Hand reichend: „man kann Ih­nen nicht Unrecht geben.“
„Eine Frau mit dem Preise gekrönt“ — mur­melte Herbert beim Hinausgehen, „der Ärger bringt mich ums Leben!“
„Schade“, sagten die Herren, als er fort war, „daß der heitere Morgen durch Herbert so gestört wurde.“
„Laßt es Euch nicht kränken, liebe Freunde“, lachte Johannes: „Es tat mir wohl, ihm einmal die Wahrheit zu sagen — das ist Einer von der Gattung, die sich auch geistig nur im Kampfe ums Da­sein erhält.20 Vernichten, um zu bestehen, das ist ihr Grundsatz und deshalb sind sie geborene Gegner jedes Talentes. Sie müssen es morden, weil sie die Macht nicht in sich fühlen, es zu überflügeln, sie müssen sich wehren im Schweiße ihres Angesichts, um von der Fülle lebendiger Kräfte, die sich um sie her regt, nicht erdrückt zu werden. Wer außerhalb ihrer unheilvol­len Wirksamkeit steht, mag solche Subjekte bemitlei­den, wer aber von ihrem giftigen Biß erreicht werden kann, der muß sie fürchten als Erbfeinde alles Werdens und Schaffens. Wenn ich auch die Be­strebungen der Hartwich nicht billige, so hat mich doch von Anfang an die Gehässigkeit, mit der er ihr ent­schiedenes Talent verurteilte, empört!“
„Das ist sehr wahr!“ sagte der Philosoph Taun. „Traurig, wenn solche verkörperte Negationen das freie, fröhliche Wirken in den Künsten beeinträch­tigen, — doppelt traurig aber, wenn sie es in der Wissenschaft tun!“
„Wer hätte das gedacht!“ rief Angelika, „der galante Professor Herbert, der bei allen Soupers Toaste auf die Damen ausbringt! Ich bin noch voll Erstaunen.“
„Wer den Damen huldigt, meine liebe Kolle­gin, braucht deshalb noch kein Verehrer der Frauen zu sein, — denn das, was die moderne Dame aus­macht, ist bekanntlich nach meinem Kollegen Schopen­hauer nicht die Kraft, sondern die Schwäche des Geschlechtes“, erwiderte Taun.21
„Ja wohl“, fiel Johannes ein: „Mit einer Schwäche kann ein solcher Mensch Nachsicht haben — aber eine Kraft muß er bekämpfen.“
 „Na, warten Sie nur, Herr Kollege Herbert“, rief Angelika, indem sie ihr kurzes, dickes Zeigefingerchen drohend nach der Tür ausstreckte: „Ihnen will ich Ihre Bosheiten gedenken, — paßt auf: vor allen seinen Freundinnen werde ich dem Wolf den galan­ten Schafspelz herunterreißen! Und Du Moritz — mit Dir habe ich auch noch ein Wort zu reden, aber erst, wenn wir allein sind.“
Die Herren lachten und nahmen ihre Hüte.
„Nun, auf eine so reizende Gardinenpredigt dür­fen wir unsern Kollegen Kern nicht einen Augenblick warten lassen“, sagte Taun.
Alle verabschiedeten sich mit Ausnahme Heims, Hilsborns und Moritzens.
„So“, — begann Angelika schmollend: „Du böser, abscheulicher Mann, wir sollen nichts tun, als Strümpfe stricken?“
„Nein, noch etwas“, schäckerte Moritz, ihren Kopf zwischen beide Hände nehmend, „küssen — das ist auch ein schöner Beruf!“
„Geh — das kann auch die Dümmste, die Klugen sind zu etwas Besserem da.“
„Kein Weib, das einen so süßen Mund hat, kann etwas Besseres tun! Nur die, welche häßlich oder alt sind, sollen Strümpfe stricken!“
„Ach, Du hast nur Späße im Kopfe — mir aber tut die arme Ernestine nun wirklich leid und es schmerzt mich von Dir, daß Du so hart gegen sie bist!“
Ein einziger strenger Blick fiel aus Moritzens schwarzen Augen auf Angelika, aber vor diesem Blicke verstummte sie sogleich.
„Du weißt“, sagte er dann gütig aber streng, wie zu einem Kinde, „daß ich es nicht liebe, wenn Du über Dinge urteilst, von denen Du nichts verstehst.“ —
Angelika blickte vor sich nieder und eine Träne glänzte in ihren vollen, blonden Wimpern.
„Was ist denn das?“ fragte Moritz freundlich und zog sie an sich — „weinen? warum nicht gar! Ein Tautröpfchen in einem Rosenkelch, nicht wahr? Weiter nichts!“ Er wischte ihr die Tränen weg und nun lächelte sie ihn auch schon wieder an.
„Ein Glück für Dich, mein Sohn“, sagte die Staatsrätin mit mildem Ernst, „wenn das Herz Deiner Frau so warm ist, daß jeder Reif, den ein hartes Wort hinein wirft, darin zu einer Träne schmilzt; so tut es doch weiter keinen Schaden.“
Moritz sah die Schwiegermutter an, und dann seine Frau: „Angelika, war ich hart?“
Angelika schüttelte das lockige Köpfchen und sagte mit einem Tone, in dem die ganze Süßigkeit ihres kindlichen Gemütes lag: „Nein, mein Moritz, Du hattest Recht!“
„Siehst Du, Mama, das ist das echte Weib wie es aus der Hand des Schöpfers hervorging, wie es sein soll, um den Mann, dem es gehört, zu be­glücken“, rief Moritz und preßte die reizende Gestalt an seine Brust.
Die Staatsrätin stand schweigend neben dem Paare, ihr Auge ruhte mit unaussprechlicher Liebe auf ihrem Kinde und sie sah es mit einem selt­samen Gemisch von Freude und Sorge an dem Herzen dieses eben so zärtlichen, als herrischen Gat­ten ruhen.
„Diese Bräutigamsleidenschaft ist schön — aber wenn sie dereinst verraucht, — dann bleibt für das zarte Wesen nur noch der Gebieter übrig und sie ist eine unglückliche Sklavin, wie sie jetzt eine glück­liche ist!“ Solche Gedanken zogen durch die Seele der Mutter und hoben ihre Brust zu einem tiefen Seufzer.
Mittlerweile hatte Johannes leise mit Heim und Hilsborn gesprochen und einen Brief gelesen, den Jener ihm gab. „Also, Väter Heim“, sagte er, „es bleibt dabei.“
Die Staatsrätin wandte sich ihm zu und fragte: „Was hast Du da?“
„Einen Brief der Hartwich an Onkel Heim, Mutter!“
Johannes reichte ihr das Blatt und die Staats­rätin las:
Herr Geheimerat!
Ich weiß nicht, ob Sie sich eines kleinen Mädchens Namens Ernestine Hartwich erinnern, dem Sie einst das Leben gerettet; aber ich weiß, daß Sie, auch wenn dies nicht der Fall wäre, einer Hilfesuchenden beiständen. Ich habe mich an die hiesige Universität gewandt, um Kolleg zu hören. Ich tat dies hinter dem Rücken meines Vormundes, denn er mißbilligte den Plan. Ich wünsche daher, die einleitenden Schritte in dieser Sache geheim zu halten, bis ich einen Erfolg errungen, der ihn mit meiner Handlungsweise ver­söhnen würde.
„Sehr rücksichtsvoll!“ schaltete die Staatsrätin ironisch ein: „doch weiter.“
Meine Bitte ist nun die, hochgeehrter Herr, dafür zu sorgen, daß die Antwort der Fakultät ohne Wissen meines Oheims an mich gelange und zwar durch Sie selbst. Ich bedarf auch Ihres ärztlichen Beistandes, denn ich fühle mich krank, und mein Vormund gestattete mir nie, einen Arzt zu rufen. Ich gehorchte ihm, bis ich erfuhr, daß Sie in meiner Nähe leben. An Sie aber wende ich mich mit dem alten Vertrauen. Kann man mir helfen, so werden Sie es tun. Ich muß Sie jedoch an einem Tage bei mir sehen, wo Leuthold von Hause entfernt ist, wenn ich nicht Auftritte der peinlichsten Art herbeiführen will. Jeden Mittwoch und Sonn­abend fährt er Geschäfte halber in die Stadt. An einem solchen Tage bitte ich Sie, mich zu besuchen. 
Hochachtungsvoll!
Ernestine Hartwich
„Nun das ist wenigstens kürzer und bündiger, als man es von einem Blaustrumpf erwarten sollte“, meinte Moritz.
Die Staatsrätin blickte trübe sinnend in den Brief: „Er ist kalt und trocken, — kaum höflich — geschweige denn herzlich, wie ihr einstmaliger Wohltäter es von ihr verlangen konnte.“
„Bedenken Sie, liebe Freundin, daß etwa zwölf Jahre seit jener Zeit verflossen, für ein so junges Mädchen eine lange Zeit!“ begütigte Heim.
„Ach, Onkel Heim“, rief Angelika — „ich habe Dich jetzt, wo Du meinen Knaben auf den Knien wiegst, noch eben so lieb wie damals, wo Du meinen Puppen dieselbe Ehre antatest. Mir sind diese Jahre vergangen wie ein Traum!“
„Du bist von anderer Art als die Hartwich, mein Kind“, erwiderte Heim.
„Ja, Gottlob!“ bestätigte Moritz.
Die Staatsrätin legte den Brief zusammen: „Ich kann mir nicht helfen, dieses Schreiben ist herz­los, ich habe kein besseres Wort dafür. Und dabei ein Gemisch von Feigheit und Trotz in ihrem Be­nehmen ihrem Onkel gegenüber, das aus jeder Zeile hervorgeht.“
„Ein Beweis, wie diese starke Natur von dem Schurken geknechtet wird“, bemerkte Johannes warm.
Die Mutter sah mit sorgenschwerem Blick auf ihren Sohn: „Wie konnte sie sich, wenn sie ein edles starkes Weib ist, von einem solchen Menschen knechten lassen?“
„Warum nicht, beste Mutter?“ erwiderte Johannes begütigend, „und wenn auch noch so edel und stark, — so ist und bleibt sie ja doch immer nur ein Weib!“
In diesem Augenblick donnerte und rasselte etwas unter dem Fenster vorbei. Alle blickten hinaus.
„Die Worronska!“
„Die wilde Gräfin“, rief Moritz, „das ist ein Prachtexemplar von einer Amazone. Wie schön sie wieder ist! Wie sie die vier Rappen lenkt und dabei heraufschaut. Ich wette, Johannes, die hat’s auf Dich abgesehen — sieh nur, sie lächelt Dir zu!“
„Da würde ich am Ende gar dem Kollegen Her­bert ins Gehege kommen!“ lachte Johannes; „denn ich hörte ja, er macht ihr den Hof!“
„Was, Herbert — der Worronska?“ rief Moritz. „Wie kommt denn der dazu?“
„Ei nun, er war ja so lange Hofmeister bei einem Freunde des Grafen in Petersburg. Daher wird er sie kennen“, erklärte Johannes.
„Na, das wäre so ein Schwiegertöchterchen für Sie, liebe Staatsrätin“, meinte Heim, „wie? Die wäre doch noch schlimmer als die Hartwich!“
„Bah“, warf Johannes gleichgültig hin, „auch diese ist nur ein Weib; wenn sie fiel, so fiel sie durch einen Mann und ein Mann hätte sie retten können.“

Zweites Kapitel. 
Der Schwan.
Ein hohes dunkles Gebäude überragte das Dorf Hochstetten, welches zwei Meilen von der Stadt, in reizen­der Gegend lag. Es führte einst den Namen Hochstetter Schloß. Seit jedoch die adelige Familie, die es durch ein Jahrhundert von Sohn auf Sohn ver­erbte, ausgestorben war und nur noch ein Kastellan darin wohnte, der die Besitzung für die Erben einer Seitenlinie bewachte, nannte man es im Volke das Zauberschloß, denn selbstverständlich mußte es in einem alten Hause, in dem so viele Leute verschieden waren, spuken, und was die ehrenwerten Glieder der acht­baren Familie vielleicht im Leben nie gehabt hatten, das legte ihnen die Volksphantasie im Tode zu und ließ ihre Geister an dem Orte umgehen, wo einst ihre körperlichen Hüllen gewandelt.
Im letzten Jahre geschah es aber, daß einmal wirklich ein Geist in das Schloß kam und daß sein Erscheinen das Volk, welches in jedem „Genie den Teufel ahnt“, mit nicht geringerem Entsetzen erfüllte, als die Gespenster seiner früheren Herrschaft, obgleich dieser Geist noch in einem lebendigen, jungen und sehr schönen Leibe wohnte. Ernestine Hartwich hatte das Gut gemietet und trieb mit ihrem Oheim ihr selt­sames Wesen da. Seitdem war das Haus hinter der hohen Umgebung in dem stillen buschigen Garten erst recht verhext und wer nichts darin zu schaffen hatte, der vermied es gern. Still und einsam lag es da, inmitten lieblicher Hügel und Bergketten, umrauscht von grünen Wipfeln, umflossen vom Sonnenglanz eines tauigen Sommermorgens und doch starrten seine altersgrauen Mauern so finster in das frische wonnige Leben hinein, als sei draußen und drinnen der Tod. — Zwei Fremde, die in einer leichten Kalesche die Landstraße daher fuhren, betrachteten es ernst und schweigend; als der Weg etwas steil wurde, stiegen sie aus und gingen neben dem Pferde weiter. Ein schmucker Bauernbursche kam mit Sense und Harke vorüber und als er in die schönen Gesichter der Wan­derer sah, nickte er ihnen freundlich zu. Von einem plötzlichen Einfall ergriffen, redete ihn der Ältere von den Beiden an und fragte: „Was ist das für ein Schloß dort?“
„Das?“ war die Antwort, „das ist ja das Zau­berschloß!“
„Wer bewohnt es denn?“
„Das bewohnt ja die Hartwich.“
„Wer ist die Hartwich?“
„Ei, die Hexe, die es gemietet hat.“
„Warum nennst Du sie so?“
„Nu, weil es eben nicht recht geheuer mit ihr ist.“
„Geh ein Stückchen mit uns und erzähle uns etwas von der Dame, wenn Du Zeit hast“, bat der Fremde.
„Ei ja, dazu habe ich schon Zeit“, lachte der Bursche, geschmeichelt durch das Interesse, das seine Andeutungen erweckten. „Du lieber Gott, wo soll man anfangen, wenn man von Der erzählen will. Da gibt’s keinen Anfang und kein Ende.“
„Wie sieht sie denn aus?“ fragte der jüngere Herr, „ist sie hübsch?“
„Bewahre, sie ist mager und bleich und hat große kohlschwarze Augen. Dabei macht sie immer ein so finsteres Gesicht, — man sieht es ihr auf zehn Schritte an, daß sie kein gutes Gewissen hat.“ 
„Es ist bezeichnend für die Kulturstufe des Volkes“, sagte der Ältere leise zu seinem Begleiter, „daß es kein Verständnis für schöne Linien hat, sondern nur Geschmack an Fleisch und Farbe findet. Ein klassisches Profil erscheint ihm häßlich, wenn nicht rechts und links ein Fleischsäckchen daran hängt. Diese derbe Vorliebe für den Rohstoff ist bei dem Bauern und niederen Handwerker, der überhaupt nur mit Roh­stoffen zu tun hat, natürlich und verzeihlich, wo sollen solche Leute ihren Schönheitssinn bilden? Aber es ist traurig, wenn man bedenkt, wie Viele auch unter den Gebildeten sind, bei denen der Geschmack nur die ge­meinste Sinnlichkeit zur Lehrmeisterin hat und deren rohe Begierde blind tastend nicht die verkörperte Schönheit, sondern nur die schöne Verkörperung sucht.“
„Ja wohl“, fügte der Andere hinzu, „so ist es auch mit dem Geiste. Dem Volke ist der Ausdruck des Gedankens fremd und unheimlich, nur gedanken­lose Lustigkeit zieht es an. Das Gepräge des Geistes auf einer ernsten Stirn ist ihm das Gepräge des Bösen, — aber wie viele unserer Standesgenossen gibt es, die nicht besser fühlen. Wir indeß denken anders, nicht wahr, Johannes?“ 
Dieser reichte dem Sprecher die Hand. „Ja, mein Freund — das weiß Gott! Aus dieser Ober­flächlichkeit des Geschmackes erklärt es sich auch, daß die Hartwich schon als Kind in dem Rufe der Häß­lichkeit stand, obgleich sie eine wundervolle Stirn, ein reines Profil und Augen hatte, wie ich sie nie ge­sehen, Augen, Hilsborn“ — er legte seine Hand auf den Arm des Freundes — „in denen eine Welt schlummernder Empfindung lag, eine Verheißung un­aussprechlichen Glückes für den, der diese Empfindung einst wecken würde. — Hilsborn, ich hatte die Kleine, welche ich nur einmal traf, vergessen, aber als mich neulich ein Blick aus den Augen des schönen fremden Weibes traf, da erkannte ich das Kind in ihr wieder, das arme verlassene Kind. Ich fand die alte Scheu, das alte Weh noch in diesem Blick und es drang mir wie eine schmerzliche Mahnung in das Herz. Ich hätte sie gleich in meine Arme nehmen und von dem Hügel herabtragen mögen, wie damals von dem brechenden Ast, auf den sie vor mir geflohen war!“
„Gott gebe nur, daß das seltsame Wesen eines Mannes, wie Du, würdig sei“, sagte Hilsborn.
„Sprich nicht so, Hilsborn, Du weißt, daß ich dergleichen nicht hören will. Laß uns lieber diesen Menschen noch über sie ausfragen, das ist interessant genug.“
Er wendete sich dem Burschen zu, der pfeifend auf der anderen Seite der Straße ging.
„Tut sie denn wenigstens den Armen Gutes?“ fragte er.
„Behüte Gott Jeden, dem die was Gutes tun wollte, — es mag Niemand was von ihr. Der Oheim teilt alle Wochen Geld aus, aber es nehmen’s nur die allerärmsten Leute und machen doch noch ein Kreuz darüber.“
 Johannes und Hilsborn sahen sich lächelnd an. „Also sogar auf ihre Wohltaten erstreckt sich ihre unheilvolle Macht?“
„Ja, das will ich meinen, wo sie hingekommen ist, hat sie Unglück gebracht, — Alles hat sie besser wissen, vertrackte Neuerungen einführen wollen. Wie man’s machte, war’s ihr nicht recht, die Fieberkranken sollte man nicht mit Federbetten zudecken, den Schwachen sollte man kein Gläschen guten Schnaps reichen und was derlei Gewalttätigkeiten mehr waren. — Einmal hatte eine arme Wittfrau ein krankes Kind und pflegte es nach besten Kräften. Die Hartwich kommt dazu und redet so lange an die Frau hin, bis sie ihr erlaubt, bei dem Kinde eine Nacht zu wachen. Kaum sitzt sie aber an der Wiege, wird es immer schlimmer, der Bub kriegt Krämpfe und spricht irre, — die Hartwich schickt die Mutter aufs Schloß, um einen reitenden Boten zu bestellen, der den Physikus holen sollte, und bleibt so lange allein bei dem Kleinen. Als die Frau vom Schloß zurückkommt und zur Türe hereintritt, hat die Hexe das Kind auf dem Schoß und das arme Würmchen verendet eben. Die Frau, ganz von Sinnen vor Schreck, riß ihr die kleine Leiche weg und da sie keinen Trost von ihr annehmen wollte, ging die Hartwich endlich fort. Als der Arzt kam, schwatzte er allerhand unverständliches Zeug und wollte das Kind sezieren, wie er’s nannte, aber so etwas läßt natürlich keine christliche Mutter zu und da kam es denn freilich nicht heraus, was die Hartwich mit dem armen Wurm gemacht hatte!“
„Aber Ihr törichten Leute“ — fuhr Johannes empört auf, „Ihr werdet doch nicht denken —“
Hilsborn winkte ihm, zu schweigen: „Laß doch“, sagte er leise, „willst Du versuchen, was Götter ver­gebens tun, mit der Dummheit kämpfen?“
„Du hast Recht“, erwiderte Johannes, „dieses Volk können nur Jahrhunderte belehren.“
„Nun, guter Freund“, redete er wieder den Bauern an, „was geschah denn dann der Hartwich?“
„Ei, als sie in derselben Nacht, nachdem der Arzt fort war, wieder kam und Geld brachte, wahrschein­lich damit die Frau schweigen sollte, wies diese ihr die Tür und sagte ihr, was sie von ihr hielte.“
„Das war der Dank!“ murmelte Johannes.
„Seitdem kommt sie zu Niemanden mehr ins Haus und wir sind sie los.“
„War denn dieser unglückliche Fall der einzige?“ fragte Johannes, „oder hatte sie noch mehr solches Unheil angestellt?“
„Ja wohl, eine Menge! Einmal überredete sie auch einen Mann, daß er in die Stadt ging und sich ein Bein abnehmen ließ, — er hatte schon seit zehn Jahren einen Schaden daran. Der Mann starb in der Stadt und hinterließ Frau und Kinder. Wenn ihn das Unglücksweib nicht hinschickte, lebte er heute noch. Hatte er das Übel zehn Jahre gehabt, konnte er’s auch noch länger haben! Die arme Wittib verwünschte sie tausendmal!“
Johannes wechselte Blicke mit Hilsborn: „So urteilt das Volk!“
„Glaubst Du denn auch, daß sie eine Hexe ist?“ fragte er den Bauern.
„Nun Herr, wenn ich auch das nicht glaube, so behaupte ich doch, daß kein Segen mit ihr ist, weil sie keine Gemeinschaft mit Gott hat.“
„Und woher weißt Du das?“
„Sehen Sie, dafür gibt es gar viele Anzeichen. Es ist ihr alles zuwider, was sie an Gott mahnt, in einer Kirche läßt sie sich nun schon gar nicht sehen und zu Hause betet sie auch nicht.“
„Das kannst Du ja aber doch nicht wissen!“ meinte Johannes.
„Oho, das weiß ich wohl, denn Herchers Kuni­gund’ dient droben auf dem Schloß und die erzählt uns Alles. — Da war zum Beispiel früher ein Glockentürmchen auf dem Herrenhaus, von dem seit Alters her Morgens und Abends das Gebet einge­läutet wurde. Das war gar schön und erbaulich, wenn die Glocke mit der von der Dorfkirche zusammenstimmte und wir waren’s so gewöhnt und hatten’s lieb. Sogar als die frühere Herrschaft starb, gab die Gemeinde dem Kastellan jährlich zwei Säcke Kartoffeln, damit er nur das Geläut nicht einstellte. Als aber die Hartwich auf das Gut kommt, was tut sie? Sie läßt das Glöckchen aus dem Turm reißen, baut den ganzen Turm um und macht eine Sternwarte, wie sie es nennt, daraus, wo sie ganze Nächte sitzt und die Sterne zählt.“
„Nun, wenn sie so viel in den Himmel sieht, denkt sie gewiß an den lieben Gott und an Alles, was dort oben ist“, versetzte Johannes lächelnd, „und wer gerne betet, braucht auch nicht durch Glockenklang daran erinnert zu werden.“
„Nein, nein, dem ist aber nicht so“, behauptete der Bursche hartnäckig. „Sie will nicht daran erinnert sein, sonst hätte sie das helle heitere Glöckchen so lieb gehabt wie wir und hätte es hängen lassen, wo es seit hundert Jahren so Manchem Trost ins Herz geläutet hat, — sie hätte sich ja solch eine Sternkammer an den alten Turm anbauen lassen können, das wäre Alles gegangen, wenn sie recht gewollt hätte, und daß sie’s nicht wollte, das hat sie uns schon gleich verhaßt gemacht.“
Johannes und Hilsborn sahen sich ernst an.
„Bücher hat sie die schwere Menge, ganze Kisten voll, brachte sie mit, nur kein Gesang- oder Gebetbuch, sagt die Kundigund’, die immer die Bücher abstäuben muß. Das Fräulein nennt zwar die Stube, in der sie stehen, die Bibliothek, aber die Kunigund’ hat noch keine Bibel darin entdecken können, wie sie auch gesucht hat.“
Die Herren unterdrückten das Lachen, um den empörten Erzähler nicht zu stören und dieser fuhr fort:
„Den Namen Gottes spricht sie gar nicht aus und wenn es Jemand vor ihr tut, so redet sie von was Anderem, merken Sie wohl? — Nun kommt aber die Hauptsache: Da hat sie ein Zimmer, das Keiner außer ihr und dem Oheim betreten darf und wenn sie darin ist, schließt sie sich immer ein, auch mit dem Oheim. Was sie da machen, das weiß kein Mensch, aber die Kunigund’ erzählt Wunderdinge davon, denn sie hat manchmal gehorcht und auch einen Blick hinein­geworfen, wenn das Fräulein hinein oder heraus ging. Da hat sie denn alle möglichen merkwürdigen Gerät­schaften gesehen, wie man sie zu gar keinem ehrlichen Handwerk braucht und schwarze Tafeln mit Augen und Ohren und dergleichen bemalt, Blasebälge und brennende Flämmchen und weiß Gott was Alles! Dann hat sie ganz schreckliche Sachen gehört, Töne, wie wenn sie nicht von dieser Welt wären, manchmal sanft und schön wie die Orgel in der Kirche, dann wieder ein Rauschen und Brausen, wie wenn ein furchtbarer Sturm drin ginge, während sich draußen kein Lüftchen regte, oder gar Posaunenstöße wie von den Trompeten von Jericho, daß sie vor Angst da­von lief.“
„Das waren Schallversuche“,22 sagte Johannes sehr belustigt zu Hilsborn.
„Dann behauptet die Kunigund’, daß es oft so hell geworden sei in dem Zimmer, daß die Strahlen durch das Schlüsselloch gefallen seien und sie geblen­det hätten wie Sonnenschein, wenn doch draußen schon längst die Sonne untergegangen war. Die Kunigund’ schwört darauf, es sei kein rechtes Licht gewesen, es habe ganz bläulich geschienen und sie habe schnell die Augen zugedrückt, um nicht blind zu wer­den. Nun frage ich Sie, was war das für eine Helle? Was hat sie immer mit Feuerchen und Flämmchen zu tun? Auch sagt die Kunigund’, sie sei stets auf bis zum Morgen und schlafe nur wenige Stunden. Das ist jedenfalls ein gotteslästerliches Leben, denn wenn der liebe Gott nicht wollte, daß man bei Nacht schlafe und bei Tag wache, so hätte er die Nacht nicht dunkel und den Tag nicht hell gemacht, und wenn es etwas Rechtes wäre, was sie treibt, brauchte es über­haupt das Tageslicht nicht zu scheuen. Die Kunigund’
behauptet auch, sie mißhandle zum bloßen Vergnügen die unvernünftige Kreatur, denn sie hat es ganz genau gesehen, daß der Oheim und sie Kaninchen und derlei Getier mit in das geheime Zimmer nehmen, die nie wieder herauskommen, was machen sie mit dem armen Viehzeug, essen können sie doch die Kaninchen nicht?23 Und die Kunigund’ behauptet auch steif und fest, sie habe in dem Bücherzimmer ein Paar Totenschädel, die führen nur so unter den alten Büchern herum! Nun frag’ ich Einen: Welcher Christenmensch wird denn einem Toten seinen Kopf wegnehmen und ihn um die Ruhe im Grabe bringen? Heißt das nicht aus teufelmäßigem Übermut Leichen schänden?“
„Das ist allerdings ein ganzer Berg von Anklagen, der sich zwischen die Hartwich und ihre Um­gebung türmt“, flüsterte Johannes dem Freunde zu. „Und ich sehe aus dem Allem, daß der Fluch der Ungewöhnlichkeit das seltene Wesen auch in diese Ver­hältnisse verfolgte und daß sie hier ausgestoßen und vereinsamt ist, wie sie es als Kind war. Es ist an der Zeit, daß ein kräftiger Arm sie in die heiteren Kreise des warmen normalen Lebens hereinzieht, von denen sie ihre Sonderbarkeit ausgeschlossen hat.“ 
„Sehen Sie dort den grünen Balkon?“ sagte der Bursche, als sie dem Hause ganz nahe waren. „Da hat sie eine Art Zither hängen, die spielt ganz von selber. Ich habe es erst der Kunigund’ nicht glauben wollen, aber dann stellte ich mich einmal daher und hörte es mit meinen eigenen Ohren, — und es war eine so liebliche sanfte Musik, wie sie gar keine Menschen machen können. Ich spürte gleich, wie sie mich verzauberte.“
„Nun und woran fühltest Du diese Verzauberung?“ 
„Ei, es wurde mir so weich ums Herz, so ganz anders als sonst, so — als hätte, ich Lindenblütentee getrunken. Ich mußte an meinen verstorbenen Schatz denken und konnte es gar nicht satt bekommen, zu hören. Plötzlich fiel mir ein, so müsse ein Zauber beginnen, da faßte ich mir einen Entschluß und lief fort.“ 
„Das war eine Äolsharfe24, lieber Freund“, erklärte Johannes, — „es waren keine Geisterhände, sondern die Luft, die ihre Saiten erklingen ließ. Der Zauber, den Du fühltest, war nur die Wirkung der schönen Klänge auf Dein Ohr und Herz, und wenn Du Dich geprüft hättest, würdest Du erkannt haben, daß Du in dem Augenblick, wo Du an Dein verstorbenes Liebchen dachtest, besser warst, als wenn Du in der Kneipe auf die Hartwich schimpfst. Überlege Dir einmal, ob eine böse Macht so gute, weiche Ge­fühle eingeben könnte und lausche, so oft Du willst, den Harfenklängen, sie behexen Dich nicht, sie ver­edeln Dich nur.“
Der Bauer schaute den freundlichen Sprecher er­staunt an.
„Ich habe Sie nicht so ganz verstanden, aber ich glaube Ihnen, daß Sie’s gut meinen, Herr.“
„Und woher kommt Dir dies Vertrauen?“ fragte Johannes, „da Du mich doch gar nicht kennst?“
„Ei, Sie — Sie sehen so rechtschaffen aus, Herr“, sagte der Bursche voll Zuversicht, Johannes in die Augen sehend.
„Nun, dann mußt Du mir auch glauben, wenn ich Dich versichere, daß Du der Hartwich Unrecht tust! Weißt Du — ich kenne sie — schon von Kindheit an und verbürge mich dafür, daß sie brav und gut ist!“
Johannes sandte einen vollen Blick an dem Schloß empor, unter dem sie vorüberschritten. Eine ältliche Frau öffnete soeben ein Fenster im oberen Stockwerk.
„Sehen Sie“, rief der Bauer, „das ist die Haushälterin, die Willmers, jetzt steht das Fräulein erst auf, es ist neun Uhr.“ —
„Gesegnet sei Dein heutiges Erwachen!“ hauchte Johannes vor sich hin. —
Und von Blütenstaub und Morgenluft getragen stieg dieses Wort empor zu ihr, die müde von einer durchwachten Nacht, befangen von einem zu schnell abgekürzten Morgenschlummer am offenen Fenster ruhte. Sie hatte den Kopf auf das Gesims gelegt und ließ den balsamischen Sommerhauch über ihr traumumwobenes Haupt streichen. Der Segensgruß, den Johannes gesprochen, umwallte sie in einem Meere von Duft und Licht und sie empfand ihn, ohne ihn zu verstehen. Sie öffnete endlich die bren­nenden, geschlossenen Lider und blickte hinaus, noch war es, als sähe sie alles nur durch einen grauen Schleier, den die Ermattung um ihre Blicke gebreitet, nach und nach aber enthüllte sich das sonnige Bild, überwölbt von dem klaren, wolkenlosen Firmament vor ihr in ganzer Pracht. Sie erhob sich und lehnte sich hinaus mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer. Sie kannte kein Glück, als das des gesättigten Ehr­geizes, sie vermochte sich kein anderes vorzustellen, deshalb wünschte sie kein anderes, denn man kann nicht wünschen, wovon man keine Vorstellung hat. Und dennoch lachte ihr im Sonnenschein, rauschte ihr in finsterer Nacht, wallte ihr aus dem Tale herauf und von den Bergen herunter die Verheißung eines anderen Glückes, nach welchem sie sich in Sehnsucht verzehrte, ohne es zu kennen. Und aus jeder Stimme der Natur, jedem Vogelsang, jedem Murmeln eines Quells, aus dem Sausen des Stur­mes und dem Tosen des Donners tönte ein Ruf an ihr Ohr, sie wußte nicht woher, nicht wohin, aber sie hätte sich in den See stürzen mögen, um ihm zu folgen. 
„Es gibt kein besseres Mittel, sich vor jedem unbestimmten Verlangen zu behüten, als indem man arbeitet, sich vor jedem Verlieren ins Allgemeine zu retten, als indem man sich mit ganzer Kraft ins Einzelne versenkt“, hatte ihr Oheim gesagt, wenn er solche Stimmungen an ihr wahrnahm. „Drängt es Dich, das Ganze zu erfassen, so erfasse zuerst die Teile. Treibt es Dich, zum Himmel aufzufliegen, so bedenke, daß die Sternwarte der einzige Weg dahin ist. Gelüstet Dich, den warmen Pulsschlag des Lebens zu fühlen, so bedenke, daß er sich Dir nirgend besser, als am Seziertisch zeigt.“
Und sie war schweigend, klaglos von ihrem Flug in ferne Welten zum Teleskop zurückgekehrt, oder hatte mit dem vollen, überströmenden Herzen, das eine Welt umfassen wollte, mikroskopische Organismen zerlegt.25 So war sie im Laufe langer Jahre daran gewöhnt worden, Empfindungen wie die heutige zu unterdrücken und nur selten tauchten sie noch auf, wie man die Glocken der, im Meer versunkenen Stadt läuten hört, wenn’s Sonntag ist.26 — Es war zwar heute kein Sonntag, aber ein Jahrestag. Heute vor zwölf Jahren war sie in jener ersten und einzigen Gesellschaft gewesen, die sie jemals besucht, hatte sie ihr Vater fast totgeschlagen und hatte ihr Leben eine ganz andere Wendung genommen. Sie wußte das Datum genau, denn der folgende war der Todestag, ihres Vaters. Alle die alten Gestalten zogen an ihr vorüber, es waren ja die Einzigen, die ihr im Leben nahe gestanden, denn seit jener Zeit war sie mit keiner Seele mehr in engere Beziehungen getreten. Den Menschen hatte sie studiert — die Menschen waren ihr fremd geblieben. Und wie sie dachte und sann, da wünschte sie wieder das Kind zu sein, das mit der Windsbraut um die Wette rannte und sich auf sturmgepeitschen Wipfeln wiegte. O, noch einen Atemzug aus jener jugendlich hoffenden Brust, noch einen Schlag jenes liebebereiten Herzens, noch eine Träne jenes ringenden Glaubens! Tot und stumm Alles — erstorben jede Blüte der Kindheit und Jugend, eine Greisin mit zweiundzwanzig Jahren, die von der Warte leidenschaftsloser Betrachtung herabsieht auf ein Leben, das hinter ihr liegt, ohne daß sie es ge­nossen, auf eine Zeit, die ihr vergangen, ohne daß sie dieselbe gelebt. Sie wandte mit einem tiefen Seufzer das Auge von dem sonnigen Bild ab. „Unser Leben währt an die siebenzig und, wenn es hoch kommt, an die achtzig Jahre“, sprach sie vor sich hin, „und ist es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen!“27 Dieses goldene Wort der Schrift, das sie zum Wahl­spruch erkoren, seit ein großer Philosoph der Neuzeit es sie verstehen gelehrt, übte auch jetzt wieder seinen Zauber auf sie aus.28 Was wollte sie Köstlicheres vom Leben als Mühe und Arbeit? Was brauchte sie mehr, ob in der Jugend oder im Alter, als diese? — Sie trat vom Fenster weg und wand ihr aufgelöstes Haar, das sie wie ein schwarzer Schleier umfloß, rasch in einfachen Flechten um den Kopf. Ihre Blicke fielen dabei nur flüchtig und gleichgültig in den Spie­gel, sie sah es selbst nicht, welch ein Antlitz ihr daraus entgegenschaute, so vollendet schön, wie sich eines Künstlers Phantasie die düstere Gestalt einer Mariken von Nymwegen nur denken kann.29 — Dann warf sie ein einfaches weißes Gewand über
und ließ ermüdet die Arme sinken. Der Ausdruck von Tatkraft, der so eben mit dem Worte Arbeit ihr Gesicht belebt hatte, wich einer tiefen Traurigkeit, fast Hoffnungslosigkeit, und sie sank erschöpft in den Stuhl. Eine Minute saß sie so mit eingefallener Brust und vorgebogenem Kopfe, dann quollen ein paar große Tränen über ihre Wangen.
„Arbeit ist ein köstlich Ding, wenn man die Kraft dazu hat — aber ich habe sie nicht mehr!“ sagte sie und ihre durchsichtigen schmalen Hände um­klammerten ihre Knie, während ihre Augen verzweif­lungsvoll ins Weite starrten.30
Die Wirtschafterin, Frau Willmers, trat ein.
„Es ist ein Fremder draußen, Fräulein, der mir diese Karte gab; der Herr, dessen Name auf der Karte steht, schicke ihn.“
Ernestine las den Namen: „Professor Dr. Heim“ und darunter mit Heims Hand: „empfiehlt den Überbringer dieser Karte dringend.“
„Er ist willkommen!“ rief sie wie neubelebt. „Führen Sie ihn in die Bibliothek.“
„Wollen das Fräulein ohne Wissen des Herrn Onkels? —“ fragte die Frau zögernd und sehr erstaunt.
„Ich will es!“ erwiederte Ernestine fest. 
„Nun Gott sei Dank“, murmelte die Alte, „daß Sie endlich einmal einen Menschen sehen mögen — und der Herr draußen ist schon der Mühe wert, daß man ihn anschaut. Aber nicht wahr, Sie über­nehmen die Verantwortlichkeit bei dem gestrengen Vormund, damit ich’s nicht büßen muß?“ 
„Ich werde es verantworten!“ 
Frau Willmers eilte hinaus und geleitete den Ankömmling in Ernestinens Bibliothek.
Eine angenehme bläuliche Dämmerung umfing ihn beim Eintreten, verursacht durch die schweren blauseidenen Gardinen, mit denen die hohen Bogen­fenster verhangen waren. Es war ein großes acht­eckiges Gemach, im Stil der mittelalterlichen Turmstuben, mit einem offenen Erker, der gleichfalls durch blauseidene Vorhänge von dem Zimmer getrennt war. Inmitten des Erkers hing die Äolsharfe, von der jener Bauer erzählt hatte, und lose Ranken wilden Weines, der sich außen empor schlang, peitschten, vom Winde bewegt, die Saiten und entlockten ihnen abge­brochene, wirre Klänge, die ein starker Luftzug immer wieder in Eins verwob; wie ein Kind, die Hand vom Lehrer geführt, ein Instrument spielt, bis die geübten Finger des Meisters dazwischen greifen und einen vollen, reinen Akkord ertönen lassen. In den dunklen Baumwipfeln, die den Erker beschatteten, flöteten Singvögel und kamen zutraulich dann und wann in die Rosenbüsche geflogen, mit denen er geschmückt war.
„Sie hat Poesie“, dachte Johannes und blickte wohlgefällig in dem kühlen, stillen Gemache umher, welches nur Ruhe und tiefsten Frieden atmete. Und ein schöner Geistesfriede mußte es sein, der sich auf den hier Weilenden niedersenkte; wo der Blick hinfiel, traf er auf die unsterblichen Werke aller großen Den­ker der Neuzeit, eine kostbare Bibliothek türmte sich auf prachtvollen Gestellen von geschnitztem Eichenholz empor.
Johannes las die Titel, aber je mehr er las, desto bedenklicher wurde er: wenn der Inhalt dieser Bücher in ein einziges Frauengehirn gepreßt war, oder werden sollte, dann konnte hier kein Friede, son­dern nur der rastloseste, aufreibendste Kampf herr­schen. — Sein Blick fiel endlich auf einen Schreib­tisch, der wie alle Möbel des Zimmers reich mit dunklem Schnitzwerk versehen war. Er las die am obersten Aufsatz des Tisches in erhabenen Buchstaben eingeschnittene Schrift: „Unser Leben währet an die siebenzig und, wenn es hoch kommt, an die achtzig Jahr’ — und ist es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen!“ Seine Augen hafteten lange sinnend auf dem ernsten Wahlspruch dieses noch so jungen Mädchens. Seine hohe kräftige Stirn umschattete eine milde Trauer, als er sich abwandte und die hunderterlei Blättchen betrachtete, die umhergestreut waren, alle mit wenigen Zahlen oder Zeilen beschrie­ben, unverkennbar schnell verworfene Anfänge von wissenschaftlichen Arbeiten aller Art und, wie es schien, meist unwillig und hastig weggeschleudert. Seitwärts des Tisches, teils auf einem Pult, teils auf der Erde lagen ganze Stöße aufgeschlagener, mit Zetteln und Anmerkungen versehener Bücher, Broschüren usw. Namen wie Helmholtz, du Bois, Ludwig, Darwin u. a. m. zeigten, welch’ riesiges Material dieser kühne strebende Geist zu seinen Arbeiten herbeizog, — über welche Berge von Mühe er den Weg nach seinen ehr­geizigen Zielen nehmen wollte. „So viel lebendige Kraft an fruchtlose Bestrebungen, so viel edlen Eifer an eine Verkehrtheit verschwendet, wie schade!“ sagte Johannes mit einem unwillkürlichen Seufzer. Da bemerkte er ein kleines offnes Fach inmitten des Schreibtisches, wo Ernestine ihr besonders wertvolle Bücher zu bewahren schien. Das Eine war Kuno Fischers „Leben Kants“ — das Zweite du Bois’ Gedächtnisrede über Johannes Müller, und das Dritte: Andersens Märchenbuch.
Eine eigene Rührung spiegelte sich in den Zügen des ernsten Mannes, da er dies erblickte. Nur ein starkes tiefes Gemüt vermochte die Erinnerungen seiner Kindheit so treu zu bewahren. — Er konnte nicht widerstehen, sich des Buches zu bemächtigen, um es genauer zu betrachten. Als er es in die Hand nahm und darin blätterte, fiel ihm ein vergilbtes Papierzeichen auf — es lag zwischen den letzten Seiten des Märchens vom häßlichen jungen Entlein, gerade da, wo die Kinder um den Teich stehen und rufen: „Es ist ein neuer Schwan hinzugekommen!“ Das war es wohl, was ihr die Märchen so wert machte — die Prophezeiung, daß aus dem Entlein ein Schwan werde, nicht das fromme Festhalten an dem, was ihrer Kindheit einst wert war? Er stellte das Buch an seinen Platz zurück. Ein Schatten legte sich wieder über Johannes’ Gesicht, — diese letzte Betrachtung hatte ihm weh getan. Er war so tief in Sinnen versunken, daß er fast erschrak, als sich eine Tür hinter ihm öffnete und Ernestine ihm entgegentrat. Als er
die hohe Gestalt mit ihrer königlichen Würde vor sich stehen sah, schweigend und ruhig in dem edlen Be­wußtsein ihrer geistigen Bedeutung, da wiederholte er in Gedanken die Worte: „Es ist ein neuer Schwan gekommen.“ Ja! dem häßlichen jungen Entlein waren die Flügel gewachsen. Einen Augenblick pochte ihm vor innerer Erregtheit das Herz rascher. Er hatte Mühe, seine Haltung zu bewahren.
„Vergebung, mein Fräulein“, begann er, „daß ich an Stelle dessen, den Sie riefen, Ihnen meine Hilfe anzubieten wage.“
„Wenn der alte Heim Sie schickt, sind Sie mir willkommen; ist er krank — daß er mir einen Stell­vertreter sendet — oder zürnt er mir?“ Ernestine faßte bei diesen Worten den Fremden fest ins Auge.
„Weder das Eine noch das Andere, mein Fräu­lein“, erwiderte dieser; „er erlaubte mir nur, seinen Namen als den Talisman zu gebrauchen, welcher mir dies verzauberte Schloß öffnen sollte.“
„Und warum das?“ fragte Ernestine, ihn immer aufmerksamer betrachtend.
„Weil ich die Überzeugung habe, daß ich Ihre Krankheit besser zu behandeln verstehe, als der alte Heim.“
Ernestine stutzte und wandte den Blick von dem stolzen Sprecher ab, ein Anflug von Unwillen verdüsterte ihr Gesicht, aber es währte nicht lange; bald schlug sie ihre großen Augen wieder prüfend zu ihm auf und sagte voll Vertrauens: „Nein! Sie sprechen nicht im Ernst. Einen Mann, der so an­maßend und eitel wäre, wie diese Worte Sie erschei­nen lassen, würde mir Heim nicht empfohlen haben!“
Johannes reichte ihr erfreut die Hand. „Das war ein tüchtiges Wort, mein Fräulein — das ge­fällt mir! Aber dennoch muß ich den Vorwurf der Anmaßung und Eitelkeit auf mir ruhen lassen, bis Sie ihn selbst von mir nehmen, — denn ich sprach nur meine und Heims eigene Überzeugung aus! Sie schütteln befremdet das Haupt und verstehen mich nicht. — Ich hoffe, Sie werden dies bald lernen. Wie hätte ich den Mut gehabt, durch eine so kecke Sprache Ihre Mißbilligung herauszufordern, wenn ich nicht wüßte, daß die nächste Zeit mich rechtfertigen wird?“
Ernestine winkte ihm, sich zu setzen, „Ist es indiskret von mir, mein Herr, wenn ich Sie, bevor wir weiter sprechen, nach Ihrem Namen frage?“
Johannes sah sie freundlich bittend an. „Liebes Fräulein — lassen Sie mich diesen noch verschweigen, ich möchte so gern, daß Sie Vertrauen zu mir faßten, zu mir, zu meiner Person, ohne die Ge­währ eines wohlbeleumundeten Namens. Wie köstlich, wie beglückend wäre solch ein Vertrauen! Nennen Sie das eine Grille, wenn Sie wollen, aber lassen Sie mir dieselbe!“
„Wie Sie wünschen, mein Herr“, sagte Ernestine etwas befangen, und ein forschender Blick heftete sich wieder auf sein Gesicht. Es war, als suche sie etwas in den reinen, edlen Zügen, als dämmere etwas wie eine Erinnerung bei Betrachtung derselben auf, und dann schlug sie die Augen wieder nieder, als ver­gleiche sie das Gesehene mit einem Bilde in ihrem Innern, ohne ins Klare kommen zu können.
Johannes beobachtete jede Bewegung ihrer Mie­nen. Kein Gedankenschatten entging ihm, der über diese weiße, sinnende Stirn hinzog, er schaute und schaute sie an und vergaß darüber das Reden, sie war so wunderbar schön, diese keusche, ernste Jungfrau, bleich und leidend durch den strengen Dienst des Ge­dankens, dem sie mit priesterlicher Weihe dahingegeben. In solcher Gestalt wird auch der traurigste Irrtum rührend — ja erhaben, und wir beugen uns vor ihm statt ihn zu belächeln. Dies waren Johannes’ Empfindungen, als er so schweigend vor ihr saß und es mußte sich etwas davon in seinen Augen spiegeln, denn Ernestine wandte plötzlich verlegen den Blick von ihm ab und fragte fast unwillig: „Nun, mein Herr, was für Nachrichten bringen Sie mir von Vater Heim? Ist er geistig und körperlich rüstig?“
Johannes ernüchterte sich etwas durch den kühlen Ton, in dem sie dies sprach. „Ja, mein Fräu­lein, das ist er. Geliebt und verehrt von seinen Fachgenossen wie von seinen Patienten, genießt er einen heitern Lebensabend.“
„Das freut mich. Auch ich bin durch Fesseln der Dankbarkeit an ihn gebunden, er hat mir viel Gutes getan, ja — ich darf ihn wohl als den Retter meines Lebens betrachten. Deshalb hoffte ich auch jetzt wieder von ihm alles Heil. Er ist ein großer Praktiker, wenn er auch in seinem Greisenalter nicht ganz mit der modernen Wissenschaft Schritt gehalten hat!“
„Das ist er, mein Fräulein. Aber von Ihrem schlimmsten Übel kann er Sie doch nicht befreien und deshalb schickt er mich.“
„So sind Sie wohl ein berühmter Spezialist? Aber wie kann Heim wissen, ob ich eines solchen bedarf?“
„Und dennoch weiß er es, mein Fräulein, denn mit dem Übel, von welchem ich rede, waren Sie schon als Kind behaftet und Heim besaß kein Rezept dagegen. Da er sich überzeugte, daß ich im Besitz der richtigen Heilmethode bin, nahm er mich zu sei­nem Assistenten an. Ich frage Sie daher offen und einfach: Wollen Sie mich zu Ihrem Arzt haben? Ja oder nein?“
Ernestine schwieg einen Augenblick, dann sagte sie fest: „Ja, wenn Heim glaubt, daß Sie mich wieder herstellen werden, so genügt mir das und werde ich mich Ihrer Heilmethode unterwerfen.“
„Ich danke Ihnen!“ rief Johannes froh, „aber ich sage Ihnen im Voraus: ich bin ein strenger Arzt und meine Arzneien sind bitter!“
„Doch wohl nicht bitterer als die Krankheit?“ fragte Ernestine.
„Wer weiß! Um gerade heraus zu reden, mein Fräulein, das Übel, von dem ich Sie zu befreien komme, welches Ihre Vergangenheit und Zukunft ver­giftet, ist der Einfluß Ihres Oheims!“
Ernestine stand auf. „Mein Herr!“
„Hören Sie mich erst, bevor Sie mir zürnen! Ich behaupte nichts, was ich nicht beweisen kann.“
„Mein Herr, ich will davon nichts hören. Sie tun meinem Oheim Unrecht, welcher Art auch Ihre sogenannten Beweise sein mögen. Ein ganzes Leben voll Treue und Aufopferung wiegt schwerer als die Anklage eines Unbekannten. Was danke ich ihm, was tat er für mich! — Ihm schulde ich meine wissenschaftliche Bildung, was ich bin, hat er aus mir gemacht.“
„Und wenn ich nun so kühn wäre, Sie zu fra­gen, mein Fräulein, ob Sie so gewiß sind, daß das, was er aus Ihnen machte, das Rechte ist?“
Es entstand eine Pause, während welcher Erne­stine einen Schritt zurücktrat und beleidigt und be­schämt vor sich nieder sah.
Johannes fuhr fort: „Wenn ich nun gekommen wäre, Ihnen gerade das Gegenteil zu beweisen?“
Ernestine blickte ihn finster an. „Hierauf weiß ich allerdings nichts zu erwidern, aber Ihre Gering­schätzung zwingt mich, zu fragen, ob Sie meine Schrif­ten kennen und ob diese meine Fähigkeiten in ein so schlechtes Licht gestellt haben?“
„Im Gegenteil, mein Fräulein, Ihre Abhandlung über die Reflexbewegungen ist genial, und Ihre Schrift über den Raumsinn des Auges hat den Preis erhalten.“
Ernestine horchte hoch auf, ihr Antlitz rötete sich, ihre Augen flammten. „Und das sagen Sie mir jetzt erst! Meine Schrift den Preis! Wach’ ich — träume ich? Ist es denn wahr, — wirklich wahr? O wie soll ich Ihnen für diese Botschaft danken? Ich finde keine Worte — möchten Sie sich belohnt fühlen durch die Versicherung, daß Sie mir die größte Freude meines Lebens machten! Aber nun schmähen Sie mir auch nicht mehr den Mann, dessen aufopfern­dem Bemühen um meine Erziehung — ich allein dies Glück verdanke!“
„Armes Herz, wenn das Ihre größte Freude ist! Arme Betrogene, wenn Sie Ihrem Oheim kein an­deres Glück zu verdanken haben!“
„O mein Herr, was gibt es Höheres als Ehre und Ruhm?“
Johannes blickte sie ernst an. „Etwas, das Ihr Oheim Sie jedenfalls nicht lehren wird!“
Ernestine hörte ihn nicht in ihrer ehrgeizigen Er­regung. Sie ging einige Schritte auf und nieder, dann setzte sie sich wieder und fragte mit klopfendem Herzen: „Bringen Sie mir vielleicht auch eine Antwort auf meine Bitte, an der hiesigen Universität Vorlesungen zu besuchen?“
„Allerdings, mein Fräulein, aber sie ist von beiden Fakultäten, an die Sie sich wandten, abgelehnt!“
Ernestine ließ die Arme sinken. „Abgelehnt! Und wußte man schon, als man dies beschloß, daß jene Preisschrift von mir war?“
„Man wußte es.“
Ernestine stand einen Augenblick wie betäubt. Endlich begann sie langsam und tonlos: „Jetzt ist mir Alles klar: Die Herren hielten den Verfasser der Abhandlung wohl für einen Mann, deshalb krönten sie dieselbe; mein Gesuch aber wurde abgeschlagen, weil ich das Unglück habe, eine Frau zu sein. — Es ist ja natürlich — wie darf man denn einer Frau ge­statten, mit den Herren der Schöpfung wetteifern zu wollen?“
„Sie sind ungerecht in Ihrem Unmute“, sagte Johannes; „man hat Ihre Schrift gekrönt, weil sie ihren Zweck erfüllte. Die Frau, die sie verfaßte, weist man ab, weil eine Frau im Kolleg ihren Zweck nicht erfüllt.“31
„Und wie wollen Sie mir das beweisen?“ frug Ernestine bitter.
„Weil sie für ihren naturgemäßen Beruf ver­loren geht und in dem selbst erwählten das Erforder­liche nicht leisten kann.“
„So gehören Sie auch zu meinen Gegnern?“
„Ja, mein Fräulein!“
„O das tut mir leid!“
„Warum? Was liegt Ihnen an dem Urteil eines Unbekannten?“
Ernestine schlug die Augen nieder: „Der Ein­druck Ihres Wesens ist so edel, daß es mich schmerzt, in Ihnen einen jener engherzigen Materialisten zu finden, die den Frauen nur die niedrigste Begabung zugestehen.“
„Das tu’ ich keineswegs. Ich traue denselben und insbesondere Ihnen sehr Großes zu!“
Ernestine sah ihn erstaunt an. „Nun, wie sollen wir aber unsere Fähigkeiten geltend machen, wenn wir die Grenzen des kleinen Berufs nicht erweitern dürfen, den die Natur uns so stiefmütterlich zugewiesen?“
„Ich denke nicht so gering von diesem Beruf, ich finde ihn so schön, so erhaben, daß auch die höchste Begabung sich in demselben genügen kann, wenn er nur richtig verstanden wird!“
„Wenn aber ein Weib — verzeihen Sie die Unbescheidenheit,— wenn ich anders ausgestattet wäre, als gewöhnliche Frauen, hätte ich dann mit der Kraft nicht auch das Vorrecht, mich über die gewöhnlichen Grenzen zu erheben?“
„Dann hätten Sie das Vorrecht, Ihr Geschlecht zu adeln und ihm zu zeigen, was es innerhalb seiner Schranken wirken kann, dann hätten Sie die Kraft, das größte Weib, aber nicht ein Mann zu sein.“
Ernestine blickte trübe vor sich hin. „Sie kennen meine Schrift?“
„Ja!“
„Sie finden, daß sie den Preis verdiente?“
„Ja!“
„Und sprechen mir doch das Recht ab, männliche Aufgaben zu lösen?“
„Sie haben eine solche gelöst — in wie weit aber Ihr gefälliger Oheim dabei geholfen, wollen wir dahin gestellt sein lassen.“
Ernestine schlug die Augen nieder.
Johannes fuhr fort: „Sie wissen es vielleicht selbst nicht; auch war die Konkurrenz der Preisbewer­ber eine geringe, ohnehin nicht schwer zu besiegende. Aber Sie glauben, mein Fräulein, weil der Instinkt Ihres Genies diese eine Frage beantwortet hat, das ganze unabsehbare Gebiet der Forschung beherrschen zu können? Haben Sie eine Ahnung von der Größe dessen, was Sie sich vorgenommen?“
„Ich denke, ich lernte genug, um zu wissen, was ich noch lernen muß!“
„Täuschen Sie sich nicht über Ihren Zweck. Sie wollen nur lernen, um zu lehren — nicht zu lehren wie jeder Schulmeister, d.h. nachsprechen, was man Ihnen vorgesagt; Sie wollen auf Grund der überlieferten Wahrheiten neue Wahrheiten dartun, mit andern Worten: Sie wollen produzieren!“
„Und Sie sprechen mir hierzu die Fähigkeit ab?“
„Durchaus nicht“, erwiderte Johannes, „aber ich räume der weiblichen Produktion nur ein Feld ein, es ist das der Kunst, weil bei dem Kunstwerk Herz und Verstand sich in die Arbeit teilen, weil bei der Schöpfung des Schönen ein tiefes Seelenleben, eine hochgehende Phantasie die männliche Gedankenschärfe ersetzen kann. Beides bringt die bevorzugte Frau von Anbeginn mit. Die Wissenschaft aber bietet die schwersten Aufgaben nicht sowohl für den Geist, als für das Denkvermögen an sich. Ich spreche der Frau nicht die Fähigkeit ab, die großen Resultate des Wissens zu begreifen, aber die geistige Technik, die ausdauernde Denkkraft, selbstständig zu diesen zu gelangen.“
Ernestine faltete fast bittend die Hände. „Vernichten Sie mir nicht, was meinem Leben Zweck und Inhalt ist.“
Johannes bog sich zu ihr nieder und sagte mild: „Mein teures Fräulein! Möchten Sie doch einen andern Zweck Ihres Lebens finden, als diesen, den Sie nie erreichen werden.“
„Nie erreichen?“ rief Ernestine sich stolz erhebend. „Noch wüßte ich nicht, was dieses Wort rechtfertigen könnte. O wäre ich nur gesund, wäre mein Körper ein gehorsameres Werkzeug meiner Seele, dann wollte ich zeigen, was ein Weib kann! Wollte zeigen, daß wir nicht nur denkende Haustiere sind, wie uns eine gewisse Klasse von Männern bezeichnet, sondern daß wir ihnen ebenbürtige, freie Wesen sind. O, wenn Sie wüßten, wie mein ganzes Sein sich verzehrt in dem Zorn über unsere soziale Unterdrückung, unsere geistige Sklaverei! Glauben Sie, glauben Sie, mein Herr, es ist nicht eitler Ehrgeiz, was mich treibt, — es ist der Schmerz um die tausend Schmerzen jener Seelen, welche gleich mir sich blutig gerungen an den Ketten der Alltäglichkeit oder gleich dem Blindgeborenen in dem Dunkel der Unwissenheit ahnten von dem Lichte, das die Welt erleuchtet, dem Wonne und Frei­heit entströmt, und von welchem sie ausgeschlossen sind! Es ist die Schmach meines ganzen Geschlechts, die ich tilgen, der Jammer meines ganzen Geschlechts, den ich rächen will, und dafür setze ich Gut und Blut ein, dafür gebe ich jeden Anspruch auf weib­liche Freuden, gebe mich selbst zum Opfer hin!“
Johannes hatte ihr mit über der Brust gekreuzten Armen gelauscht und begann nun ruhig: „Mein Fräu­lein, ich verstehe und bewundere Sie, aber Sie über­treiben; die soziale Stellung der Frauen ist eine ihrem Können und Wollen entsprechende. Wesen, wie Sie, gehören zu den seltenen Ausnahmen, im Allgemeinen steht Ihr Geschlecht auf einer zu niedern Stufe der Entwicklung, um größere Ansprüche machen zu können!“
„Und an wem liegt die Schuld?“ unterbrach ihn Ernestine lebhaft. „An Euch, Ihr Herren der Welt! Wenn wir denn doch Euch geistig untergeordnet sind, warum erzieht Ihr uns nicht besser, warum hebt Ihr uns auf keine höhere Stufe der Intelligenz? In Eurer starken Hand liegt es ja, aus uns zu bilden, was Ihr wollt! Und nirgend in christlichen Ländern steht es wohl auch schlimmer um das Weib, als gerade bei uns. Sehen Sie hin nach Rußland, in das Land, in dem sich Leibeigenschaft und Knute am Längsten erhielten, selbst dort tauchen mehr und mehr gelehrte Frauen auf, und die russischen Hochschulen schämen sich weiblicher Zöglinge nicht. Sehen Sie nach Frank­reich, nach England, überall werden Frauen beschäftigt, anerkannt, ihre Fähigkeiten erweitert, indem sie geübt werden und das ganze Geschlecht hat sich dort bereits größere Achtung gewonnen.32 Ja, ich kann es leider nicht leugnen, daß die Mehrzahl unserer Frauen entweder schlichte Haushälterinnen sind, denen nichts über die Interessen ihrer Küche und ihrer Kinderstube geht, oder glänzende Puppen, die nur Sinn haben für die Geltendmachung ihrer äußeren Vorzüge. Von Politik, von den Interessen ihres Vaterlandes, von Wissenschaft und Dichtung verstehen sie wenig oder nichts, selbst von den Künsten fordern sie nur Unterhaltung, nicht Belehrung und Erhebung. Solche Frauen können nicht den Keim der Vaterlandsliebe in die Herzen ihrer Söhne legen, nicht die Bestrebungen ihrer Männer teilen, noch die Seelen ihrer Töchter dem Schönen und Erhabenen öffnen.33 O, es ist traurig — aber wer trägt die Schuld? Doch nur die Männer, welche das Weib ausschließen aus ihrer Welt, welche, sein höheres Ingenium ein für allemal leugnend, es in die Küche verweisen, oder es zwingen, durch eine Herrschaft über ihre Sinne sich für den versagten Anteil an ihrem Geistesleben zu entschädigen!“
Johannes erwiderte nichts. Ihm war es ein Genuß, sie zu sehen und zu hören. Er wollte sie sich erst ganz aussprechen lassen, bevor er sie widerlegte.
Ernestine fuhr fort: „Das Alles zähle ich zu der Schmach meines Geschlechts, welche aufgehoben werden muß, wenn sie sich nicht selbst rächen soll, — und das wird sie unausbleiblich; denn an üppiger Ver­weichlichung, an Ausschweifung gingen die Nationen unter, die das Geistige im Weibe nicht achteten! Diese Achtung müssen wir uns zu erringen suchen um jeden Preis — ehe es zu spät ist. Lächeln Sie meinetwegen über die Anmaßung, daß ich ein weib­licher Arnold von Winkelried sein und unserer geistigen Freiheit Bahn durch die Lanzen des Hohnes und Vor­urteiles brechen will. Ich weiß ja, was mir bevor­steht! Das alltägliche Weib fühlt sich nicht in seinem Geschlechte geehrt, wenn eine seiner Schwestern sich über das Gewohnte erhebt, es empfindet nur seine eigene Armut um so bitterer, rächt sich dafür, wenn es nichts Besseres weiß, mit den Waffen der soge­nannten Sitte und hat gar leicht den Schimpf der Unsittlichkeit auf eine freie Seele geworfen! Die Männer aber verschließen mir verächtlich und miß­günstig die Tür, und Kampf und Mühe sind’s, die mir winken. Dennoch zag’ ich nicht und ist’s nicht hier, so zieh’ ich in ein anderes Land, wo Humanität und Ritterlichkeit die strebende Frau unterstützen.“
„Wo Humanität und Ritterlichkeit der Frau ge­statten, die Blüte ihres Daseins abzustreifen: ihre Weiblichkeit!“ fiel ihr Johannes nun in die Rede, „denn, wie wollen Sie diese bewahren, wenn Sie sich in anatomischen Studien abhärten gegen Alles, was der feinfühlenden Frau Grauen einflößt, — wenn Sie in Einzelheiten einzugehen gezwungen sind, durch deren nähere Bezeichnung schon ich Ihr mädchenhaftes Zart­gefühl verletzen würde. — Ich habe Sie bisher nicht unterbrochen, weil ich Sie kennen lernen wollte, weil Sie mich in Ihrem heiligen Eifer rührten und ent­zückten. Es lag neben vielem Törichten und Überspannten, was ich jetzt nicht erörtern will, auch viel Wahres in dem, was Sie sagten. Aber das Eine, glauben Sie mir, daß der weibliche Körper eben so wenig dem wissenschaftlichen Studium gewachsen ist, wie der weibliche Geist! Ich habe Sie auf das Ge­biet des Schönen, der Kunst hingewiesen, davon aber wollen Sie nichts hören; den Künstler- oder Dichter­ruhm müßten Sie mit zu vielen Andern teilen. In Ihnen wühlt der Ehrgeiz, etwas ganz Neues, nie Dagewesenes zu leisten. Aber, mein Fräulein, an diesem Ehrgeiz werden Sie zu Grunde gehen! Schaffen Sie, wenn es Sie zu Produzieren drängt, Ihren Ideen Gestalten, die für sich selbst reden, schaffen Sie ein künstlerisches Gebild; denn in ihm ist Friede, es ist ein Ganzes, Fertiges für sich, und in ihm ruht die Seele von ihren Mühen aus. Eine dichterische Idee kann im Kunstwerk erschöpft werden, eine wissenschaft­liche Hypothese aber ist unerschöpflich, weil sie, wenn auch abgeschlossen und bewiesen, immer neue Schlüsse nach sich zieht! Solch rastloses Weiterstreben ohne Ruhepunkt erträgt nur die Kraft des Mannes, die zarte Natur der Frau muß ihm erliegen, gerade wenn sie so starken Geistes ist, daß sie mit der brennenden Begierde, der atemlosen Spannung des Forschers arbeitet. Und wenn es ihr selbst gelingt, mit Aufopferung ihres Lebens irgend einen neuen Beitrag zur allgemeinen Forschung zu liefern, so hat sie doch nur den kleinsten Teil dessen geleistet, was der Mann mit leichter Mühe vollbringt. Der Todesschweiß einer Sterbenden hängt an ihrem Werke und die Welt sagt höchstens achselzuckend: „Für eine Frau alles Mög­liche!“ Ist solch ein bedingtes Lob mit Gesundheit und Leben nicht zu teuer erkauft?“
Ernestine hatte ihm in atemloser Spannung ge­lauscht. Ihr dunkles Auge haftete mit einem über­wältigenden Ausdruck auf dem schönen Gesicht des Sprechenden. Als er schwieg, ließ sie die Arme in den Schoß sinken: „Sie tun mir schweres Unrecht, wenn Sie die Bewunderung der Welt für die einzige Triebfeder meines Tuns halten. Ja, ich sehne mich nach Anerkennung, das habe ich Ihnen gesagt. Aber diese hätte ich auf anderen Gebieten wohl leichter ge­funden und mein Oheim ließ mir die Wahl. Ich er­griff aus Neigung die Naturforschung und insbesondere die Physiologie. Die Geschichte war mir gleichgültig, weil mir die Menschen gleichgültig sind. Die Phi­losophie ist mir zu dogmatisch, wie die Religion — in der Natur allein quillt immer neues, greifbares Leben. „Da weiß ich doch“, wie Johannes Müller sagt, „wem ich diene und was ich habe.“ Die Phy­siologie hat eine neue Welt vor mir aufgetan, oder besser, sie hat mir die alte erst neu geschenkt, — denn jetzt erst bin ich sehend, seit ich begreife, was ich sehe; jeder Sonnenstrahl, der sich in einem Tautropfen bricht, ist mir bedeutsam, jede Tonwelle, die aus der Ferne an mein Ohr dringt, ruft eine Reihe von Vor­stellungen wach. O, welcher Genuß käme dem gleich, den diese mächtige Wissenschaft uns bietet, ja wahr­lich, die Wirklichkeit macht sie zum Wunder und was uns Wunder schien, macht sie zur Wirklichkeit. Und auf dies hohe Gut soll ich verzichten, weil ich ein Weib bin? Und dieses beseligende Erforschen alles Lebens sollte mir den Tod bringen? O nein, ich kann’s, ich will’s nicht denken!“
Johannes reichte ihr die Hand. „Sie sind eine schöne, große Seele und begreifen das Wesen der Wissenschaft. Doch gesetzt auch, Sie hätten körperlich und geistig die seltene Zähigkeit, die Aufgabe, welche Sie sich stellten, durchzuführen, so könnte dies nur auf Kosten Ihres weiblichen Berufs geschehen. Denn das Weib kann nicht zweien Aufgaben genügen, deren jede seine volle Kraft in Anspruch nimmt. Sie müssen als Gelehrte ausschließlich Ihren Studien leben — die Pflichten der Gattin, der Mutter wür­den Sie zu sehr abziehen, denn diese fordern für sich ein ganzes Leben! Jetzt haben Sie den Mut, die Armut an Glück und Liebe zu ertragen, welche aus dieser Einseitigkeit erwächst: Werden Sie ihn auch später haben? Wenn nun Alter und Krankheit über Sie hereinbrechen, wenn Sie schwach und hilflos werden und einer treuen, wohltätigen Hand bedürfen, die Sie pflegt, eine warme Brust suchen, an der Sie ausruhen könnten von manchem Weh — und Sie haben dann Niemanden, der sich Ihnen hingibt, weil Sie sich Niemandem hingaben, wie wird es dann sein? Haben Sie keine Ahnung von solchem Elend? Ist denn kein Verlangen nach An­lehnung, keine Sehnsucht nach Liebe in Ihrer ver­schlossenen Seele?“
Ernestine schaute finster vor sich hin. „Ich kenne die Liebe nicht, wie kann ich mich nach etwas sehnen, was mir fremd ist?“
„Mein Gott, wie ist das möglich? Sie hatten doch Eltern, Pfleger, Verwandte, denen Ihr Herz anhing?“
„Nein! Meine Mutter starb, als sie mich ge­boren, mein Vater, als ich zehn Jahre alt war, er hat mich nur mißhandelt und war mir fremd. Mein Vormund ward mein Lehrer und Erzieher und weihte mich in die Wissenschaften ein. Weder als Kind, noch als Erwachsene durfte ich mit meines Gleichen ver­kehren und ich wollte es auch nicht, weil ich es nicht anders gewohnt war. Seine eigene kleine Tochter schickte er in eine Pension und lebte ganz für mich; aber das Band, das mich an ihn knüpfte, war doch nur mein Interesse für die Wissenschaften und seine Bereitwilligkeit, dasselbe zu befriedigen. Er ist kalt und ich bin es, ich fühlte nie etwas Anderes für ihn als Dankbarkeit. Einsam war und blieb ich und habe nie einen Menschen geliebt!“
Johannes war tief ergriffen. „Armes Weib“, sagte er, „wenn Du Dich wehklagend um den Tod einer Mutter, eines Vaters oder Gatten vor mir zur Erde würfest und in Tränen Dein Antlitz badetest — es könnte mich nicht so erbarmen, als dies eine ruhige Wort: Ich habe nie geliebt! — Sie blicken mich staunend an! Es wird die Zeit kommen, wo Sie mich verstehen, wo Sie an Ihren Schmerzen die Freuden ermessen lernen, um die man Sie betrog; dann aber wird Ihnen der Mann zur Seite stehen, den Sie jetzt vielleicht als Ihren Feind betrachten und an seiner Brust mögen Sie dann weinen um ein verlorenes Leben,— vielleicht auch ein neues, besseres beginnen!“
Ernestine wendete sich in tiefster Erschütterung von Johannes ab, sie wollte ihm nicht zeigen, was in ihr vorging, sie hauchte nur leise hin: „Leben Sie wohl“, und wollte sich entfernen.
„Sie verlassen mich? Sie zürnen mir? Darf ich nicht wiederkommen?“ fragte Johannes tief be­kümmert.
Ernestine blieb stehen und schwieg.
„Darf ich nicht?“ wiederholte er und in seinem Tone lag eine so schmerzlich inbrünstige Bitte, daß Ernestine im Innersten davon berührt war.
Einen Augenblick des Kampfes noch und da stand sie vor ihm, reichte ihm die Hand und sagte mit einem feuchtschimmernden Blick, der Johannes das Herz über­strömen ließ:
„Kommen Sie wieder.“
„Gott segne Sie für dieses Wort“, rief er mit einem tiefen Atemzug, küßte ihr ehrerbietig die Hand und verließ das Zimmer. Sie blieb regungslos in sich versunken.
Die Äolsharfe klang so süß, die Rosen dufteten so berauschend, die Vögel zwitscherten und die Sonnen­strahlen gossen solch mildes Licht durch die blauen Vorhänge herein. Sie beachtete es nicht, ihr Blick war nach innen gekehrt und verfolgte ein seltsames Doppelbild, das ihre Seele mit sich hinwegzog in eine ferne längst entschwundene Vergangenheit, immer weiter zurück bis in die Tage der Kindheit. —
Warum war es ihr, als rausche jene Eiche über ihrem Haupte, auf die sie einst geflüchtet vor dem herr­lichen Jüngling? Warum sah sie die kleine Angelika auf einmal so deutlich, wie sie die Puppe im Arme hielt, die ihr der Bruder geschickt, und so sicher hoffte, ihre Zärtlichkeit könne dieselbe zum Leben erwecken?
Und wie sie so dastand und träumte in dem hol­den Durcheinanderweben von Harfenklang, Duft und Licht, da glich sie selbst der Statue des Pygmalion, als sich unter dem Hauch seiner Liebe die erste Lebens­wärme durch die starre Marmorbrust ergoß und der erste Atemzug die steinernen Lippen öffnete!34

Drittes Kapitel.
In der Dorfschule.
Als Johannes Ernestine verließ, wandte er seine Schritte rasch dem Dorfe zu. Ein edles beglückendes Bewußtsein leuchtete von seiner Stirn — das, welches so selten einem Menschen ganz und ungetrübt zu Teil wird: für das Glück eines Anderen zu sorgen, indem man für das eigene sorgt! So schritt er hin mit dem festen, sicheren und doch so elastischen Tritt, wie er einem hochgewachsenen Manne in der Blüte der Jahre eigen ist, und wo sein freier klarer Blick hinfiel, da streute er eine Saat von Wohlwollen um sich, die auf jedem Gesicht, das ihm begegnete, in ein freundliches Lächeln aufging. Er nahm seinen Weg zu einem kleinen, rebenbewachsenen Häuschen, in dem der Patriarch des Ortes, der Schullehrer, wohnte.
Vor dem Hause stand Hilsborns Wägelchen, dessen ungeduldig scharrendes Pferd unaufhörlich von einem alten, dicken Kettenhund angekläfft wurde, welchem man auf den ersten Blick ansah, daß er mehr aus Pflicht­gefühl denn aus Mißgunst dies unliebsame Amt ver­waltete. Johannes schritt an ihm vorüber und klopfte seinen breiten struppigen Rücken, was er sich zwar der Konsequenz halber knurrend, aber doch nicht ungern, gefallen ließ. Dann trat Johannes in das Haus, dessen gastliches Dach so niedrig war, daß der große Mann sich bei dem Eintreten durch die rebenumrankte Tür bücken mußte, weil seine Stirn an die herabhängenden unreifen Trauben stieß. Von der halbdunklen Hausflur gelangte er in die Wohnstube. Dort fand er Hilsborn mit dem Schulmeister auf einer Fensterbank sitzend; die Frau Schulmeisterin Brigitte mit Flicken beschäftigt, auf der anderen. Der Schulmeister war ein ältlicher hagerer Mann mit langen ergrauten Haaren. Er hatte seltsame, unsicher blickende Augen, in deren Grunde jener unheimliche weiße Schein lauerte, welcher der unerbittlichste Todfeind des Lichtes ist.
„Ah, der Herr Professor“ — sagte der alte Herr erfreut und ging Johannes entgegen. „Wir dachten schon, Sie seien in dem Zauberschlosse gleichfalls be­zaubert worden und kämen uns nicht wieder!“ 
„Sie könnten nicht so Unrecht haben!“ bemerkte Johannes, die dargebotene Hand des Schulmeisters schüttelnd.
„Ja, lange genug hast Du uns die Zeit werden lassen!“ meinte Hilsborn.
„Liebe! Willst Du wohl den Tisch besorgen? Die Herren machen uns vielleicht die Freude, unser kleines Mittagsmahl mit uns zu teilen, für sie ist unsere Eßstunde eben die Frühstückszeit!“ sagte der Schulmeister zu seiner Frau, die bei Johannes’ Ein­tritt aufgestanden war und nur auf die Erlaubnis, sich zu entfernen, harrte. Johannes und Hilsborn lehnten Alles ab. Die Frau Schulmeisterin hatte jedoch bereits das Zimmer verlassen. So wie sich die Tür hinter ihr schloß, wurde der alte Mann sehr ernst. „Herr Professor“, begann er und seine Stimme klang ein wenig heiser, seine Hände zitterten kaum merklich, „jetzt sind wir allein — jetzt, bitte ich, sagen Sie mir die Wahrheit. Ich habe Sie in Gegenwart meiner Frau nicht danach gefragt, denn ich möchte der Guten den Kummer so lange als möglich ersparen; ich aber will und muß es wissen, denn die Zukunft meines Sohnes ist davon abhängig. Nicht wahr, Herr Professor, Sie haben keine Hoffnung für meine Augen?“
Hilsborn schwieg, seine zarte Seele schauderte davor, dem alten Manne das Messer in das Herz zu stoßen. Unschlüssig wechselte er einen raschen Blick mit Johannes, den der Lehrer jedoch bemerkte.
„O meine lieben Herren, den Blick sah ich, wenn ich auch halb blind bin, er sagte mir so viel, als Ihr Schweigen. Ich habe mir längst keine Hoffnung mehr gemacht. Schon bei meiner Augenentzündung vor einem Jahre glaubte ich, die Katastrophe würde ein­treten, die Ihre Sorgfalt mir noch so lange fern hielt. Die Hauptfrage ist nur die: kann ich operiert werden?“
Hilsborn zögerte wieder. Es widerstrebte seinem Ehrgefühl, den würdigen Mann zu belügen und mit einer falschen Hoffnung hinzuhalten, deren Enttäuschung dann um so bitterer sein mußte, und doch — wer, der ein Herz hat, kann einem Menschen so furchtbare Wahrheiten in das ängstlich fragende Antlitz sagen? „Ich vermag Ihnen darauf jetzt noch nicht mit Ge­wißheit zu antworten“, brachte er endlich mühsam hervor. 
Der geduldige Mann faltete bittend die Hände und seine glanzlosen Augen bestrebten sich, in Hilsborns Zügen zu lesen. „Glauben Sie nur nicht, bester Herr Professor, daß es ein gutes Werk wäre, mich zu täuschen. Sehen Sie, wenn ich weiß, daß ich unheilbar bin, dann kann ich sogleich tun, was mir später viel schwerer fallen würde, nämlich: meinen Sohn von der Universität nehmen und ihn zu meinem Stellvertreter ausbilden. Sie werden begreifen, daß ich ihm nichts mehr geben kann, die akademische Lauf­bahn fortzusetzen, wenn ich dienstunfähig werde, und daß es am besten ist, den jungen Mann so früh als möglich die Vernichtung seiner Hoffnungen wissen zu lassen, damit er sich darauf vorbereitet, vom Hör­saal in die Schulstube herabzusteigen. Ich weiß, wie hart das ist, denn auch mir hatte sich eine schöne wissenschaftliche Laufbahn erschlossen, aus der mich der zu frühe Tod meines Vaters riß. Und sehen Sie, hat mein Sohn diesen Schlag überwunden — dann gibt es nichts mehr, was ich fürchte!“ Seine Stimme zitterte, indem er das schwere Wort aussprach, er fühlte es und schwieg, weil er seine Bewegung nicht zeigen wollte.
Johannes und Hilsborn standen ratlos vor ihm. Sie konnten dem unglücklichen Vater den Trost nicht geben, daß er keines Stellvertreters bedürfe — sie wußten nur zu gut, wie notwendig die Maßregel sei, die der gewissenhafte Vater ergreifen wollte. Und Hilsborn sagte endlich mit der ihm eigenen Schonung und Milde: „Wenn Sie für den schlimmsten Fall sich einen Stellvertreter sichern wollen, so ist es allerdings schon deshalb besser, es bald zu tun, weil Sie, auch bei einer möglichen Operation, längere Zeit dienst­unfähig werden könnten und ich überdies nicht für den Erfolg derselben einstehen kann!“
„Ich danke Ihnen, werter Herr — Sie haben gesprochen als ein Ehrenmann und ich weiß nun ge­nug“, sagte der Lehrer und trocknete sich mit dem buntgedruckten groben Kattuntuch die tränenden Augen.
„Hab’ ich Ihnen nicht gesagt“ — schalt Hils­born, „Sie sollen sich hiezu nur feiner Battisttücher bedienen?“
„Ach ja“, sagte der bleiche, kummervolle Mann, sich zum Lächeln zwingend, „aber wo soll Unsereiner so etwas herbekommen?“
„Nun, Euer Schloßfräulein soll es Euch geben!“ meinte Hilsborn.
„Das würde sie gewiß gerne tun — aber ich konnte mich nicht entschließen, eine so unbescheidene Bitte zu wagen, denn seit sie mit den übrigen Dorf­bewohnern überworfen, hat sie auch uns gemieden, und ich fürchte, sie hat etwas von dem Groll über die schmähliche Behandlung, die sie erfuhr, auf uns übertragen.“
„Nun, dann werde ich für Sie bitten“, rief Johannes: „Ich gehe auf das Schloß zurück — in wenig Augenblicken bringe ich das Gewünschte.“
Indem er sprach, trat die Schulmeisterin mit einer Flasche Wein und der Suppe ein. Ihr gutes altes Gesicht strahlte vor Freude, den verehrten Gästen etwas vorsetzen zu dürfen. Der Lehrer nahm rasch die Hände der beiden Herren und flüsterte, während sie mit Tellern und Gläsern klapperte: „Nicht wahr, meine Herren, Sie versprechen mir, Niemanden etwas von meinem bevorstehenden Unglück mitzuteilen, da­mit es kein Zufall meiner armen Frau verrate und so die wenigen frohen Tage, die ihrer noch warten, gekürzt würden.“
„Wir versprechen es Ihnen“, sagten die Her­ren ernst.
„Darf ich vielleicht den Herren Professoren mit etwas aufwarten?“ fragte Brigitte mit dem ihr eigenen biederen und ein wenig altväterischen Zeremoniel, denn es geht mit den Höflichkeitsformen auf dem Lande wie mit den Kleidermoden. Eine städtische Tracht erreicht erst das Dorf, wenn sie in der Stadt schon lange einer andern gewichen ist — und eine Form der Artigkeit erst, wenn sie in der Stadt längst als nicht mehr „bon genre“ verworfen wurde. Und doch haben derartige altmodische Redensarten und Gebärden, die wir als Kind noch an Großeltern, Großtanten und Onkels beobachteten, etwas so Rührendes, weil sie uns die lieben Dahingeschiedenen und manche freundliche Erinnerung der Kindheit zurück­rufen. Wer hat nicht in seinen ersten Jahren irgend eine alte Tante oder Großmama bei der Zurückweisung eines dringend angebotenen fünften Schälchens Kaffee die Tasse umstülpen und fein säuberlich den Löffel darüber legen sehen? Und wenn er die gleiche Zeremonie nach zwanzig, dreißig oder mehr Jahren an irgend einer Frau Landpfarrerin oder Schulmeisterin wahrnimmt, wird nicht solch eine längst begrabene Gestalt plötzlich wieder vor ihm stehen und ihm mit milder Hand das spöttische Lächeln von der Lippe streifen? — Wer gedenkt nicht aus seiner Kindheit der wohlwollenden Teilnahme, welche Freunde und Verwandte an dem glücklichen Ereignis eines kräftigen Niesens nahmen? Und wenn ihm ein Vierteljahrhundert später eine gutmütige Landseele bei demselben Ereignis „Wohlbekomm’s“ oder „Zum Wohlsein“ zu­ruft — ist es ihm da nicht, als müsse er, wie einst, sagen: „Ich danke, liebe Großmama!“ und wird dann nicht ein ganz leises Heimweh nach der guten alten Großmutter durch seine Seele ziehen? So war der Eindruck, den die freundliche Frau Schulmeisterin auf die jungen Männer machte und mit gerührten Blicken beobachteten sie ihre wirtliche Zuvorkommenheit und Geschäftigkeit.
„O bitte, geben Sie uns die Ehre, ein paar Bissen zu verkosten“ — ermahnte sie nochmals, in­dem sie die rauhen, dicken Servietten von eigenem Ge­spinnst auf die Teller legte.
Es war den Beiden nach dem ernsten Gespräch mit ihrem unglücklichen Gatten nicht um Essen und Trinken zu tun, aber die Freundlichkeit der un­wissenden, heiteren Frau durfte, konnte nicht zurück­gewiesen werden, und sie setzten sich, wenn auch schwei­gend, an den großen plumpen Tisch. Einen Augen­blick war es so still, daß man das Ticken des Holz­wurms in der Ofenbank hörte. Da goß der Schulmeister den Wein ein, seine Hand zitterte ein wenig, er mußte gar sehr Acht haben, daß er nichts ver­schüttete, weil er nicht recht sehen konnte, wann die Gläser voll waren, — dann aber hob er das seine empor und rief mit fester Stimme: „Sie sollen leben, meine Herren, und mit Ihnen die edle, deutsche Wis­senschaft! Sie lebe hoch!“
Da klirrten die Gläser zusammen, aber es schnitt Hilsborn in die Seele, als er in das von schöner Gastfreundlichkeit verklärte Antlitz seines Wirtes sah, dem diese Wissenschaft, die er hoch leben ließ, noch vor wenig Minuten zur grausamen Prophetin eines trostlosen Alters geworden. Auch Johannes senkte den Blick wehmütig auf das Glas nieder, mit dem er angestoßen hatte, und der Tropfen, den er daraus trank, schmeckte ihm bitter.
„Komm her, Alte — stoße mit mir an“, sagte der Schullehrer zu seiner Ehehälfte. „Trink, laß Dir’s schmecken! — Das Weinchen ist eine kleine, stille Passion meiner lieben Frau“ — erklärte er, „aber wir trinken es nur, wenn wir so werte Gäste haben, wie Sie, meine Herren!“
„Und warum nur dann?“ fragte Hilsborn. 
„Weil er uns besser schmeckt, wenn wir auch Andere sich daran erquicken sehen“, war die einfache lächelnde Antwort.
„Sie sollten es sich selbst mehr gönnen“ — meinte Johannes, „dieser alte, edle Wein ist Ihnen gut, er gibt Ihnen Stärkung.“
Der Greis blickte trübe auf die wenigen Tropfen, die er sich eingegossen hatte und die noch unberührt dastanden. „Sie vergessen wohl, daß ich meiner Augen wegen schon lange keinen Wein mehr trinken dürfte, wenn ich auch wollte.“
„Der arme Mann“, klagte die Schulmeisterin und streichelte seine hagere Wange. „Er muß sich so Vieles versagen.“
Johannes und Hilsborn wechselten Blicke, dann sagte der Letztere: „Ich hebe das Verbot auf, Herr Leonhardt. Gönnen Sie sich von nun an immerhin ein gutes Schlückchen. Es kann Ihren Augen nicht mehr so viel schaden, als es Ihnen im Allgemeinen nützen wird!“
„Gott sei Dank“, rief die Frau erfreut — „das ist ein Beweis, wie viel besser es Dir jetzt geht.“
„Oder wie viel schlechter“ — sagte Leonhardt lateinisch zu Hilsborn und sah ihn ernst an, dann wandte er sich aber gleich wieder freundlich seiner Gattin zu und leerte langsam und bedächtig sein Glas, indem er ihr zuflüsterte: „Unser Walter soll leben!“
Die alte Frau nickte vergnügt. „Der gute Junge, wenn er nur erst Doktor wäre!“
Leonhardt faltete mit einem tiefen Seufzer die Hände: „das ist Alles, um was ich Gott bitte!“
„Sprechen Sie von Ihrem Sohn?“ riefen die Herren, — „da wollen auch wir mit anstoßen: Er lebe zur Freude und Stütze Ihres Alters.“
„Er ist ein talentvoller junger Mensch“, fügte Johannes hinzu. „Seine Preisarbeit hatte nach der des Fräuleins von Hartwich die meisten Stimmen.“
„Wirklich?“ sagte der Schulmeister. „Das freut mich. Ach — das Fräulein ist glücklich. Sie hat Alles, um die nötigen Studien zu machen: Bücher und Apparate. Wohl nie ist eine Bibliothek und ein Laboratorium von solchem Werte in den Händen einer Privatperson gewesen.“
Johannes horchte hoch auf: „Wirklich? Woher wissen Sie das?“
„Mein Sohn hat sich neben seinen Studien auch als Mechaniker ausgebildet, weil er sagt, daß dies für einen Naturforscher ein großer Vorschub sei und Fräulein von Hartwich, welche das zufällig erfahren hatte, übertrug ihm eine Reparatur an einem ihrer Geräte. Bei dieser Gelegenheit sah er, über welche Schätze sie verfügt.“ 
Johannes blickte sinnend vor sich hin: „Hm — so viel ich weiß, ist das Vermögen der Hartwich nicht so bedeutend, um solche großartige Ausgaben von den laufenden Zinsen zu machen, — der Herr Oheim müßte denn seine ehemalige Mündel veranlaßt haben, das Kapital anzugreifen, was eine neue Gewissenlo­sigkeit wäre!“
Nach kurzem Bedenken wandte er sich an den Schulmeister: „Herr Leonhardt, eine Frage. Wenn ein Mensch eine Gegend von einem bösen, gefährlichen Tier befreien will, tut er besser, dies Tier mit List und Vorsicht in seinen Schlupfwinkeln auszuspü­ren, um es dann desto sicherer zu überfallen, oder soll er es durch Lärm und Gewaltmaßregeln zur Unzeit aufscheuchen und warnen, — damit es sich aus dem Staube machen oder zur Wehr setzen kann, be­vor man ihm zu nahen vermochte?“
Der Schulmeister sah ihn befremdet an: „Ei nun, ein kluger Mann wird sicherlich das Erstere tun.“
„Das denk’ ich auch. Nun sehen Sie — Herr Leonhardt, so will ich den Doktor Leuthold Gleissert in seinen Verstecken aufsuchen. Ich habe die Überzeugung, daß dieser Mann ein abgefeimter Bösewicht ist, aber es fehlt mir an Beweisen für diese meine persönliche Ansicht. Ich kann daher nicht eher offen gegen ihn auftreten, bis ich jene gesammelt habe, was natürlich ganz in der Stille geschehen muß. Hiezu, Herr Leonhardt, sollen Sie mir helfen, denn Sie kennen diesen Mann und sein Treiben gewiß besser, als wir Alle. Geben Sie mir Handhaben zur An­klage gegen ihn, damit es mir möglich werde, jenes auserlesene Wesen, seine Nichte, von seinem Einfluß zu befreien.“
„Das will ich gerne“, sagte Leonhardt. „Doch lebt er so schlau verborgen, daß ich Ihnen schwerlich Mitteilungen von Gewicht werde machen können! Das Einzige, was ich allenfalls überwachen könnte, sind seine Korrespondenzen; denn, da wir im Orte keine Post haben, ist an meinem Hause eine Brief­lade angebracht, welche der Briefbote in meiner Stube zu entleeren pflegt. Ich kann also, wenn ich will, die Aufschriften aller im Kasten enthaltenen Briefe lesen. Vielleicht könnten Sie daraus einige Schlüsse ziehen.“
„Sehr wohl“, erwiderte Johannes, „Sie werden mich durch solche Fingerzeige tief verpflichten.“ Er leerte sein Glas und erhob sich. „Und nun ge­ben Sie mir Feder und Tinte, ich will zwei Zeilen an das Schloßfräulein schreiben.“
Der Schulmeister öffnete einen kleinen altmodi­schen Pult und legte alles Nötige zurecht. Johan­nes schrieb: 
Mein liebes und geehrtes Fräulein! Werden Sie mir zürnen, wenn ich Ihnen Gelegen­heit gebe, sich auch innerhalb Ihrer weiblichen Grenzen auszuzeichnen, — ich, der sich diesen Mor­gen Ihren Unwillen zuzog, da er gegen das Überschreiten derselben eiferte? In dem kleinen friedli­chen Hause des Schulmeisters Leonhardt wird sich bald eine Tragödie entwickeln, wo der materielle und geistige Beistand einer Frau, wie Sie, notwendig wird. Kommen Sie — sehen Sie sich die Leute an, die von Allen im Dorfe Ihrer Güte am würdigsten sind und sie am wenigsten suchten. Lassen Sie je­doch die Frau Leonhardt von den obigen Andeutun­gen nichts merken. Der arme Mann bedarf feiner Battistläppchen für seine kranken Augen und wagte es nicht, Sie darum zu bitten. Dies wird Ihnen zum Vorwande dienen, eine Beziehung zu den Leuten anzuknüpfen, — wenn Sie wollen— und ich weiß: Sie wollen! Ich weiß, ich werde Gutes von Ihnen hören, wenn ich wiederkehre — und ich werde wiederkehren — wieder und immer wieder!
Ihr Freund von wenigen Stunden, 
aber fürs Leben.
Johannes siegelte den Brief und gab ihn dem Schulmeister: „Hier, Herr Leonhardt ist die Bittschrift um Battisttücher. Schicken Sie dieselbe der Hartwich zu. Sollte sie aber vielleicht selbst kommen, so bitte ich Sie und Ihre Gattin, meinen Namen zu verschweigen. Ich möchte dem Fräulein gerne noch einige Zeit unbekannt bleiben. Versprechen Sie es mir!“
Das alte Paar gelobte Schweigen und nach freundlichem Abschied bestiegen die Herren den Wagen. Johannes nahm die Zügel und weit ausgreifend flog das feurige Roß dahin, als freue es sich der nervigen Hand, die es so leicht und sicher führte.
Das alte Paar kehrte in das Haus zurück und beendete sein Mittagsmahl, denn es ging schon auf 12 Uhr, wo in den Dörfern die Nachmittagsschulen wieder beginnen, dann sandten sie den Brief an Ernestine und der Lehrer begab sich in das der Wohnstube gegenüber befindliche Schulzimmer, um seine Schützlinge zu erwarten. Mit dem Schlage Zwölf trampelten und trippelten die verschiedenen grö­ßeren und kleineren Füße der Dorfjugend durch den Hausflur und verschiedene Finger und Fingerchen hämmerten und tippten an die Türe, bis das be­dächtige „Herein“ erscholl, welches abgewartet werden mußte; denn Herr Leonhardt hielt gar sehr auf Zucht und Ordnung, und er wußte auch, sich in Respekt zu setzen. Die Stunden in der Schule waren bei den meisten Kindern die artigsten ihres ganzen Lebens. Es war sonderbar. Herr Leonhardt schlug kein Kind, er zankte fast nie, er tadelte nur und doch bän­digte er die wildesten Buben und löste den verstockte­sten Mädchen das Herz, daß sie weinen konnten, wenn der Herr Lehrer sie mit einem vorwurfsvollen Blicke ansah. Der weise, alte Mann hatte den Grundsatz, daß die Liebe des Schülers für den Lehrer ein besserer Sporn sei, als die Furcht, die sich durch Haß und Bosheit an dem rächt, der sie hervorruft. So glich er alle Torheiten, Rohheiten und Grausamkei­ten der Bauernerziehung in seinem Dorfe aus, ent­wickelte in den Seelen der ihm anvertrauten Schar die Keime des Guten und unterdrückte die des Bösen, und es war eine auffallende Erscheinung, daß seit den fünfunddreißig Jahren, wo er im Orte unterrichtete, die Hochstetter Mädchen und Bursche die gesuchtesten Dienstboten der ganzen Gegend waren.
„Guten Tag, Herr Lehrer“, schrie die eintretende Schar und ergoß sich mit einem Geräusch über die langen Bänke, wie wenn eine Straße mit Kies be­schüttet wird, oder ein Stoß Scheiterholz übereinander fällt.
„St! St!“ machte der Lehrer und augenblicklich war es ruhig im Zimmer, man hörte nur noch das Rascheln der aufgeschlagenen Hefte und der Unterricht begann.
Da klopfte es leise — so leise, wie nur ein bö­ses Gewissen pochen kann, an die Tür und herein trat ein kleines, sauber angetanes Mägdlein von etwa sechs Jahren und blieb mit niedergeschlagenen Augen auf der Schwelle stehen. Eine Schulmappe, so groß, daß man nicht recht wußte, ob das Kind sie mitge­nommen, oder sie das Kind, hielt es vor sich hin, als möchte es sich am liebsten dahinter verstecken und der perlende Tau auf seiner Stirne zeigte, daß es sehr rasch gelaufen.
„Ei, Käthchen“, rief Herr Leonhardt, „warum kommst Du denn so spät? Na — tritt nur näher, kleine Missetäterin — es ist das erste Mal seit dem ganzen langen Jahre Deines Schulbesuches, daß Du zu spät kommst. Da muß ja etwas ganz Besonderes geschehen sein?“
Das also angeredete Käthchen kam langsam heran, während sein kugelrundes Gesichtchen über und über errötete. „Ich — ich habe in die Beeren gemußt“, stotterte es und leckte sich noch mit dem lügenhaften Züngelchen das von Heidelbeeren geschwärzte Mäulchen.
,,Ei Käthchen“, sagte Herr Leonhardt und erhob seinen Zeigefinger — „das ist sonderbar, Du muß­test? Wer befahl es Dir denn?“
Käthchen sah, immer röter werdend, zu Boden.
„Sieh mich einmal an, Kind“, sprach nun der Lehrer ernst — „ist es wahr, was Du sagst?“
Käthchen versuchte die braunen funkelnden Schelmenaugen aufzuschlagen — aber ach — das Schuld­bewußtsein hing wie ein Bleigewicht an seinen Lidern und zog sie herab. Es vermochte nicht den Herrn Lehrer anzusehen und schüttelte nur leise mit dem Kopfe.
„Käthchen“, sagte dieser liebevoll — „Du muß­test nicht Beeren suchen, denn ich weiß, wie sehr Deine Eltern darauf halten, Dich in die Schule zu schicken: Du liefst zu Deinem Vergnügen in den Wald, um zu naschen. Du hast heute vielleicht zum ersten Mal gelogen, wie Du zum ersten Mal zu spät zur Schule kommst. Bitte den lieben Gott, daß es auch das letzte Mal sei.“
„Ach“, platzte die kleine Sünderin heraus, „Nach­bars Fritz hat mich mitgenommen und die Beeren schmeckten so gut und da habe ich mich versäumt.“
Die andern Kinder lachten, aber ein Wink des Lehrers brachte sie schnell zum Schweigen, dann fuhr er zu Käthchen fort: „Sieh, liebes Kind, für das Zuspätkommen erhältst Du ein Kreuz und rückst um Eins auf der Bank hinunter — aber Käthchen für das Lügen rückst Du um Eins in meinem Herzen hinunter, und ich werde Dich nun nicht mehr so lieb haben. Du kannst mich aber versöhnen, wenn Du Dich freiwillig in die Ecke stellst — was ziehst Du nun vor — lieber aus meinem Herzen — oder lie­ber eine Viertelstunde in die Ecke?“
Da brach das Kind in bittere Tränen aus und schluchzte: „Lieber in die Ecke, lieber in die Ecke!“ und damit stand es auch schon in dem bezeich­neten Winkel und drehte das reizende Gesichtchen der kahlen Wand zu.
Der Schulmeister sah der Kleinen mit gerührtem Blicke nach, aber er blieb fest, so weh es ihm tat, denn Lügen bestrafte er immer am schwersten. Der Unterricht nahm seinen Verlauf und nach etwa zehn Minuten rief er das immer noch schluchzende Käthchen zu sich. Das Kind trippelte in großer Freude herbei und er streckte ihm die Hand hin: „Willst Du mir jetzt versprechen, nie wieder zu lügen, Käthchen? Willst Du?“
„Ja, ach ja — ich will’s nie wieder tun!“ war die zerknirschte Antwort.
Da hob der Greis das rosige, kleine Ding in die Höhe und drückte es an sein Herz. — „O Du lie­bes Kindchen — jetzt bin ich Dir auch wieder gut und werde es bleiben, so lange Du ehrlich und flei­ßig bist. Und wenn Du je wieder einmal in Ver­suchung kommst, irgend Jemandem eine Unwahrheit zu sagen — da denke nur, wie wehe es Deinem al­ten Lehrer täte, wenn er’s wüßte — und dann sprichst Du ihm zu Liebe die Wahrheit? Willst Du?“
„Ja — ja“, rief die Kleine aus vollem Herzen, schlang ihre Ärmchen um den Hals des Lehrers und drückte ihn aus Leibeskräften zusammen.
Die anderen Kinder begleiteten diese Versöhnungsfeierlichkeit mit der wärmsten Teilnahme — denn alle hatten das braunäugige, rotwangige Käth­chen lieb und freuten sich, daß es so gut davonge­kommen.
„So“, sagte der Lehrer, als Käthchen endlich auf seinem Platz saß: „Nun wollen wir sehen, ob Du Deine Aufgabe recht schön gemacht hast.“
Käthchen zog seine Bücher aus dem finstern Ab­grund seiner ungeheuren Schulmappe ans Tageslicht, aber, o weh’, „die Nacht ließ einen schwarzen Flecken zurück“, sämtliche Hefte waren von den in der Tiefe verborgenen Heidelbeeren gefärbt. Käthchens Bestürzung und der Jubel ihrer Kommilitonen waren un­beschreiblich, selbst der Lehrer konnte sich des Lächelns nicht enthalten, als er in das kleine erschrockene Ge­sicht sah. „Na“, sagte er, „es mag Dir nun noch hingehen, Du hast heute schon genug gebüßt! Wenn nur der Inhalt gut ist.“ Er schlug die Hefte auf und freute sich offenbar über die schönen geraden Buchstaben. Nur mit dem Rechenbuche stand es noch schlimm! „Käthchen“, rief Herr Leonhardt: „wenn ein Pferd vier Beine hat, wie viel haben zwei Pferde?“ 
„Sechs!“ lautete die zuversichtliche Antwort.
„Käthchen! wie viel ist zwei mal zwei?“
„Acht!“
Herr Leonhardt warf jenen gottergebenen Blick zum Himmel, wie er nur solchen Märtyrern der Ge­duld eigen ist! „Käthchen, wie viel Finger hast Du ohne den Daumen an Deiner linken Hand?“
Käthchen zählte mit den Fingern der Rechten die der Linken und brachte glücklich „Vier“ heraus.
„Und wie viel hast Du an Deiner Rechten?“
Käthchen zählte wieder mit der Linken die Finger der Rechten und es ergaben sich abermals ohne den Daumen „Vier.“
„Gut! — Wie viel macht das nun zusammen?“
Käthchen schwieg.
„Wie viel Finger hast Du jetzt an beiden Hän­den gezählt?“
„Zehn!“
„Ohne die Daumen, Kind, ohne beide Dau­men?!“
Käthchen begann aufs Neue seine schwierige Rechnung.
Da klopfte es plötzlich an die Tür.
„Noch ein Spätling?“ sagte Herr Leonhardt und rief „Herein!“
Aber statt eines frischen Kindergesichts erschien ein bleiches Antlitz mit großen schwarzen Augen, er­staunt, fast scheu im Kreise umherschauend. Diese Erscheinung verbreitete einen panischen Schrecken um sich her. „Jesus — die Hartwich! — Ach Gott, die vom Schlosse!“ und ähnliche Ausrufe der Furcht ertönten von allen Lippen. Die Kinder fuhren in die Höhe, — die, welche der Eintretenden zunächst saßen, drängten weiter zurück, die Großen rissen die Kleine­ren an sich, die Katholischen bekreuzigten sich sogar! Es war ein förmlicher Tumult, den nicht einmal die Stimme des Lehrers zu beruhigen vermochte.
Ernestine sah das Alles, ohne daß sich ein Zug in ihrem regelmäßigen Antlitz verändert hätte. Leonhardt näherte sich ihr ehrerbietig und wollte für die törichten Kinder um Entschuldigung bitten, doch sie unterbrach ihn.
„Im Gegenteil“, sagte sie leise, „ich habe mich zu entschuldigen, daß ich durch meinen entsetzlichen Anblick Ihre Schule störte. Ich wollte Ihr Wohn­zimmer aufsuchen, um Ihnen die gewünschten Battisttücher zu bringen und da ich im Hause unbekannt bin, geriet ich hier herein. Haben Sie nur die Güte, Herr Leonhardt, mir dieses Päckchen abzunehmen, dann werde ich Ihre Schüler von ihrer Angst befreien.“
Der alte Mann reichte ihr die Hand, doch sie nahm sie nicht. — „Lassen Sie das — solch’ eine Freundlichkeit, mir erwiesen, würde Sie um die Ach­tung der Kinder bringen.“
„O, gnädiges Fräulein“, bat Leonhardt mit Wärme, „rechnen Sie mir diesen Auftritt nicht an, der mich vielleicht mehr schmerzt, als Sie, denn Sie stehen zu hoch, als daß Sie diese Albernheiten be­rühren können, — ich aber schöpfe daraus die bittere Erkenntnis, wie vergeblich das Streben meines gan­zen Lebens war!“ Er hielt inne und ein müder trau­riger Blick flog über die kleine, dicht zusammenge­drängte Schar.
Der kalte Ausdruck in Ernestinens Zügen mi­lderte sich bei diesen Worten und jetzt erst betrachtete sie den Greis, der so bescheiden und doch so würde­voll vor ihr stand. Seine entzündeten trüben Augen überzeugten sie sogleich, welcher Art die Tragödie sei, von deren Entwicklung jener Unbekannte gesprochen, und eine Regung des Mitleids ergriff sie.
„Wir werden uns später sprechen, Herr Leonhardt“, flüsterte sie, damit die Kinder sie nicht ver­stehen konnten, — „jetzt lassen Sie mich fort.“
„Möchte es Ihnen doch belieben, gnädiges Fräu­lein, ein wenig zu meiner Frau hinüber zu gehen“, bat Leonhardt — „es würde ihr eine so große Freude sein. Sie ist in der gegenüber liegenden Stube.“ 
„Das will ich wohl. Ich werde Sie drüben erwarten.“ 
Sie wollte gehen, aber Leonhardt glaubte, da die Kinder nun ruhiger geworden, sich noch eine Recht­fertigung und ihr eine Genugtuung verschaffen zu können und rief die Vordersten an: „Ihr habt Euch recht blöde und albern vor dem gnädigen Fräulein gezeigt, macht es wieder gut und sagt ihr jetzt artig Lebewohl.“
Die Angeredeten standen, ohne sich zu rühren. Der alte Mann schaute in peinlicher Verlegenheit im Zimmer umher: „will ihr Keines mir zu Liebe die Hand geben?“
„Ich!“ ertönte Käthchens glockenreine Stimme, und die kleine Beherzte, die Ernestine nur gefürchtet hatte, weil die Andern es taten, trat heran und streckte Ernestine ihr dickes Patschchen und das nasch­hafte Mäulchen hin. Ernestine beugte sich nieder, küßte den kleinen schwellenden Mund und sah mit stiller Freude in die offenen, leuchtenden Augen des hübschen Kindes.
„Seht, Ihr Großen“, sagte der Schulmeister, „das sechsjährige Mädchen beschämt Euch! Warum seid Ihr nur so furchtsam — Ihr seht doch Fräulein von Hartwich alle Tage?“
„Ja, aber nicht im Zimmer, nur unter freiem Himmel — da kann man davon laufen“, meinte einer der Älteren höchst scharfsinnig.
Ein trübes Lächeln verzog Ernestinens Lippen und sie verließ ohne ein Wort weiter das Schulzimmer.
Der Lehrer maß seine Schüler der Reihe nach mit. einem strengen Blick. „Ihr habt Euch und mich heute mit Schande bedeckt, und ich sehe ein, daß Alles verloren ist, was ich in dieser Hinsicht zu Euch und Euren Eltern gesprochen habe. Ich gebe es auf, gegen Euren Aberglauben und Haß zu kämpfen, dazu bin ich ein zu schwacher, alter Mann. Ich rufe Euch nur noch einmal zu: Richtet nicht — auf daß Ihr nicht gerichtet werdet! Euern Eltern aber könnt Ihr sagen, daß, wenn, ich über kurz oder lang aus Eurer Mitte scheide, der heutige Vorfall mir das Scheiden recht erleichtern wird!“ 
Die Kinder schwiegen sehr betroffen, denn so un­zufrieden hatten sie ihren Lehrer noch nie gesehen. Sie senkten ihre Köpfe tief über ihre Bücher und Hefte und wagten fast nicht mehr zu atmen, noch weniger ein Wort der Entschuldigung hervorzu­bringen. Der Unterricht nahm diesmal stiller als je seinen Verlauf, und als es zwei Uhr schlug, war es, als gingen die Kinder aus einem Trauerhaus, um eine Leiche zu geleiten, so trübselig und bedrückt schlichen sie sich davon. Kaum aber lag das Schulhaus hinter ihnen, da fiel der Bann von ihnen ab und nun ging es über das arme Käthchen her. „Pfui, Käthchen, hast Dich von der Hartwich küssen lassen! Jetzt mag Dich Niemand mehr!“
„Etsch, etsch — Käthchen hat einen schwarzen Mund, weil es die Hartwich geküßt hat!“
„Brr, Brr — Käthchen, Dir gibt Keiner mehr einen Kuß!“ —
„Na warte nur, was die Hartwich Dir angehext haben wird! Morgen werden wir’s sehen!“
Solcher Redensarten mußte das arme Käthchen eine Flut über sich ergehen lassen. Es machte sich aber nicht viel daraus, denn ihm war die Zufrieden­heit des Lehrers das Höchste und es war stolz auf seinen Mut, daß es nicht gefürchtet habe, was alle Andern scheuten.
„Wenn Ihr so garstig seid, gebe ich Euch auch die Heidelbeeren nicht, die ich Euch mitgebracht“, drohte es und schlenkerte seine große Mappe sorglos hin und her. Dieser Trumpf verfehlte seine Wirkung nicht, denn die Heidelbeeren konnte man immerhin annehmen, die hatte ja die Hartwich nicht berührt und so genoß die Kleine die Genugtuung, den ganzen Schwarm wieder rasch um sich versammelt zu sehen. —
Als Leonhardt bei seiner Frau eintrat, fand er sie mit Ernestinen im freundlichsten Gespräch.
„Mein liebes, gnädiges Fräulein“, begann er, „wie sehr schmerzt es mich, daß Sie, die gekommen, um mir wohlzutun, in meinem Hause so beleidigt wurden. Es sind freilich nur Kinder, die Sie eigent­lich nicht beleidigen können, aber —“
„Wie die Alten, so die Jungen, heißt es da“ — unterbrach ihn Ernestine, „das wollten Sie sagen oder dachten es wenigstens. Nun beruhigen Sie sich, Herr Leonhardt. Ich bin daran gewöhnt, angefeindet oder verlacht zu werden, und dagegen abgestumpft. Seltsam nur ist es, daß ich gerade heute vor zwölf Jahren als Kind einen ähnlichen Vorfall erlebte und zwar in der ersten und einzigen Gesellschaft, die ich je besucht. Von da her schreibt sich meine, wie ich eben wieder sah, berechtigte Menschenscheu. Ich passe nicht unter Menschen und am wenigsten unter das, was man hier zu Lande so nennt! Sagen Sie, Herr Leonhardt, war es Ihnen denn gar nicht mög­lich, dieses Volk etwas aufzuklären?“ 
„Offen gestanden — ich glaube, es wäre mir möglich gewesen, wenn mein Einfluß nicht immer wie­der von den Herren Pfarrern aufgehoben worden wäre. Ich vermochte nicht als Lehrer, der neben dem Geist­lichen ohnehin der Untergeordnete ist, — dem Aber­glauben, der religiösen Unduldsamkeit, worin sie die Bauern bestärkten, das Gleichgewicht zu halten, denn den Bauern ist immer Der die höchste Autorität, dessen Gelehrsamkeit ihre Irrtümer unangefochten läßt. Ein Quacksalber, dessen Heilmethode sich auf Altweibermittel stützt, wird mehr Zutrauen bei ihnen finden, als ein rechter Arzt, dessen Verfahren all ihren diätetischen und medizinischen Vorurteilen widerspricht. Ein Geistlicher, der ihrem Aberglauben, ihren Gehässig­keiten noch von religiöser Seite Nahrung und Berech­tigung gibt, wird ihnen ein würdigerer, zuverlässigerer Seelsorger sein, als einer, der das Wort Gottes rein und echt lehrt! So kämpfte ich stets mit ungleichen Waffen, oft in Gefahr, das Opfer ihres Hasses zu werden und meine Stelle zu verlieren. In ruhigen Zeiten ging es noch, wenn nichts vorkam, was den Zwiespalt zwischen uns hervortreten ließ. Seit Sie aber hier sind, mein gnädiges Fräulein, ist der alte Streit wieder entbrannt und ich sehe aufs Neue ein, wie ohnmächtig ich bin.“
„So bin ich nur gekommen, um Zwietracht in diesem friedlichen Orte zu säen“, bemerkte Ernestine gedankenvoll vor sich hin starrend. „Ja, ja — es ist kein Glück mit mir, wo ich weile.“
„O sagen Sie das nicht“, rief die Schulmeisterin, Ernestinens Hand fassend, „ich meine nur — verzeihen Sie einer alten, einfältigen Frau, wenn sie sich erlaubt, Ihnen so etwas zu sagen, ich meine, nur, ein Fräulein, schön und begabt wie Sie, sollte nicht hier und nicht so einsam leben. Ach Gott, mein Alter und ich sagten es oft zusammen — wie schade, daß solch ein herrliches Wesen sich lebendig begräbt! Glauben Sie uns, liebes Fräulein, dabei kommt nichts Gutes heraus. Ich kann mir nun einmal nicht helfen, es ist etwas Unnatürliches und das Natürliche ist doch immer das Beste!“
Ernestine schwieg und sah vor sich nieder.
„Ich muß hier noch hinzufügen“, sprach Leon­hardt schüchtern, „daß Sie gerade hier nicht an Ihrem Platze sind! Sahen Sie wohl je die Statue irgend eines berühmten Gelehrten, Künstlers usw. inmitten eines Dorfes aufgepflanzt? Gewiß nicht, denn die Dorfjugend würde sie mit Schmutz bewerfen, kein Mensch würde ihre Bedeutung verstehen, sie würde eine Puppe sein, über die man lachte und welche man zum Spaß verstümmeln zu dürfen glaubte. Und Sie, mein Fräulein, setzen sich mit Ihrem feinen Gefühl, in der Fülle und Blüte des Lebens, freiwillig dem Schicksal aus, das solch einer Statue zu Teil würde, wenn man ihr die undankbare Aufgabe übertrüge, die­sem rohen Volke die Bedeutung einer großen Idee vor Augen zu führen? Nein, wahrlich, das können Sie an sich selbst nicht verantworten!“
Ernestine hing mit Interesse an den welken aber edlen Zügen des alten Mannes. Seine Sprechweise war so ganz anders, als sie von einem einfachen Dorf­schullehrer erwartet hatte, daß sie höchst erstaunt war und es sie reizte, sich mit ihm zu messen.
„Ich verstehe Ihr Gleichnis, Herr Leonhardt, und ich fühle mich dadurch geehrt; aber verzeihen Sie mir, wenn ich sage, daß die Tatsache, auf der es beruht, doch nicht ganz richtig ist, denn ich weiß fast kein Dorf, in welchem nicht Statuen entweder von Christus, der Madonna oder Heiligen aufgestellt sind, und der rohste Bauer ehrt in ihnen die Idee, weil er sie versteht. Würde nun dieser vernachlässigten Klasse das Verständnis auch anderer nicht religiöser Ideen eröffnet, so würde sie dieselben in ihren Trä­gern nicht minder ehren als jene!“
Frau Leonhardt ward bei dieser Wendung des Gesprächs ein wenig beklommen, denn wie ein braver Dienstbote nicht achtungswidrig über seine Herrschaft sprechen läßt, so fürchtete sie als treue Magd ihres Herrn und Heilandes die Art, mit der die Hartwich voraussichtlich von ihm reden würde, und fand es für eine gute Christin nicht wohlanständig, solch ein Ge­spräch mit anzuhören. Doch ihr Gatte machte in bescheidener und taktvoller Weise ihrer Angst ein Ende. „Sie entschuldigen, mein gnädiges Fräulein, ich habe daran wohl gedacht, doch ist das, wie mir scheint, etwas Anderes. Das Volk ehrt in diesen Statuen nicht Ideen, sondern Personen und zwar die höchsten, heiligsten, die es kennt und die es gibt, die Personen seines Gottes und dessen Diener. Wie wir uns auch wohl der Bilder von fern lebenden Ver­wandten freuen, die wir, ohne sie je gesehen zu haben, um ihrer Taten willen lieben und verehren, so und noch tausendmal mehr freut sich das Volk eines Ab­bildes des ewig unsichtbaren und doch ewig ersehnten Allvaters! Diese Empfindung, mein gnädiges Fräulein, ist und bleibt meiner Ansicht nach himmelweit verschieden von den Gefühlen der Bewunderung, welche durch das Verständnis der großen Ideen dieser Welt in dem Volke erweckt werden könnten. — Noch aber sind wir nicht so weit, und wer weiß, ob wir je so weit mit denjenigen Klassen kommen sollen, welche für uns arbeiten müssen, damit wir für sie denken können, und welche zu ihrem Glücke nichts weiter bedürfen, als ihren Pflug und ihren Gott! Alles, was meiner Ansicht nach zu wünschen wäre, ist, daß dieser Gott, in ihrer Vorstellung kein rächen­der, zorniger Herr Zebaoth, sondern der liebende, versöhnende Gott des Christentums sei! — Um nun mein Gleichnis noch einmal auf Sie, gnädiges Fräu­lein, zurückzuführen, muß ich wiederholen, daß Ihr Platz nur da ist, wo man Ihre Ideen und Bestrebun­gen versteht und Sie auf das Ihnen gebührende Piedestal stellt. Dann werden Sie erst glücklich sein und sich eher mit Ihrem Schöpfer versöhnen, als in der Erbitterung über den, Sie hier umgebenden reli­giösen Starrsinn und Irrwahn. Dem Volke sind Sie eine Feindin, weil es Sie für eine Feindin dessen hält, was ihm das Heiligste ist — seines Glaubens. Wer in seinen Augen aus dem Verbande der christ­lichen Gemeinschaft schied, der ist ihm aus dem Ver­bände der Menschheit getreten, der hört ihm auf, ein Wesen von Fleisch und Blut zu sein. Und wenn es dann nicht alsobald das Strafgericht über einen sol­chen, seiner Meinung nach, schweren Missetäter hereinbrechen sieht, so betrachtet es ihn, als der gött­lichen Macht entrückt, unter dem Schütze einer anderen: der des Teufels! Verzeihen Sie meine Offen­heit — ich rede diesem kindischen Standpunkt, dieser falschen Auslegung von Gottes gütiger Langmut nicht das Wort, ich halte es nur für meine Pflicht, Ihnen die unausfüllbare Kluft zwischen Ihnen und Ihrer Umgebung zu zeigen. Sie sind nicht nur dem katholischen, sondern auch dem evangelischen Geistlichen unseres Sprengels ein so großes Ärgernis, daß er auf Grund Ihrer Schriften schon durch das Konsistorium Ihre Ausweisung bewirken wollte, und, da ihm dies nicht gelang, beschloß, Sie um jeden Preis durch fortgesetzte Anfeindung von hier fortzutreiben. Sein katholischer Amtsgenosse unterstützt ihn, wie Sie ja schon selbst erfuhren, darin auf das Eifrigste und ich möchte Sie gerne durch diese Warnung vor allen den Unannehm­lichkeiten bewahren, die Ihnen hier leider noch drohen.“
Er hielt inne und suchte, mit seinen blöden Augen in Ernestinens unbeweglichen Mienen zu lesen. Sie schwieg und sah unverwandt zu Boden, er faßte ehr­erbietig eine ihrer Hände: „Liebes Fräulein, vergeben Sie mir, wenn ich Sie beleidigte und vielleicht über meine Grenzen ging. Ich bin ein schlichter, ungeschick­ter Mann, nicht geübt in den Formen der vornehmen Leute, unter Bauern alt geworden und gewöhnt, meine Ansichten ohne Ausschmückung herauszusagen. Ich halte Wahrheit für die erste Pflicht, aber es sollte mir leid tun, wenn die Ausübung dieser Pflicht Sie wider meinen Willen verletzt hätte!“
„Ach Gott — ja — ach Gott, ja!“ bestätigte die gutmütige Schulmeisterin in wahrer Sorge um den unerklärlichen Ausdruck auf Ernestinens Gesicht.
Da sprang diese plötzlich auf, schüttelte den alten Leuten die Hände und sprach ernst, aber herzlich:
„Ich danke Ihnen, Sie sind ein braver Mann, Herr Leonhardt!“
„O das gute Fräulein, das liebe Fräulein!“ rief die Schulmeisterin, eine Träne der Rührung abwischend.
„Ich muß jetzt nach Hause“, sagte Ernestine, den Hut auf ihre schwarzen Flechten drückend, „aber ich werde Sie wiedersehen. Leben Sie wohl!“
Als das alte Paar ihr das Geleit bis auf die Straße gegeben und der gedankenvoll Dahinschreitenden nachblickte, fiel es Beiden erst ein, daß sie mit keinem Wort Johannes’ erwähnt hatte.
„Wie sonderbar!“ sagte der Schulmeister und holte die Gartenschere, um den wuchernden Zaun vor der Tür ein wenig zu beschneiden. — —

Viertes Kapitel. 
Der Vormund.
Als Leuthold am Abend desselben Tages aus der Stadt zurück kam, hieß es, Ernestine könne ihn nicht mehr sprechen, sie fühle sich leidend und habe sich zu Bette gelegt. Er ging leise und behutsam in ihr Studierzimmer. Dort sah er nach, was und wie viel seine Mündel heute gearbeitet hatte. Zu seinem Stau­nen fand er nichts. Er schlich in das Laboratorium, auch dort lag Alles wie gestern, die Zeichen, die er vor dem Weggehen zwischen die Gegenstände gelegt hatte, waren unberührt. Was war das? Seit Jah­ren der erste Tag, an welchem Ernestine ganz müßig gewesen. Er suchte, lautlos wie eine Katze durch die Gänge schreitend, die Frau Willmers auf. Sie war eben im Begriff, nach Ernestinens Gemächern zu gehen, um sich auch zur Ruhe zu begeben. Sie sah etwas verschlafen aus und Leuthold faßte sie scharf ins Auge: „Womit hat sich das gnädige Fräulein heute beschäftigt?“
Frau Willmers gähnte — sie mußte sich erst ein wenig besinnen: „Das gnädige Fräulein waren den ganzen Tag sehr unwohl“, antwortete sie beherzt.
„So, was fehlte ihr denn?“
„Ei, was ihr immer fehlt, nur einmal mehr, einmal weniger: Herzklopfen, Ohnmachten, Kopf­schmerzen. Ist es denn ein Wunder bei der über­mäßigen Anstrengung? — Sie konnte sich heute kaum aufrecht halten —“ 
„Niemand hier gewesen?“
„Keine Seele, wer sollte — ?“
„Kein Brief gekommen?“
„Doch, zwei an den Herrn Professor und einer an das gnädige Fräulein, vom Schullehrer.“
„Was wollte der?“
„Er bat das Fräulein um Leinwandläppchen für seine kranken Augen. Sie hat sie ihm auch ge­bracht.“
„Sie selbst? Weshalb das?“
„Sie hatte Langeweile, weil sie nichts arbeiten konnte, — und da wollte sie sich einmal die kranken Augen des Herrn Leonhardt ansehen, — sie meinte, sie könne daran etwas lernen.“
„Nun, so ist es gut. Wohl zu schlafen, Frau Willmers!“
„Wünsche eine ruhsame Nacht, Herr Professor!“ sagte die kluge Frau und eilte zu Ernestinen, um ihr zu berichten, wie schlau sie ihre Sache geführt und wie sie bei allem Falschen noch immer etwas Richti­ges gesagt und so doch der Wahrheit die Ehre gege­ben habe.
Ernestine saß auf einem bequemen Lehnstuhl und starrte in die Lampe. Vor ihr lag aufgeschlagen ein Buch: Andersens Märchen.
Sie konnte nicht lächeln über die Erzählung der Willmers. Es lag für sie etwas unbeschreiblich Bit­teres darin. Zum ersten Male, seit sie mit ihrem Oheim zusammen lebte, fühlte sie, daß sie eine Gefangene sei, daß sie beobachtet werde und gehemmt sei wie eine solche! Sie mußte es geheim halten wie ein Ver­brechen, daß sie einen großen, edlen Menschen kennen gelernt — sie mußte es mit einem wissenschaftlichen Interesse beschönigen, daß sie zu einem Leidenden, Hilfsbedürftigen gegangen war. Sie fühlte die Lüge als eine Entwürdigung und die Notwendigkeit derselben als eine ihr plötzlich unerträgliche Fessel. Und das Alles erst seit heute. — Der eine Tag hatte das Bedürfnis der Selbstständigkeit in ihr geweckt und das war das größte Unglück, das ihrem ahnungslosen Oheim widerfahren konnte, aber nicht das einzige, das ihn heute erwartete. Als er auf sein Zimmer kam, fand er die von Frau Willmers angekündigten Briefe vor. Den ersten, den er in die Hand nahm, erbrach er sogleich, er war von seiner Tochter Gretchen und lautete:
„Mein lieber Vater!
In acht Tagen feiere ich nun meinen fünfzehn­ten Geburtstag und nächsten Monat ist meine Lernzeit um und ich soll als Lehrerin in das Pensionat eintreten. Ich will noch einmal meine bittende Stimme zu Dir erheben und Dich anstehen: lieber Vater, nimm mich zu Dir! Ich will Dir ja nicht zur Last fallen, — aus meinen Zeugnissen wirst Du ersehen, daß ich Alles verstehe, womit ein junges Mädchen sein Brot erwerben kann. Tausendmal segne ich Dich dafür, mein geliebter Vater, daß Du mich zu einem nützlichen Gliede der menschlichen Gesellschaft erziehen ließest. Ich will als Dienerin bei meiner Cousine eintreten und für meinen Unterhalt bei ihr arbeiten, wenn ich nur bei Dir sein kann! Ach, laß Dich doch endlich erweichen! Du erwiderst mir nur immer auf alle Bitten, ihr schlechtes Beispiel, ihr Unglaube und ver­härtetes Gemüt würden mich verderben. Das wäre aber gewiß nicht der Fall, lieber Vater, — ich bin, Dank meinen edlen Lehrerinnen, so fest im Glauben und in allem Guten erzogen, daß dies eine Beispiel mir nicht schaden kann, besonders wenn ich sehe, wie mein armer Papa unter den schweren Pflichten der Vormundschaft über solch unlenksames Wesen leidet! Warum mußte auch der selige Onkel Hartwich Dir diese undankbare Aufgabe erteilen! Aber, liebster Vater, sie würde Dir leichter werden, wenn Du mich Dir dabei helfen ließest. Ich würde gewiß nichts unversucht lassen, um ihr Herz zu rühren und dem Guten wieder zuzuwenden, und wenn sie noch so böse gegen mich wäre, — ich würde sie durch Geduld und Demut entwaffnen. Und wenn mir auch das Alles nicht gelänge, Dir, mein Vater, könnte ich doch etwas sein. Ach, wie himmlisch wäre es, wenn wir Abends nach vollbrachtem Tagewerk noch in Deinem Stübchen ganz uns selbst leben dürften. Ich würde mich zu Deinen Füßen setzen, Dir vorplaudern und Dir meine Zeich­nungen und Malereien zeigen. Aus dem reichen Schatz Deiner Kenntnisse schöpfen und Dich aufheitern durch meinen unverwüstlichen eigenen Frohsinn. Und zuletzt würde ich meinen Kopf an Dein liebes, so viel verkanntes Vaterherz legen, das wohl Niemand so versteht wie Dein Kind, dem Du es so oft in seiner reichsten Liebesfülle gezeigt — da würde ich einschlummern selig, ruhig, wie in jenen schönen Tagen der Kindheit, als Du mich noch mit der Sorgfalt einer Mutter in Deinen treuen Armen wiegtest! — Ach Vater, Du bist mir ja Alles auf der Welt. Die Mutter, die mich so früh verließ, die Dich gegen einen andern, gegen einen Mann vertauschen konnte, der so tief unter Dir steht — die Mutter ist mir fremd, ich kann mir kaum ein Bild von ihr machen, geschweige denn ein schönes oder liebes! Du, Du bist mir Mutter, — Vater, — Alles! Du hast mich gepflegt und gewartet. An Deinem Bette stand meine Wiege, Dein Auge lächelte mich an, wenn ich erwachte. Dein Atem umfächelte mich, wenn ich schlief. Kein hartes Wort hast Du mir je gegeben, kein verweisender Blick hat mich je erschreckt, in immer gleicher Milde und Geduld hast Du das wilde Kind belehrt, das Dir, dem hohen, geistvollen Manne wohl manche Ungelegenheiten bereitete mit seinen Albernheiten. Und end­lich hast Du mich von Dir gelassen, damit ich zu etwas Tüchtigem ausgebildet werde, da uns das Schicksal zwingt, unser Brot zu erwerben. Du hast mich von Dir gelassen, aber ich sah es an Deinem brechenden Blicke beim Abschied, daß dies das schwerste Opfer war, das Du für mich brachtest, daß ich Dein ganzes Herz mit mir nahm. Vater, Du tatest es für mich, Du hast mich seit fast sieben Jahren entbehrt aus Liebe zu mir. Und ich habe gelernt und gearbeitet, so sehr ich konnte, um bald, recht bald wieder bei Dir zu sein, — und nun, wo ich so weit wäre, daß ich Dir ein wenig, nur ein ganz klein wenig vergelten könnte, was Du für mich getan, gesorgt und gelitten, nun willst Du mich nicht in die treuen Arme eilen lassen aus Furcht vor dem ohnmächtigen Einfluß Deiner Mündel! Nein Vater, Du wirst, Du mußt mich hören. Die Tränen, welche die Schrift Deines letzten Brie­fes verwischt hatten, sind mir heiß auf die Seele gefallen. Es waren Tränen der Sehnsucht, die Du Deinem Kinde geweint, leugne es nicht? Und nicht ruhen werde ich, bis Du Dein eigenes Herz erhört. — Ach Vaterchen, Du wirst eine Freude haben, wenn ich komme: Ich bin größer und stärker als unsere Lehrfräuleins. Sie sagen Alle, ich sei meinem Alter weit voraus, man könne mich für achtzehn Jahre halten. — Du mußt mir dann den Arm geben und mich spazieren führen. Ach, welch ein Gedanke — am Arme meines Vaters durch die Welt spazieren! Wird denn der Himmel so hoch sein, daß mein Stolz darunter Platz hat? Und Ernestine, die wird schon nicht so schlimm sein, wenn ich ihr tüchtig an die Hand gehe. Sie war doch als Kind nicht böse gegen mich — ich kann mir gar nicht denken, daß sie so ausgeartet ist. Wie kann ein junges Gemüt unter den Händen eines solchen Pflegers schlecht werden?! Ich küsse im Geiste diese geliebten, guten Hände! O die Glückliche, — sie hat meinen Vater zum Erzieher! Soll ich ihr ein Glück gönnen, dessen sie sich so wenig würdig macht? Nein, ich gönne es ihr nicht! Ich neide ihr ja weder ihre Talente, noch ihren Reichtum — aber meinen Vater, den neide ich ihr, den darf ich ihr neiden! Ihr gehört Deine Zeit, Deine Sorge, ihr widmest Du Dich ganz, und Dein eignes Kind mußte ferne von Dir unter Fremden aufwachsen und gäbe gern Alles, was es besitzt, um einen einzigen Blick des Vaterauges!“ —
Leuthold konnte nicht weiter lesen. Wie ein Wurm zur Erde gekrümmt, brach er zusammen unter der Wucht der Anklagen, die dem schuldlosen Geschöpf unbewußt aus der Feder geflossen waren. Der Don­nerkeil eines Gottes hätte kein vernichtenderes Strafgericht über ihn verhängen können, als die süße, gläu­bige, engelreine Liebe seines Kindes!
Er war auf die Knie gesunken und küßte den Brief wieder und immer wieder. Seine Tränen flossen unaufhaltsam. „Mein Kind, mein Kind!“ schrie er laut auf, und brennende, verzehrende Sehn­sucht folterte ihn bis zum Wahnsinn. Bittere Reue überkam ihn in diesem Augenblick der Schwäche. Er hatte sein Gretchen, sein Bestes, — Teuerstes von sich verbannt. Warum? Weil er es zu sehr liebte, um es in den Ideen zu erziehen, die er seiner Mün­del einprägte, weil er die Atmosphäre um Ernestine so mit falschen Lehren vergiftet hatte, daß er sein Kind sie nicht mit einatmen lassen wollte. Und wiederum, warum hatte er das getan? Weil er Gretchen zu sehr liebte, um es arm und abhängig zu wissen, weil er ihm das Erbe zurückerobern wollte, das schon sein war, um das er so unverhofft gekommen, und weil es hiezu nur ein Mittel gab: die Besitzerin dieses Vermögens für die Welt unmög­lich zu machen, damit nichts ihre Person und ihr Eigentum seiner Gewalt entriß.
Aber wenn er solch einen Brief bekam, aus dem die ganze Liebe, der ganze Schmerz des verbannten Mädchens über ihn hinströmte — da regte sich etwas in seiner Brust, das ihm die Frage aufdrängte, ob er seine Vaterliebe nicht besser betätigen konnte? Ob er diesen Engel nicht entweihe, indem er ihn durch Verbrechen glücklich machen wolle? Ob die Seligkeit, ein solches Kind zu erziehen, nicht alle Reichtümer der Welt aufgewogen hätte? Und dann begann er zu rechnen und zu vergleichen, und es stimmte nie, die Jahre der Trennung von dieser Tochter waren nim­mer und mit nichts zu decken. Es waren seltene Stunden, wo er, wie der Sünder vor seinem Richter, vor dem Blicke seines Kindes im Geiste die Augen niederschlug, aber sie kosteten ihn jedesmal ein Stück Leben.
Sein Scheitel war vollends kahl geworden, die Kraft seiner Seele gebrochen in den langen Jahren voll Zwang und Heuchelei, voll Verbrechen und Furcht vor Entdeckung, er hoffte nichts mehr für sich — nur für Gretchen. — Und wenn er sich dennoch verrech­net hätte? Und wenn ein tückischer Zufall ihn noch im letzten Augenblick zum zweiten Mal um die Frucht dieser unermeßlichen Opfer brächte? — Der Pfad der Sünde hatte ihn bisher von seiner Tochter getrennt, — konnte derselbe ihn ihr wieder zuführen?
Kalter Tau bedeckte seine schmale hohe Stirn, als er seiner Gewohnheit gemäß mit der zitternden Hand darüber hinfuhr. Er war einer der erbärm­lichsten, einer der Menschen, die nicht den Mut haben, ganz gut — oder ganz schlecht zu sein!
Der Nachtwind pfiff scharf durch das offene Fenster herein, das elende Geschöpf fing an zu frieren in seinem Angstschweiß. — Er erhob sich, hüllte sich in einen Schal, schloß das Fenster und trat zum Tische, wo der zweite Brief noch unerbrochen lag. Er zeigte die Schriftzüge des Werkmeisters der Unkenheimer Fabrik. Leuthold legte ihn hin — er hatte nicht den Mut, ihn zu lesen. „Was wird er wieder zu berichten haben?“ jammerte er völlig verzagt.
Endlich ermannte er sich: „Was sein muß — muß sein!“
Er entfaltete das grobe Papier und las, während Leichenblässe sein Gesicht überzog:
Unkenheim, den 22. Juli 18.. 
Hochgeehrter Herr Prinzipal!
Sie hätten mir glauben sollen, daß es mit der Wasserleitung aus der elenden Quelle nichts war. Es sind nun bald zwanzig Jahre, daß Sie mich in der Fabrik anstellten, und ich habe Ihnen, denke ich, be­wiesen, daß ich meine Sachen verstehe. Es ist eben ein schlimmes Ding, so ein großes Unternehmen aus der Ferne zu leiten, das sagt ich Ihnen auch, als Sie die Sache wieder an sich brachten, aber Sie glau­ben mir ja nie. Wenn das Geschäft ruhig in seinem früheren Geleise fortgegangen wäre, hätten wir einen bescheidenen, aber sicheren Schnitt gemacht. Aber so sollte sich mit Teufelsgewalt das Kapital auf hundert Prozent verzinsen, weil Sie immer in der Angst sind, Ihre Mündel könnte einmal den Braten riechen und ihr Vermögen zurückverlangen oder gar heiraten und Sie könnten’s mit einem halsstarrigen Ehemann zu tun bekommen, der noch weniger Umstände machen würde als Fräulein Ernestine. Deshalb mußten von Anfang an so ungeheure Spekulationen gemacht wer­den und Alles sollte im Handumdrehen einschlagen. Ich sagte Ihnen gleich: wir haben keinen genügenden Abfluß für eine so großartige Anilinfabrikation.35 Da ruhten Sie nicht, bis der teure Abzugskanal ange­legt wurde und bald genug zeigte sich’s, daß er zu wenig Fall hatte und die Jauche drin stehen blieb. Nun meinten Sie, eine Wasserleitung solle den Unrat mit fortschwemmen. Wieder wurde Geld hinaus­geworfen und wieder unnütz. Der dürre Sommer hat die Quelle vertrocknet, sie war immer spär­lich — jetzt ist sie ganz ausgeblieben. Die ungeheuren, noch nicht bezahlten Vorräte liegen da und können nicht verarbeitet werden, denn es erheben sich bereits wieder Stimmen von „Brunnenvergiftung“ im Dorfe, der Abfluß fängt also abermals an durchzusickern. Der Bürgermeister droht mit dem Prozeß. Wenn das nötige Wasser nicht bald herbeigeschafft wird, verklagt mich die Gemeinde und ich kann weder Sie noch mich vor der Entdeckung schützen. Es fällt den Leu­ten ohnehin auf, daß sich der italienische Herr, der damals die Komödie spielen und die Fabrik für Sie kaufen mußte, gar nicht mehr sehen läßt. Es wird so allerhand gemunkelt: es sei gar nicht der wahre Eigentümer und Gott wisse, wer dahinter stecke. Wir haben also mehr denn je Vorsicht nötig!
Es hilft nichts, Sie müssen in den sauern Apfel beißen und die Wasserleitung bis zum Walde ver­längern, dort wissen wir sicher, was wir haben. Mit dem Nachgraben und Quellensuchen ist es nichts — es wird dabei im Kleinen mehr Geld verzettelt, als auf die andere Art im Großen. Ich weiß nicht, was Sie an Barem vorrätig haben — reicht es nicht zu dieser letzten großen Ausgabe hin — dann sind Sie binnen weniger Wochen in Gant.36 Wahrlich ohne meine Schuld!
Ich habe auch kein Geld mehr für die Wochen­löhne und ich glaube, es wäre gerade im jetzigen Augenblick gut, wenn wir dieselben fortbezahlten, selbst so lange die Arbeit eingestellt ist, um die Leute bei Laune zu erhalten. Sie werden wieder ihren ganzen Zorn auf mich werfen, — ich sage Ihnen aber — ich lasse mir nichts mehr gefallen. Ich war ein un­bescholtener Mann, bis Sie den Versucher spielten und mich zu Ihrem Mitschuldigen machten. Aber deshalb bin ich doch noch nicht zum Schuft an Ihnen, meinem Prinzipal, geworden, wenn ich auch, Gott sei’s geklagt, zum Schuft am Gesetz wurde. Es ist mit Ihnen wie mit dem Herrn Neuenstein, der machte auch nur Bankrott, weil er nicht auf mich hören wollte, aber der war doch ein ehrlicher Mann — be­zahlte auf Heller und Pfennig und hatte Niemandes Auge zu scheuen. Wenn Sie zu Grunde gehen, so ziehen Sie Ihre Mündel, mit deren Geld Sie wirtschaften, auch ins Verderben, und mich armen Teufel mit! Es heißt nicht umsonst: Unrecht Gut gedeiht nicht! Gott erbarme sich!
Es grüßt Sie achtungsvoll 	
Clemens Prücker
Werkmeister
 Das war zu viel auf einmal: — „Mein Kind, mein Kind — ich habe umsonst für Dich gesündigt, gefälscht, unterschlagen! Wird der Himmel hoch ge­nug sein für Deinen Stolz auf solch einen Vater?“ stöhnte er und wieder fiel er in sich zusammen — der Kopf sank auf die Stuhllehne zurück, das Bewußtsein verließ ihn.
Der Tag graute, als er die Augen aufschlug, der widerliche Geruch ausgebrannter Kerzen erfüllte die Luft. Seine Glieder waren steif und wie ver­renkt von der unbequemen Lage, der Frost schüttelte ihn. Er sah sich um und dehnte sich. Dann ver­suchte er zu gehen, Hände und Füße waren ihm ein­geschlafen, er schwankte wie ein Träumender im Zimmer umher. Endlich fiel sein Blick auf die Briefe. Er nahm sie auf und ging damit zum Schreibtisch. Er legte sie in ein verborgenes Fach, dann holte er eine Kassette hervor und prüfte ihren Inhalt. Sie enthielt Staatspapiere und einige Rollen baren Geldes.
Die Sonne schien bereits hell zum Fenster herein, als der bleiche Mann noch saß und zählte und rechnete. Endlich steckte er den ganzen Inhalt der Kasse in eine lederne Reisetasche und zog die Glocke. Ein Diener erschien. Leuthold befahl ihm, anspannen zu lassen und zu packen, was an Kleidern für eine Reise von einigen Tagen nötig sei.
Als er hörte, seine Nichte sei wach, begab er sich zu ihr: „Guten Morgen, Ernestine!“ sagte er, „wie geht es Dir?“
„Das möchte ich eher Dich fragen, Oheim!“ erwiderte sie — „Du siehst ja aus, als wärst Du eben dem Grabe entstiegen?“
„O, es hat nichts zu sagen. Ich habe lange ge­wacht. Der Werkmeister von Unkenheim bat mich im Namen meines italienischen Freundes, doch schnell nach der Fabrik zu sehen, wo Alles schief geht. Ich halte es für meine Pflicht, mich um die Sache zu kümmern, da ich von früher noch mit den Verhältnissen dort bekannt bin und ihm leider zu dem Kaufe geraten habe.“
„So willst Du hinreisen?“ fragte Ernestine mit einer geheimen Freude, über die sie sich nicht Rechen­schaft gab.
„Ja, ich muß Dich auf einige Tage verlassen, so schwer es mir fällt. Versprich mir aber noch, be­vor ich gehe, daß Du den bewußten Abschnitt fertig machst, bis ich zurückkomme. Laß Dich durch nichts abhalten. Wenn Du Dich auch unwohl fühlst, Du weißt ja, das hat bei Dir nichts zu sagen — mit Willenskraft überwindet man jede Schwäche. Im Notfall nimm Chinin.37 Nun — darf ich mich freuen? Darf ich hoffen, das Kapitel fertig zu finden?“
„Ja, Oheim — ich verspreche es Dir und es wäre wohl das erste Mal, daß ich mein Wort nicht hielte.“
„Nun so leb’ wohl, mein Kind! Ich muß eilen, daß ich rechtzeitig zur Station komme. Laß Dich durch nichts stören, hörst Du? Durch nichts!“
Er eilte von dannen und suchte noch die Willmers auf. „Frau Willmers“, raunte er ihr zu: „Ich verlasse mich darauf, daß Sie jeden etwaigen Besuch von dem Fräulein ferne halten — sei es, wer es wolle. Entdecke ich bei meiner Rückkehr die geringste Überschreitung meines Befehls, so sind Sie entlassen. Wann ich wieder komme, kann ich Ihnen nicht sagen. Handeln Sie immer so, daß Sie keine Überraschung von mir zu fürchten haben, denn ich kann jede Stunde unverhofft vor Ihnen stehen.“
„Verlassen Sie sich nur ganz auf mich, Herr Professor“, versicherte Frau Willmers und Leuthold warf sich in den Wagen.
„Nun denkt der schlaue Patron: das heilige Grab sei wohl verwahrt, — und er könne ein zweiundzwanzigjähriges Mädchenherz unter Schloß und Riegel legen! Wie dumm doch oft die klugen Leute sind!“ So meinte Frau Willmers in ihrem schlichten Sinn.

Fünftes Kapitel. 
Verschämte Geistesarme.
„Dein neuer Frack ist vom Schneider gekommen.“ Mit diesen Worten empfing die Professorin Herbert den eintretenden Gatten.
„So, wo ist er?“ fragte dieser mürrisch.
„Im Schlafzimmer auf dem Bett.“
„Auf dem Bett?“ fuhr der Gatte sie an: „Daß er gleich voll Federn wird? Wie ungeschickt!“
Die Frau schlug die Augen nieder und schwieg. Herbert eilte in das bezeichnete Gemach, um das ge­fährdete Gut zu retten.—
Das Wohnzimmer des Professor Herbert war klein und ziemlich nieder, doch trug es auf den ersten Blick einen Anstrich von Eleganz. Sofa und Stühle waren mit feinem Wollstoff bezogen — die Gardinen reich gestickt, ein festgeschlossener großer Spiegelschrank schien das Silber zu verwahren und auf dem Tisch war eine weiße Marmorplatte. Bei näherer Untersuchung fand es sich indessen, daß die schönen Möbel mit Seegras gepolstert, die Gardinen schadhaft und die Löcher darin nicht gestickt, sondern mit Kleister zugeklebt waren, daß der sogenannte Silberschrank nichts barg als wertloses Hausgerät nebst den Resten der Mahlzeiten, welche die sorgsame Hausfrau vor dem hungrigen Dienstmädchen wegschließen mußte und daß die Marmorplatte auf dem Tisch lackiertes Holz war. Selbst der Lehnstuhl am Fenster, in wel­chem die offenbar kränkliche Frau saß, war so hart wie eine Steinbank. Das Einzige, was wirklichen und zwar bedeutenden Wert hatte, war eine Samm­lung jener bekannten altenglischen Kupferstiche,38 Szenen aus Shakespeares Dramen und der römischen Ge­schichte darstellend, welche die Wände des Zimmers bedeckten. Diese alten Bilder waren eine Liebhaberei des Professors Herbert, und er gehörte zu den Männern, bei denen es sich von selbst versteht, daß die Bedürf­nisse der Frau und des Hauses ihren Liebhabereien zurückstehen müssen.
Die Professorin Herbert war eine jener unglück­lichen Frauen, die im Gefühl der Last, welche sie ihrem Gatten sind, Alles, auch das Ungerechteste ertragen zu müssen glauben, die sich verpflichtet halten, ihren Eheherrn beim Aufstehen und Schlafengehen um Verzeihung für ihr mißliebiges Dasein zu bitten. Wer diese stille Frau mit dem fest verbundenen Gesicht, auf dem jedes Leiden seine Furchen eingegraben hatte, am Fenster sitzen und ihrem Manne die strohgelben Glacés flicken sah, in denen er am Abend zuvor den galanten Salonästhetiker spielte, während sie daheim in Schmerzen lag, — dem trat das ganze Bild weib­lichen Elends an der Seite eines kalten Egoisten vor Augen.
„Der arme Professor Herbert“, sagte die Gesell­schaft, „welch ein Unglück für einen Mann, eine so kranke Frau zu haben!“
Wer tiefer in diese Ehe geblickt, der hätte sagen müssen: „Welch ein Unglück für eine kranke Frau, einen solchen Mann zu haben!“
Die Beklagenswerte selbst dachte indessen nicht so, sie wäre am liebsten gestorben, nicht nur um von ihren Schmerzen erlöst zu werden, sondern um ihren Mann von ihrem Anblick zu befreien. In ihrem innersten Herzen verachtete sie seinen Egoismus, seine Gefühllosigkeit. Sie wußte wohl, daß ein edlerer Mensch Nachsicht und Geduld mit ihr gehabt hätte, da sie doch den schwersten Teil zu tragen hatte — aber sie war zu sehr in der Furcht vor ihm, um sol­chen Gedanken Ausdruck zu geben. Ein Schmerz, der beständig nagt und den Körper untergräbt, lähmt auch allmälig jede Seelenkraft und so war hoffnungsloses Dulden noch die einzige Stärke der unglücklichen Frau.
Professor Herbert trat in seinem neuen Frack wieder ein und betrachtete sich vor dem großen Spiegel.
„Er sitzt gut, nicht wahr?“ fragte er.
„Sehr gut! Er ist aber auch sehr teuer.“
„Ist die Rechnung dabei?“
„Hier ist sie!“
„O, es ist nicht so schlimm, Hecht ist auch der eleganteste Schneider der Stadt.“
Ein bitterer Zug spielte um den Mund der Pro­fessorin und sie konnte sich nicht enthalten zu sagen: „Wenn ich denke, daß Du mir neulich den so notwendigen Schal weigertest, der die Hälfte kostete und—“
„DeineToiletten wandern in die Apotheke, meine Gute“, versetzte Herbert giftig.
„Meine Toiletten!“ wiederholte die Frau, „wenn Du je mit mir ausgehen müßtest, Du würdest Dich meiner schämen, so dürftig ist meine Kleidung.“
„Von einer kränklichen Frau, deren Pflege den Gatten Summen kostet, fordert Niemand großen Luxus!“ Frau Herbert sah ihren Mann mit einem ein­zigen, unbeschreiblichen Blicke an — aber sie schwieg. Eine Minute lang bog sie den müden Kopf an die harte, steife Stuhllehne zurück, sie hielt jedoch die schlechte Lage nicht aus und nahm dann ihre Arbeit wieder auf. Auch dabei kam ihr eine schmerzliche Erinnerung, wie der Arzt ihr dringend einen bequeme­ren Sessel angeraten hatte, um in aufrechter Stellung schlummern zu können, wie aber auch dies kleine Opfer gleich allen andern verweigert worden war! —
Da ging die Tür auf und herein flog, flatterte, rauschte ein Wesen: halb Kind, halb alte Jungfer, halb Schmetterling, halb Fledermaus. Um ihr Haupt wogte wild eine Fülle mattblonder Locken. Eine breite Stumpfnase gab ihrem Gesicht etwas Naives, Jugendliches, was der lüsterne verschmitzte Ausdruck ihrer enggeschlitzten Augen und ihrer farblosen eingefallenen Wangen Lügen strafte. Ebenso glichen ihre kurzen, weit auseinanderstehenden Zähnchen denen eines acht­jährigen Kindes, welches eben erst geschichtet hat, wäh­rend die Falten um die schmalen, aber stets weit ge­öffneten Lippen auf ein Alter von einigen dreißig Jahren hinwiesen. Das Körperchen, auf welchem der seltsame Kopf mit der ungeheuern Lockenmähne saß, war zart und schmächtig, wie das eines halbwüchsigen Mädchens, die Hände klein, aber runzelig, wie die einer Greisin. Ihr Anzug bestand in leichten, fliegen­den Gewändern, — von ihrem runden Strohhut wallten hellbraune lange Bänder hernieder. Gang, Sprache, Haltung waren leicht, schäkernd sylphenhaft! Es ergab sich auf den ersten Blick, daß sich dieses Wesen hochpoetisch, hochbegabt, reizumflossen fühlte und daß, wenn es auch in Wirklichkeit einige Dreißig alt war, es doch nur sechszehn Jahre sein wollte! — Solch ein Geschöpf ist nur denkbar mit einer Noten­- oder Zeichenmappe in der Hand und einem mystischen Naturgesetz zufolge fehlte ihr dieselbe auch nicht. — 
„Brüderchen!“ rief sie auf Herbert zugaukelnd, „wie schön Du bist in dem neuen Fräckchen! Ei, ei! Ziehst Du’s heute Abend ins Kränzchen an zu Möllners? Ja?“ Sie legte trällernd ihre Mappe, Hut und Handschuhe ab. „Jufallera, jufallera! Ach ich bin heute so vergnügt, ich möchte nur singen, gar nicht mehr sprechen.“ Dann stimmte sie den Refrain des reizenden Taubert’schen Liedes an: „Weiß nicht, weiß nicht — ich muß nun einmal singen!“39 Da fiel ihr ein, daß sie die Gattin ihres Bruders noch nicht begrüßt hatte. „O, liebe Ulrike, verzeih’, daß ich Dich nicht gefragt, wie es Dir geht! Noch nicht besser? O! Ach, Deine Elsa ist heute wieder so mächtig er­regt — es ist mir so — ich weiß nicht! Es flutet und wogt in meinem Busen, so — so maienhaft! Ich muß schnell an die Arbeit — heute — ich fühl’s — in dieser Stimmung werd’ ich etwas schaffen!“
Und mit diesen Worten wollte sie zu den selige­ren Gefilden ihres eigenen Zimmers entschweben, als Herbert, der mittlerweile seinen Frack gegen ein weißes Sommerröckchen vertauscht hatte, sie zurückrief: „So bleib’ doch und laß ein vernünftiges Wort mit Dir reden.“ 
Sie blieb stehen.
„Was willst Du denn eigentlich schaffen? Man kann Dich ja nie Dir selbst überlassen.“
Sie hüpfte zu dem Bruder und legte neckisch den Fin­ger auf den Mund, ihm mit Schelmerei in die Augen schauend: „Brüderchen, ich werde Dich überraschen! Ich habe eine Idee!“
„Sei so gut und laß die Albernheiten, Du wirst wohl nicht mit Deinem eigenen Bruder kokettieren wollen. Sag’ mir, welche Idee Du hast, es wäre die erste brauchbare, die in Deinem Kopfe entstanden!“
„O Du ungalanter Bruder, Du!“ schmollte die lieblich Erzürnte, „Deinem Schwesterchen so weh zu tun! Doch wenn Du befiehlst, so will ich gehorchen und Dich in das stille Walten einer Dichter- und Malerseele blicken lassen. Ist doch Gehorsam die süße Pflicht, in der sich jedes Mädchen üben muß, damit es dereinst einen Gatten glücklich machen kann.“
„Nun also zur Sache!“ rief Herbert ungeduldig.
Elsa schlug verschämt die Augen nieder und stam­melte in reizender Künstlerschüchternheit errötend: „Professor Möllner sagte neulich scherzhaft zu mir, als ich ihn fragte, welche Schriftstellerin ihm die liebste sei: ,Diejenige, welche das beste Kochbuch schreibe!’ So will ich denn dem bösen Schäker zei­gen, daß ich auch das kann. — O, er wird staunen, wie es der Fülle von Poesie in meinem Herzen gelang, selbst das zu verklären, zu verschönen, was an sich so prosaisch ist. Das ist es ja, was er unter wahrer Weiblichkeit versteht, die Fähigkeit, auch das Alltägliche poetisch aufzufassen und zu gestalten. Ich werde also ein Kochbuch in Versen und mit Illustrationen herausgeben und das Werk ‚Die deutsche Frau am häuslichen Herde‘ nennen. Denkt nur, welch’ reizende Initialen und Arabesken da anzubringen sind! Ich werde zeigen, daß
man ein Büschel Petersilie ebenso anmutig arrangieren kann, wie Rosen oder Veilchen. Ist solch eine grüne frische Randverzierung nicht immer hübsch anzusehen, sei es Epheu oder Petersilie, Myrte oder Sauer­ampfer! und wenn eine wärmere Farbe darin fehlt, — so lasse ich ein paar rosige Radieschen verstohlen zwischen den Blättern durchschimmern und habe ein so reizen­des Frühlingsbild geschaffen, wie nur irgend eine unserer berühmten Malerinnen. Ist denn ein Küchen­gewächs nicht auch ein Gewächs Gottes? Nicht auch schön wie Alles, was er schuf? Und welche Abwechs­lung läßt sich in diesem Werke anbringen. Zum Bei­spiel das Kapitel der Zubereitung von Seefischen werde ich mit einem eigenen Titelblatte eröffnen in der Art, wie die Kupfertafeln in Schleidens ,Wunder des Meeres‘.40 Unter einer klaren Wasserfläche spielen in buntem Gemisch alle die Fische, von denen das Kapitel spricht. Korallenriffe winden sich zwischen durch und von der untergehenden Sonne rosig angehaucht wiegen sich Wasserlilien auf ein ruhigen Meeresspiegel! — Jeder Abschnitt wird ein derartiges Titelbild bekom­men, welches das zuzubereitende Tier lebendig und in seinem Elemente zeigt, das Wild im Walde vor der jagenden Meute fliehend, die Taube mit dem Ölzweig über der Arche schwebend, das zahme Geflügel im niederländischen Genre in seinem heimischen Hühnerhofe. Obst und Gemüse muß als Stillleben arabeskenhaft behandelt und zu Randverzierungen der einzelnen Rezepte verwendet werden. Zum Schluß ein Bild, wo die Familie fröhlich um den gedeckten Tisch versammelt ist. Oben drüber in gotischen Buchstaben der schöne Spruch: ,Komm Herr Jesus, sei unser Gast!‘ Jesus ist auch dieser Einladung gefolgt und sitzt in Strahlenglorie oben am Tisch, umgeben von den Kindern des Hauses. Ihm gegen­über das glückliche Ehepaar, sich gegenseitig die Bissen in den Mund steckend. Engel kredenzen ihnen die Speisen, die Engel der Eintracht, des Friedens und der Genügsamkeit. Die Gattin sitzt mit dem Rücken gegen den Beschauer, der Gatte jedoch — und das ist die Hauptpointe — der Gatte wird ein Portrait!“41
Sie hielt inne, hingerissen von der Schi­lderung ihrer poetischen Schöpfung und der Aussicht auf den großen Erfolg, der dem Werke nicht fehlen konnte.
„Nun, wen soll denn das Portrait vorstellen, wohl mich?“ fragte Herbert spöttisch.
„Dich? O nein! Schelm — errätst Du’s nicht? Ach Gott, sieh mich nicht so scharf an, — Du weißt ja doch, wen ich meine!“
„Möllner?“ sagte der Bruder.
„Nun freilich. Gott, wenn ich mir das Lächeln denke, das um den stolzen, schwellenden Mund spie­len wird, wenn er sein Portrait von meiner Hand gezeichnet sieht, wenn er sieht, wie überall, in Allem, was ich denke und schaffe, sein Bild mir gegenwärtig ist! O es wird, es muß ihn rühren!“
„Ja, es wird ihn ungemein rühren“, bemerkte Herbert, „und es wird eine reizende Szene geben, wenn er das Werk seiner Geliebten, der Hartwich, zum Geschenk bringt, damit sie das Kochen daraus lernt! Vergiß nur nicht, ein Rezept zu Froschkeulen beizu­fügen, damit sie ihm immer die Frösche braten kann, die sie mit einander bei ihren physiologischen Versu­chen gebrauchen.“
„O Edmund“, klagte Elsa etwas erschrocken und enttäuscht, „es fließt heute wieder wie Wermut von Deinen Lippen. Geh’, diese ätzende Schärfe zerstört alle Blüten meiner Phantasie. Deshalb vermeide ich Dich immer, wenn ich eine Arbeit beginnen will. Was hast Du nur für Freude daran, mich aus mei­nen Himmeln zu reißen? Ist das recht? Laß eine Seele ihre Heimat suchen, die nicht auf dieser Erde heimisch ist!“
Und sie schlug die Äuglein zur Decke auf und legte die runzlige Hand auf ihr flaches Brüstchen: „Ich bin eine kleine, bescheidene Seele! Meine Hoffnung, mein kindliches Vertrauen ist mein ganzer Reichtum, bitte, bitte, süß’ Brüderchen, laß ihn mir, so lange kein Anderer ihn mir raubt.“
„Aber Du wirst Dich doch endlich überzeugen müssen, daß Du mit Deinen Hoffnungen geprellt bist, und deshalb will ich Dich wenigstens warnen, damit Du nicht durch vorzeitige Kundgebungen Deiner Ge­fühle Dich und mich mit Dir lächerlich machst. Ich weiß aus bester Quelle, daß Möllner draußen in Hochstetten war, um die Hartwich zu besuchen, und daß er zwei Stunden bei ihr blieb. Reime das mit sei­nem Enthusiasmus in der Sitzung zusammen und mach’ Dir einen Vers daraus.“
Elsa schlug die Augen nieder und dachte ein Weilchen nach, dann aber atmete sie tief auf und schüttelte die wallende Mähne: „Nein, es ist nicht, es kann nicht sein! Dieses Mannweib gewinnt vielleicht das Interesse, aber nimmer das Herz unseres Freun­des. Nein, nein, Elsa fürchtet nicht, daß Lohengrin sich zur Ortrud verirre.42 Und nun an die Arbeit, daß bald der Tag komme, wo er fragen wird: ,Elsa, wessen Antlitz trägt denn die Gattin, die auf dem Bilde neben mir am Tische sitzt?‘ Dann werde ich den Kopf zur Seite wenden und sagen: ,Das müs­sen Sie wissen!‘ — Brüderchen, Schwesterchen, o, er wird meinen Kopf zu sich umwenden und sprechen: ,So soll sie aussehen!’43 Laßt mich — laßt mich — es wogt mir wie Frühlingsatem aus meinem Zimmer entgegen. Ja, ja, ich fühle es, die Musen erwarten mich dort!“ Mit diesen Wor­ten flog, flatterte, rauschte sie in ihr Atelier.
Frau Herbert sah ihr mit einem traurigen, fast mitleidigen Blick nach: „Nun sage mir nur Edmund, kannst Du wirklich einen Moment lang geglaubt haben, ein Mann wie Möllner werde dies Mädchen heiraten?“ 
„Warum nicht, es ist schon manche ungleichere Partie gemacht worden, — es kommt nur darauf an, daß man es richtig einzufädeln versteht. Hätte die arme Elsa eine so geschickte Mutter, wie die Deine war, so läge die Sache nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit. Allein das arme Ding hat Niemanden als mich, der ihr beisteht, und wir Männer sind im Kuppeln ungeschickter, als die dümmste Frau!“
Frau Herbert hatte bei dem Ausfall auf ihre Mutter und sie selbst schmerzlich vor sich hingeblickt, sie fand es unter ihrer Würde, auf eine so niedrige Bosheit zu antworten. Sie sagte nur ganz gelassen: „Es freut mich, Edmund, daß es doch ein Geschöpf in der Welt gibt, für welches Du Nachsicht, ja so­gar ein blindes Wohlwollen hast. Nun, sie ist Deine Schwester! Ich habe das arme Wesen gewiß auch lieb, aber ich glaube nicht, daß es irgend einer List gelingen werde, in Möllner eine Neigung für sie zu erwecken!“
„Du hast sie von jeher mit gehässigen Augen betrachtet“, fuhr Herbert auf, „man sollte meinen, sie sei ein Monstrum. Sie ist nicht mehr ganz jung, aber sie hat doch etwas sehr Jugendliches. Sie ist kein großes Talent, aber eine echte Künstlernatur. Sie ist nicht hübsch, aber gerade ein Schwärmer, wie Möllner, sieht mehr auf innere als auf äußere Vor­züge und ihre wahrhaft schöne Seele kann ihm nicht verborgen geblieben sein. Ist es nicht auffallend, wie er sie in Gesellschaft auszeichnet? Führt er sie nicht immer zu Tisch, wenn sie keinen Herrn hat, was meistens der Fall ist? Wenn sie Alle meiden, setzt sich nicht Möllner zu ihr? Das tut ein so gewissenhafter Pedant wie Möllner nicht ohne Absicht, und hätte sie keinen anderen Reiz für ihn, als ihre so naiv zur Schau getragene Bewunderung, so wäre das schon ein Band, ihn zu fesseln, denn er ist eitel wie jeder Mensch und muß daher an einer so fana­tischen Vergötterung Gefallen finden! Wäre diese verwünschte Hartwich nicht dazwischen getreten, wer weiß, wie weit wir es mit ihm gebracht hätten! Aber sie soll es mir büßen, das sei ihr hiermit gelobt!“
„Du wirfst Deinen Groll wieder auf eine ganz Unschuldige. Was kann denn dies fremde Mädchen dafür, daß Möllner sich für ihre geniale Kraft mehr interessiert, als für den sentimentalen Dilettantismus, dies ewige Wollen und Nichtkönnen unserer Elsa? Ich habe von jeher seine Freundlichkeiten für diese nur als eine Handlung der Menschlichkeit aufgefaßt. Sie ist eine lächerliche Persönlichkeit in der Gesell­schaft, das weißt Du wohl, — ein Mann von Möllners gutmütigem und ritterlichem Charakter duldet es nicht, daß man ein unschuldiges, harmloses Mäd­chen verhöhne, — deshalb warf er sich zu ihrem Be­schützer auf und suchte, großmütig, wie er ist, die Lieblosigkeit der Anderen bei ihr wieder gut zu machen. Auch ahnt er sicher nicht, daß Elsas Eitelkeit noch so hochstrebende Plane an diesen Akt des Mitleids knüpft, sonst würde er sich nie verzeihen —“
„Genug, genug!“ unterbrach sie Herbert wütend. „Wie Du nur mit Deinem Gesichtsschmerz so viel reden kannst! Ich begreife, daß Dir Elsa zuwider ist, weil ich sie gebildet habe, aber ich begreife nicht, wie Du Dich auf Deinem Sorgenstuhle in diesen Möllner verlieben konntest! — Wahrlich, hoffte ich nicht, diese Schwester bei ihm anzubringen, ich hätte dem hochmütigen, eingebildeten Burschen längst die Zähne gezeigt, denn ich hasse ihn eben so sehr, als ihr Weiber, alte und junge, ihn vergöttert!“
Frau Herbert streifte den zischenden, schäumen­den Sprecher nur mit einem ruhigen, überlegenen Blick — das Wort, das ihr auf der Zunge schwebte, schluckte sie hinunter, denn sie besaß ja die bei Frauen so seltene Kunst, zu rechter Zeit zu schweigen, und so nahm sie stumm ihre Arbeit wieder zur Hand. —
Einige Minuten wartete Herbert auf eine Ant­wort, die ihm Gelegenheit gäbe, seinen Grimm noch weiter auszulassen, als jedoch keine erfolgte, wandte er sich seinem Arbeitszimmer zu.
Da klopfte es an die Tür und herein trat der Postbote mit einem dicken, viereckigen Packet in der Hand. Herbert erblaßte bei diesem Anblick, auch seine Frau sah kummervoll danach hin.
„Dein Manuskript?“ frug sie.
„Mein Manuskript!“ sprach er und schrieb mit zitternder Hand seinen Namen in das Postbuch.
„Kostet einen Gulden vier und zwanzig Kreuzer“, sagte der Briefträger trocken.
„Auch noch?“ knirschte Herbert und zählte das Geld mühsam in Groschen und Kreuzern zusammen. Als der Mann das Zimmer verlassen, schnitt Herbert hastig die Schnüre auf und ein Briefchen kam zum Vorschein, welches er schnell überflog und wie zerschmettert seiner Gattin reichte. Der Brief trug den Stempel: „Direktion des Hoftheaters zu X.“ und lautete: 
An Herrn Professor Herbert in N.....
Mit größtem Bedauern muß ich Ew. Wohlgeboren Ihr Trauerspiel „Penthesilea“ zurücksenden, indem dasselbe zu große szenische Schwierigkeiten bietet, um auf der Bühne dargestellt werden zu können.44 Der von Ew. Wohlgeboren mir anempfohle­nen Verschwiegenheit dürfen Sie versichert sein. 
Hochachtungsvoll!
W.....
Frau Herbert blickte schwer seufzend den Gatten an, der bleich und zitternd neben ihr stand.
„Das war nun noch die letzte Hoffnung!“ sprach er und zerknitterte den Brief. „Allen anderen In­tendanten und Direktoren vergab ich es, daß sie mir das Stück zurückschickten, — denn sie Alle sind nicht fähig, den Wert eines solchen Werkes zu begreifen. Von einem Menschen wie W..... aber kann man Verständnis für wahre Kunst fordern, weigert er mir die Aufführung, so ist es Neid. Aber er soll sich mit diesen Zeilen das Todesurteil geschrieben haben!“ Er hob wie zum Schwur das zerdrückte Blatt in die Höhe: „Jetzt erkläre ich dem deutschen Bühnenwesen und seinen Lenkern den Krieg. Wer nichts zu hoffen hat, hat nichts zu fürchten. Ich habe sechs Tragö­dien für den Papierkorb geschaffen, — ich schreibe nun keine mehr; ich schreibe nun nur noch Kritiken und kann mir endlich den Genuß der Rache gönnen! Die Kritik ist die allliebende Mutter, die jedem Mißvergnügten, Verkannten ein Feld für seine Fähigkeit eröffnet. In ihre Arme werfe ich mich von nun an. Unser Publikum ist entartet; ich gebe es auf, für eine Masse zu dichten, die scharenweis der Posse zuströmt, bei den faden Späßen eines modernen Lustspielhelden jubelt und in einem, von Weiber­hand gekneteten Rührstück Tränen vergießt. In dieser Zeit wären Shakespeares, Schillers und Goethes Werke als „Kathederpoesie“ verworfen worden, hätten nicht vergangene Dezennien ihnen den Stem­pel der Klassizität aufgedrückt! Diese verkommene Ge­neration muß wieder herangebildet werden durch die Presse. — Sie sprechen ihr Hohn und klimpern mit ihren vollen Taschen, diese Kassenhelden, die das Pu­blikum demoralisieren, aber ich will sie geißeln, daß sie mich nur noch den Attila der deutschen Bühne nennen sollen!“
Er hielt inne, denn der Atem war ihm bei sei­ner Philippika ausgegangen, und er begann sein Ma­nuskript noch einmal durchzulesen, indem er sich be­ruhigend murmelte: „Das gehört der Zukunft!“ —45
Frau Herbert hatte ihn austoben lassen, wie es ihre Art war, endlich aber hielt sie es doch für eine Pflicht der Wahrheit, wenigstens in etwas den Hochmut des gereizten Mannes zu dämpfen. „Es ist ein trauriges Amt“, begann sie, „den literarischen Scharf­richter zu machen, ich möchte es nicht verwalten! Man tut Niemandemetwas Gutes dabei. Man zerstört manch hoffnungsvolles Talent im Keim, ladet den Fluch zahlreicher Seelen auf sich, die ehrlich ran­gen und strebten, und die Mühen ihrer Tage und Nächte verloren, die Kinder ihrer Schmerzen mit dem kalten Stahl der Negation gemordet sehen müssen. Auch das Publikum dankt es Dir nicht, wenn Du ihm entwertest, was ihm lieb geworden wäre und es um manchen Genuß armer machst! Schiller und Goethe haben nie in dieser Weise Kritik geübt, haben gelebt und leben lassen, denn sie waren zu groß, um sich auf Kosten eines Zeitgenossen größer machen zu wollen, und zu gut, um das, was er im Schweiße seines Angesichtes schuf, mutwillig zu zerstören. O Edmund, wie klein ist der, welcher Andere erniedri­gen muß, um sich selbst zu erhöhen.“
„Du predigst wieder ohne Sinn und Verständnis“, fuhr Herbert die redliche Frau an. „Schiller und Goethe konnten leicht die Edlen spielen, sie wa­ren nicht verkannt, ihnen weigerte ein besseres Ge­schlecht die Krone nicht, die ihnen zukam. Wer freierwählter König ist, wäre ein Tor, die Vasallen sei­nes Reiches mit Krieg zu überziehen. Mir aber weigert die Nation mein Recht, deshalb muß ich es mir erkämpfen.“
„Bist Du so sicher dieses Rechtes?“ frug Frau Herbert mit leiser Stimme, „bist Du so gewiß, daß Deine Werke denen Schillers und Goethes ebenbür­tig sind und die gleichen Erfolge verdienen?“
Herbert stand wie versteinert über das Verbre­chen eines solchen Zweifels: „Ich glaube, Dein Ge­sichtsschmerz hat Dir das Gehirn angegriffen, — und man tut besser, über solche Dinge nicht mehr mit Dir zu sprechen!“
Frau Herbert bog sich auf ihre Arbeit nieder. Ein leichtes Rot überflog ihr blutleeres Gesicht, aber sie war an solche Ausfälle zu sehr gewöhnt, um et­was darauf zu erwidern. Sie hatte ihrem Gefühl nach schon zu viel gesprochen, und als sie in Herberts verstörte Miene sah, ergriff sie das Mitleid. Wie un­würdig er es auch trug, — es hatte ihn doch immer­hin ein Unglück getroffen und sie wollte es ihm nicht noch schwerer machen. „Höre Edmund“, sagte sie nach einer Pause, während welcher Herbert in den Schön­heiten seines Manuskriptes Trost suchte und fand, „entschließe Dich doch, das Stück Deinen Bekannten vorzulesen. Es sind ja so viele geistreiche Leute hier, die auch ehrenhaft genug sind, Dir offen ihre Meinung zu sagen; da kannst Du dann beobachten, welchen Eindruck das Ganze macht, und vielleicht auf die Urteile der Zuhörer hin etwas verbessern!“
„Ich brauche keines Menschen Urteil! Was mein Stück wert ist, weiß ich selbst. Soll ich mir noch nachsagen lassen, ich bedürfte der Hilfe Anderer bei meinen Arbeiten. Das fehlte nur, daß es noch ruchbar würde, ich schriebe unbrauchbare Dramen. Nein, zu einem Werke, das keinen äußeren Erfolg erzielte, mag ich mich nicht bekennen, ich darf mir weder vor meinen Kollegen, noch vor meinen Schü­lern eine solche Blöße geben.“
Die Tür öffnete sich ein wenig und durch die Spalte lächelte eine zweite Spalte, der große Mund Elsas, herein. Als sie aber das düstere Verhängnis auf den Mienen ihres Bruders sah, rückte auch das breite Stumpfnäschen und endlich das ganze holde Wesen nach. Sie trug eine weiße Schürze mit einem Brustlatz, einen Überärmel von Kattun am rechten Arm und in der Hand einen Pinsel, desgleichen einen über dem rechten Ohr.
„Euere Stimmen störten mich in meiner Arbeit. Warum zanktet Ihr Euch schon wieder? Ihr wißt doch, daß meine Phantasien durch das leiseste Ge­räusch wie scheue Koboldchen verjagt sind.“
„Jetzt ist wohl Zeit, an Deine Allotria zu denken, wenn ein Werk wie meine Penthesilea als „unausführbar“ zu seinem Dichter zurückkehrt“, don­nerte sie der Bruder an.
„Gott!“ rief Elsa bestürzt: „die Penthesilea — auch von W.....verworfen — o wer hätte das ge­dacht! Ich verehrte diesen Mann so sehr! — Mein armer Bruder — das ist hart! Brüderchen, — Edmündchen, sieh nicht so finster drein! O ich fühle ganz mit Dir. Wem schon so viele Werke zurückge­wiesen wurden, wie mir, der kennt diesen Schmerz! Und was sagt meine arme Ulrike? Sie ist auch so niedergeschlagen.“
„O sie brauchst Du nicht zu bedauern“, bemerkte Herbert bitter, „sie hat nur Klagen über die Unfä­higkeit des Gatten, nicht über sein Unglück.“
Frau Herbert wandte das Gesicht nach dem Fen­ster, als habe sie die boshafte Rüge nicht gehört.
„Du mußt ihr das nicht so übel nehmen, Brü­derchen. Sie hat ja nie etwas Anderes als Übersetzungen gemacht, — sie weiß nicht, was sich be­wegt in eines Dichters Brust.“
Frau Herbert sah Elsa bei diesen geringschätzi­gen Worten ernst und ruhig an. „Und dennoch ge­währen uns meine anspruchslosen Übersetzungen für die Unterhaltungsblätter die einzige feste Einnahme, die wir außer Edmunds Gehalt und meinen Zinsen haben. Das kommt daher, weil ich nicht leisten will, was über meine Kräfte geht. Einem bescheidenen Wollen, das mit dem Können gleichen Schritt hält, wird ein kleiner, aber sicherer Erfolg nie fehlen.“
Elsa wendete sich etwas verblüfft über die un­verkennbare Anspielung von ihr ab und zu dem Bru­der, der höhnisch murmelte: „Natürlich, das ist der Endreim zu dem vorhin schon angestimmten Liede vom ,Wollen und Nichtkönnen!‘“
Elsa warf sich kosend, wie Klärchen vor Egmont,46 auf einen Schemel zu seinen Füßen nieder, streichelte seine glattrasierten Wangen, nahm ihm das dicke Manuskript aus der Hand und drückte es an ihren Busen: „Tröste Dich, mein Dichter! Deine Penthesilea wird dennoch leben! Hier, hier — in diesem und in Aller Herzen! Laß sie nur drucken und gib sie als dramatisches Gedicht heraus, — dann findet sie einen Leserkreis unter den Besten Deines Volkes.“
„Du bist eine gute Schwester“ — sagte Her­bert geschmeichelt, „aber Du weißt, daß ich bisher nicht einmal einen Verleger fand, der genial genug gewesen wäre, es mit meinen Tragödien zu wagen. Und das Werk selbst drucken zu lassen, dazu fehlen mir die Mittel.“
„Brüderchen — nein, ich kann nicht glauben, daß die Penthesilea keinen Unternehmer fände. Sie ist das Größte, was Du geschrieben. Auch der roheste Mensch muß von dieser Erhabenheit ergriffen werden! Ich glaube noch eher, daß die gewaltigen Kampfszenen zwischen Trojanern, Amazonen und Griechen auf der Bühne schwer darstellbar sind, namentlich die mit dem Riesenpferde. Aber daß sich Jemand weigern sollte, eine solche Dichtung zu drucken — nein — nimmermehr. Wenn aber auch das Undenkbare geschähe, so verzweifle nicht. Soviel wird mir mein Kochbuch schon tragen, daß ich Dir die Mittel zum Selbstverlag geben kann! O — welch wunderbare Fügung des Schicksals, wenn es mir vergönnt wäre, durch ein Kochbuch der deutschen Nation die Kenntnis ihres schönsten Werkes zu verschaffen. Die Wege des Genius sind unerforschlich und so wird vielleicht Penthesilea aus dem Schaume des Suppentopfes er­stehen, wie einst Aphrodite aus dem Schaume des Meeres. — Nun siehst Du, da lächelst Du ja. Nicht wahr — Dein Schwesterchen weiß immer, wie sie ihr geniales Brüderchen vergnügen kann?“
„Du bist ein liebes, poetisches Kind; wenn ich auch Deine Hoffnungen nicht teile, so tut mir doch Dein Verständnis und Deine Bewunderung wohl, ich danke Dir!“ Und Edmündchen legte die Hand auf das ihm zärtlich zugeneigte Lockenhaupt seines Schwesterchens.

Sechstes Kapitel. 
Emanzipation des Fleisches.
Am Abend dieses verhängnisvollen Tages trat Professor Herbert, bevor er in das Kränzchen ging, in ein prachtvolles Boudoir einer am Ende der Stadt gelegenen Villa. Das ganze Zimmer bildete ein Zelt von rotem golddurchwirkten Damast, dessen ungeheure Falten sich in der Mitte des Plafonds vereinigten und eine Rosette bildeten. An den Wänden rings umher waren niedere türkische Diwans von demselben Stoff. Rote Plüscheteppiche, so weich und lang­haarig wie ein üppiger Rasen, bedeckten den Boden. An den Wänden hingen türkische Pfeifen und kostbare Waffen aller Art: Schilder, Schwerter, Pistolen und Dolche. Im Hintergrunde des Zimmers wölbte sich ein besonderes von schlanken Säulchen getragenes Zelt über einem Ruhebett, vor welches ein Löwenfell mit ausgestopftem Kopfe gebreitet war. Neben demselben stand auf dem Boden ein kostbarer Apparat zum Opiumrauchen. Auf einem niederen Tischchen von Bronze und Malachit lag eine Reitgerte mit Diamant­knopf. Ein Tabouret neben dem Diwan trug eine chinesische Schale mit Zigarren. Auf einem geschliffenen Marmorsokel erhob sich in der Mitte des Zimmers ein Bronzeguß des Farnesischen Stiers, rechts und links von dem Zelte des Ruhebetts auf den gleichen Piedestalen die Abgüsse der Rossebändiger des Monte Cavallo zu Rom.47 Die reiche Drapierung der Wände wurde durch Armleuchter mit Ampeln von Milchglas gehalten.
Der Dampf einer feinen Zigarre durchzog in blauen Ringen das Gemach, das weit eher einem türkischen Pascha als einer Dame angehören konnte und dennoch wurde es von einer Dame bewohnt und ihre Zigarre war es, deren Wolken den so eben ein­tretenden Herbert umhüllten.
Herbert sah vorerst nur zwei schöne Frauenfüße in perlengestickten russischen Pantoffeln auf dem Rücken des Löwen liegen, die Vorhänge des Zeltes verhüllten ihm noch die Gestalt. Zwei Schritte weiter und da dehnte sich in behaglichster Ruhe auf den schwellenden Kissen vor ihm ein Weib, neben welchem alle andern Werke der Natur zur Pfuscherei wurden, — eines der Weiber, die nur zuweilen erscheinen, um lachend Alles zu verdunkeln, was Menschen bis da­hin für schön gehalten hatten. — Herbert stand, wie jedesmal, geblendet und verwirrt vor diesem Bilde. Er hatte den neuen Frack an, hielt einen funkelneuen Zylinder in den Glacés, die ihm seine Frau diesen Morgen geflickt hatte — und doch, was war er mit all dieser Eleganz, was half ihm der neue Frack dieser Frau gegenüber? Stumm stand er da „in seines Nichts durchbohrendem Gefühle“ — was konnte er ihr sein und geben? Sie war das Urweib — sie forderte den Urmann, wie die letzte Riesin in den Nibelungen nur den letzten Riesen lieben mochte. War er in seinem Fracke jener Urmann — jener Sieg­fried, der diese Brunhild bezwingen konnte?48 Ach, er fühlte es zu wohl, er war nichts — als ein arm­seliger Schwächling, dessen einzige Kraft die der Be­gierde war.
„Ah, sieh da, unser kleiner Philister“, sagte gähnend die schöne Brunhild in gebrochenem Deutsch und reichte ihm ihre weiche Hand, mit der sie ihn wie ein Kind neben sich auf den Diwan herabzog. Herbert sank so tief in die üppigen Polster, daß sie fast wie Wogen über ihm zusammenschlugen. Zu seiner steifen Hal­tung und Toilette paßte aber dieser Platz auf ebener Erde gar schlecht — er hatte nicht die Geschmeidig­keit der reichen Aristokraten, die gewöhnt sind, sich in seidene Kissen zu schmiegen und die Beine von sich zu strecken. Solch ein Sitz taugte nur für den, der sich unbekümmert und behaglich, die Opiumpfeife im Munde, neben der rauchenden Genossin ausdehnen und ge­legentlich seinen Kopf zum Schlummern in ihren Schoß legen durfte. — Der arme Herbert gehörte nicht zu diesen Begünstigten des Glückes. Hölzern und ängst­lich saß er da, wie eine zusammengeknickte Glieder­puppe und seine spitzen Knie ragten trostlos über das Niveau seines Sitzes empor, während sich von der allzustarken Krümmung seine knappen Kleidungsstücke verschoben. Er stellte schüchtern seinen Hut neben sich auf das weit höhere Tabouret und beneidete ihn um den vorteilhafteren Platz.
„Nun, mein gelehrter Herr“, begann die Dame wieder „so stumm? Wo fehlt es denn? Was drückt Sie, häusliches Elend? Pardon — ich wollte sagen: eheliches Glück.“
„Das drückt mich ja immer, meine teure Gräfin!“ erwiderte Herbert. „Diesen Staub schüttle ich bei Ihnen von den Flügeln. Es ist heute etwas Anderes, was mich bekümmert — meine Penthesilea —“
Die Gräfin lachte laut auf und blies eine starke Wolke Tabak zur Decke empor. „Da haben wir’s! — Entweder es ist seine Frau —oder seine Penthesilea, die ihn quält — ich wünsche der Einen wie der An­deren sobald als möglich die ewige Ruhe, denn ein unglücklicher Ehemann und ein Trauerspiel passen so wenig in die Atmosphäre dieses Boudoirs, wie der Duft von Eau de Cologne und Kamillentee, diese schauer­lichen Attribute eines Krankenzimmers.“
„Und doch waren Sie es, Gräfin, deren Helden­gestalt mich zur poetischen Verherrlichung jener kühnen Amazone des Altertums begeisterte.“
„Das mag wohl sein, doch — Bester — glauben Sie nur, daß Penthesilea selbst es sicher als eine schwere Strafe betrachtet hätte, ihren Ruhm in einer deutschen Tragödie lesen zu müssen! Nun, nur nicht gleich wieder verletzt! Schnell eine Zigarre! Wollen Sie Feuer haben? Da, ich will Ihnen mehr geben, als Sie nur brauchen“, und dabei bog sie sich mutwillig lachend zu ihm hin und zündete mit ihrer Zigarre die seine an.
„Sie wissen, daß Sie mit mir umgehen können, wie mit einem Spielzeug“, sagte Herbert und machte den schüchternen Versuch, seine verkrümmten Beine in eine bequemere Stellung zu bringen. „Aber treiben sie es nicht zu weit —“
„O hat der Herr Professor Lust, sich aufs hohe Pferd zu setzen?“
„Das nicht, nur auf einen höheren Stuhl“, schal­tete Herbert unwillkürlich ein.
„Nun, so nehmen Sie dies Tabouret, trockener Deutscher, der keinen Sinn hat für orientalischen Komfort. So — ist es nun gut? Also hören Sie. Wenn Sie Lust haben, sich auf ein hohes Pferd zu setzen, so sei es wenigstens das meine. Wie oft schon stellte ich Ihnen meinen Ali zur Verfügung — machen Sie mir nur ein einziges Mal den Spaß, Sie zu Pferde zu sehen. Wollen Sie? Ach — es müßte köstlich sein!“
„Ich danke Ihnen, ich tue alles für Sie, was Sie wünschen, ich gehe für Sie in den Tod, — aber Ihnen Gelegenheit geben, mich auszulachen, — das ist zu viel verlangt.“
„Nun denn, so führen Sie mich einmal Arm in Arm über die Straße! — O — das erschrockene Ge­sicht des ehrsamen Herrn! In den Tod wollen Sie für mich gehen — aber nicht mit mir über die Straße? Seht doch, seht, welch ein prächtiger Held für eine Tragödie. Schweigen Sie, ich weiß Alles, was Sie sagen wollen und können: Frau, — Schwester, — Basen, — Tanten, — guter Ruf, — angesteller Professor, — es könnte, nach den Worten der Schrift, ein groß’ Geschrei über das Volk kommen! Alle Kaffee- und Teetassen der Stadt N*** würden davon wiederklingen, daß Professor Herbert mit einer Emanzipierten über die Straße ging! — Aber das ist nicht gegen den Anstand, im Halbdunkel zu mir zu schleichen, meine Finger- und Fußspitzen zu küssen und später in Gesellschaft die Achseln über mich zu zucken! Schämen Sie sich, Herbert — Sie sind ein feiger Wicht, der zu nichts gut ist, als den Messager d’amour49 zwischen mir und Möllner zu machen.“
„Gräfin“, drohte Herbert, „bringen Sie mich nicht aufs Äußerste — oder Sie werden es bereuen. Sie kennen meine Leidenschaft für Sie, wissen, daß ich Alles tue für einen einzigen Kuß dieser Lippen,— aber Sie lassen mich am Quell verdursten, am ge­deckten Tisch verhungern und Spott und Tadel sind mein Lohn; das ist eine Behandlung, die kein Mensch erträgt!“
„Nun denn — point d'argent, point de Suisse!“50 rief die Gräfin, „für jede gute Botschaft, die Sie mir von Möllner bringen — sollen Sie einen Kuß haben. Ich setzte diesem Manne zu lieb eine Schlange an meinen Busen, warum sollte ich mich nicht von einem deutschen Philister wie Sie küssen lassen?51 — Aber vorher müssen Sie noch erst alle Qualen verschmähter Liebe durchkosten, damit Sie sich um so mehr beeilen, den meinen ein Ende zu machen!“
„Gräfin, das ist eine schlimme Aussicht für mich, denn ich glaube schwerlich, daß ich Ihnen jemals eine gute Botschaft bringen werde. Alles, was ich tun kann, ist, daß ich Ihnen überhaupt Botschaft bringe, und wenn Sie mir eine schlechte nicht eben so lohnen wie eine gute, so sollen Sie von mir gar nichts mehr erfahren und können sich einen andern Vertrauten suchen.“
Er machte Miene aufzustehen, doch sie hielt ihn bei der Hand und sah ihn mit ihren großen blitzenden Augen bittend an.
„Herbert!“
Diesem Blick und dem Ton, mit dem sie das eine Wort sagte, konnte der unglückliche Professor nicht widerstehen. Er sank neben ihrem Löwenschemel nieder und drückte die Lippen auf die Perlen und Flitter ihres gestickten Pantoffels.
„Sehen Sie wohl, daß Sie nicht so schlimm sind, wie Sie mich glauben machen wollen?“ sagte sie mit einem verächtlichen Lächeln, welches er zum Glück nicht sah, auf ihn herabblickend.
„Haben Sie Erbarmen mit mir“, stöhnte er. „Ich bin grenzenlos elend. Zu Hause nichts als Jammer und Klagen. Eine durch Krankheit entstellte, zerrüttete Frau, die meiner ästhetischen Natur Widerwillen ein­flößt und mich, wenn ich bei tausend geschäftlichen Unannehmlichkeiten Trost brauche, noch mehr nieder­beugt. Dazu Unbill aller Art, Verkennung meines Talentes, Mißerfolg bei Allem, was ich ergreife — und nun dieser Kontrast, wenn ich Abends zu Ihnen komme! Das Schönste, das Begehrenswerteste, das die Erde bieten kann, liegt hier vor meinen Blicken, aber die Wonne, die mich bei seinem Anschauen durchströmt, ist ein schleichendes Gift, das mich verzehrt, denn nichts, nichts von all der Herrlichkeit ist mein, ich stehe wie ein Knabe vor dem Weihnachtstisch, der einem andern aufgebaut ward, ich bin nur da, um die Lichter am Baume anzuzünden, damit der Andere sehe, was ihm beschert ist, und wenn ich ihn glücklich herbeigebracht habe, den Spröden, Widerspenstigen, daß er Besitz ergreife von seinem Reichtum — dann — dann muß ich leer von hinnen gehen, — o das ist fürchterlich!“ Er grub sein Gesicht in die Mähne des Löwen und die zuckende Bewegung seiner Schultern verriet, daß er weinte.
Die Gräfin sah mit dem Mitleid, das wir einer verbrannten Mücke weihen, auf ihn nieder. Sie hatte, wenn es gegangen wäre, den Fuß gehoben und ihn aus Erbarmen tot getreten, wie man es tut, um die Leiden solch eines armen Tieres abzukürzen, doch da dies eben hier unmöglich war und sie den kleinen Mann überdies noch brauchte, richtete sie ihn gnädig auf und setzte ihn wieder neben sich auf die Polster. „Sie sollen auch nicht leer ausgehen, Bester, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich Sie zum reichen Mann machen will. Wenn Sie mir diesen Möllner zu­führen, wird Ihnen mein Banquier, so lang ich lebe —“
„Gräfin“, rief Herbert außer sich, „gehen Sie in Ihrer Verachtung nicht zu weit! Ich bin tief gesunken, daß ich markte und feilsche und Ihnen meine Hilfe in dieser Sache verkaufe um einen Kuß. Auf einer einzigen Liebkosung von Ihnen steht mein Leben, denn ich verdurste nach diesen Lippen — sie zu berühren, ist der Gedanke, was sage ich, der Wahnsinn, der mich Nachts aus dem Schlafe peitscht, der mich bei Tage im Kolleg mitten in meinem Vortrag stocken läßt, der mir den Hals zuschnürt, wenn ich den Bissen, der mich nähren soll, genießen will. — Ein einziger Kuß von Ihnen ist mehr Seligkeit als solch ein armer ‚Wicht‘, wie ich beanspruchen darf, — aber so tief bin ich nicht gesunken, daß ich mich bezahlen ließe wie einen Kuppler und wenn Sie mich auch sehr gering schätzen, so sollten Sie wenigstens den Stand des deutschen Gelehrten höher achten, welchem ich die Ehre habe anzugehören.“
Die Gräfin schwieg ein wenig, betroffen über diese Lektion. Doch dauert eine solche Verlegenheit nur einen Moment bei einer Frau, die sich der Macht bewußt ist, die tiefste Beleidigung durch ein Lächeln wieder gut zu machen. „Kommen Sie her! Vergeben Sie mir! Ich habe gefehlt, aber ich bereue.“ 
„O Göttin meines Lebens“, rief Herbert und ergriff ihre dargebotene Hand, sie inbrünstig an seine Brust drückend. „Vergeben— Ihnen vergeben! Mit wie vielen Schmerzen und Wunden wollte ich mir wieder und wieder die Wonne einer solchen Abbitte erkaufen. Das Einzige, was ich Ihnen nicht verzeihe, ist, daß ein Weib, wie Sie, gerade diesen Möll­ner liebt!“
„Wirklich? Und warum?“
„Weil ich ihn Ihrer nicht würdig finde. O, sehen Sie, wenn Sie sich einem Könige oder Kaiser dahingäben, ich würde es ertragen ohne Murren. Die gekrönten Häupter besitzen stets das Kostbarste, was die Erde hat — wie könnte ich fordern, was nur Könige zu erwerben vermögen! Aber daß es Einer meinesgleichen ist, der Sie besitzen soll, Einer, der kein Vorrecht der Geburt, der Bildung, des Gei­stes, nichts, nichts vor mir voraus hat, als eine Mannheit, die er mit jedem Tierbändiger teilt — das wird mich noch wahnsinnig machen!“
Eine dunkle Röte überzog die Stirn der schönen Frau. „Ich habe mir selbst keine Rechenschaft darüber gegeben, warum ich diesen Möllner liebe, — ich gebe mir nie Rechenschaft über meine Empfindungen, wenn sie zur Leidenschaft werden, denn jede Leidenschaft trägt ihre göttliche Beglaubigung in sich. Sie aber bringen mich jetzt erst darauf, was mich denn eigentlich an diesem Möllner so entzückte und Sie sprechen es aus. Ja! es ist nichts Anderes, als das Höchste, was wir an einem Menschen bewundern können: edle, echte Männlichkeit. Mich dünkt, in einem Dichter gelesen zu haben: ‚Nehmt Alles nur in Allem, er war ein Mann!‘52 Dieser aber ist noch mehr und zwar, was mir in meinem ganzen Leben noch nicht begegnete, er ist ein tugendhafter Mann. Dies, mein guter, kleiner Professor, ist sein Reiz und sein Vorzug, ist der Reichtum, den kein Monarch vor ihm voraus hat, um zu erkaufen, was diesem Möllner von nun an gehört: mein Herz! — O es kann keine köstlichere Blume im Garten des Paradieses gegeben haben, als die Tugend dieses reinen Gottesmenschen, die ich hier zu pflücken hoffe. Es ist die Wonne der Eva, als sie den ersten Kuß auf die Lippen des ersten Menschen drückte und ihn zum erstenmale erröten sah!“
Die schöne, glühende Frau, mehr zu sich selbst, als zu dem armen Gefolterten an ihrer Seite sprechend, legte sich in das Sofa zurück und rief mit einem schwellenden Atemzuge: „O welch ein göttliches Amt für ein Weib, einen Mann wie diesen zu lehren, was Glückseligkeit ist!“
Herbert dachte einen Augenblick nach. Er hatte in dieser Sache falsches Spiel gespielt und in der stillen Hoffnung, Johannes für seine Schwester zu gewinnen, bei diesem nie etwas zu Gunsten der schönen Frau getan. Er hatte sie mit falschen Berichten hingehalten, getäuscht, um so lange wie möglich als ihr Vertrauter in ihrer Nähe zu bleiben und sich an den Abfällen ihres Interesses für seinen Kollegen zu laben. Jetzt war Alles zusammengestürzt, was er gehofft und gewünscht. Möllner liebte diese Hartwich, für Elsa war er verloren, so wollte er sich wenigstens durch die Gräfin an der verhaßten Nebenbuhlerin seiner Schwester rächen; der siegreiche Reiz der Worronska sollte ihr Möllner entreißen und ihm das Einzige sichern, was in diesem Schiffbruch zu retten war: den Dank der Gräfin.
Endlich begann er nach schwerem Kampfe: „Ich muß Ihnen eine Mitteilung machen, die Sie in Zorn versetzen wird, die ich Ihnen aber als Ihr Freund nicht vorenthalten darf.“
„Nun?“ fragte die Amazone und zündete sich eine neue Zigarre an.
„Ich habe entdeckt, daß Möllner liebt.“
Die Gräfin fuhr auf und blickte Herbert wie träumend an. Der eben eingezogene Rauch der frischen Zigarre quoll in Wolken aus ihrem halbgeöffneten Munde und gab ihr das Ansehen eines schönen feuer­speienden Dämons.
„Wen liebt er?“ frug sie, während ihre flammen­den Augen den Namen von Herberts Lippen saugen wollten, noch ehe er ihn aussprechen konnte.
„Haben Sie je von einer Gelehrten namens Hartwich gehört?“
„Ja, ja, sie ist auch eine Emanzipierte.“ 
„Ja, jedoch in ganz anderer Art als Sie, Grä­fin“, berichtigte Herbert, sich voll Schadenfreude an den Qualen der stolzen Frau weidend. „Sie sind nur zu Ihrem Vergnügen emanzipiert, jene ist es aus Grundsatz. Eine raffinierte Person, die Möllner durch ihren Geist imponiert.“
„Nun — und diese ist es?“ rief sie, vor Unge­duld den weichen Teppich stampfend, daß der Staub aufflog.
„Diese liebt er!“
Zum ersten Mal sprang die Gräfin von ihrem Ruheplatz und stand hoch emporgerichtet in ihrer ganzen Majestät vor Herbert. Ihr goldgesticktes türki­sches Hauskleid hing in schweren Falten an ihr nieder. Ihre dunklen Haare fielen aufgelöst auf ihre Schul­tern. Das Flimmern und Funkeln ihrer langen Diamant-Ohrringe verriet das leise Zittern, das ihren Körper überflog. Die niedere antike Stirn mit den kühn geschwungenen Brauen, der halb geöffnete Mund mit der pfeilförmigen Oberlippe, der breite, kräftige Hals, die gewaltige und doch so vollendet schöne Gestalt — Alles erinnerte an eine Niobe, nur daß der Affekt, welcher sie soeben beherrschte, mehr Zorn als Schmerz war. „Ist es wahr — wirklich wahr? Ich will Alles hören.“
Herbert erzählte, was er selbst erlebt und er­fahren hatte.
Die Gräfin schwieg einige Minuten, wie erstarrt von Überraschung — dann murmelte sie kurze und abgebrochene Worte vor sich hin, die Herbert nicht verstand, endlich schwoll ihr Groll so weit, über ihre Lippen, daß er bis an Herberts Ohr drang.
„Man muß Alles zum ersten Mal erleben — es ist das erste Mal, daß ein Mann, dem ich mich ge­nähert, eine Andere liebte.“ Sie schritt im Zimmer auf und nieder, daß die Lichter in den Ampeln flacker­ten, wo sie vorüberkam. Ihre Zigarre warf sie in den Kamin. „Das muß mir begegnen! Mir! O, verwünscht sei der Tag, wo es dem Grafen einfiel, hierher zu reisen, um Heilung zu suchen! Dafür ver­brachte ich nun seit seinem Tode die Flitterwochen meiner Witwenschaft in diesem Neste, abgeschieden von allen Herrlichkeiten der Welt, züchtig verschämt, hoffend und harrend wie eine Braut, keine Gesell­schaft um mich, als meine Pferde, meine Hunde und — Sie! Dafür, dafür — um mir die Lehre zu holen, daß es einen Mann gibt, der mir widerstehen kann. Wahrlich, das war der Mühe wert!“
Sie schlug sich vor die Stirn. „O wär’ ich damals nicht in jene Vorlesung gegangen, dann hätte ich ihn vielleicht nie gesehen. Wär’ ich weggeblieben! Was kümmern mich Physiologie und Anatomie oder wie das Zeug heißt. Ich hörte, dieser Möllner sei ein so schöner Mann, da trieb mich die Neugier hin. Ich Törin, daß ich mir einbildete, er habe mich in jener Vorlesung gesehen und bewundert, wie ich ihn“, — sie blieb stehen und versank unwillkürlich in die Erinnerung: „Gott im Himmel, war dieser Mensch schön an jenem Abend! Diese Stirn, dieses Haar und dieses Auge — ein Jupiterkopf. Ich fühlte mich erröten, wie ein sechzehnjähriges Mädchen, wenn mich ein Strahl dieses Auges traf. Und diese Würde, diese Haltung! Und diese Sprache mit dem tiefen Glockenton! Ich verstand nicht, was er sagte, aber es war auch nicht nötig, seine Stimme war eine Melodie, der man mit Entzücken lauscht auch ohne Worte! Sein Vortrag eine Symphonie — nein schöner als diese, denn in der Symphonie hören wir nur, — hier aber sahen wir auch; die Bewegungen seiner Lippen beim Sprechen sind unnachahmlich und wenn er lächelt, welche Zähne!“ Sie hielt inne. Ihre Lippen zuckten, ihre Wangen glühten. Es war ihr eine Wollust, endlich einmal ihr Herz auszuschütten, unbekümmert um das, was ihr Zuhörer dabei empfand.
„Und ist seine Stimme schon so hinreißend, wenn er von den trockensten Dingen redet, wie muß sie erst klingen, wenn seine Seele darin überfließt!“ Sie bedeckte mit der Hand die Augen und lehnte sich über­wältigt an den Sockel des Farnesischen Stiers.
Herbert saß regungslos stumm, wie ein Gefolter­ter, seine Schmerzen schnürten ihm die Kehle zu.
„Ich habe keinen Mann mehr eines Blickes ge­würdigt, seit ich ihn sah, sie haben mich Alle ange­widert. Ich war ihm treu ohne Schwur, ohne Pflicht, ohne Recht. Ich habe, seit ich ihn liebe, zum ersten Male empfunden, was der Moralist eine sittliche Regung nennen würde. Denn ein Weib, das zum ersten Male wahrhaft liebt, wird zur Jungfrau — sei sie sechszehn oder dreißig Jahre alt. Ich war Frau, bevor ich zur Jungfrau gereift war, jetzt holte mein Herz den versäumten Frühling nach, jetzt erst, unter dem zauberhaften Einfluß dieses Mannes, sproßte die im Keime erstickte Mädchenblüte wieder auf. — O, was wäre ich ihm gewesen! Ich, mit der Erfahrung des gereiften Weibes, mit der Glut eines eben erst erwachten Herzens! Und nun verschmäht! Ich, die Monarchen umbuhlten, verschmäht von einem ein­fachen deutschen Gelehrten! O das tut wehe, wehe!“ 
Und sie hob ihre schönen Arme auf und verhüllte damit wieder ihr Gesicht.
Herbert nahte ihr schüchtern, mit seinen zitternden Fingerspitzen ihre Schulter berührend. „Ach, daß ich Sie trösten könnte!“
Sie zuckte bei dieser Berührung zusammen, als sei ein Insekt an ihr emporgekrochen.
„Welchen Trost könnten Sie mir geben, als die Wohltat, mich bei Ihnen auszusprechen?“
Sie trat von ihm weg und ging wieder ruhelos wie eine Löwin im Käfig auf und nieder. „Ich Törin, ich Törin! Wie konnte ich glauben, es sei Interesse für mich, als er meinen Gatten bitten ließ, seiner Operation beiwohnen zu dürfen. Es war ein häßliches Geschwür, was ihn herzog und ich dachte, er käme um meinetwillen! Pfui, pfui! Ich wohnte ihm zu Liebe der fürchterlichen Prozedur bei und er hatte nur Augen für den Kranken, mich, mich, die daneben stand, sah er nicht! Ist dies ein Mensch, ist es ein Teufel?“
„O nein“, unterbrach sie Herbert hämisch, „es ist nur ein — deutscher Gelehrter.“
„Und als ich endlich ohnmächtig hinsank, welch ein Arm fing mich da auf — ein Arm so eisern, als könnte er mich zerdrücken, und so weich, so weich, wie der einer Mutter. Wie ein Kind trug er mich aus dem Zimmer. Ich durchlebte alle Wonnen, ich hielt den Atem an, um nicht aus diesem schönen Traume erwachen zu müssen. Da ließ er mich auf einen Diwan nieder und sagte mit eisiger Ruhe: „Gnädige Gräfin, gestatten Sie, daß ich Ihr Kam­mermädchen rufe, ich muß wieder zur Operation.“ Die Beschämung trieb mir das Blut in die Wangen. Einen Augenblick haßte ich ihn, aber als er das Zimmer verlassen und sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, da verehrte ich ihn wie einen Heiligen. Ich wollte ihm nacheilen, seine Knie umfassen, seine Hände mit Tränen netzen, wie eine Büßende. Doch ich bezwang mich. Ich fühlte plötzlich, daß dieser reine Geist nichts lieben könne, was er nicht achten durfte, daß ich mir zuerst seine Achtung erringen müsse, bevor ich auf seine Liebe hoffen dürfe. Ich beschloß, ein neues Leben zu beginnen, beschloß, mit meiner ganzen Vergangenheit zu brechen. Denn für die Liebe dieses Mannes war mir kein Opfer zu schwer, kein Preis zu hoch — und ich säete Entsagung, um Freude zu ernten. Närrin, die ich war, jetzt ernte ich den Lohn der Tugend!“
Ein bitteres Lachen brach aus ihrer gepreßten Brust hervor und gleich darauf folgte ein heftiger, erleichternder Tränenstrom. Sie warf sich ungestüm auf den Rücken des Löwen und bot Herbert, ohne es zu wissen, das lebende Bild einer Ariadne.53
„Schönes, schönstes Weib!“ murmelte Herbert, trunken von ihrem Anblick. „Ist es denn nicht eine Verkehrteit der Natur, daß solch ein Weib um ver­schmähte Liebe klagt? Verdient ein Mensch, der diesem Reize widerstehen konnte, den Titel: Mann? Nein, sicher nicht. Er ist ein überspannter Pedant, der Typus deutschen Philistertums und hätte ihm nicht die blind schaffende Natur aus Ironie einen schönen Kopf und eine Athletengestalt verliehen — es flösse keine Träne einer Gräfin Worronska um ihn!“
„Herbert, schelten Sie ihn nicht, ich verbiete es Ihnen! Sie wissen nicht, wie groß ihn mir gerade das erscheinen läßt, daß er den Mut, die Kaltblütig­keit besitzt, meine Schönheit zu verachten, als könnte er wählen unter Göttinnen, als versammelte dieses Nest hier einen Olymp um ihn, anstatt einer Anzahl häßlicher, blöder Kleinstädterinnen. Welch ein stolzes Bild muß seine Phantasie sich geschaffen haben, daß ich nicht den Kampf mit ihm aufnehmen durfte, — denn, als er mich kennen lernte, war sein Herz noch frei, — damals kannte er jene Hartwich noch nicht. O, mit welch kaltem Wohlgefallen betrachtete er mich, als ich das erste Mal vor ihm stand. Er dachte nicht, daß ich schön, nur daß ich korrekt gebaut sei,— er sah mich nicht mit dem Auge des Ästhetikers, nur mit dem des Anatomen, er dachte sich meine Gestalt nicht in seinen Armen, — sondern unter sei­nem Seziermesser! So war es und so blieb es. Wie oft er auch nach der Operation meinen Gemahl, der Gefallen an ihm gefunden, besuchte,— ich erfuhr nie etwas Anderes, als das strengste Zeremoniell von ihm. Immer dieselbe milde, aber unnahbare Ruhe, dies gleichmütige Anschauen, wie man ein schönes Bild, aber nicht ein Weib von Fleisch und Blut, betrachtet. Das hat etwas Gewaltiges — etwas Überwältigendes für eine Frau, die alle Männer, welche ihr nahten, zu ihren Füßen sah.“ — Sie versank in ein finsteres Brüten. Endlich ergriff sie Herberts Hände. „Herbert, sagen Sie mir, was ist es für ein Weib, das diesem Manne genügte? Muß ich mich jeden Kampfes gegen sie begeben? Ist alle — alle Hoffnung dahin?“
Herbert, von der Berührung ihrer Hände wie elektrisiert, hauchte kaum hörbar: „Werden Sie mir einen einzigen Kuß gewähren, wenn ich Ihnen einen sicheren Weg zeige, die Hartwich in Möllners Augen zu vernichten?“
Eine schwüle Pause entstand. 
„Es ist der einzige Preis, sonst schweige ich!“ 
„Nun denn — ja!“ rief die Gräfin gequält, aufs Äußerste gebracht und bot ihm den schönen Mund dar. Herbert näherte sich ihr mit dem Ausdruck eines Schakals, der sich auf seine Beute stürzt, durstig, bebend vor Entzücken. Da überwältigte der Ekel die stolze Frau und mit einem gewaltigen Wurf schleu­derte sie den kleinen Mann weit von sich, daß er zu Boden stürzte. Sie erschrak, sie konnte sich nun Alles bei ihm verdorben haben. Sie ging zu ihm hin und reichte ihm die Hand: „Stehen Sie auf und ver­zeihen Sie mir.“
Herbert stand geisterhaft bleich mit eingesunkenen, starren Augen da und suchte seinen von dem Sturz verdorbenen Anzug zu ordnen. Er wischte sich mit seinem weißen Tuche den kalten Schweiß von der Stirne und holte, ohne ein Wort zu sprechen, wan­kenden Schrittes seinen Hut.
Beklommen schaute die Gräfin seinem Beginnen zu. „Herbert“, sagte sie mit erzwungenem Lächeln, „sind Sie böse, daß ich Sie so unsanft behandelt?“
„O nein!“ erwiderte er mit hohlem, heiseren Tone.
Sie reichte ihm die Hand, die er nicht ergriff.
„Rechnen Sie mir jene unfreundliche Aufwallung nicht an, ich — ich bin zu tief verwundet, ich weiß nicht mehr, was ich tue!“
Herbert schwieg. Es war, als schüttle ihn ein Frost. Sein Aussehen, sein Blick erschreckte die Gräfin mehr und mehr.
„Nicht wahr, nun werden Sie sich rächen und mir das Mittel nicht nennen, womit ich die Hartwich vernichten könnte?“
„O, warum sollte ich nicht?“ stammelte Herbert mit zitternden bläulichen Lippen. „Ich halte stets, was ich verspreche.“ Seine Augen richteten sich durch­bohrend auf die Gräfin: „Machen Sie die Hartwich zu Ihrer Freundin, dann wird sie für Möllner ein Gegenstand des Abscheues sein!“
Die Gräfin zuckte zusammen, ein furchtbarer Blick traf Herbert, ein Blitz tödlichen Hasses kreuzte ihn. Jetzt standen sie sich als Todfeinde gegenüber, der weibische Mann und das männliche Weib, sie hatte ihn bis in das Mark verwundet, — aber Herbert hatte den letzten empfindlichsten Streich geführt und leise, wesenlos, wie das Gespenst eines Abgeschiedenen, glitt er aus dem Zimmer.
Als die Gräfin allein war, sank sie, wie gebrochen, in die Knie.
„Das ist die Rache der beleidigten Moral! O Sitte! heimtückische Heuchlerin! Ungewarnt ließest du mich dir entschlüpfen, ungestraft ließest du mich sündigen und nun, wo ich reuig zu dir zurückkehren will, nun weisest du mich von dir und rufst mir dein unbarmherziges ‚Zu spät!‘ entgegen. Zu spät, die Schiffe sind hinter mir verbrannt und mir bleibt nichts als vorwärts zu eilen auf meiner Bahn — oder Buße! Buße?“ — Sie wand sich verzweiflungsvoll auf ihren Knien. „Nein, o Gott, habe Geduld, dazu bin ich doch noch zu jung und schön!“

Siebentes Kapitel
Emanzipation des Geistes
Hoch oben auf der Plattform ihrer Sternwarte, umfächelt von dem reinen Atem der Nacht, umflossen von dem Glanz der Gestirne stand Ernestine und harrte des aufsteigenden Mondes. Auf ihrer ernsten Stirn lag die Weihe, in ihrem jungfräulichen Busen der Friede des Gedankens. Der heiße Brodem der Leidenschaft, welcher tief unten im Menschengewühl sich um ihren Namen wie Gewitterwolken zusammenzog, der Gifthauch des Mundes, der ihn nannte, um ihn zu verunstalten, drang nicht hinauf zu ihrer Höhe. Ahnungslos, von keiner niederen Regung angefochten, in vestalenhafter Keuschheit stand sie da, körperlich nur wenige Spannen über der Erde — geistig um Welten von ihr entfernt.
Feierlich langsam stieg die leuchtende Mondesscheibe am Horizont empor. Einsam und still glitt sie dahin in ihrer milden Pracht. Viele Tausende kleiner Monde mochten jetzt auf Erden in den Fernröhren der Forscher schimmern in tausendfacher Verschiedenheit und dennoch immer nur Bilder des Einen, Einzigen, der da oben durch den Äther zog. Ernestine hatte kein Fernglas. Was sie heute suchte, zeigte ihr kein irdisches Schauen, nur in der eigenen Brust konnte sie es finden. Nicht das Einzelne, das Ganze drängte es sie zu erfassen; diesem Drange genügte nicht ein einzelner Sinn, alle Kräfte der Seele nimmt er harmonisch in Anspruch. Und wie sie so voll träumerischer Inbrunst emporstarrte, da war es, als verweile der Mond in seinem Lauf, um sich in diesen Augen zu spiegeln! Daß wir nicht sterben können, wann und wie wir wollen, — daß wir die Seele nicht aushauchen können in einem einzigen Atemzug! Schöner, seliger wäre nie ein Mensch dahingegangen als Ernestine, da sie in den tiefen Seufzer der Sehnsucht nach der Unendlichkeit dem Vorüberziehenden nachsandte.
Ein großes, unaussprechliches Glück wallte von dem funkelnden Nachthimmel auf sie nieder. Das war ihre Feierstunde, ihre Erlösung aus den Fesseln der Mühe und Arbeit, wenn sie sich allein fand, allein unter dem gestirnten Himmel, die einzige Wachende von so vielen Schlafenden, die einzige Denkende von so vielen Bewußtlosen, die einzige Begierdelose von so vielen Begehrenden. Dann war es ihr, als müsse sie Wache halten, als habe sie allein die ganze Würde der Menschheit zu wahren, so lange diese im Schlummer sich derselben begeben; als dürfe sie erst ruhen, wenn jene wieder zum Bewußtsein ihrer selbst erstanden. Das Fieber der Nacht, das Tausende auf ihrem heißen lager mit allen Foltern der Sünde und Sorge quält, es nahte ihr nicht; wo ein Herz die kühlen Strahlen der Sterne in sich aufgesogen hat, weichen alle irdischen Gespenster, denn im Lichte ist Frieden; im Anblick der Unendlichkeit offenbart sich uns die Ahnung der Ewigkeit und wesenlos verschwindet davor jedes zeitliche Weh. Aber wenn dann Stern um Stern erlosch, und der Mond längst hinabgeglitten war, — dann küßten die ersten Strahlen des Frührotes eine leichenhafte Stirn, und todesmatt brach sie zusammen; das heilige Feuer ihrer Seele hatte die kraft des Körpers aufgezehrt und erstarb mit dieser. Still und klaglos sank sie zur Ruhe, — wie die leuchtenden Gestirne der Nacht vor dem nahenden Morgen erbleichen. So auch heute. Mit der weichenden Dunkelheit stieg sie hinunter in ihre Gemächer und suchte in einem kurzen Schlummer so viel Stärkung zu finden als nötig, um ihr mühevolles Tagewerk wieder beginnen zu können.
„Je mehr ich geschlafen, desto weniger habe ich gelebt“, antwortete sie auf die Vorstellungen der besorgten Dienerin. „Alles ist so schön auf der Welt, wir dürfen keinen Augenblick versäumen. Ist uns doch nur eine so kurze Spanne zugemessen, um ihre Herrlichkeiten zu genießen.“
„Genießen! Du lieber Himmel, was genießen Sie denn? Sie tun ja nichts als arbeiten!“
„Das eben ist mir Genuß, gute Willmers! Denn meine Arbeit ist nichts Anderes, als ein Anschauen und Erkennen der Schönheiten der Schöpfung. Damit würde ja ein Unsterblicher nicht fertig — und nun vollends solch ein Augenblick wie unser Dasein! Sollen wir ihn noch verkürzen dadurch, daß wir es verschlafen? Hat uns die Natur, die uns einige achtzig Jahre Leben lieh, nicht um beinahe die Hälfte betrogen, indem sie uns die Notwendigkeit auferlegte, von je vierundzwanzig Stunden sieben bis neun bewußtlos zu verbringen? Ich trotze ihr, so lange ich kann, und behaupte mein Recht, das geliehene Gut auszunützen, wie ich, nicht wie sie will!“
Frau Willmers sah das blasse Antlitz der stolzen Sprecherin mit tiefer Bekümmernis an. Als sie so dalag in ihrem Bette, farblos, wie ihre weißen Kissen, mit herabgesunkenen Augenlidern, die schmalen Hände wie die einer Leiche schlaff auf der Decke hingestreckt, nur schwach und kurz atmend — da schnürte es der treuen Seele die Brust zusammen, denn sie sah, daß die Natur bereits begonnen habe, sich für diesen Trotz zu rächen. Sie umhüllte sie sorglich mit einer weichen Decke. „Sprechen Sie jetzt nicht mehr, liebes Fräulein. Sie sind zu angegriffen.“
„Sie sind es auch, Willmers, warum lassen Sie es sich nicht nehmen, aufzustehen, so oft ich zu Bette gehe?“
„Weil ich immer denke, ich zwinge Sie dadurch, aus Rücksicht für mich zu tun, was Sie nicht für sich tun wollen, sich früher eine Ruhe zu gönnen, die kein Mensch ungestraft entbehrt, nicht der Stärkste, geschweige denn ein so zartes Wesen wie Sie.“
Ernestine reichte ihr matt die Hand. „Sie sind gut, wahrhaft selbstlos, aber Sie können mich nicht verstehen, liebe Willmers. Und wenn Sie darauf beharren, mir Ihre Nachtruhe zu opfern, so muß ich Ihnen ein entfernteres Zimmer anweisen, wo Sie mich nicht mehr beobachten können! Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Sorgfalt. Gute Nacht!“
„Gute Nacht“, sagte die Willmers traurig und zog, ehe sie ging, die Gardinen zu, um die ersten Sonnenstrahlen auszuschließen, die golden auf Ernestinens Decke spielten.

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In derselben Nacht wälzte sich die Gräfin von allen Furien gepeitscht, auf ihrem Lager. Sie konnte den Tag nicht erwarten, an dem sie ihre Nebenbuhlerin sehen sollte, und dieselbe Morgensonne, die Ernestinens Schlummer mit freundlichen Bildern durchwob, — denn auch das geschlossene Auge empfindet ja das Licht und führt es der ruhenden Seele zu, — dieselbe Morgensonne jagte das gequälte Weib aus dem seidenen Bette auf. Sie kannte keine Müdigkeit. Ihr gewaltiger, durch Abhärtung gestählter Körper widerstand jeder Anwandlung von Schwäche. Ihre Leidenschaften waren Kinder ihrer wilden Kraft, sie zehrten diese nicht auf, sie waren sich einander ebenbürtig. Es gab für sie keine physischen wie keine moralischen Schranken, auch keine geistigen. Sie war begabt, aber sie mochte nicht viel denken; das Denken war ihrer Ansicht nach eine Fessel, die der Geist der Sinnlichkeit anlegte. Das Wissen hatte auch eine Grenze, die der nicht kannte, der nichts wußte. Sie wollte fessel- und zügellos sein, drum gab sie sich mit nichts ab, was sie in ihrer frivolen Sicherheit erschüttern und beunruhigen konnte  — hatte sie doch Geist genug, um zu fühlen, daß das Denken zu Resultaten führt, die einer Lebensphilosophie wie der ihren sehr gefährlich werden konnten.
„Der Mann ist da zum Arbeiten, das Weib zum Genießen!“ Das war ihr Motto, welches sie unbehindert durchführte. Sie gab der Welt frohlockend das seltene Schauspiel der schönen Gewalt und der gewaltigen Schönheit, die da mit sich fortreißt wie die Windsbraut, was an ihrem Wege liegt, jede Blume entblättert, jeden jungen Stamm entwurzelt und, wenn sie ihn einen Augenblick getragen, zerschmettert hinwirft. Ein erhabenes Schauspiel! bei dem die Walkyren in den Lüften jauchzen und der kleine Sinn sich bebend kreuzigt. Jede zerstörende Naturkraft – und dieses Weib war eine solche – hat eine schauerliche Poesie für den in Sicherheit geborgenen Zuschauer. Er bewundert, was er fürchtet, er weidet sich an dem Anblick dessen, was er als verderblich kennt. So verhielt sich auch die Einwohnerschaft der kleinen Stadt N*** gegen die schöne Russin, seit sie mit ihrem kranken Gemahl dort ankam und ihr wildes Wesen trieb. Sie war für die deutschen Kleinstädter eine unerhörte Erscheinung, über die man sich nie beruhigen konnte, über die man beständig die Hände rang. Wenn aber das herrliche Weib auf seinem Renner durch die Straßen galoppierte, oder mit fester Hand seine vier nebeneinander gespannten Rosse lenkte, wie eine Viktoria auf dem Siegeswagen, dann konnte man sich doch nicht enthalten, an die Fenster zu stürzen, um den wundervollen Anblick zu genießen, und wer das einmal gesehen, der vergaß es nicht mehr. Kraft, Gesundheit, Schönheit schienen ihre Monopole und die festen Grundlagen ihres Glücks.
„Wer emanzipiert will sein, muß das Zeug dazu haben“, pflegte sie zu sagen. „Da es aber so Wenigen zu Teil ward, gibt es auch so wenige Emanzipierte. Wer es dem Manne nicht gleich tun kann, der soll sich ihm auch nicht gleich stellen wollen. Wer aber im Eise der Newa getauft ist, wie ich – der kann den ganzen Troß mit seinem Hochmut verlachen.“
In Rußland, wo sie in einer weniger gewissenhaften Gesellschaft eine Rolle spielte, boten ihr die von dem russischen Adel veranstalteten Reiterkaroussels besondere Gelegenheit, ihre Kraft und Gewandtheit in ritterlichen Übungen zu zeigen. Sie erschien dann meistens als Ischerkessin,54 den stählernen Helm auf dem Kopf, im eng anschließenden, von Silberdraht geflochtenen Panzerhemd, das in der sonnenhell erleuchteten Reitschule sie mit einem strahlenden Glanz umgab. Und wenn sie so, den krummen Ischerkessensäbel an der Seite, die Pistolen im Gürtel, auf ihrem arabischen Hengste mit der flatternden Mähne in die Schranken ritt – da empfing sie ein nicht zu hemmender Beifallssturm. Sie wetteiferte mit den ritterlichsten Söhnen des moskowitischen Adels an Grazie und Leichtigkeit, mit der sie ihren Rappen tummelte, an Sicherheit, mit der sie die aufgestellten Türkenköpfe herabschloß, und an Kühnheit, mit der sie über die Barrièren setzte. – sie kannte keine Schwierigkeit und keine Furcht.
Sie hatte die Gestalt und Kraft einer nordischen Gottheit und die wilde Glut einer Orientalin, was Wunder, daß vom Kaiser an bis zum letzten Leibeigenen herunter alles ihr bewundernd zu Füßen lag.
Ihr Vater Alexei Fedorowitsch war ein armer, gänzlich roher Edelmann, der sich in den russischen Kämpfen gegen Napoleon durch Tapferkeit ausgezeichnet hatte und, nach einer schweren Verwundung invalid geworden, seine Pension auf dem Lande verzehrte. Eine kränkliche Aristokratin, die sich in Ermangelung von etwas Besserem zu ihm herab gelassen hatte, war die Verzweiflung seines Lebens gewesen. In der Erbitterung über die Plage, welche ihm die Gebrechlichkeit, Empfindsamkeit und Verzärtelung seiner Frau bereitete, tat er, als diese ihm ein Kind gebar, den Schwur, es im strengsten Gegensatze zu ihr zu erziehen. Lieber sollte es nicht leben, als ein Krüppel werden wie seine Mutter. Und den Anfang machte er damit, sein Töchterchen gleich den Kindern der gemeinen Stockrussen an Ostern im Eise der Newa taufen zu lassen. Die kleine Feodorowna hielt die Eisesprobe aus und dem entsprechend war die ganze Erziehung. Ihre Mutter starb wenige Tage nach dieser grausamen Taufe, die Angst um ihr Kind hatte der Kranken den letzten Stoß gegeben. So war der rauhe, ungebildete Vater Feodorownas einziger Lehrmeister und Pfleger. Er liebte sie in seiner Art und machte sie zur Genossin aller seiner männlichen Vergnügungen, wie Reiten, Pferde bändigen, Jagen und dergleichen mehr.
Als sie kaum das sechzehnte Jahre erreicht, verheiratete er sie an einen reichen Gutsbesitzer der Gegend, der noch roher und geistloser, als er selbst, und für das Mädchen ein Gegenstand des Abscheus war. Als dessen Frau lebte sie auf einem einsamen Gute wie eine Leibeigene. Der Gatte war grausam, mißtrauisch und machte ihr die Ehe zur Hölle. Ihren wilden Gewohnheiten, an denen ihr junges Herz mehr hing als an irgend etwas in der Welt, mußte sie entsagen. Jede Ausgelassenheit, auch die harmloseste, war seiner mürrischen Gemütsart zuwider. Das lebenslustige Wesen, welches gewöhnt war, auf mutigem Renner über Steppen und Haiden dahinzufliegen, durfte kein Pferd mehr besteigen, mußte mit den Mägden beim trüben Tranlicht sitzen und spinnten oder Pilze putzen, bis der Gatte heimkam, um ihre stets verweigerten Zärtlichkeiten, wenn nötig sogar mit dem Kantschu, einzufordern. Ein Jahr ertrug sie diese Martern schweigend. Endlich vertraute sie sich einigen der benachbarten Edelleute an und bat um Hilfe in ihrer Not – doch sie fand keine Teilnahme, keinen Beistand. Man nannte sie verblümt eine Närrin, die ihr Glück nicht zu schätzen wisse, nannte den Gedanken an Scheidung ein Verbrechen und gab ihrem Manne vollständig Recht. In dieser Einsamkeit und Verlassenheit trugen Durst nach Liebe, und war es auch nur die ihres alten Vaters, Sehnsucht nach Freiheit und der Haß gegen ihren Peiniger den Sieg davon und sie entfloh, ohne etwas mitzunehmen, als was sie mitgebracht, eine dürftige Bekleidung. Sie wanderte den größten Teil des Weges zu Fuße und kam so elend bei ihrem Vater an, daß dieser sie, von Mitleid überwältigt, bei sich aufnahm und gegen den Gatten, den er ihr aufgedrungen, selbst Partei ergriff. Gänzlich mittellos, aber frei ging sie aus dem nun folgenden Scheidungsprozeß hervor. Als sie jedoch zufällig den alten Minister Grafen Worronsky kennen lernte, als dieser ihr seinen Rang und seine Millionen zu Füßen legte und ihrer Schönheit die Aussicht eröffnete, am Hofe in Petersburg zu glänzen — da widerstand sie der Verlockung nicht. Sie ward seine Frau und vom Umgang mit halb wilden Leibeigenen weg an einen der prächtigsten Höfe der Welt, aus den russischen Wäldern und Steppen auf seidene Kissen, in duft- und lichtgeschwängerte Prunkgemächer versetzt. Anfangs geblendet, verwirrt, verschüchtert, gewann sie sich durch ihre unschuldsvolle Schönheit und Zaghaftigkeit alle Herzen, auch die der Frauen. Endlich aber brach ihre ungezügelte Natur um so mächtiger hervor, je härter der Druck gewesen, der sie so lange niedergehalten hatte, und sie artete unter der Führung des schwachen Gatten, der sie vergötterte, nach allen Richtungen aus. Für Verirrungen, welche die Gesellschaft unter ihren Augen und ihrem Schutze sich allmälig entwickeln sieht, hat sie stets ein nachsichtigeres Auge, als für die, welche sie außerhalb ihrer Sphäre erblickt, weil in den Verhältnissen der meisten Menschen eine Entschuldigung für ihre Fehler liegt, der die Gesellschaft um so bereitwillger Rechnung trägt, je höher Stand und Rang des Gemahls einer solchen Dame sind. Man ignorierte alle Verstöße, die man um der bedeutenden Stellung des alten Ministers willen nicht bestrafen konnte, und so war und blieb die schöne, unermeßlich reiche Gräfin Worronska trotz ihrer Ungebundenheit der Mittelpunkt, wenn auch nicht der besten, doch der glänzendsten Kreise Petersburgs. Das Alles ließ sie seit einem halben Jahr zurück und lebte wie eine Geächtete, von den ängstlichen „deutschen Philistern“ gemieden, in N***, um des Einzigen willen, den sie wahrhaft liebte — und der sie verschmähte.
Sie hatte, bevor ihr Gatte starb, stets einen glänzenden Hofstaat von Herren um sich, die aus einem nahe liegenden großen Kurort zu ihr herüberkamen. Bekannte aus Petersburg, vornehme Engländer, Polen, Italiener — kurz der ganze bunte Schwarm von reichen Tagedieben aller Nationen, der sich immer wachsend um eine schöne Frau auf ihren Reisen anschwemmt. Mit diesen rauchte, fuhr und ritt sie, ein Benehmen, das in der großen Welt Petersburgs keinen Anstoß erregte, aber in der kleinen Universitätsstadt ein Wehegeschrei der Damen und eine große Aufregung der Studenten hervorrief, welche nicht verfehlten, sie bei jeder Gelegenheit zu parodieren, bei Ausfahrten und Maskenzügen gleich ihr vier Pferde neben einander zu spannen, diese als Mädchen verkleidet zu lenken, ihre Begleiter nachzuahmen, oder ihre bärtigen Diener betrunken zu machen und dergleichen lustige Streiche mehr.
Ein unbeschreibliches Entsetzen aber rief es hervor, daß sie sich nach des Grafen Tod nicht schwarz kleidete. Man erzählte sich schaudernd, sie habe erklärt, „es sei ihr verächtlich, eine Komödie zu spielen und äußerlich eine Trauer zu heucheln, die sie innerlich nicht empfinde.“ — Wie konnte man so aller Sitte Hohn sprechen und die Untiefen seines Herzens so bloßlegen. Ja, man kam sogar auf den Einfall, sie sei gar nicht verheiratet gewesen, und nannte sie nur noch die „wilde Gräfin“, etwa in dem Sinne, wie man eine wilde Kastanie von einer echten unterscheidet. Tat man ihr nun auch darin Unrecht, so verdiente sie doch das Prädikat „wild“ in jedem andern Sinne, und der Name blieb ihr für immer. Auch Möllner, der für weibliche Verirrungen stets eine großmütige Entschuldigung wußte, fand, sie hätte mehr Pietät gegen den siebzigjährigen Gemahl haben sollen und nannte ihr Benehmen eine Koketterie, eine herzlose Ostentation. Er verzieh einem Weibe Alles, nur keine Gemütlosigkeit.Von diesem Augenblick an interessierte sie ihn nicht mehr, wenn dies überhaupt je der Fall gewesen. Er bemerkte nicht, daß seit Monaten kein Herr mehr bei ihr ein- und ausging, denn es war ihm nicht der Mühe wert, sie zu beobachten. Wem es einmal auffiel, der hielt es für einen Zufall. Der Ruhm ihrer Besserung ging unter in den Fluten ihres schlechten Rufes. Niemand glaubte mehr an sie, am wenigsten der, für den sie alle Opfer brachte. —
Jetzt war der Augenblick gekommen, wo sie sich zum ersten Mal ohnmächtig einer höheren Macht gegenüber fühlte, mit der sie nicht kämpfen konnte, und furchtbar war die Wirkung dieses ersten Anpralls an eine unsichtbare Schranke auf das ungestüme Herz der Gräfin. Sie hatte bisher nur die Sitte gekannt und sich siegreich gegen sie aufgelehnt, wo sie ihr lästig war. Die Sitte unterliegt dem Willen des Einzelnen und der Mode. Aber die höhere Gewalt, die über dem Ganzen schwebt und keinem Willen, keinem Wechsel unterworfen ist, unwandelbar streng wie jedes göttliche Gesetz: die Sittlichkeit — diese war es, mit welcher die Gräfin jetzt in Konflikt geriet, deren Vorhandensein sie erst erkannte, als sie an ihr scheiterte. —
Aber ein Weib wie sie konnte sich des Kampfes nicht begeben. Er war ihr eine Naturnotwendigkeit. Sie konnte nicht verzichten, wie sollte sie, — sie hatte es ja nie gelernt. Sie mußte sich also für ihre Wünsche wehren. Sie hatte als Mädchen Tage lang Hunger und Kälte ausgehalten und war mit ihrem Vater einem Wild nachgejagt, während zu Hause die warme Suppe dampfte. So war von frühester Kindheit an ihr Wille zu eiserner Festigkeit entwickelt worden und sie sollte jetzt, wo sie wieder die Annehmlichkeiten der Heimat hinter sich gelassen hatte, um einem tausendmal edleren Wild nachzujagen, — jetzt sollte sie von der Verfolgung abstehen, weil das Begehrte einer Andern gehörte? Nein, das war dieser Frau unmöglich — und da sie diesmal mit Gewalt nichts ausrichten konnte, verfiel sie in die Rolle der gewöhnlichsten Kokette und griff zur List.
Herberts Bosheit barg eine Saat, welche der geschäftige Verstand der Gräfin schnell zur Reife brachte, denn sie wußte nur zu gut, wie viel Wahres darin lag, wenn er eine Freundschaft mit ihr als für ein junges Mädchen entehrend bezeichnete. Es war ihr ein furchtbarer Gedanke, daß sie keine Waffe mehr hatte, eine Nebenbuhlerin zu verdrängen, als indem sie diese gleichsam mit ihrem Hauch vergiftete wie eine Pestkranke und sie so dem Geliebten zum Ekel machte. Konnte sie dabei auch nichts gewinnen, so konnte sie sich wenigstens rächen. Sie durchblätterte Ernestinens Schriften. Diese waren ihr zu gelehrt, sie verstand nichts weiter davon, als daß sie für die Emanzipation der Frauen kämpften — das war ihr genung. Auch sie war eine Emanzipierte, das gab einen hinreichenden Anknüpfungspunkt zwischen ihnen Beiden. Vielleicht erwuchs auch aus diesem Verhältnis noch der direkte Vorteil, Möllner bei ihr zu treffen. Der Entschluß stand fest in ihr, Herberts boshaften Wink zu benutzen, es war sein letztes Vermächntnis, denn der zum Tod beleidigte Mann hatte sie nicht mehr aufgesucht, und mit dieser Hinterlassenschaft wollte sie nun wuchern. — Sie studierte noch schnell einige Schriften über Frauenemanzipation, die sie sich in der Eile verschafft, um vor der gelehrten „grundsätzlich“ Emanzipierten wie Herbert gesagt, mit Ehren bestehen zu können. Heute war der Tag, wo sie ihr Opfer sehen wollte. Sie hatte dazu einen Mittwoch gewählt, weil ihr Herbert erzählte, daß Möllner an dem vorhergehenden Mittwoch bei Ernestinen war. Vielleicht wiederholte er heute seinen Besuch!
Sie tat, nachdem sie aufgestanden war, einen gellenden Pfiff auf einer kleinen silbernen Pfeife. Augenblicklich erschien — kein Hund — sondern eine Kammerfrau mit einem großen Gefäß voll frischen Brunnenwassers, womit sie in einem Badezelt ihre schöne Herrin von Kopf bis Fuß üebergießen mußte.
Dann entfernte sie sich stumm und brachte Kaffee und Zeitungen. Die Gräfin, in ein reiches seidenes Morgengewand gehüllt, zündete ihre Zigarre an und warf während des Trinkens flüchtige Blicke in die Journale.
Dann ging sie in ihr Toilettenzimmer und rief der dort wartenden Kammerjungfer zu: „Reitkleid!“ Nach kurzer Zeit erschien diese mit dem Verlangten. „Ali!“ sagte die Grafin, was so viel heißen sollte, als: „gehe und sage dem Stallmeister, er soll meinen Ali satteln.“
Der kurze Befehl wurde verstanden und mit Windesschnelle ausgeführt. Wie ein Schatten glitt das stumme Wesen aus dem Zimmer, wie ein Schatten stand es wieder vor der gefürchteten Herrin. Die Dienerin dieser Frau durfte keinen Kopf, keine Seele, kein Herz haben; nur Ohren, um ihre Befehle zu hören, und Hände und Füße, um sie auszuführen. Das bemitleidenswerte Geschöpf gab sich die erdenklichste Mühe, um diese Bedingungen so viel als möglich zu erfüllen. Sie war nur Ohr, nur Hände und Füße. Sie atmete kaum, denn es war, als sauge die gewaltige Lunge ihrer Gebieterin alle Luft in ihrem Gemache auf einmal ein, so daß für keinen Andern mehr genug zum Atmen übrig blieb.
Sie stellte sich hinter die Gräfin, die rauchend vor dem Spiegel saß, und begann ihr so behutsam als möglich das lange Haar zu kämmen. Die schöne Frau betrachtete sich heute mit besonders prüfendem Blick. Eine Einzelheit ihres sonst tadellosen Gesichts, die ganz leise an den russischen Typus erinnerte, brachte sie in die übelste Laune, sie fand ihre Backenknocken etwas zu stark vortretend.
In dem Augenblick zerrte sie das Mädchen beim Entwirren der Haare. Das war zu viel auf einmal für ihre Geduld.
„Maschinka!“ schrie sie auffahrend und riß der Unglücklichen den Kamm aus der Hand. Ein Blitz, ein Schlag — stumm bückte sich das Mädchen, um die Stücke des zersprungenen Kammes aufzuheben. Auf ihrer blassen Wange brannten alle Zähne desselben, aber kein Wort, kein Schmerzenslaut entschlüpfte ihren Lippen, nur ihre Augen röteten sich ein wenig.
„Nimm einen andern!“ befahl die Gebieterin, als wäre nichts gewesen und setzte sich wieder.
Maschinka gehorchte und beendete ohne weiteren Unfall Frisur und Anzug. Dann brachte sie Gerte, Hut und Handschuhe und die Gräfin stieg die Teppich belegte Treppe hinunter. Plötzlich blieb sie stehen und rief: „Maschinka!“
„Gnädigste Gräfin!“
„Tut Dir Deine Backe weh?“
„O nein!“ flüsterte das Mädchen.
„Freilich — lüge nicht! Nun, nimm Coldcream aus der silbernen Büchse auf meiner Toilette und reibe Dich damit ein — und die Büchse, die magst Du dazu behalten, ich schenke sie Dir.“
Ohne Maschinkas Dank anzuhören, schritt sie weiter. In dem Hofe wurde der prachtvolle Araber schäumend und schnaubend umhergeführt. Sie winkte dem stämmigen Bartrussen, der das bäumende Roß kaum bändigen konnte. Er führte es vor. Ein anderer Diener in seiner Livree brachte Zucker auf einem silbernen Teller. Sie fütterte das edle Tier, das sich sogleich beruhigte, küßte es auf die glatte feine Nase, klopfte seinen Hals und bestieg den schwanken Sitz seines schlanken, gebogenen Rückens.
„Wie viel Uhr?“ fragte sie, indem der Kammerdiener ihr die Gerte reichte und sie sich noch einmal im Bügel hob, um die Falten des Kleides zurecht zu streichen.
„Fünf Uhr vorüber“, antwortete der Gefragte, nachdem er seine Uhr gezogen hatte.
„Um acht Uhr kehre ich wieder zurück. Um zwölf muß der Wagen angespannt sein. Maschinka soll Besuchstoilette rüsten.“
„Zu Befehl“, erwiderte der Kammerdiener.
„Auf!“ rief die Gräfin, und ein dritter Jokey, der dieses Zeichen erwartet hatte, riß die beiden Torflügel auf, daß die goldene Morgensonne in hellen Strahlen hereinlachte. Ali stieg mit seiner schönen Last hoch empor, als wolle er sie in die Wolken tragen, — ein scharfer Hieb mit der Peitsche jedoch kühlte dieses Pegasus-Feuer etwas ab und erschrocken setzte er in toller Flucht fast über den Kammerdiener weg, der nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen, und jagte ins Freie hinaus. Auf der Straße aber brachte ihn ein kräftiger Ruck der Gräfin noch einmal zum Stehen. 
„Die Hunde!“ rief sie hinein.
Alle Bedienten eilten in den Hof und gleich darauf entwickelte sich ein Höllenlärm. Eine kläffende, vor Freude heulende, rasende Meute stürzte, sich überspringend, aus dem Stalle hervor auf die Herrin zu und umtanzte sie in tollem Wirbel. Jetzt begann die wilde Jagd. Seinen Schaum weit umherspritzend, griff der Araber vor den Hunden aus. Scheu warf er den Kopf zurück, blähte die Nüstern, spitzte die Ohren und flog mehr, als er galopierte, um den lästigen Schwarm hinter sich zu lassen; die schönen großen Tiere folgten in langen Sätzen. Die Diener standen unter der Tür und schauten der wütenden Hetze kopfschüttelnd nach.
„Aha“, sagte der Kammerdiener zu sich selbst, „sie biegt in die Bergstraße ein. Da müssen die Hunde den Professor Möllner wieder aus dem Schlafe und an das Fenster bellen.“
Der ältere Bartrusse aber bemerkte kummervoll: „Sie bricht doch noch einmal den Hals.“
Ruhig und traumversunken lag die kleine friedliche Stadt im Morgenlicht da. Die Augen der Häuser, die Fenster, waren geschlossen wie die der Bewohner; als aber die wilde Jagd der Gräfin vorüer tobte, da tat sich eins nach dem andern auf und ein Vorhang nach dem andern hob sich, um ein verschlafenes, neugieriges Gesicht herausschauen zu lassen.
Die Gräfin lachte über die vielfältige Nachtmützen-Vegetation, welche ihr Spazierritt an den Fenstern so plötzlich ersprießen ließ. Der heißblütige Araber schauerte unter ihr in der taufrischen Morgenluft und sie selbst fühlte ihre Wangen sich röten von dem kräftigen Hauch. „Elendes Geschlecht, das solche Stunden in den Federn verbringt. Es ist ihm erst wohl, wenn der Rauch der Schlote und der Qualm des Schweißes so vieler tausend Arbeitenden die Luft verdickt hat. Das ist die Atmosphäre für diese zarten Lungen. Den reinen kalten Atem der Frühe fürchten sie!“
Sie kam an Herberts Wohnung vorbei und ließ die Hunde mittelst einiger Peitschenhiebe ein lautes Geheul anstimmen. Was wußte sie davon, daß da oben eine kranke Frau lag, die nach einer endlosen, in Schmerzen durchwachten Nacht soeben erst der Wohltat des Schlummers genoß und nun abermals zu einem qualvollen Dasein erweckt wurde?
Wieder verschob sich ein Vorhängchen und herab schielte Elsas traumumwobenes Antlitz.
„Das ist die Meerkatze, seine Schwester“, dachte die Gräfin und nickte im Übermut hinauf. Erschrocken verschwand das Gesicht. Herbert zeigte sich nicht. Und weiter trabte sie die stillen Straßen entlang. Es war ein langweiliges Reiten auf dem hoperigen Pflaster vor dem verschlafenen Publikum und den wenigen Dienst- und Bauerleuten, die Brot holten, Milch brachten und der stolzen Reiterin mit offenem Munde nachstarrten. Dann und wann schoß ein Student in Hemdärmeln mit Bürste oder Schwamm an das Fenster, ein Anderer goß aus Versehen seine Waschschüssel auf ihre Hunde hinab worüber diese ergrimmt einen harmlosen Hausköter anfielen, der seinen Morgenspaziergang machen wollte. Das war die ganze Abwechselung und schneller und immer schneller ging es der Bergstraße zu, wie der Kammerdiener vorausgesagt hatte.
Da endlich dehnte sich diese vor ihr hin und gab den weiten herrlichen Blick auf das Gebirge frei. Das schlechte Pflaster hatte ein Ende, denn hier begannen die städtischen Anlagen und alle Wege waren mit dem feinsten Kies bestreut. Jetzt lüftete sie dem Araber die Zügel und dahin schnellte langgestreckt, ventre à terre,55 das feurige Tier und die dadurch aufgeregten Hunde erhoben von Neuem ein wildes Freudengebell. Alle Häuser standen hier inmitten reizender Gärten. Jetzt kam eines, auf das die Blicke der Gräfin schon längst mit Spannung geheftet waren. Sieh da, ein offenes Fenster und darunter schon ganz angekleidet Möllner, das Auge ruhig und heiter auf das Gebirge gerichtet.
Erst als die Gräfin ganz nahe war, gewahrte er sie und verneigte sich ehrerbietig, als sie ihm einen grüßenden Blick heraufwarf.
Wohlgefällig schaute er ihr nach, wie die kräftige Gestalt sich bei dem rasenden Ritt so leicht und anmutig im Sattel hob und senkte, so sicher und kühn, als wäre sie eins mit ihrem edeln Tiere. Da wandte die Gräfin den Kopf. Sie sah, daß er ihr nachblickte und ließ im Jubel darüber ihren Ali sich senkrecht aufbäumen und ein paar gewagte Sätze machen. Dann sprengte sie weiter und schnell hatte Johannes sie aus dem Gesicht verloren. Sie hatte den Fuß des Gebirges erreicht und ließ jetzt das schnaubende Roß langsam eine kleine Anhöhe erklimmen. Dann hielt sie an, um sich und das Tier ruhen zu lassen.
Da lag sie vor ihr offen die goldne sonnige Welt. Es war ein entzückender Morgen. Leichter feiner Rauch begann allmälig aus den Schornsteinen aufzuwirbeln. Das Himmelsgewölbe war heute so hoch gespannt, daß aller Dunst und Qualm kerzengerade emporsteigen konnte, ohne zur Erde herabgedrückt zu werden.
An den Kronen der Nadelgehölze, welche die Gipfel der Berge umkränzten, hingen noch kleine weiße Wölkchen wie Daunen im Haare des Langschläfers. Es war als mühten sich die mächtigen Häupter, sie abzuschütteln, denn sie flogen auf, senkten sich wieder, zogen von einer Stelle zur andern, verkrochen sich zuweilen in das Dickicht, bis sie endlich ganz vor den immer mächtiger werdenden Sonnenstrahlen verschwanden und die dunklen zackigen Konturen des Gebirges sich scharf von dem reinen Horizonte abzeichneten. Wer, der ein Herz im Busen trägt, all diese Schönheit schaut und ihre Wonnen genießt, hebt nicht unwillkürlich den Blick empor, um dem unsichtbaren Geber zu danken, und prüft sein eigenes Innere, ob er auch würdig sei solcher Gnadenfülle?
Aber wie viele unwürdige Augen sehen sie an, ohne sie zu verstehen und sich ihrer zu freuen. Sollte man nicht meinen, an solch einem Morgen müsse die verdorbenste Seele sich reinigen, wie der Vogel beim ersten Sonnenstrahl sein Gefieder putzt, bevor er die Schwingen lüftet, um in den strahlenden Äther aufzufliegen?
Und doch brannte das trübe Feuer der Nacht immer noch fort in der Brust der Gräfin und kein kühler Hauch, kein perlender Tau vermochte seine Glut zu löschen. Dies entweihte Herz vollzog nur noch die beinahe physische Tätigkeit der Begierde und des Hasses. In eine höhere Sphäre vermochte es nicht mehr sich zu erheben. Teilnahmlos betrachtete die schöne Frau die Gegend. Es reizte sie mehr, den Gehorsam des ungeduldig scharrenden, stampfenden Pferdes zu prüfen, als den Anblick der Landschaft zu genießen. In den goldenen Sälen Peterburgs war ihr das Verständnis der Natur abhanden gekommen und in dem Kultus der Sinnlichkeit, den sie trieb, die geistige Wechselwirkung zwischen ihr und Gott! Sie war so gewöhnt worden, sich selbst für eine Göttin zu halten, daß ihr die Demut verloren ging, die Demut des Geschöpfes vor seinem Schöpfer. Und wenn sie diesen auch nicht leugnete, so war er ihr doch gleichgültig, und wenn sie ihn sogar bisweilen in der Kirche aufsuchte, so tat sie dies doch nur, wie man seines Gleichen einmal der Form halber einen Besuch macht.
So stand sie da oben auf dem Hügel, mit Behagen die dufterfüllte Luft in ihre erhitzte Lunge einsaugend, aber mit nicht mehr Interesse an dem lieblichen Bilde, als ihre Hunde zeigten, welche die Schönheit der Gegend auch nach dem Geruche beurteilten und immerwährend mit erhobenen Nasen in die Runde schnupperten, so lange sie bei ihrer Herrin lagerten. Dann und wann ließ sich einer durch die höchst anziehende Witterung eines Wildes hinreißen, aufzuspringen und der verlockenden Spur nachzujagen, aber ein Pfiff aus der silbernen Pfeife seiner Herrin erweckte ihm sogleich das Bewußtsein seiner Pflicht; tiefbeschämt kehrte er zurück, folgte der Richtung mit sehnsüchtigen Blicken und begnügte sich damit, dem durch das Dickicht raschelnden Hasen nachzuriechen. Hatte wohl seine stolze Gebieterin in ihrem ganzen Leben eine so schwere Entsagung geübt? Hätte sie über diese Frage nachgedacht, sie wäre schamrot geworden vor dem unvernünftigen Tiere.
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Es war zehn Uhr, als Ernestine auf ihren Rosenerker hinaustrat und dem Treiben der festlich gekleideten Bauern zusah, die jenseits der Gartenmauern, die Pfeifen im Munde, umher spazierten; denn es war heute Mariä Himmelfahrt – eine herrliche Gelegenheit, recht viel auf das Wohl der heiligen Mutter zu trinken. Die Leute waren in der frohesten Laune, denn die genossenen „Frühschoppen“ hatten bereits ihre Wirkung getan. Weiß doch der Bauer den lieben Gott nicht besser zu ehren, als indem er tüchtig von seinen guten Gaben genießt; er denkt ihm dadurch eine Freude zu bereiten, ähnlich der, welche ein guter Wirt empfindet, wenn es sich die Gäste an seinem Tische recht schmecken lassen. —
Ernestine sann lächelnd über diesen profanen und doch auf so kindlich guten Seiten der menschlichen Natur gegründeten Glauben nach.
Leuthold war noch nicht von seiner Reise zurückgekehrt und diese Tage der Einsamkeit waren ihr, ohne daß sie sich selbst darüber Rechenschaft gab, die liebsten seit langer Zeit. Sie tat, wenn sie allein, nichts Anderes, als wenn er bei ihr war, — aber sie dachte an Anderes. So sehr hatte dieser Mann ihr ganzes Sein und Wesen umsponnen, daß sie in seiner Gegenwart nichts denken konnte, als was er billigte und wissen durfte. Seit er fort war, ließ sie es sich, wenn das Wort hierher paßt, wohl sein. Sie ließ ihren Geist schweifen, wie und wohin es ihn zog. Sie schämte sich nicht einmal, von der Arbeit aufzuspringen, die Vögel zu füttern und eine Stunde am Fenster oder im Garten zu verträumen. Auch machte sie auf eigene Hand wissenschaftliche Versuche, mit deren Resultat, wenn sie glückten, sie ihren Oheim bei der Rückkehr überraschen wollte. Aber das war nicht der einzige Vorteil seiner Abwesenheit:
Sie konnte in das Schulhaus zu den guten alten Lehrersleuten gehen, sie konnte — einen Besuch empfangen! Ein Besuch, von dem der Onkel nichts wußte — war das recht? O ja, es war recht, es war zu heilig, als daß sein kalter Hohn es ihr entweihen durfte. Warum war er so kalt, so trocken und streng, daß sie ihm jedes Gefühl verbergen mußte? Hätte sie es ihm entdeckt, es wäre ihr gewesen, wie wenn sie ihre Rosen freiwillig dem Erfrieren in Schnee und Eis preisgäbe. Sie wußte noch recht gut, wie sehr sie einstmals bereute, den Namen Gottes vor ihm ausgesprochen zu haben. Er hatte ihr damals ihren Gott genommen — er würde ihr jetzt ihren Freund nehmen, den ersten, einzigen, den sie gefunden! Es war ein reines ernstes Geheimnis, das sie da vor ihm im Herzen trug, so rein und ernst wie das, was sie mit dem gestirnten Himmel gemeinsam hatte, wenn sie allein in der Nacht auf die Sternwarte stieg.
Indessen war die Tür geöffnet worden, ohne das sie es gewahrte, und die Äolsharfe erklang in dem Zugwind, der dadurch entstand. Die Vögel, die sich wie immer bettelnd um sie geschart, flogen zwitschernd auf, als plötzlich eine fremde Gestalt erschien und eine weiche, tiefe Stimme fragte: „Nun, wie geht’s?“
Ernestine schreckte zusammen wie vom Blitz getroffen. Sie wandte sich um und blickte den Fremden an, tief errötend, aber mit unverkennbarer Freude.
„Warum erschrecken Sie vor mir?“ fragte er.
„Ich weiß es nicht. Sie traten so plötzlich ein, ich sah Sie doch nicht auf der Landstraße kommen?“
„Ich schlug einen Seitenpfad ein, der mich im Schatten hierher führte. Ich machte den Weg zu Fuße.“
„O, Sie werden müde sein?!“ sagte Ernestine und trat mit ihm in das Zimmer. „Setzen Sie sich!“
„Mein liebes Fräulein, zuerst geben Sie mir eine Hand – so! Und nun sagen Sie mir, ob Sie keinen Groll mehr gegen mich auf dem Herzen haben?“
„Nein, mein Herr – Doktor! Darf ich Sie Doktor nennen? Man muß doch für Alles einen Namen haben, – warum soll nur ich Ihnen keinen geben?“ sie lächelte.
Zum ersten Male sah er sie lächeln und er konnte das Entzücken darüber kaum verbergen.
„Nun denn, wenn es Ihnen so schwer wird, mich nicht bei Namen zu nennen, so taufen Sie mich selbst. Es gibt ja eine Menge von Ehrentiteln, welche Freundschaft und Wohlwollen erfunden haben. Bin ich noch keines derselben vor Ihren strengen Augen würdig?“
„Doch, doch — es gibt keinen Ehrentitel, der Ihnen nicht gebührte, Sie sind so gut — so — o ja, ich weiß jetzt, wie ich Sie nenne!“
„Nun? Ich bin begierig!“
„Mein guter Herr! Darf ich so sage?“
„O mein gutes — gutes Fräulein, das tut unaussprechlich wohl!“
Ernestine lächelte wieder. Eine leichte Röte überflog ihr Gesicht.
Johannes betrachtete sie. „Wissen Sie denn, daß ich Sie heute viel heiterer finde als neulich?“
„Das ist Ihr Verdienst, mein guter Herr!“
„Wirklich? Trotz meiner bittern Arzneien?“
„Ja, sie schmeckten schlecht, aber die gute Wirkung kam nach.“
„Also fühlten Sie die Wahrheit in dem, was ich sprach?“
Sie wurde wieder ernst. „Nein, das nicht. Allein ich erkannte ein edles, großes Herz darin und die Bewunderung für dasselbe überwand die Kränkung; die Freude, seine Teilnahme gewonnen zu haben, besiegte den Schmerz, von ihm verkannt zu sein.“
„Das ist mehr, als ich nach einer so kurzen Bekanntschaft von Ihnen fordern kann. Wären Sie minder groß, als Sie sind, so würden Sie mich hassen, denn ich habe Ihre Eitelkeit auf das Tiefste verletzt — und, um ganz offen zu sein, — ich gedenke dies auch ferner zu tun!“
„Eine schlimme Aussicht, doch — ich will standhaft sein. Sprechen Sie mir auch die Stärke des Mannes ab, so sollen Sie mich wenigstens nicht den Schwächen der Frauen unterworfen finden, zu deren verächtlichsten ich die Eitelkeit zähle.“
Johannes lächelte. „Und dennoch sind Sie nicht frei von diesem Fehler. Sie werden meine Beleidigungen Ihres Stolzes nur deshalb ertragen, weil Sie die Eitelheit haben, dadurch zu zeigen, daß Sie nicht eitel sind!“
Ernestine senkte die Wimpern. „Sie sind ein scharfer Diagnostiker“, sagte sie nicht ohne Bitterkeit.
„Ich bin nur ein ehrlicher Mann. Sehen Sie, mein liebes Fräulein, ich weiß, seit Sie mich heute so freundlich begrüßten, daß es mir ein Leichtes wäre, Ihr Vertrauen und Wohlwollen zu gewinnen, wenn ich ein klein wenig Schonung für Ihre Schwächen hätte. Ich gestehe Ihnen aber offen, daß ein so billig erkauftes Wohlwollen mir nicht genügt. Tändeleien, Scherze können auf einer Täuschung beruhen, denn sie währen nicht länger, als diese selbst. Das Gefühl aber, das ich für Sie hege und das ich in Ihnen für mich erwecken möchte, kann, darf nur auf der Wahrheit beruhen, darf nur aus dem innersten eigentlichen Kern unseres Wesens hervorgehen, und stimmt diese nicht überein — so ist ein innigeres Verhältnis unter uns unmöglich und ein oberflächliches wäre zwischen Menschen, wie wir sind, eine Sünde. Wenn ich daher mit eiserner Hand den verborgensten Grund Ihrer Seele aufwühle, wenn ich Ihrer Eitelkeit Beleidigungen zufüge, die selbst die Eitelkeit, sich groß und selbstverleugnend zu zeigen, nicht mehr ertragen hilft — so erfülle ich damit nur eine heilige Pflicht der Wahrheit gegen uns Beide, deren Versäumnis sich in der Zukunft schwer an uns rächen würde.“
Ernestine sah ihn fragend an. Sie verstand ihn nicht.
„Sie sind befremdet und wissen meine Worte nicht zu deuten“, fuhr er fort. „Sie können nicht ahnen, wie weit meine Phantasie bereits der Wirklichkeit vorausgeeilt ist. Aber Sie werden wohl schon jetzt fühlen, daß ich kein Mann bin, der zum Zeitvertreib den Schöngeist spielt, eine Genugtuung darin findet, die eigene Kraft mit Vorteil an der einer Frau zu messen, und dem es Genuß gewährt, sich selbst reden zu hören. Bevor ich mich einem Weibe nähere, muß ich mir klar sein über das, was es mir, über das, was ich ihm sein kann. — Sie, mein Fräulein, können mir nicht viel und nicht wenig, Sie können mir Alles werden — oder nichts. Unser beider Wesen strebt zu sehr nach Vertiefung, als daß wir an einander vorübergehen könnten, freundlich, wohlmeinend — aber ohne Wärme, wie ephemere Erscheinungen der Gesellschaft. Wir sind bereits mit Verleugnung jeder Umgangsform zu einer Intimität gelangt, wo nur der Charakter dem Charakter gegenüber steht, — wo ein höherer Zweck des Verkehrs vorhanden sein muß, als der der Unterhaltung. Sonst wäre ich nichts weiter als ein Grobian, und Ihnen müßte man es zum Vorwurf machen, daß Sie mich um sich duldeten! Meine Schonungslosigkeit gegen Sie bedarf der Rechtfertigung einer ernsten persönlichen Teilnahme; weil ich dies fühle, bekenne ich Ihnen dieselbe. Mehr will ich für jetzt nicht sagen; denn alles Weitere ruht in der Entwicklung unseres Verhältnisses, in der zu- oder abnehmenden Übereinstimmung unserer Lebensansichten.“
Ernestine schwieg. Sie ahnte etwas von der Bedeutung, welche sie für diesen starken ehrenhaften Charakter und welche er für sie gewinnen konnte. Aber es war nicht das süße Gefühl, das die erste Annäherung eines liebenden Herzens in jeder, auch der kältesten Frau erweckt, es ergriff sie vielmehr eine tiefe Beklommenheit. Sein entschiedenes Auftreten hatte ihr die unerschütterliche Überzeugung gegeben, daß er sich nimmermehr nach ihr, — daß sie sich nach ihm umgestalten müsse und daß die Umgestaltung des Einen oder Andern von ihnen unabweislich notwendig sei, wenn sie ihn nicht verlieren sollte, den sie schon jetzt so wert hielt. Sie war nicht gewöhnt, Opfer zu bringen, denn ihr schlauer Oheim hatte sie nach seinen Plänen erzogen und ihre Neigungen so entwickelt, daß sie seinen Wünschen entsprachen und sie stets in dem Glauben war, ihr Wille geschähe, wenn der seine geschah. Sie fühlte sich hier an einem Wendepunkt ihres Lebens, einem Willen gegenüber stehen, dem sie schwere Opfer bringen mußte und den sie als etwas Feindliches empfand, ja sogar fürchtete, weil er auf Überlegenheit begründet war.
Johannes wartete auf eine Antwort, sie erfolgte nicht. Er sah, was in Ernestinen vorging und daß seine Worte sie erkältet hatten, so warm sie gemeint waren. Er fand auch das natürlich und zürnte ihr nicht darum. Er nahm ihre Hand und schaute ihr freundlich in die Augen. „Nicht wahr, nun bin ich schon nicht mehr Ihr guter Herr?“
Ernestine fühlte das innige Wohlwollen, das seinem Tone entströmte, fühlte den leisen Druck seiner weichen warmen Hand und unwillkürlich reichte sie ihm auch die andere nicht ergriffene dar und sagte fast bittend: „Nein, Sie werden nicht hart sein, Sie werden mir nicht wehr tun!“
Er stand schweigend, las in ihrem ernsten, vertrauenden Blick, hielt ihre beiden zarten, schmalen Hände in den seinen und empfand ein unaussprechliches Glück.
„Mein Wort darauf, ich werde Ihnen nicht mehr Schmerz bereiten, als mir selbst“, sagte er milde. „Aber das Glück, das wir uns gewähren können, müssen wir teuer erkaufen. Wir gehören nicht zu den harmlosen Seelen, die auf Treue und Glauben hinnehmen, was der Augenblick ihnen in den Schoß wirft. Menschen wie wir stellen dem Himmel Bedingungen, nehmen seine Gaben erst an, wenn sie dieselben geprüft! Denn uns taugt nicht jedes Glück, was Andere so nennen würden, uns erfreut nicht, was Tausende erfreuen würde. Das ist der Fluch ungewöhnlicher Naturen, daß sie mit ihren Fähigkeiten einen Maßstab entwickelt haben, dem das Gewöhnliche nicht mehr genügt — und wie viele Auserlesene gibt es, welchen die Vorsehung ein ungewöhnliches Glück zu Teil werden läßt?“
Ernestine lächelte bitter bei Johannes’ letzten Worten. „Die Vorseheung!“ murmelte sie. „Unsere Vorsehung sind wir. Wir machen uns unser Schicksal, unser Glück und unser Elend, wir tragen die Bedingungen dazu in uns selbst!“
„Eben weil wir diesen verhängnisvollen Vorzug vor so Vielen besitzen, eben weil wir innerlich freier, bewußter sind als tausend Andere, deshalb lastet auch die Verantwortung für uns und die, welche wir in unsere Lebenskreise ziehen, schwer auf uns. Es gibt Naturen, die ewig unglücklich sind, weil sie Anforderungen an das Leben stellen, welche dieses nicht erfüllt, und das geringschätzen, was es ihnen bietet, was sie in Aller Augen beneidenswert erscheinen läßt. ‚Die sind selbst Schuld an ihrem Unglück, Niemand tut ihnen etwas zu Leide, es fehlt ihnen an nichts, warum sind sie so ungenügsam‘ — heißt es dann. Das eben ist falsch. Sie sind nicht ungenügsam, sie würden vielleicht mit einem weit bescheideneren Los zufrieden sein; was können sie dafür, daß die Vorbedingungen ihrer innersten Natur der Art sind, daß sie eben etwas Anderes bedürfen, als ihnen vom Schicksal gewährt wird? Was nützt dem Dürstenden in der Wüste, der nach einem Tropfen Wasser lechzt, ein Sack voll Perlen? Er gäbe ihn gerne hin, wenn er sich dafür das Ersehnte erkaufen könnte. Wer wird ihm sagen: Du hast einen kostbaren Schatz, warum bist Du nicht zufrieden? Wer wird ihm einen Vorwurf daraus machen, daß er ein Mensch von Fleisch und Blut ist, der trinken muß, wenn er leben will? Höchstens kann man ihm sagen: wenn Du weißt, daß Du Wasser nicht entbehren kannst, warum gehst Du in die Wüste? Das ist der Punkt, wo uns eine Ver­antwortung trifft. Wenn wir uns der Bedingungen unseres Seins bewußt sind, so können und sollen wir ermessen, ob das, was wir ergreifen, denselben ent­spricht, vorausgesetzt, daß uns die Vorsehung das Recht der freien Selbstbestimmung in die Hände legte. Tat sie das und wir wählen falsch, so ist es unsere Schuld, wenn wir elend werden! Ein ungewöhnliches Glück nenne ich es daher, wenn uns die Vorsehung gestattet, das unserm Wesen völlig Entsprechende zu ergreifen. Gestattet sie uns das nicht, so ist auch der innerlich freiste Mensch nicht verantwortlich für sein Schicksal, er leidet und duldet unter dem Banne einer höheren Macht!“
Ernestine lauschte ihm mit unverhehlter Bewunderung. Er sah es und fuhr fort: 
„Wir, mein Fräulein, stehen uns einander frei gegenüber, deshalb sind wir uns einander verantwort­lich, deshalb müssen wir die Augen offen halten. Die gütige Gottheit, das fühlen Sie gewiß mit mir, hat uns einander zugeführt, aber die Entscheidung über das, was wir uns sein wollen, in unsere Hände ge­legt: zeigen wir uns dieses Vertrauens würdig, prüfen wir uns! Es ist ein großer Augenblick, in dem zwei Menschen sich gegenseitig als ihr verkörpertes Schick­sal erkennen. Ich sehe es Ihnen an, Sie empfinden ihn gleich mir. — Doch nicht in Herzensergüssen, nicht in Überschwänglichkeiten, nur in ernster Fassung, in ruhiger Klarheit will er gefeiert sein!“
Er ergriff ihre Hand und sah sie lange und fest an. Sie stand still und ergeben vor ihm. Ein schöner Frieden strömte von seiner hohen Stirn auf sie nieder. Und wieder trat jenes inhaltsreiche Schweigen ein, wie es Menschen lieben, die mehr auf dem Herzen haben, als sie sagen wollen oder dürfen. Da öffnete die Willmers leise die Tür.
„Es ist eine Dame draußen, die Sie zu sprechen wünscht, Fräulein.“
„Mich?“ fragte Ernestine, unangenehm überrascht. „Wer ist es denn?“
„Sie will sich nicht nennen und nicht abweisen lassen. Sie meinte, wenn das Fräulein jetzt keine Zeit habe, so käme es ihr nicht darauf an, zu warten.“
„Sagten Sie ihr, daß ich Besuch habe?“
„Nein, man kann ja nicht wissen, ob es der Herr Oheim“, — sie warf einen verlegenen Blick auf Johannes — „nicht durch die Dame erführe!“
Ernestine sah betroffen vor sich nieder. „Das ist wahr, — wenn der Zufall wollte, — o, was ist da zu tun? Welche Verlegenheit!“
„Ich dachte, wenn sich der Herr von mir durch das Laboratorium und die Hintertreppe hinabführen ließe?“ schlug die Willmers ängstlich bittend vor.
„Soll ich das?“ frug Johannes nicht ohne einen Anflug von Unwillen.
Ernestine sah mit Besorgnis die Willmers an. „Tun Sie es“, bat sie, — „nur aus Schonung für die arme Frau, die des Oheims ganzer Zorn träfe, würde es ihm verraten, daß sie unser Zusammensein unterstützte.“ 
„Ich muß mich Ihren Wünschen fügen, aber nur für heute noch“, sagte er ruhig und reichte ihr die Hand: „Wann darf ich wieder kommen?“ 
„Nächsten Sonnabend, nicht wahr?“ 
Johannes wußte wohl, wehalb sie gerade diesen Tag bezeichnete, aber er schwieg und folgte der voraneilenden Willmers. Unter der Tür sah er sich noch einmal nach Ernestinen um, sie las eine Verstimmung in seinen Zügen und eilte ihm nach.
„Bitte, zürnen Sie mir nicht, mein guter Herr!“
Johannes ward durch diese Innigkeit des sonst so starren Wesens tief gerührt. Er zog ihre Hand an seine Lippen und flüsterte weich: „Nie, niemals werde ich Ihnen zürnen. Gott behüte Sie!“
Die Tür schloß sich hinter ihm und Ernestine, noch tief bewegt von Allem, was sie erlebt, halb wachend, halb träumend, ging nach dem Vorzimmer, um die dort harrende Fremde einzulassen.
Die Worronska stand vor ihr in ihrer ganzen Pracht.
Ernestine hatte in ihrem Leben noch keine so außerordentliche Erscheinung gesehen. Sie war förmlich geblendet.
Das braune junoische Auge der gewaltigen Frau ruhte mit einem Ausdruck gehässiger Neugierde auf ihr, die schwarzen Brauen waren finster zusammengezogen; es lag etwas so Hartes, Übermütiges in ihrem ganzen Wesen, daß Ernestine im Innersten davon verletzt war, bevor sie ein Wort gesprochen.
Die Art, mit welcher diese Frau sie vom Scheitel bis zur Zehe maß, rief eine Erinnerung an die Pein in ihr wach, welche ihr einst die Blicke jener vornehmen Damen bei der Staatsrätin bereiteten. Eine Sekunde lang wollte sie jenes Gefühl der Schüchternheit und Verlegenheit von damals wieder beschleichen, sie fühlte sich selbst wieder verschwinden und verblassen gegenüber dieser hochfahrenden glänzenden Persönlichkeit, aber sie war jetzt das Kind nicht mehr, das kein Be­wußtsein besaß, als das seiner Mängel, und in der nächsten Sekunde schon erhob der Stolz auf ihren inneren Wert sein kampfgerüstetes Haupt. Sie wußte, daß sie eine Feindin vor sich habe, aber sie fühlte sich geistig jedem Gegner gewachsen. — Wer war diese Frau, daß sie sich berechtigt glaubte, so auf sie herab­sehen zu dürfen? Worauf pochte sie so — auf Schön­heit, Rang, Reichtum? Wußte sie so viel wie Ernestine, hatte sie eine preisgekrönte Schrift geschrieben, und was das Höchste war — sich einen Freund ge­wonnen, wie den, welchen Ernestine jetzt besaß? Nein — nein, sicher nicht, — Ernestine war ihr ebenbürtig, mochte sie sein, wer sie wollte. —
„Treten Sie ein!“ sagte Ernestine mit eisiger Ruhe und einer Würde, von welcher die Gräfin im höchsten Grade betroffen wurde. Ernestine ließ sie voranschreiten und bot ihr mit einer leichten Hand­bewegung den Platz auf dem runden Sofa, das in einer Nische stand. Sie selbst setzte sich ihr gegenüber. Ihre feinen Lippen waren fest geschlossen, keine jener konventionellen Grimassen, die man unwillkürlich beim Empfang eines Besuches schneidet, verzog die reinen Linien ihres ernsten Gesichts. Sie erwartete unbeweg­lich die Anrede der Fremden; sie war zu wenig ge­übt in den Formen des Verkehrs, um sich zu entschuldigen, daß sie jene so lange im Vorzimmer hatte harren lassen. Die Gräfin sah endlich ein, daß sie zuerst sprechen müsse. Sie fühlte auch, daß dieser Per­sönlichkeit gegenüber ihr ganzes Auftreten ein verfehl­tes war, das machte sie unsicher, ja zum erstenmal in ihrem Leben befangen. Jetzt hatte sich das Blatt gewendet und bereits war der stumme Kampf zu Gunsten Ernestinens entschieden. Es war der Sieg ihres edlen Selbstbewußtseins über die frivole Aufgeblasenheit einer eifersüchtigen Kokette.
Die Worronska war aus der Rolle gefallen, bevor sie dieselbe zu spielen begonnen. Sie hatte Möllners Stimme und seine heimliche Entfernung gehört. Das Verhältnis mußte also schon weiter gediehen sein, als sie es geglaubt. Der Zorn hatte sie übermannt und sie eine feindliche Miene zeigen lassen, wo sie ge­kommen war, um zu gewinnen und wenn möglich zu verführen. — Dieser Fehler mußte gut gemacht wer­den um jeden Preis. Sie reichte Ernestinen die Hand und sagte in ihrem melodischen Russisch-Deutsch: „Ich bin die Gräfin Worronska.“
Ernestine neigte leicht den Kopf, der Ausdruck ihres Gesichtes wurde noch kälter und abweisender als zuvor. „Und was können Sie bei mir suchen, Frau Gräfin?“
„Was? Ei, das ist schnell gesagt: Unterhaltung, Belehrung, Anregung — kurz Alles, was eine so auserwählte Gesinnungsgenossin, wie Sie, gewähren kann!“
Ernestine schob sich kaum merklich von ihr zurück. „Eine Gesinnungsgenossin?“ frug sie befremdet.
„Nun gewiß! Wir kämpfen Beide für die Emanzipation. Nur jede in einer andern Art. Unser Zweck ist indessen der gleiche. Wir streben Beide der großen Vorkämpferin für Frauenrechte, jener geistvollen Louise A....56 nach, mit welcher ich eng befreundet bin. Wie schön wäre es, wenn Sie in unserem Bunde die Dritte sein wollten, wir könnten dann vereint wir­ken. Ich durch die Tat, Louise durch die Tages­literatur und Sie durch Ihre Bücher.“
Ernestine hatte die Gräfin mit derselben unbeweg­lichen Miene angehört wie zuvor. Als sie geendet, schwieg sie einen Augenblick, sie suchte eine geziemende Form für das, was sie ihr sagen wollte. Die Gräfin hing mit Spannung an ihren Zügen. Endlich war Ernestinens Ideenfolge zum Schluß gekommen und diesen sprach sie aus: „Frau Gräfin, — ich muß Ihr Anerbieten ablehnen. Denn ich bin entschlossen, mei­nen Weg allein zu gehen.“
Die Worronska biß sich auf die Lippen. „Wirk­lich? Sie fürchten, Ihre Lorbeeren theilen zu müssen?“
„Das nicht“, erwiderte Ernestine ruhig. „Ich fürchte die Lorbeeren einer Louise A.... teilen zu müssen.“
„O — hielten Sie das für eine Schande?“
„Ja!“ —
Eine Pause entstand. Die Gräfin maß Ernestinen mit einem vernichtenden Blick, dem diese nichts als Kälte entgegensetzte. Wieder kochte der wilde Zorn in der schönen Frau auf, doch sie bezwang sich, denn sie wollte durchaus ihren Zweck erreichen und fühlte, wie sehr sie vor diesem Mädchen auf der Hut sein mußte.
„Sie sind aufrichtig, das muß man sagen“, be­gann sie. „Doch auch das gefällt mir, — es ist originell!“
„Es ist schlimm, wenn Wahrhaftigkeit in Ihren Kreisen etwas so seltenes ist, daß Sie ihr das Prädikat originell erteilen!“
„Sie sind hart, mein Fräulein. Sie müßten unsere Kreise kennen, dann würden Sie nachsichtiger mit unseren Schwächen sein. Was ist es im Grunde so Schlimmes? Die Verfeinerung unseres Geschmacks bringt das mit sich. Wir polstern die Stühle, auf denen wir ruhen, wir glätten das rohe Holz unserer Möbel durch die Politur, wir bekleiden die nackten Wände unserer Gemächer mit Tapeten — wir ver­zehren unsere Nahrung nicht roh wie die Kosaken, die sich ihren Braten mürbe reiten, sondern künstlich gekocht, wie es unserem Gaumen frommt, — warum sollen wir uns nun geistig mit Klötzen und Dornen umgeben, an denen wir uns stoßen und ritzen, warum unsere geistige Speise derb und unschmackhaft verab­reichen und genießen? Diese Barbareien haben wir, Gott sei Dank, mit unseren veredelten Formen ab­gestreift.“
„Sie haben von dem Standpunkte der Gesellschaft aus vollkommen Recht — Frau Gräfin! Nur wun­dert es mich, daß Sie mit solcher Wärme die For­men verteidigen, während Sie die Form so gering­schätzen.“
Eine dunkle Röte stieg in dem Gesicht der Wor­ronska auf. Aber mit ihrem Groll wuchs ihr Vor­satz, sich dieser Feindin zu bemächtigen, wenn sie auch ihr Übergewicht mit wachsender Verwunderung erkannte. „Ja, Sie sprechen es aus, ich liebe die Formen, weil sie uns angenehm, hilfreich und dienstbar sind. Ich hasse die Form, weil sie uns beherrschen will und Sie haben unter der Form die Sitte gemeint — ich verstand Sie wohl. Ja denn! Ja —ich liebe die Sitten, weil sie das Leben ästhetisch schöner, den Verkehr gefälliger machen, aber ich verabscheue das, was man Sitte nennt. Als ich meinen ersten Gatten in der Verzweiflung über seine Tyrannei und im Abscheu vor seiner Gemeinheit heimlich verließ und mit Lebensgefahr über die nur halbgefrorene Newa zu meinem Vater flüchtete, um mit ihm in Armut und Einsamkeit zu leben, da handelte ich edel, aber man verdammte mich, die entlaufene Gattin war ein Ge­genstand der Verachtung, sie hätte ja der Sitte ins Gesicht geschlagen. Als ich jedoch nach erfolgter Schei­dung den alten Grafen Worronsky heiratete, nur weil ich mich nach Glanz und Reichtum sehnte, da handelte ich gemein — aber dies war kein Verstoß gegen die Sitte — man bückte sich wieder vor mir und ich genoß des höchsten Ansehens, als ich am Tiefsten vor mir selbst gesunken war! — Was ist nun die Sitte? Ein Götzenbild, dem wir geopfert werden, ein hohler Popanz, mit welchem uns der Egoismus der Männer in unsere vier Wände schreckt! Tyrannei, Haß und Rache, Eifersucht und Neid, Bosheit und Verleumdung, jede Schändlichkeit, jede Kleinlichkeit verkriecht sich in die Falten seines Mantels und stürzt sich wie giftiges Gewürm auf seine Opfer! Welche freigeborene Seele wird ihm nicht fluchen, wenn sie nur den Schatten seiner Rute über sich hingleiten sah? Ich habe damit begonnen, ihm zu fluchen — aber damit aufgehört, ihn zu verachten. Fehde habe ich ihm geschworen und glauben Sie mir — es ist eine lustige Fehde, ein wahrer Fastnachtsscherz, wo es nur gilt, eine grimmige Maske herabzureißen! Louise
A.... bekämpft ihn noch mit viel zu edeln Waffen. Er ist es gar nicht wert, daß man mit solch feier­lichem Pathos gegen ihn zu Felde zieht. In hundert Jahren schon wird man lachen, daß er einem Weibe, wie Louise, so bange machen konnte.“
Sie schwieg und beobachtete den Eindruck ihrer Worte in Ernestinens Gesicht. Aber noch immer än­derte sich kein Zug.
„Ich vermag auf Ihre Sprechweise nicht einzu­gehen, Frau Gräfin. Ich bin an konkretes Denken gewöhnt, nicht in Gleichnissen geübt und kann meine Rede nicht mit so reichen Bildern schmücken. Ich kann Ihnen nur einfach und schlicht antworten, daß ich in dem, was Sie als unsern Feind bezeichnen, unsern Schutz erkenne und daß es ein ganz anderer Feind ist, den ich bekämpfe. Deshalb, Frau Gräfin, werden wir uns nie vereinigen und es ist unnützer Zeitverlust, uns einander nähern zu wollen!“
Die Gräfin bebte, ihre Lippen entfärbten sich, so fest preßte sie sie zusammen! Aber sie wollte noch einen letzten Anlauf wagen. Sie blickte Ernestinen mit tiefem Mitleid an und zog ihre widerstrebende Hand zu sich hin. „Armes Kind, also dieser kühne Geist schmachtet auch noch in den Banden des Vorurteils? Wie schade! Wie unbegreiflich! Und darf man wissen, welchen Feind Sie als den schlimmsten betrachten?“
„Die Geringschätzung unseres Geschlechtes von Seiten der Männer!“
„O — und Sie glauben dieser durch Ihre Werke zu begegnen?“ 
„Ich hoffe es!“
„Täuschen Sie sich nicht! Wir haben hiezu wirk­samere Mittel als die Feder.“
„Es gibt kein wirksameres, als die Entwicklung unserer Fähigkeiten, — denn durch diese zeigen wir ihnen, daß wir ihre Mißachtung nicht verdienen, daß wir zu leisten vermögen, was sie leisten.“
„Das werden sie aber nicht anerkennen! Alles Geistige ist relativ — es gibt nichts Absolutes, als die physische Kraft. Wenn wir einen Mann körper­lich zu Boden werfen, muß er glauben, daß wir so stark sind als er. Unsere geistige Ebenbürtigkeit aber wird er nie gelten lassen — weil seine Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit hierin nicht zu kontrollieren ist. So lange Sie auf der Welt keine dritte Autorität finden, die in dem Wettstreit zwischen beiden Geschlechtern entscheidet, — was nur geschehen könnte, wenn Gott selbst vom Himmel herunter stiege, — so lange werden wir der Parteilichkeit der Männer zum Opfer fallen.“ 
Ernestine blickte sinnend vor sich hin. „Hierin können Sie leider Recht haben, aber dann muß uns das Bewußtsein trösten, daß wir durch den Wettstreit selbst das Gute fördern halfen. Das Gute zu fördern ist der allgemeine Zweck und das Individuum muß sich bescheiden, keinen Lohn zu fordern, als den Frieden dieses Bewußtseins.“
„O, welch ein kalter, Trost! Mich dünkt, die Blumen auf Ihrem Wege müßten absterben unter dem eisigen Hauch einer solchen Moral! Ich beklage Sie. Kommen Sie, vertrauen Sie sich mir, ich habe trotz Ihrer Schroffheit Sympathie für Sie. Ich werde Sie ein ganz neues Leben kennen, werde Sie das Geheimnis der Rache an den Männern lehren. Sie tragen den Stempel der weiblichen Gottesgeißel auf Ihrer hohen Stirne! Lernen Sie sich nur erst ver­stehen, dann werden Sie einsehen, wie verkehrt Sie Alles angefangen haben. Nicht in den dicken Bänden, die Sie schreiben, in Ihrer Person liegt Ihre Macht, denn unsere Reize sind die Waffen, mit denen wir siegen. So lange die Männer Sinne haben und wir Schönheit, so lange werden wir Sie beherrschen. Und Sie, Sie geniale Törin, sperren sich in Ihre vier Wände ein, arbeiten und quälen sich — während Sie nur hinaus zu treten brauchen vor das Angesicht derer, die über Ihre geschriebenen Buchstaben die Achseln zucken — und sie liegen Alle zu Ihren Füßen! Ist das nicht ein leichterer Sieg?“
Ernestine war verstummt, die Gräfin sah zu ihrer Freude, daß eine starke Bewegung in ihr kochte und fuhr ermutigt fort: 
„Sie sind schön— wie schön, wissen Sie vielleicht selbst nicht, sonst enthielten Sie der Welt nicht einen Anblick vor, der sie entzückte — sich nicht die Freude, dies Entzücken zu beobachten. O, glauben Sie mir, es gibt keine größere Wonne, als die Siege unserer Persönlichkeit. Sich selbst als einen Gegen­stand des Verlangens zu fühlen, beglücken zu können mit einem Blick, das ist Schöpferlust — das ist ein göttliches Vorrecht, um das Tausende Sie beneiden würden! Was ist dagegen die kalte Genugtuung, die Ihre Studien Ihnen gewähren können? Was haben Sie, wenn man zwei Meilen von hier sagt, Sie seien eine große Gelehrte? Ist das Wort eine Blume, deren Duft Sie erquickt, ist es eine Flamme, die Sie wärmt, ein Lichtstrahl, der Ihnen leuchtet? Beglückt es Jemanden außer Ihnen? Es ist unsichtbar, un­greifbar, es ist eine Idee, ein Phantom, ein Nichts! Es kann nur dann Wert für Sie haben, wenn Sie dadurch in den Augen Anderer an Wert gewinnen, denn allein sind wir nichts, wir werden erst, was wir sind, durch die Beziehung zu Andern. Gehen Sie nach Sibirien zu den Zobelfängern oder zu den Lapp­ländern hinauf und sehen Sie zu, ob Sie dann noch eine Genugtuung darin finden, sich für die größte Gelehrte Deutschlands halten zu dürfen. Was Sie erstreben, hat doch nur den Zweck, in den Augen der Männer etwas zu gelten, sich für die Verachtung, die Sie als Frau erlitten, zu rächen! Sie suchen das Mittel dazu in Ihrem Tintenfaß, suchen Sie es in Ihren dunkelglühenden Augen, in Ihren langen, sei­denen Haaren — da werden Sie es finden. Sie können, wie jene Schöne im Märchen, Perlen und Diamanten aus diesen Haaren kämmen, lassen Sie mich die Fee sein, die Ihnen den Zauberkamm dazu in die Hand drückt.“57
„Gräfin, fahren Sie nicht so fort“, rief Ernestine tief errötend. „Diese Sprache darf ich nicht hören!“
„Fürchten Sie meine Worte, so beweist das, welchen Eindruck sie Ihnen machen — und ich habe schon halb gesiegt“, frohlockte die Versucherin.
„O, wenn Sie das glauben“, rief Ernestine stolz, „dann bitte ich Sie, sprechen Sie weiter, ich werde Ihnen, nachdem Sie geendet, sagen, was ich lieber verschwiegen hätte!“
„Sie werden, wenn Sie mich zu Ende gehört, milder denken“, sagte die Gräfin. „Sie halten meine Ansichten für unmoralisch. Was aber ist unmoralisch? Was den Gesetzen der Natur am Nächsten entspricht? Welche Moral hat das Tier? Keine, und deshalb ist es straflos. Es gehorcht dem Gesetze, welches Sie als Naturforscherin für das erste, höchste halten müssen. Die Asketen sagen, die Moral sei notwendig, um die Ordnung zu erhalten, ohne welche das Chaos wieder hereinbräche. Ich frage Sie aber, ist in dem Reich der Tiere das Chaos? Sind nicht die Rassen eingeteilt in strengster Ordnung? Hat nicht und be­wahrt nicht jede ihre Eigentümlichkeiten? Bleiben sie nicht untereinander streng geschieden? Sucht der Löwe die Hyäne, würde die Tigerkatze den Schakal nicht zerreißen, der sich ihr nahen wollte? Ist das nicht eine unerschütterliche Gesetzlichkeit? Und so würde es auch bei den Menschen sein. Das Edle würde sich doch stets dem Edlen verbinden, wie das Gemeine dem Gemeinen. Über dem Ganzen waltete nur die Liebe und alle Unsittlichkeit des Zwanges, der Kon­vention, der Lüge und Heuchelei fiele weg. Wäre das nicht eine schönere Welt? Und glauben Sie mir: auch eine bessere! In dem Bewußtsein, daß kein gesetzlicher Zwang die Gatten mehr an einander bindet, müßte sich Jeder das Herz des Andern durch verdoppelte Güte und Aufopferung zu erhalten suchen, — die Menschen würden gefälliger, selbstverleugnender gegen einander, und der Geist wäre befreit mit der befreiten Sinnlichkeit; sind wir doch, so lange unsere Wahl gebunden ist, geistig geknechtet! Und haben denn nicht auch die Männer das Vorrecht der freien Wahl für sich in Anspruch genommen? Binden sie sich an Gesetze? Wo ist der, welcher nicht öffentlich oder heimlich an ihnen sündigte? Uns nur, uns steht keine Entscheidung zu, — wir nur sollen eine Sache sein, die besessen wird, ohne zu besitzen. Wir sollen erhaben sein über das Bedürfnis des Wechsels, das jedem Menschen angeboren ist, über die Anforderungen des Geschmacks, der Leidenschaft, über Alles, nur nicht über den Mann! Er fordert von uns Siege über die Natur, die ihm zu schwer würden, aber gänzliche Unterwerfung unter seinen Willen, und das, meine Teuerste, das soll eine gerechte Weltordnung sein? Nein, das können selbst die nicht behaupten, welche nie die Grausamkeit solcher Anforderungen an sich selbst empfanden! Hat nicht die fortschreitende Kultur die russische Leibeigenschaft aufgehoben? Und die traurigste von allen, die allgemeine Leibeigenschaft des Weibes, sollte fortbestehen? Nein, wenn Sie nicht für sich selbst jene Rechte freier Wahl, persönlicher Selbstbe­stimmung erstreiten wollen, für welche Frauen, wie eine Louise A. . . . kämpfen — so tun Sie es für die Tausende armer Schwachen, welche sich an jener verkehrten Moral verbluten!“
Ernestine heftete einen vernichtenden Blick auf sie. Nach einer kleinen Pause sagte sie:
„Und wenn ich das täte, so kämpfte ich für den Verfall der Menschheit! Ich will nicht über die Be­rechtigung einer Moral mit Ihnen streiten, die Sie nicht verstehen — ich will Ihnen die Notwendigkeit derselben beweisen, über die Sie noch wenig nach­gedacht zu haben scheinen. Diese läßt sich in einem einzigen Worte aussprechen: Moral ist Maß — wo sie fehlt, da erschöpfen sich alle Kräfte in Maßlosigkeit, denn das Maß ist das Erhaltende in der Natur wie im Leben. Sie blicken mich verwundert an — Sie verstehen mich nicht. — Ich kann Sie nicht in einer Stunde die dunkeln dornenvollen Pfade führen, auf welchen ich mich zur Erkenntnis empor­gerungen habe, und weiß daher, daß ich tauben Ohren predige. Aber Sie forderten mich heraus, — haben Sie es denn!“ Ernestinens Wangen begannen in edlem Zorn zu erglühen. „Es wirbt ein Jeder Ge­nossen für seine Sache, drum sei es Ihnen verziehen, daß Sie den Frieden einer reinen Seele zerstören, daß Sie Gift in ein schuldloses Herz träufeln wollen. Möge es Ihnen überall so mißlingen, wie bei mir! Ich will es glauben, daß es der Fanatismus Ihres Irrtums ist, der Sie fortriß, nicht die teuflische Freude, mich, die Ihnen nichts zu Leide getan, in Ihren Abgrund mit hinunter zu ziehen! Aber, Frau Gräfin, welch’ furchtbarer Irrtum ist es, an den Sie Ihre Kraft, Ihre herrliche Begabung vergeuden? Ich kenne ihn. Glauben Sie nicht, daß Sie mir etwas Neues sagten, es ist die alte abgedroschene Philosophie der Lüsternheit. Es ist das Entlarven der eigenen Begierden, alles dessen, was der Mensch, wenn nicht um der Sitte, so doch um der ewigen Schönheit willen verbergen sollte, weil es häßlich ist, wenn Sie es nicht unsittlich nennen wollen! Diese Grundsätze sind es, welche dem Worte ‚Frauenemanzipation‘  einen ewigen Schandfleck aufgedrückt haben. — Genug —! Ersparen Sie mir das nähere Eingehen auf ein so ekelerregendes Thema. Ich kenne es genugsam, um darüber zu urteilen, denn ich hatte als Mitkämpferin für unsere Rechte den Wunsch und die Pflicht, Alles zu prüfen, was von Seiten meines Geschlechtes zu seiner Erhöhung getan worden ist. Aber mit tiefem Schmerz habe ich gesehen, wie sehr alle Wege, die jene Frauen einschlugen, von dem meinen abwichen, wie wenig sie ihre eigene Würde verstehen. Was sie Erhebung nennen, ist Entartung, was sie frei machen soll, macht sie frech, — ihre Offenheit wird zur Schamlosigkeit, — was sie als Entledigung unwürdiger Bande bezeichnen, erscheint mir als Zügellosigkeit! Was tun, was leisten sie, um sich der Rechte, die sie fordern, würdig zu zeigen? Sind Spielereien wie Zigarrenrauchen und Pistolenschießen die Attribute unserer Größe? Und die Rechte selbst, die sie fordern, wie steht es damit? Was will diese Louise A ....? Was wollen diese Frauen, die wie Theaterheldinnen auf der Bühne des Lebens einherstolzieren und die Welt erfüllen mit dem Zetergeschrei ihrer unverstandenen Herzen? Pfui über sie! Sie würdigen sich zu Sklavinnen herab, indem sie sich emanzipieren wollen, zu Sklavinnen ihrer Begierden, also der Männer, denn ihr ganzer Bombast von Befreiungsphrasen gilt ja nur dem ungeschmälerten Rechte des Verkehrs mit dem anderen Geschlecht!“ 
Die Gräfin sprang auf.
„Hören Sie mich zu Ende“, sagte Ernestine, immer mehr von schönem Feuer entflammt. „Meine Worte schaden Ihnen keinenfalls so viel, wie mir die Ihren hätten schaden können. Ich muß es tief beklagen, daß meine Bestrebungen eine Verwechselung mit den Ihren zuließen, deshalb will ich keinen Augen­blick säumen, mich vor Ihrem besseren Sein von dem Verdachte eines Einverständnisses mit Ihnen zu reinigen. Hören Sie denn, daß ich nichts will, als die geistige Ehre des Geschlechtes retten, die Grenzen unseres Könnens —nicht die unseres Wollens erweitern. Emanzipation des Geistes ist mein Zweck, oder um es einfacher zu sagen: Sie erstreben die Emanzipation des Fleisches, ich die Emanzipation vom Fleische! Sie sehen, unsere Ziele liegen wie Nord- und Südpol von einander getrennt und ich bekenne offen, ich fürchte den Schein, den ein Verkehr mit Ihnen auf meine reine Sache werfen würde!“
Die Gräfin nahm ihren herabgeglittenen Spitzenschal um und hüllte sich darein wie in ein schwarzes Gewölk, dann trat sie vor Ernestinen hin, die mit ihr aufgestanden war, und erhob drohend die Hand gegen sie: „Das werden Sie noch bereuen!“
Ernestlne hielt ihren Blick ruhig aus: „Das glaube ich kaum, Frau Gräfin, ich stehe, Dank meiner Richtung, außerhalb der Sphäre, in welcher Sie mir zu schaden vermöchten.“
„Ich könnte Sie töten!“ keuchte die Gräfin, nach Atem ringend, und das Blut stieg ihr zu Kopf, daß ihr dunkel vor den Augen wurde.
„O nein, das könnten und würden Sie nicht“, sagte Ernestine mit schneidendem Hohn. „Sie würden der Welt nicht das Schauspiel bereiten, eine so kühne Vertreterin unserer Freiheit in einer Strafanstalt enden zu sehen.“ 
„Sie haben Recht, es wäre eine Albernheit, ein Verbrechen zu begehen, wo leichtere Mittel genügen. Ich werde Ihnen einen Todesstoß geben, an dem Sie langsam verbluten und den keines unserer vortrefflichen Gesetze bestraft: Ich werde Ihnen den Mann entreißen, den Sie lieben! Ich will es — und mein Wort darauf, was ich will — das kann ich auch!“
Ernestine verstummte. Dies Wort hatte sie getroffen wie ein betäubender Schlag. Sie sah nicht, wie die Gräfin schweren Schrittes aus dem Zimmer rauschte, sie sah nur bei dem Scheine der Brandfackel, die das furchtbare Weib in ihre Brust geworfen, ihr eigenes Herz!
Liebte sie denn? Und wen liebte sie?

Ende des zweiten Bandes


Dritter Teil
Erstes Kapitel.
„Wenn Frauen die Zügel führen!“

Atemlos vor Wut schritt die Worronska die Treppen hinab und trat ins Freie. Vor der Tür führte ein Groom mit großer Kraftanstrengung ihr stattliches Viergespann auf und nieder. Sie winkte ihm, er fuhr vor und sprang herab, um der Gebieterin hinauf zu helfen, die sogleich Zügel und Peitsche ergriff und froh, ihren Zorn an etwas Lebendem auslassen zu können, auf die ungeduldigen Rosse einhieb. Mit Mühe und äußerster Gewandtheit schwang sich der Bursche noch auf den Bedientensitz hinter ihr, denn schon bekam der Wagen von den anziehenden Pferden einen jähen Ruck und dahin brauste die moderne Viktoria auf ihrem Siegeswagen, so zornesmutig und sturmesschnell, als gälte es, einem kämpfenden Heer auf dem Schlachtfelde die Rache zu bringen.
„Ist es möglich, diese hektische, boshafte Hexe kann mir einen Mann wie Möllner streitig machen?“ sprach sie zu sich selbst. „Schäme Dich, Feodorowna,“ schalt sie sich jedoch sogleich, „verleumde nicht in Deinem Zorn! Sie ist schön und edel und tausendmal klüger als Du, — aber der Satan hole sie, ich könnte sie mit eigener Hand erwürgen!“
Die leidenschaftliche Frau fühlte brennende Tränen über ihre Wangen rinnen, sie rang nach Fassung, wie ihre hochgewölbte Brust nach Atem. Immer heftiger trieb sie die Pferde an, daß der Wagen jäh hin und her geschleudert ward. Sie war herrlich anzusehen in ihrem Grimme, wie sie die starken Tiere gleich Symbolen ihrer eigenen Leidenschaften dahin stürmen ließ, sie entfesselnd und zügelnd zugleich.
„Aber ich werde ihr zeigen, wer sie ist und wer ich bin,“ murmelte sie. „Von solch einer deutschen Tugendheldin mich insultieren lassen zu müssen!“ Und sie gab dem Handpferde einen Hieb, daß es sich bäumte und die andern in seiner Flucht fortriß. In wenigen Minuten war das Dorf durchflogen und die nachgelaufenen Bauernköter gaben ihre kläffende Verfolgung auf und kehrten mit gesträubten Haaren knurrend nach Hause zurück. Nun senkte sich die Anhöhe, auf der das Dorf lag, steil ab.
„Gnädige Gräfin,“ sagte der Groom auf Russisch, „sehen Sie dort!“ Er zeigte nach einer Warnungstafel mit einem gemalten Hemmschuh. Doch es war zu spät, die Gräfin konnte die Hemmschrauben nicht mehr fassen, sie bedurfte ihrer beiden Hände, denn schwer lagen die herabjagenden Tiere in den Zügeln, denen bereits der rollende Wagen auf das Kreuz drückte.
„Wir kommen schon hinunter,“ rief sie, die vier schönen Pferdeköpfe straff zusammenhaltend. Da gewahrte sie, als die Straße eine Biegung machte, auf dem nahen Fußpfade eine bekannte Gestalt. Ein flammendes Rot ergoß sich über ihr Gesicht — es war Möllner. Jetzt sah sie nicht mehr, daß sie bergab fuhr, nicht mehr, daß die Kirche am Wege lag, in der soeben Gottesdienst gehalten wurde, wo man nach der Polizeiverordnung „im Schritt“ fahren mußte, jetzt sah sie nur noch Johannes, den sie einholen wollte um jeden Preis. Sie lüftete den Pferden die Zügel, daß sie dahin sausten, als gelte es eine Flucht um das Leben. Da wendete Johannes den Kopf nach ihr um, er winkte ihr, doch sie verstand nicht, was er meinte. Er blieb stehen, — donnernd ging es an der Kirche vorbei, daß einige in ihrer Andacht gestörte Bauern herausliefen und ihr drohend nachschauten. Johannes winkte wieder und noch heftiger als zuvor, jetzt erst verstand sie den Wink, daß sie vor sich hin blicken solle und sie sah zu ihrem Schrecken dicht vor ihr, mitten auf der Straße, einen Knäuel spielender Kinder. Sie wollte seitwärts biegen, wollte anhalten, doch vergebens, — Pferde und Wagen, einmal auf dem steilen Wege im Schuß, waren nicht mehr zu lenken und stürmten gerade auf die dichtgedrängte kleine Schar ein — Johannes sprang in höchster Angst von dem Fußpfad über den Rain nach der Straße herüber. Die Kinder stoben erschrocken auseinander.
Da erscholl ein Schrei! Die Gräfin schaute um, kein Kind war mehr in der Nähe, wo kam der Schrei her? Er kam unter den Rädern hervor. Im selben Augenblicke hatte Johannes den Wagen erreicht, sich den Pferden in die Zügel geworfen und sie mit einem gewaltigen Griff zum Stehen gebracht. Dann bückte er sich und zog ein kleines reizendes Mädchen leblos unter dem Wagen hervor. Mit einem furchtbaren Blick auf die Gräfin nahm er das Kind in die Arme und murmelte: „Ich hab’s gedacht!“
„Ist es tot?“ fragte die Gräfin schreckensbleich und mit Mühe die aufgeregten Pferde bändigend, während der Groom große Steine unter die Räder legte.
„Tot nicht,“ erwiderte Möller, „aber jedenfalls schwer verletzt.“
„Welch ein unglücklicher Zufall,“ klagte die Gräfin außer sich.
„Kein Zufall,“ erwiderte Johannes finster und vorwurfsvoll, „sondern die unausbleibliche Folge eines Tuns, wie das Ihre, Frau Gräfin.“
Er setzte sich ohne Weiteres auf den Rain und begann, das Kind zu untersuchen. „Das kommt davon,“ murmelte er mit mühsam verhaltenem Groll, „wenn Frauen die Zügel führen!“
„Möllner, machen Sie mir keinen Vorwurf,“ bat die Gräfin. Er beachtete sie nicht mehr, er hatte nur noch Sinn für das arme Opfer, das er auf den Knieen hielt.
„Wem gehört das Mädchen?“ fragte er die herbeieilenden Gespielen.
„’S ist Kellers Käthchen,“ jammerten die Kleinen. „Ach — unser herziges Käthchen!“
Einige umringten Johannes, Andere liefen zur Kirche, um die Eltern zu holen. Johannes band sein Taschentuch dem Kinde mit zarter Hand um die blutende Stirn und zog behutsam das schwere Bauernmieder aus, das Schultergelenk zu prüfen, welches ihm gebrochen schien.
Die Worronska verschlang dies Bild mit neidischen Augen. Sie sah nur ihn, sah nur die Anmut seiner Bewegungen, die schöne Sorgfalt, mit der er das Kind pflegte, und wie glühende Lava strömten die Worte über ihre Lippen: „O, wäre ich das Kind!“
Johannes hörte diese Huldigung nicht.
„Der Arm wird nicht zu retten sein,“ sagte er dumpf. „Das Beste ist, Frau Gräfin, Sie fahren in die Stadt und schicken sogleich mit Ihrem Wagen den Professor Kern oder sonst Jemanden von der chirurgischen Klinik heraus.“
„Möllner,“ flehte die Gräfin, „ich gehe nicht eher, als bis ich weiß, daß Sie mir mein Versehen verziehen haben.“
„Ich bitte, eilen Sie, Gräfin, Ihre nächste Pflicht ist, für das Kind zu sorgen — auch befürchte ich Unannehmlichkeiten für Sie, denn da kommen schon die erzürnten Bauern auf uns zu.“
Wie aufgestörte Bienen quoll ein summender drohender Schwarm aus der Kirche und ergoß sich in wenigen Minuten den Hügel herab um die Fremden.
„Was ist geschehen?“
„Wer ist verunglückt?“
„Ein Kind überfahren?“
So klang es entsetzensvoll von Mund zu Mund und Jeder wollte sich zuerst überzeugen, ob es nicht sein Kind sei. Aber der erste Schreck machte sogleich dem Zorne Platz, denn Käthchen, das schelmische, muntere Käthchen Keller war ja der Liebling des ganzen Dorfes und Jeder nahm Teil an ihr und Jeden durchzuckte es, als er die gesunde frische Blume so mutwillig geknickt daliegen sah. Wem hatte das Kind etwas zu Leide getan? Wen hatte es nicht erfreut mit seinem heiteren Lächeln, — wer hatte nicht gern in das runde, unschuldsvolle Gesichtchen geschaut? Und der tollen Laune einer übermütigen Fremden zu lieb sollte dies harmlose, liebe Geschöpfchen so elend zu Grunde gehen! Was hatte dies rasende Weib in dem stillen Dorfe zu schaffen, um den Frieden des Feiertages zu brechen und armen Tagelöhnern ihr Bestes zu morden, was sie hatten?!
Verwünschungen und Flüche waren die Antworten auf alle diese Fragen, die mit Blitzesschnelle durch die vom Wein schon ohnehin erhitzten Köpfe fuhren, und den Frevel zu rächen, das nächste Gefühl.
„So ein Himmelsakramentsweibsbild,“ begann Einer laut — „so unsinnig zu fahren!“
„Wo hattet Ihr denn Eure Augen?“ Ein Anderer, „Solch ein Kind fährt man doch nicht zusammen wie einen Hund, da weicht man doch aus.“
„Sie hat gedacht, auf ein Bauernkind kommt nichts an,“ höhnte ein Dritter.
„Wer wird aber auch vier Pferde nebeneinander spannen,“ riefen Mehrere.
„Das Stadtvolk weiß vor Übermut nicht mehr, was es machen soll.“
„Kreuzdonnerwetter noch einmal!“ schrie ein stämmiger Bauer, „schwatzt nicht lange, greift zu — sie soll mit uns auf die Gerichtsstube.“
„Ja, ja — zum Bürgermeister,“ brüllte der Haufe durcheinander.
Johannes war in der peinlichsten Lage. Er hatte immer noch das Kind auf dem Arm, das ihm Keiner abnahm. Er konnte es nicht wegbringen, er durfte die wehrlose Frau nicht allein den Insulten des Pöbels preisgeben. Er suchte den Leuten zuzureden, — doch umsonst, man achtete nicht auf ihn. Alle hatten noch vor wenigen Minuten die Gräfin an der Kirche vorüberrrasseln gehört und gesehen — auf sie fiel alle Schuld und aller Groll.
Johannes machte der Gräfin, die aufrecht im Wagen stand und verächtlich auf das Volk niedersah, ein Zeichen fortzufahren, doch sie rief ihm zu: „Croyez vous, que je craigne la canaille? Je ne quitterai pas cette place sans que vous veniez avec moi.“58
Da kreischte eine Stimme durch den Lärm: „Jesus Maria, mein Kind, mein armes Kind,“ und eine Frau stürzte herbei, riß die Kleine Johannes weg und überschüttete sie mit Tränen und Küssen.
Ein hübscher junger Mann folgte ihr und blickte mit gerungenen Händen, stumm vor Entsetzen, auf Käthchen nieder: „Gott im Himmel, was haben wir getan, daß Du uns so schwer heimsuchst?“ murmelte er und schwankte, daß ihn ein paar Burschen stützen mußten.
„Die Augen sollten ihr ausgerissen werden,“ schrie die zur Furie verwandelte Mutter und preßte das verunglückte Kind an die Brust — als wolle sie es noch nachträglich vor der Gefahr schützen, der es zum Opfer gefallen. „Ins Zuchthaus sollte sie. Solch ein nichtswürdiges, gottverfluchtes Weibsbild!“ Und dann küßte sie die Kleine wieder und überströmte sie aufs Neue mit Tränen.
„Fluch nicht so,“ sagte der Mann finster. „’S ist eine Sünde am Feiertag. Das Leben,“ er deutete mit Hand auf Käthchen, „wird Gott schon noch einmal von ihr fordern — so was entgeht seiner Strafe nicht.“
„Mög’s ihr hereinkommen,“ schluchzte die Frau.
Jetzt kam der Herr Pfarrer aus der Kirche und näherte sich mit aller Salbung, die der Moment erforderte, und demütig schritt der Schulmeister hinter ihm.
„Da sehen Sie, Herr Pfarrer, wie sie mir das Kind zugerichtet hat,“ rief sie ihm entgegen. „Ach und der Herr Lehrer — sein Liebling ist es ja immer gewesen! Was sagen Sie zu diesem Elend?“
„O wie schade!“ klagte Herr Leonhardt und neigte sich über sein Herzblättchen, während die heißen Tropfen aus seinen blöden Augen darauf niederfielen, und die Weiber alle im Chore jammerten. Der Herr Pfarrer aber fühlte sich verpflichtet, ein paar feierliche Trostesworte zu sprechen: „Danket der reichen Gnade unserer Mutter Maria, liebe Frau,“ rief er mit aufgehobenen Händen, „daß sie Euch vor Allen so offenbar begnadiget, Euer Kindlein gerade an dem Tage ihres Himmelfahrtsfestes als einen schönen Engel zu sich zu rufen in eine bessere Welt.“
„Herr Pfarrer,“ sagte Johannes, „Sie geben einen Trost, der Gott sei Dank nicht notwendig ist, denn das Mädchen lebt und wird leben, dafür verbürge ich mich.“
„Ach Ihr,“ wimmerte die Mutter verzweiflungsvoll. „Ihr wißt Alle nicht, was es ist, so ein Kind zur Welt zu bringen und groß ziehen und für’s arbeiten Tag und Nacht und sich die Bissen vom Munde absparen, um’s ernähren zu können und dann, wenn man’s mit Not und Sorge so weit gebracht hat, daß es Einem rechte Freude macht, — dann es zerquetscht und zertreten auflesen müssen, wie die Scherben von einem zerschlagenem Topf! Gott straf’ sie, Gott straf’ sie!“ Mit diesen Worten eilte die Frau hinweg und der Mann stützte ihr die zitternden Arme, die ihre Last kaum mehr zu halten vermochten und sie doch nicht lassen wollten. Der Pfarrer und der Lehrer begleiteten sie.
„Heda,“ rief die Worronska dem unglücklichen Paare nach, „nehmt dies einstweilen als Schadenersatz, später folgt mehr!“ Sie hielt eine schwere, gefüllte Börse hin.
„Behaltet Euer Geld, wir wollen’s nicht,“ sagte der Mann in dumpfem Grimm und schritt, ohne die Augen von seinem Kinde zu verwenden, weiter.
Die Gräfin blickte blaß und erschüttert vor sich nieder.
„Der Mann tut recht, wir wollen kein Geld, wir wollen unser Recht,“ tobte der Haufe und bildete einen so dichten Knäuel um den Wagen, daß Johannes nur langsam durchzudringen vermochte. 
Als er den Wagen erreicht, stieß er mit dem Fuß rasch die Steine weg, die den Rädern als Hemmung gedient hatten und rief der Worronska zu: „Fahren Sie fort in des Himmels Namen, wollen Sie sich nutzlos Insulten preisgeben?“
„Laßt sie nicht los,“ hieß es. „Spannt ihr die Pferde aus! Holt den Bürgermeister!“
„Wenn Einer von uns in der Stadt eine Katz’ überfährt, muß er ins Loch. Die Vornehmen sollen’s auch nicht besser haben.“
Einige schickten sich an, die Pferde abzuschirren, doch Johannes trat mit eiserner Festigkeit dazwischen, entriß der Gräfin, die kein Auge von ihm wandte, die Peitsche, gab den Pferden ein paar scharfe Streiche und schnaubend stürmten die edlen Tiere dahin, die lebendige Mauer weit auseinander sprengend, die sich um sie gebildet hatte. Ein wütendes Geschrei erhob sich, man rannte ein Stück weit nach, aber in wenigen Augenblicken war der Wagen verschwunden und der kleine Groom, der vergessen worden, keuchte wie ein Jagdhund allein auf der Straße hinterher.
Nun lenkte sich aller Zorn auf Johannes, der mit der Peitsche in der Hand ruhig dastand. Er hatte die Fremde der gerechten Strafe entzogen, ihre Flucht befördert, er war also mit ihr im Bunde.
„Ihr haltet zu ihr, — Ihr müßt uns Rede stehen!“
„Das will ich, Ihr Leute,“ sagte Johannes ruhig und freundlich. „Zuerst aber laßt mich dem armen Kinde die nötige Hilfe leisten, dann werde ich mit Euch auf das Amt gehen — oder wohin Ihr sonst wollt.“ — Diese einfache Antwort entwaffnete den Zorn der Menge vollständig.
„Der Herr ist recht — ich kenne ihn,“ schrie ein neu hinzugekommener. Es war der Bauernbursche, mit welchem Johannes bei seinem ersten Besuche auf dem Wege zum Schlosse gesprochen.
„Warum halft Ihr aber dem schlechten Frauenzimmer davon?“ fragten einige.
„Weil ich die Sache für sie in Ordnung bringen will. Ich verspreche Euch jede Genugtuung und eine bessere, als die ist, eine wehrlose Dame zu mißhandeln.“
„Das ist ein rechter Herr, ein braver Mann!“ brummten die Leute durcheinander.
„Der will’s auf sich nehmen — das ist rechtschaffen!“
„So kommt nun Ihr Leute und führt mich zu dem Keller’schen Hause. Nachher wollen wir mit einander sprechen.“
Die Bauern nickten befriedigt. „Ja, ja! ’S ist schon gut.“
„Kommt nur, kommt.“
Sie hatten nicht weit zu gehen bis zu der elenden strohgedeckten Hütte des Tagelöhners Keller.
Eine hölzerne Freitreppe führte von Außen in das obere Stockwerk hinauf, denn zu ebener Erde lag der Stall und über diesem die Wohn- und Schlafstube, das heißt ein niederer Raum, in dem ein großes Familienbett, ein Kachelofen, zwei hölzerne Stühle und ein Tisch standen. An der Wand hing ein geschnitztes Kruzifix mit Totenkopf und Weihwasserkessel und darunter im Bette lag still und geduldig das kleine Käthchen, fast erdrückt von der schweren Decke und blickte mit umflorten Augen auf die Umstehenden. Die Mutter kniete jammernd neben ihr am Boden. Mehrere Weiber suchten sie zu trösten und gaben gute Ratschläge, wie schnell und sicher ein gebrochenes Glied wieder heile, wenn man der Mutter Gottes dasselbe in Wachs geformt opfere und es in der Kirche an ihrem Bild aufhänge. Die vielen wächsernen Körperteile aller Art, die wie ein Kranz das Madonnenbild bereits umrahmten, gaben ja Zeugnis von dem guten Erfolge dieses frommen Brauches. Frau Keller sollte nicht säumen, heute noch das Opfer zu bringen, denn gerade heute als am Himmelfahrtstage hatte es besondere Kraft.
Frau Keller schüttelte den Kopf. Sie war verstockt in ihrem Schmerz und glaubte nicht an diese Art von Heilung.
„Der Kaspar,“ sagte sie, „hat auch ein Bein bei der Muttergottes aufgehangen und noch dazu eines für einen Gulden! — Was hat’s ihm denn geholfen? Ist er nicht doch in der Stadt an dem Übel gestorben?“
Am Ende des Bettes stand der Herr Pfarrer und hörte dem Gespräch kopfschüttelnd zu. „Kolumbane, Kolumbane,“ begann er nun: „Ihr lästert! Wißt Ihr nicht mehr, was die Todesursache des Kaspar war? Nicht die heilige Jungfrau klagt an — wie konnte sie dem Manne helfen, da er ihre Hilfe nicht abwartete, sondern sich von dem Rate der Hartwich leiten und das Bein abnehmen ließ? Nicht seinem Übel ist er erlegen — die Freundschaft mit einer Feindin der Maria ließ ihn zu Schanden werden!“
„Ei nun,“ meinte eines der Weiber, „man kann auch nicht wissen, ob ihn die Mutter Gottes nicht eben an dem Beine wieder zu sich gezogen hat!“
„So? Da könnte sie mir auf diese Art mein Käthchen auch zu sich ziehen!“ rief Frau Keller trotzig. „Nein, nein — ich will mein Kind erhalten, sei’s auch von nun an ein Krüppel, — wenn’s nur lebt! Ich bin stark und kann für’s Arbeiten. Wir werden uns schon durchbringen. Gelt, Käthi — Du willst noch nicht in den Himmel? Gelt, Du willst bei Vater und Mutter bleiben, wenn’s auch nichts gibt als Schwarzbrot?“
„Ja, Mütterchen, ich will bei Euch bleiben,“ sagte das Kind mit seiner süßen Stimme und lehnte das Köpfchen matt an die Schulter der Mutter, die es schluchzend über die bleichen Wangen streichelte. „Mütterchen,“ sagte es und seine Augen nahmen einen unbeschreiblichen Ausdruck an. „Weine doch nicht so, es tut mir ja gar nicht weh.“
Da rang sich ein dumpfer Schrei aus der Brust der Frau hervor, und sie warf das Gesicht auf die Kante des Bettes: „Kind, Kind, klage lieber, sei ungebärdig und jammere, — diese Geduld bricht einem das Herz. Man meint ja, Du seist schon auf dem Wege, ein verklärter Engel zu werden!“
Auf der andern Seite des Lagers, welches mit dem Kopfende an die Wand stieß, standen zwei bisher stumme Gestalten, der Vater und der Schulmeister. Der Letztere blickte mit fast andächtig gefalteten Händen auf das Kind nieder, der Vater lehnte wie zerschlagen an der Wand und hatte das Gesicht verhüllt. Jetzt hob er den Kopf und sagte tief bewegt aber ergeben: „Frau, faß Dich und nimm’s an, wie’s uns beschieden ist, wenn wir das Kind verlieren sollten, so war’s zu gut für uns und das glaub’ ich auch fast.“
„Väterchen,“ bat Käthchen, „wenn Ihr so redet, da muß ich weinen, und dann weint Ihr noch ärger.“
Herr Leonhardt zupfte den Mann am Rocke und flüsterte ihm zu: „Wir sollten dem Kinde durchaus Ruhe gönnen. Nehmt Euch zusammen und schafft die Weiber hinaus.“
„Ja, das sage ich auch!“ bestätigte Johannes, der schon einige Minuten unbemerkt unter der Türe gestanden. „Ich bitte Euch, Ihr guten Frauen, laßt uns allein. Die vielen Leute in der engen Stube beängstigen die Kleine. Eure freundliche Absicht ist recht bedankenswert, aber zeigt sie jetzt dadurch, daß Ihr Euch entfernt.“
Die so wohlwollend Angeredeten zogen sich willig zurück. Es war ja ein gar so schöner, angenehmer Herr, der es von ihnen forderte! Auch der Pfarrer verabschiedete sich, nur der Lehrer blieb auf einen Wink Johannes’.
Auf der Straße gab es viel zu fragen und zu antworten: Wie es oben stünde und wie das sonst so flinke Käthchen unter den Wagen gekommen sei. Es war ein zu braves Kind, denn man hatten endlich herausgebracht, daß es schon in Sicherheit noch einmal umgekehrt war und ein kleineres Nachbarsbübchen hatte wegreißen wollen, welches allein mitten auf der Straße stehen geblieben. Der Bub kam noch glücklich vorbei, aber die arme kleine Retterin war von den Pferden niedergeworfen und so das Opfer geworden.
„’S ist ein Weltskind, das Käthchen,“ sagten die Männer bedauernd und die Weiber klagten: „Wer es jetzt in seinem Bettchen gesehen habe, der könne sich nicht darüber täuschen, daß es schon halb im Himmel sei!“
Im Himmel war es denn auch, so weit als jede reine Kindesseele es ist, denn es spannt sich ein lichter bunter Himmel so nieder auf die Erde, daß nur die Kinder unter seinem Zelte wandeln können. Wir Großen sind darüber hinausgewachsen, seine Herrlichkeiten sind uns verhüllt — er liegt unter uns wie die Wolken, wenn wir auf dem Gipfel eines hohen Berges stehen.
„Nun Käthchen, wie geht es Dir?“ fragte Johannes zu ihm tretend.
„Danke, gut!“ sagte Käthchen pflichtschuldigst und seiner Gewohnheit gemäß.
Es lag etwas unbeschreiblich Rührendes in dieser kindlichen, halb unbewußten Selbstbeherrschung. Johannes wurden die Augen feucht. Er barg sich nieder und drückte einen Kuß auf des Kindes Lippen.
„Noch einen!“ bat die Kleine und schlang zärtlich das unverletzte Ärmchen um den breiten Nacken des liebreichen Mannes.
„Unser Käthchen,“ sagte der Lehrer, „ist ein beherztes Mädchen. Denken Sie, Herr Professor, sie war neulich die Einzige in der ganzen Schule, die dem Fräulein von Hartwich einen Kuß gab.“
Ein leichtes Rot ergoß sich über Johannes Gesicht bei Nennung dieses Namens. Er setzte sich auf den Rand des Bettes und blickte das Kind seelenvoll an. „Wirklich? Tatest Du das, Du Engel?“ flüsterte er und drückte den schönen Mund nochmals auf die Lippen des Kindes. Er neigte das Haupt zu dem reizenden Köpfchen nieder und versank in ein süßes Nachdenken. Er sah Ernestine mit dem Kinde im Arme vor sich, dann wurde es aber allmählich ein anderes, das ihre Züge trug! Er liebte das fremde Kind, seit er es in Beziehung zu Ernestinen gebracht — wie würde er erst das Ihre — das Seine lieben! — Tiefe Stille herrschte in dem niederen Gemach. Die Eltern schauten schweigend auf die Gruppe. Herr Leonhardt rührte sich nicht, er allein verstand, was in Johannes vorging. Der Kleinen Brust senkte und hob sich immer ruhiger und regelmäßiger, er stützte ihr Köpfchen mit seiner weichen, warmen Hand und sie entschlummerte unter dem milden Blicke ihres Beschützers. Johannes sah nach der Uhr, die Ärzte, welche die Gräfin schicken sollte, konnten noch lange nicht hier sein. Dennoch wollte er sie erwarten.
„Mann,“ flüsterte Frau Keller dem Gatten zu. „Mir ist so eben ein sonderbarer Gedanke gekommen. Als der Schulmeister vorhin sagte, Käthi habe die Hartwich geküßt, da ist mir’s erst wieder eingefallen, wie das Kind damals heimkehrte und den Vorfall erzählte und sich beklagte, die Andern hätten gespottet, es werde ihm nun sicher was zustoßen, die Hartwich werde ihm was anhexen! — St, Sei still, daß es der Schulmeister nicht hört, — er würde böse! Aber ich kann mir nun einmal nicht helfen — sonderbar ist’s doch!“
Der Mann sah die Frau nachdenklich an und kratzte sich hinter den Ohren. Nach einer kleinen Pause murmelte er: „Man soll auf so etwas nichts geben, aber Du hast Recht, ein eigentümliches Zusammentreffen ist’s. Der Kuckuck hole die Hartwich — was braucht sie unser Kind zu küssen! Man hat bei ihr immer ein Aber.“
„Sprich doch mit dem Pfarrer darüber, — was der wohl meint. Aber laß ja den Lehrer nichts merken. Geh, sag, Du wolltest einen Schoppen trinken. Das Kind schläft ja jetzt.“
Der Mann schlich sich, so leise er mit seinen schweren Nagelschuhen konnte, hinaus, um in diesem bedenklichen Fall den Rat des Pfarrers einzuholen. 

Zweites Kapitel
Volkes Stimme Gottes Stimme!?59
Als Keller an dem Wirtshause vorbeikam, wollte er seinen trockenen Gaumen mit einem Schlucke anfeuchten und fand den geistlichen Herrn in der Gaststube, umgeben von einem Kreis der Honoratioren des Dorfes und benachbarter Ortschaften. Auch der protestantische Pfarrer war dabei, denn eine so außerordentliche Begebenheit mußte doch gemeinschaftlich durchgesprochen werden. Der Wirt trug fleißig Schoppen und Flaschen ab und zu und lobte heimlich das geschehene Unglück, weil noch nie so viel getrunken worden war, wie gerade heute.
„Ah, da ist ja der arme Vater! Nun, wie geht’s, wie steht’s?“ tönte es dem Keller entgegen, als er eintrat.
„Schlimm,“ sagte er, „das Kind wird gewiß ein Krüppel werden.“
Ein bedauerndes Gemurmel erhob sich.
Keller wandte sich an den katholischen Pfarrer mit der Bitte, ihm ein Wort allein sagen zu dürfen. Dieser lieh ihm bereitwillig sein Ohr.
„Hochwürden,“ begann der Bauer, „die Kolumbane meint, die Hartwich hab’s dem Käthchen angetan.“
Der Pfarrer schlug die Hände zusammen: „Was Ihr sagt! Woher glaubt sie das?“
Keller erzählte den Hergang der Dinge.
Der Geistliche schüttelte den Kopf und sagte zu dem protestantischen Amtsgenossen mit lauter Stimme: „Ist es nicht, mein verehrter Amtsbruder, als wolle uns Gottes Finger immer mehr darauf hinweisen, daß wir uns nicht ferne genug von jenem unheimlichen Frauenzimmer halten können, welches sich leider wie ein giftiges Gewürm in unserer Gegend eingeschlichen hat?“ Er berichtete nun, daß Alle es hören konnten, was ihm Keller vertraut.
Der protestantische Geistliche, der mit seinem Kollegen immer einig war, wenn es einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen galt, nahm seinerseits die Sache auch sehr wichtig. „Es wäre natürlich Aberglauben zu behaupten, die Hartwich habe das Kind behext — es stehet aber geschrieben: <<Verflucht sind die Gottlosen>> und deshalb trifft auch der Fluch, der auf ihr liegt, Alles, was mit ihr in Berührung kommt!“60
Eine große Bewegung entstand unter den Bauern, die Luft wurde verdickt von dem Weindampf, den die schreienden Kehlen aushauchten.
„Soviel ist sicher,“ rief mit starker Betonung der rechtgläubiger Herr, „daß alles Unheil direkt oder indirekt von der Hartwich herrührt!“
„Ja, ja!“ war das Echo, das aus allen Ecken wiederhallte.
„Wem hat sie noch Glück gebracht, wem was Gutes getan?“
„Keinem, keinem!“
„Hat sie nicht den Samen ihrer lästerlichen Lehren unter Euch auszustreuen versucht, hat sie nicht an den Krankenbetten, solange wir sie zuließen, statt der leidenden Seele himmlischen Trost zu spenden, ihr wie die Schlange des Paradieses Zweifel in das Ohr gezischelt?“
„Ja, ja — sie hat despektierlich über die Herrn Geistlichen und ihr Amt geredet.“
Beide Pfarrer sahen sich mit schmerzlichen Blicken an.
„Sie hat offenbare Rebellion gegen die Kirche gemacht,“ rief der Vikar, „sie hat mir sogar, als ich in der Würde meines Berufes kam, um der kranken Kunigund’ die letzte Ölung auf das Schloß zu bringen, die Tür gewiesen unter dem Vorwande, die Magd werde nicht sterben und die Zeremonie würde sie aufregen und kränker machen. Sie konnte den Anblick des Gekreuzigten in ihrem Hause nicht ertragen! Sie ist eine Verworfene vor Gott und vor der Kirche. In früheren Jahrhunderten verbrannte man Solche — man wußte wohl warum. Wir Alle, wir empfinden den Fluch ihrer Nähe — aber wir müssen sie unter uns dulden. Der Teufel hat jetzt das Humanitätsmäntelchen angelegt, darunter er all dieses Gezücht verbirgt, daß man ihm nicht mehr beikommen kann!“
„Sie ist ein giftiges Geschwür in unserem Fleische,“ ergänzte der protestantische Pfarrer, „und es steht geschrieben: <<Ärgert Dich Dein Auge, so reiße es aus,>>61 — wir aber, wir dürfen das Geschwür, das uns quält, nicht ausschneiden.“
„Warum nicht, — wer soll’s uns wehren?“ schrieen die wütenden Bauern.
„Die hohe Obrigkeit!“
„Wenn die Obrigkeit Gotteslästerer und Hexen beschützt — so soll sie das Donnerwetter —“
„St, st,“ unterbrachen die frommen Herren den Tumult, „nehmt Euch in Acht, lieben Freunde, es sind immer Gendarmen in der Nähe, die solch ein Wort hören könnten. Nicht mit der Obrigkeit habt Ihr zu rechten — nur dem unseligen Weibe sollt Ihr es zeigen, daß sie besser täte, unser friedliches Dorf zu meiden, daß hier kein Boden ist, um ihr Unwesen darauf zu treiben.“ —
„Ja, ja — das gehört ihr — das wollen wir!“
„So glaubt Ihr wirklich, daß sie es unserm armen Kinde angetan hat?“ fragte Keller voller Grauen.
„Nun, wenn wir auch das nicht sagen,“ erwiderte der protestantische Geistliche, „so müssen wir gestehen, daß ein Wink der Vorsehung in diesem Falle zu erkennen ist, der uns andeutet, daß wir sie meiden sollen. Soviel ist sicher, daß die Fremde, welche das Kind überfuhr, bei der Hartwich zum Besuch war, — daß das Unglück also gar nicht geschehen wäre, wenn sie nicht im Orte lebte, — denn dann wäre jene Rasende niemals hierherkommen.“
„Die Hartwich ist und bleibt eben wieder an allem Schuld!“ brüllte die betrunkene Menge.
„Sie ist es, so — oder so,“ fuhr der Vertreter der evangelisch christlichen Liebe fort. „Und ich wiederhole mit meinem hochwürdigen Amtsgenossen: „Alles Übel kommt von ihr!“
„Ja, alles Übel kommt von der Hartwich!“ erscholl es im Chor.
„Herrgott — seht einmal, da draußen!“ schrie Einer nach dem Fenster zeigend.
Alles blickte hinaus.
„Die Hartwich in leibhaftiger Gestalt!“
„Sie traut sich vom Schlosse herunter?!“
„Sie will das Unheil sehen, das sie angerichtet.“
„Jesus Maria,“ rief Keller, „sie geht nach meinem Hause!“ Und mit einem Satze sprang er hinaus.
Wie gährender Wein aus einem Fasse, dem der Spund ausgestoßen ist, stürzte die ganze betrunkene Menge ihm nach auf die Straße.
Die Geistlichen blieben zurück und sahen einander an. „Was tun wir,“ fragte der Eine, „sollten wir ihnen nicht folgen, um Unfug zu verhüten?“
„Lassen wir das Volk gewähren, verehrter Kollege,“ meinte der Andere. „Es ist uns nicht wohlanständig, uns in solche Händel zu mischen. Sie ist unseres Schutzes nicht würdig und die gerechte Entrüstung der Leute wird sich nur in Worten Luft machen, die zu hören, ihr nicht schaden kann. Volkes Stimme Gottes Stimme!“
„Ja wohl, ja wohl!“ bestätigte der Erstere. „Man darf dem sittlichen Gefühl des Volkes in solchen Fällen keinen Abbruch tun. Uns wollte sie nicht hören — so möge sie nun die Wahrheit aus dem Munde der Bauern vernehmen. Vielleicht wirkt diese Art von Predigt mehr auf sie, als die gebildeter Männer wie wir!“
„Hoffen wir es!“ sagte der katholische Herr freundlich, indem er sich mit dem protestantischen Amtsgenossen an einen der leeren Tische setzte und ihm von dem Schöpplein alten Roten eingoß, den der Wirt vor ihm hinstellte.
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„Was ist das?“ fragte Johannes leise, als plötzlich von ferne ein Summen nahender Stimmen und Tritte erscholl. Er hatte seine Hand noch immer geduldig unter Käthchens Kopf liegen und wollte sie nicht herausziehen, um das Kind nicht zu wecken.
Der Schulmeister schlich auf den Zehen an das Fenster und sah hinab. „Ich kann nichts erkennen,“ sagte er. „Ein mühender Schwarm zieht die Straße herauf, aber ich unterscheide nicht — wer und was es ist.“
„Die Menschen sind noch aufgeregt von dem Ereignis des Tages,“ meinte Johannes.
Indessen kam der Lärm näher. Man hörte einzelne Schimpfreden, es war, als fielen geworfene Steine auf das Pflaster nieder. Keifende Weiberstimmen schrieen ganz deutlich: „Nicht hierherein!“ „Zurück!“ „Hinaus mit ihr!“ Knaben jauchzten und pfiffen zwischendurch.
„Um Gotteswillen,“ rief der Schulmeister, „sie verfolgen eine Dame — das ist ja — Herr Professor sehen Sie doch — sie will in die Häuser flüchten, — die Weiber lassen sie nicht hinein, sie schlagen die Türen vor ihr zu —“
„Die Bestien,“ knirschte Johannes außer sich vor Wut, denn er hatte den Blick durchs Fenster geworfen und erkannt, um wen es sich handle.
„Jesus Maria! Sie werfen mit Steinen und Äpfeln nach ihr,“ kreischte Frau Keller.
Johannes war schon aus dem Zimmer, als sich der Lehrer mit dem Rufe: „Es ist ja das Fräulein von Hartwich!“ nach ihm umwandte.
Schon hatte Johannes die Treppe erreicht, da stürzte Keller bleich und verstört herein und warf die Tür ins Schloß.
„Was soll das heißen,“ rief Johannes, „wollen Sie mich hier einsperren?“
„Ach, Herr,“ flehte Keller und stellte sich ihm in den Weg, „machen Sie nicht auf, — die Hartwich will herein —“
„Nun, so lassen Sie sie doch herein, nur schnell, was zögern Sie?“
„Um Gottes willen nicht!“ sagte Keller.
„Sind Sie von Sinnen,“ fuhr ihn Johannes an, „daß Sie einer Mißhandelten, Hilfesuchenden Ihr Haus verschließen wollen? Öffnen Sie, oder ich brauche Gewalt!“
„Herr, Herr — ich werde mein Hausrecht wahren dürfen, wenn ich auch nur ein armer Bauer bin,“ schrie Keller sich gegen den Eingang stemmend. „An der Schwelle klebt der Schweiß ehrlicher Arbeit und kein verfluchter Fuß soll sie überschreiten.“
Jetzt schien sich die tobende Flut vor dem Hause zu stauen. Ein Steinwurf gegen die Tür von Außen zeigte, daß die Verfolgte ihre Flucht hierher gelenkt habe.
Johannes war seiner Sinne nicht mehr mächtig, Das sonst so ruhige, edle Blut kochte in ihm, sein Herz drohte zu zerspringen. Mit Riesenkraft faßte er den Bauern an den breiten Schultern und schleuderte ihn zur Seite, daß ihn der herbeieilende Lehrer im Sturze auffing. Dann riß er die Türe auf und Ernestine fiel ihm halb ohnmächtig vor die Füße. Er zog sie mit unbeschreiblichem Blick an seine Brust empor und schlang seine Arme schützend um sie. Dann rief er mit einem Ausdruck, der keinen Zweifel an seinen Worten ließ: „Den Ersten, der sich dieser Dame noch zu nahen wagt, schlage ich nieder!“
Ein dumpfes Gemurmel erscholl. „Er soll’s einmal versuchen!“ hieß es und geballte Fäuste erhoben sich gegen ihn.
„Ja, ich wird’s versuchen — aber wen der Versuch trifft, der kann des Todes sein,“ drohte Johannes und der Eindruck seiner entschlossenen Haltung war so übermächtig, daß Keiner sich herantraute, nur Steine und Schimpfwörter flogen herüber. Johannes schmiegte Ernestines Kopf noch fester an sich: „Schämt Euch, Ihr Feiglinge, daß Ihr so tückisch aus der Ferne kämpft, weil Ihr Euch nicht in meine Nähe wagt.“ Er wandte sich an Keller. „Wollt Ihr dieser Dame noch immer den Eintritt wehren? Ihr seht doch, daß sie sich kaum mehr aufrecht hält!“
Keller sah sich nach seiner Frau um, die herzugelaufen war. „Laß sie nicht herein,“ bat sie, „um Himmels willen nicht — ist’s nicht schon genug des Unheils?“
Keller zuckte die Achseln gegen Johannes. „Ihr seht, meine Frau will’s auch nicht haben.“
Johannes stampfte wütend mit dem Fuße.
„Seid Ihr Menschen?“
„Wir hoffen’s, Herr!“ sagte Keller trotzig, die Hände in die Hosentaschen steckend.
„Und bessere als solche, die’s mit dem Weibsbild halten,“ ergänzte die Meute und ein großer Kiesel flog dicht an Johannes vorüber.
„Wenn ich so wahnsinnig wäre wie Ihr,“ rief Johannes, „so würfe ich Euch die Steine zurück, die hier niederfallen und ich träfe besser als Ihr. Aber ich balge mich nicht mit Betrunkenen noch streite ich mit Unzurechnungsfähigen — ich will nichts von Euch, als daß Ihr dieser Dame und mir Platz macht, um sie nach Hause zu führen.“
Die Masse stand dicht zusammengekeilt und murmelte undeutliche Reden, von denen Johannes nur verstand, daß man Ernestine noch nicht genug gezüchtigt habe und daß sie nicht so leicht davon kommen solle.
„Ich will Euch zahlen, was Ihr fordert, wenn Ihr das Fräulein so lange aufnehmt, bis ich hier Ruhe schaffe,“ sagte Johannes wieder zu Keller.
„Laßt mich ungeschoren, Herr! Über meine Schwelle kommt sie weder für Geld noch gute Worte.“
„Mutter, laß sie doch herein,“ flehte plötzlich eine Stimme, deren Wirkung auf die tobende Menge unbeschreiblich war. Käthchen hatte sich unbemerkt aus dem Bette gestohlen und in seiner Herzensangst herausgeschleppt. Jetzt schlang es das Ärmchen um Ernestines Knie und sah weinend zu ihr auf: „Sie sollen Dir nichts tun — ich habe Dich so lieb!“
„Jesus Maria,“ schrie Frau Keller, „mein Kind, mein Kind.“ — Sie riß es Ernestinen weg und trug es, von ihrem Mann gefolgt, ins Haus. „Willst Du Dir den Tod holen?“ schalt der Vater in Verzweiflung. „Nein, das Fräulein, das Fräulein,“ hörte man die Kleine noch in der Hausflur wimmern.
Nun begann eine Bewegung, deren Charakter immer bedenklicher ward. „Da hört Ihr’s, da seht Ihr’s mit eigenen Augen! Jetzt kriecht gar das krank Kind aus dem Bettchen. Glaubt Ihr nun, daß sie’s ihm angetan? Sie muß fort von hier, heute noch — oder wir jagen sie zum Dorfe hinaus —“
„Leute, Leute, um Gotteswillen, wozu laßt Ihr Euch hinreißen?“ erklang jetzt eine sanfte Stimme hinter Johannes.
„Oho — der Schulmeister,“ schrieen Alle durcheinander, „der soll nur kommen — den haben wir schon lange auf dem Strich. Kommt nur herunter, Schulmeister — wir wollen Euch Eure Freundschaft mit der Hexe eintränken.“ Und wieder ergoß sich die Flut über die untersten Stufen der Treppe, auf der Johannes stand.
„Zurück,“ gebot Johannes und übergab Ernestine dem Lehrer. „Zurück — Ihr seht — ich habe jetzt die Arme frei!“
Unwillkürlich wichen die Vordersten vor der drohenden Gefahr zurück.
„Verblendetes Volk,“ rief Johannes in tiefster Empörung. „Ist Euch denn gar nichts mehr heilig in Eurer Wut, nicht ein wehrloses Mädchen, nicht einmal das greise Haupt Eures Lehrers? Was hat Euch der arme Märtyrer getan, der seine Lebenskraft an die undankbare Aufgabe vergeudete, Euch zu vernünftigen Menschen zu machen?“
„Er ist mit der Hartwich im Einverständnis, er ist Schuld, daß sie das Kind geküßt hat. Das Haus über dem Kopf sollte man ihm abbrennen.“
„Ja, ja,“ brüllte der Haufe durcheinander, „ausgesengt gehören die Nester — Seines und Ihres. Die Spötter, die Religionsverächter! Die sollen noch an Gott glauben lernen!“
„Auch das noch?“ donnerte Johannes sie an: „Wollt Ihr Eure Frömmigkeit dadurch zeigen, daß Ihr zu Mordbrennern werdet? Wehe Euch, wenn Ihr Hand an das Eigentum dieser Beiden legtet, wißt Ihr, welche Strafe auf Brandstiftung steht? Das Zuchthaus! Und mein Wort darauf, ich würde dafür sorgen, daß Ihr Eurer Strafe nicht entginget.“
Ein wütendes Geschrei erhob sich auf diese Worte.
„Herr Professor,“ bat Leonhardt, „reizen Sie diese Menschen nicht noch mehr, wir überzeugen sie ja doch nicht. Leute,“ rief er hinab, und seine Stimme zitterte mehr aus Schmerz denn aus Furcht, „Leute, ich bin unter Euch, mit Euch alt geworden, ich kenne Euch besser als Ihr Euch selbst. Ihr seid zu vernünftig, um etwas zu tun, das Euch unfehlbar der strafenden Obrigkeit überlieferte — und zu gut, um ein Verbrechen an Menschen zu begehen, die Euch nichts zu Leide getan! Ihr glaubt es selbst nicht, daß ich ein Religionsverächter bin. Habe ich Eure Kinder nicht zu gottesfürchtigen und brauchbaren Menschen erzogen, habe ich Euch nicht treu beigestanden in jeder Not? Das kleine Haus, das Ihr in blinder Wut zerstören wollt, gewährte Manchem von Euch ein freundliches Obdach, ist Euren Kindern eine geheiligte Stätte, und Ihr könntet Hand daran legen? Geht auf den Friedhof und seht, ob ein Grab Eurer Lieben da ist, das nicht die Blumen meines stillen Gärtchens zieren, und Ihr könntet es unter der Asche meines Hauses begraben? Nein — macht Euch nicht schlechter, als Ihr seid.“ Er ließ Ernestinen sanft auf die Stufen niedergleiten und trat vor sie hin. „Ihr kennt Euren alten Lehrer als mitleidig gegen jede Kreatur Gottes und Ihr wollt ihn verdammen, weil er sich dieses unglücklichen Fräuleins erbarmte, das Alle hassen, mit dem Keiner Erbarmen hat. Ihr haltet mich für einen Gottlosen, weil ich hoffte, dies verirrte und doch so edle Wesen werde seinen Gott auch wiederfinden, und weil ich ihr helfen wollte, ihn zu suchen? — Ja, hebt nur Eure Steine auf, — seht, ich ziehe das Käppchen ab und biete Euch meinen weißen Scheitel dar — wessen Hand hat wohl die Kraft, danach zu zielen?“
Der alte Mann stand mit entblößtem Haupte und hielt das Mützchen in den gefalteten Händen. Der Abendwind spielte in den silbernen Locken und leise fielen die aufgerafften Steine wieder zur Erde.
Da zog Johannes sanft seinen Arm herab und zwei Lippen hauchten heimlich einen Kuß auf seine welke Hand. Es war Ernestine. Johannes sah es und seine Augen wurden feucht. Sie konnte fühlen — sie konnte dankbar sein! Er wechselte einen frohen Blick mit dem Greis, dem dieser schöne Dank geworden.
„’S ist ein alter, schwacher Mann,“ murrten die Leute, „man muß ihn laufen lassen. Er meint’s gut — laßt ihn nur!“
„Ich gehe und hole die Geistlichen,“ sagte Leonhardt leise zu Johannes und stieg die Treppe hinab. Ruhig schritt er mitten unter den Knäuel hinein, der ihn durchließ, aber sich schnell hinter ihm wieder zusammenballte.
„Kommen Sie,“ sagte Johannes und hob Ernestine wieder zu sich empor. „Wir wollen versuchen, der peinlichen Szene mit Gewalt ein Ende zu machen.“ Er trug sie mehr, als er sie führte, die Stufen hinab. „Platz da!“ befahl er mit gebieterischer Stimme.
Die Vordersten wichen auseinander. Da erschien Frau Keller wieder unter der Tür. Sie hielt den Weihwasserkessel, der über ihrem Bette gehangen, in der Hand und besprengte die Stelle, wo Ernestine gestanden, mit dem Wasser. Ein tobender Beifall belohnte die fromme Handlung der Frau. Ernestine, die sich umgewendet, erbleichte. Schwere Tränen zitterten ihr im Auge, ein Schwindel ergriff sie, und Johannes mußte sie halten, sonst wäre sie zusammengebrochen.
„Mut, Mut,“ flüsterte er ihr zu, „wie kann Sie um dieser Albernheit willen Ihre Fassung verlassen.“
„Seht Ihr? Sie erträgt das Weihwasser nicht, — Steinwürfe hat sie ausgehalten, aber ein paar Wassertropfen werfen sie um.“ So schrieen Weiber und Männer durcheinander und aufs Neue entbrannte die Wut.
„Ist es denn möglich,“ rief Johannes, alle Vorsicht hintansetzend: „Ist es denn möglich, daß im neunzehnten Jahrhundert, inmitten aller Zivilisation, noch so viel Dummheit auf einem Fleck Erde beisammen ist! Glaubt Ihr denn wirklich, daß, wenn das Fräulein hexen könnte oder mit dem Teufel im Bunde wäre, — sie sich hier von euch mißhandeln ließe, daß sie sich nicht schon längst von hier weg oder Euch etwas an den Hals gewünscht hätte? Glaubt Ihr wirklich, sie höre Euer albernes Geschwätz zu ihrem Vergnügen mit an oder fühle sich angenehm durch Eure Steinwürfe berührt? Die schmerzliche Geduld, mit der sie so unerhörte Beschimpfungen erträgt, kann Euch beweisen, daß ihr keine übernatürliche Kraft zu Gebote steht — ja nicht einmal die einer rohen Seele wie die jener andern Dame, über die Ihr mit Recht entrüstet wäret. — Ich aber sage Euch, daß meine Kraft ungebrochen, meine Geduld aber gerissen ist, und daß meine Macht, wenn sie auch keine übernatürliche ist, doch so weit reicht, um Exzesse, wie der Eure, zu unterdrücken und Euch eine Anzahl böser Geister in Gestalt einer Abteilung von Gendarmen herbeizuzaubern. — Deshalb gebt Ruhe und laßt uns unbehelligt unseres Weges gehen; mit jedem Augenblick der Zögerung wächst die Schwere der Anklage, die ich vor Gericht gegen Euch erheben werde.“
Damit schlang er einen Arm um Ernestine und mit dem andern schaffte er sich Raum, um sie durch die Menge zu führen, welche über die letzte Anrede betroffen, wenn auch murrend zu beiden Seiten auseinander wich.
Jetzt eilten auch die Geistlichen, von dem Schulmeister gefolgt, mit allen Zeichen der Bestürzung herbei.
„Sie kommen zu spät, meine Herren, um zu verhüten, was Ihrer Gemeinde ein unverlöschliches Schandmal aufdrückte,“ sprach Johannes mit ungewohnter Strenge, und sein Blick ruhte durchdringend auf den bestürzten Gesichtern. „Ich habe dergleichen in unserer Zeit für unmöglich gehalten, — Sie, meine Herren, haben dafür gesorgt, mich eines Besseren zu belehren und unsere Kulturgeschichte um einen unerhörten Abschnitt zu bereichern. Ich bin völlig im Klaren darüber, aus welcher Quelle die Flut der Schmähungen floß, die jene verführten Leute über Fräulein von Hartwich ergossen und, meine Herren, ich mache Sie verantwortlich für die Herstellung der Ordnung und für die Sicherheit dieser Dame.“ Er zog Ernestinens Arm fester in den seinen und schritt weiter, ohne eine Antwort der Geistlichen abzuwarten, welche sprachlos vor Schreck und Verlegenheit dastanden und dem großen Mann wider Willen mit einer Art von Ehrfurcht nachblickten. —
Schweigend erreichte das schöne Paar das Schloß und trat in den Garten. Ernestine ließ sich willenlos durch die buschigen Gänge desselben führen. Unwillkürlich lenkte Johannes den Schritt nach dem Hügel, wo er sie zum ersten Male wiedergesehen. Er hatte bereits den Entschluß gefaßt, Ernestine nicht hier zu lassen, er wußte sie nur sicher unter seinem Schutz und wollte sie noch diesen Abend zu seiner Mutter bringen. Würde er sie wohl dazu überreden können? Das war die Frage, die ihn in atemlose Spannung versetzte.
Ernestine war keines Wortes für ihre Empfindungen fähig. Sie vermochte kein Auge zu ihrem Beschützer zu erheben — Scham, tiefe glühende Scham lag über ihrer Seele — sie hatte sich so recht als Weib und ihn als Mann erkannt — sie bewunderte ihn, schämte sich ihrer selbst. — Welch ein Gefühl war das? — Ja, es war dieselbe Zerknirschung, die sie einst empfunden — unter jener Eiche, da sie wie heute verfolgt von Spott und Haß mit dem Jüngling zusammentraf, dem edlen Jüngling, der ihr das prophetische Buch geschenkt. Aber wann sollte die Weissagung des Märchens in Erfüllung gehen? Wann sollte sie aufhören, verlacht, verachtet, mißhandelt zu werden? Wann sollte er endlich das Gefieder auf ruhiger klarer Welle in sonnigem Frieden entfalten — der einsame, verfolgte, todesmatte Schwan? Und sie schlug auf einmal von Schmerz überwältigt die Hände vor das Gesicht und brach in Tränen aus. Sie sank auf den Hügel nieder und schluchzte wie ein Kind. Johannes stand schweigend vor ihr. Derselbe Gedanke, dieselbe Erinnerung war es ja, die seine Brust erfüllte, und wie eine Antwort auf ihr stummes Selbstgespräch entglitten seinen Lippen mit schmelzend weicher Innigkeit die Worte: „Armer Schwan!“ Da zog Ernestine die Hände vom Gesicht und starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an; sie sprang auf, eine dunkle Röte ergoß sich über ihr bleiches Antlitz, ihren ganzen Körper überflog ein Zittern, — sie schaute ihn an und je länger sie schaute, desto mächtiger ward ihre Bewegung. „Das — das kann nur ein Mensch auf Erden wissen,“ stammelte sie.
„Was?“ fragte Johannes mit klopfendem Herzen.
„Das — was ich jetzt dachte — das mit dem Schwan!“ brachte sie mühsam hervor, denn die Stimme versagte ihr.
Johannes, der etwas tiefer stand als Ernestine, blickte erwartungsvoll zu ihr auf. „Und wer ist dieser Eine?“ fragte er leise.
Ernestine konnte nicht mehr antworten, von nie gekannten Schauern durchbebt harrte sie des Wunders, das dieser Augenblick über sie bringen sollte.
„Ernestine, können Sie sich des Jünglings noch entsinnen, der Sie als ein wildes, scheues Kind einst aus Lebensgefahr errettete?“
Sie neigte das Haupt: „Ja!“
„Ernestine, haben Sie seiner wohl jemals, wenn auch nur einen Augenblick, in Ihrem kindlichen Herzen mit Liebe gedacht?“
Sie schlug die Augen zu dem dämmernden Abendhimmel auf und schwieg eine Weile, dann aber hauchte sie wieder ein kaum hörbares: „Ja.“
Eine weiße, leichte Wolke schwebte über ihrem Haupte hin — war es die Seejungfrau, die für den Geliebten gestorben und in Schaum zerflossen von den Töchtern der Luft emporgetragen ward zur ewigen Freude? 62 Kehrte er wieder, jener fast vergessene schöne Liebestraum ihrer Kindheit, der einzige, den sie je geträumt?
Und sie sah der dahin eilenden Wolke nach, wie sie licht und lichter ward, bis sie sich allmählich im Äther auflöste und mild strahlend der Abendstern aufging, wo sie verschwand.
„Ernestine erkennst Du mich?“ rief Johannes. „Sieh, Gott hat mich Dir zum zweiten Mal zur Seite gestellt, um Dich zu schützen in einer selbstbereiteten Gefahr, und wie damals, als ich Dich vom brechenden Zweige herabholte, so breite ich Dir jetzt meine Arme entgegen und rufe Dir zu: Hier hinein flüchte, hier bist Du sicher! O kleine Oryade,63 Du bist dieselbe geblieben, wie groß und schön Du auch geworden! Es sind noch die rätselhaften dunkeln Augen, es ist noch derselbe eigenartige einsame Geist, der in dem zarten Leibe gefangen um seine titanische Abstammung klagt.64 Damals wußte ich schon, daß es nur ein solches Geschöpf auf Erden gäbe, und ich hätte Dich wieder erkannt unter Tausenden, wie ich Dich erkannte, da Du allein hier auf dem Hügel standest. O wunderbares märchenhaftes Wesen, zerfließest Du nicht vor der irdischen Berührung in Duft, so komme an dies Herz, — darf sich der Staubgeborene Dir mit irdischer Neigung nahen, so nimm mich auf als Deinen Freund und lerne endlich einen Menschen lieben! Ja, Du hoher, ätherreiner Genius, dem die Erden noch immer nicht zur Heimat wurde — ich bin nur ein Mensch — aber ich darf es wohl sagen — ein ehrlicher, treuer, liebender Mensch. Willst Du es nicht einmal mit einem solchen versuchen?“
Ernestine stand unbeweglich, sie hatte die gefalteten Hände an ihre Stirn gedrückt, wie wir es wohl tun, wenn etwas Unbegreifliches, Unfaßliches auf uns eindringt.
„Du schweigst — Du hast kein Wort für mich? Ernestine, sieh mich an, erkennst Du ihn denn nicht mehr, um dessen Hals Du einmal so willig Deine zitternden Arme schlangst?“
Da streckte sie endlich dem glühenden Sprecher mit einem Ausdruck grenzenloser Freude wie grüßend die Hände entgegen. „Johannes,“ rief sie, und Träne um Träne perlte auf ihre jungfräuliche Brust nieder. „Johannes Möllner — o, Freund meiner Kindheit, ich erkenne Dich wieder!“
Jubelnd eilte er den Hügel hinan. Er breitete seine Arme aus, um sie an seine Brust zu ziehen, doch da trat sie bestürzt einen Schritt vor ihm zurück, und eine so tiefe Scham, eine fast kindliche Angst malte sich auf ihrem errötenden Anlitz, daß Johannes, sich bescheidend, nur ihre zarten Hände an seine Lippen drückte. Sie war ihm heilig, diese mädchenhafte Scheu, über Alles heilig und köstlich! —

Drittes Kapitel.
Nirgend daheim.
Bei der Staatsrätin war denselben Abend großer Professoren-Kranz. Das hatte Johannes ganz und gar vergessen. Als die Zeit des Mittagessens, Nachmittag und Abend verstrichen waren, ohne daß er erschien, geriet die Staatsrätin wirklich in Angst, abgesehen von der Verlegenheit, ihren Gästen gegenüber keine Entschuldigung für das Ausbleiben des Wirtes zu haben. — Sie schritt bekümmert in ihrem Garten hinter dem Hause auf und nieder und harrte der Eingeladenen, welche den Rest des schönen Abends im Freien zubringen sollten.
Da kam Angelika in fliegender Eile gerannt. „Mutter, Mutter — jetzt weiß ich, wo Johannes heute den ganzen Tag war,“ rief sie der Staatsrätin entgegen, indem sie den Hut von ihrem erhitzten Köpfchen riß und auf einen Gartenstuhl warf. „Soeben kommt Moritz von Hochstetten zurück, wohin er heute Nachmittag berufen wurde — der erzählt schöne Geschichten — das ganze Dorf fand er in Aufruhr, — das Benehmen der Hartwich hat eine förmliche Revolution hervorgerufen — es kam zu einem Krawall und Johannes — unser Johannes erklärte sich öffentlich zu ihrem Ritter!“
Die Staatsrätin schlug die Hände zusammen und starrte Angelika ungläubig an. „Ist das wahr?“
„O, es ist noch mehr wahr,“ fuhr Angelika empört fort. „Moritz hat Johannes gar nicht zu sehen bekommen, denn er war und blieb — sei ruhig, Mutter, ärgere Dich nicht zu sehr — bei der Hartwich auf dem Schlosse!“
„Großer Gott,“ rief die alte Frau und setzte sich auf eine Bank, „so weit ist es schon?“ Eine lange Pause entstand. Endlich faltete die bekümmerte Mutter die Hände im Schoß und sprach leise vor sich hin. „Mein Sohn, mein Sohn, wohin bist Du geraten?“
Angelika schwieg und wandte sich ab. Derselbe Abendstern, der auf Ernestinen und Johannes so freundlich geblickt, brach seine Strahlen in den Tränen, mit denen die Schwester zu ihm aufsah.
„Angelika,“ klagte die Staatsrätin, „Du hättest mir das nicht so ohne Vorbereitung sagen sollen. Du kannst Dich noch immer nicht daran gewöhnen, daß ich alt werde und durch mannigfache Schicksalsschläge gebeugt nicht mehr die Spannkraft von früher besitze. Wie viel habe ich seit dem Bankrott Deines Onkels Neuenstein durchgemacht! Von Unkenheim her kam uns alles Unheil: der unglückliche Gedanke des Onkels, Hartwichs Fabrik zu kaufen, der Verlust von drei Vierteln unseres Vermögens in dem Geschäft und die daraus entspringende Notwendigkeit, daß Johannes um des armseligen Broterwerbs willen den Ruf hierher annehmen und wir die Heimat verlassen mußten. Alles, alles das wäre nicht geschehen, wenn wir das unselige Unkenheim gemieden hätten — und diese Hartwich, sie kommt auch von dort! — Du wirst sehen, auch sie bringt uns noch schweren Kummer. O mein Gott, soll man denn nie mehr frei aufatmen? Warum muß dieses unheimliche Wesen unsern so teuer erkauften Seelenfrieden stören?“
„Mütterchen,“ bat Angelika und kniete bei der Staatsrätin nieder, „Mütterchen, weine jetzt nicht, wo wir Gäste erwarten. Fasse Dich — es wird ja wohl nicht so weit mit ihnen gekommen sein, wie Du fürchtest. Bitte, sei wieder meine starke, umsichtige Mutter, die nie größer war als im Unglück! Ich — vertraue auf Gott — und unsern Johannes —“
Sie vollendete nicht und sprang auf, denn bereits erschienen Fremde unter der Gartentür. Schnell hatte die an Selbstbeherrschung gewöhnte Frau ihre Haltung wiedergewonnen und sie empfing die Gäste mit ihrer gewohnten vornehmen Freundlichkeit.
„Wo ist Ihr Sohn?“
„Ihr Herr Sohn ist nicht zu Hause?“
So wurde wohl zwanzigmal gefragt, und mit unerschöpflicher Geduld antwortete sie immer dasselbe: „Er mußte einen unaufschiebbaren Ausflug machen, wird aber, hoffe ich, bald zurück sein.“
Jetzt kam auch der alte Heim und hörte die entsetzliche Geschichte, die ihm Angelika ins Ohr flüsterte, schmunzelnd an.
„Der Teufelskerl, der Johannes,“ sagte er mit gutmütigem Humor, „also bei ihr — bei ihr auf dem Schlosse ist er? Sieh, sieh einmal an, das geht ja rasch!“
„Onkel,“ rief Angelika, „ist das Deine ganze Teilnahme in einem so bedenklichen Falle?“
„I sieh ’mal, liebes Kind, ich finde eben die Geschichte nicht so bedenklich wie Ihr. Der Johannes ist denn doch ein Mann und weiß, was er will. Ihr tut ja, als wäre er ein grüner Junge, dem man die Amme noch nachschicken müßte. Wenn ihm das geniale Mädel gefällt, so hat er einen guten Geschmack. Macht, was Ihr wollt, da kriegt Ihr mich nicht zum Verbündeten und wenn Du mich noch so flehentlich mit Deinen Vergißmeinnicht-Äugelchen anschaust.“ Und der alte Herr setzte sich mit behaglichem Aplomb auf Angelikas Strohhütchen, das sie vergessen hatte vom Stuhle zu nehmen. „Alle Hagel, was habt Ihr mir denn da für ein Sitzkissen unterbreitet,“ schrie er und brachte unter allgemeinem Jubel eine platt gedrückte Masse von Stroh und Veilchen zum Vorschein, der man es nicht mehr ansah, daß sie je ein Hut war.
„Ja so geht’s, wenn man das Zeug so herumliegen läßt. Hätt’ ich’s doch nicht gedacht, daß ich in meinem Leben so versessen auf Strohhüte würde! Na, mein Kindchen, sei froh, daß Du wenigstens unter der Haube bist, da kann man sich über einen Hut schon trösten, ‚s ist nun heute einmal ein Unglückstag!“
Die Gesellschaft versammelte sich jetzt rasch. Die Damen setzten sich um den großen runden Tisch zum Tee, die Herren standen in Gruppen umher, es war an solchen Abenden erlaubt zu rauchen, und sie bliesen blaue Wolken in die reine Abendluft und tranken Bier.
Der Mond begann, falbe Strahlen durch die rötliche Dämmerung herabzusenden, die Nachfalter flatterten hin und her, und dann und wann kam wie eine Baßsaite surrend ein dicker Käfer geflogen und prallte an die Köpfe der erschrockenen Frauen an. Von Busch zu Busch strichen müde Vögel hin, ihr Nachtquartier zu suchen, und erregten durch ihren schweren niedern Flug die Besorgnis der jungen Mädchen, es könnten Fledermäuse sein.
Da zirpte eine dünne Stimme von Außen das Rückert’sche Lied:
Einen Haushalt klein und fein
Hab’ ich angestellt.
Der soll mein Gast sein,
Der mir wohl gefällt, —
und Elsa tauchte von ihrem Bruder geführt an der Pforte auf. Die Staatsrätin erhob sich.
„Ach meine teuerste, mütterliche Freundin,“ rief ihr Elsa schon von weitem zu und schwebte ihr entgegen: „Nicht wahr, ich komme spät? Hätten mich meine Gedanken hierher tragen können — ich wäre längst da — aber denken Sie nur, an unserer Droschke brach ein Rad und wir mußten zu Fuße hierhergehen.“
„O, das bedaure ich recht sehr,“ — sagte die Staatsrätin artig — „da sind Sie gewiß recht erschrocken!“
„Ja — es war ein höchst unangenehmes Intermezzo, welches uns die Vorfreude dieses schönen Abends störte,“ erwiderte Herbert verbindlich.
„O, mir hat es die Laune keinen Augenblick verdorben,“ lachte Elsa in reizendem Übermut und zwitscherte den Schlußvers des „kleinen Haushalts“:
Und wenn sie uns werfen vom Wagen herab,
So finden wir unter Blumen ein Grab! —
 „Das Einzige, was ich bedauerte, war die Verzögerung meiner Ankunft bei Ihnen und ich lief mich ganz außer Atem.“
„Nun, das muß doch nicht gar zu schlimm gewesen sein!“ meinte die Staatsrätin lächelnd. „Sie trällerten ja so munter durch die Bergstraße her!“
„Wirklich, hörten Sie mich?“ fragte Elsa verschämt, „nun sehen Sie, meine Stimme war glücklicher als ich — sie hat Sie früher erreicht! Nun soll aber auch gleich der Kuß dem Gruße folgen!“ Sie sprang an der großen Frau empor und drückte einen feuchten Kuß auf ihre Backe, den die also Heimgesuchte aus Höflichkeit nicht einmal abwischen durfte, sondern geduldig an der Luft trockenen lassen mußte.
„Wie geht es denn Ihrer Frau Gemahlin?“ fragte die Staatsrätin Herbert.
„Ach ich danke sehr — es ist immer gleich mit ihr. Dies ewige Leiden mitanzusehen, ohne helfen zu können, wird mich noch aufreiben.“
Die Staatsrätin betrachtete mitleidig die eingesunkenen Wangen Herberts: „Die arme Frau! Aber auch Sie sind beklagenswert!“
„Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, sie trägt sehr dazu bei, mir die schweren Pflichten ihrer Pflege zu erleichtern.“
Elsa hörte dies ernste Gespräch nicht mit an. Unstet, wie sie war, lief sie auf die Gesellschaft zu, und die Staatsrätin folgte mit Herbert.
„Eine Fledermaus, eine Fledermaus,“ schrie einer der jungen Herrn, als sie herankam, und zeigte nach einem vorüberschwirrenden Vogel.
„Sie sind boshaft, Kollege,“ raunte ein Anderer ihm zu.
„Nein, seht nur,“ flüsterte ein Dritter. „Herbert kommt richtig wieder im Fracke! Ist das nun kollegialisch gehandelt, wenn er weiß, wir haben Alle das Übereinkommen getroffen, zum Kränzchen nur im Rocke zu erscheinen, daß er den Frack anzieht?“
„Das ist so seine Art, davon bringt ihn Niemand ab. Wer wird auch bei Herbert noch Kollegialität erwarten!“ sagte Taun.
„Der Narr,“ bemerkte Meibert. „Ich hätte mich gar nicht zu dem Kränzchen pressen lassen, wenn der Rock nicht ausdrücklich bedungen und erlaubt worden wäre.“
„Ich auch nicht, ich auch nicht,“ riefen fast alle Anwesenden auf einmal und dehnten sich behaglich in dem köstlichen Kleidungsstück. Elsa nickte und grüßte indessen nach rechts und links. Sie war so glücklich in dem Bewußtsein, Jedem durch ihr Erscheinen ein inniges Vergnügen zu bereiten. Sie hatte Alle so lieb und Alle hatten sie so lieb. Ach, die Erde war ja für sie ein Paradies voll Glaube, Liebe, Hoffnung, das sie sich und Andern zur Freude durchschwebte als ein lächelnder, freundlicher Genius. Sie war ein wenig erschrocken, Möllner nicht zu finden, und ihre Laune erhielt jetzt einen schlimmeren Stoß als vorhin, wo sie fast unter Blumen ein Grab gefunden hätte. Doch sie tröstete sich, — er komme noch — gewiß, er blieb nicht aus, wo Elsa war. Und sie beschloß, die Gesellschaft nicht entgelten zu lassen, was diese nicht verschuldet, und sich dem Gespräche nicht zu entziehen. Es lag etwas rührend Gutmütiges in ihrer Eitelkeit. Sie wollte die Vorzüge, deren sie sich vor Anderen bewußt war, ja nur zu deren Besten geltend machen. Sie freute sich ihrer eingebildeten Unterhaltungsgabe ja nur, weil sie ihren teuern Freunden damit die geselligen Stunden verschönern konnte. Wie hätte sie je gedacht, daß man sie verlache und verhöhne! Sie sah wohl, daß sie Heiterkeit verbreitete, wo sie erschien, aber was war diese Anderes, als die Freude, sie zu sehen? Ihr Vertrauen auf die Achtung und Liebe ihrer Mitmenschen war unerschütterlich, denn es wurzelte in dem unentreißbaren Vertrauen auf den eigenen Wert. Wer sollte ein so gutes, reichbegabtes Wesen, das sich seiner Talente noch dazu so wenig überhob, so bescheiden und herzlich gegen Jedermann war, nicht lieben? Hierfür wäre ja nicht der entfernteste Grund gewesen. Dies Bewußtsein gab ihr jenes zuversichtliche Auftreten in der Gesellschaft, das sie sicher und unberührt durch alle Dornen und Klippen des Spottes, der Mißachtung hinschreiten ließ im ungestörten Frieden der Selbstgenügsamkeit. — Wohl ihr, sie genoß den Segen der Mittelmäßigkeit, ohne den Fluch zu empfinden, der ihr Andern gegenüber anhaftet!
Sie war heute ganz idyllisch, — denn Elsa in der Natur war eine andere — wenn auch nicht minder liebliche Gestalt als Elsa im Atelier! Sie hatte ihren großen Strohhut, dessen Scheibe unaufhörlich auf- und niederschwankte, wenn sie so einherhüpfte, mit grünen Ranken bekränzt und ein Sträußchen von Feldblumen stak an ihrer Brust. Sie liebte die Feldblumen viel mehr als die Gartenblumen. Alle Welt preist die Gartenblumen, sie wollte sich der armen Unbeachteten erbarmen, und sie entschädigen durch ihre Liebe. Ihr zarter Sinn fand auch im Unscheinbaren das Schöne heraus, bedurfte nicht des Farbenreizes und der Formenpracht, um die Weisheit des Schöpfers zu erkennen. Jedes Gänseblümchen, jedes Gräschen würdigte sie sinniger Beachtung; war es doch so wunderbarlich von Gott gemacht, entsprach doch die Bescheidenheit, mit der es sich dem oberflächlichen Blicke entzog, so ganz ihrem eigenen anspruchslosen Wesen — und endlich war es ja der Vorzug poetischer Naturen, an Dingen etwas zu sehen, an denen kein anderer Mensch etwas sah. Da traf es sie tief in ihr zartes Herz hinein, als der Professor der Botanik sie fragte: „Aber Fräulein Elsa, weshalb haben Sie sich denn in ein Haus, wo so trefflich soupiert wird, ein Bündchen Heu mitgenommen?“
„O, Sie böser Mensch,“ schmollte sie. „Sie werden mir mit Ihren Neckereien meine lieben Schützlinge doch nicht entleiden.“
„Sind denn die Heublumen Ihre Schützlinge?“ fragte der unerbittliche Professor. „Da bekommen Sie aber viel zu tun, wenn die Herden auf die Weide getrieben werden.“
Alles lachte, auch Elsa lachte mit, sie verstand ja Scherz!
„Ei nun,“ erwiderte sie, „dem Stärkeren zum Opfer fallen, das ist ein Geschick, wovor Flora selbst ihre Kinder nicht beschützen kann. Gott sei dank, sie wachsen immer wieder! Ich will sie auch gar nicht vor den Tieren behüten, denen sie zur Nahrung dienen. O, es ist ein schönes Los, das Leben Anderer zu fristen durch den eigenen Tod — ich will sie nur gegen die Geringschätzung der Menschen verteidigen. Sich des Verkannten anzunehmen, ist es nicht eine heilige Pflicht? Wer sich aber nicht gewöhnt, sie im Kleinsten gewissenhaft zu üben, der tut es auch nicht im Großen. Deshalb lassen Sie mich nur meine armen verdursteten Blümchen ins Wasser stellen, damit sie die Köpfchen wieder erheben.“
Man reichte ihr ein Glas Wasser, und der Botaniker wollte ein Stück Zucker hineinwerfen, Zuckerwasser sei erfrischender, meinte er.
„Gehen Sie, gehen Sie — häßlicher Mensch,“ schalt Elsa und ordnete das Bouquet. „Sehen Sie doch. Ist das nicht schön?“
„Gutes Fräulein,“ rief der Professor, „fordern Sie nur von mir nicht, daß ich mich für die Schönheit einer Blume begeistere. Das ästhetische Wohlbehagen, das die Menschen beim Anblick einer Blume empfinden, ist mir längst verloren gegangen. Für mich ist das schönste Gewächs dasjenige, welches meinen Untersuchungen die meisten Resultate gewährt.“
„Welch nüchterner Standpunkt,“ rief Elsa. „Meine Damen, sagen sie selbst, gibt es etwas Unnatürlicheres, als einen Botaniker, der die Blumen nicht liebt? Ist es nicht so verkehrt, wie ein Musiker, der sich nichts aus der Musik macht? Ist es nicht ein Verrat an der scientia amabilis?“ 65
„Das sagen Sie nur,“ erwiderte der Gelehrte ärgerlich, „weil Sie keinen Begriff von dem haben, was man heutzutage <<die liebenswürdige Wissenschaft>> nennt. Ich versichere Sie, die moderne Botanik hat, wie de Bary sagt, nicht mehr Rechte auf dieses Prädikat, als jede andere Wissenschaft.66 Sie ist nicht nur die Kenntnis von ein paar tausend Blumennamen und den mannigfachen Bedingungen ihres Gedeihens, sie ist die Erforschung ihres Lebensprozesses, also Pflanzenphysiologie. Die Blume ist uns nicht mehr Zweck sondern nur Mittel zum Zweck, und dieser Zweck ist derselbe, den Physik, Physiologie und jede exakte Wissenschaft anstrebt: es ist die Erkenntnis des Ganzen durch die Kenntnis der Teile. Sei der Teil nun Pflanze, Mensch oder Tier — wir suchen in jedem nach demselben Gesetz und es ist daher ebenso gleichgültig für sein Fach, ob der Pflanzenphysiologe die Blumen liebt, als es gleichgültig ist, ob der Physiologe die Menschen liebt.“
Elsa war bei diesen Worten hold errötet. „Möllner liebt die Menschen — das weiß ich!“ flüsterte sie.
„Desto besser, wenn er es tut,“ sagte der Professor lächelnd. „Das ist ein Privatvergnügen, das wir ihm sicher nicht stören wollen. Innerhalb unseres Berufes jedoch ist ihm der Mensch nicht mehr als eine Pflanze — mir die Pflanze nicht weniger als ein Mensch; beide sind uns das für unsere Forschungen unentbehrliche Objekt.“
„Das glaube ich nicht von Möllner,“ hauchte Elsa vor sich hin.
Der Botaniker zuckte mitleidig die Achseln und ließ sie stehen. Als er sich wieder zu seinen Kollegen wandte, schalten ihn diese weidlich aus: „Man sieht, daß Sie erst kurze hier sind, sonst würden Sie sich nicht bemühen, der Elsa Herbert Vernunft zu predigen,“ hieß es. „Wer wird überhaupt den Weibern so etwas begreiflich machen wollen?“ Und es erhob sich ein schallendes Gelächter, von dem sich nur der ernste, junge Hilsborn ausschloß, dem diese Spöttereien zuwider waren. Wenn er auch selbst einen unüberwindlichen Widerwillen gegen Elsa hatte, so war er doch zu schonend, um ihm Worte zu leihen.
„Ei nun, man tut es sich ja selbst zu Liebe, wenn man die Dummheit ein wenig aufzuklären sucht,“ verteidigte sich der Botaniker gegen die Angreifer. „Man kann doch solchen Unsinn nicht schweigend mit anhören!“
„Also, Fräulein Elschen, Sie finden, es ist ein schönes Los, von den Kühen gefressen zu werden?“ rief ein junger Privatdozent, der die Studentenschuhe kaum vertreten hatte, herüber.
Elsa war glücklich, so viel hatten sich die Herren lange nicht mit ihr beschäftigt. Sie hatte durch ihre geistvollen Einfälle wieder äußerst anregend und belebend gewirkt. Sie war heute in einer trefflichen Stimmung. Wie schade, daß Möllner nicht da war, ihren Triumph zu sehen.
„Ja,“ sagte sie heiter, „was vergänglich ist wie eine Blume, kann nicht schöner sterben — als—“
„In dem Magen einer Kuh,“ lachte der Skeptiker gerade heraus. „Schade, daß Fechner diese poetische Auffassung nicht kannte, bevor er seine Nanna schrieb, er hätte sicher Nutzen daraus gezogen!“ 67
„O, auf diese Weise kann Alles travestieren,“ meinte Elsa.
„Ärgert mir die gute Elsa nicht,“ unterbrach Angelika das Gespräch und legte den weichen, schwellenden Arm um ihre spitzen Schultern. „Schenke mir Deinen Strauß, liebe Elsa,“ bat sie.
„Da, stell ihn auf Deines Bruders Schreibtisch,“ flüsterte ihr diese in das Ohr.
Angelika streifte sie mit einem mitleidigen Blick. „Ich will es tun, Elsa, aber Du weißt, er macht sich nicht viel aus gepflückten Blumen.“
„Ach, vielleicht gibt es ihnen Wert, daß eine so treue Freundeshand wie die Meine sie gebrochen.“
Ganz erschrocken nahm Angelika das Bouquet und sagte zögernd: „Wenn er nur nicht böse wird, — er mag gar nichts auf dem Tische leiden, doch ich — ich will es versuchen.“
Rasch wie immer kam Moritz durch den Garten gerannt. Angelika stand noch über Elsa gebeugt, da fühlte sie einen brennenden Kuß in ihrem Nacken, und die blitzenden schwarzen Augen ihres Mannes sahen ihr ins Gesicht.
„Moritz,“ sagte sie mit Entzücken und lehnte ihre Wange an die seine, „bist Du endlich da?“
„Ja, süß Weib, — ich mußte noch einen Krankenbesuch machen — aber jetzt gehe ich Dir nicht mehr von der Seite bis morgen früh um acht. Zwölf ganze Stunden! Ist das recht?“
„Ob es recht ist!“ wiederholte Angelika und die arme Elsa, die diese Herzensergüsse mitanhören mußte, denn das Paar stand dicht hinter ihr, fühlte sich heimlich durchbebt von der Ahnung solchen Liebesglückes.
„Na,“ sagte der alte Heim und zupfte Moritz am Rocke, — „von Euren Liebkosungen werden wir nicht satt, die können uns höchstens den Appetit verderben. Deine Mama bittet Dich, den Wirt beim Abendbrot zu machen.“
„Komm, Angelika,“ sagte Moritz und legte Angelikas Arm in den seinen, — er führte nie eine andere Dame zu Tisch als seine Frau.
Nun nahte ein schwerer Moment für Elsa, denn sie hatte das ihr unerklärliche Schicksal, stets sitzen zu bleiben, wenn getanzt wurde und wenn man zu Tische ging. Heute war sie gewiß wieder gezwungen, sich als Nachtrab an irgend eine Leidensgefährtin zu hängen oder, wenn das Glück wollte, von einem der letzten Herrn, der schon eine Dame hatte, aus Mitleid an den linken Arm genommen zu werden. Ach, ihr <<Ritter>>, ihr Lohengrin war ja nicht da, — er, der sie einst von dem letzten, dem furchtbarsten Sitzenbleiben, dem für immer — erretten sollte! Wo war er — wo blieb er? Und in ihrer Herzensangst wandte sie sich an einen der Herren, welche sich jetzt dem Kreis der Damen näherten, um ihnen nach frischem Tabak duftende Galanterien in Nase und Ohr zu hauchen.
„Ach, wissen Sie denn nicht, wo Professor Möllner ist?“
Der Herr war ein junger Assistent, den Moritz mit auf das Dorf genommen hatte. Der Letztere erreichte ihn noch rechtzeitig, um ihn zuzuflüstern, „Sagen Sie’s es nicht!“
Der Angeredete machte ein verlegenes Gesicht, als Herbert noch herzutrat und boshaft sagte: „Sie waren ja heute in Hochstetten, wo Professor Möllner, wie immer, den barmherzigen Samariter machte? Ich hörte, wie Sie es Ihrem Kollegen Hilsborn erzählten. Bitte, geben Sie uns die interessante Geschichte doch auch zum Besten!“
Er legte seine Hand wie zufällig auf die Schulter seiner Schwester, aber der scharfe Druck seiner spitzen Finger zeigte ihr, daß es weder aus Zärtlichkeit noch zufällig geschah.
„Man ist von Möllner gewöhnt, daß er Niemanden ungestraft beleidigen läßt,“ sprach Hilsborn. „Ich denke, das sollten Sie, Herr Kollege Herbert, am Besten wissen.“ 
„Ich habe allerdings schon einmal Gelegenheit gehabt, mich von dem Interesse, welches Möllner an Fräulein von Hartwich nimmt, zu überzeugen, wenn es auch nicht so gefährlich war, einen irrenden Kollegen als einen empörten Volkshaufen zurechtzuweisen.“
„Was, was ist das?“ erscholl es von Mund zu Mund, und die Gesellschaft drängte sich auf einen Knäuel zusammen.
Da sagte Moritz laut und streng zu Herbert: „Sie werden mir erlauben, den Dolmetscher für die Handlungsweise meines Schwagers selbst zu machen — Kollege — da ich doch füglich seine Motive besser kennen muß als ein Fremder! Die Hartwich ist allerdings von dem Hochstetten Pöbel insultiert worden, und mein Schwager hat sie vor Steinwürfen geschützt.“
„Ah,“ meinte Herbert, als begriffe er jetzt erst, „zu diesem edeln Zwecke begab sich Ihr Schwager wohl nach dem zwei Meilen entfernten Dorfe?“
„Meinen Schwager über seine Zwecke zur Rechenschaft zu ziehen, dazu hatte ich bisher nicht den Mut — dergleichen gewagte Unternehmungen überlasse ich Ihnen,“ erwiderte Moritz und heftete seinen Adlerblick herausfordernd auf Herbert.
„Was muß aber da geschehen sein?“
„Was hat diese Hartwich angefangen? — Umsonst — und ohne Grund — steht doch nicht ein ganzes Dorf gegen eine Privatperson auf!“
„Diese Hartwich muß ein entsetzliches Frauenzimmer sein!“ Solche Reden flogen wie Kreuzfeuer hin und her.
„Meine Herrschaften, ich bitte jetzt dringend, zu Tische zu gehen,“ rief die Staatsrätin, die auf Kohlen stand.
Doch alles Mahnen war vergebens. Wie hungrige Wölfe hatten sich die Damen und mehrere Herrn in das interessante Thema eingebissen und keine andere Speise konnte sie verlocken. Man fand des Staunens und der Mutmaßungen kein Ende. Man durfte in Gegenwart der wachsamen Angehörigen Möllners nicht sagen, was man dachte, aber man konnte doch wenigstens etwas durch Fragen erfahren.
Man begriff nicht, wie Professor Möllner sich einer solchen Person annehmen konnte, man gönnte es ihr, daß die öffentliche Stimme sich so kräftig gegen sie erhob.
„Nein,“ sagte Elsa, „die christliche Liebe erbarmt sich jeden Sünders, — aber diese Dame stellt unser Geschlecht in ein Licht, daß man erröten muß, ein Weib zu sein! — Ich bin sonst allen Menschen gut, darf ich wohl mit Gretchen sagen,68 — aber diese Hartwich bekundet eine Schamlosigkeit, eine Herzensroheit, die es jeder zartfühlenden Seele zur Pflicht macht, die Regungen des Mitleids zu unterdrücken und sie zu verabscheuen!“
„Nun sagen Sie mir, Fräulein Elsa,“ unterbrach sie Hilsborn empört, „wo bleibt denn Ihr Grundsatz, der Verkannten müsse man sich annehmen, den Sie vorhin bei dem Gespräch über die Heublumen entwickelten?“
Elsa errötete und strich sich verlegen die ausgegangenen Locken zurück.
„Aber, lieber Freund,“ bemerkte der Botaniker, „die Hartwich ist auch keine Heublume!“
„Wenigstens keine, die die Kühe fressen, denn sie ist giftig!“ sagte Herbert.
„O — es gibt Gewürm, welches auch am Schierling herumnagt,“ meinte ärgerlich der alte Heim. „Sei sie aber auch Schierling oder Belladonna — wir kennen ja Alle deren Heilkraft, vielleicht könnte man sie als Gegengift gegen die Affektation und Scheinheiligkeit anwenden, die unsere heutige Damenwelt vergiften und Engherzigkeit, Bosheit und alle moralischen Krankheiten hervorrufen, — so wäre sie jedenfalls zu etwas nütze!“
„Das war zu grob!“ flüsterte ihm Moritz zu, als er mit auf den Rücken gelegten Händen brummend an ihm vorüberschritt. „Ich darf nicht mehr auf sie schimpfen,“ fuhr Moritz fort. „Das bin ich Johannes schuldig, aber ich wollte doch, der Teufel holte sie, ehe Johannes sie sich holt!“
Heim sah ihn an und zog seinen weißen, aber noch immer buschigen Brauen zusammen: „Ich sage auf solchen Unsinn nichts, als: Wir werden uns wieder sprechen!“
Die Staatsrätin näherte sich: „Onkel Heim, Sie sind blind parteiisch — überzeugen Sie uns, daß diese Person etwas Anderes ist, als eine freche abgefeimte Spekulantin auf die Bewunderung der Welt und auf Gott weiß was sonst noch — überzeugen Sie uns, und wir wollen ihr abbitten, — bis dahin aber erlauben Sie uns, jede Annäherung meines Sohnes an sie als ein Unglück zu betrachten. Nun geben Sie mir den Arm, wir müssen endlich zu Tische!“
„Ja, das ist mir lieb, ich habe es satt, das leere Stroh zu dreschen, und freue mich auf einen herzhaften Bissen!“ sagte der alte Herr und führte die Staatsrätin dem Hause zu, denn die Gesellschaft sollte oben speisen.
Die Übrigen folgten, und Elsa flatterte als letzte Schwalbe traurig nach. Der Garten war durchschritten und man trat durch das Hoftor in die Hausflur. Jenem gerade gegenüber lag die vordere Tür, welche von der Straße hereinführte. Man schickte sich eben an, lachend und plaudernd die Treppen hinaufsteigen, als ein Wagen vorfuhr. Die Staatsrätin, die voran ging, hielt an und horchte, mit ihr der ganze Zug. Das konnte ja Johannes sein.
Rasch ward die Tür geöffnet und der Erwartete erschien — aber nicht allein. Großer Gott, er führte eine Dame am Arm.
Ein allgemeines „Ah,“ erscholl.
Johannes war ebenso überrascht von dem unverhofften Zusammentreffen mit der Gesellschaft, als diese von seinem Eintreten mit einer verschleierten Dame, welche sich bestürzt und hastig zurückziehen wollte, als sie die Leute sah. Doch Johannes hielt sie fest: „Bleiben Sie, mein Fräulein,“ sagte er laut. „Sie haben sich vor Niemandem zu scheuen.“
Die Staatsrätin mußte sich auf Heims Arm stützen, die Kniee zitterten ihr.
„Nehmen Sie sich zusammen,“ raunte der alte Mann ihr zu. „Fügen Sie sich in das Unabänderliche — bedenken Sie, daß Ihr Sohn der Herr des Hauses ist!“
„Ich werde es nicht vergessen,“ erwiderte sie leise und bitter.
Indessen hatte Johannes mit der sichtbar widerstrebenden Ernestine die Treppe erreicht. „Liebe Mutter, ich bringe Dir einen Gast!“ rief er hinauf, und das Glück strahlte aus seinen Mienen.
Die Staatsrätin stieg mit jener befremdeten Miene ein paar Stufen herab, mit der man Leute empfängt, denen man zeigen will, daß man ihren Besuch nichts weniger als gerechtfertigt findet.
„Fräulein von Hartwich,“ sagte Johannes, sie der Mutter und der Gesellschaft zugleich vorstellend, „hat sich von mir überreden lassen, für diese Nacht den Schutz unseres Daches anzunehmen, da ihr Oheim verreist ist und sie somit ganz wehrlos den Folgen einer nichtswürdigen Intrige preisgegeben wäre.“
„Seien Sie mir willkommen, mein Fräulein,“ sagte die Staatsrätin mit kalter Höflichkeit, ohne Ernestinen die Hand zu reichen oder sie durch das kleinste Zeichen in ihrer peinlichen Lage aufzumuntern. „Darf ich Sie bitten, unser einfaches Mahl zu teilen? Wir können es leider nicht länger verschieben, da wir ohnehin über die Zeit auf meinen Sohn warten mußten.“
Ohne Ernestinen weiter zu beachten, schritt sie mit Heim wieder vorwärts dem Speisesaal zu.
Ernestinen schnürte sich das Herz zu, welch ein Empfang war das, welche Demütigung hatte sie sich zugezogen. War das Spießrutenlaufen hier nicht tausendmal schlimmer, als daheim von rohen Bauern gesteinigt zu werden? „Lassen Sie mich fort,“ sagte Sie, ihren Arm aus dem Johannes’ ziehend — „ich fühle, daß ich Ihrer Mutter unwillkommen bin!“
„Ernestine,“ sprach Johannes, „Du bist mein Gast und ich lasse Dich nicht fort. Verzeihe meiner Mutter den lieblosen Empfang. Er gilt nicht Dir sondern jenem Zerrbild, das sie sich von Dir machte. Bleibe und überzeuge die alte Frau, daß Du eine Andere bist, als sie glaubt, und Du wirst von ihr aufgenommen sein wie eine Tochter.“
„O, mein Freund, mein einziger Freund, ich will Ihnen gehorchen, aber ich tue es schweren Herzens. Hätten Sie mich für ein paar Tage zum alten Leonhardt ziehen lassen, es wäre besser.“ 
„Wie hättest Du zu Leonhardt gekonnt“ — unterbrach sie Johannes unwillig — „man hätte ihn ja geächtet, wenn er Dich bei sich aufnahm — und ohne Deinen Oheim diese Nacht allein auf dem Schlosse zu bleiben, das ging ebensowenig. Du mußt Dich darein finden, unter meinem Schutze zu stehen. Ist denn das so schlimm?“ 
„O nein,“ sagte Ernestine und sah ihn dankbar an. „Das nicht — aber die Andern!“
„Es tut auch mir leid, daß wir in den Schwarm geraten mußten. Alles wäre so gut geworden, wenn wir sie nicht auf der Treppe trafen. Ich hätte Dich in mein Arbeitszimmer geführt, das nie Jemand betritt, dort könntest Du ausruhen, bis die Gesellschaft fort war, und dann hätte Dir meine Mutter ein friedliches Schlafgemach bereitet. So aber, da sie Dich einmal gesehen, darfst Du Dich auch nicht wie eine Schuldbewußte verstecken, mußt Du unter sie treten mit dem ganzen edlen Gefühle Deiner Selbst. Es ist Mancher darunter, der Dir bereits wohl will und Mancher, den Du durch Deine Persönlichkeit gewinnen wirst.“
„Ich fürchte diese Menschen weit mehr, als die wütenden Bauern,“ klagte Ernestine. „Ich bin so ermattet!“
„Mein armes Kind,“ tröstete Johannes gütig, ,,ich glaube es wohl — aber tue es mir zu Liebe. Willst Du? Es freut mich, wenn Du an meiner Seite sitzest und ich mich vor den Menschen als Deinen Freund bekennen darf.“
„Nun denn, so will ich mich fügen,“ sagte Ernestine ergeben und stieg mit Johannes die Treppe hinan.
Vor der Tür des Speisezimmers nahm er ihr Hut und Mantel ab und betrachtete entzückt das bleiche schöne Antlitz mit der edlen, geistvollen Stirn und den großen, schwermütigen Augen, die schlanke, ungewöhnlich hohe Gestalt umhüllt von einem schlichten faltigen Battistkleid. Wer konnte ihr widerstehen, der sie sah? Er war stolz auf sie!
Die Gesellschaft stand wartend um den Tisch, als er mit ihr hereintrat. Der Eindruck ihrer Erscheinung war denn auch ein außergewöhnlicher. Es war, als sei eine der bleichen, geisterhaften Frauengestalten in Kaulbachs Hunnenschlacht aus dem Rahmen getreten.69 Niemand hatte noch je eine so ideale und doch so düstere Schönheit in Wirklichkeit gesehen. Wie mit einem Schlage verstummten Alle, und aller Augen sogen begierig den seltenen Anblick ein.
„Donnerwetter, das Weib ist gefährlich,“ flüsterte Moritz der Staatsrätin zu.
„Ja, das ist sie!“ erwiderte diese unfähig, ein Auge von ihr zu wenden. „Mein armer Johannes!“
 „Nun, sieht man so was alle Tage?“ brummte der alte Heim stolz. „Ich hab’s ja immer gesagt, die wird noch einmal schön!“ 
„Hört, sie ist himmlisch, und ich muß sie lieb haben! Jetzt macht mit mir, was Ihr wollt,“ flüsterte Angelika und flog, ohne sich um Mann und Mutter zu kümmern, auf die in qualvoller Verlegenheit Dastehende zu: „Fräulein Ernestine, kennen Sie mich noch?“
Ernestine sah sie einige Sekunden an. „Das kann nur die kleine Angelika sein.“
„Richtig erraten,“ sagte die junge Frau, stellte sich auf die Zehen und drückte ihre purpurnen Lippen auf Ernestinens feinen Mund.
Jetzt näherte sich auch Moritz und sagte in seiner barschen, humoristischen Weise: „Und ich bin der Mann von der Frau. Nebenbei nenne ich mich Kern und bin einer der Unholde, die den Mut hatten, einer so schönen Dame unsern Hörsaal zu verschließen!“
Ernestine sah ihn groß an, sie fand sich indessen rasch in die Art des originellen Mannes und ein Lächeln überflog ihre Züge.
„Na,“ fuhr er fort, „es reut mich nicht, nachdem ich Sie gesehen, denn, wenn die Burschen solch einen Kommilitonen neben sich sitzen hätten, lernte ja keiner mehr was!“
Ernestine schlug die Augen nieder und schwieg betroffen und beschämt.
Moritz beobachtete sie eine Zeit lang, dann gab er Johannes einen wohlgemeinten Schlag auf die Schulter und flüsterte ihm zu: „Na, übelnehmen kann ich Dir’s nicht, wenn Dir die gefällt.“
„So sind die Männer,“ sagte die Staatsrätin leise zu Frau Professor Meibert. „Meinen Schwiegersohn, der sonst kein Frauenzimmer ansieht, hat sie schon gewonnen mit ihrer hübschen Larve.“
,Ja und sehen Sie ’mal, mein Alter steuert auch auf sie los,“ war die Antwort. „Aber still und anständig ist sie, das muß man sagen.“
„Stille Wasser sind tief!“ meinte die Staatsrätin.
„Ja, ja! Ei ja!“ bestätigte die Andere.
„Was meinen Sie, Herr Professor,“ sagte die Gattin Tauns zu Herbert und blickte bewundernd nach Ernestinen, „da könnten wir nächsten Winter lebende Bilder stellen, wie? Was meinen Sie, die und Angelika als die beiden Leonoren70 — wie?“
„Aber, liebste Taun,“ sagte Frau Berk, „Angelika kann nächsten Winter ja nicht in Bildern stehen!“
„Ach daran dachte ich nicht! Ei, ei, ei, über die jungen Frauen! — Schade, meine Tochter ist zu brünett. Zwei Brünetten nebeneinander, das paßt nicht.“ 
„Stellen Sie doch Herkules und Omphale.71 Teilen Sie der Hartwich die Omphale zu und setzen Sie Professor Möllner an den Spinnrocken. Das wird ein recht lebensvolles Bild werden!“ bemerkte Herbert.
„Sie sind ihr nicht hold, wie ich höre,“ sagte Frau Taun, „aber seit ich sie sehe, kann ich nicht mehr an all das Schlechte glauben, was man von ihr erzählt. Auch ist wohl Möllner nicht der Mann, der sich an das Spinnrad setzen ließe — selbst wenn sie eine Omphale wäre. Ihr Vergleich paßt also nicht hierher.“
Herbert zuckte wieder die Achseln.
„Nun, meine liebe Freundin,“ hörte man jetzt Möllners kräftige Stimme, „erlauben Sie mir, Sie mit Ihren Freunden und Feinden näher bekannt zu machen. Sehen Sie hier, das ist ein alter Freund von Ihnen, Professor Hilsborn. Erinnern Sie sich seiner noch?“
Ernestine besann sich, aber es fiel ihr nicht ein, wer es sein könne.
„Wir trafen uns einmal in einer Kindergesellschaft,“ erklärte Hilsborn, „und Sie wetteiferten mit uns im Werfen von Steinen nach einer Glaskugel der Fontaine. Sie besiegten uns Alle und zogen deshalb viel Neid und Anfeindungen auf sich.“
Ernestine errötete. „O ja, jetzt weiß ich — Sie waren ein sanfter, freundlicher Knabe, der Pflegesohn des Herrn Heim — aber wo — wo ist Heim?“
„Er ist hier,“ sagte der alte Herr und schaute sie mit seinen durchdringenden Augen forschend an. Ernestine reichte ihm die Hand, aber sie ertrug seinen Blick nicht und sah zu Boden.
„O Vater Heim, darf ich Sie noch so nennen?“
„So ist’s recht,“ rief der Alte. „Also doch noch nicht vergessen?“ Und er nahm ihren Kopf in beide Hände.
„Wie könnte ich Sie vergessen, der mich einst aus Lebensgefahr errettet?“
„Na,“ sagte Heim so leise, daß es kein Anderer hören konnte, „weißt Du Kind, ich habe Dich immer lieb behalten, ich nehme Dich vor Allen in Schutz. Aber Dir unter vier Augen kann ich’s sagen, daß mir das Herz um Dich blutet, und wenn ich nicht hoffte, daß all das dumme Zeug in dem kleinen Kopf da doch endlich heraus und was Besseres hineinkommt, so sollte mir die Mühe leid tun, womit ich ihn seinerzeit wieder zusammengeflickt habe. Na, nichts für ungut, Du wirst von mir so was nicht hören wollen, vielleicht gibt es Einen, von dem Du Dir’s lieber sagen läßt. Und nun segne Gott Deinen Eingang in dieses Haus!“
Ernestine erwiderte nichts, aber sie hatte tief empfunden, was er meinte. Eine Träne hing an ihrer Wimper, während sie so still vor ihm stand. Da reichte ihr Möllner den Arm, man setzte sich zu Tisch. Ihr zur Rechten saß Heim. Ihr gegenüber Taun und Hilsborn. Dann kam Moritz mit Angelika und Herbert mit Frau Taun, an Heims anderer Seite die Staatsrätin.
„Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Kollegen Taun vorstelle,“ sagte Möllner, nachdem sie sich gesetzt.
„Ein Freund!“ fügte dieser den Worten Möllners bei.
„Er ist einer von denen, die für Sie stimmten,“ erklärte Möllner.
„O, da danke ich Ihnen,“ sagte Ernestine, „im Namen meines ganzen Geschlechts.“
„Ich darf diesen Dank nicht für mich allein in Anspruch nehmen. Hier meinen lieben Kollegen Heim und Hilsborn gebührt er vor mir, denn sie haben noch wärmer für Sie gekämpft als ich, dem Sie persönlich fremd waren.“
„Wirklich, Vater Heim, Sie sprachen für mich?“ fragte Ernestine erstaunt.
„Na, ja!“ brummte Heim ärgerlich, daß Taun geplaudert hatte. „Das Zeug, das Du einschicktest, war ja nicht so übel, und ich hätte Deinem unruhigen Geiste gern ein Feld eröffnet, auf dem Du Ersprießlicheres geleistet hättest, als ...“ Seine Baßstimme sank zum Flüstern herab, „als den lieben Gott anzufeinden, wie der Hund den Mond, und Dir mit Deinem atheistischen Schnickschnack alle ordentlichen Leute zu Feinden zu machen.“
Ernestine zuckte zusammen, wie vom Blitze getroffen. Also das machte man ihr so schwer zum Vorwurf! Sie erstaunte. Gab es denn wirklich in diesen „aufgeklärten“ Kreisen noch Menschen, die sich am Unglauben stießen? Hatte denn Leuthold gelogen, indem er ihr die wahre Bildung als gleichbedeutend mit der Entäußerung jedes religiösen Vorurteils schilderte, und wer war denn „gebildelt“, wenn es diese Gelehrten und ihre Frauen nicht waren?
„Verletzt Sie die rauhe Außenseite unseres Freundes?“ sagte Taun, dem Ernestinens Betroffenheit leid tat. „Sie werden ja von früher noch wissen, welch edlen Kern diese harte Schale birgt.“
„Wer spricht da von mir?“ rief Moritz herauf. „Ihr redet von einem edlen Kern, das kann doch nur ich sein?“
„Laß die Drei in Ruhe, eitler Mensch,“ lachte Johannes und winkte ihm, das ernste Kleeblatt zu verschonen.
Ernestine sah Heim traurig an. „Vater Heim war früher gütiger gegen mich. So unnachsichtig, fand ich ihn damals nicht.“
„Das glaube ich!“ sagte Heim leise. „Damals warst Du ein Ding wie von Postpapier, das ein Hauch umwerfen konnte. Man war ja froh, wenn Du nur lebtest und übersah, wie dies meist bei schwächlichen Kindern geht, in der Angst um Deine körperliche Entwicklung die gefährliche Richtung, die Deine geistige nahm.“
„Nun, nun, lassen Sie das nur gut sein,“ sagte Taun. „Sie, mein Fräulein, werden das Rechte schon finden, darum ist mir nicht bange. Ihre Schriften geben Zeugnis von einer so ungewöhnlichen Begabung, daß Sie sicher die gelehrteste Frau des Jahrhunderts werden!“
Ernestinens Augen flammten auf. Sie erhob das Haupt wie eine verdurstende Blume, die frisch begossen wurde. „Die gelehrteste Frau des Jahrhunderts!“ Dieses Wort fiel befruchtend in das Allerheiligste ihres Ehrgeizes. Heims Grobheit war vergessen. „Das sagen Sie mir in einem Jahrhundert, in dem eine Karoline Herschel, eine Dorothea Rodde gelebt?“72
Herbert, der von weitem die Unterredung belauschte, wandte sich an Moritz und fragte diesen leise: „Wer war denn Dorothea Rodde? Von der Schwester Herschels habe ich wohl gehört, weil sie eben die Schwester Herschels war, aber von der zweiten weiß ich nichts.“ 
„Ja, hören Sie, da bin ich zuviel gefragt,“ lachte Moritz. „Wer kann sich denn um die Großtaten all der Blaustrümpfe kümmern, die ein empfindsamer <<Frauenlob>> in irgend einer alten Scharteke verewigt hat?“ 73
Ein finsterer Blick Ernestinens traf ihn. Sie hatte verstanden, wovon die Rede war, und heißer Zorn kochte in ihr auf.
Zum Überfluß fragte auch noch Angelika über den Tisch herüber: „Johannes, bitte, die Herren möchten gerne wissen, wer Dorothea Rodde war.“
Johannes zuckte die Achseln, „Ich weiß es nicht.“
„Sie — auch Sie nicht!“ sagte Ernestine. „Ist es denn möglich! Diese Frau, die große Tochter des großen Gelehrten Schlözer kennt Niemand?74 Sie starb erst achtzehnhundertvierundzwanzig und schon ist sie vergessen?“
„Sie muß doch eben nichts von Bedeutung für die Wissenschaft geleistet haben,“ meinte Johannes. „Sonst wäre sie nicht verschollen.“
„Eine so merkwürdige Erscheinung wie diese Frau, sollte ich meinen, wäre an sich schon von Bedeutung für die Wissenschaft, wenn diese, ihr auch keine direkten Beiträge zu danken hätte. Es ist wohl immerhin für den Psychologen wie für den Physiologen interessant genug, daß es eine Frau gab, die so viel lernen konnte wie Dorothea Rodde — wenn sie auch nicht selbstlehrend auftrat. Nicht Jeder ist produktiv, es werden Namen von Männern hochgeehrt, die auch nichts weiter waren, als fleißig. Übrigens hätte Dorothea sicher noch Großes vollbracht, wenn sie nicht die Torheit begangen hätte, sich zu verheiraten75 und somit ihre wissenschaftliche Entwicklung in der Blüte zu hemmen, ja gänzlich vom Schauplatz abzutreten. Sie begrub sich lebendig, und die Welt ist gar zu bereit, Asche auf den Sarg einer Frau zu streuen. Wäre sie ein Mann gewesen, so hörte man heute noch von dem Phänomen, daß ein Jüngling von siebenzehn Jahren alle toten und lebenden Sprachen redete, Chemie, Arzneimittellehre, Anatomie und Mineralogie gründlich trieb und im achtzehnten Jahre von der Göttinger Universität nach einem glänzenden Examen zum Doktor der Philosophie gemacht wurde! Doch freilich — sie war nur ein Mädchen, welches in so zartem Alter das Alles leistete, und wenn eine frühere, weniger egoistische und neidische Zeit es anerkannte, so muß es die klügere Gegenwart um so beharrlicher leugnen.“
Eine peinliche Pause entstand. Jeder war mit seinen besonderen Gedanken beschäftigt. Jeder unangenehm berührt. Die schöne, stille Ernestine hatte plötzlich die Klauen gezeigt!
Die Staatsrätin legte schweigend Messer und Gabel hin, die Lust zu essen, war ihr vergangen.
Johannes betrachtete Ernestine mit trübem Blick und schüttelte leise das Haupt. Herbert allein wurde immer vergnügter, je ernster die Andern, und schaute zu Elsa hinunter, die am andern Ende der Tafel saß und in wehmütige Träumereien versunken Blumen und Gräser aus den großen Vasen auf dem Tische zog, um sich als Ophelia damit zu schmücken — aber ach, Hamlet hatte kein Auge für ihren holden Wahnsinn!
„Darf ich Sie bitten, mich der Dame vorzustellen?“ sagte Herbert zu Johannes.
„Herr Professor Herbert,“ sagte dieser und fügte nachdrücklich bei: „Ihr erbittertster Gegner!“
Ernestine verneigte sich leicht und maß Herbert mit einem feindlichen Blick.
„Dürfte ich mir erlauben,“ begann er hämisch, „Sie, geehrtes Fräulein, um Belehrung zu bitten, inwiefern die bloße Tatsache, daß eine Frau einige Sprachen spricht — alle, wie Sie vorhin meinten, werden’s wohl nicht gewesen sein — inwiefern diese Tatsache von Interesse für die Wissenschaft sein soll?“
„Ja, darauf wäre ich auch neugierig!“ rief Moritz.
Ernestine blickte Beide fest an. „Ich bin gerne bereit, Ihnen das zu erklären. Ich hätte nicht gewagt, es zu tun, wenn Sie mich nicht dazu aufforderten, denn ich hätte es für eine Beleidigung gehalten, vorauszusetzen, daß Sie einer solcher Erklärung bedürften!“
„Der Hieb saß!“ bemerkte Moritz mit Humor.
„Wir streiten, meine Herren, ich bin auf Vergeltung gefaßt!“ sagte Ernestine und fuhr fort: „Ich dachte, die Leistungsfähigkeit einer Dorothea Rodde sei mindestens ein ebenso bedeutsamer Beitrag zur Naturgeschichte der Frauen, als die Beispiele merkwürdiger Instinkte von Tieren, welche die Zoologen so eifrig aufsuchen. Oder ist die Naturgeschichte der Frauen weniger interessant, als die der Affen?“76
„Wir pflegen die Frauen weder als solche zu betrachten, noch zu behandeln,“ warf Möllner ernst dazwischen.
„Nun denn, wenn Sie ihnen wirklich die Stufe ebenbürtiger Wesen einräumen, so wäre Dorotheens eminentes Talent schon deshalb für die Wissenschaft von Wichtigkeit, weil es ihr Anhaltspunkte für die Erforschung des Verhältnisses des weiblichen zum männlichen Gehirn bieten könnte, eine Aufgabe, die noch keineswegs gelöst, ja deren soziale Wichtigkeit nicht einmal erkannt ist, sonst müßte schon viel mehr in diesem Punkte geschehen sein, sonst würde sie nicht von Vielen mit einer so frivolen Gleichgültigkeit behandelt!77 Ich, meine Herren, lebe der Überzeugung, daß der große Streit über Emanzipation der Frauen nur spruchreif wird durch die Physiologie, denn sie allein ist im Stande, nachzuweisen, ob die materiellen Bedingungen des Denkvermögens bei der Frau in dem Maße vorhanden sind wie bei dem Manne, und sind sie es, wer will dann noch der Frau das Recht bestreiten, dem Manne selbstständig in der geistigen Welt gegenüber zu stehen?“
„Noch sind wir aber nicht so weit,“ warf Johannes ein, „noch ist das nicht bewiesen!“
„Aber auch nicht das Gegenteil,“ sprach Ernestine. „Deshalb eben wäre es meiner Ansicht nach ganz am Platze, wenn die Physiologie dann und wann die Geschichte zu Hilfe nähme und den Sektionen berühmter Frauen mehr Aufmerksamkeit schenkte!“
„Und was wäre damit erreicht?“
„Können Sie mich das im Ernste fragen? Würde ein für die Frauen günstiges Resultat solcher Forschungen nicht der ganzen sozialen Regelung des Verhältnisses der Geschlechter einen Stoß geben? Und ist die Beziehung, in welche so die Physiologie zur Moral tritt, nicht für die erstere ein Triumph, auf den sie stolz sein kann?“
„Das wäre Alles recht gut,“ meinte Moritz, „wenn die ganze Frage überhaupt der Mühe lohnte.“ 
„Ihnen freilich nicht — aber uns? Was kümmert Sie die Stellung der Frauen, ihre Fähigkeit oder Unfähigkeit? Wenn nur Ihre Frauen die rechte Stellung einnehmen, d.h. wenn sie Ihnen gehorsame Dienerinnen sind, die Fähigkeit haben, gut zu kochen und Ihre Kinder zu erziehen, dann ist Alles gut und die erste Frage, die der Mensch an die Weltordnung zu stellen hat, ist gelöst!“ 
Ein allgemeines Murren antwortete auf diesen Ausfall, doch Ernestine war in Leidenschaft geraten und fuhr fort: „Der Schmerz über diese engherzige Gleichgültigkeit war es, der mich trieb, mich den Naturwissenschaften zu widmen. Ich, meine Herren, will es versuchen, das Interesse und den Eifer der Gelehrten mehr auf diese Forschungen hinzulenken. Lächeln Sie nicht, gelingt es mir auch nicht, selbst etwas in dieser Sache zu leisten, gelingt es mir nur, durch meine Bestrebungen Andere anzuregen, so ist diese eine Aufgabe wert, ein ganzes Dasein daran zu setzen. Wenn es mir von einer minder skrupulösen Universität ermöglicht wird, die dazu nötigen anatomischen und physiologischen Studien zu machen, dann sollen diese psychisch und physisch gleich wichtigen Untersuchungen der einzige Zweck meines Lebens sein.“ 
„Aber, mein Fräulein,“ sagte Johannes düster, „was wollen Sie denn noch finden, das Ihren Zwecken entspräche? Wir haben ja zur Evidenz nachgewiesen, daß das weibliche Gehirn absolut leichter wiegt, als das des Mannes und ...“
„Haben Sie auch nachgewiesen, daß das Gewicht allein es ist, worauf es ankommt?“
„Das nicht, aber es stimmt doch meistens!“
„Meistens, wenn es einmal nicht stimmt, so ist der Beweis erschüttert. Wohl hatten Byron, Cuvier und Andere auffallend schwere Gehirne, — dafür sank das Gewicht des Gehirns von Gelehrten wie Hermann, Hausmann, selbst unter das Gewicht normaler weiblicher Gehirne herunter.78 Wir sehen also, daß es auf das Verhältnis des Gehirns zum Körper, ja auf das der einzelnen Hirnteile zu einander ankommt, vielleicht auch auf die verschiedene Menge der grauen Substanz, — und daß das relative Gewicht des weiblichen Gehirns nicht geringer als das des männlichen, ist in dieser Frage die einzige sichere Errungenschaft, deren sich die Physiologie rühmen darf.“
Sie schlug das Auge inbrünstig auf. „O könnte ich einen Funken Licht in dieses dunkle Chaos werfen, dann wollte ich gern sterben.“
„Aber mein Fräulein,“ sagte Herbert in belehrendem Tone, „da doch das Weib in Allem zarter und schwächer ist als der Mann, so ist es nur natürlich, daß auch ihr Gehirn leichter und kleiner ist und sie daher nicht denken und geistig arbeiten kann wie er.“
„Aber Herr Professor,“ erwiderte Ernestine, und ein schlimmes Lächeln spielte um ihre Lippen, „Sie hören doch, daß es nicht auf das absolute, sondern auf das relative Gewicht ankommt. Sonst wäre ja der größte und stärkste Mensch auch der klügste — und Sie, mein Herr, wären der kleinste. Geist unter den Anwesenden, denn Sie sind doch wohl der kleinste Mann hier!“
Wieder entstand eine Pause der höchsten Verlegenheit. Viele konnten nur mit Mühe das Lachen verbeißen, als sie das wütende Gesicht des winzigen Männchens sahen. Andern war es peinlich, der Szene beizuwohnen. Ein solches Benehmen war denn freilich in den Annalen der ehrwürdigen Professorenkreise von einer Dame unerhört, und so folgerecht und natürlich es für die, welche Ernestinen kannten, aus ihrer Art zu denken und zu sein, hervorging, so überraschend, abstoßend und unbegreiflich war es für die Fremden — am Meisten für die Staatsrätin, der jedes schroffe Wort des Mädchens Essig in eine Wunde goß.
Das alte Schicksal blieb auch hier nicht aus: Sie war eben nicht wie die Andern — ohne es zu wollen, hatte sie Alle abgeschreckt. Die Absonderlichkeit haftete ihr an, sie mochte sein, wo sie wollte. Keiner teilte ihre Interessen, sie hatte mit Niemandem etwas gemeinsam — sie war und blieb vereinzelt — allein! Selbst Johannes schwieg gedankenvoll, sie suchte schüchtern sein Auge und fand es nicht.
Elsa spielte noch immer ohne Publikum Ophelia und dachte darüber nach, wie süß es sei, magdlich zu dienen, wenn es nur Einer von ihr fordern wollte. Ach, Keiner wollte sich überzeugen, wie lieblich sie gehorchen könne. Und sie summte leise Ophelias Worte auf Englisch vor sich hin:
Geziert mit Blumensegen,
Das unbetränt zum Grab’ mußt’ geh’n
Von Liebesregen. 79
Frau Taun blickte bedenklich nach Ernestinen hinüber. Sie fing an, die Idee mit den lebenden Bildern fallen zu lassen, — mit solcher Unverträglichkeit brächte man ja kein Ensemble zu Stande und dann die Unterhaltung bei Tische! Sie konnte doch ihren jungen Gästen nicht zumuten, anatomische Abhandlungen mit anzuhören.
Herbert bemerkte die Bresche in Frau Tauns guter Meinung und beeilte sich noch eine mörderische Spitzkugel hineinzuschießen. „Sie hat nicht einmal die gewöhnlichste gesellschaftliche Bildung!“
Die übrigen Damen in der Nähe nickten beistimmend. Gott sei Dank, dieser Ausbund von Schönheit und Gelehrsamkeit besaß wenigstens etwas nicht, was sie Alle in hohem Grade besaßen, und hatte es dahin gebracht, sich den Herren, welche ihrer Erscheinung ein so gefährliches Interesse zeigten, unausstehlich zu machen.
Eine Dame zupfte die andere. „Wie sie den Ellenbogen auf den Tisch stützt!“
„Wie unpassend!“
„Nun sieh einmal an, wie schnell Du Dir die Leute zu Feinden gemacht hast!“ sagte der alte Heim. ,,Du hast von Deinem Standpunkt aus nicht Unrecht, aber wer wird denn so mit der Tür in das Haus fallen, in dem man gastlich aufgenommen sein will? Wer mit Menschen zusammengehen will, muß ihnen nicht gleich auf die Hühneraugen treten!“
„Ich will mit diesen nicht zusammengehen,“ sagte Ernestine.
„Freilich willst Du’s — mußt es wollen. Denkst Du denn, Du bedarfst keiner Huelfe, keiner Unterstützung — Du kannst Alles allein machen in der Welt? Wie unpraktisch, wie über alle Maßen ungeschickt!“
„Ich verstehe Sie nicht, Vater Heim.“
„Ich glaub’s wohl —“
Angelika unterbrach das Gespräch, indem sie Ernestinen eine Schüssel mit Creme reichte, die allgemein gelobt wurde. „Von dem müssen Sie essen, Fräulein, ich habe es selbst bereitet, das ist mein Stolz!“
„Du hast ja gehört, daß Fräulein von Hartwich die edle Kochkunst sehr geringschätzt, — rühme Dich deren also ja nicht vor ihr,“ spottete Moritz.
Angelika sah mitleidig Ernestinens Beschämung bei diesen Worten, und während sich die Damen in ein eingehendes Gespräch über die Zubereitung des Aprikosencremes verwickelten, sagte sie freundlich: „Sie haben wohl Recht, wenn Sie es tadeln, daß wir Frauen solchen Dingen zu viel Wichtigkeit beilegen, aber es gehört denn doch zum Leben und ganz darf man es nicht übersehen; wozu hätte uns denn der liebe Gott Geschmacksnerven gegeben, wenn wir uns nicht am Wohlgeschmack unserer Speisen erfreuen sollten. Es ist so natürlich, daß man Denen, die man liebt, das Leben nach allen Seiten hin angenehm zu machen sucht und ihnen auch selbst für die untergeordnetsten Genüsse sorgt, wozu Sie mit Recht Essen und Trinken zahlen.“
„Verzeihen Sie die Frage,“ sagte Ernestine, „wäre dieser Genuß nicht auch durch die Hände einer Köchin zu bereiten, während Sie Ihre Zeit zu etwas Besserem verwendeten?“
„Ja,“ rief Angelika unter allgemeiner Heiterkeit, „wenn man das Geld hat, achtzig Gulden für eine ordentliche Köchin zu bezahlen, dann freilich. Wenn man es aber nicht hat — wie wir, da muß man schon mitunter selbst an den Herd oder schlecht essen. Das will man aber doch solch armem Manne, wenn er hungrig von seiner schweren Arbeit heimkommt, nicht zumuten und ich versichere Sie, wenn ich sehe, daß meinem lieben Moritz etwas schmeckt, was ich ihm selbst zubereitet — das ist eine Freude fast so groß wie die, ein Kind zu nähren.“
Ernestine blickte sie starr an, — das ging über ihren Horizont.
Angelika schmiegte das Köpfchen an ihres Gatten Schulter: „Deshalb sind wir doch noch lange keine Mägde. Was man aus Liebe tut, das kann nicht erniedrigen; wenn man freiwillig gehorcht, so ist man ja nicht geknechtet! Folgen muß man doch irgend Jemandem im Leben — warum nicht dem Manne, der uns beschützt und für uns arbeitet?“ Und sie ergriff Moritzens Hand und drückte verstohlen einen Kuß darauf. 
„Wenn wir selbst für uns arbeiten lernen,“ meinte Ernestine, „braucht es kein Anderer zu tun und wir sind Niemandem verpflichtet, von Niemandem abhängig!“
„Ach“ — sagte Angelika und ein reizendes Lächeln verklärte ihre Züge, ihre großen Kinderaugen blinzelten Moritz schalkhaft an: „Wir können sie ja doch nicht entbehren, die gestrengen Herren der Schöpfung, — ich wenigstens möchte nicht leben ohne meinen Moritz, und wenn ich noch so reich und klug wäre!“
Ein wahrer Beifallsjubel lohnte diese allerliebste Aufrichtigkeit, es war, wie wenn plötzlich ein frischer Luftzug durch ein schwüles Krankenzimmer weht, man atmete auf, Angelikas reine, echte Natürlichkeit tat Allen wohl auf die „finsteren verschrobenen Anschauungen“, die man von Ernestinen hatte hören müssen.
„Und diese Närrin hoffst Du noch zur Vernunft zu bringen?“ flüsterte Moritz Johannes zu.
„Ja!“ entgegnete dieser kurz und scharf.
„Na, ich wünsche Dir Glück zu der Arbeit, ich möchte mir kein Weib so sauer verdienen!“
Das Souper war zu Ende. Die Staatsrätin hob die Tafel auf. Man trat in ein Nebenzimmer, wo Punsch herumgereicht wurde.
Johannes führte Ernestine schweigend hinein. Die Pflichten des Wirtes zwangen ihn, sie zu verlassen. Sie stand allein inmitten des Zimmers und sah sich im Kreise um nach Jemandem, an den sie sich wenden könne. Keiner näherte sich ihr. Die Damen steckten flüsternd die Köpfe zusammen und sahen nach ihr hin, die Herren bildeten Gruppen für sich und kehrten Ernestinen entweder den Nacken oder betrachteten sie durch ihre Brille. Sie stand allein wie auf einer Bühne vor einem Publikum. Sie wußte nicht, was sie machen sollte. In eine Ecke flüchten, das dünkte ihr so feige und unwürdig und doch hielt sie dies Kreuzfeuer stechender Blicke jetzt so wenig aus wie vor Jahren, als sie es auch in der Gesellschaft bei der Staatsrätin über sich ergehen lassen mußte. Was half ihr nun ihr Geist und Wissen? Sie war und blieb gemieden, verkannt, mißachtet bei den Gebildeten wie bei den Bauern. Was war es nur für ein Verhängnis, das über ihrem Haupte hing? Wer konnte ihr wohl dieses Rätsel lösen?
Da wurde ihrer Qual ein unverhofftes Ende gemacht. Elsa schwebte an Möllners Hand auf sie zu.
„Fräulein Herbert wünscht, Ihnen vorgestellt zu werden,“ sagte dieser.
Ernestine blickte verwundert auf das seltsame, blumenbekränzte, alte Kind nieder und ergriff zögernd das dargebotene feuchte, faserige Händchen.
„Ich bat meinen — unsern Freund“ — sie sah sich um, Möllner war bereits wieder zu andern Gästen getreten — „uns mit einander bekannt zu machen, weil ich mich, ach! so wunderbar zu Ihnen hingezogen fühle. Ihr Gespräch über das Gehirn hat tief in meine Gedankenwelt eingegriffen, denn Sie müssen wissen — auch ich schwärme für die Naturforschung und bin eine halbe Gelehrte. Ich treibe Phrenologie! Ich bin eine Jüngerin Schewes, dessen treffende Diagnose meiner Eigenschaften mich für die Gall’sche Lehre gewann.80 Gott, wie genußreich müßte es sein, wenn ich mit Ihnen, die Sie so umfassende Studien über das Gehirn machten, dieses Thema eingehender besprechen dürfte — ich bin überzeugt, wir würden uns verstehen! Vor allem aber müssen Sie mir gestatten, Ihren Kopf zu untersuchen — diesen merkwürdigsten aller Frauenköpfe! Welch reiche Ausbeute wird er mir liefern, kommen Sie, setzen Sie sich!“
Ernestine machte eine ungeduldig abwehrende Bewegung.
„Wie — Sie wollen nicht? O — fürchten Sie nicht, daß ich zum enfant terrible81 werde und verrate, was ich gefunden; — ich plaudere nichts aus!“
„Das fürchte ich nicht,“ erwiderte Ernestine schroff, „wenn Sie meinen Charakter an meinem Schädel erkennen könnten, brauchten Sie das Resultat nicht zu verschweigen, ich habe nichts zu verbergen. Aber ich gebe mich nicht zu Spielereien her.“
„Spielereien nennen Sie das?“ rief Elsa und rang die dürren Händchen. „So glauben Sie nicht an die Gall’sche Lehre?“
„Glauben, was heißt glauben?“ sagte Ernestine. „Ich glaube an nichts, was nicht bewiesen ist — und ist es bewiesen, dann glaube ich es nicht mehr, sondern ich weiß es. Die Gall’sche Lehre ist eben so, wie die Lavater’sche Physiognomik,82 eine auf zufällig zusammentreffende Wahrnehmungen gestützte Hypothese, die nur den Müßiggänger lockt, den ernsten Arbeiter jedoch nicht seitab von seinem Wege lenken kann.“
„O Sie schneiden mir in das Herz,“ wimmerte Elsa, die den wissenschaftlichen Nimbus, in den sie sich gehüllt, so schmählich abfallen sah wie eine goldpapierene Theaterglorie. Sie war tief verletzt. Sie hatte es so gut gemeint, sie hatte sich überwinden und sich Möllner zu Liebe Ernestinen ehrlich anschließen wollen. Er sollte sehen, wie selbstverleugnend und neidlos ihr verwundetes Herz der Nebenbuhlerin entgegenschlug. Sie hatte sich so gefreut, der Gelehrten nicht mit ganz leeren Händen zu nahen, denn so viel sie von dem anatomischen Tischgespräch  verstanden, stimmte dies ganz herrlich mit der Gall’schen Lehre, die sie erst kürzlich erlernt, um Möllners Kopf untersuchen und mit ihren entzückten Fingerspitzen einmal in seinen dichten Haaren wühlen zu dürfen. Und nun hoffte sie sich durch diese, ihre einzige wissenschaftliche Kenntnis der Geliebten des Geliebten angenehm zu machen — aber selbst das sollte mißglücken, selbst diese entsagungsvolle Freude zerstört werden! O — Ernestine war ein hartes, ein furchtbares Weib!
Als Elsa zu Ernestinen getreten, hatten sich die Herren untereinander angestoßen: „Nein, seht einmal die Elsa und die Hartwich beisammen — das ist kostbar — da muß man horchen.“
So zog sich der Kreis immer näher um die Beiden herum. Endlich konnte Moritz, der, wie ein Kind seine Puppe, immer seine Frau im Arm hatte, sich nicht enthalten, mit hineinzureden, denn der Humor schlug ihn allzu sehr in den Nacken und er jagte einem Spaße nach, wie der Knabe dem Schmetterling. „Nun sagen Sie ’mal, Fräulein Elsa, was hat Ihnen denn der Schewe eigentlich von Ihrem Kopfe heruntergelesen?“ fragte er.
„Was?“ Elsa lächelte verschämt, — sie übte doch eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Herren aus, da waren sie schon wieder alle um sie versammelt. „Was? Ja sehen Sie, das verbietet mir die Bescheidenheit, zu erzählen.“
„Da war er wohl recht galant?" 
„Allerdings!“
„Ach so, deshalb fanden Sie seine Diagnose so treffend!“ lachte Moritz und Alle andern mit.
Elsa wurde sehr verlegen. 
„Das eben ist es, was diesen Mann so unfehlbar macht,“ sagte Moritz. „Er schmeichelt Jedem — und deshalb glaubt ihm Jeder.“
„O wie unrecht tun Sie ihm,“ verteidigte Elsa. „Er meint es so ernst mit seiner Wissenschaft. Er kann auch grob sein, gewiß — gegen Sie, Professor Kern, wäre er sicher grob!“
Die Herren brachen wieder in schallenden Jubel aus: „Fräulein Elsa wird böse.“
„Ergrimmte Taube, Lamm mit Wolfesgier,“ zitierte der Dozent mit den kaum ausgetretenen Studentenschuhen.83
„Ach, ich bewundere diesen Mann so sehr,“ sagte die Gekränkte. „Er ist ein Virtuos des Tastsinns — nein mehr! Er fühlt nicht nur, er denkt und sieht mit seinen Fingerspitzen. Als er mich untersuchte und sich dann geschlossenen Auges zur Seite stellte, um zu rekapitulieren, was er gefunden, da kam es mir vor, als hielte er meine Seele wie einen aus dem Neste genommenen Vogel zwischen seinen prüfend geschlossenen Fingern.“
„Ei, ei — er hat sie doch nicht behalten?“
„O nein, er gab sie mir zurück, er schenkte sie mir neu, da er mich sie verstehen lehrte.“
„Nun, wenn er Sie in seine Kunst eingeweiht hat, Fräulein Elsa, so zeigen Sie sie doch an uns! Hier wären Nester mit allerlei Käutzchen auszunehmen, wir wollen uns unsere Seelen auch einmal besehen.“ 
„Ich wollte soeben Fräulein von Hartwich untersuchen, aber sie gestattete es nicht.“
„O wir sind sämtlich bereit,“ rief Moritz und alle Herren bückten sich und streckten Elsa ihre Köpfe hin.
,,Laßt sie doch,“ bat Angelika ihren Mann.
„O nein, liebe Angelika,“ sagte Elsa, die heute um jeden Preis interessant sein wollte, „ich fürchte die Probe nicht, denn ich bin meiner Sache sicher. Aber sie muß dann auch ernst genommen werden. Die Herrschaften müssen sich sämmtlich vermummen, damit ich sie nicht erkennen kann.“ 
„Ja, ja, das soll geschehen! Das gibt einen Hauptspaß!“ schrieen die vom Punsche aufgeheiterten Herren.
„Fräulein Elsa muß hinaus, bis wir maskiert sind.“ 
„Ich werde ein wenig in den Garten gehen, es ist lieblicher, die Elfen ihren Abendtau trinken zu sehen als Sie, meine Herren, Ihren Punsch! Rufen Sie mich, wenn ich kommen soll; dann werde ich, wie ein Bienchen in Blütenkelche, in Ihre Häupter eindringen und prüfen, wo Honig und wo Wermut ist!“ 
Mit dieser schelmischen Drohung wollte sie enteilen, da faßte Ernestine mitleidig ihre Hand und flüsterte ihr zu: „Tun Sie es nicht, Sie werden verhöhnt.“
Elsa entzog ihr tief beleidigt die Hand: „Von Ihnen vielleicht, nur von Ihnen! — In diesem Kreise bin ich geliebt und verstanden!“ Tränen traten ihr in die kleinen Äugelein und sie hörte beim Hinauseilen nicht mehr, wie Herbert ihr nachrief: „Du wirst Dich blamieren.“
Sie eilte in den Garten hinunter zu den Elfen und Nixen, um diesen ihr stilles Weh zu klagen, ach, sie mußte ja lächelnd leiden, Keiner sollte sehen, was sie zu träumen, zu hoffen gewagt — Und konnte denn dieses treue Herz so schnell von seiner Hoffnung lassen? Wäre es das erste Mal, daß bescheidenes Ausharren endlich doch gekrönt würde? Sie kam zu dem Tisch, wo Angelika die Blumen, die sie ihr für Johannes gab, vergessen hatte. Das Glas war umgeworfen, das Wasser herabgeflossen und der Strauß lag welk umhergestreut. O wie weh tat ihr das, — es war ein schlimmes Omen. Sie nahm ihre Lieblinge auf und drückte sie an ihr Herz. „So geht es vielleicht mir dereinst, — vergessen und verschmäht werd’ ich verwelken wie Ihr und die größte Liebe, die mir widerfährt, wird wohl die sein, daß eine zartfühlende Seele einen Kranz von Euch, ihr lieben Feldblumen, auf meinen Sarg legt.“
Sie setzte sich auf den Rasen und sang leise, während der salzige Tau reichlich auf die Blumen niederrieselte: „Ach Tränen machen nicht maiengrün, machen tote Liebe nicht wieder blüh’n!“84 
„Fräulein Elsa, Sie weinen?“
Sie schrak zusammen und sprang auf. Möllner kam über den weichen Rasen zu ihr hingeschritten.
„O nein, keine Tränen, nur Abendtau!“ lispelte sie und trocknete sich die Augen.
Möllner betrachtete sie voll Erbarmen. „Armes Geschöpf,“ dachte er, „was kannst Du dafür, daß Dich die Natur so stiefmütterlich behandelt, daß die verschrobene Erziehung Deines Bruders Dich lächerlich macht und Dich auch noch um das Mitleid bringt, das Du verdientest.“
Er reichte ihr den Arm: „Kommen Sie, liebe Elsa!“ sagte er gütig. „Man schickt mich, Sie zu holen. Danken Sie es dem Fräulein von Hartwich, daß Ihnen die Mystifikation erspart wird, die man Ihnen zugedacht.“
„Wie so?“ fragte Elsa, die sich an Möllners Arm gehoben fühlte wie eine aufgebundene Ranke.
„Man forderte von Ernestine, sie solle mit Fräulein Taun, die fast dasselbe Haar wie sie besitzt, die Kleider wechseln und beide sollten Masken vornehmen, um Sie zu täuschen. Die jungen, übermütigen Herren drangen darauf, ich konnte es nicht hindern. Fräulein von Hartwich jedoch, überzeugt, daß Sie Ihrer Sache nicht so sicher seien, um sich nicht einer Beschämung auszusetzen, verweigerte das Verlangte so hartnäckig, daß die Gesellschaft sich aus Unmut darüber auflöst.“
Elsa schwieg beschämt. Einer solchen Probe hätte sie sich denn doch nicht gewachsen gefühlt. Sie hatte die Leute leicht an ihren Haaren zu erkennen gehofft, ihre Aussprüche hätten dann sicher Aufsehen gemacht, aber daß die junge Taun dasselbe Haar wie Ernestine habe, — war ihr nicht eingefallen. Und doch, so froh sie darüber war, es drückte sie tief darnieder, daß ihre Feindin in die Lage kam, eine so demütigende Großmut an ihr auszuüben.
„Sie geben uns ein andermal in engerem Freundeskreise Ihre Kunst zum Besten, nicht wahr?“ sagte Möllner tröstend wie zu einem Kinde.
„Ja, wenn Sie es wünschen, und wenn Sie mir gestatten wollen, an Ihrem eigenen gewaltigen
Haupte —“
Die Stimme zitterte ihr vor Erregung, als sie dies kühne Verlangen aussprach.
„Warum denn nicht?“ sagte Möllner, „wenn Sie meinen harten Kopf für ein ergiebiges Terrain halten.“
„Ihren harten Kopf — o, wie können Sie so sprechen — wenn ich dieses Haupt berühre, werde ich zittern, daß plötzlich Minerva herausspringe, mich für meine Kühnheit zu zerschmettern!“85
Johannes lächelte mitleidig. „Sie können es nun einmal nicht lassen, mich durch überschwängliche Komplimente in Verlegenheit zu bringen. Sie wissen, ich bin ein einfacher Mensch, welcher dergleichen nicht erwidern kann!“
„Wie sollten Sie mir auch erwidern! — Mir zu gestatten, daß ich Sie verehre, das ist Alles, was ich von Ihnen fordere. Was will denn das Bächlein von dem mächtigen Baume, dessen Wurzeln aus seinen Wellen trinken? Lassen Sie meine Bewunderung zu Ihren Füßen hinrauschen und ziehen Sie daraus Ihr gewaltiges Sein, so viel Sie wollen und bedürfen — es ist immer genug für Sie da, das Bächlein ist unerschöpflich!“ 
Johannes war unangenehm berührt durch diesen Erguß. Was sollte er antworten, ohne das unglückliche Wesen in einer trügerischen Hoffnung zu bestärken oder es tief zu verletzen? Die Stimme ihres Bruders riß ihn aus der Verlegenheit. Sie waren an der Treppe.
„Da kommen sie ja!“ rief Herbert der Gesellschaft zu, die sie zu erwarten schien und im Fortgehen begriffen war. Sie stiegen herauf. Elsa nahm Hut und Tuch von dem Kleiderständer. „Wo bleibst Du nur so lange?“ fragte Herbert absichtlich laut.
„Mein Gott, wir sind ja durch den Garten geflogen!“ rief Elsa.
„Haben Sie denn Flügel, Fräulein?“ fragte spöttisch der Dozent.
„Ja,“ erwiderte Elsa mit verzücktem Blick auf Johannes. „Sie sind mir wieder gewachsen.“
„O dann bitte,“ neckte der unermüdliche alte Korpsbursche weiter und zündete sich zum Heimweg an der Korridorlampe eine Zigarre an, „bitte, fliegen Sie uns doch einmal was vor, — das muß ja reizend sein!“
„Sie machen mich nicht irre,“ sagte Elsa mit Pathos: „Jeder Mensch wird mit Flügeln geboren — “ 
„Ja wohl, mit Nasenflügeln!“ — 
„Ach, — ich wollte sagen: Er versteht sie nur nicht zu gebrauchen!“
„Komm, liebe Elsa, laß uns gehen, mit den Herren ist nicht zu streiten,“ nahm Angelika das Wort. „Verabschiede Dich bei der Mutter, wir haben ja einen Weg.“
Elsa tat, wie ihr geheißen. Hinter der Staatsrätin unter der Tür stand Ernestine in tiefer Niedergeschlagenheit. Elsa näherte sich ihr und flüsterte: „Schlafen Sie wohl, — wenn der schüchterne Morpheus86 sich Ihrem gewappneten Genius überhaupt zu nahen wagt!“
Ernestine verneigte sich stumm.
Herbert zog Elsa fort, indem er ihr zuraunte: „Mache ihr nur Elogen!87 Ich werde sie vernichten! Der <<kleine>> Mann soll ihr noch fürchterlich groß erscheinen!“
„Gute Nacht, süße Mutter. Gute Nacht — arme Ernestine!“ sagte Angelika und hatte kaum noch Zeit, Beide zu küssen, denn ihr ungeduldiger Gatte hob sie ganz einfach auf und trug sie mit der brennenden Zigarre im Munde die Treppe hinab. 
„Gute Nacht, Professor Möllner,“ flüsterte Elsa: „Das Bächlein zieht seinen Weg weiter dem Meere der Vergessenheit zu!“
„Gute Nacht, gute Nacht,“ erscholl es in allen Tonarten, und Vater Heim summte mit seinem rauhen Baß ein altes Burschenlied, in das die Herren luftig einstimmten, denn, die Störung durch die „verrückte“ Hartwich ausgenommen, war es doch im Ganzen recht hübsch gewesen und Möllners Havana schmeckten auf dem Heimweg in der frischen Nachtluft vortrefflich. — Hätte nur die Hartwich nicht den Scherz mit der Elsa verdorben, das wäre zu köstlich geworden. — Da war ihnen denn doch die Elsa noch lieber, die war auch eine Närrin, aber über sie konnte man wenigstens lachen, das konnte man über die Hartwich nicht. Die Hartwich war auch noch so verteufelt gescheit und wußte ihre Narrheit zu verfechten; da hörte ja aller Spaß auf! — So plaudernd, singend, lachend zog der Schwarm am Hause vorüber in die stille, sternfunkelnde Nacht hinein.
Die Staatsrätin war mit Ernestinen in das Zimmer zurückgekehrt. Johannes, der die Haustüre hinter den Gästen geschlossen hatte, trat wieder ein und nahm sich neben Ernestinen einen Stuhl. „Komm Mütterchen, setze Dich zu uns und lerne unsere Ernestine erst noch ein wenig kennen, bevor Ihr schlafen geht.“
Doch die Staatsrätin nahm ihr Schlüsselkörbchen zur Hand: „Ich bedaure, ich muß Wäsche herausgeben und das Bett des Fräuleins bereiten. Die Dienstboten haben noch mit Aufräumen zu tun.“ 
„Mutter, laß doch die Regine das machen und bleibe bei uns,“ bat Johannes mit leisem Vorwurf. „Die Tafel kann ja bis morgen stehen bleiben!“
„Das geht nicht wohl wegen des Silbers. Auch wird das Fräulein der Ruhe bedürfen.“
„Ich beklage sehr, Ihnen so viel Mühe zu machen,“ sprach Ernestine peinlich berührt.
„O bitte, das tue ich ja mit Vergnügen!“ Mit diesen kalten Worten verließ die Staatsrätin das
Zimmer.
Ernestine saß bleich und erschöpft da. 
Johannes faßte ihre Hand: „Geduld, Geduld, meine Ernestine, sie wird sich — Ihr werdet Euch wiederfinden!“
Ernestine schüttelte stumm das Haupt, schwere Wolken lagen auf ihrer Stirn: „Auch hier ist keine Heimat für mich!“
„Noch nicht — aber sie kann es werden!“ 
„Nein — niemals!“
Johannes preßte die Lippen schmerzlich zusammen: „Ernestine, Du ahnst nicht, wie weh Du mir tust!“
„Ihnen, mein Freund? Ihnen sollt’ ich weh tun, dem Einzigen, der mir wohlgetan? O nein, das will ich nicht, — gewiß nicht!“ Und sie neigte sich mit tiefem, fast kindlichen Gefühl zu ihm und legte ihre Hand auf die seine.
„O, wenn Du so bist,“ sagte Johannes, sie mit heißer Liebe betrachtend, „dann fragt man sich, ob Du denn dieselbe sein kannst, dieselbe Ernestine, die ihr köstliches, reiches, unergründliches Herz und alle seine Freuden einem Phantom opfern will, einem Streben, das nicht den tausendsten Teil des Glückes aufwiegt, das sie sich und Andern bereiten könnte. O mein Gott!“  Er drückte seine Augen in Ernestinens Hand, sie ward von Tränen genetzt: „Jedes Wort, das Du heute gesprochen, war mir ein Dolchstoß. War es denn möglich, daß Du so denken und fühlen konntest nach der Stunde, die wir heute zusammen erlebt? O Du schöne, weiße Rose, Du neigtest Dich zu mir, daß ich Dich pflücke, und da ich es tun will, wehren es Deine Dornen!“
Ernestine legte die noch freie Hand auf seine gesenkte Stirn: „Johannes, teurer — ja — unendlich teurer Freund, haben Sie Nachsicht mit mir! Vermöchten Sie sich doch nur einmal in meine Seele zu denken! Von frühster Kindheit an, in einer Zeit, wo alle Menschen auf den Armen der Liebe getragen, im Schoß der Liebe gebettet werden, ward ich getreten, herumgestoßen, fast zu Tode gequält, weil ich — ein Mädchen war. Jeder Schmerzensschrei meiner Brust, jeder Gedanke meiner Seele, jedes Gefühl meines jungen Herzens fragte: Warum, warum muß ich es so furchtbar büßen, daß ich kein Knabe bin? Und in jede Wunde, die mir geschlagen, ward die Saat gestreut, die Saat der Rache für mich und mein Geschlecht, des Ehrgeizes, es denen gleich zu tun, welchen ich so erbarmungslos hintangesetzt ward. Sie reifte schnell in der Glut des Zornes über die Ungerechtigkeiten, die ich mein Geschlecht erdulden, die Schwierigkeiten, mit denen ich es kämpfen sah, wo es sich über das Gewöhnliche erheben wollte. Sie wuchs mit mir, sie ward groß, sie durchzweigte mein geistiges Sein, wie die Adern und Nerven meinen Körper; reißt sie heraus und fordert dann noch, daß ich lebe!“
Johannes hielt ihre Hand in der seinen und hörte ihr sinnend zu.
„Es ist,“ fuhr Ernestine fort — ,,als ob mein Herz erstarrt wäre, als es am Schmerzlichsten jenes <<Warum bin ich weniger wert als ein Knabe?>> gen Himmel schrie, und als ob sich diese Frage darin versteinert hätte, daß ich nichts mehr wünschen und erstreben könnte, als die Antwort aus dies Warum?! Warum sind wir dem Manne untertan. Warum hängen wir von seiner Großmut ab und müssen elend werden, wo sie fehlt? Weil der Mann der stärkere ist? Die Zeiten des Faustrechts sind vorüber! — Ob nur das uralte Vorurteil seit Menschengedenken die Entwicklung des Weibes zurückhielt, oder ob dieser wirklich physische Hindernisse entgegenstehen, darauf kommt Alles an. Und nicht eher werde ich Frieden finden, als bis ich mich durch die Wissenschaft hiervon überzeugt!“
„Und glaubst Du nicht, Ernestine, daß es noch eine dritte Macht gibt, die das schwächere Geschlecht dem stärkeren unterordnet, eine Macht höher als die des Faustrechts, zwingender als die des Geistes: die Liebe?“
Ernestine sah ihn groß und ruhig an: „Ich glaube nicht, daß die Liebe vollbringen darf, was die Vernunft nicht billigt.“
„Wirklich?“ Johannes schwieg eine Sekunde, dann schritt er mit unterschlagenen Armen im Zimmer auf und nieder und trat endlich vor sie hin. „Du sprichst von einem Gefühl, das Du nicht kennst — aber, wie Du auch heute manche keimende Hoffnung in mir zerstörtest, die eine nimmst Du mir nicht. Du wirst es noch kennen lernen!“
Die Staatsrätin kam herein. „Mein Fräulein, Ihr Zimmer ist bereit, beliebt es Ihnen, mir zu folgen?“
„Mutter,“ rief Johannes, „sei nicht so kalt und förmlich gegen Ernestine. Wer mir so nahe steht, darf Dir nicht ferne bleiben.“
„Ich wüßte nicht, worin ich gegen Fräulein von Hartwich gefehlt hätte, wir sind uns ja noch gänzlich unbekannt.“
„Gewiß, Frau Staatsrätin, Sie haben Recht,“ sagte Ernestine. „Ich bin nicht so unbescheiden, mehr von Ihnen zu fordern, als was Sie dem Fremdesten gewähren — schon das fällt mir schwer, von Ihnen anzunehmen. Ich folge Ihnen auf mein Zimmer, um Sie nicht länger von der eigenen Ruhe abzuhalten — aber seien Sie versichert, ich werde es nur für eine Nacht in Anspruch nehmen!“
Sie wandte sich zu Johannes und reichte ihm mit einem unbeschreiblichen Blick die Hand:
„Schlafen Sie wohl, mein guter Herr!“
„Gott schütze Deinen ersten Schlummer unter meinem Dach!“ sagte Johannes bewegt, und es war, als nehme dieser Wunsch die lichte Gestalt ihres verlorenen Schutzengels an und schwebe vor ihr her die Treppe hinauf bis in das trauliche Mansarden-Stübchen, in das die Mutter sie führte, als stelle er sich zu Häupten des schneeigen Lagers und fächle mit seinen Schwingen ihrer brennenden Stirn Kühlung zu. 
„Mutter,“ sprach Johannes ernst, als die Staatsrätin wieder herunter kam. „Heute warst Du zum ersten Mal in meinem Leben nicht meine Mutter!“

Viertes Kapitel.
Unversöhnliche Gegensätze.
Der Morgen strahlte golden durch die weißen Mousselinevorhänge herein, die Ernestinens  Fenster verhüllten, und noch schlief sie fest und friedlich wie ein Kind. Zum ersten Male seit vielen Jahren schreckte sie die Hast der Arbeit nicht auf, stand das Gespenst des Oheims nicht pochend hinter der Tür; der Schutzengel, den Johannes ihr mitgegeben, ließ es nicht heran. Er hielt noch immer zu ihren Häupten treulich Wache und es war, als empfände das ganze Haus seine heilige Nähe, denn es herrschte darin eine feierliche Stille wie in der Kirche. Alle seine Bewohner waren auf, aber das Gebot des Hausherrn bannte jede Hand, die eine Tür zu schließen hatte, daß sie es leise tat, jeden schreitenden Fuß, daß er sachte ging. Johannes schützte Ernestinens Schlummer, er war ihr so nötig! Und wie laut sein Herz ihrem Morgengruße entgegenschlug, auch dies brachte er zum Schweigen!
Mit tiefen, vollen Zügen atmete die Schlafende die Wohltat der Ruhe ein, die sie umgab — und welch eine Wohltat war das für die Todmüde!
Die Staatsrätin hatte den Frühstückstisch gerüstet und saß mit der Arbeit am Fenster. Ihre Hände lagen aber mit Nadel und Faden im Schoße und ihre noch vom Weinen geröteten Augen blickten trübe in das kleine Spiritusflämmchen, das seit einer Stunde unter der Kaffeemaschine brannte. 
„Was meinst Du? Ich werde wohl frischen Kaffee kochen sollen, es dauert gar zu lange!“ redete sie den eintretenden Sohn an.
„Wie Du willst, Mütterchen,“  sagte Johannes. „Du weißt, ich verstehe davon nichts!“
Die Staatsrätin klingelte dem Mädchen: „Regine, nimm den Kaffee hinaus und bring die Maschine wieder, ich will andern machen.“
Das Mädchen schnitt ein Gesicht und tat unwillig, was ihr geheißen. „Schade um den schönen Kaffee,“ murrte sie im Hinausgehen.
„Ich finde es sehr unangenehm, Mutter,“ bemerkte Johannes, „daß die Regine sich gewöhnt, alle unsere Anordnungen einer Kritik zu unterziehen. Ich habe nicht gerne solche Dienstboten um mich. Kannst Du ihr das nicht abgewöhnen, dann bitte ich, Mutter, daß Du die Person entfernst.“
„Sie ist aber tüchtig in der Arbeit und ehrlich,“ entgegnete die Staatsrätin.
„Das mag schon sein, aber deren gibt es wohl noch Manche, die zugleich bescheidener und freundlicher sind. Ich will nicht in jedem frohen Augenblick den Ausdruck des Mißbehagens auf einem Gesicht meiner Umgebung sehen. Ich will Menschen um mich haben, die ihre Pflichten mit Freudigkeit erfüllen.“
„Solche fallen einem nicht gleich in den Schoß.“
„So muß man sie suchen!“ sagte Johannes und brach kurz das Gespräch ab, indem er die Morgenzeitung zur Hand nahm und darin blätterte.
Die Staatsrätin seufzte, aber sie schwieg.
Regine brachte die Maschine wieder herein und fragte verdrossen: „Soll das Fräulein oben noch nicht geweckt werden?“
„Nein!“ war Johannes’ kurze Antwort.
„Da muß man dann das Kaffeegeschirr auswaschen, wenn man zu Mittag kochen sollte,“ murmelte sie wieder und schloß etwas unsanft die Tür hinter sich.
„Nun, Mutter, hab’ ich’s genug. Ich kann mich nicht mit den Mägden herumzanken, aber ich kann sagen, welche mir angenehm ist und welche nicht. Die Regine ändert sich, oder sie geht!“
„Du bist auf einmal so unnachsichtig gegen das Mädchen“ — sagte die Mutter bitter — „wenn Du nur immer in Deinem Leben so unbedingten Gehorsam findest.“
„Ich weiß, worauf Du anspielst, Mutter — aber das trifft mich nicht. Ich fordere von Jedem nur, was er leisten kann, von der Magd, die ich bezahle, Gehorsam — von dem Weibe, das mir ebenbürtig ist, Liebe!“
„Mit der Liebe allein ist’s nicht getan!“
„Mit der wahren Liebe — ja!“
„Es bedarf auch der Hingebung, der Opferfähigkeit.“
„In der wahren Liebe liegt Alles: Hingebung, Aufopferung — sie gibt das ganze Selbst!“
„Nicht Jede vermag, wahrhaft zu lieben. Darum sei auf Deiner Hut, damit man Dich nicht absichtlich oder unabsichtlich täusche.“
„Beruhige Dich, Mutter — und erspare mir Deine Zweifel,“ sagte Johannes mit ungewohnter Strenge und vertiefte sich wieder in die Zeitung, während sein Ohr auf jedes Geräusch an der Tür lauschte.
Die Staatsrätin holte aus einem Wandschränkchen eine zierliche Handmühle und begann, den neu zu bereitenden Kaffee zu mahlen. Die Uhr schlug halb neun.
„Man sieht, daß die junge Dame an keine Hausordnung gewöhnt ist,“ konnte die Staatsrätin nicht umhin zu bemerken.
„Ich sehe nur, daß sie nach dem gestrigen Tage des Schlafes bedurfte!“
„So lange schläft man nicht, wenn man gewöhnt ist, rechtzeitig aufzustehen.“
„Wenn man die ganzen Nächte durch arbeitet, kann man das nicht.“
„Eine schlimme Eigenheit für eine Hausfrau!“
„Mutter,“ fuhr Johannes auf, „ich würde irre an Dir, kennte ich Dein Herz nicht so gut!“
„Wirklich?“ Die Staatsrätin schüttete den Kaffee auf, ihre Hände zitterten aber merklich dabei: „Dieses Mädchen bringt viel zu Stande! Seit sie im Hause, ist Alles anders. Heute wirst Du irre an mir — gestern war ich Deine Mutter nicht mehr! Und dennoch, mein Sohn, habe ich mich nie, nicht in der Stunde, da ich Dich mit Schmerzen gebar, so sehr als Deine Mutter gefühlt, wie in dieser schweren Sorge um Dein Glück!“ — Sie konnte nicht weiter sprechen, die Bewegung übermannte sie.
„Mütterchen,“ rief Johannes und umschlang die alte Frau zärtlich. „Du sollst nicht weinen um ein rasches Wort von mir. Komm, sei ruhig — ich bin heute so froh! — Geh, geh. Du gute Mutter, hol die Rute für den ungezogenen alten Jungen!“ Die Staatsrätin lächelte wieder und streichelte das glänzende Haar des liebenswürdigen Mannes.
„Gott segne Dich — Du guter Sohn! Es ist ja nichts als Liebe, wenn ich Dich nur der besten, der edelsten aller Frauen gönne, wenn ich zittere, daß Du, ein Mann, wie’s keinen zweiten mehr gibt, Dich an ein Weib wegwirfst, das Deiner unwürdig wäre!“
„Glaube mir, Mutter, ich verstehe Dich und danke es Dir, aber, wenn Du mich glücklich machen willst, dann liebe mich etwas weniger und Ernestinen etwas mehr! Das ist Alles, was ich von Dir fordere, willst Du mirs nicht gewähren?“
„Das Erstere kann ich nicht— das Letztere aber will ich versuchen, weil Du es wünschest, mein Sohn!“
„So ist’s recht, Mutter!“ rief Johannes und küßte ihre immer noch schönen Hände. „Und nun erlaube ich Dir auch, daß Du unsern Gast weckst, ich möchte sie doch gerne noch sehen, bevor ich ins Kolleg muß!“
„Hier ist sie schon!“ sagte die Staatsrätin und ging der Eintretenden entgegen. „Guten Morgen, mein liebes Fräulein, wie haben Sie geruht?“ und sie bog Ernestinens Kopf ein wenig herab und drückte einen Kuß auf ihre Stirn.
Ernestine sah sie überrascht und dankbar an: „O ich schlief wie von Engeln gewiegt. So erfrischt, so erholt fühlt’ ich mich lange nicht!“ Dann streckte sie Johannes einen Strauß weißer Rosen hin und fragte: „Haben Sie die schönen Rosen vor meine Tür legen lassen?“
Johannes errötete leicht, sein Auge haftete trunken auf der herrlichen Erscheinung: „Ja, ich legte sie selbst dahin.“
„Ich danke Ihnen!“ sagte Ernestine. „Sie sind so gut gegen mich wie nie ein Mensch! Ich habe wohl viele Blumen in meinem Garten, aber keine freute mich so — wie diese. Ich bekam, so lange ich lebe, noch keine Blumen geschenkt. Jetzt weiß ich erst, wie wohl das tut.“
„Hat Ihnen Ihr Oheim nie zum Geburtstag einen Strauß beschert?“ fragte die Staatsrätin.
„O nein! Und am Ende hätte es mich auch von ihm nicht einmal so gefreut!“ meinte Ernestine mit ruhiger Unbefangenheit.
Johannes’ Gesicht strahlte bei diesen Worten. „Wann ist denn Dein Geburtstag, Ernestine?“ fragte er, während die Staatsrätin sie zum Frühstücken nötigte.
Ernestine setzte die Tasse nieder, die sie eben zum Munde führen wollte und blickte ihn verwundert an: „Das weiß ich nicht!“
„Du weißt es nicht?“ rief Johannes.
„Ich will meinen Oheim fragen. Er hat mir’s wohl einmal gesagt, aber ich habe es vergessen.“
Die Staatsrätin schlug die Hände zusammen: „Vergessen, den eigenen Geburtstag? Ist das möglich! Wurde er denn nie gefeiert?“
„Gefeiert?“ wiederholte Ernestine verwundert. „Nein! — Weshalb sollte er gefeiert werden?“
„Wie — Sie kennen diesen schönen Liebesbrauch gar nicht?“
Ernestine schüttelte fast wehmütig den Kopf: „Ich kenne keinen Liebesbrauch.“
Die Staatsrätin sah sie mitleidig an. „Da wissen Sie wohl kaum, wie alt Sie sind?“
„Genau freilich nicht, aber mein Vater starb, als ich zehn Jahre alt war. Er warf mir kurz vor seinem Tode vor, daß ich als ein zehnjähriges Mädchen noch so klein und schwach sei. Seitdem aber sind zwölf Sommer verstrichen.“
„Armes Kind,“ sagte die Staatsrätin. „Jetzt wird mir manches klar!“
„Nicht wahr, Mutter?“ Johannes nickte ihr über den Tisch herüber.
„Da ließ Ihr Oheim Sie viele Lebensfreuden entbehren,“ fuhr die Staatsrätin fort.
„Solche wohl — aber ich will nicht undankbar sein, er gab mir andere dafür — und nicht minder hohe und schöne!“
„Und welche wären denn das?“
„Er lehrte mich denken und arbeiten! Größere und reinere Freuden gibt es nicht!“
Die Stirn der Staatsrätin umwölkte sich wieder.
Johannes sah es und brach das Gespräch ab. „Ernestine, es ist Dir nicht gesund, daß Du den Kaffee ganz schwarz trinkst. Das reizt Deine Nerven noch mehr.“
„Im Gegenteil, mein Oheim empfahl mir, ihn so zu nehmen, um mich wieder zu beleben. Ich könnte ohne dies Mittel des Morgens mein Tagewerk oft gar nicht beginnen.“
„Das stimmt vollkommen mit der Erziehungsmethode Deines Oheims überein. Erst spannt er Dich übermäßig durch Wachen und Nachtarbeit ab und dann regt er Dich durch künstliche Mittel wieder auf. Du wirst aber doch endlich einsehen, daß Du Dich bei dieser Lebensweise, wo nur Erschlaffung und Überreizung mit einander wechseln, aufreiben mußt. Ich weiß in der Tat nicht, was ich von dem Gewissen Deines Oheims auch in diesem Punkte denken soll!“ Ernestine sah betroffen vor sich nieder, sie erkannte die Wahrheit in Johannes’ Worten.
„Aber sage mir, Johannes,“ bemerkte die Staatsrätin, „Du beobachtest eine seltsame Etikette — Du nennst das Fräulein <<Du>>, ohne daß sie Dich durch ein Gleiches dazu berechtigt?“
„Sie will es ja so!“
„O ja, ich bat Ihren Sohn darum. Es ist mir so heimatlich, wenn er zu mir spricht wie damals, als ich noch ein Kind war! Es ist mir dann, als sei ich wieder ein Kind und könne mein Leben von Neuem beginnen!“
„Dann sollten Sie aber wenigstens auch <<Du>> sagen, so etwas darf doch nicht einseitig bleiben.“
Ernestine errötete: „Ersparen Sie mir das, ich kann es nicht — noch nicht, vielleicht später.“
„Überlasse das der Zeit und Ernestinens Gefühl, liebe Mutter. Ich bitte sie nicht mehr darum, bis sie es von selbst tut. Und sie wird es tun, wenn sie mir einmal eine rechte Freude machen will!“ Johannes stand auf und reichte ihr die Hand. „Lebe Wohl, Ernestine. Ich habe um neun Uhr Kolleg. Aber sowie ich fertig bin, komme ich wieder.“
Ernestine sah ihn mit schwimmenden Augen an und hauchte kaum hörbar: „Leb wohl, mein Freund!“
Johannes zog voll inniger Freude ihre Hand an seine Brust: „Ich danke Dir.“ Dann wandte er sich zur Mutter: „Liebe Mutter, ich überlasse Dir Ernestine auf eine Stunde und hoffe von ganzer Seele, daß Ihr Euch verstehen lernt. In jedem Falle sei eingedenk dessen, was Du mir versprachst.“
„Verlaß Dich darauf, mein Sohn.“ 
Er ging bis zur Tür, zögerte aber und rief die Mutter noch einmal zu sich. Sie kam und er flüsterte ihr flehend zu:„Sei gut mit ihr, was Du ihr tust — das tust Du mir.“
Noch einen letzten, sehnsüchtigen Blick heftete er beim Hinausgehen auf Ernestine, dann schloß sich die Tür hinter ihm. Es wurde ihm so schwer, zu gehen. Es war ihm, als müsse er bleiben, als könne ihm Ernestine entfliehen, wenn er nicht behütend seine Arme um sie breite. Er wäre am liebsten umgekehrt, hätte die Pflicht ihn nicht gerufen. „Wenn ich sie nur wiederfinde!“ sagte er im einen Augenblick und im andern schalt er sich kindisch um diese Besorgnis. Er hatte sie eben gar zu lieb. Die Stunde, die eine Stunde Kolleg dünkte ihm eine Ewigkeit. Er sehnte sich dem Wiedersehen entgegen, als er noch kaum die Schwelle überschritten, die ihn von ihr trennte.
Wie schön war sie heute nach dem erquickenden Schlummer, wie mädchenhaft, ja fast bräutlich! O, wenn er zurückkam und sie ihn wieder ansah mit dem schwimmenden Blick, dann wollte er sich nicht länger halten, wollte sich ihr zu Füßen werfen und sie bitten, die Seine zu werden. Es mußte ja endlich gesprochen werden das entscheidende Wort, er bedurfte der Klarheit. Zweifel, wie die, in welche ihn der seltsame Widerspruch stürzte, der zwischen Ernestinens kalten, starren Grundsätzen und ihrem warmen, persönlichen Benehmen gegen ihn bestand, waren ihm auf die Dauer unerträglich. Nur eine Stunde noch trennte ihn von dem Ziele, dem alle seine Pulse mit voller frischer Manneskraft entgegenschlugen: „Wäre sie nur schon vorüber!“
*				*
*
„Essen Sie gerne Bohnen?“ fragte die Staatsrätin Ernestinen.
„Weshalb fragen Sie mich das?“
„Weil ich Ihnen heute Mittag welche vorsetzen will.“
„Ich danke Ihnen, aber ich darf nicht mit Ihnen speisen.“
„Warum denn nicht?“
„Mein Oheim könnte unverhofft von seiner Reise zurückkehren und mir zürnen, wenn er mich nicht zu Hause fände.“ 
„Sonderbar — wie kommt es, daß Sie, die stets nach Freiheit streben, sich so streng bevormunden lassen? Ist das nicht ein Widerspruch?“
Ernestine stutzte.
Die Staatsrätin fuhr fort: „Sie kämpfen für die Unabhängigkeit der Frauen, schelten den Gehorsam einer Gattin gegen ihren Ernährer Sklaverei und konnten sich von einem Manne, der, wie ich die Verhältnisse kenne, eher von Ihnen abhängig ist, als Sie es von ihm sind, konnten sich so wenig von ihm emanzipieren, daß Sie es nicht wagen, einen Tag auszubleiben ohne seine Erlaubnis?“
Ernestine war höchst betroffen, „Sie haben Recht. Aber in diesem Zwange bin ich aufgewachsen. Er wurde mir zur Gewohnheit, deshalb bin ich mir seiner nicht mehr bewußt, und er trat niemals so schroff meinen Wünschen entgegen, daß er mich gereizt hätte, ihn abzuschütteln.“
„Nun frage ich Sie aber, mein liebes Fräulein, ist diese stumpfe, halb unbewußte Gewöhnung edler, als der freiwillige, liebende Gehorsam, den sich die Frau für den angetrauten Gemahl auferlegt?“
Ernestine schwieg einen Augenblick, dann sagte sie mit ihrer großherzigen Offenheit: „Nein, das ist sie nicht. Aber ich habe sie mir nicht selbst auferlegt und darf mich nicht davon befreien, so lange mein Oheim das gesetzliche Recht der Vormundschaft über mich hat.“
„So weit dehnt sich dies gesetzliche Recht aber denn doch nicht auf Ihre persönliche Freiheit aus, daß er Ihnen verbieten könnte, was gegen kein Gesetz verstößt.“
„Er sagte mir immer, der Vormund sei der Herr des Mündels. Und erstreckte sich diese tyrannische Verordnung nicht gleichmäßig auf das männliche wie weibliche Geschlecht — ich hätte sie längst in meinen Schriften angefochten.“
„Das würde nun freilich nicht viel geholfen haben,“ meinte die Staatsrätin kühl.
Ernestine zuckte die Achseln: „Dies ist wohl bei jeder meiner Schriften der Fall. Sie sollen und wollen aber auch nichts sein, als einer der vielen Wassertropfen, die den Stein aushöhlen, der den freien Strom der gesunden Vernunft dämmt.“ 
„Wir wollen uns nicht auf ein so abstraktes Gebiet verlieren,“ sagte die Staatsrätin ablenkend. „Ich will Ihnen lieber zureden, heute noch hier zu bleiben.“
„Wenn ich nur wüßte, ob ich Ihnen nicht lästig bin?“
„Mir gewiß nicht und meinem Sohne bereiten Sie eine Freude, die weit größer sein wird, als der Ärger, den Ihr Wegbleiben vielleicht Ihrem Vormunde verursacht. — Doch — Sie müssen wissen, was Sie dürfen!“
Ernestine legte ihre Hand in die der Staatsrätin: „Ich bleibe!“
„Nun das ist schön. Johannes hätte es mir nie verziehen, wenn ich Sie nicht zu halten gewußt.“ Sie klingelte. Regine erschien und holte das Kaffeezeug hinaus.
„Du kannst mir die Bohnen bringen, ich will sie schneiden,“ sagte die Staatsrätin. Regine brachte das Verlangte in einer großen Schüssel und einen Napf für die Abfälle.
„Nicht wahr, Sie erlauben es?“ fragte die Staatsrätin Ernestinen, setzte sich an ihr Fenstertischchen und zog ihr Taschenmesser hervor, um die Arbeit zu beginnen. Ernestine sah ihr erstaunt zu: „Das machen Sie selbst?“
„Warum denn nicht? Das Mädchen hat heute viel zu tun, und da nehme ich ihr gerne etwas ab.
„Ich würde Ihnen helfen, wenn ich könnte,“ meinte Ernestine.
„O versuchen Sie’s nur, wenn es Ihnen Spaß macht. Das ist ja keine Hexerei!“ Die alte Dame suchte, über diese häusliche Anwandlung Ernestinens erfreut, ein zweites Messer hervor und gab es ihr mit einer Bohne in die Hand: „Sehen Sie, nun schneiden Sie zuerst die Stiele und die Fasern ab. So! — Hierzulande zieht man die Fasern nur herunter, das ist aber nicht gut, etwas Zähes bleibt immer, wenn man sie nicht wegschneidet. — So! — Und jetzt schnitzeln Sie die Bohne der Länge nach — halt, nicht so dick, etwas feiner! Nein, den Abfall nicht in die Schüssel, hier in den Napf! Nun sehen Sie, alles in der Welt will gelernt sein. Wenn man es auch voraussichtlich nicht zu machen braucht, man muß es wenigstens können, man weiß ja doch nie, was geschieht!“
Ein leiser Seufzer entstieg ihrer Brust, sie dachte daran, daß auch sie einst in Verhältnissen gelebt, die sie derlei niederer Verrichtungen überhoben — bevor sie ihr Vermögen in dem Geschäft des Bruders eingebüßt.
Ernestine beobachtete mit lächelnder Verwunderung den Eifer, mit dem die Staatsrätin ihre Studien in diesem Fache begünstigte. Ja, sie fragte sich ernstlich, ob denn diese Frau wirklich Geist besitze? Ein prüfender Blick auf die hohe, denkende Stirn und in die klaren, ausdrucksvollen Augen der Sprechenden überzeugte sie jedoch aufs Neue davon.
In diese Reflexionen vertieft, setzte Ernestine zwar die ungewohnte Arbeit fort, aber die Staatsrätin entdeckte plötzlich zu ihrem Schrecken, daß sie in der Zerstreutheit die Abfälle zu den Bohnen und diese zu jenen warf.
„Liebes Fräulein,“ rief sie, „sehen Sie doch, was Sie machen. O, nun muß ich die ganze Schüssel leeren und die Schnitzel heraus lesen!“
Ernestine warf das Messer hin und bog sich im Stuhle zurück. „Ach ich tauge nicht für solche Beschäftigungen. Jedem das Seine! Verzeihen Sie mir, ich glaube wirklich nicht, daß es für mich der Mühe lohnt, dergleichen zu lernen. Ich werde ja nie in die Lage kommen, es zu bedürfen.“
„Wie Sie wollen!“ sagte die Staatsrätin kalt.
„Zürnen Sie mir? Ist es möglich, daß Sie mir zürnen, weil ich nicht Bohnen schneiden kann?“ Sie griff nach der emsigen Hand der alten Frau: „Frau Staatsrätin, haben Sie Nachsicht. Man muß von einem Menschen nicht fordern, wofür er nicht paßt. Verlangen Sie vom Fisch, daß er fliege — vom Vogel, daß er schwimme? Gewiß nicht! — Also fordern Sie auch von einem Wesen, welches nur in einer abstrakten Welt heimisch ist, kein Interesse für den Materialismus des Lebens.“
„<<Sie zanken sich um Bohnen und es handelt sich um Kronen>>, könnte man hier sagen,“ bemerkte die Staatsrätin. „Und dennoch stehen diese Dinge in unserem Falle gewissermaßen in Zusammenhang. Das Wichtigste läßt sich hier nicht vom Unwichtigsten trennen. Solche kleinen häuslichen Verrichtungen, wie untergeordnet, ja nichtig sie auch scheinen mögen, sie gehören nun einmal zu den Obliegenheiten des weiblichen Berufs, sie sind wie die Maschen in einem Gewebe: eine einzige fallen gelassen und allmählich lockert und löst sich das Ganze auf!“
Ernestine zuckte die Achseln. „Sie haben von Ihrem Standpunkte aus Recht, Frau Staatsrätin, aber Ihr Standpunkt ist nicht der meine. Ich suche den weiblichen Beruf in etwas Höherem. Ein edler Geist darf sich nicht zu diesen Sorgen herabdrücken lassen, die — verzeihen Sie den Ausdruck — doch mehr oder minder gemein sind!“
Die Staatsrätin zog die Brauen zusammen, aber sie ließ Ernestinen reden. Diese fuhr fort: „Es ist ja ohnehin schlimm genug, daß uns noch so viel vom Tiere anklebt, daß wir essen und trinken müssen, um die Maschine im Gang zu halten, daß wir in dem Entwicklungsprozeß der Arten keine höhere Stufe der Vollendung erreichten.88 Wir sollten einen Stolz darein setzen, uns selbst weiter zu entwickeln, alle tierischen Bedürfnisse so viel wie möglich in uns zu bekämpfen, nicht aber ihre Befriedigung zu einem förmlichen Studium zu machen. Wir sollten uns unserer gebrechlichen bedürftigen Körperlichkeit schämen, statt sie zu einem Götzen zu erheben, dem zu opfern und zu fröhnen, der höchste Inbegriff weiblicher Tugenden ist.“
„Das klingt Alles sehr schön,“ sagte die Staatsrätin, „aber es ist doch ein beklagenswerter Irrtum. Der Schöpfer hat uns mit der Fähigkeit zum Genuß auch das Recht zu genießen verliehen und Alles, wofür wir sorgen müssen, ist, daß der Genuß schön und edel sei. Es ist eine falsche Scham, die das zu verleugnen sucht, dessen sie sich doch nicht entäußern kann — es ist gerade bei Ihnen, der Naturphilosophin, ein seltsamer Widerspruch. Vor wem wollen Sie sich schämen? Vor Ihrem Mitmenschen? Nicht doch, der teilt Ihre irdische Schwäche. Wo aber ist für Sie, die an keinen Gott glaubt, das überirdische Ideal, der körperlose, keinem Wechsel, keiner Begierde unterworfene Geist, vor dem Sie die Augen niederzuschlagen hätten, weil Sie Mensch sind?“
„In mir ist es, in meiner eigenen Phantasie.“
„Ja, ja, das sind so die Redensarten. Weil Sie keinen Gott haben und ihn doch bedürfen, deshalb wollen Sie sich selbst zu einer Gottheit machen, und es demütigt Sie, daß Sie im Menschenleib umherwandeln müssen!“
„O nein, so eitler Hochmut ist mir fern. Es ist, wenn ich so sagen darf, eine Keuschheit der Seele, die durch die plumpen Anforderungen der Materie beleidigt wird. Und ich fürchtete, mich vor mir selbst zu entwürdigen, wenn ich diesen Anforderungen Zugeständnisse machte, die mir Zeit und Kraft für meine geistigen Arbeiten entzögen.“
„Sie sprechen, als verstände ich unter den Obliegenheiten einer Hausfrau ein Aufgehen in den Raffinements des Materialismus. Ich verstehe darunter noch etwas Anderes als die Sorge für Essen und Trinken. Ordnung und Reinlichkeit zum Beispiel sind Lebensbedingungen und gerade ästhetischen Naturen am unentbehrlichsten, denn sie gehören in das Gebiet des Schönen, und die Hausfrau muß sie überwachen, wenn sie auch noch so viele Dienstboten halten kann. Freilich gibt es Frauen, die sich so viel mit Kehricht und Spülwasser zu schaffen machen, daß man glauben könnte, sie seien aus Liebe zum Schmutze reinlich. Auch das sind Extreme, von denen ich nicht rede. — Die Anleitung der Untergebenen, wenn man deren hat, die Einteilung und Erhaltung des Besitzes, die Beschaffung der Kleidung mit ihren hunderterlei Erfordernissen, endlich die Pflege der Kinder, das alles sind Notwendigkeiten, die keine Frau umgehen kann, nicht die reichste, die sie aber am wenigsten dem Manne aufbürden darf. Ich betrachte es als eine unserer heiligsten Pflichten, ihm die materiellen Sorgen abzunehmen, damit er für die idealen Güter der Menschheit kämpfen könne. Wir helfen so, wenn gleich nur in bescheidenster Weise, doch auch mit an ihren großen Werken, indem wir ihnen die Arbeitskraft frei und frisch erhalten.“
„Ich bekenne offen, daß ich dieser Bescheidenheit nicht fähig bin. Ich kann mich nicht begnügen mit einem Verdienst, das ich mit jeder Haushälterin teilen müßte. Ich fühle die Kraft in mir, der Sache der Menschheit direkt zu nützen, warum soll ich sie an eine Tätigkeit verschwenden, zu welcher auch die Unfähigkeit ausreicht, um den Mann zu unterstützen?“
„Sie unterschätzen diese Tätigkeit, weil Sie sie nicht kennen. Im rechten Sinn erfaßt, mit dem
rechten Geiste ausgeübt, kann sie geadelt und von hoher Bedeutung werden. Denn je gebildeter, je geistvoller eine Frau ist, desto mehr wird sie die Wichtigkeit der Aufgabe begreifen, die der Mann zu lösen hat, und mit ihr die Notwendigkeit, sie ihm durch zarte Sorge für sein körperliches und geistiges Wohl zu erleichtern. Und mit diesem Gedanken vor Augen wird die profanste Beschäftigung ideal, die widerwärtigste Arbeit eine Tat der Liebe. So viel Zeit bleibt aber auch der fleißigsten Hausfrau, wenn sie nur den Willen dazu hat, sich weiter zu bilden und ihre Talente zu üben, um des Gatten Mußestunden zu erheitern. Das, mein liebes Fräulein, das ist es, was ich unter einer Frau, wie sie sein soll, verstehe.“ Sie faßte plötzlich Ernestinens Hand und zog sie näher zu sich. „Und so — warum soll ich es nicht offen sagen, so möchte ich das Weib finden, dem ich eine Mutter werden soll!“
Ernestine sah sie erstaunt an. „Wollen — sollen Sie mir denn Mutter sein?“
Die Staatsrätin stockte einen Augenblick, dann sagte sie: „Ich möchte es sein. Sie sind eine Waise, und ich beklage Sie! Wenn Sie ein Weib würden, wie es sein soll, wenn Sie sich unseren sozialen und christlichen Einrichtungen fügten, dann könnte ich Sie wie eine Mutter lieben!“
Ernestine entzog ihr die Hand. „Ich danke Ihnen für Ihre gute Absicht. Aber wenn Sie mit Ihr Wohlwollen nur unter solchen Bedingungen gewähren, dann kann ich es schwerlich verdienen.“ 
Die Staatsrätin schüttelte das Haupt mit wachsendem Unmut. „Sie haben mich nicht verstanden.“
„Ich habe Sie verstanden — besser als Sie mich!“
„Sie denken wohl, meine hausbackene Weisheit sei für Sie faßlich — die Ihre aber für mich zu hoch!“ Die Staatsrätin legte das Messer in die Bohnen und schob die Schüssel zurück. „Und ich sage Ihnen, es kann auch für Sie die Zeit noch kommen, wo Sie an meine schlichten Lehren denken und es vielleicht bereuen werden, mich zurückgestoßen zu haben.“
„Frau Staatsrätin, ich stoße Sie nicht zurück — ich bin nur zu ehrlich, um ein Gefühl für mich in Anspruch zu nehmen, das mir unter Bedingungen angeboten wird, die ich nicht erfüllen kann. Ich müßte heucheln, um Ihre Zufriedenheit zu erringen — ich bin aber stets wahr gewesen. Es ist Diebstahl, eine Liebe anzunehmen, die auf irrigen Voraussetzungen unseres Wesens beruht. Was hülfe es mir, wenn ich mich jetzt an Ihre Brust geworfen und schweigend Ihre Zärtlichkeit erwidert hätte, während ich doch wußte, daß Sie mich nicht als die liebten, die ich bin, sondern nur als die, für welche ich mich ausgäbe? Später oder früher hätten Sie den Irrtum erkannt und mich um der Täuschung willen verachtet! Nein, ich fühle mich so, wie ich bin, der Liebe edler Menschen nicht unwürdig und kann ich sie mir nicht durch Wahrhaftigkeit und Offenheit verdienen, so will ich sie doch nimmer erschleichen!“
„Sie sprechen sehr stolz! Solche Selbstgefälligkeit steht einem jungen Mädchen einer alten Frau gegenüber nie wohl an, am wenigsten der Mutter ihres besten Freundes und Wohltäters.“
„Frau Staatsrätin,“ rief Ernestine, „die Wohltaten Ihres Sohnes werde ich ihm ewig danken — aber mit Heuchelei und feiger Unterwürfigkeit würde er selbst sie nicht gelohnt wissen wollen!“
„Mein Fräulein,“ sagte die Staatsrätin sich bezwingend, „Sie ereifern sich unnütz. Ich bin eine einfache, praktische Frau, die Ihre Sprache nicht reden, Ihrem Fluge nicht folgen kann. Ich will Sie auch nicht herabziehen zu uns. Ich wollte Ihnen nur diese Erde in ihrer wahren Gestalt zeigen, damit Sie wissen, was Ihrer wartet, wenn Sie sich doch einmal heimisch darauf niederlassen wollten, und Ihnen ein paar mütterliche Arme entgegenbreiten, damit Sie einst auf dem Boden der Wirklichkeit nicht gar zu hart anprallen.“
„O, Frau Staatsrätin, wenn die Erde so ist, wie Sie mir dieselbe schildern, dann bleibe ich lieber oben in einer kälteren aber reineren Sphäre!“
„Nun, ich dächte, eine Sphäre, die Sie nicht vor den Steinwürfen ergrimmter Bauern schützt, wäre denn doch so neidenswert nicht! Ich wenigstens würde ihr eine anspruchslose Pflichterfüllung im stillen häuslichen Kreise vorziehen. Doch, der Geschmack ist verschieden.“
Ernestine zuckte bei diesen Worten zusammen. „Die Wahrheit wird im Himmel geboren und auf Erden gesteinigt! Wer sie auf die Erde bringen will, muß den Mut eines Märtyrers haben! Das sind so alte Gemeinplätze, daß man sie nicht mehr aussprechen kann, ohne banal zu erscheinen. Wer die Wahrheit erkennt, muß sie auch bekennen, und die Seligkeit der Erkenntnis wiegt mir alle Leiden auf, die das Bekenntnis mir brachte.“
„Verzeihen Sie — aber das sind Phrasen, mit denen Sie einen öffentlichen Skandal, wie den gestrigen, nicht beschönigen können.“
„Frau Staatsrätin!“ rief Ernestine erglühend.
„Seien Sie ruhig, liebes Kind, ich spreche als Mutter mit Ihnen. Was haben Sie davon, wenn Ihr Benehmen die <<Wahrheiten>>, welche Sie verkünden wollen, von vornherein diskreditiert? Wer wird an den Verstand und die Lehren einer Frau glauben, die es nicht einmal versteht, die eigene Person vor der Lächerlichkeit zu bewahren? O, hören Sie mich ruhig an, ich rede im Geiste dessen, der jede Stunde sein Leben für Sie gäbe. Ich möchte Alles vom Herzen heruntersprechen, damit nichts mehr zwischen uns sei! Die Welt ist nun einmal erbarmungslos gegen jede Herausforderung in dem Wesen des Weibes, weil ihm unsere Begriffe von Sitte ein bescheidenes Verharren in den Schranken der Familie unerläßlich gebieten und man in dem Mute, sich von so uralten und allgemeinen Gesetzen zu emanzipieren, einen Mangel an weiblichem Scham- und Ehrgefühl sieht, den man nicht empfindlich genug strafen zu können glaubt. Die Öffentlichkeit ist ein dornenvoller Boden. Bei jedem, wenn auch noch so behutsamen Schritt, den das Weib über die Grenze seines Berufs hinaus tut, gerät es in Nesseln und Stacheln, die ihm den ungewappneten Fuß verwunden, die der Mann hingegen sorglos niedertritt. Und gelingt es ihr auch, sich auf diesem unholden Gebiet einen Kranz zu winden, so ist es doch immer, wie einer unserer Dichter sehr richtig sagt, — eine Dornenkrone?!“89
Ernestine blickte starr vor sich nieder. Die Staatsrätin wußte nicht, was in ihr vorging. Plötzlich aber hob sie die stolze Stirn empor. „Und sei es eine Dornenkrone, ich will sie mir auf das Haupt drücken. Immer noch lieber, als die vergänglichen Rosen eines alltäglichen Glückes oder gar die philiströse Haube der deutschen Hausfrau!“
Die Staatsrätin blickte gen Himmel, als bete sie um Geduld. Dann erwiderte sie mit sichtlicher Überwindung: „Ich gebe Ihnen ja zu, daß die Stellung der Frauen im Allgemeinen eine würdigere sein dürfte. Aber wir können sie nicht dadurch verbessern, daß wir uns gegen sie auflehnen, nur dadurch, daß wir sie würdig ertragen, denn letzteres erwirbt uns Achtung, ersteres aber macht uns zum Gespött wie jedes vergebliche Beginnen!“
„Frau Staatsrätin, wahrlich, den Spott, der mir begegnet, hoffe ich noch in Furcht umzuwandeln.“ 
„Und wenn Ihnen dies auch gelingt, was nützt es Ihnen? Ist es ein beglückenderes Gefühl für eine Frau, wenn die Menschen scheu vor ihr zurückweichen, als wenn sich eine Schar froher liebender Wesen um sie drängt, auf die sie sich mit ihrem Herzblut ein heiliges Eigentumsrecht erworben hat?“
„Ich lebe nicht für mich — ich lebe für die Sache von Millionen Frauen, für die ich zu kämpfen berufen bin. Und wenn ich selbst noch so glücklich werden könnte, ich würde mich verachten, wenn ich über das eigene Wohl das Elend so vieler Tausende vergäße. Ich bekenne Ihnen aber auch offen, ich könnte mich nie zufrieden fühlen in einem Leben, wie Sie es der Frau vorschreiben. Wer einmal auf den Wogen des Gedankenmeeres schwamm, das die Welt umschließt, der stirbt am Heimweh, wenn man ihn in die vier engen Wände einer Häuslichkeit sperrt.“
Die Staatsrätin ließ die Arme in den Schoß sinken, ihre Geduld war zu Ende. „Es ist Alles vergebens. Die vernünftigste Vorstellung findet keinen Eingang bei Ihnen!“
„Die vernünftigste Vorstellung nennen Sie das? Nun, ich bekenne Ihnen offen, ich hatte bisher eine andere Vorstellung von dem, was vernünftig ist!“
„Freilich, freilich, — Sie meinen das, was Kant und Hegel so nennen! Sie sind eine Anhängerin der sogenannten <<reinen Vernunft>>, die alles verleugnet, was dem Menschen teuer und heilig sein muß und die Welt viel besser gemacht hätte, wenn ihr der liebe Gott nicht früher ins Handwerk gepfuscht! Mögen Sie immerhin Ihre Lehren der reinen Vernunft in die Welt streuen, sie können nicht viel schaden, denn sie zeigen nur, wie nichtig und unhaltbar die Gründe sind, auf die sich Gottes Gegner stützen. Aber in die eigene Familie nimmt man solch ein Wesen nicht gerne auf. Vertrauen kann solch verneinender Geist nimmermehr erwecken und das schmerzt mich um meines Johannes willen!“
Ernestine schwieg eine Zeit lang, dann sah sie die Staatsrätin traurig an. „Ich habe mich ja nicht um Aufnahme in Ihre Familie beworben, Frau Staatsrätin, ich weiß, daß ich überall mit meinen Ansichten ein Ärgernis bin. Wer die Mängel und Schäden der menschlichen Gesellschaft durchforscht und aufdeckt, der ist nirgend ein gern gesehener Gast, man vermeidet in ihm den verkörperten Vorwurf. Die Emanzipierten schelten mich eine Philisterseele, die Philister eine Emanzipierte. Ich gehöre keiner Partei an und lebe in Opposition mit Allen. Es ist ein furchtbares Los, und nur ein reines Bewußtsein hilft es ertragen.“
„Oder eine große Selbstüberhebung,“ warf die Staatsrätin halblaut hin.
Ernestine errötete über und über. Mit mühsam verhaltenem Zorn erwiderte sie: „Frau Staatsrätin, wenn man sein Leben lang die Bescheidenheit der Gesinnungslosigkeit geübt hat, wie jede Frau in Ihren Verhältnissen es muß, dann ist es leicht, ein Weib, das den Mut seiner Meinung besitzt, der Selbstüberhebung zu beschuldigen!“
„O, man ist deshalb noch nicht gesinnungslos, wenn man auch seine Anschauungen nicht als unumstößliche Wahrheiten mit Kriegstrompeten verkündigt!“
„Frau Staatsrätin!“ sagte Ernestine, am ganzen Körper zitternd. „Wenn ein Tröpfchen von dem mütterlichen Wohlwollen, dessen Sie vorhin erwähnten, in Ihnen wäre, so beurteilten Sie mich weniger hart. Eine Mutter hat Nachsicht für ihr Kind — wie konnten Sie Mutter sein wollen, bevor Sie Nachsicht zu üben vermochten?“
„Ich weiß allerdings nicht, wie ich mich so schwer täuschen konnte. Und dennoch tat ich es — tat es redlich. Gott weiß, ich hatte es gut mit Ihnen vor. Wenn Sie wüßten, welche Rolle Sie in der Welt spielen. Sie würden sich demütiger und dankbarer für das Opfer zeigen. Ja, bäumen Sie sich nur auf, man muß auch Wahrheit ertragen können, wenn man mit der eigenen Wahrhaftigkeit prahlt — also das Opfer sagte ich, das eine Mutter bringt, wenn sie Ihnen dem Sohne zu lieb die Türe ihres Hauses und Herzens öffnet.“
Ernestine saß bleich und stumm da, ihre Hände lagen gefaltet im Schoß, sie vermochte sich nicht zu rühren. Die Staatsrätin fuhr in höchster Erregung fort: „Ich hatte es gebracht— ich hatte mich überwunden und mich über Ihren Atheismus, Ihre Unweiblichkeit, über Ihren Ruf weggesetzt. Ich habe gehofft — für meinen Sohn — gehofft, Sie könnten sich ändern und ich wollte redlich dazu helfen. Aber Sie weisen meine erste Annäherung in einer Art ab, die mich zittern läßt vor dem Gedanken, daß solch verhärtetem Gemüt das weiche Herz meines Johannes anheim gegeben sei, daß er ein Weib an seinem Herd aufnehme, das allen Pflichten der Gattin Hohn spräche, und sein Haus ihn selbst zu Grunde richte.“
Ernestine sprang auf. Sie rang nach Atem, ihre Worte brachen sich abgerissen und mühsam Bahn. „Frau Staatsrätin, ich kann Ihnen versichern, daß niemals zwischen Ihrem Sohne und mir die Rede von einer Verbindung war, daß ich nie dieses Haus betreten hätte, wenn ich gewußt, wie verfemt ich bin. Ich verspreche Ihnen, daß Sie sich beruhigen können, ich werde Ihnen nicht die Schande antun, mich als das Weib Ihres Sohnes aufnehmen zu müssen. Wenn er je mir seine Hand böte, ich würde sie ausschlagen. Da ich an keinen Gott glaube, kann ich Ihnen keinen Eid leisten, aber ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, die mir mehr ist als mein Leben …“
„Halten Sie ein!“ unterbrach sie die Staatsrätin tödlich erschrocken. „Mein Johannes, was tu’ ich? Ernestine, machen Sie es nicht schlimmer, als es ist, treiben Sie es nicht auf die Spitze. Ich wollte ja nicht, daß Sie meinem Sohne, ich wollte nur, daß Sie Ihren Fehlern und Irrtümern entsagen! Versprechen Sie mir, sich zu ändern, und Sie werden meinem Herzen eine geliebte Tochter sein!“
„Ich kann Ihnen das nicht versprechen, — will es nicht. Glauben Sie, ich würde betteln und feilschen um das zweifelhafte Glück, an einem Herde zu walten, wo man mir bei jeder Gelegenheit das Opfer vorwürfe, das man bringt, da man mich duldet, wo alle Anerkennung, die ich mir erwerben könnte, von dem Gebrauch des Staublappens und Kochlöffels abhinge, und ein mißratener Braten mich als ein unnützes Glied der menschlichen Gesellschaft brandmarkte? Nein, Sie kennen mich weniger, als ich es dachte, wenn Sie glauben, daß über die Kluft, die Sie zwischen uns auftaten, je wieder eine Brücke führe. Ersparen Sie mir die Beschämung weiterer Auseinandersetzungen. Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft. Ich gehe von Ihnen, wie schon einmal vor Jahren, wo ich durchnäßt und zitternd vor Ihnen gestanden, und Sie nichts für mich hatten als ein kühles beschämendes Wort, daß ich mich als eine kleine Verbrecherin fühlte, obgleich ich mir so wenig wie heute einer Schuld bewußt war. Damals wäre ich eher gestorben, als zu Ihnen zurückgekehrt, obgleich mich Ihr Sohn, gesegnet sei er, wie eine Schwester betrachten wollte. Nach zwölf Jahren endlich brachte er mich wieder zu Ihnen — und besiegte die alte kindische Scheu — aber im ersten Augenblick, wo ich den Fuß über diese Schwelle setzte und Ihre kalte Begrüßung vernahm, wußte ich, daß auch hier keine Heimat für mich ist!“ 
Sie schlug die Hände vor das Gesicht und lehnte erschöpft den Kopf an die Tür, durch die sie fort wollte.
Die Staatsrätin, schnell versöhnt und gerührt wie alle heftigen, aber im Grunde guten Naturen, eilte auf sie zu und umfaßte sie. „Liebes Kind! Können Sie einer besorgten Mutter ein rasches Wort nicht verzeihen? Mein Gott, es war unrecht, denn Sie sind viel unglücklicher als schlecht. Ich sprach in der Sorge um meinen Sohn ...“
„Sie hätten darum nicht nötig gehabt, mir das Messer in die Brust zu stoßen. Ich habe nie daran gedacht, Ihres Sohnes Weib zu werden. Er ist ein viel zu schroffer Gegner meiner Ansichten, wie teuer er mir auch ist. Ich habe nichts gewollt als das Glück, einen Menschen auf der Welt Freund zu nennen. Doch auch dem kann ich entsagen. Ich werde es Ihnen beweisen. Leben Sie wohl!“
Unaufhaltsam eilte sie vor der Staatsrätin her, die ihr folgte, aber nicht mehr hindern konnte, daß sie ihre wenigen Sachen zusammenraffte und das Haus verließ.
Bang und zweifelhaft blickte ihr die Staatsrätin nach. „Was wird Johannes sagen? Er wird die Mutter verwünschen!“ klagte sie, doch bald richtete sie sich auf und sprach ruhig und fest: „In Gottes Namen denn — ich will es tragen. Es ist doch besser so!“

Fünftes Kapitel.
Die Stärke der Schwachen.
Am Morgen desselben Tages, der Ernestine aus einem kurzen friedlichen Asyl vertrieb, schlief Herr Leonhardt ungewöhnlich lange. Die Frau Schulmeisterin, die ihn nicht zu wecken wagte, sah besorgten Blickes nach der alten Kuckucksuhr, die schon halb sieben zeigte. Es war so natürlich, daß der Greis müde war von den gestrigen schweren Erlebnissen. So erschüttert hatte ihn Frau Brigitte noch nie gesehen, er hatte bitterlich geweint, als er heim kam — geweint mit seinen armen, kranken Augen. Jeder Tropfen war der treuen Gefährtin brennend auf die Seele gefallen. Die Gemeinde, der er durch fast ein halbes Jahrhundert ein ehrenfester, aufopfernder Freund und Leiter war, hatte den Stein gegen ihn erhoben, hatte Alles vergessen, was sie ihm schuldig war; — das brach dem müden zukunftslosen Greis das Herz. 
Frau Leonhardt saß auf der Ofenbank. Sie hatte die guten, dicken Hände gefaltet und dachte darüber nach, wie es geschehen konnte, daß Jemand den Mann kränkte, der für sie der Inbegriff aller Ehre und Würde war! Da hob die Uhr aus, der Kuckuck sprengte sein Türchen und fuhr heraus. Siebenmal schrie er flügelschlagend sein „Kuckuck“ ab und warf das Türchen so derb hinter sich zu, als sei er ärgerlich, daß sich noch immer nichts um ihn rege. Frau Leonhardt erhob sich. Der alte Herr mußte nun aufstehen, denn um acht Uhr kamen die Schulkinder.
Sie stieg eine steile, schmale Hühnertreppe hinauf in den oberen Stock, der nur aus Mansarden bestand und trat leise in die Schlafkammer. Herr Leonhardt lag mit dem Gesicht nach der Wand gekehrt.
„Alter, schläfst Du noch?“ fragte Frau Leonhardt.
„Was ist’s, was gibt’s?“ rief Herr Leonhardt fast erschrocken: „Brennt es wirklich?“
„Alter, Du träumst. Ich dächte, es wäre Zeit zum Aufstehen. Du mußt doch Schule halten!“ 
„Aber liebe Frau, es ist ja noch Nacht. Was tust Du denn schon auf?“
„Nacht?“ lächelte Frau Leonhardt. „Sieh, wie verschlafen Du bist — es ist ja helllichter Tag, schon sieben Uhr!“
„Tag — helllichter?“ rief der Greis mit einem eigentümlichen Tone. Er richtete sich auf —- rieb sich die Augen — rieb sie wieder und starrte in die grellen Sonnenstrahlen, aber seine Wimpern zuckten nicht. Er war todesblaß.
„Wie ist Dir, lieber Mann?“ fragte die Frau beunruhigt.
„Gut, gut, Mütterchen, nur noch ein wenig müde,“ sagte er mit unsicherer Stimme. „Geh nur hinunter — und richte den Kaffee — ich komme gleich nach!“
 „Soll ich Dir nichts helfen? Du zitterst ja — Du hast das Fieber!“ rief Frau Brigitte.
„Nicht doch — ich bin wohl — geh nur, geh, ich bitte Dich.“
Sie gehorchte, so schwer es ihr wurde. Sie war es so gewöhnt. Als sie hinunter kam, mußte sie weinen, sie wußte selbst nicht warum. Sie trug den Kaffee auf. Sie lauschte pochenden Herzens auf Leonhardts Schritt. Eine Ewigkeit von zwanzig Minuten verging — endlich hörte sie ihn die Treppe herabkommen, langsam, unsicher, schleppend. Ihr war es, als stiege ein schweres Unglück zu ihr nieder. Wie sonderbar. Er tastete an der Tür, bevor er sie öffnete. Er mußte recht krank sein. Sie lief ihm entgegen — doch sein Anblick beruhigte sie. Er war sehr bleich, aber sein Ausdruck wieder friedlich und freundlich wie immer. Er legte seine Hand auf ihren Arm: „So, Mütterchen, nun wollen wir frühstücken, Du hast gewiß auf mich gewartet!“
„Freilich, freilich,“ nickte Brigitte und führte ihn zum Tisch. „Hast Du denn Appetit, ist es Dir besser?“
„Ja, meine liebe Frau, schenke mir ein und bediene mich ein wenig. Ich bin noch etwas matt.“
„Gewiß, gewiß,“ die alte Frau goß ihm den Kaffee ein. „Hier ist die Milch.“ Sie stellte die Kanne neben die Tasse.
Vorsichtig griff Herr Leonhardt danach und umspannte mit der Hand den Rand der Tasse, um nicht daneben zu gießen, dennoch schüttete er sich die heiße Milch über die Finger. Aber er sagte nichts und wischte sie ganz heimlich ab. Dann führte er das Getränk langsam zum Munde. Sie legte ihm auch ein Brötchen hin. Er brach etwas davon und aß, aber er brauchte Zeit, bis er den Bissen hinunterschluckte, die zahnlosen Kiefern kauten mühsamer denn je.
„Schmeckt es Dir nicht?“ fragte Brigitte.
„Doch, doch — trink Du nur — trink Du nur!“ Und er horchte, ob sie es tat. Als sie den Kaffee geschlürft hatte und das Schälchen wegsetzte, stellte auch er das seine hin, nachdem er vorher behutsam mit der Hand den Tisch gesucht. Die Frau sah ihm bedenklich zu: „Höre, Alter — mich dünkt, Deine Augen sind heute wieder schlechter!“
„Ich glaube es auch,“ erwiderte er gelassen. „Hast Du gefrühstückt, liebe Frau?“
„Ja wohl, ich bin fertig.“ 
„Nun so komm — und setze Dich zu mir her auf die Bank — ich möchte etwas mit Dir reden — bist Du da? So! Gib mir Deine Hand und höre mir recht ruhig zu.“ 
Die Schulmeisterin sah ihn beklommen an, sie konnte sich nicht erklären, was ihr das Herz so plötzlich zusammenpreßte, daß ihr der Atem verging.
Herr Leonhardt streichelte ihre Hand und sprach freundlich wie zu einem Kinde: „Du hast mir in den achtzehn Jahren, die wir auf einander warten mußten und in den dreißig Jahren unserer Ehe keine trübe Stunde bereitet und auch ich habe Dir an Unangenehmem wohl fern gehalten, was ich irgend konnte. Du hast standhaft jedes gemeinsame Unglück getragen, hast unsere ersten Kinder mit mir begraben und mich getröstet, wenn die Verzweiflung mich übermannte. Diese Kraft bewahre Dir auch jetzt! Ich muß Dir einen großen Schmerz bereiten, ich kann ihn Dir nicht ersparen. So erspare Du mir wie immer den Schmerz, Dich verzagen zu sehen. Versprich es mir!“ 
„Um Gotteswillen, Mann, rede — ich verspreche Dir ja Alles, Alles!“
„Schau, liebe Frau, was wir schon lange befürchten mußten, ist jetzt endlich eingetroffen —„ er zog ihre Hände näher zu sich. „Als ich heute Früh erwachte, wurde es nicht mehr Tag für mich!“ —
Ein dumpfer unterdrückter Jammerton erscholl auf diese Worte — dann war es still, die Hände der alten Frau entglitten ihm — er griff um sich, aber er fand sie nicht mehr neben sich. Sie war von der Bank herabgesunken und hatte das Gesicht in die Arme verborgen, damit er sie nicht wimmern höre. 
„Mutter, wo bist Du?“ fragte er nach einer kleinen Weile.
Die alte Frau umschlang seine Knie und drückte das tränenfeuchte Antlitz darauf: „O Du armer guter Mann — blind! Allmächtiger Gott — die armen, lieben Augen!“ Und mit diesem Weheruf brach auch der ganze, mühsam zurückgehaltene Schmerz hervor und laut schluchzend wand sie sich zu seinen Füßen. 
Herr Leonhardt zog sie sanft empor, ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter, er wartete still, bis der erste Ausbruch vorüber ging. Auch er hatte diesen Morgen Augenblicke gehabt, wo ihn Niemand sehen durfte als Gott — er konnte von dem schwachen Weibe nicht mehr verlangen, als er selbst über sich vermocht. — Endlich sagte er leise und innig: „Mütterchen, Du hast Alles für mich getan, was ein Weib dem Gatten Gutes erweisen kann, — ich dachte immer, mehr sei gar nicht möglich! Und dennoch will der liebe Gott in Deinen alten Tagen das Maß Deiner Aufopferung noch erhöhen und bürdet Dir Schwereres auf, als Du je gedacht. Er macht mich zum hilflosen Krüppel, nimmt Dir die Stütze und fordert von Dir alten, müden Pilgerin, daß Du dem Manne noch auf dem Weg zum Grabe Stütze seist. Das ist wohl hart — aber, liebe Brigitte — wenn der Herr ruft, wie müssen wir antworten?“
„Herr, hier bin ich!“ sagte die Frau und in dem Tone, mit dem sie die Worte sprach, lag eine wunderbare Ergebung und Opferfreudigkeit. Sie umschlang den greisen Gatten und ihre Tränen flössen milder, als sie fortfuhr: „Ich will Dich führen und stützen und nimmer müde werden!“
„Ich danke Dir, Du treues Herz — und nun tu’ mir’s auch zu Liebe und fasse Dich! Denke nur, wie es wäre, wenn Du mich diesen Morgen tot im Bette gefunden hättest — wäre das nicht schlimmer?“ 
„Ja — ach, tausendmal schlimmer!“
„Nun siehst Du, so laß uns nicht mit Gott hadern, daß er mir von den fünf Sinnen, die er dem Menschen verleiht, um die Herrlichkeit seiner Welt zu genießen, einen nahm, — ließ er mir doch deren noch vier. Kann ich auch Dein liebes Gesicht nicht mehr sehen, so höre ich doch Deine milde, tröstende Stimme, fühle Dein treues Walten um mich her. Und kann ich auch die Sonne nicht mehr sehen, so wärmen mich doch ihre Strahlen, ich atme den Duft der Blumen, die sie erschließt, ich genieße die Früchte, die sie reift, ich höre den Gesang der Vögel, die sie jubelnd preisen — und ich werde sie mit ihnen preisen und meinen Schöpfer loben — ja, aus vollstem Herzen! Denn viel, viel hat er mir gelassen! Wir wollen nicht mit ihm rechten um das Maß seiner Großmut dem undankbaren Bettler gleich, der eine Gabe dadurch lohnt, daß er klagt, es sei nicht genug! — Ich habe achtundsechzig Jahre die Sonne gesehen, wie könnte ich darüber murren, daß Gott mir noch vor meinem Eingang zum ewigen Lichte die Binde um die Augen legt, wie man es wohl dem Kinde tut, wenn man es zum hellen Weihnachtsbaum führt! — Ich will die Binde geduldig tragen und meine Seele würdig auf den Anblick der Herrlichkeit vorbereiten, die meiner wartet! So, meine liebe Frau, wollen wir es betrachten, dann werden wir nicht mehr traurig sein!“ 
Der Greis schwieg — seine blinden Augen erglänzten von einem inneren Lichte — es war der Wiederschein jener himmlischen Strahlen, die er im Geiste voraussah.
Seine Frau hatte ihm mit gefalteten Händen zugehört, auch ihre einfache Seele hob eine Ahnung seiner Größe über sich selbst empor und die friedliche Stille, die sie nun umgab, war zu heilig, um sie durch einen Laut irdischen Schmerzes zu stören. Tränenlos hing ihr Blick an den edlen Zügen des Mannes, der ihr das Höchste in der Welt war und sie harrte demütig eines weiteren Wortes von ihm. Endlich rang sich ein Wort über ihre Lippen, das einzige, das in diese Stimmung paßte. „Und unser Sohn?“ fragte sie leise.
Ein schmerzliches Zucken glitt über sein Gesicht: „Das ist das Bitterste — unser armer Sohn! Gott möge ihm die Kraft geben, die er mir einst gab, als ich der akademischen Laufbahn entsagte und Schullehrer ward! Ich habe ihm schon neulich den Ausspruch der Ärzte mitgeteilt, den ich Dir verschwieg, um Dir den Schmerz zu ersparen, so lange es ging. Er schrieb mir noch an demselben Tage einen Brief heraus, den ich Dir jetzt mitteilen werde, wo Dir nichts mehr zu verbergen ist. Du sollst ihn lesen und Dich freuen, einen solchen Sohn geboren zu haben!“
„Der gute Junge!“
„Er will seine Studien aufgeben und meine Stelle hier antreten, damit wir vor Mangel geschützt sind.“
„Wird das aber die Obrigkeit erlauben?“
„Ja, es ist mir bereits gelungen, die Erlaubnis vom Ministerium zu erwirken.“
„Du weiser, vorsichtiger Mann —“ rief die Frau gerührt. „So vorsorglich hast Du alles bedacht und eingerichtet mit dem schweren Kummer auf dem Herzen und hast mir’s verschwiegen — und tröstest mich jetzt, anstatt daß ich Dich tröstete! O Du lieber Gott, wie hab’ ich schlichte Frau solch einen Mann verdient?!“
Sie drückte einen Kuß auf seine hagere Hand. Da erschallten die Tritte der Schulkinder auf der Hausflur. Herr Leonhardt erhob sich und schritt der Tür zu. 
„Warte, ich will Dich führen!“ rief Brigitte.
„O, laß nur — “ wehrte er lächelnd ab. „Ich habe mich schon lange auf meine Erblindung vorbereitet und mich im Gehen und Hautieren mit geschlossenen Augen geübt, um, wenn der Fall einträte, nicht gar so hilfsbedürftig zu sein. Siehst Du — das kommt mir jetzt zu Statten — ich finde ganz gut meinen Weg.“ Er hatte die Türe erreicht und trat hinaus. „Guten Tag, Ihr Kinder!“ rief er den Kleinen entgegen und tastete sich, von Frau Leonhardt ängstlich gefolgt, an der Wand entlang zum Schulzimmer. Über die Schwelle stolperte er ein wenig „Laß nur, laß nur“ — sagte er Brigitten, die ihn unterstützen wollte. „Es will geübt sein, aber es wird bald besser gehen!“ Er suchte und fand sein altes Pult, dort stellte er sich hin und wartete, bis die Kinder ihm gefolgt waren. „Seid Ihr Alle da?“
„Ja!“ erscholl es.
„Nun, so setzt Euch nicht erst, wir können heute keine Schule halten. Liebe Kinder, ich muß Abschied von Euch nehmen, ich darf Euch von heute an nicht mehr unterrichten. Gott nahm mir das Augenlicht! Ich kann Euch und Eure Arbeiten nicht mehr sehen und muß meine Tätigkeit um Euch beschließen. Eure Eltern werden in dem, was mich traf, eine Strafe, ein Gottesurteil für mein Tun erblicken; ich aber sage Euch, wer die Prüfungen, die ihm der Herr schickt, im rechten Sinne erfaßt, dem werden sie keine Strafe, sondern eine Gnade sein! — Prägt Euch dies Wort für Euer Leben ein, es wird Jedem von Euch die heiße Stunde der Reise nahen, wo Ihr verstehen werdet, was Euer alter Lehrer damit meinte. Und nun kommt und reicht mir Einer nach dem Andern Eure Hände! So, ich danke Euch für Eure kindliche Liebe und Anhänglichkeit; den Wenigen, die sie mir verweigerten, vergebe ich von Herzen. Bald wird mein Sohn an meiner Stelle hier stehen. Versprecht nur, daß Ihr ihn ehren und ihm sein schweres Amt durch Fleiß und Gehorsam erleichtern wollt. — Lebt wohl Ihr lieben Kleinen, der Herr segne und behüte Euch!“
Er streckte seine Hände aus und unter lautem Schluchzen drängten sich die Kinder heran, sie zu drücken und zu küssen.
„Wer ist das?“ fragte der Greis bei jedem Einzelnen und schüttelte die kleinen Händchen, wenn ihm der Name genannt wurde.
„Nun weint nur nicht, Ihr guten Kinder. Wir trennen uns ja nicht für’s Leben. Ihr werdet wohl manchmal Sonntags am Schulhaus vorbeikommen und dem alten Lehrer ein Patschchen geben, wenn er auf der Bank vor der Tür sitzt. Und dann laßt Ihr mich an der Stimme raten, wer es ist, und laßt mich messen, um wie viel Ihr gewachsen seid, und erzählt mir, was Ihr gelernt und gearbeitet habt die Woche über. Wer aber in dem Examen am besten besteht, der erhält ein paar Nüsse oder eine von meinen schönen Calvillen oder sonst, was es gerade gibt. Nicht wahr, das wird hübsch werden?“
Die Kinder waren schnell getröstet durch diese Aussicht und eilten von dannen, den Eltern die wichtige Nachricht zu bringen.
Der alte Herr stand nun allein mit seiner Gattin in der verödeten Schulstube. „Komm, liebe Frau, wir wollen einen Boten an Walter senden.“ Noch einmal legte er die Hände auf das Pult. Eine Träne fiel darauf nieder. „’S ist seltsam,“ sagte er, „wie schwer wir uns von einer Stätte losreißen, an der wir lange gewirkt, und wenn es auch nur ein mühevolles, nie gelohntes Wirken war! Der Fleck, an dem das Bewußtsein erfüllter Pflicht haftet, ist unsere Heimat, und wenn wir von ihm scheiden, so ist es, als gingen wir in die Fremde hinaus!“
Er legte seinen Arm in den Brigittens und schritt gebeugten Hauptes über die Schwelle, die ihn von dem bescheidenen Schauplatz seiner Lebenstätigkeit trennte. Jetzt erst erschien er dem besorgten Blicke der Gattin als ein gebrochener Mann.
„Ich muß Dich nun ein Stündchen allein lassen, lieber Alter,“ sagte sie, als sie ihn zur Ofenbank im Wohnzimmer geführt hatte. „Ich muß doch ein wenig zu Mittag kochen!“
„Tue das, Mutter, essen muß der Mensch, ob er traurig oder lustig ist! Und wir sind ja im Grunde gar nicht traurig. Nicht wahr?“ er zwang sich zu lächeln und klopfte sie auf die Schulter.
„Nein, mein Alter, wir sind es nicht,“ sagte die Frau und kämpfte die neu aufquellenden Tränen zurück. Er setzte sich auf die Bank. „Schicke nur gleich den Knecht in die Stadt, daß er Walter hole.“
„Gewiß, gewiß, ich habe selbst keine Ruhe, bis der gute Junge bei uns ist. Auch nach dem Arzte werde ich senden!“
 „Nach dem Arzte nicht, helfen kann er mir ja doch nicht mehr.“
„Ach, mir ist es ein Trost, gönne ihn mir,“ bat die Schulmeisterin und verließ das Zimmer.
Der alte Herr saß ruhig und still da. „So will ich denn mein neues Tagewerk antreten, das schwere Tagewerk des Müßiggangs!“ dachte er, legte die Hände übereinander und starrte ergeben in seine Nacht hinein. 
Eine gute Weile mochte er so gesessen haben, da schrie der Kuckuck die neunte Stunde an, aber das letzte „Kuckuck“ blieb ihm im Halse stecken und er verharrte unter dem offenen Türchen. Die Uhr war abgelaufen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte Herr Leonhardt sie aufzuziehen versäumt. Er erhob sich und tastete sich zu ihr hin, dann ergriff er prüfend die Kettchen und zog sie vorsichtig auf. Der Kuckuck schöpfte wieder Atem, vollendete sein unterbrochenes Lied und schlug sein Türchen zu. „Dich will ich gewiß nicht mehr vergessen, Du alter Genosse, der mir so viele traurige und heitere Zeiten angerufen. Wie werde ich jetzt oft warten, bis Du mir den Verlauf einer endlos langen Stunde ankündigst!“
So dachte der Greis und schleppte sich wieder zu seinem Platze zurück. „Doch etwas getan!“ sagte er, als er sich darauf niederließ. Dann schlich wieder Minute um Minute hin und Viertelstunde um Viertelstunde — und der alte stille Mann hatte nichts als seine Gedanken. Sein Haupt sank immer tiefer auf die Brust herab, die Dunkelheit machte ihn schläfrig, er hörte endlich auch auf, zu denken.
Die Schulmeisterin hatte ein paar Mal hereingeschaut, aber sich leise wieder zurückgezogen, weil sie seinen Schlummer nicht stören wollte.
Es war fast zwölf Uhr.
Da rauschte etwas zur Türe herein, der Greis fühlte den weichen Luftzug, den eine rasch nahende Gestalt vor sich hersandte und hob das Haupt. Die Gestalt warf sich ihm zu Füßen, er griff mit der Hand nach ihr und berührte ein welliges seidenes Haar.
„Vater Leonhardt!“
„O das ist Fräulein Ernestine!“
Ernestine sah ihn an, ihr Blick haftete erschrocken an seinen Augen, sie bemerkte, daß die Pupille nicht mehr gegen das Licht reagierte.
„Herr Leonhardt, was ist’s mit Ihren Augen?“
Er lächelte. „Die haben ausgedient!“
„O mein Himmel — schon? Ich dachte, es würde noch Monate währen!“
„Ein paar Monate später oder früher — was darauf an!“ sagte der alte Mann ruhig.
Ernestine beobachtete ihn mit Staunen, sie faltete unwillkürlich die Hände. „Ist es möglich? Mich schüttelt Fieberschauer beim Anblick solchen Jammers, und Sie, den er soeben getroffen, Sie sind so gefaßt? Sagen Sie — o, sagen Sie mir, was gibt Ihnen diese übernatürliche Kraft?“
Der Greis blickte mit den toten Augen empor. „Die Religion, mein liebes Fräulein!“
Ernestine sah vor sich nieder. „Wohl Ihnen!“
„Ja, wohl mir!“ wiederholte Herr Leonhardt.
Eine lange Pause entstand. Endlich fragte der Greis teilnehmend: „Wie ist Ihnen nach dem gestrigen schweren Tage?“
„O Vater Leonhardt, fragen Sie mich nicht, wie mir ist! Bis zu diesem Augenblick glaubte ich, sehr elend zu sein, aber Ihr Unglück lehrt mich den eigenen Schmerz verachten! Was ist dagegen all das eingebildete Weh, das nur auf falschen Voraussetzungen beruht? Was ist es, wenn mich die Menschen mit Füßen treten, weil ich anders denke als sie? Was gibt mir ihre Achtung, was nimmt mir ihre Geringschätzung? Jene gibt, diese nimmt mir keinen Sonnenstrahl, keinen Sternenschimmer! Ich sehe das goldene Gestirn des Tages, es leuchtet mir zu meiner Arbeit und ich bin jung und fähig, zu arbeiten. Ich sehe die Schönheit der Welt, das All malt sein Bild in den engen Rahmen meines Auges, meine Seele badet sich im Lichte und ich sollte noch für gekränkten Stolz und beleidigte Eitelkeit Raum haben, wenn ich eine andere, eine große erleuchtete Seele still und klaglos untertauchen sehe in ewige Nacht? Nein, Vater Leonhardt, du heiliger Märtyrer — ich schüttle ihn ab den kleinen persönlichen Schmerz und weine nur noch um Dich!“ Sie warf den Kopf in seine Hände und brach in ein leidenschaftliches Schluchzen aus. 
„Meine Tochter,“ sagte der Greis bewegt, „Sie sagen mir nicht die Wahrheit. Wohl muß der Schmerz, den Sie erfuhren, groß sein, denn nur ein Herz, das selbst leidet, kann fremdes Weh so mitempfinden. Sie weinen jetzt um mich, aber diese Tränen waren schon vorher in Ihrem Herzen angesammelt.“
„O Vater Leonhardt, Du siehst mit blinden Augen! Ich kam hierher, um Rat und Trost an Deinem väterlichen Herzen zu suchen — doch Du hast mich getröstet, noch ehe ich Dir meinen Kummer vertraut. Sieh, es war nur ein Moment, wo ich mich selbst verlor, er ist vorüber, Dein edles Beispiel machte mich wieder stark! Laß es begraben sein! — Ich kann und will jetzt nur von Dir sprechen. Ich will Dich bitten: nimm mich zur Tochter an! Du hast an mir gehandelt, wie ein Vater, laß mich jetzt Dir vergelten, wie ein Kind. Du hast gestern dies ehrwürdige Haupt preisgegeben, um mich zu schützen vor wütenden Menschen, laß mich Dich nun schützen vor den drohenden Gespenstern der Nacht und Einsamkeit. Ziehe ein in mein Haus mit Deiner Frau, ich will um Dich sein, so viel ich kann, will Dir vorlesen und mit Dir plaudern; ach, ich bin ja auch so allein und ich weiß nicht, wie es kommt — ich fange an, mich nach Liebe zu sehnen.“
Herr Leonhardt faltete die Hände. „O mein Gott, welchen Engel schickst du mir zum Tröste und welche Freuden hast du mir noch hienieden aufbewahrt. Ich sehe, ja, mit blinden Augen sehe ich in ein Herz, das nie geahnte Schönheiten vor mir erschließt. Gott segne Dich, meine liebe Tochter! Er lasse sein Angesicht über Dir leuchten, damit Du ihn endlich erkennen mögest, Deinen Wohltäter, der Dich mit seiner reichsten Gnadenfülle überschüttet.“ Er hielt inne und besann sich, dann sagte er fast schüchtern: „Verzeihen Sie, ich falle in einen Ton, der bei Ihnen keinen Wiederhall finden wird, das macht, weil ich in meiner Jugend Theologie studierte — da klebt mir der Prediger noch immer ein wenig an. Es könnte aussehen, als wollte ich Sie bekehren, und solche Überhebung ist mir ferne. Nicht ich einfacher gebrochener Greis bin der Mann, um diesen stolzen Geist zu bezwingen. Ich will nur die Brosamen der Liebe auflesen, die von Ihrem reichen Herzen für mich abfallen und zum Danke für Sie beten.“
„Vater Leonhardt, unterschätze Dich nicht selbst, Du mußt es doch fühlen, wie hoch Du mir stehst. Als ich Dich gestern den rohen Menschen gegenüber sah in Deiner einfachen bescheidenen Größe, da hatte ich zum ersten Male seit meiner Kindheit wieder ein Gefühl von Anbetung. Du schlichter Mann, Du verstehst mich, Du hast Nachsicht für mich, während Alle mich verkennen und verdammen, Du bist zu mir gestanden im Augenblick der Gefahr und hast Dich dessen mit keinem Worte überhoben, — o, Du bist ein edler, ein echter Mensch. Komm zu mir, laß mich ausruhen au Deinem Vaterherzen, laß mich Dir eine Heimat bereiten und für Deines Sohnes Zukunft sorgen!“
„Ich danke, ich danke Ihnen für Alles, mein liebes Kind, aber solche Großmut kann ich nicht annehmen, und Gott sei Dank, ich bedarf ihrer auch nicht. Mein Sohn hat sich bereit erklärt, die Medizin aufzugeben und für mich als Lehrer einzutreten. So ist für unsere Zukunft gesorgt, wir brauchen das alte liebe Schulhaus nicht zu verlassen; ich darf sterben auf der Scholle, wo ich mein ganzes Leben zugebracht!“
„Ist der Gedanke so wert für Dich?“ fragte Ernestine kopfschüttelnd.
„O ja — es ist Alles, was ich mir noch wünsche. Wer so, wie Sie, mein Kind, mit vollen Segeln in das Leben steuert, der kann sich wohl keinen Begriff machen von der Bescheidung, die wir armen Handlanger der Zivilisation allmählich lernen müssen, um nicht zu verzweifeln. Aber in dieser Bescheidung, in diesem Verharren auf dem engen Plätzchen, das uns angewiesen ist, liegt dock auch ein Glück: die Zufriedenheit der Gewohnheit. Wohl können Sie sagen, Gewohnheit stumpfe ab, — das ist aber meistens nur nach außen der Fall. Eine innerlich starke Natur wird mit derselben Kraft, mit der sie das All umfaßt hätte, ihre Wurzeln in die Tiefe der Scholle senken, an die sie gebannt ist — und wenn man sie im Alter davon losreißen würde, so risse man ihr halbes Leben los! Ich liebe den kleinen Fleck Erde, das kleine Haus, das mir die Welt war, — ich glaube, ich würde sterben, wenn ich es verlassen müßte.“
Ernestine hörte ihm sinnend zu. „Nun denn, wenn ich Dir keine Unterstützung bieten kann, so biete ich Deinem Sohne wenigstens das Material, um seine Studien fortzusetzen; meine Bibliothek, meine Apparate stehen ihm zur Verfügung, ich hoffe, er wird es nicht verschmähen, sie in seinen Freistunden zu benutzen.“
„O das ist eine Wohltat, die ich annehmen darf, wenn ich sie auch niemals werde lohnen können! Ich danke Ihnen im Namen meines Sohnes! Sie werden es einst fühlen, welches Glück darin liegt, einem Menschen das Beste gerettet zu haben, was er besitzt, seine Hoffnung auf die Zukunft!“
„Ich höre Dir staunend zu, merkwürdiger Mann! Ich sehe immer mehr, welch tiefer, gebildeter Geist in Dir wohnt,“ sagte Ernestine warm. „Welche Überwindung muß es Dich gekostet haben, mit diesen Wilden hier zu leben?“
Der Greis lächelte. „Ei nun, man verbauert allmählich selbst, dann fühlt man den Abstand nicht mehr so. Im Anfang war ich wohl auch dünkelhaft und wähnte mich zu gut für diese Menschen.  Aber mein Glaube lehrte mich bald, daß Niemand zu gut ist für den Platz, auf den ihn Gott stellt. Als Student interessierte ich mich für das Theater und besuchte es mitunter. Da hörte ich einmal beim hinausgehen den Direktor über Widerspenstigkeit eines Mitgliedes klagen: <<Er will keine Episoden übernehmen, kein Gott, sie können doch nicht Alle erste Rollen spielen!>> Der Mann ahnte wohl nicht, welch ernste Lehre er mir gegeben hatte: <<Nicht Alle können erste Rollen spielen!>> sagte ich mir, so oft mir der Hochmut zuraunen wollte, ich hätte ein besseres Los verdient — und ich ergab mich darein, allen Fleiß und alle Kraft auf die Episode zu verwenden, die mir auf der Bühne des Lebens zugeteilt worden. Ich begehrte mir bald keinen besseren Lohn mehr, als daß der Herr einst zu mir spreche: „,Du warst ein fleißiges, williges Mitglied!’“
„Nicht Alle können erste Rollen spielen,“ murmelte Ernestine, „Vater Leonhardt, über dieses Wort werde auch ich noch nachdenken!“ Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn. „Nein — nichts sein als eine Episode, eine Nebenfigur, die auftaucht, um wieder zu verschwinden, die einen Moment lang vielleicht das Interesse fesselt, aber eben so gut wegbleiben könnte — nein, das ertrüge ich nicht.“ Sie sprang auf und ging im Zimmer hin und her.
„O liebes Fräulein ...“
,,Vater, sag doch Du zu mir, es ist so schön, sich <<Du>> zu nennen, wenn man sich wert ist,“ unterbrach ihn Ernestine. „Ich begreife nicht, wie mir so lange das kalte <<Sie>> genügen konnte. Alle Menschen, die sich nahe treten, sollten sich <<Du>> nennen!“
„Nun denn, wenn Du es mir erlaubst, von ganzer Seele gern! Also, mein liebes Kind, ich wollte nur das noch auf Deine Bemerkung erwidern, daß kein Mensch, der seine Pflichten erfüllt, <<eben so gut wegbleiben>> könnte. Für die Welt — ja! Aber man muß auch nicht die ganze Welt zum Publikum haben wollen und in dem Beifall derselben die einzige Lebensbefriedigung suchen. Es ist nicht bescheiden, sich für eine der auserwählten Persönlichkeiten zu halten, die berufen sind, auf der großen Weltbühne vor einem Auditorium von Völkern hervorzutreten.“
Ernestine errötete tief.
Leonhardt fuhr fort: „Jeder Mensch findet Genossen, in deren engem Kreise er die Hauptrolle spielt, und ein Publikum von Freunden, deren Anerkennung ihn belohnt.  Für diese Wenigen ist er keine Episode, sie ist er nicht <<aufgetaucht, um wieder zu verschwinden.>> Ein Weib und ein Freund oder ein Gatte und eine Freundin, denen man Alles war, sind sie nicht wert, für sie gelebt zu haben?“
„Vater Leonhardt, das ist nur für die ein Trost, die nie aus ihrer Subjektivität herausgetreten, den Schwerpunkt ihres Seins in ihr Gemütsleben, und was damit zusammenhängt, verlegen. Wer aber so weit aus sich heraustrat, um die Interessen der Welt zu den Seinen zu machen, der kann nur noch mit der Welt und für sie leben und so wenig mehr zu dem subjektiven Genügen an persönlichen Freuden zurückkehren, als die Pflanze sich in das Samenkorn rückbilden kann, dem sie entsproß.“
„Wirklich, Ernestine?“ rief eine wohlbekannte Stimme hinter ihr.
Sie wandte sich erschrocken um. Johannes hatte unter der geöffneten Tür den Rest des Gesprächs mitangehört. Sein ganzes Wesen fieberte, seine breite Brust hob und senkte sich leidenschaftlich, als er auf sie zutrat. „So — so — konntest Du mir entfliehen?“ Er nahm Ernestinens Hand in die Seine, er heftete einen feuchten, schmerzvollen Blick auf sie, als wolle er in den Grund ihrer Seele tauchen, um die Perle zu suchen, die Perle der Liebe, die sie so tief verbarg. Inbrünstig flehend, bestürmend sah er sie an, preßte ihre schmale Hand in der seinen und jeder seiner schweren Atemzüge war eine Bitte — jeder Tautropfen auf seiner glühenden Stirn war eine Klage. — Schmerz, Angst und Hast der Verfolgung erschütterten diesen ehernen Körper, daß er bebte.
Ernestine sah, hörte, fühlte das Alles, aber sie stand stumm und regungslos, sie konnte die Lippen nicht öffnen, sie konnte keinen Laut hervorbringen — sie war wie erstarrt, wie betäubt.
„Ernestine!“ rief Johannes nochmals. „Ernestine!“ Und der Ton drang ihr bis ins Mark, ein leises Stöhnen entrang sich ihren Lippen, sie neigte das Haupt seiner Brust entgegen, sie war nahe daran, in seine Arme zu sinken — da trat ein Schatten, der Schatten seiner Mutter zwischen sie und ihn und umnachtete ihren Blick, daß sie den Mann nicht mehr sah in seiner reinen Schönheit, die Tränen nicht mehr sah, die ihm im Auge standen. Es ward kalt und dunkel um sie her, wie wenn Wolken vor die Sonne treten, der Schatten der Mutter verscheuchte sie von seinem Herzen.
Sie bog den Kopf zurück und entzog ihm langsam die Hand.
Hoffnungslos ließ er die Arme sinken. Der furchtbaren Aufregung folgte ein Moment des Ermattens, er wischte sich die Stirn, es war ihm, als müsse das Tuch in Blut getränkt von seinem Antlitz kommen. Alle Adern schlugen in ihm, es brauste in seinen Ohren, es wogte in seiner Brust, als solle sein ganzes Sein sich auflösen. Er nahm sich zusammen und ging fast wankend zu Leonhardt.
„Gott stärke Sie, lieber Herr Leonhardt,“ sagte er in abgebrochenen Sätzen. „Ich weiß Alles durch den Boten an Ihren Sohn, den ich unterwegs traf. Ich brauche Ihnen nichts zum Troste zu sagen. Sie sind ein Mann und werden es als solcher tragen!“
„Ich bin ein Christ, lieber Herr Professor, das ersetzt dem schwachen Greise die Männlichkeit!“
„Wahr, wahr!“ sagte Johannes und streifte mit einem trüben Blicke die fern stehende Ernestine. Sie trat heran und sprach mit zitternder Stimme:
„Vater Leonhardt, ich muß nach Hause und sage Dir für heute Lebewohl. Wenn Dein Sohn kommt, so sende ihn zu mir.“ Sie reichte Möllner die Hand: „Vergeben Sie mir, ich konnte nicht anders.“
Johannes bekämpfte seine Bewegung und sagte mit scheinbarer Fassung: „Ich werde Ihnen noch schreiben!“
Ernestine neigte stumm das Haupt und ging. Der Greis horchte. Er vernahm ihre sich entfernenden Schritte und Johannes’ fliegenden Atem und wieder sah er mit blinden Augen!
„O, Herr Professor, lassen Sie sie nicht gehen, eilen Sie ihr nach und sprechen Sie sich mit ihr aus. O, glauben Sie mir, sie ist ein Engel und verdient es wohl, daß Sie ihr noch ein gut’ Wort gönnen. Mit dem Schreiben ist nichts getan, denken Sie an den Oheim, der kann ja den Brief unterschlagen. Selbst reden ist immer das Beste. Eilen Sie, eilen Sie — sonst machen Sie sich und das Fräulein unglücklich!“
„Dank für dieses Wort, alter Freund, Sie haben Recht!“ rief Johannes, in dem es wieder hell auflohte, und ehe er vollendet, war er auch schon zur Tür hinaus.
Die Schulmeisterin kam mit der Suppe und sah ihm verwundert nach. „Der Herr hat’s eilig!“ sagte sie.
„Laß ihn nur, liebe Mutter. Die jungen Leute streben mit tausend Ängsten und Schmerzen einem Ziele zu, auf das wir Alten längst mit befriedigtem Blicke zurückschauen. Gott leite sie!“
*				*
*
Johannes rief seinem Kutscher, der unweit des Schulhauses hielt, zu, ihn hier zu erwarten und folgte Ernestinen, die langsam auf dem Fußpfad vor ihm herschritt. Es war still und einsam um sie her, denn es war Mittag, wo die Bauern bei der Mahlzeit saßen.
Sie sah sich um, als sie Johannes’ Tritt hinter sich hörte und blieb stehen. Rasch hatte er sie erreicht: „Ernestine!“ sagte er entschlossen, „ich muß noch ein letztes, ein entscheidendes Wort mit Dir reden, und Leonhardt hat Recht, dergleichen muß unmittelbar vom Herzen zum Herzen gehen. Willst Du mich hören?“
“Ja!“
„Er legte ihren Arm in den seinen, sie stiegen während der Unterredung die Anhöhe hinan, die zum Schlosse führte.
„Sieh, liebe Ernestine, sieh, ich gäbe, was ich habe, darum, wenn ich das, was zwischen Dir und meiner Mutter vorging, ungeschehen machen könnte. Du bist tödlich beleidigt worden und zwar als mein Gast, in einem Hause, das Dir Zuflucht gewähren, das Dir zur Heimat werden sollte. Aber es geschah in meiner Abwesenheit, ich bin ohne Schuld daran, willst Du es mich dennoch entgelten lassen?“
„Nein, mein Freund, gewiß nicht.“
„Nun denn, so sei auch großmütig und vergib meiner Mutter, was sie sich selbst nie vergeben darf!“
„Ich habe ihr nichts zu vergeben.“
„Du bist unerbittlich in Deinem gerechten Groll. Laß mich hoffen, daß die Zeit einst komme, wo meine Mutter gut machen kann, was sie heute an Dir verbrach. Teuerste, beste Ernestine, sie hat Dein junges, kaum erwachtes Herz zurückgeschreckt in seinem schönsten Empfinden, sie hat Dich schlimm vorbereitet auf das, was ich Dir heute sagen wollte und dennoch — dennoch muß ich reden — es ist zu weit gekommen, als daß ich noch schweigen könnte. Ja, Ernestine, ich wollte Dich heute zum Weibe begehren, ich wollte Dich bitten, mir die Opfer zu bringen, welche die Ehe jedem Weibe, Dir aber insbesondere auferlegt und ich glaube sicher, wenn ich Dir die Pflichten und das Los einer Gattin geschildert hätte, es wäre Dir nicht so abschreckend erschienen, wie durch die praktische, etwas pedantische Auffassung meiner Mutter. Ich hoffe, unsere Verhältnisse werden es gestatten, Dir den Materialismus des Lebens, vor welchem Dir so bangt, und dem meine Mutter eine zu große Wichtigkeit beimißt, zu ersparen. Ich werde meine weiße Rose nicht in einen Küchengarten pflanzen. Du sollst der Stolz und Schmuck meines Lebens sein. Ich fordere nichts von Dir, als Liebe für mein warmes Herz, Teilnahme für meine wissenschaftlichen Bestrebungen und Nachsicht für meine Fehler.“ Er ergriff bewegt ihre Hand und blieb stehen. „Ernestine, wirst Du mir das gewähren können?“
Er erwartete mit angehaltenem Atem ihre Antwort, sein Blick suchte vergebens durch ihre gesenkten Lider zu dringen. Sie verharrte in ihrer steinernen Ruhe und kein menschliches Auge konnte sehen, was in den Tiefen dieser verschlossenen Seele vorging.  Endlich hauchten ihre bleichen Lippen kaum hörbar: „Ich kann nicht — Deine Mutter — ich kann nicht! —“
„O nimm sie nicht zum Vorwand, wenn Du mich nicht lieben kannst, wälze nicht auf sie den
Fluch, dem Sohne die Geliebte, das Glück seines Lebens geraubt zu haben. Die Strafe wäre zu hart! Liebst Du mich aber, — so besiege den kleinlichen Stolz durch den edleren, ihr zu zeigen, daß sie sich in Dir getäuscht! Beweise ihr, daß Du weiblich fühlen, daß Du Opfer bringen kannst und Du wirst sie so tief beschämt vor Dir sehen, wie es Dein rachsüchtigster Groll nur wünschen mag.“
„Die Opfer, die sie fordert, kann ich nicht bringen, und wenn ich es könnte, ich würde sie nicht bringen, gerade weil sie gefordert, weil sie zu einer Bedingung gemacht werden! Eine freie Seele verkauft ihre Überzeugungen und Bestrebungen nicht und wäre es auch um den Preis eines ganzen Lebensglücks! Wenn Deine Mutter mir zumutet, ich solle meinem Plane, die akademische Laufbahn zu ergreifen, entsagen, solle alle Früchte meines bisherigen Fleißes ungereift begraben, so ist es verzeihlich, denn sie ahnt nicht, was sie verlangt, — wenn Du aber solche Bedingungen befürwortest, dann wirst Du mir nicht nur kein Gatte, Du hörst auch auf, mir Freund zu sein, denn dann verstehst Du mich nicht.“
„Mein Gott, Ernestine! was wollen wir denn, von Dir anders, als was jeder Mann von dem Weibe, das ihm gehört, fordern muß: daß sie ganz und ausschließlich ihm lebe? Wie aber kannst Du das, wenn Du nicht Deinen Ehrgeiz besiegst und Dich aus der Öffentlichkeit zurückziehst in das Privatleben? Du sollst ja deshalb nicht der Wissenschaft entsagen, Du sollst meine Vertraute, meine Gehilfin bei meinen Arbeiten, mein Freund und Fachgenosse sein, Dein großer Geist soll jede Befriedigung finden. Nur öffentlich sollst Du nicht auftreten — nicht Vorlesungen halten und ‚Doktor’ spielen. Der reine Name meiner Frau soll nicht der Verkennung, dem Gespötte preisgegeben sein.“
Ernestine fuhr auf, wie von einem Pfeil getroffen. „Das sind die Worte Deiner Mutter! Wie? Du fühlst Dich so erhaben über den weiblichen Geist und verschmähst es doch nicht, nachzusprechen, was Dir Deine Mutter vorgesagt?“
„Ernestine, Du bist ungerecht! Du kennst meine Ansichten über Stellung und Rechte der Frauen längst, Du kannst nicht erwarten, daß ich meinen heiligsten Überzeugungen untreu werde, indem ich den entscheidendsten Schritt meines Lebens tue.“
„Und dennoch forderst Du dasselbe von mir?“
„Das Weib hat keine Überzeugung, Ernestine, es hat nur Gefühle für oder gegen eine Sache. Wo es sich aber um Gefühle handelt, muß das stärkere das schwächere verdrängen. Du hattest bisher nur Empfindung für die Leiden Deines Geschlechts, weil Du selbst nichts Anderes kanntest. Wenn Du liebst, wirst Du auch seine Freuden kennen lernen und den Wünschen des Gatten um so leichter den nutzlosen Kampf für dasselbe zum Opfer bringen.“
„Glaubst Du?“ fragte Ernestine mit ungewöhnlicher Schärfe.
„Ich hoffe es, denn nur so könnten wir glücklich werden. Ich bin ein ehrlicher Mann, ich sage Dir im Voraus, was Dich an meiner Seite erwartet. Ich will Deinen Entschluß nicht durch Schmeicheleien und falsche Nachgiebigkeit bestimmen. Du sollst ihn fassen mit dem vollen Bewußtsein der Pflichten, die er Dir auferlegt — sonst ist er wertlos. Du wirst denken, dies sei eine allzu barsche Art der Brautwerbung und Du magst Recht haben. Ich will aber mein Weib nicht durch Künste der Galanterie gewinnen, durch welche die Eitelkeit jeder Frau zum mächtigen Bundesgenossen des Werbenden wird. Ich will mein Weib keiner Schwäche verdanken und Eitelkeit ist eine solche. Deine Liebe für mich soll Deine Stärke sein. Groß möchte ich Dich sehen, wenn ich Dich zum ersten Male in meine Arme schließe und wann ist ein Weib größer, als indem es sich seiner selbst entäußert und seinen Stolz bezwingt, um sich dem Manne dahinzugehen. Sich selbst zu bezwingen, ist eine Tat, die Helden zu schwer fanden, welche ganze Völker bezwungen hatten, ist eine Tat der höchsten menschlichen Vollendung. Freilich die Welt wird Dir nicht Beifall klatschen, die größten Taten sind es oft, die sich den Augen der Menge entziehen, denn schon in dem Verzichten auf Anerkennung liegt eine Hoheit, deren sich Wenige erfreuen. Wie viel irdische Erhabenheit  verbirgt sich nur zum Beispiel hinter den Mauern eines Klosters, an denen die Welt gedankenlos vorüberflutet, — wie manches Herz feiert da still verblutend den letzten schwersten Sieg, — den über alles Menschliche und es hat Niemanden, der ihm lohnt, Niemanden, der ihm den Lorbeer auf die Stirne drückt. — Was wartet seiner nach all den unermeßlichen Schmerzen? — Das Grab! Du, Ernestine, sollst ungleich leichtere Entsagung üben und für Dein Opfer den schönsten Beifall ernten, den ein Weib fordern kann, die Glückseligkeit eines liebenden Gatten. Kannst Du noch zaudern, mußt Du noch kämpfen? — Kann sich diese königliche Seele nicht befreien aus der Knechtschaft einer ihr aufgedrungenen falschen Ehrsucht? O, Ernestine, laß mich nicht länger stehen, sprich ein Wort, wem willst Du ferner gehören, Deinem Oheim — oder mir?“
„Mir selbst, — denn kein Mensch kann eines andern sein!“ und sie maß Johannes mit einem fast feindlichen Blick. „Ja, jetzt sehe ich, daß Du der Sohn Deiner Mutter bist — ich sehe ihre strengen Züge, ich höre ihre tadelnde Stimme, ich sehe mich zwischen Euch als ein willenloses Wesen, das nicht mehr selbstständig denken und fühlen, noch weniger es wagen darf, vor der Welt  etwas zu bedeuten. Ich sollte den leitenden Gedanken meines Lebens, die Sehnsucht meiner Tage und Nächte von mir werfen wie ein Kleid, sollte jetzt mit Dir vor diese Mutter hintreten, mich auf Gnade und Ungnade ergeben, mich wie ein Kind entschuldigen und versprechen, mich zu bessern, um demütig den Kuß herablassender Verzeihung von ihren kalten Lippen zu empfangen? Nein, nochmals nein! Was berechtigt denn Deine Mutter, mich wie eine Missetäterin bessern und retten zu wollen? Wem habe ich noch je etwas zu Leide getan, gegen welches Gesetz der Sitte gefehlt, daß sie mich behandelt, wie ein gemeinschädliches Übel? Ich habe still und abgeschieden für mich gelebt, kein Glück gefordert, als das der Arbeit. Was befugt sie, mir ein anderes aufzudrängen und mir zu zürnen, wenn es mir nicht als solches erscheint? Habe ich sie aufgesucht, bin ich Dir nicht mit Widerstreben auf Deine dringenden Bitten zu ihr gefolgt, was veranlaßte sie, mich wie eine Überlästige fortzutreiben und mir Bedingungen für eine Wiederkehr zu stellen, nach der ich gar nicht Verlangt? O, Johannes! Wenn Du mich großherzig, wie Du mir zuerst erschienen, geliebt hättest, nicht wie ich sein sollte, sondern wie ich bin, mit all meinen Fehlern und Seltsamkeiten — ich hätte für Dich getrachtet, das vollkommenste Wesen zu werden. Und wenn Du mir gesagt hättest: Sei mir Gefährtin, ich werde Dir helfen, für die Ehre Deines Geschlechts zu kämpfen, was Dir heilig ist, soll es auch mir sein, — wenn Du so meiner Individualität Rechnung getragen, mir Dein Glück, Deine Ehre vertraut hättest ohne weitere Bürgschaft, als die, welche Dein Herz für mich leistete, — ich hätte mich gebeugt vor der Gewalt eines solchen Gefühls, — ich hätte Dir freudig meine Freiheit zum Opfer gebracht, — ja sogar das schwerste: ich hätte mich Dir zu Gefallen — vor Deiner stolzen Mutter gedemütigt! — So aber Du kommst als ihr verstärktes Echo — nun Du es als unerläßliche Grundlage unseres Glückes betrachtest, daß ich sei, wie sie es will. Dich im Voraus ängstlich versicherst, ob ich mich auch allen Deinen Anforderungen unterwerfen werde, auf daß Du mit dem eigenwilligen Geschöpf keinerlei Gefahr läufst, — nun erst hat sie uns ganz getrennt, ich habe Dich verloren, und Alles, was ich Euch verdanke, ist die Erkenntnis, daß ich nicht für diese Welt tauge und daß ich elend bin!“
Johannes stand bleich und stumm vor ihr, aber in seiner hochaufgerichteten Gestalt prägte sich sein reines Bewußtsein aus. Ernestine wagte nicht, ihn anzusehen, sie zerpflückte mit den zitternden Händen einen Zweig, den sie von einem Busche am Wege gerissen.
„Wir sind nach dieser Erklärung fertig mit einander,“ begann er, und es war, als falle jedes dieser Worte wie geschmolzenes Eisen von seinen Lippen in ihr Herz. Er schöpfte Atem, wie um sich von einer schweren Anstrengung zu erholen. Dann fuhr er fort: „Die Anklagen, mit denen Du mich und meine Mutter überhäufst, beantworte ich nicht, sie tun mir wehe für Dich, sie sind Deiner großen Seele unwürdig! Ich habe an Dir gehandelt, wie es unsere Begriffe von Ehre geboten. Ich habe Dir gesagt, was ich meiner innersten Überzeugung nach für das Glück der Ehe erforderlich halte! Daß Du mir das verlangte Opfer weigerst, weigern kannst, beweist mir, daß Du mich nicht liebst. Dies ist der Grund, der uns trennt. Auch bitte ich Dich, zu bedenken, daß ich nicht für mich allein sorge, da ich vorsichtig handle. Ich muß als ein rechtschaffener Mann vor Allem prüfen, ob das Weib, das ich heimführe, auch dereinst fähig sei, den teuern Wesen, denen sie vielleicht das Leben schenkt, im wahren Sinne Mutter zu sein.“ Seine Stimme ward weich bei diesen Worten. „Du hast die Prüfung nicht bestanden — Dein Herz ist noch nicht reif für die große hingebende, selbstvergessende Liebe, die allein den schweren Pflichten der Ehe genügen kann. Ob es je dazu reifen wird? Wer weiß! Vielleicht erntet einst ein Anderer, was ich in Schmerzen gesäet. Ich mache Dir keinen Vorwurf, wie könnte ich!“ Er legte seine Hände auf ihr Haupt, die Tränen rieselten ihm über die Wangen. Er sah sie an und schwieg, vom Schmerz überwältigt. Sie brach unter diesem Blicke innerlich zusammen, ihre künstliche Fassung verließ sie, ein Schrei entrang sich ihren Lippen. Jetzt erst erkannte sie, was sie getan in ihrem Hochmut und ihr Herz erbebte unter der Last, die sie ihm aufgebürdet, bevor sie einen Begriff von ihrer Schwere hatte.
Johannes strich ihr milde über die Stirn. Ihre Erschütterung gab ihm seine Haltung wieder
„Du bist gut, Ernestine. Du fühlst, daß Du mir wehe getan, und nun ergreift Dich das Mitleid. Das ist so Frauenart — und diese kleine Schwäche gereicht Dir zur Ehre in meinen Augen. Ich bitte Dich, fasse Dich, Du siehst, auch ich bin wieder ruhig.“ Er wollte ihr seine Hand entziehen, sie hielt sie fest und schaute ihn mit jenen bittenden traurigen Augen an, die schon in ihrer Kindheit einen Zauber auf ihn ausgeübt.
„Verlaß mich nicht ganz!“ flüsterte sie mit halb erstickter Stimme.
„Nein, so wahr ich wünsche, daß Gott mich nicht verlasse — so wahr werde ich Dich nicht verlassen. Ich werde Dich nicht fliehen wie ein Feigling, der dem unerreichbaren Gute den Rücken kehrt, um sich die Entsagung leicht zu machen und vergessen zu lernen. Du bedarfst eines Freundes, der Dich schützt und vertritt in Deiner zweifelhaften Lage, der Welt und Deinem Oheim gegenüber. Dieser Freund will ich Dir bleiben — bis Du — einen besseren findest! Fürchte nicht, daß Du ein Wort der Liebe oder Klage ferner von mir hören wirst — ich werde allein mit meinem Schmerz fertig werden. Dein Glück soll meine einzige Sorge sein. Leb wohl — und wenn Du meiner bedarfst, so rufe mich.“ Er drückte noch einmal ihre Hände und schritt, ohne sich umzuwenden, von dannen.
Ernestine sah ihm nach, wie er dahin ging in seiner männlichen Hoheit, sie schaute und schaute, bis er um eine Ecke bog und verschwand. Dann sank sie in die Knie und rief mit ausbrechendem Schmerz: „Hab’ ich denn das wirklich zu tun vermocht?!“ —
Lange konnte sie so unter den schattigen Kirschbäumen gelegen haben, als das Rollen eines Wagens vom Schlosse her sie aufscheuchte. Es war ihr Oheim. Er ließ halten und stieg aus.
„Du kannst wieder ausspannen,“ rief er dem Kutscher zu. „Ich fahre nun nicht in die Stadt.“ Der Angeredete kehrte um und fuhr nach Hause zurück.
Leuthold stand stumm vor Ernestinen und folterte sie mit seinem durchdringenden, forschenden Blick. Er hatte von Frau Willmers mit Ausnahme der Beziehungen, welche schon länger zwischen Ernestinen und Johannes bestanden, Alles erfahren, was sich gestern zugetragen. Kaum acht Tage war er fort und schon war ihm sein Schützling entflohen, — entflohen mit einem wildfremden Manne? Das war unmöglich. Ernestine war nicht feige, ein Haufe betrunkener Bauern hätte das spröde Mädchen nicht dem nächsten besten Unbekannten in die Arme getrieben.  Sie mußte den großmütigen Ritter schon gekannt haben. Er hielt nun Verhör nach allen Seiten hin, aber die übrigen Dienstboten, die ihn haßten und zur Willmers hielten, beharrten darauf, sie wüßten von nichts, — das Fräulein müsse den Herrn nur im Schulhause kennen gelernt haben, denn dort gehe der Fremde aus und ein. 
Das genügte Leuthold, um sich zu überzeugen, daß der Boden unter seinen Füßen wanke, und einen Augenblick erlag er völlig der Wucht dieser neuen auf ihn einstürmenden Sorge. Konnte man ein Weib vorsichtiger, strenger hüten, als er Ernestinen, und dennoch — dennoch war das geschehen, dennoch hatten sich in dem verschlossenen Herzen, das er längst ertötet zu haben glaubte, Triebe geregt, die ihren Weg zur Außenwelt suchten und fanden aller Vorsorge zum Trotz! Und das Alles in einem Augenblick, wo er auf Tod und Leben mit einer Gefahr kämpfte, die eine jüngere ungebrochene Kraft erforderte, als die seine!
Es war zu viel, die Ahnung faßte ihn mit erstickender Gewalt, daß das Schicksal seinen Untergang beschlossen habe. Aber wieder raffte er sich auf und dachte und überlegte, wie es seine Gewohnheit war in jeder Not. Wie wir uns an Gott wenden, wenn Alles über uns zusammenbricht, so wandte er sich in der höchsten Angst an seinen eigenen siegreichen Verstand, der immer Hilfe wußte.
Eine kurze Erholung gönnte er sich nach all den Schrecken und Sorgen, dann ließ er anspannen, um nach der Stadt zu fahren und seine Mündel abzuholen. Aber zu seiner freudigsten Verwunderung sah er sie bereits in unverkennbarer Trostlosigkeit auf dem Heimwege begriffen.
„Du bist wie die Seejungfrau in Deinen geliebten Fabeln aus dem kühlen kristallenen Element heraufgestiegen, bist vorwitzig gewesen und unter die Menschen gegangen,“ sagte er lächelnd vor sich hin. „Sie haben Dich am Ende auch nicht so übel gefunden, aber es war doch nichts mit Dir, denn sie entdeckten wohl, daß Dein Leib in einen Fischschweif endigt und Du nicht mit ihres Gleichen leben kannst!“
Als er näher kam, legte er sein Gesicht in finstere Falten und nachdem der Kutscher fort war, begann er in großer Sorge: „Barmherziger Gott, so muß ich Dich finden? Am Wege weinend, gleich einer heimatlosen Bettlerin?“
„Ja wohl — gleich einer heimatlosen Bettlerin!“ wiederholte Ernestine.
„Aber Teuerste! Ist das schicklich, hier auf offener Straße eine solche Szene aufzuführen und Dich am Boden zu winden wie ein Wurm?“
Sie sah ihn an. Sein kahler Scheitel war von einem breiten lichtgrauen Filzhut bedeckt. Wie früher war er in einen tadellosen hellen Anzug gekleidet. Als er so vor ihr stand mit der  lauernden Miene, die lange glatte Gestalt über sie gebeugt, die stechenden Blicke auf sie geheftet, da erschien er ihr wie ein Wurm und zwar ein sehr giftiger und mit unverhehltem Abscheu sprang sie auf und stieß ihn von sich.
Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie mit Erstaunen: „Wie — ist das Ernestine von Hartwich, die ich erzogen, die nichts aus ihrer philosophischen Ruhe brachte? Oder ist sie ausgetauscht und irgend ein böser Geist hat mir ein ungeberdiges Kind hierhergelegt?“
„Schweig mit Deinem Spott, Oheim,“ sagte Ernestine gebieterisch. „Er ekelt mich an!“ — Leutholds Verwunderung wuchs mehr und mehr. „Was ist das — welche Sprache muß ich hören? Ist das der Ton, den man bei der Frau Staatsrätin Möllner lernt? Wahrlich, Ernestine, ich glaube, Du bist krank.“
„Ja, ja, ich bin’s und ich bitte Dich, laß mich! Du hast nicht die Mittel, mich gesund zu machen.“
„So weit ist es in den wenigen Tagen mit Dir gekommen, wo Du Dich in meinem Rate und Schutze entzogst? Nun wahrlich, ich weiß nicht, was geschehen, aber sie müssen schlimm mit Dir umgegangen sein. Ich will Dir keine Vorwürfe machen, daß Du hinter meinem Rücken Bekanntschaften anknüpfst, ohne meine Erlaubnis das Haus verläßt und mich in die qualvollste Unruhe stürzest, denn ich sehe, Du bist gestraft genug — aber ich bitte Dich ernstlich, tue es nicht wieder, — Du hast ja nun erfahren, was dabei herauskommt.“
„Oheim, sprich nicht auch Du wie mit einem Kinde mit mir, das nach erfolgter Züchtigung sagen muß, „ich will’s nicht wieder tun.“ Wenn ich zurückkehren wollte in die Welt, welche ich gestern kennen lernte, so würdest Du es mir nicht wehren, denn —“ sie bediente sich unwillkürlich der Worte der Staatsrätin, „Du kannst mir nicht verbieten, was gegen kein Gesetz verstößt. Aber ich will es ja gar nicht — nimmer, nimmermehr. Ich bin fremd unter den Menschen, ich verstehe ihre Art nicht, noch sie die meine.“ Sie sah Leuthold mit einem finstern Blick an: „Ich weiß nicht, ob es recht war, daß Du mich so ganz als Einsiedlerin erzogen — daß Du mich so unbrauchbar für das Leben, so untauglich zum Umgang mit der Welt gemacht. Wer weiß, ob mir nicht besser wäre, ich wäre einfältigen Herzens geblieben und hätte mich nicht in Gebiete verloren, aus denen keine Rückkehr ist? Doch es hilft jetzt nichts mehr, darüber zu grübeln. Mögst Du es verantworten, was Du aus mir gemacht. Ich kann nicht mehr umkehren, so will ich auch nicht mehr rückwärts schauen. Ich will vorwärts streben auf meinem einsamen Weg und arbeiten, wie nie ein Weib gearbeitet hat, bis der Tag kommt, wo ich sie beschämen kann, die Ungläubigen alle! Aber Oheim, das sage ich Dir, kommt der Tag nicht, der mich durch den Ruhm entschädigt für alle Entbehrungen an Glück, die ich mir auferlegt — dann, Oheim, werde ich Dir fluchen!“
Sie hatte die letzten Worte mit einem Ausdruck gesprochen, vor dem selbst der kaltblütige Leuthold erbleichte. Er übersah rasch die ganze Lage. Er erkannte, daß sie ihrem Ehrgeiz ein Opfer gebracht haben müsse, welches sie nachher selbst als unverhältnismäßig empfunden. Sein gewandter Verstand reimte sich den Vorgang bald zusammen. Es war ihm ein Schlag, über dessen Tragweite er sich nicht täuschte. Er fühlte, daß er hier an einem Wendepunkt stehe, wo die höchste Vorsicht geboten und wagte nicht zu sprechen, bevor er überlegt, was das Beste sei. So gelangten sie stumm bis zur Pforte ihres Gartens. Er öffnete und ließ Ernestinen eintreten. Als sie an dem Hügel vorbeikam, wo sie Abends zuvor das Gespräch mit Johannes gehabt, brach sie in Tränen aus. Leuthold sah sie befremdet an, sie bezwang sich und ging raschen Schrittes weiter. Er hatte wieder, wie immer, als kaltes Wasser auf sie gewirkt, die Wunde blutete nicht in seiner Nähe.
„Ich war empört, als ich diesen Morgen bei meiner Ankunft erfuhr, was geschehen,“ begann er endlich. „Man ist ja bei dieser Rotte seines Lebens nicht mehr sicher. — Jedenfalls müssen wir nun ernstlich daran denken, von hier fortzuziehen, denn unter diesen Blödsinnigen ist unseres Bleibens nicht mehr.“ Er beobachtete sie scharf.
Ernestine machte eine abwehrende Bewegung.
„Wie? Du wolltest nicht? Was könnte Dich hier fesseln, wo Alles Dir feindlich ist?“ 
Ernestine schwieg. Nach einer Pause sagte sie, dumpf: „Es ist gut. Du hast mir den Vorschlag gemacht — lass das genug sein. Ich werde es bedenken.“
Sie traten in das Haus.
„Ernestine — ich habe Dir den ersprochenen Sphygmographen mitgebracht, willst Du ihn sehen?“90
„Nein, ich will auf mein Zimmer und ruhen.“
Leuthold war ratlos. Er wollte sie jetzt nicht sich selbst überlassen. Er wollte ihre Aufregung benützen, um ihr das Geheimnis zu entlocken, das sie vor ihm hatte. Schon war sie an der Tür — da rief er ihr nach: „A propos, Ernestine!91 Ich gratuliere Dir.“
„Wozu?“ 
„Ich habe heute Morgen eine Indiskretion begangen und die Abhandlung auf Deinem Schreibtisch hervorgesucht, die Du mir so lange vorenthalten.  Ernestine, ich kann Dir sagen, ich bin ganz erstaunt! Das überflügelt Alles, was Du bisher gemacht — das wird wie eine Brandfackel in die Gelehrtenwelt einschlagen!“
Ernestine ließ die Türfalle los, die sie schon gefaßt hatte und sah ihn trübe an: „Glaubst Du?“
Sie schüttelte das Haupt: „Sie werden es doch nicht aufkommen lassen.“
„O, das denke nicht. So etwas muß sich Bahn brechen, dessen sei versichert. Wie bist Du nur auf diesen großartigen Einfall gekommen?“
 „Wie man am Ende auf Alles kömmt — durch Ideenverbindung. Wenn es sich nur begründen läßt?“
 „O, gewiß, gewiß, ich verbürge mich, daß es richtig ist. Mädchen, Du hast eine große Zukunft. Ich glaubte Dich zu kennen, aber Du überraschest mich immer aufs Neue durch Deinen wachsenden Genius.“
„Ach, Oheim, ich wage kaum mehr zu hoffen, Ich weiß jetzt, wie verächtlich die Männer der Wissenschaft von gelehrten Frauen denken. Mit dem Reden ist nichts getan, ich müßte Beweise schaffen können, unumstößliche Beweise, — müßte ein Verfahren ausfindig machen, das Allen  zugänglich wäre. Tatsachen fordert die heutige Wissenschaft und kann ich die nicht beibringen, so werde ich diese vorurteilsvollen Köpfe nie überzeugen.“
„Sei versichert, daß Jeder, der das liest, angeregt wird, Versuche über diesen Punkt zu machen. Überlaß Du’s den Technikern, das richtige Verfahren aufzufinden. Das Verdienst der Idee bleibt immer das Deine!“
„Und wenn sie es auch der Mühe wert finden, die Sache zu prüfen, es aber verkehrt anfangen und nicht zu dem erforderlichen Resultat gelangen — dann ist und bleibt es eben nur eine Hypothese und ich bin eine gelehrte Schwätzerin. Auch die du Chatelet wurde verlacht, als sie zuerst den großen Gedanken aussprach, daß die verschiedenen Spektralfarben verschieden erwärmen. Was half es ihr, daß nach vierzig Jahren endlich Rochon das Verfahren entdeckte, das den Beweis für ihre Behauptung lieferte? Sie war längst zu Staub zerfallen, und man legte nicht einmal den Lorbeer der Autorschaft auf ihr Grab.92 Ach, es ist ein elendes Dasein, wie lange, wie lange werden wir uns noch so Schritt für Schritt durchkämpfen müssen?“
Sie hatte sich unwillkürlich von der Tür ihres Zimmers entfernt und dem Onkel genähert.
Er ergriff ihre gerungenen Hände, er fühlte sie wieder in seiner Gewalt. „So lange, bis es ein Weib geben wird, das die Kraft hat, dem Manne zu widerstehen. Sie sind alle Brunhilden — diese großen Heldinnen. Jede fiel einem Siegfried zum Opfer, der ihre Stärke brach.93 Du, Ernestine, Du bist vielleicht das einzige Weib, das seine Aufgabe mit ruhigem Blute und klarem Sinn durchführen wird. Du erliegst keiner niederen Regung, unverwandten Auges strebst Du Deinem Ziele zu. Du wirst das Vorurteil der Welt brechen — Du wirst es und kein Mensch soll ahnen, wer Dir dazu half. Ich habe es längst verlernt, für mich zu denken und zu sorgen. Du bist mein Stolz, Du bist mehr als mein Kind, Du bist das Kind meines Geistes — Deine Erziehung ist mein Werk, Deine Ehre ist meine Ehre. So komm denn — ich habe darüber nachgedacht und glaube einen Versuch gefunden zu haben, der Deine Hypothese begründen kann.“
„Onkel,“ rief Ernestine glühend, „das wäre?“
„Komm nur, komm ins Laboratorium, wir wollen gleich einmal sehen, was zu machen ist.“
„Onkel,“ sagte Ernestine in überströmender Dankbarkeit: „Du gibst mir neues Leben. — Verzeih mir, daß ich Dich einen Augenblick verkannte, daß ich Dir Unrecht tat!“
„Laß es nur gut sein, mein liebes Kind. Wir bleiben dennoch Freunde. Ich kann mir’s denken, sie haben Dich gegen mich aufgehetzt und Du hast ihnen geglaubt. Mein Himmel, wer hat denn nicht einmal eine schwache Stunde?!“
„Ja, ja — ach, Oheim, es war eine schwache Stunde!“ und sie schlug in tiefer Beschämung die Hände vor das Gesicht.
„Ich errate!“ sagte Leuthold ruhig mit seiner noch immer melodischen, einschmeichelnden Stimme. „Man hat Dir das Herz schwer gemacht, man hat Dir von Liebe gesprochen, hat Dich zur Frau begehrt. Nicht wahr?“
Ernestine schwieg.
„Man hat aber einen weiblichen Simson in Dir erkannt und wollte Dir die Locken beschneiden, um alsdann rufen zu können: Philister über Dir!“94
Ernestine fiel ihm ins Wort: „Oheim, schweig, sprich nicht in diesem Tone von einem Menschen, der mir heilig ist!“
 „Gott verhüte, daß ich Dich verletze. Ich spreche ja gar nicht von ihm, nur von seiner Sippe, von seiner Frau Mama, die ihn noch immer am Schürzenband führt.“ Er streifte sie mit einem raschen Blick.
 „O, auch die Mutter nenne nicht mehr vor mir, ich hasse sie!“ rief Ernestine heftig und stieg mit ihm die Treppe zum Laboratorium hinauf.
Nun wußte Leuthold genug. „Ich begreife, daß diese Leute ihren Einfluß wider mich geltend machten, denn wer Dich gewinnen will, der muß zuerst mich aus dem Wege räumen. Das wissen sie recht gut, und es ist menschlich, daß sie es versuchten. Du aber hast Dir sehr bald gesagt mit Deinem gesunden Urteil, daß Jene etwas von Dir wollen und zwar nicht das Geringste: Dich selbst, daß also ihrer Handlungsweise ein, wenn auch unbewußter Egoismus zu Grunde liegt, daß ich aber, so lange Du mich kennst, uneigennützig an Dir gehandelt habe! — Sie drückten Dich in Deiner Selbstschätzung herab, damit Du Dich um so billigeren Kaufs an sie losschlügest, — ich sehe ja an Deiner kleinlauten Stimmung, wie sie Dich entmutigt haben! Ich gebe Dir Deine Zuversicht wieder und Du erkennst an dieser geringen Wohltat, daß ich nichts von Dir will, als daß Du Dir selbst treu bleibst. Das beschämt Dich — mir aber ist es die schönste Genugtuung! Und so bleibt es mit uns beim Alten! Nicht wahr?“
„Ja, Oheim,“ sagte Ernestine sich aufraffend. „Und nun komm, wir wollen die Versuche machen, von denen Du sprachst.“
„Leutholds helle Augen blitzten im Triumphe auf, als er diese Worte hörte und er trat mit ihr in das Gemach, welches die kostbaren Utensilien ihrer Wissenschaft enthielt.
Aber wie sie sich auch mühte, — es wollte nicht gehen mit der Arbeit. Ihre Hände zitterten, es flimmerte ihr vor den Augen. Ihr Interesse für die Sache erschlaffte, andere Gedanken schoben sich dazwischen. — Mit übermenschlicher Kraft nahm sie sich zusammen und, auf ihren Wangen  brannten rote Flecken, die jeder Arzt mit Schrecken sieht. Leuthold bemerkte sie nicht. Er war so vertieft in die Arbeit, daß er wie aus einem Traume auffuhr, als sie plötzlich ohnmächtig neben ihm zusammenfiel.

Sechstes Kapitel.
Die Schwäche der Starken.
Es war still und öde in der Bergstraße, als Johannes von Hochstetten zurückkam. Ihre Bewohner hielten Mittagsruhe und flohen die sengenden Strahlen, die von den weißen Häusern vertausendfacht zurückgeworfen wurden. Johannes saß regungslos, die Hände über die Augen gelegt, im Wagen. Er sah nicht auf, als er Hunde um die Räder bellen hörte — er hörte es wohl auch nicht. Die Außenwelt war tot für ihn.
„Hâlt-lá!“ rief eine Stimme aus einer vor seiner Tür haltenden Equipage ihm entgegen: „Parbleu, il dort.“95
Nun hob Johannes den Kopf, — die Worronska erwartete ihn.
Sein Wagen hielt. Er stieg aus und die Worranska winkte ihn zu sich hin. Sie saß heute ganz gegen ihre Gewohnheit nicht auf dem Bocke und lenkte ihre Pferde nicht selbst.
„Gut, daß Sie kommen. Ich wollte Sie aufsuchen, Professor Möllner, da mein Brief an Sie unbeantworet blieb, und war eben im Begriff wieder wegzufahren.“
Johannes geriet in Verlegenheit. Er hatte die erwähnten Zeilen erhalten aber nicht erbrochen.
„Bitte, reichen Sie mir Ihren Arm, haben Sie eine Minute Zeit für mich?“
„Ich stehe zu Diensten,“ sagte Johannes finster und half ihr aus dem Wagen.
„Gestatten Sie mir eine kurze Unterredung in Ihrem Hause, oder bin ich unwürdig, diesen Tempel der Wissenschaft zu betreten?“
Johannes, öffnete ihr die Tür: „Mein einfaches Haus ist schlecht gerüstet für den Empfang so vornehmer Gäste. Ich kann kaum hoffen, daß es Ihnen darin gefallen werde.“
„O, wie hübsch ist es hier,“ rief sie, als er sie in sein Empfangszimmer führte. „Glauben Sie mir, es gefällt mir hier weit besser, als in meinen steinernen Sälen, wo kein Atem einer warm fühlenden Brust weht!“
„Nun, ich dächte, eine Frau wie Sie wüßte überall fühlende Menschen um sich zu versammeln,“ sagte Johannes zerstreut, nur um etwas sagen.
Die Gräfin sah ihn zweifelhaft an. Bei dem Rufe, mit dem sie behaftet war, konnte diese Artigkeit eben so gut eine Bosheit sein. Doch die gedankenschwere Wolke auf seiner Stirn überzeugte sie sogleich, daß er im Geiste mit Anderem beschäftigt war. Sie schaute ihm in die Augen, aber er senkte unwillkürlich die Wimpern vor ihrem Blick, wie wir sie vor etwas niederschlagen, das unser Zartgefühl verletzt. Die Gräfin deutete das anders — seine Verlegenheit schmeichelte ihr.
„Sie nennen den Schwarm von lüsternen Schmeichlern, der mich früher — umgab, fühlende Menschen?“ fragte sie mit bitterem Spott.
„Nun, wenn Sie in den ersteren keine solchen fanden, dann beklage ich es, daß jene die letzteren von Ihnen fern hielten. Denn kein wahrhaft fühlender Mensch wird sich Ihnen nahen, so lange Sie dieser Schwarm umgibt.“
Die Gräfin fuhr vom Sofa auf: „Mein Gott, ich habe ihn ja längst entfernt — der Weg zu mir ist frei für jeden Edeldenkenden, doch keiner sucht ihn und ich muß ihm auf halbem Wege entgegnenkommen!“
Johannes schwieg. Dies Gespräch war ihm eine Marter, er bedurfte aller seiner Ritterlichkeit, um es in der gebührenden Form zu ertragen.
„Sie sind schlimmer Laune, Möllner, — bin ich die Ursache davon?“
„Welche Frage, Gräfin! Könnte ich sie bejahen, wenn dem auch so wäre? Ich muß schlimme Verstöße gegen Sie begangen haben, daß Sie mir so wenig Lebensart zutrauen.“
„Nun — übertriebener Artigkeiten hatte ich mich noch nie von Ihnen zu rühmen.“
„Ich dränge Niemandem etwas auf, was keinen Wert für ihn haben kann,“ sagte Johannes kalt.
Die Gräfin biß sich auf die Lippe: „Diesen Grundsatz könnte ich mir zur Lehre nehmen.“
„Ich wüßte nicht worin? Ich sagte nichts, was auf Ihr eigenes Verhalten Bezug haben könnte.“ 
„Wirklich?“
„Ich bin erstaunt, Sie dessen versichern zu müssen!“ erwiderte Johannes, der jetzt erst ahnte, welche empfindliche Stelle er in der Gräfin berührt haben mochte.
„Gut — ich glaube Ihnen. So will ich Ihnen denn zuerst etwas aufdrängen, was zwar für Sie keinen, aber für gewöhnliche Leute sehr viel Wert hat: Geld!“
Sie zog eine Brieftasche hervor und zählte eine Anzahl Banknoten auf den Tisch. „Sehen Sie — ich bin gekommen, um Ihnen das Schmerzensgeld für die verunglückte Kleine einzuhändigen. Hier sind zehntausend Rubel. Ich kann im Augenblick über nichts weiter verfügen. Glauben Sie, man könne das einstweilen den Leuten bieten?“
„Sie sind sehr großmütig, Gräfin — doch meine ich, wäre es für diese einfachen Leute besser, ihnen nicht die ganze Summe in die Hand zu geben. Wenn ich Ihnen raten darf, so bestimmen Sie dem Mädchen eine kleine lebenslängliche Rente, welche sie vor Mangel schützt, denn da sie einen Arm verliert, ist sie unfähig, etwas zu erwerben. Mit einem großen Kapital wissen die Leute nichts anzufangen.“
„Nun so verwalten Sie dasselbe und machen Sie es, wie Sie wollen. Mit einer Rente ist es nichts — ich könnte ja sterben und dann hätte es vielleicht Schwierigkeiten mit der Auszahlung. Nein — ich habe meinem Verwalter in Petersburg geschrieben, er solle mir noch vierzigtausend Rubel flüssig machen. Dann hat die Kleine ein Vermögen von fünfzigtausend Rubel. Damit wird sie in Deutschland sorgenfrei leben können.“
„Gräfin“ — rief Johannes, sein Auge mit unverhehlter Bewunderung auf die Worronska heftend: „Wissen Sie denn, was Sie tun? So können nur Könige schenken! Ich kann nicht beurteilen, in welchem Verhältnis diese Schenkung zu Ihrem Vermögen steht, aber es ist meine Pflicht, Sie zu warnen, bevor ich ein Opfer von Ihnen annehme, das weit über die Bedürfnisse jener Leute geht!“
„Mein Gott — welch ein Aufhebens um etwas so Geringfügiges!“ rief die Gräfin ungeduldig. „Ich brauche ja nur ein paar Jahre zu sparen, so ist der Ausfall gedeckt. Und wenn ich mir auch hier und da etwas versage — was ist das gegen den Schaden, den mein Leichtsinn dem armen Kinde zugefügt? Ich würde ihm mehr geben, wenn ich nicht so viele arme Verwandte hätte, die ich nicht verkürzen darf.“
„Nun wahrlich, Gräfin, ein solcher Besitz in solchen Händen — ist ein Segen für die Bedrängten! Ich sehe heute zum ersten Male mit tiefer Rührung, daß diese Hand etwas Anderes zu tun vermag, als Zügel und Peitsche zu führen, daß sie sich aufschließt mit fürstlicher Freigebigkeit und sorglos ausstreut, was Andere ängstlich zusammen scharren. Reichen Sie mir diese Hand und lassen Sie mich einen Kuß aufrichtigen Dankes darauf drücken. Ich habe Ihnen viel abzubitten!“
„O Möllner,“ rief die schöne Frau über und über in Glut getaucht: „Mein ganzes Vermögen, was ich bin und habe, gäbe ich hin um einen einzigen solchen Blick des Dankes aus Ihrem Auge! Möllner, ich weiß es, was Sie mir jetzt abbitten: Sie haben mich bisher verachtet und nun sehen Sie, daß doch etwas Gutes an mir ist. Ja, ich habe wild gelebt, ich bekenne es — ich habe den Maßstab nicht geachtet, den die Menschen an ein Weib legen, weil ich die Menschen selbst nicht achtete. — Jetzt, jetzt erkenne ich ihn an, weil ich endlich einen Mann gefunden, den ich inbrünstig, gläubig verehre — aus dessen Hand ich jedes Gesetz meines Lebens fraglos hinnehmen würde. Möllner, ich bin noch zu Besserem fähig, als ein paar tausend Rubel zu geben — ich kann mich selbst hingeben, aufgeben! Wenn Sie es wollten, wenn es mir Ihre Achtung wiedererwerben könnte, so wollte ich Zügel und Peitsche wegwerfen, wollte Nadel und Faden zur Hand nehmen, kein Pferd mehr besteigen, nicht mehr über Feld und Heide dahin brausen, — nicht mehr von einem Ort zum andern fliegen, noch in stetem Wechsel des Lebens perlenden Schaum genießen; — hier, hier wollte ich liegen und diese Kniee umfassen, still büßend wie Maria Magdalena. Meine Reichtümer wollte ich zu Ihren Füßen hinwerfen und von mir tun allen Glanz, der mich in andern Augen schmücken könnte, als in den Ihren. Ihnen sollte Alles gehören, was ich zu geben habe, was Andere so heiß begehrten, und ich wollte es als eine Tat der Barmherzigkeit betrachten, wenn Sie mich würdigten, mein Geschenk anzunehmen! — O, sehen Sie, ich verstoße wieder gegen Brauch und Sitte, da ich, das Weib, mich dem Manne meiner Wahl anbiete: Aber was bei jeder Andern ein Überschreiten der sittlichen Grenzen wäre, das ist bei mir eine Rückkehr zur Sittlichkeit. Ich darf nicht stolz abwarten, bis mir ein Mann wie Sie sein Herz entgegenbringt, ich bin so tief gesunken, daß ich in reuiger Zerknirschung mir Achtung und Liebe erbetteln, in lebenslanger Buße sie verdienen muß und nicht murren darf, wenn sie versagt wird. Ich empfinde die Schmach, die darin liegt, aber ich kann ja nur durch diese Schmach mich wieder zu meiner verlorenen Würde erheben, kann mich nur durch eine emanzipierte Tat von der Emanzipation lossagen! — O, glauben Sie mir, es ist keine frivole Wallung, die jetzt aus mir spricht, es ist das verzweifelnde Ringen einer verirrten Seele nach der erlösenden Kraft einer wahren Liebe!“
Sie konnte kaum vollenden, die Leidenschaft überwältigte sie, und die schönen Arme zu ihm emporstreckend wie eine Versinkende stürzte sie vor ihm auf die Knie und verfiel in wildes Schluchzen.
Johannes versuchte vergebens, sie aufzuheben. Er war wie betäubt von diesem vulkanischen Ausbruch. In die offenen Wunden, die Ernestinens Kälte ihm geschlagen, ergoß sich jetzt so plötzlich die glühende Lava einer Leidenschaft, von der er keine Ahnung hatte, die ihm in der gemäßigten Zone deutschen Geisteslebens nie vorgekommen war. Er stand davor, wie vor einer fremdartigen Naturerscheinung, überrascht, überwältigt, rat- und fassungslos. Ein einziger bitterer Gedanke kam ihm zum klaren Bewußtsein: Wo er Liebe suchte, fand er sie nicht und wo er sie nie gewährt noch begehrt, da überströmte sie ihn. Der Gegensatz war zu grell — er legte wie geblendet die Hand vor die Augen und ein schwerer Seufzer entstieg seiner Brust.
Sie zog ihm die Hand vom Gesicht: „Möllner, gilt diese Träne mir?“
„Uns Beiden!“
„Möllner!“ sagte sie mit ihrem tiefen, schmeichelnden Tone und ihre weichen, warmen Finger umschlangen die seinen, ihre dunklen, glühenden Augen hafteten in Todesangst an seinen Mienen. So lag das schöne majestätische Weib vor ihm, in heißer Qual, die Sünde büßend, daß sie sich dem Manne ihrer späten Liebe nicht rein erhalten hatte, — auf ihn hoffend, wie auf ihren Erlöser, bereit, sich selbst und ein Leben voll Genuß ihm hinzugeben — ihm, dem einfachen Gelehrten, der sich keiner der Vorzüge bewußt war, durch welche die stolzen Männer ihrer Kreise glänzten, der ihr nie auch nur das Geringste zu Liebe getan! So, so konnte ein Weib ihn lieben, ein Weib, das gewöhnt war, die höchsten Ansprüche zu machen — und Jene, jene Eine, der er seine ganze Seele entgegenbrachte, für die er sein Leben hingäbe, konnte ihn einem Wahn aufopfern, einem Dünkel, der sie nicht einmal beglückte? Ihm schwindelte, er entzog der Gräfin seine Hände und sprang auf, um Atem zu schöpfen, sie warf den Kopf auf seinen verlassenen Sessel und barg das Gesicht still in den Armen, als erwarte sie den Todesstreich, der ihr das Haupt vom Nacken trennen sollte. — Jetzt, als sie in ihrem Schmerz hingegossen vor ihm lag, sah er zum ersten Male die Schönheit dieser Gestalt, aber nur einen Augenblick sah er sie, im nächsten wandte er sich von ihr, stieß einen Laden auf, daß das volle Tageslicht hereinströmte und die beklemmende Dämmerung wich. Ein frischer Luftzug hatte sich erhoben. Er atmete ihn mit vollen Zügen. Als er wieder zur Gräfin trat, war er ruhig. Nachsicht, diese hervorragende Eigenschaft feiner, milden* Seele, hatte jeden Widerwillen besiegt und an seinem Schmerz um Ernestine nährte sich sein Erbarmen für die hoffnungslos liebende Frau. Es war ein reines, echt menschliches Gefühl, das aus seinen Augen strahlte, als er ihren Kopf emporhob, aber sie war aufs Neue davon getroffen wie von einem Zauber.
„O, diese Augen! Möllner — nicht mit diesen Augen sprechen Sie mein Urteil aus, sonst wird mir das Sterben doppelt schwer. Wenn Sie mir nicht sagen wollen, daß Sie mich lieben — so sehen Sie weg — denn Ihr Blick weckt Tote wieder auf!“
„Mein Gott, Gräfin wie soll ich das rechte Wort, den rechten Ton finden für das, was ich Ihnen sagen muß, wenn Sie mir Fassung und Klarheit so schwer machen? Ich bitte Sie, liebe teure Freundin, hören Sie mich ruhig an und erwägen Sie selbst, welch furchtbare Aufgabe Sie mir gestellt, indem Sie mich zwingen, entweder zum Heuchler zu werden — oder Ihnen das Ärgste zu tun, was einer Frau begegnen kann.“
Die Gräfin sprang auf und maß ihn mit einem Blick, in dem Zorn und Schmerz um die Herrschaft zu streiten begannen. Er faßte ihre Hände und drückte sie sanft auf das Sofa nieder, sie gab fast willenlos seiner Berührung nach.
„Liebe Gräfin, — lassen Sie mich für uns Beide die nüchterne Gesinnung bewahren, die nicht Sache so gewaltiger himmelstürmender Naturen ist wie die Ihre, um so mehr aber Sache des Mannes, in dessen Hände Sie vertrauend die Verantwortung für Ihr Schicksal legen. Es wird wenig nützen, wenn ich Ihnen vorstelle, daß Sie sich jetzt mehr zutrauen, als Sie später leisten können. Sie werden mir nicht glauben, denn ein Weib, das liebt, hält kein Opfer für zu schwer. Aber auch in der treusten Liebe finden naturgemäße Wandlungen statt. Man mag sich wohl eine Zeit lang in einer gewissen Bescheidung gefallen, man mag sie sogar nicht einmal empfinden, denn ein ungewohntes Glück entschädigt für ungewohnte Entbehrungen — aber teuerste Gräfin, auch an das Glück der Liebe gewöhnt man sich — es hört, selbst wo sie nicht erkaltet, doch allmählich auf, ein Ausnahmszustand zu sein und wird uns ein natürlicher Zustand, auf Grund dessen alle Bedingungen unseres Seins, alle Eigentümlichkeiten der Geburt und Erziehung wieder zum Vorschein kommen. Sind dann die Verhältnisse nicht vorhanden, die ihnen entsprechen, so fühlen wir trotz der treusten Liebe einen Mangel, der uns endlich sogar das Bewußtsein rauben kann, daß wir glücklich sind! Dieses Schicksal, gnädigste Gräfin, ist unausbleiblich bei Ehen, wo ein Teil dem andern unverhältnismäßige Opfer bringen muß. Eine Frau wie Sie würde sich nie und nimmer in den kleinbürgerlichen Verhältnissen des deutschen Gelehrten gefallen, Sie würden sich sehr bald als eine Gefangene betrachten und unbeschadet der Liebe zu mir, an deren Ernst ich glaube, sich in Ihr früheres Leben zurücksehnen. Wer sein ganzes Dasein hindurch den Zwang der Pflicht nicht kannte, 
der lernt ihn nimmer ertragen, wenn er auch noch so ehrlich will! Sobald Sie Ihre Pflichten gegen mich als einen Zwang empfänden — und das würden Sie früher oder später — wären Sie elend!“
„Es ist genug, Professor Möllner,“ rief die Gräfin, „geben Sie sich keine Mühe, mich an mir selbst irre zu machen. Wenn Sie mich liebten, Sie vermöchten, nicht so weise zu überlegen, ob es auch wohl zu meinem Heile sei oder nicht. Wenn Sie nach mir verlangten, wie ich nach Ihnen, Sie fragten nicht erst, wie lange wir glücklich sein könnten — Sie genößen den Augenblick und gäben für den Augenblick eine Ewigkeit hin. O, Sie großer, stolzer Mann, Sie tragen das Sklavenzeichen Ihrer kleinen Verhältnisse an der Stirn und wissen es selbst nicht. Wahrlich, Möllner, Ihre kühle Zurechtweisung beschämt mich nicht — denn ich fühle, daß ich in dieser Stunde doch größer war als Sie!“
„Sie haben vollkommen Recht, meine Freundin. Ein Weib so schön, so hohen Standes, so begehrenswert wie Sie, braucht nicht zu erröten, wenn es einem Manne vergeblich dargeboten, was Tausende begierig ergriffen hätten. Glauben Sie mir, wenn Einer von uns der Beschämte ist, so bin ich es, dem eine Gunst zu Teil geworden so ohne Vorbehalt, ungemessen und unverhofft, wie sie nur Götter aus ihrer reichen Gnadenfülle spenden — eine Gunst, die ich nicht verdienen, nicht vergelten kann!“ Er nahm mit tiefer Ergriffenheit ihre Hand in die seine, ihr Auge hing leuchtend an seinen Zügen.
„O, Möllner, Ihr Herz erweicht sich, ich sehe es. Sie wissen es nicht, was Liebe ist, wer hätte es Sie denn hier lehren sollen? Die verkümmerte, armselige Empfindung, die Ihr so nennt, reicht eben hin für Euren Hausbedarf — der allgemeine Verbrauch ist gering, wenig wird gegeben, wenig eingetauscht, was solltet Ihr auch mit mehr anfangen? Eine echte Leidenschaft würde die entsetzlichsten Zerstörungen in Eurem behaglichen Kleinwesen anrichten. Nur große Gefühle können große Gefühle entfachen und wer sie nicht kannte, der hat nicht gelebt! Ein Mann wie Sie darf nicht feige sein Ohr verschließen, wenn der Ruf der Leidenschaft an ihn ergeht. O, entziehen Sie mir Ihre Hand nicht. — Der Augenblick ist da, wo es sich entscheiden muß, ob ich hierbleibe oder nach Rußland zurückkehre. Meine Güter kommen in Verfall, ich werde betrogen, ich muß sie entweder verlaufen oder selbst an Ort und Stelle sein. Wenn Sie mir nur die leiseste Hoffnung geben, wenn Sie mir nur den Versuch gestatten wollen, Ihre Liebe zu gewinnen, dann will ich mich all’ meiner russischen Besitzungen entäußern und hier leben unter Ihren teuren Augen, leben in klösterlicher Stille und Entsagung Jahr um Jahr, bis Sie mich an Ihr Herz nehmen und sagen werden: „Du hast Dich bewährt — ich glaube Dir!“ Dann aber, dann will ich einen Himmel um Sie breiten, wie ihn keines jener kalten, nüchternen Wesen Ihrer Kreise nur zu ahnen vermag. Ein Wort, Möllner, kein Versprechen, nur eine Hoffnung, und ich bin Ihr Geschöpf!“
Johannes betrachtete die fiebernde Frau in ihrer dämonischen Pracht und Schönheit mit einem seltsamen Gemisch von Bewunderung und Grauen, von Teilnahme und Abscheu. Endlich faßte er einen Entschluß, denn er fühlte, daß er ein Ende machen müsse: ,,Gräfin,“ sagte er nicht ohne Überwindung, denn es fiel seiner großmütigen Natur schwer, ein Weib zu beleidigen. „Gräfin, ich sehe, daß ich Ihnen Wahrheit schuldig bin. Nun denn, hoffen Sie nichts. Ich glaube, es würde Sie empfindlicher verletzen, wenn ich Ihnen sagte, ich könne Sie nicht lieben, denn das stellte Ihre hohen persönlichen Reize in Zweifel. Welcher Mann von Fleisch und Blut dürfte sich verschwören, er könne Sie nicht lieben — ein Weib, vollendet vom Scheitel bis zur Zehe? Ich würde mich dessen nicht vermessen, denn ich habe Sinne wie jeder Mensch. Aber Gräfin, ich will Sie nicht lieben — und was ich will oder nicht will, darauf kann ich schwören!“
Er erhob sich, die Gräfin mit ihm, sie stand ihm, ein Bild der Verzweiflung, gegenüber. „Und soll ich mich mit diesem einen Wort abfertigen lassen? Bin ich keiner Erklärung wert warum?“
,,Lassen Sie es sich genügen, wenn ich Ihnen sage, daß ich mich als gebunden betrachte.“
„O, an die Hartwich!“
Johannes streckte abwehrend die Hand aus: „Nennen Sie den Namen nicht, Gräfin. Ich will ihn nicht hören aus Ihrem Munde.“
„Also doch! Jene eisige, stolze Hexe, jenes Phantom, in dessen Adern kein Tropfen warmen Blutes rinnt, hat Sie mir geraubt? Fluch ihr!“
„Fluchen Sie ihr nicht, Gräfin — es bringt Sie um meine kaum gewonnene Teilnahme,“ rief Johannes empört. „Jenes Mädchen ist es nicht, das zwischen Ihnen und mir steht, nie, nie hätte ich Ihnen mein Herz und meine Hand geboten, auch nicht, wenn ich frei gewesen wäre. Zwingen Sie mich nicht, Ihnen zu sagen, was kein Mann einer Dame gegenüber aussprechen darf.“
„Und was wäre das? Lassen Sie mich diesen letzten Tropfen des Bechers noch leeren, ich gehe nicht eher von hinnen, als bis ich Alles weiß!“
 „Nun, wenn Sie es nicht anders wollen, so hören Sie es denn, vielleicht heilt Sie diese Erkenntnis in doppeltem Sinne: Sie können Alles gewähren, Gräfin, was auf Erden kostbar und beglückend ist — Eines nur haben Sie nicht mehr zu geben, das ist Ihre weibliche Ehre! Und wenn eine Göttin vom Himmel zu mir niederstiege und brächte dies Kleinod nicht mit, ich schickte sie zurück in ihre Herrlichkeit und bliebe hier unten als ein armer, einsamer Mann!“ —
Ein Schrei erfolgte auf diese Worte, dann war es wieder eine kurze Zeit still. Die Worronska stand zur Bildsäule erstarrt und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben mit niedergeschlagenen Augen vor ihm. Johannes trat bewegt zu ihr hin und sagte milde: „Sie können mir nicht verzeihen, was ich Ihnen jetzt getan, deshalb bitte ich Sie nicht erst darum. Es ist gut so, liebe Gräfin. Sie werden mich nun eine Zeit lang hassen und dann vergessen. Ich aber werde Ihnen mein ganzes Leben hindurch ein wehmütiges Gedächtnis bewahren — denn Sie wollten mir Gutes erweisen und ich mußte Ihnen dafür wehe tun. Hassen Sie mich nur — ich verdiene es nicht besser!“
„Möllner,“ sprach die schöne Frau mühsam nach Atem ringend. „Alle Sünden meines Lebens habe ich in dieser Minute gebüßt. Leben Sie wohl, und wenn Sie hören, daß ich in mein altes Treiben zurückverfallen bin, dann machen Sie in den Armen Ihrer keuschen Braut das Kreuz über mich und sagen Sie ihr: „Diese Seele hätte ich retten können, aber ich wollte nicht!“
Johannes sah sie traurig an: „Gräfin, wenn der Schmerz dieses Augenblicks Ihnen den Gedanken, in Ihr früheres Leben zurückzufallen, nicht abscheulich macht — dann hätte auch meine Liebe Sie nicht gerettet. Ich weise sie von mir, die furchtbare Verantwortung, die Sie auf mein Haupt wälzen wollen. Ich tat, was ich konnte: Ich gab Ihnen die Erkenntnis und ich kann nicht denken, daß dieselbe fruchtlos in Ihnen bliebe!“
„Ich danke Ihnen,“ sagte die verzweifelnde Frau mit bitterem Hohn. Einen einzigen, verzehrender Blick heftete sie noch auf Johannes. Er stand ruhig vor ihr, ohne ihn zu erwidern, dann wandte sie sich mit königlicher Haltung der Tür zu. Er bot ihr seinen Arm, um sie zum Wagen zu führen, doch sie wies ihn zurück, ihr schönes Antlitz war leichenhaft starr und bleich, kein Wort kam mehr über ihre schmerzlich verzogenen Lippen.
Er sah ihr nach, wie sie in den Wagen stieg und das Gesicht in die Hände vergrub. Er bemerkte, wie ein Zittern ihren ganzen Körper schüttelte. Der Wagen flog davon, der Staub wirbelte auf. Johannes trat in sein einsames Zimmer zurück. „O, Ernestine!“ rief er laut hinaus, als könnte sie ihn hören: „Ernestine!“

Siebentes Kapitel.
Käthchen mit dem silbernen Arm.
Das war eine merkwürdige Geschichte in dem Dorfe Hochstetten! Die ältesten Leute im Orte konnten sich solcher Ereignisse nicht entsinnen. Das große Unglück, das Kellers getroffen, hatte sich in das größte Glück verwandelt. Kellers, die armen verachteten Tagelöhner, waren reiche Leute geworden und sollten nächstens noch viel reicher werden. Dafür konnte sich das Käthchen schon den Arm abfahren lassen. Und da es ihm ja weiter nichts geschadet hatte, so war die Sache am Ende nicht einmal das viele Geld wert. Manch Einer war noch weit schlimmer zugerichtet worden, und es hatte sich keine Katze drum gekümmert, ja er war noch obendrein gepfändet worden, wenn bei der langen Arbeitsunfähigkeit Haus und Hof in Verfall kamen. Und diesem Glückskind flog für so ein einziges kleines Ärmchen ein ganzes Vermögen zu! Wo war denn da die Gerechtigkeit? Man hätte sich gerne damit getröstet, das Geld sei vom Satan und könne den Kellers keinen Segen bringen und man möchte selbst lieber hungern, als solchen Höllenlohn annehmen. Die Kellers hatten es auch zuerst zurückweisen wollen, aber der Herr Vikar hatte dem Teufel das Neujahr abgewonnen. Der hatte den Leuten geraten, von dem Gelde ein schönes Kruzifix zu errichten und dreihundert Gulden zu Seelenmessen für ihre Wohltäterin an die Kirche zu stiften. Dadurch war das Geschenk geweiht und sie durften es nun ruhig nehmen.
Kaum vier Wochen waren seitdem verflossen und schon stand auch das Kreuz an der Landstraße gerade da, wo Käthchen überfahren worden. So schön war keines in der ganzen Gegend, und die Keller’schen Eheleute hoben so stolz die Köpfe, wenn sie vorbei gingen, als hätten sie unsern Herrn Jesus Christus leibhaftig in die Welt gesetzt. Das Kreuz war zehn Schuh hoch und stand noch auf einem fünf Fuß hohen Untergestell, das die Inschrift trug: „Dieses Kreuz stifteten zur Ehre Gottes Pankratius und Kolumbane Keller. Anno Domini 18... Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Himmelreich!“ Weiter unten aber hing eine schön gemalte Tafel, worauf zu lesen war: „Wanderer, steh still und siehe, wie wunderbarlich solche Verheißung sich bewährt hat an unserem Kinde.“ Das Gemälde, welches diese Worte erläutern sollte, stellte Käthchen mit einem Arme dar, der andere lag am Boden, und aus der leeren Schulter schoß ein breiter Strom von Blut. Ein Wagen fuhr in größter Eile davon. Über Käthchen öffnete sich jedoch der Himmel und aus den Wolken reichte ihr das von der Madonna getragene Jesuskind einen silbernen Arm herab.
Diese herrliche, sinnreiche Allegorie auf den aus Käthchens Unglück entsprungenen silbernen Segen, die dem Poeten des Dorfes, dem hochbegabten Kirchendiener, so viel Kopfzerbrechens gekostet, hatte die Folge, daß die Kleine seitdem nicht mehr anders als Käthchen mit dem silbernen Arm hieß, obgleich sie sich beharrlich weigerte, den Spitznamen zur Wahrheit zu machen und sich eines künstlichen Gliedes zu bedienen. Hohn und Spott und Neid hatten die Keller’schen Eheleute genug auf sich gezogen, aber es machte ihnen nichts, sie konnten die Leute wiederum auslachen, sie hatten ja Geld — und was mehr war, sie hatten sich vermöge dessen dem lieben Gotte wohlgefälliger gemacht als alle Andern. Der Hirschenwirt und der Bürgermeister waren die reichsten Leute im Dorfe, aber Keiner konnte sich rühmen, gleich dreihundert Gulden der Kirche geweiht zu haben, und der Bürgermeister hatte drüben an der Matte um einen „geschundenen“ Herrgott aufrichten lassen, d.h. ein Kreuz, an welches der Ersparnis halber nichts als Kopf, Hände und Füße Christi gemalt waren, daß man sich das Übrige hinzudenken mußte.
So konnten sie ohne Sorge ihres Reichtums genießen. Sie wußten ja, wie sie mit ihrem Herrgott standen, und Frau Keller hatte noch obendrein das Päckchen mit dem Gelde, wie sie es von Möllner erhalten, mit Weihwasser besprengt. Das hatte sie ganz auf ihre eigene Hand getan, man konnte in der Hinsicht nicht vorsichtig genug sein. Nun war aber auch Alles geschehen, was den Bösen austreiben mußte, und nun konnte der Segen ja nicht ausbleiben! Anders dachte und fühlte Käthchen. Ihm tat es gar weh, daß die Kinder es von ferne umstanden und anstaunten wie ein Wundertier, wenn es vor dem Haus in der Sonne sitzen durfte, daß die großen Buben es um den silbernen Arm beschrieen und an dem leeren Ärmelchen zupften, das ihm von der Schulter hing.
Am wehsten aber tat es ihm, als einmal ein Krüppel vorbeischlich — deren es viele im Orte gab und überall gibt, wo die Menschen mit den rohen Naturkräften um die Herrschaft kämpfen müssen — stehen blieb und brummte: „Du hast’s gut, Du wirst verpflegt wie eine Prinzessin. Unsereins hat’s noch schlechter als ein Hund, einen solchen schießt man doch tot, wenn er’s Bein bricht, aber unsereins läßt man sich herumquälen und verhungern um der Gottes-Barmherzigkeit willen! Aber freilich, so fromme Leute, wie Ihr seid, sind beim lieben Gott immer besser angeschrieben, drum hast Du von einer Herrschaftskutsche überfahren werden dürfen. Mir hat nur ein Block im Steinbruch die Hüfte zerschmettert, der hat sich weiter nicht viel entschuldigt, und die Leute in dem Hause, zu dem ich die Steine sprengte, fragen auch nicht, wie viel Menschenblut eingemauert ist! Na, Jedem das Seine!“
Damit humpelte der Bettler auf seinen Krücken fort und Käthchen bedeckte mit dem einzigen Händchen, das es besaß, die Augen und schluchzte bitterlich. —
„Ist das mein herziges Käthchen,  das ich weinen höre?“ fragte plötzlich eine wohlbekannte Stimme, und als Käthchen aufschaute, sah es Herrn Leonhardt, geführt von seinem Sohn, daherkommen.
Der junge Herr Leonhardt war hoch und schlank gewachsen, klar und mild im Ausdruck und schön von Angesicht, ein Jüngling im echtesten Sinne des Wortes, wie man sich den verratenen Lieblingssohn Jakobs denkt. Es lag eine biblische Poesie in der Hingebung, mit der er die unsicheren Schritte seines blinden Vaters leitete, seine Augen waren zur Erde gesenkt, um auf jede Unebenheit zu achten, woran des Vaters Fuß straucheln könnte, und dennoch war es, als strahle ein heller Glanz durch die gesenkten Lider. 
Den leichten Strohhut schwang er in der Hand hin und her, und das blonde Haar umwallte die edle Stirn in reichen Locken.
Käthchen verging alles Weinen, da sie ihn sah. Er war ja die einzige Lichtgestalt unter den plumpen Bauern, und wie sehr sie auch seinen Vater geehrt und geliebt, der Sohn stand ihrem kindlichen Sinne näher, denn er war jung, kaum zwölf Jahre älter als sie, und die Jugend findet sich stets zusammen. Es stand auf und schwankte den Beiden ein paar Schrittchen entgegen.
„Nu, Käthi, Du tapferes Mädchen, das nicht geweint hat, als ihm der Arm abgenommen worden, was ist Dir denn geschehen?“ sagte der junge Walter und ließ seinen Vater sich auf die Bank neben ihr niedersetzen.
„Sie schelten mich,“ klagte Käthchen, „weil ich es so gut habe und von einer Herrschaftskutsche überfahren worden bin. Sie neiden mir mein Glück und Keiner kann mich mehr leiden. Das soll aber nicht so sein, ich will nichts vor den andern armen Krüppeln voraus haben, ich will ihnen auch etwas abgeben von meinem Reichtum. Der Sepp hätt’s viel nötiger gehabt und viel besser verdient als ich und hat nichts für den Stein bekommen, der auf ihn fiel, und er ist doch ein großer, erwachsener Mann. Ich aber bin ja nur so ein kleines, dummes Kind, das noch nicht einmal eine Arbeit versäumt, wenn’s stille sitzt, und mir haben sie so viel Geld dafür gegeben! Ich will’s aber nicht allein behalten, und die Eltern sollen’s auch nicht allein behalten, sie sind ja gesund. Ich will’s mit denen Allen teilen, die einen Schaden haben wie ich!“
„Aber, mein liebes Käthchen,“ sagte Herr Leonhardt gerührt, „Du bist gar zu großmütig gegen die Leute, die Dir doch so wehe getan. Wenn Du mit allen Krüppeln und Bresthaften96 im Dorfe teilen wolltest, so würde für Dich wenig übrig bleiben. Wenn aber der Himmel bestimmt hat, daß Du reich werdest und Jene arm bleiben, so mußt Du Dich ohne Gewissensbisse und dankbar seinem unerforschlichen Ratschluß fügen. Du kannst den Bedürftigen wohl tun, indem Du ihnen auf Deinen künftigen Grundstücken angemessene Arbeit gibst, wenn Ihr erst das große Kapital habt, das Dir noch in Aussicht gestellt ist. Bis dahin setz ihnen eine kleine wöchentliche Unterstützung aus, das ist besser, als ihnen eine große Summe zu schenken, die solche rohe Menschen nur zum Müßiggang, Trunk oder Spiel verleiten würde.“
„Ja, das wäre recht schön — aber die Mutter läßt mir nichts. Ich kann ja Keinem einen Kreuzer schenken, sie leidet’s nicht.“
„Billigt denn das Dein Vater?“ fragte Walter, der das Kind mit stillem Entzücken betrachtete.
„Ach! Er arbeitet den ganzen Tag auf unserm neuen Felde und kümmert sich um nichts. Die Mutter hat’s Geld aufgehoben, und wenn sie sagt: <<So soll’s sein>> — dann ist er stille.“
„Aber wie reimt sich das mit der unerhörten Freigebigkeit Deiner Eltern an die Kirche?“
„Ja, ich habe der Mutter auch gesagt, sie hätte lieber den armen Leuten etwas von dem vielen Gelde gönnen sollen, das sie dem Herrn Vikar und dem Steinmetz für die Messen und das Kreuz zahlte, aber da hat sie, mich angefahren, ich sei ein dummes Ding. Das Geld sei ja dem lieben Gott geschenkt und dem etwas zu geben, sei klüger und profitlicher, als den Menschen, denn unser Herrgott sei mächtiger als diese und könne einem besser lohnen, was man für ihn tue.“
Herr Leonhardt wandte sich mit seinem milden Lächeln an seinen Sohn: „Bezeichnet nicht das eine Wort die ganze Verderbnis dieser falschen Frömmigkeit? Der liebe Profit allein veranlaßt sie, sich an den Höchsten zu wenden. Sie halten den Herrn für eine käufliche Kreatur, deren Protektion durch Bestechung zu gewinnen ist, und fühlen sich mit diesem einen Opfer aller andern Menschen- und Christen-Pflichten entbunden. O heilige — nein, nicht heilige — unheilige Einfalt!“
„Lieber Vater,“ sagte Walter, „es ist und bleibt eben die alte Geschichte vom Ablaß, nur in anderer Form. <<Den Tetzel habt ihr ausgetrieben — die Tetzel aber sind geblieben>> könnte man da sagen, und Tetzel muß und wird es so lange geben, als es Menschen gibt, denen Geld das höchste Gut auf Erden ist und die es daher keineswegs unter der Würde des Herrn finden, sich gelegentlich auf Geldgeschäfte mit ihnen einzulassen!97 Der edle Gedanke des antiken Opfers liegt dem allem* zu Grunde: Polykrates warf den Ring ins Meer, um die Götter zu versöhnen, der Christ setzt ihnen für schwer’ Geld ein Kreuz.98 Aber der Grieche erblaßte, als die Götter sein Opfer zurückwiesen und der Fisch den Ring wiederbrachte — der Eigennutz unserer Zeit betrachtet sein Opfer als eine Kapitalanlage und hofft auf reichliche Zinsen.“
Der junge Mann fuhr sich lachend mit der Hand durch das lichte, üppige Haar. Sein Vater neigte sorgenvoll den kahlen Scheitel zur Erde und dachte darüber nach, wie recht sein Sohn habe und wie weit die Menschen noch von der wahren Erkenntnis entfernt seien. Käthchen sah Beide verwundert an, als hätten sie in einer fremden Sprache gesprochen. Es war stille rings umher, denn die Eltern der Kleinen waren auf dem Felde. Ein paar Tauben pickten Käthchens Vesperbrot auf und im Bache am Haus plätscherten fette Enten, tauchten unter und schüttelten die Schwänze.
Da näherten sich rasche, feste Schritte.
„Das ist unser Freund Möllner,“ sagte der alte Herr horchend. „Den Tritt kenne ich unter allen heraus.“
„Ja, Vater Leonhardt, er ist es,“ rief der Ankommende. „Gott grüß Euch beisammen!“ Er ging auf die kleine, friedliche Gesellschaft zu. Vor ihm her liefen einige Gänse, sehr erschrocken, sehr geängstigt, aber doch bis zuletzt ihre Würde wahrend, denn es fiel ihnen nicht ein, auf die Seite zu gehen, sie blieben inmitten der Straße, bis Johannes seitab bog und zu den Freunden trat.
„Sehen Sie, Herr Professor,“ bemerkte lustig der junge Mann, „was sich die dummen Tiere darauf einbilden, den Platz behauptet zu haben. Sehen Sie, wie hochmütig sie zu Ihnen herüber schauen. Die meinen nun sicher, Sie hätten ihnen aus dem Wege gehen müssen! So ist es überall — der Kluge räumt das Feld, das er mit der Dummheit teilen soll, und diese glaubt sich im Sieg und macht sich um so breiter.“
Johannes lächelte: „Lieber Walter, wie geraten Sie denn auf diese hausbackene Moral — sind Sie vielleicht im Begriff, eine neue Kinderfibel für Ihre Schule zu verfassen?“
„Ja, man könnte wirklich dahin kommen, unter diesem Volke!“ meinte Walter und schüttelte die dargebotene Hand des Professors.
Möllner setzte sich mit auf die Bank und nahm Käthchen auf den Schoß. „Nicht wahr, Käthchen, das wäre Dir recht, wenn Herr Walter Dir eine neue Fibel dichtete?“
„Unter Umständen, lieber Walter, wäre das ein ganz verdienstliches Werk!“ bemerkte Herr Leonhardt ernst. „Man muß das Kleine nicht verachten, wenn einem nicht vergönnt ist, das Große zu leisten.“
„Ja, Vater,“ lachte der frische junge Mann, „aber in einer Fibel, die hier Eingang finden soll, müßte unter H mindestens stehen:
Die Hartwich auf dem Schlosse ist 
’Ne Hexe, das weiß jeder Christ!
Herr Leonhardt gab dem unvorsichtigen Sprecher heimlich ein Zeichen und dieser sah erschrocken nach Möllner, der in trübem Schweigen vor sich hin blickte.
„Ihr müßt das Fräulein vom Schlosse nicht verspotten,“ sagte Käthchen und legte das eingefallene Gesichtchen an Johannes’ lauter pochendes Herz. „Die Mutter hat heute gejammert, ich sehe jetzt so garstig und blaß aus wie das Fräulein und den lieben Gott gebeten, er solle den bösen Zauber von mir nehmen, den das Fräulein mir angetan. Da hat es mich so gedauert, denn es wird doch nichts dafür können, daß ich blaß bin. Es ist ja so gut — wie möchte es mich verhexen?“
Johannes drückte das Kind schweigend an sich.
„Gewiß ist sie gut und tut Niemandem etwas zu Leide,“ sprach Herr Leonhardt. Sein Sohn aber fiel ihm mit der Überschwänglichkeit der Jugend ins Wort: „Eine Heilige ist sie — zu heilig, daß dieser Pöbel nur die Fußtapfen küsse, wo sie vorüber schritt.“
Johannes drückte seine bärtigen Lippen auf des Kindes Kopf und schwieg.
„Herr Professor, wo sind Sie?“ fragte Leonhardt weich und besorgt und legte seine Hand Johannes auf die Schulter.
„Bei dem Gegenstand, von dem die Rede ist, mein teurer Freund! Es läßt mir keine Ruhe mehr, vier Wochen sind vorüber, seit ich sie zum letzten Male sah. Ich wollte sie nicht eher wieder aufsuchen, bevor ich das nötige Material gesammelt, womit ich ihren Oheim niederschmettern könnte, denn ich muß auf jeden Widerstand gegen meine Besuche von seiner Seite gefaßt  sein. Heute ist es mir endlich gelungen, durch unseren braven Altvater Heim Gleißerts Betrügereien auf die Spur zu kommen, und wenn ich die heutigen Nachrichten mit der Tatsache zusammenreime, daß seine Briefe, wie Ihr sagt, meist nach Unkenheim gerichtet sind, so glaube ich, eine furchtbare Handhabe zu besitzen, und dennoch, dennoch weiß ich nicht, was ich tun darf, ob ich Ernestinen schriftlich warnen oder ob ich selbst hingehen soll. Wird — muß mein Anblick ihr nicht peinlich sein?“
„So viel ich mich erinnere, sagten Sie mir, das Fräulein habe Sie aufgefordert, sie nicht zu verlassen?“ sagte Herr Leonhardt.
„Das tat sie, ja mein Freund, in der ersten Erregung. Aber weiß ich, wie sie jetzt denkt und fühlt, da sie sich so ängstlich zuvor erkundigen läßt, ob ich nicht da sei und nie ohne Gleißert kommt, wenn sie Euch besuchen will?“
„Dahinter steckt nur der Oheim,“ meinte Walter. „Sie glauben nicht, Herr Professor, wie der sie hütet und beobachtet. Seit ich droben in ihrem Laboratorium studieren darf, habe ich sie noch keine Minute allein gesehen, immer war der Teufel dabei. Ja selbst die Erlaubnis, auf das Schloß zukommen, hat sie mit Gewalt für mich erpreßt. Die Willmers sagt, es sei drei Tage lang Verdruß deshalb gewesen. Fräulein Ernestine habe aber doch einmal ihren Kopf aufgesetzt — und so erlaubte er’s endlich. Es ist hohe Zeit, daß für das unglückliche Wesen etwas geschieht, seit der Vollendung ihres neusten Werkes ist sie völlig erschöpft; wenn das so fortgeht, reibt sie sich auf.“
„Das weiß ich längst,“ sagte Johannes mit einem schweren Seufzer, „aber was tun? Ihr Herz ist nicht zu rühren, ihr Kopf nicht zu brechen. Meine einzige Hoffnung ist noch die Trennung von dem Schurken.“
„Ich halte es doch für das Beste, Sie gehen zu ihr und sehen sie selbst. Sie verfällt wirklich von Tag zu Tag mehr,“ sagte Walter.
„Ja, ich fühle es an ihren Händen,“ setzte Leonhardt hinzu. „Die werden immer schmaler und sind so kalt und feucht, wie die einer Sterbenden. Ach, Herr Professor, es geht mir durch und durch, wenn sie mich damit berührt, und ich meine dann ordentlich, ich sehe sie leiden, denn so fühlen sich nur Hände an, die oft in großen Körper- oder Seelenschmerzen gerungen werden!“
Johannes setzte das Kind bei Seite und verhüllte das Gesicht, aber dem blinden Auge des Schulmeisters konnte er doch nicht verhüllen, was in ihm vorging.
„Wozu den Trotz, den Stolz, lieber Herr, wozu ein Weh zurückdrängen, das so natürlich ist? Eilen Sie zu ihr — es wird ihr vielleicht eine Wohltat sein.“
„Gut denn, ich will ein paar Zeilen an sie schreiben,“ sagte Johannes, „will sie fragen, ob ihr mein Anblick tröstlich oder qualvoll wäre! Mein Gott, ich will ja nichts, als ihr wohltun! — Sie, edler, junger Freund Walter, übernehmen es, ihr den Brief in die Hand zu spielen, daß ihn der Oheim nicht unterschlägt, nicht wahr? Sie wird Ihnen, hoffe ich, auf dieselbe Art antworten.“
„In Gottes Namen, gehen wir nach Hause,“ sagte Leonhardt, „damit Sie schreiben können.“
Die Herren erhoben sich.
Da hielt Käthchen Johannes am Rock. „Du, Herr Professor, wenn Du morgen erst zu dem Fräulein kommst, findest Du sie nicht mehr.“
„Wie so, Käthchen?“ fragte Johannes, der gar nicht gedacht hatte, daß die Kleine dem Gespräch gefolgt war.
„Ja, Du kannst es glauben. Die Frau von da droben — die Frau Willmers, die ist heute bei mir vorübergegangen und hat mir zugeflüstert, wenn die Herren zu mir kämen, so solle ich ihnen heimlich sagen, das Fräulein reise heute Nacht fort und für immer, aber ich dürfte Niemanden verraten, daß sie mir’s erzählte, das könne sie sonst ihren Dienst kosten. Wenn aber der Herr Professor nicht käme, dann müsse ich’s dem Herrn Lehrer sagen, damit er einen Boten in die Stadt zum Herrn Professor schicke. Die Frau Willmers hat recht geweint und gejammert, sie dürfe sich nicht einmal in das Schulhaus wagen, sonst merke der Gottseibeiuns was, der das Fräulein so hütet.“
„Käthchen!“ rief Johannes, „Engel Gottes, was tust Du mir da! Das Fräulein geht fort, heute noch — und ich Blinder hätte sie reisen lassen, wenn Du nicht wärst! — Ist denn das Alles auch ganz gewiß wahr?“
„Ja, ganz gewiß, Du kannst es glauben, ich habe mir’s wohl gemerkt.“
Johannes hob das Kind auf und drückte es ungestüm an sich: „Kind, sag mir, was kann ich Dir tun, um Dir diesen Dienst zu vergelten? Sprich! Hast Du einen Wunsch? Sei’s, was es wolle — er soll erfüllt werden!“
„Ach, lieber Herr Professor, wenn Du doch mit meinen Eltern reden wolltest, daß sie mir Geld geben für die armen Leute. Bitte, bitte, tue es doch! Sie sollen mich nicht mehr verspotten und mir den silbernen Arm vorwerfen. Ich will ihnen auch gute Tage machen. Sonst geht’s mir noch wie dem Fräulein, das kein Mensch mehr ansieht — und das möchte ich nicht, um alles Geld nicht.“
„Ich kann mir’s denken, daß Du so fühlst, Du herziges Ding, und ich verspreche Dir, daß ich das große Vermögen, das Du noch bekommst, so für Dich sichern werde, daß Deine Eltern kein Anrecht daran haben und Du Alles damit machen darfst, was Herr Leonhardt Dir erlaubt.“
„Ach, das ist schön, das ist herrlich!“ jubelte Käthchen und küßte einen Zipfel von Johannes’ Rock. „Herr Walter,“ rief es in seiner Freude: „Gelt, Du hilfst mir dann alle kranken Leute aufsuchen und sagst mir, wie viel ich Jedem geben darf?“
„Ja, Käthi-Schätzchen — das wollen wir tun!“ rief Walter vergnügt.
Johannes gab der Kleinen einige Silberstücke. „Da, Herzchen, schenk das dem nächsten Bettler, der vorüber kommt, wenn Dir’s Freude macht. Lebt wohl miteinander — ich will keine Minute mehr versäumen, denn nun ist es Zeit, daß ich zum Äußersten schreite. Gott mit Euch!“ Er drückte Leonhardt die Hand und ging rasch dem Schlosse zu.
„Was muß da oben zwischen dem Oheim und dem Fräulein geschehen sein?“ fragte Leonhardt kopfschüttelnd.
„Vater Leonhardt,“ sagte Käthchen, „Du mußt mich nicht verraten, aber ich weiß was!“
„Nun was denn, mein Kind?“
„Der Vormund da droben, der ist ein recht schlechter Mensch.“
„Das ist eine alte Geschichte, Käthi!“ meinte Walter.
„Ja, aber denkt nur, was der tut: Der räumt den Briefkasten am Schulhause aus, wenn’s dunkel ist!“
„Warum nicht gar!“
„Ja, der Vater hat’s gesehen, aber er hat mir gedroht, wenn ich’s Jemand sagte, sperre er mich drei Tage lang ein.“
„Mein Gott,“ rief Herr Leonhardt entsetzt, „wie kam Dein Vater zu der Entdeckung?“
„Ja, er hat’s der Mutter erzählt und ich hab’s gar nicht hören sollen, ich hab’s aber doch gehört. Wie er vorige Woche einmal Nachts auf die Lauer ging wegen des Traubendiebstahls, da hat er was gegen das Schulhaus schleichen gehört und sich versteckt, weil er meinte, es sei der Dieb. Und da hat er den Herrn Gleißert erkannt, wie er sich am Briefeinwurf was zu schaffen machte. Dann ist der Vater näher hinzugeschlichen und hat’s ganz deutlich wahrgenommen, daß der Herr mit etwas Langem die Briefe zum Spalt herauszog, ein Schwefelhölzchen anzündete und den Hut vorhielt, daß es Niemand sehen sollte. Bei dem Schwefelhölzchen habe er dann die Aufschriften gelesen und die Briefe wieder in den Kasten gesteckt — bis auf einen, den habe er behalten. Dann sei er wieder dem Schlosse zugegangen. — Der Vater sagt, er habe einen Augenblick Lust verspürt, ihn zu packen, aber er habe sich nicht getraut, man könne ja nicht wissen, was so Einer für Waffen bei sich trage. Und anzeigen wollte er ihn auch nicht, wer mit dem anbinde, der könne doch nur dabei zu Schaden kommen.“
„Was mag dieser Bösewicht im Schilde führen?“ meinte Herr Leonhardt besorgt.
Walter lachte: „Ei, Vater, das ist die Vergeltung dafür, daß ich immer die Adressen seiner Briefe lesen mußte, wenn der Briefbote sie holte.“
„Nun, das war doch etwas Anderes,“ sagte Leonhardt ernst. „Mein Gott, ich glaube, das sollte unser Freund noch wissen, bevor er auf das Schloß kommt. Walter lauf, Du hast junge Beine, suche ihn einzuholen und teile es ihm mit.“
,,Ja, Vater, ich will ihn schon erreichen. Bleib nur hier sitzen, ich werde schnell zurück sein!“ rief der junge Mann und eilte leichtfüßig wie ein Hirsch davon.
Herr Leonhardt tastete nach Käthchen: „Kind, bist Du da?“
„Ja, Vater Leonhardt!“
„Käthchen, heute hast Du mir alle Liebe gelohnt, die ich für Dich im Herzen trug.“ Er strich prüfend mit der Hand über das abgemagerte Gesichtchen. „Ich kann Dich nicht mehr sehen; sie sagen, Du seist sehr verändert, und es scheint mir auch so. Vor meiner Seele stehst Du unverlöschlich mit den schelmischen, schwarzen Äuglein und den roten Pausbäckchen
aber — auch das schwarze Heidelbeermäulchen sehe ich immer noch! Käthchen — nicht wahr — Du hast seither nie mehr gelogen?“
„Nein, Vater Leonhardt, auf Seelenseligkeit, nie mehr — und will’s auch nie mehr tun. Ich bin jetzt das reichste Kind in der ganzen Gegend, sagt die Mutter, so will ich auch das bravste sein und dem lieben Gott so danken, wie Du sagst, daß man’s müsse, mit guten Werken. Und weißt Du, seit ich beim Gebet die Hände nicht mehr falten kann, ist mir’s ordentlich, als müsse ich noch viel andächtiger beten als sonst. Es fehlt mir was: Ich meinte früher immer, ich hielte den lieben Gott fest zwischen meinen gefalteten Händen und er müsse um so lange still halten und mich anhören, bis ich ihn wieder losließ, jetzt ist das anders — jetzt meine ich, ich müsse ihn viel brünstiger anrufen, daß er zu mir kommt und bei mir bleibt, so lange ich ihn um was bitten will.“
„Du gutes Kind! Der Herr ist Dir immer gegenwärtig, — wo sollte er denn lieber sein, als in solch einem reinen Kindesherzen? Käthchen, Du bist die Blume auf dem Wege eines Blinden! Weißt Du, was ich damit sagen will?“
Käthchen legte sein Köpfchen auf Leonbardts Kniee: „Ich denke mir, Du willst damit sagen, daß Du mich lieb hast!“
„Ja, mein Kind — und daß auf meinem Wege mir nicht viel Freude blüht, wie die, welche ich an Dir erlebe.“
„Aber Vater, Du hast ja den Walter, der muß Dich doch noch mehr freuen als ich!“
„Gott segne ihn, er ist mein Stab in der Nacht! Er ist mein Bestes auf Erden.“
„Vater Leonhardt, wenn ich groß bin, heirate ich den Walter, dann bleiben wir Alle zusammen.“
,,Was! Wie kommst Du denn auf den Einfall?“
„Ja, die Mutter hat gesagt, ich sei jetzt so reich, daß ich mir einen Mann nehmen könne, welchen ich nur wolle — und da will ich den Walter haben und keinen andern, keinen!“
„Wenn er Dich nun aber nicht will?“ fragte Herr Leonhardt lächelnd.
„Ach — er wird mich schon wollen!“ erwiderte das Kind zuversichtlich.
 „O heilige, heilige Einfalt!“ flüsterte der Greis und legte seine Hände segnend auf das Haupt der Kleinen.
Und wie er so dasaß und schweigend in die Nacht hineinstarrte, wurde es plötzlich hell um ihn her. Aus dem schwimmenden Dunkel traten die Säulen einer Kirche hervor und durch die hohen Bogenfenster fiel ein lichter Sonnenstrahl auf ein junges Paar, das da vor dem Altar kniete. Es war umgeben von einer frohen Schaar Verwandter, unter der auch ein greiser, blinder Vater und an seiner Seite eine alte vor Seligkeit weinende Mutter saß. Und schön waren die jungen Leute anzusehen, blond der Bräutigam, aber bärtig, männlich, — die Braut voll süßer jungfräulicher Scheu. In den großen, offenen Augen eine Träne der Andacht und Rührung — — nur der kleine reizende Mund, der hatte einen leichten bläulichen Schein, der nicht wegzubringen war, als habe sie eben erst Heidelbeeren genascht.
„Ei, ei, ei“ — sagten die Leute, „am Hochzeitstage in die Beeren zu gehen!“
Nun stimmte die Orgel ein schönes Lied an und die Gemeinde sang es mit. Die Braut reichte dem Liebsten die Hand, zwar nur die linke, aber die hielt fest, fester, als wenn Andere alle beide geben — die hielt für’s ganze Leben. So war denn die Trauung zu Ende und das Paar trat heraus, in den lachenden Frühlingstag. — Da drängte sich ein Schwarm wohlbekannter Gesichter heran. Es waren lauter arme Verunstaltete, aber sie sahen gar nicht so abschreckend aus wie einst, sie hatten alle gute, neue Kleider an und schwenkten jubelnd die Mützen: „Vivat das Brautpaar! Seit Ihr im Dorfe hauset, gibt es keine Hungernden, keine Frierenden mehr. Vivat unser Doktor Walter Leonhardt! Vivat das Käthchen mit dem silbernen Arm!“
O friedliches, leuchtendes Bild, das die Seele des Blinden erhellt, — lieblicher Zukunftstraum, der am Rande des Grabes den Greis umgaukelt, dem Geplauder eines Kindes entstiegen! —
„Vater Leonhardt — warum lächelst Du?“ fragte die Kleine.
„Weil ich eben etwas so Schönes gesehen!“
„Ich denke, Du siehst gar nichts mehr?“
„Was ist, sehe ich freilich nicht, mein Kind, — desto besser vielleicht, was sein wird!“

Achtes Kapitel.
Kampf.
Ernestine saß an ihrem Schreibtisch und ordnete Bücher und Papiere zum Einpacken. Ihr Oheim half ihr dabei mit zitternder Hast. Von Zeit zu Zeit stützte sie kraftlos den Kopf in die Hand.
„Es ist keine Rede davon, daß wir heute fortkommen, wenn Du Dich nicht mehr beeilst,“ mahnte Leuthold dringend.
„Ich tue ja, was ich vermag, aber ich bin so schwach, daß ich kaum weiß, ob ich nur diese Nacht noch reisen kann.“
„Es ist unbegreiflich, wie Du Dich jetzt gehen *lässest. So warst Du nie. Wenn ich denke, welche Selbstbeherrschung Du sonst besaßest! Eine Willenskraft, die einem Manne Ehre gemacht hätte — und nun! O, es ist zum Weinen!“
„Du folterst mich, Oheim,“ rief Ernestine und warf mehrere Bücher in die neben ihr stehende Kiste. „Du willst nur nicht glauben, daß ich mich jetzt wirklich weit elender fühle, als früher. Es ist ja mein eigener freier Wille, zu reisen, weshalb sollte ich mich denn nicht beeilen, so viel ich kann?“
Der Oheim blickte sie von der Seite lächelnd an. „Du täuschest Dich selbst, mein Kind. Es ist nicht Dein Wille — es ist nur eine Laune, was Dich jetzt forttreibt. Eine Laune wird aber vom Zufall erzeugt und ein Zufall kann sie ändern.“
„Ich weiß nicht, welch ein Zufall diese <<Laune>> — wie Du es zu nennen beliebst — ändern sollte. Es kann sich weder heute noch morgen etwas ereignen, das meinen Entschluß wanken ließe. Was hast Du von einem Aufschube zu fürchten? Kein Mensch weiß um meine Abreise, es kann also Niemand mir mit Gegenvorstellungen das Herz schwer machen. Nicht einmal dem guten alten Leonhardt habe ich es gesagt und selbst die Willmers weiß es ja erst seit heute. Konnte ich mehr tun, um Dich zu versichern, daß ich es ernst meine?“
Leuthold sah sie wieder mit seinem sarkastischen Lächeln an. Er wußte wohl, daß Ernestine nur deshalb dies strenge Schweigen um ihre Reise breitere, weil sie sich nicht stark genug fühlte, einer etwaigen freundschaftlichen Einsprache zu widerstehen. Deshalb zitterte er, daß ein tückisches Geschick ihre Absichten doch noch verraten möchte. Ihr Bleiben oder Gehen entschied ja über seine Existenz. In den vier Wochen, die seit Ernestinens Rückkehr aus der Stadt verflossen waren, hatte Leuthold seinen ganzen Einfluß nur darauf verwandt, Ernestinen aus dieser Gegend, womöglich aus dem Lande fortzubringen. Sie durfte den Mann, der ihr einen so unverkennbaren Eindruck gemacht, nie wiedersehen. Jetzt durfte sie sich weniger als je in ein Liebesverhältnis einlassen, denn wenn sie jetzt den Gedanken faßte, zu heiraten — und ihr Eigentum von ihm forderte, war er verloren! Seinem umsichtigen Verfahren gelang es bald, durch einen amerikanischen Agenten eine Stellung in einer großen chemischen Fabrik in New York zu erlangen. Ernestinen legte er einen glänzenden Vertrag vor, demzufolge sie dort gegen ein großes Honorar in einer naturwissenschaftlichen Gesellschaft einen Zyklus von Vorlesungen halten sollte. Die Tatsache, daß sie von einer deutschen Universität den Preis für eine Schrift erhalten, genügte, um ihr in Amerika einen Namen zu machen, und Leuthold tat das Seine redlich, um sie als ein Phänomen dort anzupreisen. Es mußte ihm in seinen jetzigen bedrohten Geldverhältnissen Alles daran liegen, sie in den Stand zu setzen, sich selbst ernähren zu können, damit sie nicht ihm zur Last fiel. Ging es mit den Vorlesungen auf die Länge nicht, so mußte sie sich eben entschließen, als „Frauenarzt“ ihr Brot zu verdienen. Doch das verschwieg er ihr wohlweislich. Er erfüllte ihr ganzes Denken nur mit dem ungeheuern und unausbleiblichen Erfolg ihrer Vorträge. Es waren für eine ehrgeizige Frau unwiderstehliche Mittel, die er anwandte, um sie seinen Planen zu gewinnen. Als er ihr einige der großen amerikanischen Zeitungen brachte, worin sie durch lange Spalten ihr Lob las, welches natürlich ganz in dem dort üblichen, überschwenglichen Reklamenstil gehalten war, da bemächtigte sich ihrer eine Aufregung, die ihr das Blut fiebernd durch alle Adern jagte. Sie sah eine Zukunft vor sich, wie sie nie einem Weibe zu Teil geworden. Sie sah sich in einem der prachtvollen Riesensäle New Yorks vor einem Auditorium von Männern, die ihr, dem Mädchen, aufmerksam lauschten. Sie sah sich angestaunt als ein Wunder ihres Geschlechts. Die geheimsten Träume ihres Stolzes sollten sich verwirklichen, die Saat ihres stillen Fleißes sollte endlich aufgehen in der Öffentlichkeit, die Welt sollte widerhallen von dem Rufe dessen, was ein Weib kann! Und dennoch wurde ihr die Wahl schwer. Und dennoch brauchte sie Wochen, um die wenigen Buchstaben ihres Namens unter den Vertrag zu schreiben und kein Werk, an das sie die Arbeit ihrer Tage, den Schlaf ihrer Nächte gesetzt, kostete sie so viel von ihrem Leben, wie diese einzige Unterschrift! —
Möllners schönes, strenges Antlitz hatte sie, wie Banquos Geist den Macbeth vom Thronsessel, immer wieder von dem Ergreifen dieser neuen Ehren zurückgeschreckt.99 Es war ihr, als beginge sie ein Verbrechen an ihm — und endlich in ihrer höchsten Zweifelsqual schrieb sie ihm heimlich. Sie teilte ihm Alles ehrlich mit, sie bat ihn um seinen Rat — sie verhehlte ihm nicht, daß sie keinen so entscheidenden Entschluß fürs ganze Leben fassen könne ohne seinen Segen. Warum dieser Brief nicht in Möllners Hände gelangte, das wußte außer Leuthold Niemand als Käthchen und dessen Vater.
Tag für Tag verfloß, Ernestine wartete natürlich vergebens auf Antwort. Sie wartete wie auf die Entscheidung über Leben und Tod. Kein Schlaf senkte sich mehr auf ihre brennenden Lider, nur die unentbehrlichste Nahrung kam über ihre Lippen. Sie verzehrte sich in dem Verlangen nach einem Wort — einem einzigen Wort von Möllner und es kam nicht! Sie war ihm nicht wert mehr, die Feder für sie einzutauchen, seit ihrer Zurückweisung seiner Bewerbung ließ er nichts mehr von sich hören. Er hatte seinen Schmerz besiegt, hatte sie aufgegeben und zwar schon nach so kurzer Zeit!!
Und je größer die Sehnsucht gewesen, mit der sie seinen Brief oder seinen Besuch erwartet, desto größer war auch die Kränkung, die Erbitterung über sein Ausbleiben. So oft sie an ihren Schreibtisch trat, leuchteten ihr die großen Buchstaben des Vertrags mit allen seinen lockenden Verheißungen entgegen. Auf was wollte sie nun noch warten? Weshalb sich nun noch besinnen? — So war es gekommen, daß sie unterzeichnet hatte.
Aber nun sollte auch nichts sie mehr in ihrem stolzen Vorhaben wankend machen. Es sollte ihre Rache sein, unwiederbringlich für ihn verloren zu bleiben, ohne Abschied zu verschwinden, um von einem fernen Weltteil herüber den Ruf ihrer verkannten Größe an sein Ohr schallen zu lassen. 
Selbst der Willmers vertraute sie sich nicht an, weil sie deren Geschwätzigkeit kannte. Erst am letzten Tage erhielt diese die Weisung, Ernestinens Fahrnisse so rasch als möglich zu verkaufen und ihr dann nachzukommen. Denn Leuthold wollte vor der Einschiffung von Gretchen Abschied nehmen, die er einstweilen noch in Deutschland zu lassen gedachte, und er hatte Ernestinen der Sicherheit halber bewogen, ihn dorthin zu begleiten; er wollte sie keinen Tag mehr aus den Augen lassen.
An Leonhardt schrieb sie einen innigen, schmerzlichen Abschied und bat ihn, ihre Bücher und Apparate so lange aufzubewahren, bis sie dieselben fordern werde. Sie wisse noch nicht, wo sie ihren festen Aufenthalt nehme und könne die Sachen daher jetzt noch nicht brauchen. Walter möge einstweilen damit weiter studieren. In diese zarte Form kleidete sie das kostbare Geschenk, welches sie den feinfühlenden Menschen mit den Dingen machen wollte, die Walter zu seinen Studien brauchte.
Ihr Oheim sollte erst unterwegs erfahren, daß sie die physiologischen Werke und Geräte nicht verkaufen ließ, wie er es der Willmers aufgetragen. Er hätte es nimmermehr zugegeben, denn Ernestine hatte schon mehrmals zu ihrem Befremden wahrgenommen, wie sehr es ihm um bares Geld zu tun war. —
Die Willmers  hatte ihr in  die Hand geloben müssen, Herrn Leonhardt erst nach Ernestinens Abreise den Brief zu geben und so war denn für Alles gesorgt, an Alles gedacht — nur an Eines nicht, an Ernestinens körperlichen Zustand. — Das unbeugsame Wesen war so wenig gewöhnt, auf seine Gesundheit Rücksicht zu nehmen, daß es sein immer steigendes Unwohlsein, die natürliche Folge der übermenschlichen Aufregung der letzten Zeit, gänzlich unbeachtet ließ. Heute aber hielt sie sich kaum mehr aufrecht, der Gedanke, eine so große Reise antreten zu müssen, begann sie zu ängstigen.
So saß sie vor dem Oheim, ein Bild der Erschöpfung. Er betrachtete sie mit zweifelhaftem Blick — ob sie es wohl durchbringen werde, bis er mit ihr auf dem Schiff sei? Wurde sie dort krank, so war es eben die Seekrankheit, der ja fast kein Mensch entgeht. Und starb sie — ? Nun dann war ihr wohl. Er begrub sie in die herrliche wogende See und seinen Haß, seine Furcht, seine Verbrechen mit ihr. Die Wellen, die ihren Leichnam wegspülten — sie wuschen ihn von aller Schande, allen Verbrechen rein! — O, dieser Gedanke — war unermeßlich schön, wie das weite Meer, das sich schon vor seinen Blicken ausbreitete.
„Oheim, starre nicht so unheimlich vor Dich hin,“ sagte Ernestine. „Man könnte ja denken, Du sinnest nichts Gutes!“
Leuthold lächelte. „Du bist wirklich nervös, mein Kind. Seit wann ist Dir mein ehrliches Gesicht unheimlich?“ 
Ernestine erwiderte nichts, sie hüllte ein Buch in Papier ein, um es in die Kiste zu packen.
„Sollen denn die alten Märchen mit?“ fragte Leuthold ironisch.
„Ja!“ war die kurze, bestimmte Antwort.
„Gut, gut — hast Du nicht vielleicht auch irgendwo eine Puppe, die ich mit einpacken soll?“
Ernestine fuhr auf. „Oheim — ich sagte Dir schon einmal, daß ich diesen Ton nicht mehr dulde!“
„Verzeih — aber eine solche Kinderei verdient einen Scherz. Wie? Oder hat das Buch irgend eine andere Bedeutung für Dich? Du brauchst nicht zu erröten. Ich errate, es ist noch ein Andenken an den Ritter von der Eiche, an Möllner. Nun, da müssen wir es freilich mitnehmen.“
„Oheim!“ rief Ernestine und nahm ihm das Buch weg, das er eben unter den übrigen zurechtlegen wollte. „Du verstehst es, mit Deinem Spott Alles zu begeifern, was mir noch wert war. Laß das Buch heraus, ich will es dem kleinen Käthchen schenken.“
„Und wenn Professor Möllner zu ihm kommt und findet es dort, dann wird es ihn rühren, daß seine verlassene Freundin die Erinnerungen an ihn so treu bis jetzt bewahrte. Er findet auch wohl beim Blättern das Eichenlaub noch, das Du hineingeklebt. Vielleicht hält er es für einen stummen Abschiedsgruß und weiht Dir eine Träne des Mitleids. O — es wird sehr erbaulich sein!“
„Oheim, wenn ich das denken müßte — lieber würde ich das Buch verbrennen!“
„Und das wäre das Allerbeste in jedem Fall. Dieser aufgeblasene Mensch ist des Andenkens nicht wert, das Du ihm bewahrst. Ich möchte es vertilgen, wie Alles, was Deiner unwürdig ist. Wahrlich — es hat mich längst im Stillen empört, wenn ich auch nicht darüber sprach, daß er sich so gar nichts mehr um Dich kümmerte! Ein Weib wie Dich gibt man nicht auf, wie eine Ware, über die man nicht handelseinig werden konnte. Er hat Dich nie geliebt, sonst hätte er Dir nicht von Anfang an Bedingungen für eine Vereinigung gestellt, als müßtest Du Dir noch eine Ehre daraus machen, daß er sich zu Dir herabläßt! Glaube mir — ich kenne Welt und Menschen — er war in der größten Verlegenheit, denn er hat sich moralisch für verpflichtet gehalten, Dir seine Hand anzubieten.“
Ernestine zuckte zusammen.
Leuthold fuhr fort: „Ich weiß nicht, wie Du Dich ihm gegenüber benahmst, aber bei Deiner Unerfahrenheit und der Neigung, die Du für ihn hegtest — leugne es nicht — ist vorauszusetzen, daß Du etwas allzu entgegenkommend warst.“
Ernestine biß sich auf die Lippen und schlug die Augen nieder.
„Schon die Tatsache, daß Du mit ihm nach seinem Hause gingst — allein, ohne jede nähere Bekanntschaft — ohne Aufforderung seitens seiner Mutter, mußte ihn glauben machen, Du seist sterblich in ihn verliebt und er war anständig genug, den Makel, den Du durch diese Unbesonnenheit Deiner Ehre aufgedrückt, verwischen zu wollen, indem er Dich zur Frau nahm. Ich will dabei gar nicht in Abrede stellen, daß er es von Anfang an gut und treu mit Dir
meinte, aber sein Gefühl für Dich scheint mir eben nur ein freundschaftliches gewesen zu sein und Dein rasches Entgegenkommen hat ihm gewissermaßen eine andere Bedeutung aufgezwungen. Wer weiß, ob er Dich nicht jetzt schon im Stillen der Aufdringlichkeit zeiht und froh ist, so leichten Kaufs davon gekommen zu sein! — Du aber, Du tändelst und liebäugelst wie ein verliebter Backfisch mit den Erinnerungen an ihn und schleppst das einzige Geschenk, das Du als ein abscheulicher Molch, der Du damals warst, aus Mitleid von ihm bekamst, mit übers Weltmeer wie eine Reliquie! — Ernestine — was ist Dir denn? Ums Himmelswillen — nimm Dich doch zusammen. Ist denn das der Mühe wert? Du gewöhnst Dir das Ohmnächtigwerden förmlich an!“
Er richtete das bleiche Haupt empor und fächelte ihr Luft zu.
Sie blickte ihn matt an, dann schob sie ihn mit unverkennbarem Widerwillen von sich und stand auf. Leuthold ließ sie schweigend gewähren. Es war das erste Mal, daß sie ihm gestattete, über Möller zu sprechen und er hatte auch den Moment genützt und ihr das sicherste Gift eingeflößt, das es gegen die Liebe gibt, er konnte es nun ruhig nachwirken lassen.
Ernestine ging im Zimmer auf und nieder — ihr Schritt, ihre Haltung war königlich — ihre Gestalt schien plötzlich um einige Zoll gewachsen. Der Oheim konnte Recht haben, sie haßte ihn dafür — aber dennoch hatte er Recht. Was mußte der Mann, was seine Mutter von ihr denken, daß sie sich ihm so nachgeworfen? Deshalb die demütigende Behandlung seitens der Mutter — deshalb der kühle bedingungsweise Antrag des Sohnes! Sie wiederholte sich jedes von Johannes’ Worten, es waren meist ernste Ermahnungen oder scharfer Tadel gewesen. Auch wo er gut und liebevoll sprach, hatte er doch nur wie ein Vater oder Richter vor ihr gestanden. Nie, — nicht in dem Augenblick, da er ihre Hand begehrte, hatte er die stolze, gemessene Haltung abgelegt, die ihm eigen war. Ja, selbst als er um sie weinte, war es mehr der Schmerz eines edlen Menschen um eine verlorene Seele gewesen als der des Liebenden um die Geliebte. — Und sie? Sie erinnerte sich an jedes herzliche Wort, jeden freundlichen Blick, den sie Johannes gewährt und Alles war ihr nun zuviel, erschien ihr im Gegensatz zu ihrer sonstigen starren Haltung als eine Unanständigkeit, die Johannes als eine Herausforderung deuten konnte und mußte. Ja — vielleicht verachtete er sie deshalb und sie hatte die Aufdringlichkeit so weit getrieben, ihm noch einmal zu schreiben! Selbst das armselige Verdienst, sich ihm doch nicht um jeden Preis und unter jeder Bedingung zur Frau gegeben zu haben, war dadurch wieder vernichtet. Er mußte darin einen neuen Versuch der Annäherung erblicken, und er wies diesen Versuch stillschweigend zurück. Aus der Welt hätte sie verschwinden mögen vor ihm — jeder Gedanke an ihn trieb ihr die Schamröte in das Antlitz. Nur fort, fort über das Meer, war plötzlich ihr einziger Wunsch. Sie blieb stehen, als sie an dem Kamine vorüberging und winkte Leuthold: „Verbrenne das Buch!“  Das waren die ersten Worte, die über ihre Lippen kamen.
Schnell wie der Hauch von ihrem Munde glitt Leuthold dahin, um es zu holen und in wenigen Minuten hatte er es angezündet. Ernestine stand dabei und sah zu, wie die Flamme um den Einband züngelte, wie dieser sich bog und aufrollte in der Glut. Jetzt war er verzehrt und leise knisternd mit unsichtbaren Fingern blätterte der Zugwind in dem brennenden Buche und wo er eine neue Seite aufschlug, da verschlang die Flamme, ein gieriger Leser, den Inhalt. Ermstine verwandte kein Auge von dem traurigen Schauspiel. Sie sah die einzelnen Namen, die ihr so lieb geworden, rot aufleuchten und verschwinden. Die Schneekönigin, die kalte, eisglänzende, die Seejungfrau in ihrem feuchten Element — sie mußten alle vergehen in der Glut!
Jetzt verkohlte knisternd das Eichenlaub, das sie einst von dem teuern Baume gerissen. Endlich fiel das ganze Buch auseinander, von allen Seiten flackerte es auf. Die losen Blätter wirbelten in den wehenden Flammen auf und nieder. Da — da — noch ein Name, deutlich, unverkennbar —der Schwan! Das Papier flog empor, fiel herab und der Schwan war verbrannt, der schöne Schwan. Er sollte nie mehr sein Gefieder vor ihr entfalten — er hob sich nicht, ein zweiter Phönix, mehr aus den Flammen. Das Feuer erlosch. Die kleine zauberische Welt lag in Asche und einzelne Fünkchen krochen traurig dazwischen umher, als suchten sie die Leichen der verwandten erstorbenen Lichtgestalten.
Ernestine trat hinweg. Ihr war es, als habe das Feuer die Fittiche ihrer Seele mit versengt; sie stand gebeugten Hauptes wie der Gott mit der ausgelöschten Fackel — und weinte!
Leuthold ließ sie gewähren, er fühlte, daß er sie jetzt schonen müsse.
Da wurde die Tür geöffnet und Frau Willmers trat ängstlich ein: „Herr Professor Möllner!“
Leuthold fuhr auf, wie von einem Pfeile getroffen. Ernestine mußte sich am Kaminsims halten, um nicht zusammenzubrechen.
„Wie können Sie mir jetzt Jemanden melden, wie können Sie —!“ knirschte er außer sich vor Schreck und Wut.
„Tun Sie mir, was Sie wollen, Herr Doktor, ich konnte nicht anders: Der Herr erklärte ganz einfach, nicht von der Stelle zu gehen, bis ich ihn angemeldet.“
„Sagen Sie dem Herrn, daß wir keinen Besuch empfangen!“
Frau Willmers blickte zögernd nach Ernestinen. Diese stand leichenblaß und unbeweglich wie zuvor.
„Nun, worauf warten Sie?“ fragte Leuthold und in seiner Miene lag eine gefährliche Drohung.
,,Ich gehe ja schon, ich gehe,“ erwiderte die Frau und eilte hinweg.
Emestine tat einen Schritt vorwärts, als wolle sie ihr nach. Aber sie bezwang sich. Ein Sturm erhob sich in ihrem Innern, der ihr fast die Besinnung raubte. Er war doch gekommen, er hatte sie nicht ganz aufgegeben! Das starre Herz wollte ihr brechen, daß sie ihn fortschicken ließ. — Aber nein, sie klagte sich selbst der Schwäche an, hatte er doch so lange gezögert, bis er kam, und wer weiß, ob er nicht eben nur kam, weil er sich für verpflichtet hielt, ihrem Rufe zu folgen — sie wollte, sie durfte keine Schwäche mehr zeigen.
Leuthold stand an der Tür, er lauschte mit angehaltenem Atem, ob er Johannes sich entfernen höre. Aber zu seinem unermeßlichen Entsetzen kam Frau Willmers wieder:
„Der Herr geht nicht,“ sagte sie mit heimlicher Freude. „Er sagt, er wolle, das gnädige Fräulein besuchen und nehme keinen Bescheid vom Herrn Oheim an; denn da das Fräulein schon seit mehreren Jahren mündig sei, habe es selbst zu entscheiden, wen es sehen wolle und wen nicht.“
Ernestine horchte hoch auf. „Was, was ist das?“
Ihr Blick fiel fragend auf den Oheim — sie gewahrte zu ihrem höchsten Erstaunen den tödlichen Schreck, der sich in seinem Gesicht malte: „Oheim!“ fragte sie nochmals: „Was heißt das? Gib mir Antwort!“
 „Laß Dich doch nicht auf solch albernes Geschwätz ein, der Mensch ist ein Lügner — oder —“
„Sag ihm das selbst, wenn Du den Mut dazu hast,“ unterbrach ihn Ernestine in aufloderndem Zorn.
„Bitten Sie den Herrn einzutreten!“ sprach sie gebieterisch
Die Willmers eilte hinaus.
„Ernestine!“ rief Leuthold verzweifelnd. „Mir das, mir?“
„Ich will wissen, was es mit der Mündigkeit für eine Bewandtnis hat!“ rief das Mädchen und heftete einen Blick auf Leuthold, vor dem er die Augen zu Boden schlug. —
Möllner trat ein. Er maß Leuthold mit dem Ausdruck vollster Ruhe und tiefster Verachtung, dann verneigte er sich vor Ernestinen, ohne sie anzusehen. Er wollte sie schonen, ihr Zeit lassen, sich zu sammeln. Sie verstand es falsch, sie hielt es für Kälte und erwiderte es mit Kälte. 
Eine lange Pause entstand. 
Leuthold wollte sich den Schein der Unbefangenheit geben und unterbrach das Schweigen: „Darf ich nach dem, was zwischen Ihnen und meiner Nichte vorfiel, fragen, was Sie noch bei uns zu suchen haben, mein Herr?“
„Das werde ich sogleich dem Fräulein sagen — und wenn Sie Zeuge dieser Unterredung sein wollen, so werden Sie mich sehr zu Dank verpflichten.“
„Nun, so haben Sie die Güte, Platz zu nehmen,“ sprach Leuthold und bot Johannes einen Stuhl. „Nur müssen wir Sie dringend bitten, sich kurz zu fassen, da wir im Begriffe sind, abzureisen.“
„Das sind Sie nicht, Herr Doktor.“
„Mein Herr — sind Sie besser von unsern Absichten unterrichtet als wir selbst?“
Johannes setzte sich, nachdem Ernestine sich niedergelassen und erwiderte mit einfacher Bestimmtheit: „Von Ihren Absichten nicht — wohl aber von der Ausführung derselben, welche ich im Notfall durch Ihre Verhaftung zu verhindern gesonnen bin.“
Leuthold war einen Augenblick verstummt, dann lächelte er zu Ernestinen hinüber, die wie versteinert war: „Das ist der echte Ritter von der Eiche! Schade, daß wir nicht mehr in den Zeiten des Faustrechts leben, wo man jeden ehrlichen Mann von der Straße wegfangen und in den Turm werfen konnte.“ 
„O nein, Herr Doktor, nach solchen Abenteuerlichkeiten gelüstet einen philiströsen Gelehrten wie mich durchaus nicht. Ich wähle sicherere, gesetzlichere Mittel! Ich lasse Sie ganz einfach durch den im Orte stationierten Gendarme festnehmen, wenn Sie sich von hier entfernen, bevor Ihre Angelegenheiten mit Fräulein von Hartwich zu meiner Zufriedenheit geordnet sind. Ist das geschehen, dann mögen Sie sich meinethalben verkriechen, wohin Sie wollen, dann gehen Sie mich nichts mehr an.“
„Herr Professor,“ rief Leuthold, „ich kann nur denken, daß man mich nichtswürdig bei Ihnen verleumdet hat und bitte Sie, mit mir auf mein Zimmer zu kommen, damit wir wenigstens nicht die Ohren des Fräuleins, welches der größten Schonung bedarf, durch diese Erörterungen beleidigen.“
„Ist das Fräulein stark genug, um, wie Frau Willmers sagt, nach New York zu reisen, dann wird sie auch dies Gespräch aushalten können. Vor allen Dingen, Ernestine, frage ich Sie, ist es Ihr freier Entschluß, Ihre Heimat zu verlassen?“
„Ja,“ hauchte sie kaum hörbar hin.
„Nun denn, Sie sind Herrin Ihres Willens. Sie müssen aber, bevor Sie ihn ausführen, wissen, was Sie tun. Jetzt wissen Sie es noch nicht — und ich bin gekommen, es Ihnen zu sagen! Wenn Sie mit Herrn Gleißert gehen, so ketten Sie Ihr Schicksal an das eines Betrügers!“
Ernestine und Leuthold sprangen auf. Johannes erhob sich gleichfalls; die Hand auf den Tisch gestützt, ließ er seine großen Augen, ohne mit der Wimper zu zucken, auf den Beiden ruhen.
Leuthold war keines Wortes mächtig. Ernestine verlor sich im Anschauen der edeln Gestalt seines Gegners.
Johannes fuhr fort: „Sie werden mich nach den Beweisen für eine so furchtbare Anschuldigung fragen. Ich trage sie seit heute früh bei mir, hier sind sie.“ Er zog einige Schriften aus der Brusttasche. Eine derselben entfaltete er. Leuthold warf einen Blick hinein, taumelte zurück und sank auf einen Stuhl.
„Haben Sie das geschrieben?“ fragte Johannes und reichte Ernestinen das Blatt. „Bitte, lesen Sie.“
„Nein“ — sagte diese mit unverhehltem Erstaunen, nachdem sie den Inhalt überflogen.
„Oder haben Sie vielleicht ein Aktenstück, dessen Inhalt Sie nicht kannten, bei einem Notar mit Ihrem Namen unterzeichnet?“
„Niemals!“ war die bestimmte Antwort.
Möllner atmete auf: „Nun sehen Sie — das ist der Beweis, der Ihren Oheim in das Zuchthaus liefern kann, wenn ich davon Gebrauch mache, denn es ist eine Fälschung!“
Ernestine machte eine abwehrende Bewegung, als könne und wolle sie nicht mehr hören. Johannes ließ sich nicht irre machen. „Aus Ihrem ersten Briefe an Heim und aus Ihrer Unterredung mit meiner Mutter, welche mir diese treulich mitteilte, ging unverkennbar hervor, daß Sie, Ernestine, sich für unmündig halten. Nach dem Gesetz Ihres Vaterlandes sind Sie es auch, denn dasselbe spricht erst mit vierundzwanzig Jahren mündig und Sie sind nur zweiundzwanzig [Jahre] alt. Ich weiß jedoch durch Heim, der das Testament Ihres Vaters machen half, daß dieser Sie gerichtlich mit achtzehn Jahren mündig gesprochen hat! — Ihr Oheim verschwieg Ihnen dies. Über die Gründe, die er hierfür hatte, später!“
„So wäre ich schon seit vier Jahren Herrin meines Tuns und Lassens,“ rief Ernestine außer sich. — „Oheim, und Du hast mich geknechtet wie ein Kind?!“
„Noch mehr — er hat Ihr Eigentum vorenthalten. Hier überreiche ich Ihnen eine Abschrift des Testaments ihres Vaters, aus der Sie ersehen werden, daß dieser Ihnen das Recht erteilt hatte, mit achtzehn Jahren das bei der Obervormundschaftsbehörde niedergelegte Vermögen herauszuziehen und selbstständig zu verwalten. Von diesem Rechte konnten Sie keinen Gebrauch machen, da Sie in völliger Unwissenheit über dasselbe, sowie Ihre Mündigkeit erhalten wurden. Ihr Oheim aber hat davon an Ihrer Statt Gebrauch gemacht, — er hat, Gott weiß wie, Ihre Schrift nachgeahmt und das Dokument ausgefertigt, demzufolge die Obervormundschaftsbehörde die Kapitalien an Sie, das heißt, an Ihren Oheim rückerstattete. Man hatte keinen Zweifel in die Echtheit der Urkunde gesetzt, denn diese war vor einem italienischen Notar in aller Form rechtsgültig abgefaßt und von zwei Zeugen die Identität Ihrer Person bestätigt. Jetzt erst, nachdem ich den Verdacht schöpfte, Sie seien von Ihrem Oheim wissentlich im Unklaren über Ihre Verhältnisse erhalten, und diesen Verdacht bei der betreffenden Behörde aussprach, wurde uns von dort auch diese Abschrift des betreffenden Aktenstücks, welches ich Ihnen zur Anerkennung vorlegte, zugesendet. Sie haben die Fälschung bestätigt. Es liegt nun in meiner Hand, diesen Herrn da zu retten oder zu vernichten, indem ich seine strafgerichtliche Verfolgung veranlasse, und das wird von dem Ergebnis unserer Unterhandlungen abhängen. Daß ich mich überhaupt auf solche einlasse, geschieht nicht aus Rücksicht für ihn, sondern für Ihr Zartgefühl, Ernestine, das unter der Schande Ihres Onkels mit leiden würde.“ Er wandte sich an Leuthold: „Ich frage Sie, Herr Doktor Gleißert, was haben Sie mit dem Gelde angefangen, das Sie Ihrer Nichte bis jetzt vorenthielten?“
„Ehe ich darauf antworte, mein Herr“ — erwiderte Leuthold mit neugewonnener Fassung, „gestatten Sie mir, Sie zu fragen, seit wann Sie die Physiologie, in der Sie so Ersprießliches leisteten, gegen die Jurisprudenz vertauscht haben, in welcher Sie, wie ich fürchte, schwerlich Erfolg haben werden?“
„Das tat ich,“ sagte Johannes gelassen, „seit ich mich verpflichtet fühle, ein junges, irregeleitetes Wesen mit den Waffen des Gesetzes von dem Untergang zu retten. Und ich denke, mein Herr, ich werde gerade so viel von der neuerwählten Wissenschaft verstehen, als nötig ist, um Ihre Betrügereien zu enthüllen. Doch ohne Umschweife, ich fordere Sie nochmals auf, sich über das unterschlagene Vermögen zu verantworten.“
„Und ich fordere Sie, Herr Professor, auf, mir die amtliche Stellung zu nennen, welche Sie berechtigt, mich in ein solches Verhör zu nehmen.“
Johannes sah Leuthold ruhig an. „Gut denn, wenn Sie nur einer Gerichtsperson Rede stehen wollen, so bin ich bereit, auf eine Verständigung unter uns zu verzichten und die Sache dem Staatsanwalt zu übergeben. Ich lasse Ihnen Zeit zu erwägen, was Sie vorziehen.“
„Jedenfalls habe ich weniger von einem gesetzlichen Verfahren zu fürchten, als von einem Suchenden, der wider allen Brauch und Anstand in eine Familie eindringt, dem Hausrecht Hohn spricht, gleich dem Straßenräuber wehrlosen Leuten das Messer an die Kehle setzt und <<la bourse ou la vie>> schreit.“100
„Oheim,“ fiel ihm Ernestine ins Wort, „Ich verbiete Dir, in meiner Gegenwart diesen rechtschaffenen Freund zu beleidigen. Kannst Du Dich von dem furchtbaren Verdacht, den er auf Dich wirft, reinigen, so tue es mit Würde. Durch ohnmächtige Schmähungen überzeugst Du uns nicht.“
„Auch Du Ernestine, auch Du nimmst gegen mich Partei?“ rief Leuthold schmerzlich.
„Ich nehme für Niemanden Partei — im Gegenteil — ich zittre vor dem Gedanken, daß der Mann, der mich erzogen, ein Verbrecher sei. Aber ich will und kann Dich deshalb nicht vor Entdeckung der Wahrheit schützen. Du selbst hast mich ja gelehrt, jede Pflicht, jedes Recht des Herzens der kalten Erkenntnis unterzuordnen und den Dingen auf den Grund zu gehen, selbst um den Preis der heiligsten Illusionen. Jetzt, Du grausamer Lehrer, ernte, was Du sätest.“
„Gut, ich bin bereit, Dir Rede zu stehen, wenn Du es verlangst. Es gibt einen Punkt, über den ich Dir Rechenschaft schulde, es ist die Unmündigkeit, in der ich Dich gegen den Willen Deines schwachsinnigen Vaters erhielt. Das kann und werde ich verantworten, denn jeder ehrlich Urteilende, der Dich kennt, wird mir zugeben, daß es eine Gewissenlosigkeit gewesen wäre, Dich mit achtzehn Jahren, unreif und unerfahren, wie Du warst, Deinem Schicksal zu überlassen. Es war eine Eigenmächtigkeit von mir — aber es war wohlgemeint, es geschah aus übertriebener Liebe und Sorge für Dich. Der Gedanke, daß Du ohne mich leben solltest und ich ohne Dich, war mir unerträglich, unfaßlich, dies ist mein ganzes Unrecht, ist Alles, was ich Dir sagen kann! Auf die Anklage dieses Herrn antworte ich nicht. Mein Leben liegt rein vor aller Augen, es verfloß in beschaulicher Ruhe, in stiller Wissenschaftspflege, in dem — ach, nun gestörten Glück, Dich zu erziehen! — Ich sehe mit Gleichmut Ihren angedrohten Maßregeln entgegen, mein Herr. Ihre erhitzte Phantasie würde meiner Verteidigung doch keinen Glauben schenken — Sie würden es doch zu einer gerichtlichen Untersuchung treiben und nur eine solche kann meine Unschuld dartun, wozu soll ich noch ferner die Luft mit Worten erschüttern?“
Johannes lächelte: „Auf den ersten Teil Ihrer sehr gelungenen Rede behalte ich mir die Antwort vor. Auf den zweiten kann ich nicht umhin, Sie zu fragen, wie Sie es wagen können, noch von Unschuld zu sprechen, nachdem Ihre Nichte in meinem Beisein jede Urheberschaft des fraglichen Dokuments abgelehnt hat und so die Fälschung zur Evidenz nachgewiesen ist?“
„Ja, mein Herr — eine Fälschung liegt vor.  Wer will das leugnen? Aber folgt daraus, daß ich sie gemacht? Ich hatte einen Freund in Italien, dem ich rückhaltlos vertraute, dem ich leider mehr, als die Vorsicht erlaubte, über unsere Familienverhältnisse mitteilte — und Angesichts dieser  unabweislichen Tatsache muß ich fürchten, daß der Verräter an meiner und Ernestinens Statt mit Hilfe irgend eines bestechlichen Notars —“ er zuckte mit den Achseln, als wolle er die schreckliche Beschuldigung nicht vollenden.
Johannes lächelte wieder fast mitleidig: „Auf ein so jämmerliches Fundament wollen Sie Ihre Verteidigung stützen und wagen es, mir auf Grund dessen zu trotzen?“
„Ja, mein Herr — denn das Gericht wird, so hoffe ich, die Zeugen des Verbrechens ausfinden, die dartun werden, ob ich oder jener falsche Freund dasselbe verübt.“
Johannes überlegte einen Augenblick, dann sagte er Leuthold scharf ins Auge fassend: „Ist jener falsche Freund vielleicht auch der Käufer der Fabrik in Unkenheim? Wie oder hatten Sie in Italien solchen Überfluß an dem, was Sie sich hier nicht zu verschaffen gewußt, an Freunden?“
Leuthold erbleichte aufs Neue und Johannes sah sogleich, daß seine Sonde in eine tiefe Wunde, gedrungen. Er nützte schnell den Vorteil: „Ich denke, der Werkmeister von Unkenheim wird bei seiner Bekanntschaft mit Ihren italienischen „Freunden“ wohl bald im Stande sein, den gewünschten Entlastungszeugen für Sie zu finden — und ich werde mich selbst bemühen, diese glückliche Lösung der Sache so rasch als möglich herbeizuführen.“ Er beobachtete Leuthold, der sich kaum aufrecht hielt. „Nun, mein Herr Geißert, ich gebe Ihnen noch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, ob Sie eine Auseinandersetzung mit mir — oder den Behörden vorziehen. Wenn Sie sich bis morgen Abend nicht über das Vermögen des Fräuleins ausweisen und entweder das Vermögen selbst — oder falls es in der Unkenheimer Fabrik steckt — jede gesetzliche Garantie für dasselbe beibringen, so nimmt Ihr Schicksal seinen Lauf. Ich werde von dieser Stunde an Ihr Haus bewachen und die Nacht vor der Tür bleiben; Sie sind von jetzt an mein Gefangener, so wie Sie aber Miene machen zu entfliehen, liefere ich Sie der Obrigkeit aus und wenn ich Sie mit meinen eigenen Händen vor den Richter schleppen müßte. Sie sehen, ich bin zum Äußersten entschlossen, hoffen Sie nichts mehr, weder von meinem Schwachsinn — noch von Ihrem Scharfsinn. Denn selbst wenn das Unglaubliche geschähe und Ihnen das kostspielige Wagstück gelänge, irgend einen italienischen Gauner gegen gute Bezahlung zu erkaufen, daß er den „falschen Freund“ vorstellte, Ihre Schuld auf sich nähme und Ihre Zuchthausstrafe absäße, selbst wenn der Notar nicht mehr lebte, der die Identität Ihrer Person, die Aufnahme der Akte nachweisen könnte — selbst dann wären Sie für die bürgerliche Gesellschaft unmöglich, denn Sie verfielen der Strafe des Briefdiebstahls!“
Leuthold zuckte zusammen.
„Die zwei gesunden Augen eines hiesigen Bauern würden Sie doch nicht Lügen strafen, die es mit angesehen, daß Sie in Ermangelung anderer Vergnügungen den Inhalt des hiesigen Briefkastens nächtlicher Weile zu Ihrer Lektüre wählten und das, was Sie besonders interessierte, für sich behielten!“ Johannes wandte sich an Ernestine: „Ich weiß nicht, mein Fräulein, ob Sie mir in dieser Zeit einmal schrieben — wenn Sie es aber getan, so kennt Ihr Oheim den Brief besser als ich, der ihn nie erhielt. Jedenfalls ist diese kleine Geschichte, für die ich Zeugen habe, ein verhängnisvoller Beitrag zur Charakteristik Ihres Oheims. Sie aber, Herr Gleißert, werden nun begreifen, daß für Sie keine Rettung ist, wenn Sie die Bedingungen nicht erfüllen, unter denen allein ich dem Fräulein die Schande ersparen will, einen so nahen
Verwandten im Zuchthaus zu haben. Sie sind von allen Seiten umstellt, umzingelt von Ihren eigenen Verbrechen, Sie entkommen mir nicht mehr!“
Er schwieg. Leuthold saß bleich und stumm im Sessel. Ernestine sah mitleidig auf den zerschmetterten Mann herab. Dann blickte sie zu Johannes auf mit einem Ausdruck von Bewunderung, der an Furcht grenzte. „Sie sind, wie ich Sie immer gefunden, rechtschaffen, aber hart!“
„Hart? Nein wahrhaftig, die Strafe, die für diesen gewissenlosen Mann zu hart wäre, müßte erst ersonnen werden. Meine Phantasie ist nicht grausam genug dazu!“ Er betrachtete Ernestinen mit tiefer Trauer. „Sie sind ermattet, sind der Ruhe bedürftig —“ Er erwartete eine Antwort. Sie erfolgte nicht. Die sinkende Sonne warf ihre roten Strahlen in das Zimmer. Ernestine stand stumm mit verschlungenen Armen, als wolle sie sich mit letzter Kraft in sich zusammenfassen. Leuthold hatte den Kopf in die Hand gestützt und regte sich nicht. Johannes nahm seinen Hut: „Leben Sie wohl, Ernestine! Gestatten Sie mir, daß ich morgen um diese Zeit wiederkehre, um mich nach den Entschlüssen Ihres Oheims zu erkundigen.“ Er trat ihr einen Schritt näher: „Ich will Ihnen nicht lästig fallen, gönnen Sie mir diese Sorge für Ihr Schicksal, nur diese Sorge fordere ich noch als mein Freundesrecht — weiter nichts, gewiß — nichts weiter.“
„Nichts weiter —“ klang es bitter in Ernestinen nach und ohne ein Wort, einen Blick, nur mit einem kalten Neigen des Hauptes entließ sie ihn. „Er liebt mich nicht,“ sagte sie zu sich selbst und ihr Herz war wie in Eis getaucht. — Er sorgte für sie als Mann von Ehre, aber nicht als Liebender. Er wußte ja, daß sie ihm gut war, sie hatte es ihm ja nicht verhehlt. Er hatte das Hindernis der Vereinigung in Gestalt seiner engherzigen Bedingungen zwischen sie und ihn getürmt, er wußte, daß nur diese sie trennten und er verzichtete lieber auf Ernestinen als auf seinen Eigensinn?! Er forderte von ihr jedes Zugeständnis, ohne selbst das kleinste zu machen? Nein, der Oheim hatte Recht, er hatte sie nie geliebt. Wie konnte sie sich ihm jemals nähern ohne den Beweis, daß sie auch wirklich begehrt sei? Wie konnte sie sich durch die verlangten Opfer demütigen mit dem furchtbaren Zweifel, er habe sie nur gefordert der Überzeugung, sie werde sie nicht bringen? Das kleinste Entgegenkommen seinerseits, das leiseste Zeichen, daß er, um sie zu besitzen, von dem Grundsatz abstehen wolle, der sie von ihm schied, hätte sie neu erwärmt und glücklich gemacht. Aber von heute an war keine Vereinigung mehr denkbar, es war vorbei.
Leuthold störte sie aus ihrem Sinnen auf. Er hatte währenddessen das Zimmer verlassen und war mit einem Briefe zurückgekehrt. Er trat mit der Miene eines zum Tode Entschlossenen vor seine Nichte hin: „Lies das und dann zeige Dich mir in Deiner ganzen Größe!“
Ernestine entfaltete befremdet das Schreiben. Es war ein Brief des Werkmeisters vom Tag zuvor. Er enthielt in wenig Worten die Nachricht, daß die Gant erkannt101 und Leuthold zu Grunde gerichtet sei. Wenn er nicht schleunigst fliehe, so ereile ihn unvermeidlich die Strafe seines Verbrechens. Ernestine las und las wieder, sie schien nicht recht begreifen zu können. „Was bedeutet das?“ fragte sie endlich.
„Das bedeutet, daß Möllner Recht hat, wenn er mich einen Fälscher, einen Dieb nennt.“
„Oheim?!“ rief Ernestine in tödlichem Schreck.
„Die Kapitalien, die in der Unkenheimer Fabrik verloren gingen, waren die Deinen —“ stöhnte Leuthold.
„So hast Du mich um mein Vermögen gebracht?“ fragte sie leise,
Leuthold stand da, ein Bild der Zerknirschung: „Ja!“
Er schwieg, Ernestine stieß einen dumpfen Schrei aus und trat von ihm zurück. Er schöpfte mühsam Atem und fuhr fort: „Jenem Manne konnte und wollte ich nichts bekennen. Es gibt nur eine Seele auf Erden, die groß genug ist, mir zu verzeihen und sie soll mich in meiner ganzen Schwäche sehen. — Ernestine, ich nannte Dir vorhin schon die Gründe der Liebe und Sorgfalt, die mich bestimmten, Dir Deine Mündigkeit zu verschweigen. Wenn ich in meinem Leben jemals gewissenhaft und uneigennützig handelte, so war es da. Glaubst Du mir das?“ „Ich will es glauben!“
„Ich ahnte nicht, in welch verhängnisvolle Versuchung ich mich dadurch führte. Die Folge meiner Handlungsweise in dieser Sache war die: Ich mußte das Kapital, welches Dir mit achtzehn Jahren zufiel, ohne Dein Wissen herausziehen und es eigenmächtig verwalten, wenn ich Dir nicht entdecken wollte, daß Du mündig seist. Ich entschloß mich dazu in der festen Absicht, nur für Dein Wohl zu sorgen. Ich machte die Fälschung, damals noch nicht ahnend, welch eine harte Strafe mir daraus erwachsen würde! — Monatelang hatte ich nun Dein Eigentum in meiner Verwahrung und hütete es wie meinen Augapfel. Bis dahin war ich ein rechtschaffener Mann, wenn ich auch aus guter Absicht gegen den Wortlaut des Gesetzes gefehlt. — Jetzt, Ernestine, kam der Wendepunkt in meinem Leben und ich flehe Dich an, leihe dem furchtbaren Bekenntnis ein nachsichtiges Ohr. In jener Zeit machte der Bruder der Staatsrätin Möllner Bankrott und die Unkenheimer Fabrik ward unter den vorteilhaftesten Bedingungen zum Verkauf ausgeschrieben. Das war die Versuchung, der ich erlag. Kannst  Du Dir denken, wie das Herz eines Geschäftsmannes an dem Unternehmen hängt, dem er lange vorgestanden, das im eigentlichen Sinne das Werk seines Geistes, seiner Hände ist? So erging es mir. Mit bitterem Schmerz hatte ich das blühende Geschäft, dem ich meine besten Jahre gewidmet, weggegeben — und nun war es wieder frei. Unverstand und Unkenntnis hatten es herunter gebracht — ich, der das Ganze kannte wie jede Falte seines Herzens — ich konnte es von Neuem die Höhe bringen, wenn ich die Mittel hatte, es zu kaufen. Ich widerstand lange. Da erschien die Anzeige zum zweiten, zum dritten Mal. Ich sprach mit einem Geschäftsmann in Neapel darüber, von dem ich zufällig hörte, er reise nach Deutschland. Er bot mir an, den Kauf in meinem Namen abzuschließen, er redete mir zu. Die Gelegenheit war so günstig, das Kapital lag müßig in meiner Kasse — ich war so gewiß, es verdoppeln, meine und meines armen Kindes Zukunft sichern zu können; ich war so gewiß, daß Du mir es nicht zum Vorwurf machen würdest, wenn Du später erfuhrst, wie ich unterdessen Dein Geld wuchern ließ. Zehnmal stand ich auf Deiner Schwelle mit dem Entschluß, Dir Alles ehrlich zu sagen und Dich um die Erlaubnis zu bitten, über Dein Vermögen zu verfügen. Ich wußte ja, Du würdest es mir nicht verweigern. Aber die krankhafte Angst, Dich zu verlieren, sobald Du erführst, daß Du mündig seist, hielt mich immer wieder davon ab! Ich nahm das Kapital mit dem festen Vorsatz, es Dir einst auf Heller und Pfennig zurückzugeben! So weit die Geschichte meines Unrechts, nun die meines Unglücks! Was ich anfing, schlug mir fehl. Ich hatte die Fabrik mit bedeutenden Kosten vergrößert, da zeigten sich unvorhergesehene Terrain-Schwierigkeiten. Vorräte, die ich teuer gekauft, sanken, noch ehe sie verarbeitet waren, im Preise und ich mußte die Ware mit fünfzig Prozent Verlust absetzen. Dies und anderes Mißgeschick mehr traf mich Schlag auf Schlag. Es lag ein Fluch auf Allem, was ich ergriff — ich bekenne es, der Fluch der Selbstüberschätzung — denn ich hätte einsehen sollen, daß ein tüchtiger Gelehrter eben kein Kaufmann ist und daß ich mit den technischen Kenntnissen, die ich als Chemiker erfolgreich in einem kleinem Unternehmen verwertete, noch kein so großartiges Geschäft zu führen im Stande war. Was hilft nun alle Reue, alle Selbsterkenntnis? Die furchtbare Lehre, Ernestine, ist mit Deinem Vermögen bezahlt. Ich kann Dir nichts zurückgeben als das Reisegeld nach New York — kann Dir keine Entschädigung bieten als die Rache, die ich durch dieses offene Geständnis in Deine Hand lege. Beschließe, verhänge nun über mich, was Du willst! Aus Deiner Hand will ich mein Schicksal empfangen — aus keiner sonst.“
Der Heuchler sank wie zermalmt zu ihren Füßen und drückte ihre kalten Fingerspitzen an die Lippen.
„Oheim,“ begann Ernestine und ihre Stimme bebte. „Steh auf! Es ist mir ein widerlicher Anblick, einen Menschen, den ich zu fürchten gewohnt war, sich zu meinen Füßen winden zu sehen wie eine zertretene Schlange, deren Zuckungen mehr Abscheu als Mitleid hervorrufen. Steh auf, um aller Menschenwürde willen, steh auf!“ Sie wandte sich von ihm, um ihn nicht mehr sehen zu müssen.
„Ernestine,“ rief Leuthold erschrocken, „Du bist von Stein!“
„Ich bin, wozu Du mich gemacht hast.“
Er hatte eine andere Wirkung seiner Rede erwartet, er blickte mit Todesangst auf Ernestinen, die nochmals den Brief überflog und dann mit verhülltem Gesicht auf das Sofa sank.
„Ernestine, fasse Dich,“ rief er mit der ihm eigenen Frechheit, die immer wieder hinter der kriechenden Larve vorblickte. „Strafe mein Vergehen, räche Dich, wie Du willst, aber laß mich Dich nicht so klein sehen, um den schnöden Mammon zu verzweifeln!“
„Glaubst Du, gewissenloser Mann — ich klagte um den Mammon?“ sprach Ernestine außer sich, aber würdevoll. „Hättest Du das Geld in ehrenhafter Weise von mir gefordert und durch Unglück eingebüßt, sterben würde ich eher, als Dich mit einer Träne, einem Vorwurf kränken. Daß ich aber den einzigen Wüschen, an den ich ein Anrecht habe, verachten muß, daß Alles, was ich besaß, einem Verbrechen zum Opfer fallen mußte, das ist mehr als meine Langmut erträgt. Du weißt am Besten, was an dem toten Metalle hängt, das Du mir geraubt: Freiheit des Denkens und des Handelns, die edelsten Güter des Lebens. Um dieser Güter willen hast Du es mir genommen, denn Du bist kein Dieb, der mir Geld stiehlt. Du weißt auch, was sein Verlust für ein Weib bedeutet: Abhängigkeit, vielleicht Dienstbarkeit! O, Dienstbarkeit einer Seele, die sich keiner irdischen, keiner überirdischen Macht beugen wollte, die sich in ihrem Stolze als den Mittelpunkt einer selbstgeschaffenen Welt empfand, zur Maschine werden, die wahl- und fraglos den Willen Anderer vollführt! — Du ahnst den Tod, den ich in diesem Gedanken sterbe — und Du wagst es, mich zu schelten, daß ich klein genug sei, um den schnöden Mammon zu trauern? Sieh, ich vergesse auch in diesem furchtbaren Augenblick nicht, was Du seit meiner Kindheit an mir getan, welch unermeßliche geistige Schätze Du mir für den irdischen gegeben, den Du mir nahmst. Und eingedenk dessen verzichte ich auf die Rache, die Du in meine Hand gelegt. Wenn Du Dich retten kannst, so tu’s, aber fordere nicht auch noch, daß ich mich zu der <<Größe>> erhebe, Dir zu verzeihen!“
Leuthold atmete auf. Das war es ja nur, was er hören wollte, daß sie ihn nicht dem Gericht überantworte. Jetzt war für ihn das Schlimmste vorbei; wenn sie im ersten Augenblick des Zorns den Gekanken von sich wies, ihn seiner Strafe anheim zu geben, dann war sie bei ruhiger Fassung auch dahin zu bringen, seine Flucht zu unterstützen.
„Ernestine,“ sagte er nach einiger Überlegung: „Jedes Deiner Worte hat Kohlen auf mein fluchwürdiges Haupt gesammelt, selbst in Deinem gerechten Zorn warst Du noch edel und milde. Du willst mir gestatten zu fliehen. Aber kannst Du glauben, daß ich von hier fortginge ohne Dich? Daß ich es ertrüge, Dich in Armut und Not zu wissen, ohne für Dich sorgen und arbeiten zu können? Ich hätte Dich durch alle die langen Jahre mit der Ängstlichkeit einer Mutter gehütet, um Dich jetzt, wo Du meiner mehr denn je bedarfst, Deinem Schicksal preiszugeben? Mädchen, wenn Du das von mir denken könntest, es wäre ein schweres Unrecht!“ Ernestine blickte ihn überrascht an.
„Entweder Du fliehst mit mir — oder ich bleibe und stehe meinem Geschick,“ sagte Leuthold mit heldenmütiger Entschlossenheit.
Ernestine schrak zurück: „Ich mit Dir gehen? Nein, so tief kann ich mich nicht entwürdigen. Unsere Wege sind getrennt von dieser Stunde an.“
Leuthold sah mit innerem Bangen ihren Abscheu. Er war verloren, beharrte sie bei dieser Weigerung. Denn wenn es ihm auch gelang, ohne sie zu entfliehen und Möllner für den Augenblick zu täuschen, so kam es doch sehr bald zu Tage, daß Ernestine ihres Vermögens beraubt, mittellos von ihm zurückgelassen war, und der erbitterte Gegner würde ihn dann um so hartnäckiger verfolgt haben. Man hätte Ernestine gerichtlich vernommen und bei ihrer unerschütterlichen Wahrhaftigkeit war es sicher, daß sie ihn durch ihre Aussagen gänzlich bloßstellte. Nur in seiner Nähe unter seiner Obhut war sie unschädlich, nur mit ihr war er geborgen.
„Du hassest mich und das ist natürlich,“ sagte er. „Ich will mich nicht auf alle Opfer an Zeit und Kraft berufen, die ich Dir seit Deiner Kindheit gebracht, nicht auf alle Geduld, mit der ich Deine tausend Launen ertrug, noch auf die Liebe, mit der ich Dich trotzdem, daß Heim Dich aufgab, am Leben erhalten und groß gezogen habe. Du hast ihrer vorhin erwähnt — und Du findest sie genügend belohnt durch den großmütigen Entschluß, Deinen Oheim nicht in das Zuchthaus zu schicken; — Du mußt am Besten wissen, was sie Dir wert ist! — Aber, Ernestine, Du solltest mich wenigstens nicht mehr hassen als Deinen Vater, dem Du längst verziehen, dessen Du stets so mitleidsvoll gedenkst, denn ich darf kühn die Augen aufschlagen und sprechen, ich habe edler an Dir gehandelt, als er. — Er war ein Trinker, eine zum Tier entartete, gemeine Natur. Er hat Dich nicht erzogen, ich hab’s getan. Er hat Dich kaum gekleidet, kaum ernährt, ich habe Dich mit Allem umgeben, was Dein Herz erfreuen konnte. Er hat Dich stets gehaßt, ich habe Dich von Klein auf geliebt. Du wirst Dich wohl erinnern, wie oft ich Dich vor seinen Mißhandlungen schützen mußte, und das einzige Mal, wo ich nicht zugegen, schlug er Dich fast tot. Er hätte nie als Vater für Deine Zukunft gesorgt, wenn er es nicht in der Angst über sein Vergehen an Dir getan. — Das Vermögen, Ernestine, um welches ich Dich gebracht, hatte ich erworben, es war zu zwei Dritteilen sogar mein gesetzliches Eigentum, es war der Lohn, den mir Dein Vater für meine Dienste schuldete. — Er hat es Dir vermacht und ich fand mich schweigend darein. Ich verzichtete, ohne Dich nur je meine gerechten Ansprüche ahnen zu lassen. Ich trennte mich von meinem Kinde, damit es so erzogen werde, wie es seiner bescheidenen Zukunft angemessen war — der beste Beweis, daß ich nie die Absicht hatte, Dein Eigentum anzutasten. Ich forderte für alle diese Entsagung keinen anderen Lohn als den Genuß, den unermeßlichen Genuß, einen jungen Geist, wie noch keiner in einem Frauentopf geboren war, zur vollen Entfaltung zu bringen. Du wirst mir das Zeugnis geben, daß ich Dich nichts Schlechtes gelehrt, daß ich Dir das Auge geöffnet für alles Gute und Schöne, daß ich Dir das Buch der Natur entziffern half, worin nichts steht als das Erhabenste, was der menschliche Geist zu fassen vermag. An dem Abscheu, mit dem Du Deinen tiefgesunkenen Lehrer betrachtest, magst Du erkennen, wie rein seine Lehren Dein Herz erhalten haben! Ich gebe Dir zu bedenken, Ernestine, ob dies Alles mir nicht wenigstens das gleiche Anrecht an Dein Mitleid erwirbt wie das, welches Du Deinem Vater zu­gestehst?“
Ernestine hatte ihm mit steigender Bewegung und Teilnahme zugehört. Sie begrub das Gesicht in die Kissen des Sofas und brach in Tränen aus.
Leuthold sah es mit Befriedigung, er wußte, daß ein Weib, welches weint, entwaffnet ist. Er fuhr fort: „Du überzeugtest mich, daß ich von Deinem Haß nichts zu fürchten brauche. Du hast es ausgesprochen, daß Du auf die Rache verzichtest und ein Charakter, wie der Deine, hält, was er verspricht. Aber, Ernestine, das genügt mir nicht. Ich finde nicht Ruhe für mein gefoltertes Bewußtsein, bevor Du mir gestattest, für Dein Schicksal zu sorgen. Laß mich doch wenigstens versuchen, mein Verbrechen zu sühnen, gönne mir diese einzige Erleichterung der Last, die mich zu Boden drückt — erbarme Dich und gönne dem Verbrecher die Buße, die ihn reinigen kann.“
„Was soll ich denn tun?“ fragte Ernestine mit gebrochener Stimme.
„Mit mir gehen, Kind, auf daß ich den Bissen Brot mit Dir teile, den ich erwerbe, auf daß ich Dir eine Stellung bereite, die Deiner würdig ist und die Du in Deutschland nimmer fändest. Du hast den glänzenden Kontrakt nach New York unterschrieben. Du kannst, darfst ihn jetzt nicht brechen, gerade jetzt, wo Dir eine Stellung nötig ist, die Dich ernährt. Es wäre Wahnsinn, die einzige Hilfe von Dir zu weisen, die sich Dir jetzt bietet und die Deinen hohen Eigenschaften angemessen ist. Du kannst aber der eingegangenen Verpflichtung nicht genügen ohne meinen Beistand, Du hast ein reiches Material, aber es hält nicht vor für den ganzen Zyklus von Vorlesungen. Du weißt am Besten, daß ich Dir bei jeder neuen Arbeit unentbehrlich bin; Du hast ja noch nicht ausstudiert, Du darfst Dir diesen Amerikanern gegenüber keine Blöße geben, um Alles nicht. Hasse mich denn, verachte mich, aber nimm wenigstens meinen Schutz auf der langen Fahrt nach New York an und wenn wir dort sind, meine Hilfe, ohne welche Du mit Deinen Vorträgen nicht vor das Publikum treten könntest. Glaube mir, ich bin jeder Sentimentalität feind, aber es ist doch ein eigen Ding, einen Menschen, der einem nahe stand, zu begraben, bevor er tot ist; es wird Dir schwerer werden, als Du denkst. Man reißt sich nicht so rasch los von der Erinnerung an schöne Stunden, Tage, Jahre gemeinsamen Strebens und mit der Erinnerung wacht auch der Begrabene wieder auf und pocht an seinen Sargdeckel.“ Er hielt inne. Ernestinens kurzer rascher Atem verriet den schweren Kampf ihrer Seele. Endlich schüttelte sie das Haupt, sprang auf und schritt unschlüssig im Zimmer auf und nieder.
Leuthold fuhr fort: „Du kannst nicht anders, Du mußt mit mir gehen. Was bleibt Dir denn sonst übrig. Bedenke Dich einmal — was willst Du beginnen, wenn Du hier bleibst?“
„Ich weiß es nicht!“ murmelte sie düster vor sich hin.
„Du hast keinen Menschen hier, an den Du Dich wenden könntest — außer Möllners —“
Ernestine besann sich: „Und den alten Heim!“
„Nun ja, Heim und Möllners sind wie eine Familie. Sie würden sich natürlich gemeinsam Deiner annehmen. Für Heim wäre es ein hoher Triumph, daß Alles kam, wie er es voraus gesagt.“
Ernestine biß die Zähne übereinander.
„Du kannst nach dem, was vorgefallen ist, freilich sicher sein, von den Leuten eine Unterstützung zu bekommen — vielleicht verschaffen sie Dir eine Gouvernantenstelle, wenn Du ihnen lästig wirst. Es frägt sich nur, ob Dich das nicht tiefer demütigt, als wenn Du mit mir reisest. — Mein Himmel, Du mußt auf solch einem Schiff mit Manchem fahren, der kein gutes Gewissen hat und kannst ihn nicht nach seinem Leumundszeugnis fragen. Laß Deinen Oheim auch darunter sein. — Ich werde Dich nicht belästigen, Dir nicht vor das Antlitz treten, wenn Du es nicht willst.“
Er wartete auf Antwort. Ernestine sah brütend zur Erde.
„Oder willst Du nun nachträglich den zurückgewiesenen Antrag Möllners annehmen, zur Frau Staatsrätin eilen und abbitten? Dann, fürchte ich nur, wird die kluge Frau sagen: <<Aha, sie war übermütig, so lange sie Geld hatte, jetzt hat sie keines mehr, drum wird sie demütig und sucht unter Dach und Fach zu schlüpfen! Sieh, sieh die Spröde, wenn der Hunger kommt, geht sie nach Brot. Mit Hunger zähmt man wilde Tiere und starre Herzen, denn wenn der Magen leer ist, wird das Herz auch schwach.>>“
„Hör auf, Oheim!“ rief Ernestine schaudernd.
Leuthold ließ sich nicht unterbrechen, jetzt war er wieder ganz in seinem Element. „So würde die hochmütige Frau Mama sagen, denn diese geistigen Aristokraten haben den Stolz der Uneigennützigkeit und for­dern ihn auch von Andern. Und der Herr Professor? Der würde sich natürlich jetzt doppelt und dreifach verpflichtet glauben, Dich zu heiraten und die Hungernde, Frierende an seinem Herde zu atzen und zu wärmen. Wenn aber dann der erste Rausch des Erbarmens vorüber wäre, was, Ernestine, würde er sich bei einiger Überlegung sagen?“
"Er würde sagen, sie wurde meine Gattin nicht aus Liebe, sondern aus Not!“
„Folglich brauche ich sie nicht wieder zu lieben,“ ergänzte Leuthold.
„Und nicht zu achten!“ schloß Ernestine am ganzen Leibe zitternd. „Nein, nein, so darf es nicht kommen. So tief will ich nicht sinken. Der große, edle Mann soll mich nicht des Eigennutzes anklagen, die stolze mißtrauische Mutter soll mich nicht als Bettlerin auf ihrer Schwelle finden; lieber im Meere untergehen!“ Sie näherte sich Leuthold, ihr Atem flog, ihre Pulse fieberten: „Oheim, Du hast mein Lebensglück vernichtet — rette, o, rette mir das Einzige, was mir blieb, die Achtung vor mir selbst.“
„So komm mit! — Erst wenn das Weltmeer zwischen Dir und diesen Menschen liegt, bist Du sicher vor der eigenen Schwäche.“
Ernestine ließ ermattet die Arme sinken. „Wohlan denn, Du hast gesiegt.“

Neuntes Kapitel.
Wissenschaft und Glaube.
Der grauende Tag suchte vergebens, die Schleier zu lüften, welche die regnerische Nacht auf Berg und Tal zurückgelassen. Es war einer der Morgen, wo sich der alternde Sommer gleich einer verblühenden Schönen, die spät aufgestanden und sich unbelauscht glaubt, in seiner ganzen Herbstlichkeit zeigte. Die aufgehende Sonne verkroch sich immer wieder bleich und frostig hinter den naßkalten Nebeln und die Büsche trieften, man könnte sagen, von Tränen des Unmuts! Unmutig schüttelte auch der bleiche Wächter, der die ganze Nacht hindurch das Schloß umschritten hatte, die Nässe aus seinem Mantel. Er schauerte, übernächtig, wie er war, in den feuchten Kleidern und sah nach der Gegend des Schulhauses zu, ob nicht die Ablösung komme.
Er brauchte nicht mehr lange zu warten. Bald tauchte die kräftige Gestalt eines jungen Mannes auf, der rüstig voran schritt. Langsam und schläfrig schlug jetzt die Uhr der Dorfkirche halb Fünf.
„Auf die Minute,“ rief der Ältere dem Jüngling entgegen. „Das nenn’ ich pünktlich.“
„Gott zum Gruße!“ sagte Walter. „Brr, ’s ist frisch! Sie müssen tüchtig gefroren haben.“
„Nicht mehr als der Waidmann auf dem Anstand,“ erwiderte Johannes. „Dem macht die Jagdlust warm. In mir hat’s gekocht und gebrannt vor Begierde nach dem Raubtier da oben. O, Walter, ich bin sonst gelassen und nicht leicht aufzubringen. Wenn aber dieser Mensch heute Nacht ausgebrochen und in meine Hände gefallen wäre, ich weiß nicht, ob ich ihn mit heiler Haut aufs Gericht gebracht hätte.“
„Ich nehm’s Ihnen nicht übel,“ lachte Walter. „Ich wünschte mir auch nichts mehr, als mich einmal an dem Hallunken satt zu prügeln. Wie haben Sie denn nur die Nacht durchgemacht, konnten Sie wenigstens sitzen?“
„Ich hatte keine Ruhe dazu, auch war die Bank an der Tür so feucht. Aber jetzt spüre ich’s in allen Gliedern.“
„Na, eilen Sie nun nur, daß Sie ins Trockene kommen. Vater erwartet Sie mit Ungeduld, er ist schon auf und die Mutter hat Ihnen einen starken Kaffee gekocht.“
„Ihr guten Menschen,“ sagte Johannes gerührt. „Ach, Walter, ich bin recht beängstigt. Bis Mitternacht war Gleißert bei Ernestinen. Dort von dem Hügel aus konnte ich durch das Fenster ihre Köpfe sehen. Sie schienen eifrig zu sprechen und gingen auf und nieder, gerade als ob sie packten. Walter, wenn ich es erleben müßte, daß sie dennoch ...“
„Ach, beunruhigen Sie sich nicht, das ist rein unmöglich nach den Aufschlüssen, die Sie ihr gaben…“
„Wie kann sie nach eben den Aufschlüssen diesen Menschen noch stundenlang um sich dulden? Wie kann sie noch zehn Minuten die Luft eines Zimmers mit ihm teilen?“
„Hm, es wäre doch unglaublich. Na, dem möge nun sein, wie ihm wolle, wir können jetzt nichts Anderes tun, als abwarten und aufpassen. Letzteres will ich redlich! Machen Sie jetzt, daß Sie sich ein paar Stunden ausruhen, damit Sie mich zur Schulzeit wieder ablösen können. Hätten Sie mich nur diese Nacht für Sie wachen lassen, mir wäre er so wenig entkommen wie Ihnen!“
„Es ist genug, wenn Sie mir den langen Tag erleichtern. Also auf Wiedersehen, gegen acht Uhr bin ich da.“ Mit diesen Worten ging Johannes schweren und müden Schrittes dem Schulhause zu. Als er in die niedere, noch halbdunkle Stube eintrat, stand schon die dampfende Kaffeekanne auf dem Tische. Frau Leonhardt hatte ihn kommen sehen und Alles schnell gerüstet. 
Herr Leonhardt saß wie immer auf der Ofenbank und streckte dem Eintretenden die Hand entgegen. „Gott zum Gruße, lieber Herr!“ sagte er besorgt. „Wie ist Ihnen nach dem ungewohnten Nachtwächterdienst?“
„Leidlich, mein alter Freund!“ erwiderte Johannes. „Aber ich kann nicht leugnen, daß sich seit heute meine Achtung für die ehrsame Gilde der Nachtwächter bedeutend erhöht hat. — Danke, danke, Frau Leonhardt, ich bin nicht im Stande, etwas zu essen.“
„O, Sie können doch den Kaffee nicht so leer trinken,“ klagte die Frau.
„Mutter, nötige nicht, es schickt sich ja nicht mehr.“
„Ach, aber einen Bissen Mürbes in den nüchternen Magen hinein, wäre doch gut,“ flehte die alte Frau. „Na, wenn Sie nicht wollen — Sie sehen, es ist da!“
„Ja, liebe Frau Leonhardt, ich sehe es,“ versicherte Johannes, mit einem lächelnden Blick auf den großen Korb voll Backwerk.
„Sie müssen nur wissen, daß meine Brigitte die halbe Nacht auf war, um Frühstücksbrot für Sie zu bereiten, weil man um diese Zeit noch nichts Frisches haben kann. Sie wollte Ihnen auch ihrerseits eine Ehre antun. Und nun genießen Sie nichts davon. Das ist doch hart.“
„Geh, Alter, wie kannst Du nur so ausplaudern. Du bringst einen ja ganz in Verlegenheit!“
„Liebe Frau, der Herr Professor ist einer von den Menschen, die solch einen kleinen rührenden Zug wohl zu schätzen wissen; sonst hätte ich es ihm nicht gesagt. Du tust eben, was Du kannst, aber Du tust es doch,“
„Ja wahrhaftig,“ rief Johannes und faßte die Hand der Schulmeisterin. „Das ist so echte, liebe Frauenart! Die schätze ich, wo ich sie immer finde. Und nun soll mir’s auch schmecken.“ Und er zwang sich zu essen, damit die alte Frau doch nicht vergebens den Schlaf von ihren müden Augen abgehalten hatte.
.„Du lieber Gott,“ meinte Brigitte, „wenn das Fräulein geahnt hätte, daß Sie da unten in der kalten, feuchten Nacht herumwanderten, es hätte sie doch recht erbarmen müssen.“
„Das Fräulein kennt kein Erbarmen, meine liebe Frau Leonhardt,“ erwiderte Johannes bitter.
Der alte Herr legte seine Hand begütigend auf Johannes’ Schulter. „Das meinen Sie selbst nicht. Sie haben das Fräulein viel zu lieb, um so schlimm von ihr zu denken. Es ist jetzt nur der Unmut, der aus Ihnen spricht. Wenn Sie doch nur so klar in diese große Seele sehen wollten wie ich, der von keiner Leidenschaft geblendet ist. Es klingt wohl seltsam, wenn ich vom Sehen spreche und dennoch muß ich es sagen.“
„Aber, Vater Leonhardt, wer leugnet denn, daß Ernestine ein hohes, edles Wesen ist? Würde ich das Alles für sie tun, wenn ich sie dessen nicht wert fände, auch nachdem sie mich von sich stieß? Wenn Sie aber gestern in dies unbewegliche, steinerne geblickt Antlitz hätten wie ich, Sie hätten auch wie ich gefragt, ob dieses junge Geschöpf ein Herz in der Brust träge.“
„Ja, sicher, sicher hat sie eines,“ beteuerte der Greis. „Aber wissen Sie, Herr Professor, ihr Herz hat bisher seine Nahrung nur mittelbar durch den Geist empfangen. Sie hatte ja nichts, was sie lieben konnte, als ihre Ideen. Menschen kannte sie nicht. Was Wunder, wenn sie glaubt, nur da lieben zu dürfen, wo ihr Verstand <<Amen>> sagt? Bei Ihnen kann er dies nicht sagen — Sie sind ihm in Allem entgegengetreten, was er für das Rechte hält, also muß er Sie anfeinden und das junge unterdrückte Herz muß sich still dabei verhalten. — Ernestinens Denken ist eben das eines gereiften Mannes, aber ihre Empfindung so unentwickelt wie die eines fünfzehnjährigen Mädchens. Daraus können sich nur unlösbare Widersprüche ergeben.  Lassen Sie diesem unbewußten Fühlen nur Zeit, zu erstarken und schrecken Sie es nicht durch Kälte zurück, dann werden Sie sehen, ob es nicht plötzlich seine Rechte gegenüber dem Geiste geltend macht. Ich möchte fast sagen, sie ist eine Art Kaspar Hauser in der Welt des Gefühls.102 Sie kann sich noch nicht darin zurecht finden. Da bedarf es denn eines geduldigen Lehrers und der werden Sie sein, deß bin ich gewiß! Setzen Sie nur Alles daran, daß sie nicht nach Amerika geht, sonst ist sie uns so gut wie gestorben.“
 „Darauf verlassen Sie sich, treuer und weiser Freund!“ rief Johannes und ein eiserner Wille malte sich in seinem müden Antlitz. „Nicht mir, sich selbst will ich sie ja retten!“
„Wenn Sie mit Frühstücken fertig sind, sollten Sie aber ein wenig ruhen,“ meinte Leonhardt. „Meine Frau hat ein Bett für Sie gerüstet.“
„Das nehme ich dankbar an,“ erwiderte Johannes, „denn ich bin erschöpft und habe voraussichtlich noch einen schweren Tag vor mir.“
„So kommen Sie, ich will Sie in Ihr Zimmer führen,“ sagte der Greis und lächelte. „Ja, ja, nun führt auch einmal der Blinde den Sehenden.“ Und er tastete sich, Johannes voran, durch das Zimmer. „Folgen Sie mir nur, in diesem kleinen Hause kenne ich Wege und Stege.“
So gingen die Beiden miteinander in den oberen Stock, wo Herr Leonhardt eine Tür öffnete und Johannes eintreten ließ. „Ich hoffe, es wird Alles in der Ordnung sein,“ sagte er und fuhr mit den zitternden Händen prüfend über das hochaufgeschüttelte Federbett hin. Dann nickte er zufrieden: „Nun legen Sie sich, ich gehe nicht eher fort, als bis Sie liegen.“
Johannes warf die triefenden Kleider ab und tat, wie ihm geheißen. Der Greis griff nach der Decke und zog sie Johannes bis an den Hals hinauf. Dann tappte er noch ein paar Mal darauf herum, ob auch der liebe Gast recht wohl gebettet und geborgen sei. „Nun schlummern Sie, Sie können es brauchen,“ sagte er beruhigt und tastete sich leise wieder hinaus.
„Dank, tausend Dank, Vater Leonhardt,“ rief ihm Johannes nach. Er hörte noch, wie der Greis langsam und behutsam den Gang hinschlürfte und die Treppe hinunterstieg. Die Augen fielen ihm zu. Er hörte immer die Worte der Schulmeisterin: „Wenn das Fräulein geahnt hätte, daß Sie in der kalten, feuchten Nacht ...“ Sie wußte es ja, sie brauchte es nicht erst zu ahnen, er hatte es deutlich genug gesagt, als er bei ihr war. Und sie hatte nicht einmal ein Fenster geöffnet, nicht einmal nach ihm ausgeschaut. Aber nein, sie kam ja selbst — da, da — die Tür ward leise aufgemacht, war der Oheim dabei? Nein, sie — ganz allein. „Komm,“ flüsterte sie, „Du frierst, o komm, ich will Dich wärmen." Und sie nahm seine Hände und hauchte hinein und rieb sie. „Willst Du nicht mit mir in die Hausflur treten?“ fragte sie; „Du kannst ja da auch auf den Oheim lauern und stehst doch im Trockenen und ich bleibe bei Dir und gehe nie, nie wieder von Dir.“ — 
„Ernestine!“ rief Johannes und wollte sie umfangen. Von der raschen Bewegung erwachte er und fand sich allein. Er mochte kaum eine Viertelstunde geschlummert haben und doch konnte er nicht wieder einschlafen. Eine Zeit lang blieb er ruhend liegen, dann litt es ihn nicht mehr im Bette und er erhob sich, um dem entscheidenden Tag, der ihn erwartete, entgegenzugehen.

Es war Abend geworden. Wie Tags zuvor saß Ernestine an ihrem Schreibtisch, aber heute war er leer, sein Inhalt gepackt, die Kiste, die sich gestern so langsam füllte, stand verschlossen und reisefertig da. Ernestine hatte müßig die Hände im Schoß und hörte mit einer Abspannung, die an Stumpfheit grenzte, zu, wie der Oheim der weinenden Willmers die Preise bezeichnete, welche sie nach seiner und des Fräuleins Abreise für die Einrichtung des Hauses fordern dürfe.
„Die physiologischen Werke und Apparate habe ich dem Schullehrersohn Walter zugedacht,“ sagte sie.
„Was?“ rief Leuthold. „Einen Wert von nahezu tausend Talern willst Du verschenken?“ er hielt mit einem Blick auf die Willmers inne. Diese war taktvoll genug, sich zu entfernen. „Jetzt, wo wir Bettler sind,“ fuhr er fort, „wirfst Du das Geld zum Fenster hinaus?“
„Die tausend Taler, welche die Sachen wert sind, schützen mich kaum vor Hunger, dem jungen Manne aber werden sie eine Zukunft gründen. Er ist ein Talent, das nicht untergehen darf — und das ich retten kann, indem ich ihm das Material zu seiner Fortbildung gebe.“
„Ist es denn möglich? Hast Du die Pflicht, jedes verkommene Genie zu unterstützen?“
„Oheim!“ sagte Ernestine mit schneidender Kälte. „Ich ersuche Dich, mir Deine Ansichten über mein Tun zu ersparen. Die Gewohnheit, sich beherrschen zu lassen, legt sich, wie es scheint, leichter ab, als die zu beherrschen. Ich meinerseits habe seit gestern die meine von mir geworfen wie ein Kleid. Es wäre gut, Du tätest das Gleiche.“
„Nun, einen Rat glaubte ich mir noch erlauben zu dürfen.“ bemerkte Leuthold.
„Ich werde Dich darum bitten, wenn ich eines solchen bedarf. Für diese Sache wird es Dir wohl genügen, wenn ich sage: Ich will es so!“
Leuthold betrachtete die starre Gestalt mit einer Mischung von Furcht und Haß und dachte bei sich: „Wenn ich Dich nur erst über dem Meere und in meiner Gewalt habe, dann sollst Du büßen für alle Martern, die ich um Deinetwillen ertragen mußte — schwer büßen!“
Und geschäftig malte ihm sein rastloser Geist die Rache aus, die er in jener fremden Welt an ihr üben konnte. Ein häßliches Lächeln spielte um seine Lippen, als er an das Elend dachte, dem er diese stolze Natur entgegenschleppte. „Sie wird verkommen, langsam, unrettbar verkommen!“ frohlockte es in ihm.
Ernestine erhob sich. „Wir haben nur noch einige Stunden bis zur Abfahrt,“ sagte sie. „Ich muß sicher sein, daß mein Wille vollzogen wird.“
Sie schritt in ihr Laboratorium und verpackte, so gut sie konnte, die Apparate, die sie Walter zugedacht hatte. Dann nahm sie der Willmers den Brief an Leonhardt noch einmal ab, dem sie noch die Zeilen hinzufügte: „Was auch kommen möge, bewahrt mir diese Gegenstände und Bücher wie ein Heiligtum. Erhaltet sie mir, indem Ihr sagt, sie seien Euer, — sonst werden sie Euch und mir entrissen.“
So wußte sie ihr Geschenk auf alle Fälle vor gerichtlicher Beschlagnahme sicher. Sie kannte Leonhardt zu gut, um nicht zu wissen, daß dieser die Sachen nur behalten werde, wenn er glaube, sie für Ernestine zu bewahren. — Dann ließ sie Diener kommen und befahl ihnen, die Kisten mit dem Briefe in das Schulhaus zu schaffen. Als diese mit ihrer Last abgefertigt waren, ging sie in die Bibliothek und schickte sich an, auch die Bücher auszuwählen, die Walter haben sollte. Da eilte Leuthold herbei: „Möllner kommt auf die Tür zu. Nun, Ernestine, nun nimm Dich zusammen!“ Die Zähne schlugen ihm aufeinander, so rüttelte ihn die Angst. „Sei stark, Ernestine, ein Menschenleben steht auf dem Spiele. Wenn Du mich nicht vor Möllners Rache und dem Gesetz rettest, bin ich des Todes! Beim Haupte meines Kindes, das mir das Heiligste ist, schwör’ ich Dir, ich begehe einen Selbstmord, ehe ich mich in die Züchtlingsjacke stecken lasse, danach richte Dich!“
Ernestine sah ihn entsetzt an. Diesmal sprach er die Wahrheit. Nackte, blasse Verzweiflung stierte ihr aus dem verzerrten Gesicht entgegen.
„Oheim,“ rief sie, „fasse Dich! Ich werde Dich nicht zum Selbstmord treiben. Meine Hand darauf, mein Entschluß ist unerschütterlich. Willst Du nicht zugegen sein?“
„Nein, das wäre vom Übel. Ich will indessen Alles zur Abfahrt rüsten, damit wir nachher durch nichts aufgehalten sind. Also vergiß nur nicht: Wir haben uns verglichen, hörst Du? Wirst Du das sagen?“
„Mein Wort darauf.“
„Ich will gehen, ich will ihm nicht in die Hände laufen. Gesegnet sei Deine Zunge für jedes gute Wort, verflucht sei sie, wenn sie mich im Stiche läßt!“
Er eilte hinweg und Ernestine blickte ihm bebend nach. Ein Menschenleben hing an ihrer Zunge, ein Fluch sollte sie treffen, wenn sie ein unbesonnenes Wort sprach. Sie stand allein, Hilflos dieser furchtbaren Verantwortung gegenüber, ein junges, unerfahrenes Geschöpf, das kaum für sich selbst eine Verantwortung tragen konnte. Sie spannte ihre letzten Kräfte zum Zerreißen an, um der entsetzlichen Aufgabe zu genügen, unter deren Wucht sie fast zusammenbrach.
Da trat der Gefürchtete ein.
„Verzeihen Sie, Ernestine,“ sagte er, „daß ich ohne Anmeldung komme. Die Willmers wies mich hierher. Es ist jetzt nicht mehr Zeit zu leeren Formen. Gehandelt muß werden — und, wenn es sein muß, gekämpft um Leben und Tod! Ich sehe soeben, daß Sie Kisten zu Leonhardt schaffen lassen, ich eile herauf und erfahre durch die treue Willmers, daß Sie gehen — wirklich mit Ihrem Oheim gehen wollen. Ernestine, ich habe keine Worte für den Schmerz, der in diesem Augenblick mein Inneres zerreißt. Ich habe es ertragen, als Sie meine Werbung abwiesen, ich konnte Sie dennoch lieben, — aber Sie nicht mehr liebenswert zu finden, das, Ernestine, ertrüge ich nicht!“
„Und was würde mich denn in Ihren Augen so tief herabsetzen?“ fragte Ernestine mit beleidigtem Stolz.
„Daß Sie sich nicht von einem Bösewicht trennen, wie vom Bösen selbst, daß Sie den Gedanken ertragen, mit einem vor Gott und Menschen Geächteten in die Welt hinauszuziehen auf immer, daß Sie nicht genug Abscheu vor dem Verbrechen haben, um einen Verbrecher zu meiden, wie jeder sittlich fühlende Mensch es tut. O, Ernestine, ich kann es noch immer nicht glauben. Wenn ich das an Ihnen erleben müßte — ich möchte es nicht überleben.“
„Er hat sich vor mir zu entschuldigen vermocht,“ sprach Ernestine im Tiefsten verletzt. „Er hat mich überzeugt, daß man keinen Menschen ungehört verdammen darf. Ich fühle mich nicht so vollkommen und unfehlbar, daß ich es wagte, zu richten und zu verurteilen. Das überlasse ich Größeren und Stärkeren, als ich es bin. Wohl ist das Band, welches zwischen ihm und mir bestand, zerrissen, aber ich habe den gleichen Weg zu gehen, wie er, — ich kann ihm nicht wehren, sich mir auf der gemeinsamen Straße zu gesellen.“
„Und fürchten Sie die Schande nicht, welche Sie treffen kann im Verein mit einem dem Gesetz verfallenen?“
„Das Gesetz hat kein Recht mehr an ihn. Er hat mir genügende Rechenschaft über mein Vermögen gegeben — ich bin befriedigt und darauf kommt es ja doch wohl allein an.“
„Mein Gott— hat er Ihnen denn irgend eine Bürgschaft geleistet? Sie sind so unerfahren in solchen Dingen, er wird Sie wieder betrügen. Sagen Sie mir nur wenigstens, was er Ihnen geboten hat?“
Ernestine richtete sich hoch auf. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu und um sie zu verbergen, gab sie sich ein noch kälteres, strengeres Ansehen als gewöhnlich: „Wenn ich Ihnen sage, ich bin zufrieden, so denke ich, können Sie sich dabei beruhigen.“
„Ernestine,“ rief Johannes, „in welchem Tone sprichst Du mit mir? Ich handle und denke nur für Dich, für Dein Wohl — und Du trittst mir entgegen wie einem Feinde?“
„Was Sie für mich taten und tun, erkenne ich an und danke Ihnen für Ihre gute Absicht. Nun aber, mein Freund, bitte ich Sie, mir die Sorge für mein Schicksal selbst zu überlassen — ich fühle mich derselben vollkommen gewachsen.“
„Und ich sage Ihnen, Ernestine, daß ich Sie von dem Abgrund wegreißen werde, an dem Sie schweben, ob Sie wollen oder nicht. Vorerst werde ich Ihren Reisegefährten in Sicherheit bringen. Er hat mir nicht die geforderten Garantieen für Ihr Eigentum beigebracht, die Frist, die ich ihm stellte,103 ist verflossen — die vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit sind um.“ Er wandte sich nach der Tür.
„Johannes, was wollen Sie tun?“ rief Ernestiue.
„Ihn seinem Richter übergeben.“
Ernestine stellte sich vor die Tür: „Das werden Sie nicht tun!“
„Und weshalb nicht?“
„Sie werden mich nicht rächen wollen, wo ich verziehen habe. Sie werden sich nicht so weit in mein Schicksal eindrängen, daß Sie es mir unmöglich machen, ein Unrecht, das an mir begangen, zu strafen oder zu begnadigen, wie es mir gefällt. Es ist meine Angelegenheit, die Sie da in die Öffentlichkeit bringen wollen, und ich fordere das Recht, meine Geheimnisse nach Gutdünken wahren oder preisgeben zu dürfen. — Seit wann ist es erhört, daß ein Fremder — ja, ich sage ein Fremder — in das Leben zweier Menschen handelnd eingreift wie ein Abgesandter der heiligen Feme?“104
„Ernestine!“ schrie Johannes auf.
„Ich wiederhole es,“ fuhr sie fort. „Ich erkenne Ihre gute Meinung. Aber die beste Absicht wird zur Gewalttat, wenn sie einem bewußten Wesen das Recht der freien Selbstbestimmung streitig macht. Auf diesem heiligsten aller Rechte beharre ich, indem ich Ihnen jede fernere Einmischung in mein Schicksal verbiete, und da meines Oheims Los so eng mit dem meinigen verknüpft ist, daß Sie mich in ihm treffen, so hoffe ich, Sie werden Ritterlichkeit genug besitzen, um von seiner Verfolgung abzustehen.“ Sie lehnte sich einer Ohnmacht nahe an den Türpfosten.
„Ernestine,“ erwiderte Johannes sich gewaltsam fassend, „Sie stellen meine Geduld auf eine harte Probe. Doch immer noch vergebe ich Ihnen, denn — Sie sind eben ein Weib!“ Ernestine fuhr auf bei diesem Wort. Er machte eine abwehrende Bewegung. „Sie sind ein Weib, leicht bestimmbar, leicht zu täuschen — und Ihr Oheim hat das zu nützen gewußt. — Sie ahnen immer noch nicht, was Sie tun, wenn Sie sich diesem Schurken anheimgeben. Ich glaubte, Ihnen gestern die Augen geöffnet zu haben, aber ich beging einen Fehler, ich machte Sie sehend, aber ich lehrte Sie nicht begreifen, was Sie sahen. Ich will es nachholen, will das Letzte versuchen und Ihnen sagen, was die Beweggründe zu der Handlungsweise Ihres Oheims waren.“
„Ich teilte Ihnen bereits mit,“ erwiderte Ernestine, „daß ich diese kenne, ich bedarf keiner weiteren Erklärung. Er hat gefehlt, schwer gefehlt, wer will es leugnen? Er selbst nicht! Aber er hat sich mir gewidmet mit einer Hingebung, wie sie wohl selten ist in unserer Welt des Egoismus. Er hat für mich gelebt, seit ich denken kann und alle seine Vergehen entsprangen der Sorge, mich zu verlieren. Sie mögen das unglaublich finden — weil Sie von Ihrem Standpunkte aus nicht begreifen werden, wie ein Mann in dem Interesse für einen weiblichen Geist aufgehen kann. Ihnen erscheint ein Leben, welches sich nur auf den geistigen Verkehr mit einer Frau beschränkt, als eine Unmöglichkeit; deshalb bezüchtigen Sie den Mann, der ein solches jedem andern vorzieht der Falschheit. Ich weiß daher Alles, was Sie mir zu sagen haben können, und verzichte darauf, es zu hören.“
„Ernestine,“ rief Johannes empört, „Sie werden mich hören oder, so wahr Gott mir helfe — ich kenne Sie nicht mehr von dieser Stunde an!“
Er schwieg einen Augenblick. Ernestine hatte betroffen die Wimper gesenkt und schien des Weiteren zu harren.
„Ja denn, ja — Sie haben vollkommen Recht: Es erscheint mir als eine Unmöglichkeit, daß ein Mann den einzigen Schwerpunkt seines Daseins in die Erziehung einer Frau verlege. Ich bin ein Mensch, der zu lieben vermag wie Einer — Sie wissen, daß ich Sie liebe, und wenn ich Sie besäße, ich würde Sie anbeten, würde Ihnen gehören mit Leib und Seele, treu und unwandelbar bis an mein Ende. Aber in der Liebe zu Ihnen aufgehen, mit all meinen Interessen und Lebenspflichten, in dem süßen Müßiggang mit Ihnen erschlaffen für jede männliche Berufstätigkeit — das würde ich nicht, wie wahr und heiß ich Sie auch liebe. Das ist Sache der Frau, nicht des Mannes, der neben seinen persönlichen auch Pflichten für die Öffentlichkeit hat. Einem Manne, der aus bloßer Verwandtenliebe ein solches Leben zu führen vorgibt, dem glaube ich nicht. Er hat irgend einen Sonderzweck dabei und ich werde Ihnen beweisen, daß der Ihres Oheims ein nichtswürdiger war, daß er, um ihn zu erreichen, Verbrechen an Ihnen beging, die nur Gott zu bestrafen vermag. Er ist ein Erbschleicher — ein Mörder an Leib und Seele. Halten Sie sich noch wenige Augenblicke ruhig — ich werde diese furchtbare Anklage begründen. Der Diebstahl, den er an Ihrem Vermögen verübt, war das Ziel, das er verfolgte, seit er Ihr Vormund ist. Der Besitz dieses Vermögens scheint die fixe Idee seines Lebens zu sein, denn er ließ es sich von Ihrem Vater testamentarisch verschreiben und gönnte Ihnen trotz seiner Zärtlichkeit nichts als das gesetzliche Pflichtteil. Heim brachte Ihren Vater dazu, das Testament umzustoßen und Sie wieder in Ihre Rechte einzusetzen. Er verfuhr dabei nicht energisch genug, denn das Dokument ließ den Wünschen des Betrügers noch immer zu viel Raum. Er wollte um jeden Preis das Verlorene wieder gewinnen und die Verhältnisse waren diesem Streben günstig. Ihr Vater hat, wie Sie aus der Abschrift ersehen können, in seinem Testament die Bestimmung getroffen, daß, wenn Sie unverheiratet sterben, Ihr ganzes Vermögen an Gleißert oder dessen Kinder fallen müsse. Als Ihr Vater verschied, standen Leutholds Sachen günstig, denn die kleine Ernestine war ein so zartes, kränkliches Kind, daß er sich in der süßen Gewißheit wiegte, der schwache Lebensfaden, an dem sein Erbe hing, werde baldigst reißen und das Letztere ihm in den Schoß fallen. Da spielte ihm die kleine, stille Ernestine den verteufelten Streich, sich zu erholen und zu gedeihen. Körper und Geist erstarkten gleich rasch bei dem ungewöhnlichen Kinde; die Hoffnung auf sein Ende rückte immer weiter hinaus, aber die Hoffnung auf sein Geld ließ sich nicht so leicht aufgeben. War das Erbe unsicher, so wollte man sich wenigstens der Person versichern, an welcher es hing und Sie, Ernestine, vor allen Dingen vom Heiraten abhalten, weil Ihrem Oheim ja das Kapital nur zufiel, wenn Sie ledig starben. Sie mußten also von der Welt abgesperrt und, damit Sie dieselbe nicht vermißten, Ihrem umfänglichen Geiste eine andere, eine Gedankenwelt erschlossen werden. Deshalb verschwieg er Ihnen so ängstlich, daß Sie mündig sind, damit es Ihnen nicht einfiel, sich von dem Druck Ihres strengen Gewahrsams befreien und unter Menschen gehen zu wollen. — Dies war der Plan, nach dem Sie gebildet wurden, dies der Grund für die zärtliche Sorgfalt Ihres Oheims. Die Zeit und Mühe, die es ihn kostete, rechnete er zum Geschäft, sie war durch die Aussicht auf ein Vermögen von neunzigtausend Talern und sonstige Nebenvorteile reichlich aufgewogen; in keinem Falle hätte ihm eine deutsche Professur ein so ergiebiges Einkommen gesichert. Dies ist freilich nur Erbschleicherei. Aber nun zur Anklage des Mordes! Ich verstehe darunter keinen Mord mit Gift und Dolch, einen solchen traue ich Gleißert nicht zu, dazu ist er zu feige und zu klug, aber er bediente sich eines Giftes, welches, wenn es auch nicht so rasch wirkte wie Arsenik, doch den Vorteil hatte, daß kein Chemiker es nachweisen, kein Richter seinen Gebrauch bestrafen konnte: Er wollte den Leib durch den Geist vernichten! Er wußte in Ihrer leidenschaftlichen Seele einen Ehrgeiz zu entfachen, den keine Anstrengung achtete, der in brennender Begierde, in fieberhafter Hast vorwärts strebte, unbekümmert, ob die physischen Kräfte Schritt halten könnten oder nicht. — O, der Plan war fein und dennoch gab es zwei gesunde Augen, die ihn durchschauten. — Es ist richtig, er stand nicht als strenger Schulmeister mit der Rute hinter Ihnen, Sie anzutreiben, er zwang Sie nicht, Ihre Nächte zu durchwachen und sich die einzige Erholung zu versagen, die Ihre zerrütteten Nerven stärken konnte, den Schlaf, aber er wußte dafür zu sorgen, daß Sie es freiwillig taten. Er sah Sie kränkeln und wollte es nicht bemerken. Er wollte Sie nicht umbringen, aber er drückte Ihnen das Gift in die Hand, womit Sie es selbst tun konnten, und als Ihre natürliche Lebenslust nach Hilfe verlangte, da verbot er Ihnen, den Arzt zu rufen, aus Furcht, dieser könnte Sie durch ein Gegengift retten! So hat er Sie wissentlich, willentlich hinsiechen lassen — und nun schleppt er Sie nach Amerika, um Sie dort zu begraben! Dies zur Begründung der Anklage auf physischen Mord! Nun zu der des Seelenmordes: Ich sagte vorhin, Ihr Oheim habe Sie von der Welt abgesperrt, um sicher zu sein, daß Sie sich nicht verheirateten. Wodurch aber tat er das? Dadurch, daß er Sie zu einem Gegenstand des Schreckens für die Gesellschaft machte
und so diese von Ihnen abhielt; daß er außerdem Ihr Gemüt verhärtete, damit sich kein Bedürfnis nach liebendem Verkehr in Ihnen rege. Beides vollbrachte er durch den Unglauben. Und wenn er kein Verbrechen an Ihnen verübt hätte als dieses allein, so wäre keine Strafe zu hart für ihn, keine Verachtung zu tief!“ —
„Wenn das Alles ist, was Sie zu sagen haben, dann kann ich Ihnen nur erwidern, daß Sie sprechen wie ein Theologe, nicht wie ein Physiolog.“ sagte Ernestine vergebens bemüht, ihr Entsetzen zu verbergen: „Möglich, daß Ihre übrigen Anklagen gegen Leuthold begründet sind, ich will darüber jetzt nicht entscheiden, diese aber ist es nicht, zum mindesten nicht in dem Grade, wie Sie es meinen. — Ja, er hat mir den Glauben genommen, — aber er hat ihn mir ersetzt durch jene Naturphilosophie, die das Endziel alles Denkens ist und in der allein der zweifelnde Geist Frieden finden kann!“
„O, des traurigen Irrtums,“ rief Johannes. „Diese, hoffen Sie, könnte Ihnen den Glauben er­setzen? Eine große Seele wie die Ihre sollte sich nur mit der Kenntnis der Gesetze begnügen, ohne Ihr Auge bewundernd zu der Kraft zu erheben, deren Ausdruck die Gesetze sind? Verzeihen Sie, wenn ich als Theologe, oder besser, Teleologe spreche.105 Auch über diesen Punkt möchte ich mit Ihnen klar werden, bevor wir — scheiden! Ich möchte Ihnen wenigstens Eines wiedergeben, das Ihnen Ihr Oheim geraubt, und das Ihr Frauen sonst stets vor uns voraus habt: Jene Fähigkeit, einen Himmel offen zu sehen, wo die Erde uns nicht genügt!“
Ernestine starrte ihn in höchster Überraschung an: „So sprechen Sie, Sie ein Mann der exakten Wissenschaft, die ja lehrt, wie alles Bestehende sich aus sich selbst entwickelt hat? Was bleibt uns an diesem Gott, dem Sie das Wort reden zu wollen scheinen, noch zu bewundern übrig, wenn wir wissen, daß die Natur aus eigener Kraft alles getan?“
Johannes schüttelte den Kopf. „O, Ernestine, können wir denn nur an ihn glauben, wenn wir seinen Geist über den Wassern schweben und in sieben Tagen Himmel und Erde schaffen sehen? Ich denke, diese grobsinnliche Anschauung haben wir von dem Wesen Gottes trennen gelernt! — So allein können Glaube und Wissen Friede mit einander machen und ich leugne es nicht, ich gehöre zu den Wenigen, in deren Brust sie diesen Frieden geschlossen haben, wenn auch nicht ohne Kampf! Ich kann meinem Glauben keine, konkrete Gestalt leihen, mir fehlt die Einfalt, mich mit einer aus menschlichen Eigenschaften und Verhältnissen abstrahierten Gottheit zu begnügen, aber der Drang, der meinen formlosen Gott schuf und inbrünstig festhält, dieser Drang ist mein Bürge.“
„Das ist ein subjektives Gefühl, aber was beweist das?“
„Nichts!“ sagte Johannes. „Denn das Dasein eines Gottes läßt sich so wenig beweisen wie leugnen. Ich könnte sagen: Er verhält sich zur Welt wie die Seele zum Körper, auch die Seele können wir uns nicht in konkreter Gestalt vorstellen. Die Organe des Körpers arbeiten nach unwandelbaren Gesetzen, aber mit dieser gesetzmäßigen Arbeit stehen sie doch im Dienste der Seele und wenn wir noch so genau den Mechanismus nachweisen können, den sie bei ihrer Tätigkeit in Bewegung setzt, so erkennen wir doch daraus nicht, was sie denkt und will. Werden wir deshalb leugnen, daß sie denkt und will? — Aber ich weiß, wie wenig mit solchen Gleichnissen getan ist — Sie würden mich immer wieder nach dem logischen Beweis der gezogenen Parallele fragen und den müßte ich Ihnen schuldig bleiben!“
Ernestine versank in tiefes Sinnen: „Ich hätte es nie, für möglich gehalten, daß ein Mann wie Sie glauben könne!“
„Wenn Sie es hören wollen, so will ich Ihnen erzählen, wie der Glaube auch in mein Herz kam. — Ich war ein ungestümer Bursche, der aus dem frommen Kinderwahn heraustretend, aber mit einem lebhaften Gottesbedürfnis in der Brust auf wissenschaftlichem Wege sich den Gott beweisen wollte, an den er nicht mehr glauben konnte. In diesem falsch verstandenen Drange verfiel ich in jene naturphilosophische Richtung, auf welche die heutige Wissenschaft mit Verachtung zurückblickt, und zerarbeitete mich eine Zeit lang — um mich der Worte du Bois’ zu bedienen — an den nie gelösten Rätseln des menschlichen Daseins und der Gottheit! Dabei hatte ich ein warmes Herz und liebte die Meinen, besonders aber meine kleine Schwester Angelika mit Inbrunst. Eines Tages erkrankte das Kind lebensgefährlich und, da es an mir hing, wie an Keinem von der Familie, pflegte ich es lange Nächte hindurch mit brüderlicher Zärtlichkeit. Das Kind litt fürchterliche Schmerzen und in einer Nacht besonders zerriß mir sein Jammergeschrei Ohr und Herz. Wir — meine Mutter und ich — standen ratlos an seinem Bettchen und in mir wütete die Verzweiflung, gar nichts zur Erleichterung des süßen Geschöpfes tun zu können. Da faßte die Mutter die kleinen Hände Angelikas, faltete sie und sagte: „Bete, mein Kind, bete einmal zu Gott, daß er Dir helfe, vielleicht erhört er Dich!“ Und das Kind unterdrückte sein Schluchzen und sprach: „Lieber Gott, nimm meine Schmerzen von mir!“ — Ich aber, ich stürzte auf die Kniee und betete mit, ich wußte nicht was, ich wußte nicht zu wem — gleichviel ich betete in meiner Seelenangst. Ich hörte meine Mutter mit fester Stimme Amen sagen und Amen flüsterten meine Lippen, ich wußte es selbst kaum. Als das Kind geendet hatte, ward es plötzlich ruhig. Es blickte mit einem unbeschreiblichen Vertrauen zum Himmel, dann lächelte es uns an, legte sein Köpfchen an meine Brust und schlief ein — schlief zum ersten Mal nach sieben bang durchwachten Nächten. Ich lauschte seinem Atem, er ging leicht und regelmäßig. Nun überkam mich ein Gefühl, wie ich es nie empfunden, heiße Tränen stürzten mir aus den Augen; eine Welt hätte ich in meiner Freude umschlingen mögen — nein, eine Welt war mir nicht genug, ich mußte noch einen Gott dazu haben. — Was soll ich sagen, wie es mit Worten erklären? Gleich dem blindgeborenen Mädchen in der Dichtung, das zu sehen glaubte, als es liebte — geschah es mir, ich liebte jetzt diesen Gott, zu dem ich gebetet und, weil ich ihn liebte, darum sah ich ihn mit dem Herzen!“ —
Er hielt inne und beobachtete Ernestine, die teilnehmend zuhörte.
„Das ist das eigentliche Wesen des Glaubens,“ fuhr er fort. „Keine Vernunft kann ihn geben noch nehmen. Was Philosophie und Naturforschung nicht lehrten, das lehrte mich ein einziger Augenblick der Angst. Den Gott, den ich im Gedankenflug durch Erd’ und Himmel nicht fand, ich fand ihn am Bette eines Kindes! Von nun an lernte ich mich bescheiden, von nun an ward ich erst ein exakter Physiolog. Ich zerrte nicht mehr die Grenzen meiner Wissenschaft auf ein phantastisches Gebiet hinüber, verfälschte nicht mehr die reine Anschauung der Natur mit metaphysischen Begriffen, sondern hielt mich streng an das Gegebene und dies trat nie in Widerspruch mit meinen Empfindungen; denn vor der Ergründung der letzten Ursache alles Seins bleibt auch die Naturforschung stehen und sagt: „Bis hierher und nicht weiter“ — da aber, wo mein Wissen aufhört — da beginnt mein Recht, zu glauben!“
„Sie sprechen schön, aber Sie überzeugen mich nicht,“ sagte Ernestine traurig.
„Ich sehe jetzt, daß Sie nicht durch Wort noch Beispiel, daß Sie nur durch das Schicksal zu heilen sind. Ich prophezeihe Ihnen aber, wenn je ein Augenblick der Verzweiflung über Sie kommt, wird auch in Ihnen jenes Gottesbedürfnis erwachen, dessen Sie sich jetzt schämen. Wäre es nicht so, dann könnte ich Sie nur beklagen, denn ein Weib, das nicht beten kann, ist ein Falter, der die Flügel verlor. Ja, ich behauptete stets, es gäbe kein Weib ohne Glauben, denn es gibt kein Weib ohne Furcht! Die Furcht aber gebiert sich ihren Gott, sei es als eine strafende Gerechtigkeit oder als eine schützende Macht, bei der sie Zuflucht suchen kann, wenn jede Hilfe dahin! Sollten Sie allein diese Ansicht Lügen strafen?“
„Ich hoff' es,“ sprach Ernestine stolz. „Ich bin keines von den schwachen Wesen, die in jedem Dunkel Verderben wittern. Klar sehe ich jedem sogenannten Schrecknis in die Augen, ich erkenne ja seinen natürlichen Zusammenhang. Ich fürchte nichts und brauche keinen Gott!“
„Sie fürchten nichts?“ fragte Johannes von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, „auch — zum Beispiel — nicht den Tod?“
„Auch ihn nicht. Ich weiß ja, daß ich aus dem Ganzen bin und wieder zu ihm zurück muß; was ist es weiter? Die Auflösung einer persönlichen Existenz in das Allgemeine, der Umsatz eines Stoffes in den andern. Seit ich denken kann, habe ich dies große Naturgesetz beobachtet und mich gewöhnt, mein kleines Dasein nur als einen Teil der Wandelungen zu betrachten, die der Stoff beständig an sich selbst vollzieht! Sind wir erst zu der Demut dieser Erkenntnis gelangt, dann werfen wir lächelnd unsere eitlen Ansprüche auf persönliche Unsterblichkeit von uns und betrachten den Tod als den schuldigen Tribut, den wir der Natur für unser Leben zahlen müssen.“
„Wirklich? Und Sie wähnen, daß dieser Trost einst Stand halten werde, wenn es einmal im Ernste gilt, in jene dunkle Tiefe unterzutauchen, die Ihnen dann kein Strahl der Hoffnung, des Glaubens erhellt?“
„Ja, ich bin davon überzeugt.“
„Und wenn Sie nun dahin müßten vor der gesetzlichen Zeit?“
„So würde ich nicht über das Maß der Frist rechten, welche mir die Natur gestellt.“
„Sie würden aber doch diese Frist nicht absichtlich verkürzen wollen?“
Ernestine sah ihn betroffen an: „Nein, gewiß nicht!“
„Fürchten Sie denn nicht, das zu tun, wenn Sie nach Amerika gehen?“
„Weshalb sollte ich das fürchten, wegen des Meeres etwa? O nein — es hat Millionen auf seinen Wogen getragen, warum nicht auch mich? Es wird barmherziger sein als die Menschen, es wird mich nicht verderben!“
„Also sind Sie noch immer entschlossen zu reisen nach Allem, was ich Ihnen von Ihrem Oheim gesagt?“
„Mit ihm oder ohne ihn! Ich werde reisen!“ sprach Ernestine.
„Nun denn, Gott ist mein Zeuge, daß ich Alles versuchte, was in meiner Macht stand! Jetzt — zeihen Sie mich der Härte, ich kann nicht anders — es bleibt mir noch ein Mittel, ein furchtbares, aber Ihre stolze Unerschrockenheit gibt mir den Mut, es zu gebrauchen. Ernestine, wenn Sie auf Ihrem Entschlusse beharren, nach New York zu gehen, so fürchte ich, ist Ihnen die Zeit nahe, wo Sie die Stärke philosophischen Trostes erproben können. Sie sind vielleicht des Todes, bevor Sie hinkommen.“
War es möglich, daß Ernestine noch bleicher ward als zuvor, so geschah es auf diese Worte. „Was gibt Ihnen Grund zu dieser Behauptung?“ stammelte sie.
„Das will ich Ihnen sagen, denn es ist nun nicht mehr an der Zeit, Sie zu schonen.“ Er blickte nach der Uhr. „Ich begreife nicht, wie es möglich ist, daß Sie mit Ihrem Geist und Wissen sich darüber täuschen konnten, daß Sie krank sind, nicht nur angegriffen und nervös, sondern wirklich krank!“
Ernestine sah ihn erschrocken an. 
„Ich habe die feste Überzeugung, daß Sie verloren sind, wenn Sie dieses Leben fortführen, und gar in einem Maßstabe fortführen, wie Sie es in Amerika tun werden und müssen. Was Ihnen Ihr Oheim auch vorgespiegelt hat, ich bin sicher, daß er Ihnen Ihr Vermögen dort, wo er Niemanden zu fürchten braucht, noch weniger ausliefern würde als hier — vorausgesetzt, ich ließe ihn, wie Sie es verlangten, in Freiheit. Sie würden schließlich auf den Broterwerb angewiesen sein — und ich verbürge mich Ihnen, daß Sie in Ihrem jetzigen Gesundheitszustand eine solche Lage höchstens ein Jahr aushielten. Sie endeten in der Blüte Ihres Alters in einem amerikanischen Hospital und würden nach der Nummer eingescharrt!“106
Ernestine wandte sich ab.
„Sind Sie nun noch entschlossen zu reisen?“ fragte Johannes nach einer Pause.
Ernestine überlegte in ihrer bitteren Not. Sie fühlte nur *zur gut, wie Recht er hatte. Aber was sollte sie tun? Er ahnte ja nicht, daß ihr Vermögen schon verloren war, daß sie hier wie dort ihr Brot erwerben mußte, daß sie sich hier wie dort nicht schonen könne, wollte sie nicht zur ehrlosen Bettlerin herabsinken. Sie mochte denken und sinnen, wie sie wollte, sie sah auch hier kein anderes Ende als im Krankenhause. Und dann doch noch lieber in einem fremden Lande verkommen als hier, wo sie Jeder kannte, wo Jeder über sie triumphierte, der ihr Alles vorausgesagt. Nein, sie mußte fliehen! Wie der sterbende Vogel zur Winterszeit sich verkriecht mit seinem Todesweh, so wollte sie im fernsten Weltteil ihre Armut verbergen, ihre Erniedrigung und Scham vor dem stolzen Manne, mit dem sie sich so übermütig gemessen in der Zeit des Glücks. —
Sie erhob endlich das Haupt und sagte mit übermenschlicher Anstrengung: „Ich habe keine Wahl mehr — ich muß meinen Vertrag einhalten — ich muß nach Amerika.“
Johannes hatte ihrem Ausspruche in atemloser Spannung gelauscht. Jetzt verließ ihn seine aufs Äußerste angespannte Kraft. „Ernestine,“ schrie er und faßte sie bei beiden Schultern, „Ernestine, es handelt sich um Leben und Tod, hörst Du’s denn nicht? Ich sage Dir, Du kannst nur genesen, wenn Du gänzlich auf Deine bisherige Tätigkeit verzichtest! Und Du rennst absichtlich in Dein offenes Grab? Ich habe Dich beobachtet mit dem Auge des Arztes und des Liebenden und ich schwöre Dir bei meiner wissenschaftlichen Ehre, ich fand immer neuen Grund, um Dich besorgt zu sein. Du hast das Aussehen einer Abzehrenden,“ er griff nach ihrer Hand, „hast in diesem Augenblick den schwachen, aussetzenden Puls und die kalten Hände einer Herzkranken. Die Willmers schilderte mir gestern Deine Leiden, unter denen ich Symptome fand, die mich wahrhaft beunruhigten. Noch hoffe ich, es sind nur die Wirkungen eines unnatürlichen, aufreibenden Lebens. Diese Wirkungen aber können bei Deinen erschöpften Kräften Ursachen werden, Ursachen eines langwierigen, tödlichen Übels, wenn Du Dir nicht Schonung und Pflege gönnst. Ich kann Dich nach Pflicht und Gewissen nicht reisen lassen, ohne Dir, so hart es ist, die Augen über Deinen körperlichen Zustand zu öffnen. Hättest Du es nicht so weit getrieben in Deinem Starrsinn, so konnte ich Dir die grausame Wahrheit ersparen. — Habe Erbarmen mit meiner Angst und gehe wenigstens nicht eher, als bis ich Dir Heim gesandt. Er ist ein erfahrener Arzt, er soll entscheiden, ob ich Recht gehabt. Das Eine nur, Ernestine, das Eine tu mir zu Liebe, wenn Du mich nicht in Verzweiflung zurücklassen willst.“
Er hielt sie noch immer fest, als wolle er sie mit Gewalt fesseln. Seine Brust arbeitete mächtig, seine Blicke waren von dem andrängenden Blute verdunkelt. Die ganze Fülle einer tiefen, echten Mannesleidenschaft kochte auf und schwoll über in diesem gebieterischen Drängen und Flehen.
Ernestine stand bleich und still vor ihm. Sie bog sich ein wenig unter der Last seiner sie umklammernden Arme. Aber kein menschliches Auge konnte enträtseln, was in ihr vorging.
Während sie so schweigend einander anschauten, war es, als ob ein Wagen davon führe. Johannes hörte es nicht in seiner Ausregung. Sie dachte, es könne der Oheim sein, aber es war ihr gleichgültig. Es war ihr überhaupt plötzlich Alles so gleichgültig!
„Ernestine, hast Du keine Antwort für mich?“ fragte Johannes.
„Ich werde — mich bedenken — bis morgen!“
„Ach, Gott sei gelobt!“ stieß Johannes aus der Tiefe seines Herzens hervor. Er mußte sich an einem Stuhle halten, als seine Arme Ernestinen losließen, ihm schwindelte.
Wieder verflossen ein paar Minuten in düsterem Schweigen.
„Ernestine,“ sagte er nach einer Weile, „Du hast in dieser Stunde einen Unschuldigen für alle Sünden seines Geschlechtes gestraft. Laß es von nun an genug sein, ich denke, Du bist gerächt!“
Ernestine schwieg.
Johannes sprach weiter.„Ich will Dir nicht länger zur Last sein; darf ich mit Heim kommen?“
„Morgen sollen Sie meinen Entschluß erfahren.“
„Eine Hand! — Nein? Nun, so lebe wohl!“
Ernestine war allein. Sie stand noch lange völlig regungslos. Sie dachte nicht an Johannes, nicht an den Oheim, der sich seltsamer Weise nicht sehen ließ; nur ein Wort tönte ihr immerfort im Ohre: „Du hast den Puls einer Herzkranken!“ Das war ein verhängnisvolles Wort, das hatte sich wie ein Skorpion in ihr festgebissen. Es war kein Zweifel, Johannes hielt sie für rettungslos. Sie hatte es ja aus jeder seiner Andeutungen entnommen. Er hatte es ihr nur nicht so gerade heraus sagen wollen. War denn aber auch Möllner im Stande, das Alles zu beurteilen? Ja, er war als Physiolog auch Mediziner genug, um eine richtige Diagnose zu haben. Sie begriff nicht, wie sie überhaupt alle die bedenklichen Anzeichen ihres körperlichen Verfalls so lange übersehen konnte. Er hatte Recht in Allem, der Oheim war ihr Mörder! Es schüttelte sie bei diesem Gedanken. Es trat so plötzlich an sie heran, das Gefühl des nahen Todes. Sie sann und sann und rief sich jedes kleine und größere Leiden ins Gedächtnis, rechnete und zog Schlüsse.
Es war merkwürdig, wie Alles stimmte, wie Alles auf ein Herzübel zutraf! — Johannes wollte Heim beraten. Er hätte das nicht getan, wenn er die Krankheit nicht für gefährlich hielt. Was sollte Heim noch, was konnte er ihr sagen, was sie nicht selbst wußte? Hatte er sein Wissen aus anderen Quellen geschöpft als sie? Besaß sie nicht eine pathologische Bibliothek, die Alles enthielt, was ein Mediziner bedarf, dieselbe, die sie für Walter bestimmt, aber ihm noch nicht hingeschickt hatte? Sie mußte nachschlagen, mußte sich Klarheit verschaffen, heute noch. —
Es war Nacht geworden, der Regen fing wieder an herabzurauschen; trübe Schatten lagerten sich um sie her. Sie zog die Glocke, um Licht zu erhalten. Frau Willmers brachte eine Lampe mit grünem Schirm und entfernte sich wieder.
Ernestine eilte zu den hohen, reichen Büchergestellen, legte eine kleine Leiter an und stieg mit der Lampe hinauf. Sie suchte hastig nach einem Handbuche der Pathologie; sie riß einen Band nach dem andern hervor, ohne das rechte zu finden. Sie durchwühlte ungeduldig die bestäubten Folianten, die sie schon seit vielen Monaten nicht mehr berührt hatte. Endlich sah sie bei ihrem trüben Licht den gesuchten Titel. Aber sie mußte das Buch unter einem Berge unordentlich aufgehäufter Bände herausziehen. Sie tat es mit Ungestüm. Da rutschten die Bücher übereinander, ein schwerer harter Gegenstand fiel ihr auf den Kopf, daß sie fast betäubt ward, von da auf die Lampe und zerschmetterte ihr diese in der Hand, daß sein dröhnender Schlag auf den Boden vom Splittern des zertrümmerten Glases begleitet ward. Mit brechenden Knien stieg Ernestine, ihr Buch unter dem Arm, von der Leiter, um bei dem verglimmenden Schein des zerquetschten Dochtes zu sehen, was das war. Sie bückte sich, um es aufzuheben, ein Gesicht mit weit aufgerissenem Munde starrte ihr entgegen. Mit einem gellenden Schrei fuhr sie zurück. Es war einer der Totenschädel, die sie in der Bibliothek aufbewahrte und längst vergessen hatte. Zum Überfluß erlosch jetzt auch die Lampe und durch die Dunkelheit grinste sie immer noch der klaffende Mund mit seinem scheußlichen Lachen an. — Halb wahnsinnig vor Entsetzen rief sie wieder nach Licht. — Ihre überreizten Nerven fanden in dem unbedeutenden Zufall eine grauenvolle Übereinstimmung mit den Gedanken, die sie soeben peinigten, eine finstere Mahnung der Natur. 
Als es wieder hell um sie war, zwang sie sich mit bebendem Mute dem Schrecknis in das widerliche Antlitz zu schauen. Sie griff mit zwei Fingern in die leeren Augenhöhlen und hob den Kopf aus. „So wirst auch Du bald aussehen; dann bist Du auch nicht schöner als dieser da.“ Und sie trat mit dem Kopf vor den Spiegel und verglich sich mit ihm in einer Art von Großtuerei vor sich selbst. „Du mußt Dich allmählich an diese Familienähnlichkeit gewöhnen lernen,“ sagte sie und begann in ihrer selbstquälerischen Phantasie, ihr edles, schönes Gesicht anatomisch zu zerlegen und es die Wandlungen vollziehen zu lassen, deren es bedurfte, um so auszusehen, wie ihr entfleischter, stummer Genosse.107 Da übermannte sie wieder Ekel und Grauen und sie fürchtete ihr eigenes Bild im Spiegel, wie das des Schädels. Weit fort schleuderte sie ihn und erschrak dann noch über das Gepolter, womit er hinfiel. Das Blut schoß ihr siedend in die Ohren, daß sie vor dem Rauschen und Brausen nichts mehr hörte und doch alle Augenblicke etwas zu hören glaubte, das sie sich nicht zu enträtseln vermochte und das ihr geheimes Zagen erhöhte. Der Totenkopf schien sich auch in der Ecke nicht ruhig zu verhalten, es kam ihr vor, als rolle er umher. Sie hielt es nicht mehr in dem Gemache aus, es war etwas Feindliches in der Luft. Sie nahm das gesuchte Buch und das Licht und floh in ihr Schlafzimmer, ohne umzusehen, wie ein gehetztes Wild durch die öden Gemächer eilend, jeden Augenblick gewärtig, daß das unbestimmte Schrecknis, wovor ihr bangte, in sichtbarer Gestalt aus irgend einem Winkel hervorquellen müsse. Aber das Feindliche folgte ihr auf den Fersen und umgab sie unausweichlich, tausendarmig auch in der Luft des traulichen Schlafzimmers, schnürte ihr Brust und Kehle zusammen, daß ihr Herz kaum mehr Raum zum Schlagen hatte. Und wie klopfte es — wie unregelmäßig — bald matt, bald stark, so, wie nur ein krankes Herz pocht. Und sie schlug das Buch auf und las ihr Todesurteil — die Abteilung von den Herzkrankheiten — las, als müsse sie ihre letzte Lebenskraft daran setzen, hastig, fiebrisch, kaum begreifend, denn ihr Denken war nur noch Entsetzen. Und sie las natürlich in das Buch hinein, was sie nicht herauslesen konnte, zitternd davor, das zu finden, was sie wissen wollte, und es doch mit Begierde suchend. Es war Alles so, wie sie es gefürchtet. Es stand kein Symptom verzeichnet, das sie nicht an sich bemerkte. Sie war jetzt außer allem Zweifel, sie war verloren, denn dafür gab’s keine Heilung, nur eine Verzögerung, einen Aufschub, den sie bei ihrer jetzigen Schwäche nicht einmal hoffen durfte. Sie warf das Buch von sich und trat zum Fenster, um Luft zu schöpfen, regenfeuchte, dumpfe, aber doch Luft — immer noch mehr und bessere, als sie in einem Sarge haben würde. — Dann brauchte sie freilich keine mehr, aber — das Atmen war ja so köstlich und der Gedanke, unter solch niederem Sargdeckel zu liegen, so beengend — erstickend!
Also bald sollte sie sterben! — Johannes hatte sich nicht getäuscht. Es war so! Und wie lange, wenn sie ihre Kräfte sinken fühlte, hatte sie sich darauf schon vorbereitet — was erschreckte sie denn? Was fürchtete sie? Die Leiden, die sie noch erdulden sollte? Tausende hatten sie ja erduldet und die Stunde der Erlösung war vielleicht näher, als sie dachte. Nun, so wollte sie stark sein wie bisher, da die Hoffnung noch ihre unsichtbare Stütze war. Sie wollte nicht zur Lüge machen, was sie vor kaum einer Stunde zu Johannes gesagt — auch vor sich selbst nicht! — Was war es denn? Aufhören — aufhören zu sein, das war nicht heiter, aber auch nicht traurig, es war eben nichts! Aber sie fürchtete auch nicht das Aufhören, sondern den Gedanken an eine Fortdauer, die schlimmer wäre als der Tod, — die Ungewißheit, ob die Seele mit dem Leibe stirbt! „Freilich,“ sagte sie sich, „wenn unser Auge erblindet, kann kein Licht hinein, wenn wir unser Ohr verschließen, hören wir nicht, wenn der Mechanismus still steht, der zwischen uns und der Welt vermittelt, so sind wir außer Zusammenhang mit ihr — also tot, — aber wenn nun unser Denken ohne diesen Mechanismus fortbestünde? Furchtbar, furchtbar, warum gibt es dagegen keinen Beweis? Wenn wir das Gedächtnis behielten und hätten keine Augen mehr zum Sehen, also kein Licht? — Keine Ohren zum Hören, also keinen Schall? — Keinen Körper zum Tasten, also kein Gefühl, weder Raum noch Zeit — nichts als ewige Nacht, ewiges Schweigen und doch die Erinnerung an das Gesehene, Gehörte und die Sehnsucht nach Licht, Schall und Mitteilung?“
Das war das Ärgste, das war gräßlicher als persönliche Vernichtung — das war es, was sie fürchtete! — Ewige Nacht, ewiges Schweigen und ewige Einsamkeit! Wem wird sich bei diesem Gedanken das Haar nicht sträuben, als vielleicht dem, der satt ist und überdrüßig der Welt, der sich müde gelebt, oder dem, der auf eine vollbrachte Aufgabe, einen erfüllten Zweck zurückblicken kann mit jener Genugtuung, die hinreicht, eine Ewigkeit der Erinnerung auszufüllen — aber sie? Sie war nicht überdrüßig der Welt, sie wollte dieselbe ja erst genießen, sie war nicht alt, sie fing ja erst an zu leben! Sie hatte noch nichts getan, ihren Zweck zu erfüllen, nichts, worauf sie befriedigt zurückblicken konnte. — Es war zu früh, wenn sie jetzt dahin mußte, sie hatte nichts vor sich als eine Ewigkeit der Reue! Und diese Angst, wie lange sollte sie diese noch ertragen, bevor sie kam, die gefürchtete Gewißheit? „O, der grausame Tod!“ klagte sie. „So erfaßt er mich tückisch in der elendesten Form des Siechtums — des langsamen Siechtums. Dränge er als Mörder auf mich ein, daß ich mit ihm kämpfte, stürzte er in Gestalt eines Felsblocks auf mich nieder, daß ich ihm zu entspringen suchte, flutete er als reißender Strom über mich weg, daß ich schwimmend mit den Wogen ränge, es wäre besser, als mich so zu beschleichen — so unsichtbar — ungreifbar — unausweichbar! Flüchte, armes Opfer, flüchte hin über Meere in den fernsten Weltteil, Du entfliehst ihm nicht, Du trägst ihn ja in Dir! Wirf Dich auf den schnellsten Renner und jage durch Wald und Heide, Du entrinnst ihm nicht. Du trägst ihn ja in Dir! Klimme empor zu den leuchtenden Firnen der Alpen, — umsonst, umsonst! Du trägst ihn ja in Dir!“ Sie stürzte auf die Kniee nieder. „O allgewaltige Natur, harte Mutter, die mich nicht mehr an ihrem Busen nähren will, erbarme, erbarme dich und rette dein Kind, gib nicht den jungen, schaffenden Geist der Vernichtung preis und sein Gefäß der Verwesung! — Millionen atmen und gedeihen, die nicht wert sind, deine Segnungen zu genießen, und mich, deine Priesterin, stößest Du aus?“ Sie lag lange so mit flehend gerungenen Händen, als erwarte sie eine Antwort. Alles blieb still um sie her, kein Zeichen des Erbarmens lichtete sie auf. Sie besann sich. „O, die Natur ist unerbittlich — was bet’ ich zu ihr — sie hört mich nicht, sie denkt nicht, fühlt nicht, unbekümmert rafft sie mich hinweg, die blinde Willkür des ewig treibenden Räderwerks! Ist denn keine Hand da, die in seine Speichen griffe? Keine bewußte Kraft, die nach dem Werte eines Daseins richtet und spräche: Du bist würdig zu leben, darum lebe? — Sie ist, sie ist! In den Qualen dieser Stunde fühl’ ich’s, es muß eine höhere Gerechtigkeit, es muß eine andere Gottheit geben als die Natur — der Geist, der jetzt in Todesbangen mit ihr kämpft, der Geist muß eine andere Zuflucht haben und ein’ höhere Bestimmung als zu leben!“ Sie preßte die Hände auf die Brust. „O der Glaube, der Glaube! — Aber wenn dem selbst so wäre, wenn es einen Gott gäbe, welches Recht hätte ich, auf sein Erbarmen zu hoffen? Unselige, könnte dein eitler Stolz vor solchem Richter bestehen? Was hast Du getan; das dich der Gnade eines Gottes würdig machte? Hast Du der Welt etwas genützt, ein Wesen beglückt, ein Band geknüpft, das seine Milde zu schonen brauchte? Hast Du ihn nicht verleugnet ein ganzes Leben hindurch, zu dem Du jetzt in deiner feigen Todesnot, die letzte Zuflucht nimmst? Und Du erwartest Hilfe und wagst es, die Augen aufzuschlagen und vom Himmel zu verlangen, was Dir die Erde versagt? Nein, täusche Dich nicht, es ist nirgend Erbarmen, nicht bei der Natur, nicht bei den Menschen, nicht bei Gott!“ — —
Der Glaube kam über sie mit all seinen Schrecken, denn er ist nur dem ein liebender Freund, der es ihm ist, aber dem, der sich ihm verschlossen, naht er rächend, vernichtend mit Sturmes Gewalt. Er riß sie los, die kranke Seele, wie ein welkes Blatt vom Baume der Erkenntnis und wirbelte sie hinunter in die Nacht der Verzweiflung.
Ein Schrei, ein letzter: „Johannes, komm, hilf!“ entrang sich Ernestinens Lippen und der Tür zustrebend stürzte sie besinnungslos zusammen.

Erstes Kapitel

Gerichtet.
Leuthold hatte die Unterredung zwischen Johannes und Ernestine bis zu dem Punkte belauscht, wo er einsah, daß Johannes Sieger bleiben werde. Mehrmals überlegte er, ob er nicht eintreten solle, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, aber bei der Entschlossenheit Möllners wußte er, daß dies ganz fruchtlos wäre und daß Jener ihn nur zum unfreiwilligen Zeugen seiner Anklagen machen würde. So stieg ein anderer Plan in ihm auf — der, Johannes Anwesenheit bei Ernestinen zu benutzen und zu entfliehen. Als er die Überzeugung gefaßt hatte, daß sein Spiel verloren sei, raffte er den letzten Inhalt der Kasse zusammen und schrieb einige Zeilen an Ernestine, die sie auf seinem Tische finden sollte, wenn sie ihn suchte.
Sie lauteten:
Ich habe Dein Gespräch belauscht und war Zeuge der für mich unglücklichen Wendung, die es nahm. Ich kann nun nichts mehr hoffen und es bleibt mir nur übrig, den Tölpel zu überlisten und zu entfliehen, während er bei Dir ist. Den Rest der Kasse nehme ich mit, um die Reise zu bestreiten. Ich kann nicht erst abwarten, bis Möllner fort ist, um Dich darum zu ersuchen, denn dann wäre ja die Tür wieder bewacht und er ließe mich nimmer aus den Klauen. Es handelt sich hier um Ehre und Leben, um die Zukunft meines Kindes — ich darf nicht zögern. Wenn Du Dich doch noch entschließen solltest, heute mit mir zu gehen, so findest Du mich auf dem Bahnhofe. Du hast noch zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Bleibst Du hier, so werde ich Dir, sobald ich kann, das Reisegeld zurückschicken. Lebewohl — und hoffentlich: Auf Wiedersehen!
Nach Vollendung dieser Zeilen schlich er selbst in den Stall, ließ anspannen und fuhr zur Station. In zwei Stunden mußte sich sein Schicksal entscheiden. Saß er nur erst im Wagen, dann war er gerettet!
Dieselbe Zeit, in der Ernestine in Todesnot mit ihrem verleugneten Schöpfer rang, brachte der, welcher all ihr Weh verschuldet, in nicht geringeren Qualen zu. Wer je bei Nacht die Ankunft eines Zuges lange auf einer kleinen Station erwarten mußte, der weiß, was „Geduld haben“ heißt. So herumstehen auf einem öden Perron vor einem einsamen Bahnhofe mit den Füßen stampfen, denn das Stehen auf den Steinen macht kalt — sich wieder und wieder hinausbiegen und die gerade endlose Straße hinunterschauen, ob man denn noch keine roten Punkte sieht; dann wieder auf dem kurzen Raum hin- und herlaufen und einen schläfrigen Inspektor so oft fragen, als man es dessen Geduld nur irgend zumuten kann, ob der Zug noch nicht bald komme und immer wieder dasselbe: „Jetzt kommt er bald!“ hören, an das der Tröster selbst nicht glaubt; dann wieder zur Abwechslung in die Restauration hineingehen mit ihren ewigen ledernen Schinkenbrötchen und ihren abgespannten Büffetdamen, die den Abfahrenden so teilnahmlos ansehen, weil er noch nicht durch eine lange Fahrt genug heruntergebracht ist, um etwas von ihrem zähen Vorrat zu bedürfen; — alle zehn Minuten mit der Überzeugung auf die Uhr schauen, es müsse schon wieder eine halbe Stunde vorüber sein und endlich, wenn man stumpf geworden vor Langeweile, sich fast des Wartens begeben hat und müde auf einen Sessel gesunken ist, jäh aufgeschreckt werden durch den gellenden Ton der Signalglocke, daß man nicht weiß, wie man seine Siebensachen rasch genug zusammenraffen soll, und dann von dem Portier zurückgewiesen werden, weil es noch nicht der rechte Zug, sondern einer ist, der vor jenem abgeht — das sind so die kleinen Eisenbahnleiden des menschlichen Daseins, die Jeder kennt. Dem aber, der mit pochendem Herzen auf das Dampfroß, als auf den Retter seines Lebens wartet, dem werden sie zu Martern, wie sie der boshafteste Teufel nicht grausamer ersinnen kann.
Leuthold durchlebte sie in ihrer ganzen Ausdehnung, nur mit dem Unterschiede, daß er nach zwei Richtungen ausblickte, nach der der Bahn mit verzehrender Ungeduld und nach der, wo er hergekommen, mit der Todesangst, der Rächer werde ihm folgen. So gingen die zwei Stunden, eine geistige Folter, an ihm vorüber und als endlich die leuchtenden Punkte am Horizonte auftauchten und näher und näher kamen, bis der Zug stampfend und brausend in den Bahnhof einfuhr, da glaubte Leuthold unter dem schneidenden Pfiff zusammenzubrechen, der sein Ohr zerriß. Mit letzter Kraft schwang er sich die hohen Stufen hinauf und der schwarze rotäugige Rettungsengel aller Diebe und Mörder entfaltete seine qualmenden Fittiche und schnaubte mit ihm von dannen.
Nun war er geborgen. Den eisernen Pfad, den er mit dem feurigen Ungetüm verfolgte, konnte keine Nachstellung durchkreuzen, als der elektrische Funke, der ihm vorauseilend sein Signalement in die Welt tragen und ihm die Verhaftung auf einer Station zuziehen konnte. Doch auch davor hielt er sich sicher, denn Niemand wußte, welchen Weg er nähme. Um die Nachforschungen irre zu leiten, hatte er ein Billet bis auf eine weitabliegende Station des linken Rheinufers genommen, während er in gerader Richtung Hamburg zu und zunächst nach Hannover eilte, um seine Tochter aus dem Institute zu holen.
Es war eine kalte, unheimliche Nacht. Er schlummerte ein paar Mal überwältigt von Müdigkeit ein. Dann glaubte er sich zu Schiffe, von den Wellen geschaukelt, in einer Kajüte und atmete erleichtert auf, denn nun war ja alle Angst vorüber. Und wie man sonst nach einer überstandenen Gefahr sagt: „Jetzt ist er auf dem Trockenen!“ so konnte er umgekehrt frohlocken, daß er nun auf dem Wasser sei. — Da schrie aber jedesmal ein grausamer Schaffner zur Tür herein und rief ihm mit seinem eintönigen „Fünf Minuten Aufenthalt!“ das Bewußtsein zurück, daß er noch auf dem Lande, auf feindlichem Boden dahin krieche. So quälte er sich die ganze Nacht zwischen Wachen und Schlafen. Die übrigen Reisenden betrachteten mitleidig bei dem flackernden Waggonlicht den bleichen, bartlosen Mann, der so matt in seiner Ecke lehnte, — er mußte wohl recht krank sein.
Endlich färbte das Frührot den Horizont und die unabsehbaren Ebenen jener Gegend. Auf den Halteplätzen wurde der bedenkliche Trank ausgeboten, den der fröstelnde Reisende in einem Zustand von Körper- und Geistesschwäche für Kaffee genießt und vor sich selbst mit dem Motto beschönigt: „’s ist doch ’was Warmes!“
Eine alte Dame, die in der Nacht eingestiegen war und neben Leuthold saß, trank sich durch alle Stationen durch und es machte ihr den bleichen Mann förmlich unheimlich, daß er keinem derartigen irdischen Bedürfnis erlag und sich fortwährend regungslos in seiner Ecke hielt. Was war das für ein Mensch, der nie ausstieg, nichts genoß, nicht rauchte, nichts sprach, nicht einmal auf die übliche Frage: „Wo sind wir jetzt?“ antwortete, die doch sonst immer eine Unterhaltung eröffnet, weil sich dann Rede und Gegenrede so natürlich aneinanderknüpft? Nichts verbrüdert so sehr wie gemeinsame Not und eine gemeinsame Nachtfahrt. Alle Reisenden im Wagen waren vertraulich geworden, reckten und dehnten sich und erzählten sich, ob und wie sie geschlafen. Nur Leuthold schloß sich ab, als wäre er taub und stumm. Natürlich verbündete das die Übrigen gegen ihn. Man beobachtete ihn ungeniert, man flüsterte sich auch wohl etwas zu. Leuthold fühlte sich endlich sehr unbehaglich. Die alte Dame neben ihm brachte ihn durch ihre Unruhe zur Verzweiflung, denn sie begrub ihn alle Augenblicke unter ihrem ungeheueren Pelzmantel, den sie eigentlich nur in den Waggon mitgenommen hatte, weil er nicht mehr in den Koffer ging. Nun hatte sie ihn aber doch recht gut brauchen können. Wer hätte gedacht, daß es im September schon solche kalten Nächte gebe! Jetzt wollte sie ihn aber doch ausziehen, damit sie sich nicht zu sehr verwöhne. Und sie wickelte sich aus dem faltigen Kleidungsstücke heraus, wobei sie Leuthold förmlich verschüttete. Die übrigen Herren halfen ihr lachend und Leuthold arbeitete sich unmutig unter dem Ballast hervor. Der Mantel wurde mit großer Mühe auf das Netz für das Handgepäck geschafft und dabei ganz übersehen, daß in der Ferne die vom Morgenlicht übergossenen Türme der Hauptstadt an der Leine auftauchten. Die Mühe war vergebens gewesen, denn nun öffnete der Schaffner die Tür mit dem für Leuthold so erlösenden Rufe: „Die Billets nach Hannover, meine Herrschaften!“
„Ei, du lieber Gott, ist es schon soweit?“ rief die alte Dame erschrocken und wühlte in allen Taschen nach dem Billet, welches Leuthold glücklicherweise vom Boden aufhob.
Durch diese Artigkeit versöhnt, fragte sie ihn dann, ob er auch in Hannover aussteige, worauf er ein kurzes „Ja“ hören ließ und zu seinem Schrecken erfuhr, daß die Dame ihre jüngste Tochter aus dem dortigen Pensionat abhole, um sie als Gesellschafterin nach Kopenhagen zu bringen. Sie habe eine strenge Tour vor sich, denn sie reise noch am selben Abend weiter. 
Er beschloß nun, nicht, wie er es sich vorgenommen, den Nachtzug zu seiner Weiterfahrt zu benutzen. Er hatte ja mit dieser aufdringlichen Schwätzerin und ihrer Tochter den langen Weg bis Hamburg zusammen machen müssen. Und an ein Ausweichen wäre nun so weniger zu denken gewesen, als die Tochter, im gleichen Institute mit Gretchen erzogen, jedenfalls mit letzterer noch befreundet war. — Er mußte aber in seiner Lage um jeden Preis eine Reisegesellschaft meiden, die ihn kannte und einer etwaigen Nachforschung Anhaltspunkte gäbe. So groß die Gefahr einer Verzögerung war, diese war doch noch größer. Er mußte die kleinere wählen und einen Tag verlieren.
Der Zug hielt. Die alte Dame wühlte sich wie ein Maulwurf aus der Erde zum Wagen heraus und ward unter lauten Freudenbezeugungen von der sie erwartenden Tochter empfangen.
Leuthold warf sich in eine Droschke und fuhr in ein Hotel. Von dort aus schrieb er einige Zeilen an Gretchen und beschied sie zu sich.
Eine lange halbe Stunde verging ihm. Wie würde er diese Tochter wiederfinden, die er seit sieben Jahren nicht gesehen? War sie so wie in ihren Briefen? Und wenn sie es war, wie wollte er ihr gegenübertreten und ihr in das unschuldsvolle Auge blicken? —
Da pochte es leise an die Tür. — „Herein,“ rief er in höchster Spannung — und eintrat ein Wesen so wundervoll jungfräulich knospend, daß Leuthold ihr nur stumm vor freudigem Erstaunen die Arme entgegenzubreiten vermochte.
Das Mädchen hatte einen Augenblick schüchtern fragend auf der Schwelle gestanden, nun aber stürzte sie sich mit einem einzigen Schrei an des Vaters Herz — einem Schrei, in dem das ganze, stille Heimweh langer Jahre im Entzücken des Wiedersehens sich brach. Fest und fester umschlangen sich die Beiden, unfähig eines Wortes. Das Kind weinte die ersten Freudetränen in des Vaters Armen und aus Leutholds Augen floß ein bitterer Tropfen um den andern auf das Haupt nieder, das er mit solch banger Inbrunst an sich preßte, als sei ihm dies Glück nur für Minuten beschieden.
„Vater, laß Dich ansehen,“ sagte endlich Gretchen, sich zuerst aus der heißen Umarmung lösend. Und sie faßte mit beiden Händen Leutholds Kopf und schaute ihm mit dem durchdringenden, geraden Blicke der Unschuld in die Augen. Er hielt ihn aus, diesen Blick, wie man es auch aushalten kann in die Sonne zu sehen, aber es war ihm, als müsse er daran erblinden, als könne er nachher nie mehr die Wimpern erheben.
„Väterchen, man sieht Dir das Leiden und die Mühe recht an,“ klagte Gretchen wehmütig. „Es war hohe Zeit, daß Du Dir einmal eine kleine Erholung gönntest. Ach, wie lieb ist es von Dir, daß Du zu mir kommst, zu mir!!“ Und sie konnte nicht weiter reden und drückte alle ihre Gefühle nur in Küssen aus. „Nein, die Überraschung — !“ rief sie dann wieder Atem schöpfend. „Die Überraschung! Ich traute meinen Sinnen gar nicht, als mir der Brief gebracht wurde. — „Die Hand meines Vaters,“ denke ich, „und von hier?“ Ich mache den Brief auf — ich lese — und lese — und da steht es ganz deutlich in klaren Buchstaben — mein Vater ist hier! Ich stieß einen Schrei aus, daß Alles zusammenlief. Wir waren gerade erst aufgestanden und ich wäre am liebsten gleich im Nachtjäckchen fortgerannt. Ach Gott — ich zog Alles verkehrt an — die Fräulein mußten mir helfen, sonst wäre ich gar nicht fertig geworden vor lauter Eile!“ Und sie lachte unter Tränen, während sie so sprach und schnappte nach Luft, als müsse sie sich immer noch tummeln, um zu dem Vater zu kommen — der ihr mittlerweile wieder davon fahren könnte. „Ach, Vater — wie nenn’ ich Dich nur? Herzvater, Himmelsvater — bist Du denn bei mir? Bleibst Du denn auch ein Weilchen? Freust Du Dich denn auch nur halb so über mich, wie ich mich über Dich?“
So bestürmte, bedrängte es ihn mit Liebe und Fragen, das ahnungslose glückselige Geschöpf den Verlorenen, der alle ihre Liebe nur als süße Verdammnis empfand. —
Wenn dieser Engel je aus seiner reinen Sphäre herabstürzen müßte zu der Erkenntnis von des Vaters Schuld? Wenn diese unverdorbene Seele mit dem Gedanken an Verbrechen befleckt würde, von denen sie keinen Begriff hatte und als deren Täter sie das Liebste auf Erden verachten lernen müßte?
Aber nicht das allein war es, was er fürchtete. Wenn seine Schande auf das Kind fiel? Wenn seine zertrümmerte Existenz die junge Knospe unter ihrem Schutte begrub? Wer würde sich der Tochter des Verurteilten annehmen?
„Und ich werde die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied!“ Dies harte Wort der Schrift, an die er nie geglaubt, trat ihm jetzt in furchtbarer Wahrscheinlichkeit vor die Seele. Es war der volle Ausdruck dessen, was er fürchtete.
„Vater, Du bist so still,“ sagte Gretchen verschüchtert.
„O, mein Kind, mein Leben! Ich kann Dich nur ansehen und mich schweigend freuen. Dein wunderbarer Liebreiz kam wie eine höhere Offenbarung über mich. Ich bin ein neuer Mensch geworden, seit ich mich als Vater eines solchen Kindes empfinde. Das Alles will mit Sammlung durchlebt sein, es ist zu köstlich, um es wegzuscherzen. Drum laß mich ernst sein und glaube mir — je ernster ich bin, desto mehr liebe ich Dich.“
Gretchen ging rasch und sympathisch auf diese Stimmung ihres Vaters ein: „Du hast Recht, man scherzt und lacht ja auch nicht in der Kirche und mir ist es jetzt gerade so zu Mute, so hingegeben, so erfüllt von Gottes Gnade. Ach, wie danke ich ihm, diesem guten Gott, für die Freude dieses Augenblicks! So viele Jahre habe ich Dich von ihm erbeten und nun erhört er mich wirklich und schickt Dich mir! Ach, er sorgt weise in Allem — er hat Dich mir wohl erst so spät gesandt, weil ich früher noch nicht reif genug gewesen wäre, dies Glück ganz zu begreifen!“ Leuthold hatte sich gesetzt, sie drückte seinen schmalen Schlangenkopf an ihre junge Brust. „Sie haben Dich müde gemacht, mein Väterchen, ich sagte es ja gleich, Du siehst so traurig aus. Aber nun hab’ ich Dich endlich einmal und will Dich wieder auffrischen und pflegen, bis Du alles Weh und alle Plage vergessen hast. O, diese Ernestine — ich will ihr nicht zürnen, aber ich möchte jedes Lächeln, um das sie Dich gebracht, von ihr zurückfordern, denn sie hat es mir gestohlen, mir, die nichts hat als Dein Lächeln!“ Sie drückte einen Kuß auf seine Stirn, der darauf fortbrannte wie eine glühende Kohle.
„Laß Ernestinen aus dem Spiel, mein Kind,“ sagte Leuthold beklommen. „Sie ist, wie sie sein kann. Wir sprechen später einmal darüber. — Sie ist in der letzten Zeit nicht ganz so schlimm gewesen und erwähnte Deiner öfter mit Liebe. Ich glaube, sie wird bald heiraten, das macht sie weicher, denn die Liebe veredelt. Sie ist nur noch etwas unentschlossen, aber ich bin überzeugt, daß es so weit kommt. Da könnte sie Dir für alle Fälle eine Stütze sein, wenn mir irgend etwas zustieße — ja, sie würde es sein — dess’ bin ich gewiß.“
„Vater —“ rief Gretchen erschrocken, „wie kannst Du nur so reden, was sollte Dir denn zustoßen?“
„Nun, mein Kind — ich könnte ja plötzlich sterben — man muß an Alles denken, denn man steht in — Gottes Hand.“
Gretchen kniete neben ihm nieder und drückte ihre roten Lippen auf seine hageren Finger. „Väterchen, warum in diese himmlisch schöne Stunde einen Schatten werfen? Kaum halte ich Dich in den Armen und soll an ein Scheiden für immer denken? O nein, so grausam kann der liebe Gott nicht sein. Du stehst in seiner Hand — und er, der Dich zu mir geführt — er wird Dich mir auch lassen.“
Sie legte in unbeschreiblich süßer Zärtlichkeit den Kopf auf seine Kniee und schwieg.
,,Und ich werde die Sünden der Väter an den Kindern heimsuchen —“ sprach es wieder in dem glücklichen, unglücklichen Vater. So gingen ihm mehrere Stunden hin unter dem lieblichen, bald rührenden, bald schäkernden Geplauder des Mädchens. Endlich sprang sie auf, es war Mittag, und sie sollte zum Essen heim. Leuthold ließ sie nicht fort — man konnte in dem Pensionat wohl denken, daß sie bei ihrem Vater blieb und so speisten sie mit einander zum ersten Mal nach so langer Zeit, aber es war Leuthold, als sei es eine Henkersmahlzeit.
Nach Tische ging er zur Vorsteherin des Institutes und trug dieser die Bitte vor, ihm Gretchen für einige Wochen auf eine <<Vergnügungsreise>> mitzugeben, was ohne Anstand bewilligt wurde. Nur meinte die Vorsteherin, sie wisse nicht, wie sie es sämmtlich ohne Gretchen so lange aushalten sollten. „Sehen Sie,“ sagte die liebenswürdige Frau, „dieses Kind ist eines der Wenigen, die uns für unsere Mühe belohnen. Wenn ich sie einst verlieren muß, so geht ein Stück meines Herzens mit.“
„O, wie verdien’ ich das!“ rief Gretchen und warf sich tief beschämt an die Brust ihrer Gönnerin.
Leuthold kämpfte schwer. Sollte er dies Kind aus dem Erdreich reißen, wo es so feste, gesunde Wurzeln geschlagen, wo es gedieh im Sonnenschein des Friedens und Wohlwollens? Und doch, sollte er es hier lassen, um es für immer zu verlieren? War er einmal vom Gesetz verfolgt in Amerika, so konnte er seine Tochter nicht nachkommen lassen, seinen Aufenthalt nicht verraten. Sie war sein Kind, er hatte das heiligste Recht auf sie und konnte sie, seit er sie wiedergesehen, weniger entbehren als je. — Sie sollte sein Schicksal teilen.
Während er noch im Sprechzimmer war, kam auch die alte Dame herein, die sich den ganzen Tag im Institut aufhielt, und war natürlich höchst erfreut, ihren Reisegefährten wiederzusehen. Sie bedauerte nur, daß Leuthold nicht denselben Abend fuhr, sie hätten den Weg so hübsch zusammen machen können.
Die Vorsteherin lud ihn zum Tee ein, was er nicht ablehnen konnte, und er empfahl sich, um mit Gretchen einen Spaziergang zu machen. Des Mädchens Jubel kannte keine Grenzen, als sie ganz allein am Arme des Papas in die Welt wandern durfte. Es war wirklich, als blicke sie manchmal prüfend zum Himmel empor, ob sie auch nicht etwa oben anstieße. Es ist seltsam, wie uns oft eine Äußerlichkeit zum Maßstabe für Glück oder Unglück wird: Gretchen konnte den ganzen Umfang ihres Glücks erst ermessen, indem sie am Arme des Vaters dahinschritt und allen Menschen zulächeln durfte: „Seht, das ist mein Vater!“ Sie hatte auch ihren neuen Hut aufgesetzt und ihre Sonntagskleider angezogen — sie wollte ihrem Papa gefallen und ihm vor den Leuten Ehre machen. Beides gelang ihr vollkommen. Sie war reizend. Leuthold betrachtete sie mit zunehmender Bewunderung, sein geschäftiger Geist fing bereits wieder an, zarte Fäden der Hoffnung aus ihren braunen Haaren und üppigen Wimpern zu spinnen. Diesem Engel stand die Welt offen, sollte er nicht auch einen geächteten Vater mit hindurch führen können? Wer konnte diesen halb lachenden, halb weinenden Gazellenaugen, diesen schwellenden Lippen widerstehen, wenn sie für den Vater flehten?
Wie sie so neben ihm herging, die elastische Gestalt, sich leicht an seinem Arme wiegend, wie ein zum ersten Mal angeschirrtes Füllen, und ihm vorplauderte mit aller Anmut eines natürlich entwickelten, jugendlichen Geistes und eines innigen Gemüts, da fing auch er an zu lächeln und aufzuleben — er war, wenn auch der elendeste Mensch, doch ein beneidenswerter Vater!
Da unterbrach Gretchen sein Sinnen: „Vater,“ sagte sie leise,  „Du hast es nie gerne gehabt, wenn ich als Kind von der Mutter sprach. Aber, ich möchte doch wissen, was denn eigentlich, seit sie den Kellner heiratete, aus ihr geworden ist? Darf ich Dich heute einmal danach fragen?“
„Ich kann Dir mit dem besten Willen keine andere Auskunft geben, als daß sie von Marburg fortzog, nachdem ihr Vater starb. Damals sandte sie die bei der Scheidung für diesen Fall bedungene Summe der Beisteuer zu Deiner Erziehung an mich und von da an duldete ihr roher Gatte keinerlei Briefwechsel zwischen ihr und mir. Er schickte mir jeden Brief, in dem ich versuchte, unsere Angelegenheiten genauer zu ordnen, unerbrochen zurück. So erfuhr ich nur noch durch dritte Hand, sie habe Marburg für immer verlassen. Wo sie nun lebt, weiß ich nicht.“
Gretchen schüttelte das Köpfchen und schwieg. 
„Nicht wahr, Vater, ich sehe Dir ähnlich?“ fragte sie fast ängstlich — sie wollte dieser ungetreuen Mutter in nichts gleichen.
„Du hast ihre Schönheit, jedoch verfeinert und veredelt, und meine Art zu denken und zu fühlen.“
Gretchen schmiegte sich an ihn: „Ach, möchte ich Dir immer ähnlicher werden!“
„Gott verhüt’s.“ dachte Leuthold bei sich mit vollster Selbsterkenntnis und schlug den Rückweg ein. Hätte er auch auf seinem Lebenswege so umkehren können! —
Der Abend bei der Vorsteherin verging ihm langsamer als die Stunden mit Gretchen allein, obgleich sie ihm Proben ihres Könnens und Wissens ablegte, die ihn hocherfreuten. Besonders überraschten ihn ihre künstlerischen Talente, ihr Zeichnen und Malen. Sie hatte nicht übertrieben, als sie ihm geschrieben, sie verstehe Alles, womit ein Mädchen sein Brot verdienen könne. In dieser Hinsicht war Leuthold beruhigt. Und als er sich Nachts spät zur Ruhe begab, da überkam ihn eine Art von Zuversicht, die er lange nicht mehr empfunden und die ihn in festen Schlummer wiegte.
Am andern Morgen hörte Gretchen zu ihrem Erstaunen, daß der gütige Vater ihr das Meer zu zeigen gedenke. — Das eigentliche Ziel seiner Reise wollte er ihr erst auf dem Schiffe entdecken. Sie fuhren mit dem nächsten Zuge bis Hamburg, wo sie gegen Abend ankamen. Leuthold fand es am Geratensten, in einem großen Gasthaus abzusteigen, wo der Einzelne nicht so beachtet wurde wie in einem kleinen. Er wählte eines der prachtvollen Hotels am Jungfernstieg, der belebtesten Straße Hamburgs.
Gretchen jubelte laut auf, als sich das nordische Venedig vor ihren unerfahrenen Blicken entfaltete. Da breitete es sich hin, das mächtige Alsterbassin, umrahmt von Hunderten strahlender Flammen, abgeschlossen durch den bunterleuchteten Alsterpavillon und mitten durch die leichtgekräuselte Flut zog der Mond eine endlose silberne Straße. Wie Schatten in der Laterna magica108 glitten die Gondeln darüber her und hin und von dem Lusttempel am jenseitigen Ufer trug der frische Seewind die Klänge rauschender Musik herüber. Wasser-, Licht- und Schallwellen fluteten in vollendeter Harmonie an Gretchens Auge und Ohr und wiegten sie in einen Taumel von Entzücken ein. Sie glaubte Nixen auftauchen zu sehen, die am Tage Handel und Wandel auf dem belebten Strom in die Tiefe verscheucht haben mochten; sie umschwammen zutraulich die hindernden und sangen ihnen sehnsüchtige Lieder vor. Und wenn sie dann wieder den Blick dem Ufer zuwandte, wo Pallast sich an Pallast reihte, wo eine wogende Schar von Spaziergängern und rasselnden Equipagen sich drängte, ein Bild der Wirklichkeit gegenüber dem träumerischen Eindruck des Bassins — aber der Wirklichkeit in ihrer glänzendsten, stolzesten Gestalt, da glaubte die jugendliche Seele, die Welt sei ein Zaubergarten und ihr Vater der Magier, der darin gebiete, und er habe sie jetzt geholt, um seine Herrlichkeiten zu genießen. Sie warf sich an seine Brust und küßte seine Hände, und wußte ihm nicht mit Worten zu danken für alle die fremdartige, niegeahnte Wonne! Da hielt der Wagen vor einem der schönsten Hotels des Jungfernstiegs. Der Portier rannte zur Glocke, das Personal stürzte herbei. Ein Oberkellner nahte mit dem seiner Würde angemessenen Schritt und erwartete unter der Tür die Ankommenden. Leuthold hatte Gretchen herausgeholfen und dem Hausknecht das Gepäck übergeben. Jetzt erst beim Ersteigen der Stufen richtete er den Blick auf den wohlfrisierten Stellvertreter des Wirtes. Er stutzte — jener gleichfalls. Sie kamen sich Beide bekannt vor — einige Sekunden des Besinnens — jetzt wußten sie's, Jeder vom Andern, wer sie waren. Leuthold mußte sich an Gretchen halten, um nicht zu straucheln: es war der Oberkellner aus seines Schwiegervaters Gasthaus, der Mann Berthas!
Sie wechselten einen kurzen, feindlichen Gruß. Dann rief der Oberkellner in dem unbefangensten Tone: „Louis, führen Sie Herrn Doktor Gleißert mit Fräulein Tochter auf Nummer zwei- und dreiundvierzig.“
Es kam Leuthold vor, als lächelte der Angerufene bei Nennung seines Namens, als tausche er einen bedeutsamen Blick mit dem Vorgesetzten. Doch war dies wohl nur eine Vorspiegelung seiner geängstigten Phantasie. Er überlegte, ob es nicht besser sei, in ein anderes Hotel zu gehen. Doch mußte das wie eine Flucht ausgelegt werden, und erkannt war er ja doch schon; wenn ihn der Oberkellner verfolgen wollte, wußte er ihn in jeder Herberge Hamburgs zu finden.
Der Gefürchtete zog sich mit einer höhnischen Verbeugung zurück und Leuthold stieg hinter dem Führer vier Treppen hinan. „Haben Sie denn kein Zimmer im unteren Stocke?“ fragte er.
„Bedaure sehr,“ sagte der Gefragte lächelnd, „ist Alles besetzt! Sie haben ja da oben eine weit schönere Aussicht über das Alsterbassin.“
Leuthold schwieg. Es war ihm, als sei er in eine Falle geraten. Mußte er auch in der großen Stadt gerade das Haus wählen, wo ihm der schlimmste Feind lebte! Wie war dieser Mensch hierher gekommen? 
Louis, der Zimmerkellner, öffnete ein elegantes Gemach mit der Aussicht auf das Bassin, und Gretchen konnte einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken, als sie von solcher Höhe herab die ganze Herrlichkeit mit einem Blick überschaute. Sie meinte geradezu, sie sei im Himmel. Louis zündete die Kerzen an und harrte weiterer Befehle.“
„Seit wann ist Herr Meyer Oberkellner bei Ihnen?“ fragte Leuthold nebenbei.
„Seit einem Jahre etwa,“ erklärte Louis, die Serviette durch die Hände ziehend. „Er ist mit dem Besitzer dieses Hauses verwandt und nachdem derselbe seinen einzigen Sohn verlor, ließ er Herrn Meyer kommen, damit das Geschäft doch nicht in fremde Hände falle.
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„So — da wird also Herr Meyer einmal sein Nachfolger?“
„Zu dienen, ja wohl!“
Leuthold ging auf dem weichen Teppich hin und wieder.
„Speisen die Herrschaften zu Abend?“
„Ja!“
„Wollen Sie sich in den Speisesaal bemühen?“
„Ich möchte die vier Treppen nicht noch einmal steigen. Servieren Sie gefälligst hier oben.“
„Sehr wohl — ich werde sogleich die Karte bringen.“
„Eh — hören Sie —“
„Befehlen?“
„Bringen Sie mir doch auch ein paar Zeitungen mit herauf — wollen Sie?“
„Sehr wohl!“
Als Louis die Tür hinter sich geschlossen, wandte sich Gretchen, die bisher mit gefalteten Händen am Fenster gestanden, zu Leuthold um. „Vater,“ sagte sie, „ich bin wie berauscht von Allem, was ich sehe. So glücklich war ich in meinem Leben noch nie. Aber in aller Zerstreuung und Freude vergesse ich doch keinen Augenblick, wem ich es zu danken habe.“ Und sie kniete auf den Teppich nieder und legte das Köpfchen auf Leutholds Knie, der sich mittlerweile erschöpft in einen Stuhl geworfen. „Ach, Vater, ist es denn Dir nur auch so leicht und frei hier oben in der reinen, herrlichen Luft mit dem Ausblick über das weite, leuchtende Wasser hin?“
„O ja, mein süßes Kind!“ erwiderte Leuthold aus tödlich beklommener Brust.
Gretchen sprang wieder auf und tat ein paar tiefe Atemzüge. „Ach,“ rief sie ans Fenster zurücktretend, „mir ist, als sei ich bisher durstig gewesen, zum Verschmachten durstig, und tränke jetzt mit vollen Zügen Labung aus dem Anblick dieser wogenden Flut — Ah!“ Sie lehnte die schöne Stirn an das Fensterkreuz und sog sehnsüchtig den frischen Hauch ein, der von der Alster herüberwehte. „Wie glücklich sind die Menschen, die zwei Elemente zur Heimat haben,“ fuhr sie fort: „Land und Wasser! Wir armen Landratten kleben immer nur an der Erde. Ach — wer alle vier Elemente bewohnen dürfte, wer bald auf der Erde schaffen und wirken oder in die Lüfte sich schwingen, bald auf kühlen Wellen dahin träumen oder in Feuersglut auflodern könnte — der wäre beneidenswert.“
„Also Mensch, Fisch, Vogel und Salamander in Person möchtest Du sein?“ lächelte Leuthold, erstaunt über des Mädchens leidenschaftlichen Ausdruck. „Nun, nun, wenn man in das sechszehnte Jahr geht, hat man schon solche Gelüste — wer aber so bejahrt ist wie Dein alter Vater, der dankt dem Himmel, wenn er auf Erden anständig durchkommt.“
„Mein alter Vater,“ lachte Gretchen und eilte zu ihm hin. „O, Du schöner Papa, wie magst Du Dich nur einen Greis nennen? Komm nur, komm mit nur an das Fenster, der Anblick da draußen wird Dich gleich um zwanzig Jahre verjüngen.“ Sie zog ihn mit sich. „Es ist ganz eigen, weißt Du — ich meine, die Schönheit, wie und wo sie sich uns offenbare, müsse alte Leute jünger und junge älter machen. Der Jugend ist sie eine Erfahrung, und Erfahrung reift — dem Alter ist sie eine Erinnerung, denn es hat sie immer irgendwo schon einmal gesehen, und es kehrt zurück zu der Empfindung, mit der es sie zuerst genoß. Solch eine Erinnerung nimmt gewiß Jahrzehnte von der Seele!“
Leuthold sah Gretchen mit unverhehltem Erstaunen an — „Kind, wo hast Du diese Weisheit her?“
„Ei nun — wohl aus den guten Büchern, die ich las,“ sagte Gretchen bescheiden, „da bleibt einem etwas hängen!“
„Gesegnet sei der Tag, der Dich mir schenkte, Du bist mein ganzer Reichtum.“
„Vater — “ rief Gretchen und sank mit unaussprechlicher Innigkeit an seine Brust.
Da klopfte es an die Tür und der Kellner trat ein mit Speisekarte und Zeitungen.
„Sie verzeihen, es hat etwas lange gedauert — ich mußte erst die heutigen Blätter bei Madame suchen.“
„Es tut nichts,“ sagte Leuthold fast heiter, denn das Gespräch mit seiner Tochter hatte ihm wohlgetan. —
Er bestellte ein kleines Souper und als der Kellner sich wieder entfernt hatte, setzte er sich auf das Sofa und begann zu lesen.
Gretchen hatte nach Mädchenart eine Handarbeit mitgenommen, denn sie war noch in dem Alter, wo sich jedes Gefühl zunächst in Sticken und Häckeln für den geliebten Gegenstand kund gibt. So nähte sie mit rührendem Eifer an einer Brieftasche für den Papa, während er las. Sie schaute nur dann und wann zum Fenster hin, wie um sich zu überzeugen, ob auch alle die Herrlichkeit noch da draußen sei.
Plötzlich erschreckte sie ein dumpfer Seufzer ihres Vaters, und als sie aufblickte, sah sie ihn todesblaß auf die seinen Händen entfallene Zeitung starren, dann sprang er auf und schritt in stummer Verzweiflung im Zimmer auf und nieder.
„Was ist Dir, Vater, lieber Vater, was hast Du?“ fragte Gretchen ängstlich, da aber keine Erklärung erfolgte, suchte sie dieselbe in dem vor ihr liegenden Blatt, das die Aufregung Leutholds jedenfalls hervorgerufen hatte. Sie las unbemerkt von ihm, der unter dem Fenster Atem schöpfte — sie las, als sei es in einer fremden, unverständlichen Sprache gedruckt, die sie erst mit ihrem Herzblut entziffern müsse. Es war ein telegraphisches Fahndungsausschreiben des Amtsgerichts N**: „Der vormalige Professor Leuthold Gleißert aus Pr. ist angeschuldigt, mittelst Fälschung einer öffentlichen Urkunde das Vermögen seiner Mündel Ernestine v. Hartwich in Hochstellen im ungefähren Betrage von neunzigtausend Talern sich widerrechtlich zugeeignet und im eigenen Nutzen verwendet, auch einen Briefdiebstahl begangen zu haben. Wir bitten, auf denselben zu fahnden und ihn an uns abzuliefern.“ Das Signalement war beigefügt, aber Gretchen hatte genug gelesen. „Vater,“ schrie sie, „Vater, — Vater!“
Und als habe sie in den drei Worten Alles gesagt, was zu sagen war, stürzte sie verstummt auf das Antlitz nieder, wie wenn sie es für immer in die Erde verbergen wolle.
Da stand nun der Verbrecher und mußte es mit Augen sehen, „wie der Schutt seiner zertrümmerten Existenz sein Kind mit zerschmetterte.“ Er wagte es nicht, den heiligen Leib zu berühren, der in Todesweh vor ihm hingestreckt lag. — Er sah fast wahnsinnig auf sie nieder. Gott hatte den Unempfindlichen an der einzigen Stelle gefaßt, wo er noch menschlich fühlte; seine Strafe lag in dem Leiden seines Kindes, das er mitansehen mußte, ohne es lindern zu können.
Da hob Gretchen plötzlich den Kopf und sah ihn mit jenem Blick des inneren Gerichts, den er stets nur schwer, heute gar nicht aushalten konnte: „Es ist nicht wahr — es kann nicht sein! Vater — Du bist unschuldig — Du kannst das nicht getan haben?“
„Um aller Barmherzigkeit willen, Gretchen, sprich nicht so laut,“ bat Leuthold.
„Du zitterst, Du vermeidest meinen Blick? Vater, wenn Du das auf Deine Seele geladen hättest — ich könnte nicht Dein Richter — aber ich würde Dein Gewissen sein. Keine Stunde ließe ich Dich froh werden, nicht schlafen ließ’ ich Dich, bis Du zurückgegeben hättest, was nicht Dein ist. Hungers sterben würde ich vor Deinen Augen, ehe ich einen Bissen Brot genösse, der nicht ehrlich erworben ist. — Doch, was rede ich da — ich bin von Sinnen! Es ist ja nicht möglich, nicht möglich! So hilf mir doch mit einem einzigen Wort aus diesem Drangsal. Meine Seele ist in Nacht gehüllt, wirf nur einen Schimmer des Lichtes hinein.“ Sie umschlang inbrünstig seine Knie: „Vater, schwöre mir, daß Du unschuldig bist —“
„Mein Kind — “
Sie unterbrach ihn: „Nein, keinen Schwur, keine Beteuerung — zwischen uns bedarf es dessen nicht, nur einfach — Ja oder Nein — und ich glaube Dir! — Sieh mich an, Vater— o, nur einen Blick! Sprich auch nicht, sag nicht einmal Ja oder Nein — laß mich Dir nur in die Augen sehen und jeder Zweifel wird schwinden.“
„Gretchen!“ flüsterte Leuthold und suchte sich loszumachen — „Gretchen, höre mich!“
„Nein, Vater, nein — ich lasse Dich nicht. Ich will keine Erklärung, keine Rechenschaft. Hast Du das Verbrechen begangen, dann hilft kein Beschönigen — ich will nichts wissen, nichts hören, als: ob Du es getan — oder nicht?“ Sie suchte in kindlicher Angst sein Auge, sie ließ seine Knie los, um seine Hände zu fassen und küssen, ein Strom von Tränen erleichterte ihr Herz. „Ach, vergib, vergib, daß ich so zu Dir zu sprechen wage, ein Kind zu seinem Vater. Nein, nein — es ist Frevel, daß ein so furchtbarer Argwohn in mein Herz kommen konnte. O mein Gott, wie klein bin ich, wie unwürdig Deiner Liebe. Eine Anklage böser Menschen vermag es, mich irre zu machen an Dir und ich wage es noch, Dich zu fragen — ob Du unschuldig bist? Verzeih — Du gütiger, langmütiger Vater, sieh, ich frage nicht mehr, will Dir nicht mehr forschend in die Augen schauen, nur die Berührung Deiner Hand, dieser treuen, schützenden Vaterhand hat hingereicht, mir das Vertrauen wiederzugeben, mich zurückzuführen in die Schranken meiner Kindespflicht!“ Und sie legte ihr tränenfeuchtes Gesicht in seine Hände mit einer Demut, die ihn tiefer ergriff als die schwerste Anklage.
„Nun ist’s aber genug!“ erscholl plötzlich hinter ihnen eine Stimme, die Leuthold das Blut in den Adern gerinnen ließ: „Ich will Dich Deine Kindespflicht lehren!“ Und aus der Tür des Nebenzimmers trat eine plumpe Frauengestalt und schritt entschlossen auf die Gruppe zu.
„Jesus — die Mutter?“ schrie Gretchen und wich unwillkürlich vor ihr zurück.
„Gretel,“ sagte die Frau, „vor Deiner Mutter schrickst Du zurück und vor dem Bösewicht da liegst Du auf den Knien?“
Leuthold trat zwischen sie und das Kind: „Bertha,“ sagte er, „ich dächte, ich wäre genug gestraft — Du bedürftest nicht auch noch der Rache, mir das Herz meines Kindes zu entreißen, ein Herz, nach dem Dich selbst nie verlangte und das Du nie gewinnen wirst. Wenn noch ein Rest von Muttergefühl in Dir ist — so schone — nicht mich — sondern diesen reinen Engel! Zerstöre nicht das höchste Gut einer jungen Seele, den Glauben an ihren Erzeuger. Bertha, Bertha, Du tust der Tochter Schlimmeres als dem Vater — höre Dein Mutterherz, das doch beim An­blick dieser holden Blüte höher pochen muß und er­spare mir einen Streich, der sie vernichten würde.“
Frau Bertha schlug die Arme übereinander und sah den Flehenden mit maßlosem Hohn an: „So — also jetzt legst Du Dich aufs Bitten, jetzt bin ich wohl nicht mehr roh — bösartig und gemein und eine Bestie wie damals, da Du mich forttriebst, weil ich Dich bei Deiner Erbschleicherei zu ungeschickt gezeigt?“
„Bertha!“ rief Leuthold und deutete auf Gretchen, die mit steigender Angst von einem zum andern blickte — ein Bild des tiefsten Jammers. 
„Ja, ja, sie soll’s nur hören, sie soll ihren lieben Papa nur kennen lernen, soll’s nur erfahren, daß Du das Verbrechen begingst, von dem in der Zeitung steht. Warum solltest Du denn das nicht getan haben, während Du Ernestine schon als Kind um ihr Eigentum betrogst, da Du Dir’s vom alten Hartwich verschreiben ließest? Du bist zu Allem fähig — das sage ich, Deine Frau, die Jahre an Deiner Seite verlebte! Und Dein Kind soll Dich verfluchen, statt an Dir zu hängen wie an seinem Herrgott. Nicht wahr, das wäre so ein Geschäftchen, solch schönes Mädel mit nach Amerika zu nehmen und dort zu verschachern?“
Das Mädchen stieß einen lauten Schrei aus bei diesen Worten.
Bertha fuhr unaufhaltsam fort: „Weil ich Muttergefühl genug habe, um meinem Kind das Beste zu wünschen, deshalb schiebe ich Dir einen Riegel vor, Du sollst das arme Ding nicht in Dein verruchtes Leben mit hineinziehen, so lange ich lebe, nicht!!“ 
„Bertha,“ schrie Leuthold alle Vorsicht vergessend, „schweig — oder es gibt ein Unglück.“
„Was denn für eines? Willst Du mich vielleicht wieder erwürgen wie damals, als Hartwich sein Ver­mögen der Ernestine vermachte statt Dir? Versuch’s mir, mich zu berühren, unten im Korridor stehen schon die Polizeidiener, die mein Mann für Dich bestellt, weil er fürchtet, unsere Kellner konnten den feinen Herrn nicht gut genug bedienen.“
„Heiliger Gott,“ stöhnte Gretchen und taumelte, wie von einem tödlichen Schlage getroffen.
„Das hättest Du getan — so tief wärst Du in Deiner elenden Rachgier gesunken?“ sagte Leuthold noch ungläubig,
,,Ich tat’s nicht, sondern mein Mann, der Dich von jeher auf dem Strich hatte, weil ich ihm, um Dich zu heiraten, untreu geworden war. Diesen Morgen kam ein Herr hier an, der mit dem Polizei-Kommissar in allen Hotels Nachforschungen hielt und den Auftrag gab, sowie Du Dich zeigtest, es ihm zu melden. Den hat mein Mann rufen lassen und zu mehrerer Sicherheit auch den Gerichtsdiener. — Ich wollte nur noch vorher mit dem armen betrogenen Gretel sprechen und es unter meinen Schutz nehmen, wenn ihm nun der Vater weggeholt wird.“ Sie näherte sich dem Mädchen, doch dieses floh wie ein aufgescheuchtes Wild in die entfernteste Ecke des Zimmers. 
„Lassen Sie mich,“ rief es an allen Gliedern zitternd. „Berühren Sie mich nicht, Ihnen bleibt nichts mehr für mich zu tun, als mich zu töten, um die Qual zu enden, die Sie mir bereitet.“
Sie brach in ein herzzerreißendes Schluchzen aus. Niemand sah, daß die Tür sich leise öffnete und ein junger Mann auf der Schwelle erschien, der mit tiefem Mitleid auf das unglückliche Mädchen blickte.
„Mein Kind,“ sagte Leuthold schüchtern zu ihr tretend. „Mein Kind, darf Dein unwürdiger Vater noch ein Wort zu Deinem Herzen sprechen?“
„Sprich nichts mehr, Vater, wozu soll es helfen? Ich kann ja nicht mehr an Dich glauben, kann Dich nicht retten, mit meinem Herzblut nicht Deine Schuld abwaschen, wie gerne ich’s täte — ich kann nichts mehr als Dich beweinen!“ 
„Verzeihen Sie, wenn ein Unbekannter in das Heiligtum solchen Schmerzes eindringt,“ sprach jetzt der Fremde mit weicher, von Erschütterung gedämpfter Stimme: „Der Augenblick treibt mich unbarmherzig weiter und läßt mich als Feind erscheinen, wo ich als Freund helfen, trösten möchte.“ Er wandte sich an Bertha — „Dürfte ich Sie wohl bitten, uns einige Minuten allein zu lassen?“
Sie ging murrend hinaus.
„Herr Gleißert,“ sprach er weiter, „mein Name ist Hilsborn. Erschrecken Sie nicht! Ich komme nicht als Rächer meines verstorbenen Vaters, der friedlich verklärte Geist des geliebten Toten fordert keine Sühne mehr, er hatte Ihnen noch bei seinem Leben verziehen. Ich komme nur im Auftrage meines Kollegen Möllner, der an das Lager Ihrer schwerkranken Nichte gefesselt ist, um an seiner Stelle hier die Sache Fräulein Ernestinens zu vertreten. Durch Frau Willmers erfuhren wir, daß Sie bereits einige Tage früher Ihre Effekten poste restante nach Hamburg geschickt hatten, daß Sie also Ihren Weg dahin nehmen mußten, wenn Sie Ihr Besitztum nicht im Stiche lassen wollten. Möllner forderte mich auf, Ihnen unverzüglich zu folgen und ich erklärte mich ohne Bedenken, aber auch ohne jede persönliche Rachsucht bereit, einem Freunde, dem ich viel verdanke, diesen Dienst zu leisten und Ihrer so schwer heimgesuchten Mündel zu ihrem Rechte zu verhelfen. Ich ahnte nicht, welch ein Opfer die Übernahme dieser Pflicht mich kosten würde: Denn die wenigen Minuten auf dieser Schwelle überzeugten mich, daß ich nicht nur gekommen bin, um Sie Ihrem Richter zu überliefern — sondern daß mir die furchtbare Aufgabe wurde, einer Tochter den Vater zu entreißen.“
„Sie beschämen mich, mein Herr, durch eine so rücksichtsvolle Sprache in einem Augenblick, wo minder edle Naturen sich jede Rohheit gegen mich erlauben zu dürfen meinen. Ich danke Ihnen dafür umso mehr, als Sie vor Allen Grund hätten, mich zu hassen. Daß Sie auch Sinn haben für die menschliche Seite dieser traurigen Sache, beruhigt mich über das Schicksal meines unglücklichen Kindes, ich darf hoffen, daß Sie sich seiner ritterlich annehmen werden.“
„Verlassen Sie sich darauf!“ beteuerte Hilsborn. 
„Und ich darf auch von Dir hoffen, mein Kind, daß Du den Schutz dieses edlen Mannes nicht verschmähst — er hat sich nichts gegen Deinen Vater vorzuwerfen, wenn er sich auch in seinem natürlichen Gerechtigkeitsgefühl zum Werkzeug der Hand hergab, die mich verfolgt. — Sie haben vermutlich für meine sofortige Verhaftung gesorgt?“
„Ja, Herr Gleißert,“ sagte Hilsborn leise, „der Oberkellner des Hotels unterstützte mich darin.“
„Nun so will ich keinen unnützen Aufenthalt veranlassen. Ich gehe der Untersuchung mit ruhigem Bewußtsein entgegen.“
Hilsborn legte sanft seine Hand auf Leutholds Arm: „Herr Gleißert, wollen Sie einen wohlgemeinten Rat nicht verschmähen?“ sprach er flüsternd, damit ihn Gretchen nicht verstehe, die unter Fieberschauern jedem Worte lauschte.
„Nun?“ fragte Leuthold.
„Versuchen Sie, es nicht mehr zu leugnen.  Sie würden Ihre Sache nur verschlimmern — die Beweise Ihrer Schuld sind vorhanden.“
„Wie so?“ fragte Leuthold ruhig, denn er war sich bewußt, jedes Blatt Papier, das ihn verraten konnte, vernichtet zu haben.
„Am Abend Ihrer Flucht traf ein Brief von dem ehemaligen Kammermädchen Ernestinens ein, welches mit Ihnen die italienische Reise machte und schleunige Übersendung des Jahrgeldes fordert, um das sie schon mehrmals vergebens geschrieben. Sie wirft Ihnen vor, was sie für Sie, Herr Gleißert, getan, wie sie sich Nächte hindurch im Nachschreiben von Ernestinens Hand geübt habe, bis sie soweit gewesen sei, um Ernestinens Namen vor dem Notar mit vollkommener Ähnlichkeit zu unterzeichnen. Kurz, der Brief enthüllte genügend, daß Sie auch den italienischen Notar täuschten, daß Sie die Person sowie die Schrift Ernestinens durch diese Kammerfrau nachahmen ließen, um die Urkunde aufzusetzen, derzufolge die Obervormundschaft das Vermögen des Fräuleins ausbezahlen mußte.“
Leuthold stand leichenblaß und stumm vor dem jungen Manne. Hilsborn sah, daß etwas Furchtbares in ihm vorgehen mußte.
„Ich sage Ihnen das nicht, um Sie zu beschämen oder Ihre Angst zu erhöhen, ich will Sie nur warnen,“ fuhr er fort, „damit Sie nicht durch ein falsches Verteidigungssystem Zeit verlieren und vielleicht auch doch die Teilnahme der Geschworenen verscherzen, die nie fehlt, wo ein Mann von Ihrer Bildung ein reumütiges Bekenntnis ablegt.“
Um Leutholds Lippen zuckte es seltsam bei diesen wohlgemeinten Worten: „Hat man etwa Schritte getan, sich der Person des Kammermädchens zu versichern?“ fragte er in einem Tone, als wolle er fragen, „Wie lange lebe ich noch?“
„Professor Möllner hat sogleich auf Fahndung angetragen und kurz vor meiner Abreise kam von O…, dem jetzigen Wohnorte des Mädchens, die telegraphische Anzeige von dessen Verhaftung. Auch an den Notar wird eine Zeugenvorladung ergehen. Seien Sie sicher, daß, wie Ihre Verfolgung nach allen Seiten mit größter Vorsicht eingeleitet worden ist, auch keine Maßregel versäumt werden wird, die Ihre Überweisung herbeiführen kann. Glauben Sie mir: Alles, was Ihnen bleibt, um Ihre Tage zu verbessern, ist, das Mitleid der Geschworenen zu gewinnen.“ 
„Ich danke Ihnen!“ sagte Leuthold.
Gretchen hielt sich krampfhaft am Fensterkreuz. Sie hatte mehr verstanden, als Hilsborn wollte. — Da unten rauschte noch die Alster, funkelten die Lichter und in die fürchterliche Stille, die jetzt eingetreten war, tönten noch die Walzermelodien vom Pavillon herüber. War es denn möglich, daß da draußen Alles war wie vorher, und sie hatte doch ein Gefühl, als sei die Welt in Stücke gegangen?
Wieder öffnete sich die Tür und mehrere Gestalten wurden sichtbar. Gretchen verschwamm alles vor den Augen, ihr Herz pochte, als wäre jeder Schlag ein Todesstreich. Ein Kommissar trat ein. „Sie verzeihen,“ sagte er zu Hilsborn, „ich kann nicht länger warten.“
Leuthold blickte durch die Tür. Zwei Gerichtsdiener waren draußen. Auch der Oberkellner und Bertha. Aber was war das? Immer mehr Gestalten tauchten auf in dem hellerleuchteten Vorplatze — es waren die Gäste des Hotels, neugierig, die Verhaftung zu sehen. Durch alle diese gaffenden, lachenden Menschen sollte er hindurch geführt werden? Er, der sein ganzes Leben lang bei allen Verbrechen doch immer den Schein bewahrt hatte — er sollte jetzt im eigentlichen Sinne des Wortes an den Pranger gestellt werden, wie ein Dieb von Polizeidienern geführt den hellen Korridor entlang die Treppen hinabschreiten? Und unten harrte seiner natürlich auch schon eine schaulustige Menge. Und wenn er in N** ankam, wieder eine — er sollte nun keinen andern Weg mehr gehen, als durch Reihen neugieriger Gesichter, von Verhör zu Verhör, von Schande zu Schande geschleppt werden — er, der immer für einen anständigen Mann gegolten, — bis er endlich in die Zwangsjacke des Zuchthauses oder eines Irrenhauses hineingequält war? Er überlegte nicht mehr, er wandte sich ein wenig um, nur ein wenig. Er zog ein kleines Pulver aus der Tasche — er brauchte nur einen Augenblick, Niemand bemerkte es. Was war es weiter? Es war ja so leicht, ein Pulver zu nehmen — viel leichter, als da hinaus in den hellen Korridor unter die murmelnden, wartenden Menschen zu treten und von da weiter bis in den Gerichtssaal, bis zur Strafarbeit! Noch eine Sekunde — das Pulver war geschluckt. — Es war sehr bitter, er mußte ein Glas Wasser trinken, um den entsetzlichen Geschmack von der Zunge zu bringen. Als dies geschehen, trat er zu Gretchen, die mit verhülltem Gesicht auf den Knien lag: „Gretchen,“ sagte er dumpf — „vergib Deinem unglücklichen Vater!“
„Vater? Allmächtiger Gott, ich habe keinen Vater mehr!“ brach es aus dem gemarterten Kinde hervor.
Leuthold sah sie an mit brechendem Blick. „Ich bin — gerichtet!“ war Alles, was er sagen konnte.
Dann wandte er sich an die Polizeibeamten: „Meine Herren, in einem Augenblick wie dieser wird es wohl am Platze sein, daß ein Vater für die Zukunft seiner Hinterbliebenen sorgt. Ich bin kränklich und fühle mich als ein übernächtiger Mann! — Für den Fall meines Ablebens bestimme ich daher vor allen diesen Zeugen Herrn Professor Hilsborn zum Vormund meiner Tochter, da meine mich überlebende Gattin sich in jeder Beziehung unwürdig gemacht hat,
die Vormünderin dieses Kindes zu sein. Schon die Tatsache, daß sie dasselbe in den ersten Jahren seines Lebens verließ, ohne sich je wieder darum zu kümmern, wird Ihnen beweisen, daß ich die Wahrheit sage. Ich bitte Sie, meine Herren, diesem meinem letzten Willen Geltung zu verschaffen, wenn die Stunde kommen sollte.— Sie Alle werden mir bestätigen, daß ich bei vollem Bewußtsein war, da ich ihn aussprach.“
Die Anwesenden sahen ihn befremdet an. — Bertha wollte reden, doch der Oberkellner hielt sie zurück. Der Kommissar sagte kalt, aber höflich: „Ihre Anordnungen werden im betreffenden Falle berücksichtigt werden. Verlassen Sie sich darauf.“
„Sie haben nichts dagegen einzuwenden?“ fragte Leuthold Hilsborn.
„Ihr Wunsch soll mir heilig sein!“ beteuerte dieser.
„Und nun, mein Herr, bitte ich Sie um eine große Gunst,“ flüsterte Leuthold dem Kommissar ins Ohr: „Gönnen Sie mir noch eine halbe Stunde Frist!“
„Ich bedaure — ich habe mich schon zu lange versäumt.“
„Mein Herr, aus Barmherzigkeit — eine halbe — eine Viertelstunde,“ flehte Leuthold. Das Gift, begann zu wirken. Die Knie schlotterten ihm, die grauen Augen traten ihm gläsern aus den Höhlen, seine Züge wurden immer starrer.
„Nicht eine Minute mehr!“ sagte ungeduldig der Beamte und winkte den Polizisten einzutreten.
„Aus Erbarmen —“ raunte der Gefolterte Hilsborn zu: „Ich habe Gift — sind Sie ein Mensch, so machen Sie, daß man mich hier — bei meinem Kinde sterben läßt.“
„Heiliger Gott,“ fuhr Hilsborn entsetzt auf. „Da muß Hilfe —“
Leuthold drückte ihm den Arm und grinste ihn mit dem Lächeln des Todes an: „Strychnin — mein Freund!“
Hilsborn war wie vom Donner gerührt. „Herr Kommissar — ich vereine meine Bitten mit denen des Herrn Gleißert —“ sagte er. „Gestatten Sie ihm, nur so lange hier zu bleiben, bis ich mit Ihrem Vorgesetzten gesprochen habe.“
„Wenn der Herr unschuldig verhaftet ist, wird er auch aus dem Gefängnis entlassen. Das geht mich dann nichts an. Ich habe einfach meine Instruktion zu befolgen!“
Hilsborn flüsterte dem Beamten etwas ins Ohr. 
Dieser zuckte die Achseln. „Das könnte Jeder sagen. Übrigens werde ich im Vorbeifahren gleich den Gerichtsarzt mitnehmen, damit nichts versäumt wird. Das geht wenigstens nicht gegen meine Instruktion. Also vorwärts!“ Die Polizeidiener traten heran.
Hilsborn flüsterte Leuthold zu: „Ich eile voraus und suche mir Gegengift zu verschaffen. Ich hoffe, Sie werden es nehmen aus Liebe zu Ihrem Kind! Gott möge sich Ihrer erbarmen!“
Leuthold wollte erwidern. Ein Kieferkrampf verhinderte ihn daran.
Hilsborn sah, daß das Gift sich bereits dem Blute mitgeteilt und alle Hilfe zu spät käme. Dennoch wollte er nicht zögern, seine Pflicht zu tun. Im Vorbeischreiten berührte er Gretchens Schulter: „Mein Fräulein! Ihr Herr Vater geht — gönnen Sie ihm noch ein Wort!“
Gretchen fuhr auf wie aus einer Betäubung, sie sah sich um, sah Leuthold zwischen den Häschern: „Vater,“ schrie sie und stürzte auf ihn zu. Sie umschlang ihn mit beiden Armen, drückte ihre Lippen auf seinen bläulichen Mund, auf seine Brust. „Vater!“ rang sich’s wieder aus ihrem brechenden Herzen hervor, daß der Schrei den Umstehenden durch Mark und Bein drang und Bertha hinwegeilte, um ihn nicht mehr hören zu müssen.
„Vater,“ schluchzte Gretchen. „Ich nehme mein Wort zurück — ich hätte keinen Vater mehr — ich fühl’s in diesem Augenblick, wo ich Dich verlieren soll, daß ich nie von Dir lassen kann!“
Leuthold wand sich im furchtbarsten Schmerz in Gretchens Umarmung. Aber noch einmal kehrte ihm die Sprache zurück: „Mein Kind,“ stöhnte er mit erlahmender Zunge: „Wenn es einen Gott gibt, so segne er Dich. Und hörst Du, daß Dein Vater sich das Leben genommen, so denke nur: „Vermögen, Freiheit und Ehre konnte er nicht mehr retten, aber er hat wenigstens durch diese Tat — den Anstand gewährt.“
Gretchen starrte ihn sprachlos an — sie wollte reden, sie brachte keinen Laut mehr hervor. Sie fühlte nur noch, daß man sie von rückwärts umfaßte und wegbringen wollte, sie klammerte sich mit aller Kraft an den Vater an. Man riß ihre Arme von ihm los, ihre Hand hielt noch ein Stück von seinem Rock noch, es wurde den geschlossenen Fingern entwunden. Jetzt wurde sie mit Gewalt zurückgezogen, sie hörte sich entfernende Schritte vieler Menschen — eine Tür fiel zu. — Jetzt wurde es still um sie her — und still in ihr — sie wußte nichts mehr von sich. — Aber nur wenige Minuten lag sie so in wohltätiger Betäubung, da brachte sie ein neues Geräusch zum Bewußtsein. Was war das, kamen die Schritte wieder? Ja, sie nahten sich langsam ihrem Zimmer. Welch seltsames Gemurmel begleitete sie? Sie hob zwischen Furcht und Hoffnung den müden Kopf.
Die Tür ward aufgemacht, weit, so weit es ging. Zwei Männer traten rückwärts gehend herein — träumte sie oder war sie wahnsinnig? Sie schleppten einen schweren Körper, zwei andere folgten, die Füße der starren Gestalt tragend, eine Menge Menschen drangen nach — so brachten sie ihr den Vater wieder! — Sie legten ihn auf das Bett nieder. — Gretchen stürzte sich wimmernd über ihn hin, er wehrte sie mit einer konvulsivischen Bewegung von sich ab, denn es ist eine der grausamen Wirkungen des Strychnin, daß der Vergiftete keine Berührung mehr erträgt. So wurden in seinem letzten Augenblick die Arme der Tochter glühende Zangen für ihn — und er verschmachtete nach einem Kuß der süßen Lippen, deren leisen Druck er doch nicht mehr aushielt. — Er wollte noch etwas sagen, aber er brachte die Kiefer nicht mehr auseinander. Der Kopf bog sich zurück, der Leib bäumte sich auf wie im Bogen, man mußte ihn halten, damit es ihn nicht aus dem Bette schleuderte. Endlich trat Erschlaffung ein. Man glaubte, er habe es überstanden. Doch der Anfall kehrte wieder. Schwere Erstickungskrämpfe zogen ihm allmählich den Hals zu, er wurde gleichsam erwürgt von den eigenen Muskeln. Die zähe Natur wehrte sich furchtbar. Dreimal schien er den letzten Seufzer verhaucht zu haben — dreimal wachte er wieder auf, um von Neuem zu sterben. Endlich reckte der Tod die zuckenden Glieder.
Er hatte geendet als ein — „anständiger Mann!“
Aber der einzige Richter, den er auf Erden über sich erkannt: sein Kind, lag vernichtet zu seinen Füßen und büßte die Schuld des Gerichteten.

Zweites Kapitel
Die Waise.
Der Tag spiegelte sich bereits lachend in dem Alsterbassin. Lautes, munteres Leben regte sich auf den Straßen. Das Plappern und Lärmen der Kinder, die zur Schule gingen, der eintönige Schrei der Bierhändler, die ihre Ware ausriefen, das Gerassel schwerer Wagen tönte schon herauf in das stille Zimmer, wo Leuthold gestorben war — und noch lag Gretchen vor seinem Bette auf den Knien und einzelne, regelmäßig wiederkehrende Tränenstöße zeigten, daß die lange Nacht nicht hingereicht hatte, die Tränen zu erschöpfen, die in der Tiefe ihres Herzens angesammelt waren. Ihr Kopf lag auf dem Bettrand, ihre Arme waren über die leere Matratze hingestreckt, denn der Wirt hatte darauf bestanden, daß die Leiche noch in der Nacht aus dem Hause geschafft werde. Gretchen war aber dennoch nicht von dem verödeten Lager wegzubringen gewesen. Da sie der entseelten Hülle des Vaters nicht hatte folgen dürfen, wollte sie ihr Haupt nirgend betten, als an der Stätte seines Todes. Jede Annäherung der Mutter hatte sie zurückgewiesen. Als alle die fürchterlichen Maßregeln, welche die Polizei in solchen Fällen trifft, vorüber waren und die Tür sich hinter den Trägern geschlossen hatte, die den Vater in das Leichenhaus abgeholt, schob sie den Riegel vor und dankte Gott, daß sie allein war mit ihrem Elend — allein bei des Vaters Sterbebett.
Welch menschliches Auge vermochte in die Wandlungen eines jungen Herzens zu blicken, das von einem solchen Schmerz zerfleischt wird? Was da in der Seele vorgeht und wie das Wesen da mit seinem Schöpfer ringt, das ist das große Geheimnis, das fast Jeder weiß, aber Keiner verraten kann, denn was in Augenblicken der höchsten Not Gott mit uns spricht, das können wir nicht in menschlichen Worten wiedererzählen. Drum muß es Jeder erleben — und wer es erlebt hat, der nickt in wehmütigem Einverständnis dem Gefährten zu: „Ich weiß, wie’s ist,“ bevor Jener noch ein Wort gesprochen. Dann drücken sich die beiden Unglücklichen die Hand wie Mitglieder eines geheimen Bundes, sie wissen, was sie mit einander gemein haben und wissen, daß sie zusammengehören.
So war es mit Gretchen und Hilsborn, als dieser am Morgen durch sein leises Klopfen das Mädchen aus seinem Schluchzen aufstörte und von ihr eingelassen wurde. — Sie legte still die Hand in seine dargebotene Rechte und blickte ihm zuversichtlich in die blauen ernsten Augen.
„Sie waren nicht zu Bette, mein liebes Fräulein,“ sagte er. „Ich sehe es Ihnen an.“ 
„Wie hätte ich wohl ruhen können?“ sagte sie., „Ach, es war mir ja nicht einmal vergönnt, bei seiner Leiche zu bleiben. So wollte ich wenigstens hier für ihn wachen und beten, wo er den letzten Atemzug tat. Nie furchtbar, daß solch eine geliebte Hülle in dem öden Leichenhausfe liegen muß und kein treues Auge, so lange sie noch über der Erde ist, auf ihr weilen darf!109 Wenn er nun gar nicht tot gewesen, wenn noch einmal ein letzter Funke Leben erglommen wäre und es wäre Niemand dagewesen, um ihn sorglich zu neuer Flamme anzufachen? Er hätte vielleicht die Lider geöffnet, um sich in einem Leichenhause auf dem harten Schragen110 zu erblicken, und wäre dann erst in hilfloser Verzweiflung gestorben! O — dieser Gedanke könnte mich um den Verstand bringen.“
„Mein Fräulein,“ sagte Hilsborn bescheiden, „ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß Ihr Vater ruhig schläft. Ich habe für Sie getan, was Ihnen versagt war: Ich brachte die Nacht bei seiner Leiche zu.“
„Das hätten Sie getan für den Mann, den Sie so tief verachten müssen?“ rief Gretchen.
„Für Sie, mein liebes Fräulein, tat ich es. Weil ich mich in Ihre Seele hineindachte und wußte, es würde Ihnen ein Trost sein, wenn Ihnen heute Jemand die letzten Nachrichten von Ihrem Vater brächte.“
„O, mein Herr, wie soll ich Ihnen danken? Ich bin ein kindisches, unbedeutendes Ding — das keinen Lohn für Sie hat! Ich weiß nicht, was ich sagen soll, es möchte mir das Herz zersprengen und ich kann doch kein Wort dafür finden! Sie waren bei meinem Vater, ohne eine Aufforderung, ohne irgend eine Pflicht, aus reiner Menschlichkeit — um einer armen Waise eine Wohltat zu gewähren. Sie bringen mir seine letzten, stummen Grüße und die Versicherung, daß er friedlich schlummert! — O, mein Herr, ich — ich kann mich nicht aussprechen — Sie müssen es fühlen“ — sie konnte nicht weiter reden, ein neu aufquellender Strom von Tränen löschte all ihr Denken aus — sie ergriff seine Hand und ehe er wußte, wie ihm geschah, hatte sie einen inbrünstigen Kuß darauf gedrückt.
„Mein Fräulein!“ rief Hilsborn erschrocken und ein tiefes Rot ergoß sich über sein zartes, durchsichtiges Antlitz.
Gretchen ahnte nicht, daß sie etwas Ungehöriges begangen, wie sollte dieser in Schmerz getauchten Seele ein solcher Gedanke nahen? Auch Hilsborn fühlte das noch zu rechter Zeit, bevor er sie durch ein verlegenes Entziehen seiner Hand beschämen konnte. Es war ein zur Jungfrau erblühtes, aber immer noch ein Kind, das da vor ihm stand, und er empfand mit unbeschreiblichem Entzücken den Kuß des Unschuldvollsten Gefühls, das je ein Menschenherz bewegt.
„Sie lohnen mir weit reicher, als ich es ver­diene, mein liebes, liebes Fräulein,“ sagte er leise. „Es ist ja nicht so lange her, daß auch ich denselben Schmerz erfuhr — drum weiß ich, wie einem zu Mute ist in solcher Zeit. Ja, ich bin seit meiner edlen Eltern Tode nie wieder froh gewesen! Sehen Sie, das Leid gesellt sich gern dem Leide — und so sind Sie mir teurer in Ihrem Unglück als irgend eines der lachenden, lebenslustigen Mädchen meiner Kreis. Was ich für Sie tun darf, das tue ich von ganzem Herzen gern. Aber, mein teures Fräulein, ich möchte Sie doch bitten, sich nicht so sehr Ihrem Schmerz hinzugeben, um Ihrer selbst willen. Denken Sie nur immer — es ist ein trauriger, aber doch ein Trost: Es ist besser, daß er dahinging, bevor ihn die ganze Strafe seiner Fehler traf; denn seines Bleibens wäre nicht mehr gewesen, wo ehrliche Menschen sind. Was wäre dann aus Ihnen geworden? Nein, es ist besser so, glauben Sie mir!“
„Ach, mein Herr, Sie denken, mein Vater verdiene meine Tränen nicht? Ich weiß es ja, welch großer Missetäter er war, ich weiß, daß ein Jeder das Recht hat, ihn zu verdammen. Nur ich nicht! Ich, sein Kind, darf ihn nicht verurteilen. Sie glauben, ich solle weniger trauern, weil ich nicht so viel an ihm verlor, wie an einem edlen Vater? Ach, mein Herr, ist es denn weniger traurig, daß ich einen Vater, den ich so verehrt, nachdem ich ihn kaum wiedergefunden, als einen Verbrecher erkennen mußte, daß er so dahin ging in seinen Sünden, ohne das meinem Herzen eine Verheißung der Gnade Gottes für ihn ward? Möge er getan haben, was er wolle — ich muß ihn mir desto mehr beweinen, denn er ist und bleibt ja doch immer — mein Vater! Und einen gütigeren Vater gab es gewiß nie! Mögen Alle seinem Andenken fluchen — ich kann ihn nur beklagen. Wenn es wahr ist, was in der Schrift steht: <<Wie ihr getan, so soll euch vergolten werden,>> dann darf ich ihm mit nichts vergelten als mit Liebe, denn ich habe nichts als Liebe von ihm empfangen! — Verachten Sie mich nicht deshalb, ich fühle drum seine Schuld nicht minder, wenn ich ihn auch nicht minder lieben kann!“
Hilsborn sah mit stiller Bewunderung auf sie nieder: „Wie können Sie glauben, daß ich Sie um dieses heiligen Gefühls willen <<verachten>> würde. Sie sind mir um so mehr wert dadurch! Welch ein Schatz von echter, zarter Weiblichkeit ruht in Ihrer jungen Brust. O, wahrlich, wer solch eine Tochter besaß und sich ihrer Liebe nicht wert zu machen gewußt, der ist dreifach unselig! Ich will es nicht mehr versuchen, Sie zu trösten. Sie tragen eine Quelle höheren Trostes in sich, als der ist, welchen irdische Worte zu geben vermögen. Was kann ein Fremder, wie ich, Ihnen sagen oder sein? Nichts als ein Beschützer oder Ratgeber für Ihre nächste Zukunft, wenn Sie eines solchen bedürfen.“
„Ach, wenn Sie so gütig sein wollten, meine ersten Schritte auf einem mir ganz neuen Wege zu leiten, mein armer Vater würde Sie noch aus jener Welt dafür segnen.“
Sie schwieg erschrocken, denn die Tür öffnete sich rasch und weit und Bertha trat ein. Sie betrachtete Gretchen mit eben so viel Wohlgefallen als dieses die Mutter mit Abneigung. Ein widerlicher Küchengeruch ging von ihr aus. Jede Spur von Reiz war von den fleischigen Zügen gewichen. Bertha war eine von den Schönheiten gewesen, die sich nur eine kurze Reihe von Jahren erhalten und dann zur völligen Karikatur ausarten. Ihre frischen Farben waren in Dunkelrot übergegangen, ihr Mund war breit und unaussprechlich sinnlich geworden, die Unterlippe ließ sie trotzig hängen wie Jemand, der viel zu schelten und zu maulen gewöhnt ist. Ihre lebhaften, schwarzen Augen waren hinter die feisten Wangen zurückgetreten und sahen lüstern und dummpfiffig drein. Ein starkes Doppelkinn und eine feiste kugelförmige Gestalt vollendeten das ganze Bild abschreckendster Gemeinheit. So stand die Frau, die Kindespflichten in Anspruch nahm, vor der Tochter, deren Erziehung sie gerade das zu verabscheuen gelehrt, was ihr in dieser Mutter so kraß vor Augen trat: das Gemeine! Was war ihr diese Frau, von der sie wohl gehört hatte, sie sei ihre Mutter, ohne es je empfunden zu haben? Sie konnte sich kaum in ihr drittes Jahr zurückbesinnen, sie konnte keinen abgerissenen Faden in ihrem Herzen entdecken, der sich an diese fremde Erscheinung wiederanknüpfen ließ, es bestand keinerlei Zusammenhang zwischen ihr und der abtrünnigen Gattin ihres Vaters. Und während sie so mit Angst und Widerwillen auf Bertha blickte, folgte dieser auch noch der Mann, den das unglückliche Mädchen von nun an „Vater“ nennen sollte, der zweite Gemahl des treulosen Weibes.
Gretchen trat unwillkürlich einen Schritt näher zu Hilsborn, als suche sie bei ihm Schutz vor diesen Beiden.
„Na,“ begann Bertha, „wenn das Fräulein für junge Herren zu sprechen ist, wird sie es wohl auch für Vater und Mutter sein ...“
„Verzeihen Sie,“ sagte Gretchen sanft, aber mit edler Bestimmteit, „mein Vater ruht im Leichenhause, meine Mutter verlor ich schon in meinem dritten Jahre; ich bitte Sie, meinen Schmerz zu ehren und diese Namen, die mir heilig sind, nicht zu mißbrauchen.“
„Nun seh’ mir einer die Dirne an,“ schrie Bertha. „Statt Gott zu danken, daß sie nur noch Eltern hat, die sich ihrer annehmen mögen und sich ihrer nicht schämen, tut sie spröde und will keinen anderen Papa haben als den Dieb, den ...“
„Ich bitte Sie, sprechen Sie nicht so in Gegenwart des Fräuleins,“ rief Hilsborn empört. „Fühlen Sie denn nicht, wie Sie dies wunde Herz zerreißen?“ 
„O mein Herr, ich danke Ihnen,“ sprach Gretchen mit Fassung. Sie wandte sich an Bertha: „Möge Ihr unglücklicher erster Gatte gewesen sein, wie er wolle, er war mein Vater im echten und höchsten Sinne des Wortes — und man kann keinen zweiten Vater haben wie einen zweiten Mann. Ebensowenig wie eine Mutter, die einmal aufhörte, Mutter zu sein, es je wieder werden kann! Mögen Sie mich spröde, ja lieblos nennen. Ich denke, Gott wird in mein Herz sehen und wissen, wie ich zu lieben vermag.“
„Nun ja, das hat man für seine Gutmütigkeit,“ brummte Bertha. „Da hat man sich nun die halbe Nacht den Kopf zerbrochen, wie man das Mädel versorgen könne, was man Alles für sie tun wolle — und das ist der Dank. Na, ’s ist ja kein Wunder bei dem Blut, das die in den Adern hat!“ 
„Mutter, Mutter! Du sollst kommen und Bettzeug herausgeben,“ schrie ein dickköpfiger Kellnerbube zur Türe herein.
„Komm mal her, Fritz,“ rief Bertha. „Sieh Dir da Deine Schwester an.“ Und sie zog den Bengel an sich und erwartete offenbar einen tiefen Eindruck auf Gretchens Gemüt bei seinem Anblick. „Schau Gretel, das ist Dein Bruder, rührt Dich das nicht? So haben wir ihrer noch drei. Aber das tut nichts, wir nehmen Dich auch noch als Fünftes dazu. Ich brauche ohnehin eine ordentliche Aufsicht für die Kleinsten. Denke mal, wie hübsch, so mit einem Schlage Eltern und Geschwister zu finden. Und Du sollst es gut haben, ganz gewiß.“ Sie wurde plötzlich weich und eine Träne rollte ihr über die dicke Wange. „Ach Gott! Du bist ja doch am Ende immer mein Kind!“
Sie faßte Gretchen beim Kopfe und schmatzte sie mit ihren fetten Lippen ab. Gretchen fügte sich geduldig dieser Liebkosung. Als die Mutter sie losließ, richtete sie sich auf wie eine Blume, über die man schmutzige Erde ausgeschüttet, ohne ihr etwas von ihrem Duft und ihrer Reinheit geraubt zu haben. So verschieden wie die Blume der Erde, der sie entsprießt, war dieses Kind seiner Mutter. So unverrückbar, wie jene vom Boden auf der Sonne zustrebt, wandte sich auch der reine Geist des Mädchens von der Mutter ab dem Lichte zu, das eine höhere Erziehung ihr erschlossen.
„Mutter,“ drängte der Knabe und zerrte Bertha am Rocke, „Du sollst kommen, mach doch.“
„Wirst Du mir wohl alle Falten ausreißen, Du Bengel!“ schalt Bertha und schlug ihn auf die Hand.
„Au, au!“ schrie der Junge, „ich hab’s doch sagen müssen, wenn’s so eilig ist, Du bist ja auch immer so langsam!“
„Willst Du schweigen?“ fiel nun der Oberkellner ein. „Mach, daß Du hinaus kommst, was soll Deine neue Schwester von Dir denken?“
„Ja — wegen der!“ maulte der Bube und trollte aus dem Zimmer.
Gretchen und Hilsborn wechselten einen langen Blick. Es war, als seien sie schon alte Bekannte, die sich ohne Worte verständen. Gretchen wurde heiß vor Angst bei dem Gedanken, in dieser Familie leben zu sollen, stand doch seit gestern ein Entschluß in ihr fest, ein heiliger, ernster Entschluß, von dem sie nicht lassen wollte, und wenn es sie ihr Leben kostete.
Der Stiefvater unterbrach das Schweigen. „Wir kommen auf diese Weise zu keinem Ende. Mit dem Hinundherreden ist nichts getan. Ihre Angelegenheiten müssen geordnet werden, ob wir Ihnen angenehm sind oder nicht. Ich denke, es ist immer anerkennenswert, daß wir uns noch diese Mühe geben.“ Er strich den spiegelglatten Kellnerscheitel von hinten nach vorn und seine kunstgeübten Finger gaben der Locke über dem Ohr neuen Schwung.
„Die Sache ist einfach diese: Meine Frau ist verpflichtet, für Ihren Unterhalt zu sorgen. Sie können wohl denken, daß uns dies bei vier Kindern etwas schwer fällt und daß es sich von selbst versteht, daß Sie uns etwas dafür leisten müssen. Wir werden Ihnen durchaus nichts Unpassendes zumuten, denn ich sehe schon, daß Sie eine junge Dame von distinguierter Erziehung sind. Aber wenn wir Elternpflichten gegen Sie erfüllen sollen, so ist es nicht mehr als billig, daß wir auch Elternrechte dafür in Anspruch nehmen.“
Er schloß seine Rede mit einer leichten Verbeugung in der Art, wie wenn er Fremden eine Auskunft erteilte.
„O! Ist es nur das?“ rief Gretchen erleichtert. „Dann lassen Sie mich ohne Sorgen ziehen. Ich verzichte auf jede Beisteuer zu meinem Unterhalt, entsage vor diesem Zeugen hier jedem Anspruch auf Ihre <<Elternpflichten.>> Ich fordere nichts, gar nichts von Ihnen und werde nie etwas fordern, so wahr ich an Gottes Hilfe glaube, als daß Sie mich ungehindert reisen lassen.“
Der Oberkellner sah Bertha bedeutsam an, diese schlug die Hände zusammen. „Also fort willst Du, nun frag' ich eins, was willst Du denn anfangen, solch junges Ding, ohne Geld, ohne Schutz?“
Hier trat Hilsborn dazwischen. „Sie vergessen, daß Ihr verstorbener Gemahl mich zu des Fräuleins Vormund ernannte, und ich versichere Sie feierlich, daß mein Leben nie so viel Wert für mich hatte, als seit diese teure Pflicht mir auferlegt ward, ja, daß ich gesonnen bin, sie mir um keinen Preis entreißen zu lassen.“
Gretchen blickte vertrauend auf Hilsborn. „Sie sehen, ich bin nicht schutzlos. Ich gehe mit diesem Herrn. Es ist für mich nur ein Weg in der Welt, er führt mich zu den Füßen Ernestinens, es gibt für mich nur eine Pflicht, es ist die Sühne der Schuld meines Vaters. Ich kann Ernestinen nichts von dem Geraubten wieder bringen, das zeigte ja gestern die gerichtliche Beschlagnahme. Ich kann ihr nichts zur Entschädigung bieten als zwei gesunde Arme, für sie zu arbeiten. „Ich will die Schuld der Väter heimsuchen an den Kindern!“ steht in der Bibel, ich aber will nicht warten, bis sie an mir heimgesucht wird; ich will sie tilgen, so weit ich kann, will den Fluch entkräften, der auf dem Grabe des Unglücklichen lastet, und für ihn tun, wozu er nicht mehr Zeit fand: büßen!“ Sie hob flehend die Hände zu Bertha auf: „O, wenn Sie meine Mutter sind, dann öffnen Sie das Herz, an dem ich geruht, der ersten und letzten Bitte Ihres Kindes und nehmen Sie mir nicht den einzigen Zweck zu arbeiten und zu leiden, um meinem Vater Vergebung zu erwirken.“
Sie fiel vor Bertha auf die Knie nieder und diese schluchzte laut:
„Ach Gretel, mein Kind, Du bist doch ein liebes, gutes Mädel geworden. Ach Gott, ach Gott, daß ich Dich habe verlassen können, solch schönes, braves Kind. Jetzt seh’ ich’s erst ein, wie dumm und schlecht ich gehandelt. Aber ich will’s gut machen, Du sollst mich schon wieder lieb haben lernen. Ich will Dir gewiß eine gute Mutter sein. Gib nur die alberne Grille auf, für Deinen Vater büßen zu wollen. Das wäre ja noch besser, wenn Du, unschuldiges Ding, unter seinen Sünden leiden müßtest. Du bist doch nicht verantwortlich für Deines Vaters Treiben!“
„Ich bin sein Fleisch und Blut, bin ein Teil von ihm — seine Ehre ist die meine. Der Fluch, der ihn trifft, trifft mich mit. Was sein Gewissen belastet, drückt auch das meine! Wie könnte ich Ruhe finden im Leben und im Tode, wenn ich nicht Alles getan, um gut zu machen, was er verbrach? Wenn er sich unrecht Gut aneignete, dürfte ich es behalten? Habe ich nicht die Pflicht, es zurückzugeben? Wenn aber das Entwendete nicht mehr vorhanden ist, muß ich nicht suchen, es zu ersetzen, und wenn ich es auch durch nichts ersetzen kann, als durch meine Arbeitskraft?“
„Aber, so sag mir nur, was Du unternehmen willst, Deine Cousine hat ja selbst nichts mehr, wovon werdet Ihr denn Beide leben?“ fragte Bertha.
„Das weiß ich jetzt noch nicht, ich weiß nur, daß ich Dank meinem armen Vater Alles lernte, um mich und auch wohl noch eine Andere mit ernähren zu können. Ich weiß nur, daß ich Ernestinen mein ganzes Leben weihen will. Zu ihr zieht mich mein Herz — denn an ihr hat mein Vater das Schlimmste begangen.“
Der Oberkellner zog Bertha bei Seite und raunte ihr zu: „So laß sie doch und sei froh, wenn wir nicht noch ein fünftes Kind zu ernähren brauchen.“
„Ach Gott, ich habe aber das Mädel so lieb gewonnen —“ meinte Bertha.
„Ich bitte Dich! Sind wir in der Lage, uns aus bloßer Zärtlichkeit solche Lasten aufzubürden? Oder denkst Du, daß wenn wir sie zwingen, bei uns zu bleiben, diese verwöhnte Prinzessin uns auch nur das Kleinste nützte? Die weinte uns den ganzen Tag die Ohren voll, statt zu arbeiten. Laß Du sie laufen, wohin sie will, hast Du’s so lange ohne sie ausgehalten, wird’s auch noch ferner gehen. Ich denke, Du kannst an unsern vier Kindern auch genug haben.“
„Ja — aber —“
„Jetzt schweig — oder ich führe Dich aus dem Zimmer,“ flüsterte der Gatte nachdrücklich: „Ich werde mir nicht mit Gewalt die Tochter des Herrn Gleißert aufhalsen, wenn sie selbst nicht einmal will. Sie zieht mit ihrem Ritter und wir kümmern uns nicht mehr um sie!“
„In Gottes Namen denn, ’s ist meine Schuld, nun muß ich’s tragen,“ klagte Bertha zum ersten Male mit wahrem Schmerz.
„Mein Fräulein,“ sagte der Oberkellner zu Gretchen, die indessen leise und vertraulich mit Hilsborn gesprochen hatte: „Wenn Sie von nun an keinerlei Anforderungen an uns erheben wollen, so sind wir bereit, so leid es uns tut — unsere Rechte Ihnen gegenüber an diesen Herrn abzutreten, den ja Ihr Vater ohnehin zu Ihrem Vormund erwählt hat.“
„Ich habe es Ihnen bereits geschworen, mein Herr,“ erwiderte Gretchen mit einem tiefen Atemzug. „Ich bin bereit, Ihnen jede Sicherheit dafür zu geben.“
„O deren bedarf es durchaus nicht,“ beteuerte Herr Meyer artig und sehr vergnügt. „Sie wissen ja, daß an die Erfüllung jeder Anforderung Ihrerseits — sich unsrerseits auch die entsprechenden Verbindungen knüpfen würden.“ 
„Ich weiß das!“
„Nun, da wollen wir nicht weiter stören. Vermutlich wird es Ihrem berechtigten Stolze angenehmer sein, auch Ihre Rechnung für dieses Zimmer zu bezahlen. Sie ist nicht hoch — denn verzehrt haben Sie ja nichts.“
„Höre, das ist wirklich zu ordinär von Dir —“ schalt Bertha. „Ich soll mein leibliches Kind den Aufenthalt unter meinem Dache bezahlen lassen? Nein, das tu’ ich nicht. Gretel sei ruhig, Du sollst noch noch was essen, so laß’ ich Dich nicht fort, eine Rabenmutter bin ich doch nicht. — Und nun komm. Mann, komm und schäm Dich, daß Du vor den Leutchen den Kellner so herausgehängt hast.“ 
So, halb zornig, halb gutmütig scheltend zog sie den geschniegelten Gatten zur Tür hinaus.
„O Gott, ich danke Dir,“ rief Gretchen aus tiefster Brust. Doch plötzlich hielt sie inne und überlegte mit sichtlicher Sorge und Verlegenheit. Hilsborn nahm ihre Hand:
„Nun, meine kleine, liebe Mündel — darf ich fragen, was Sie jetzt offenbar neu bedrückt?“
Gretchen errötete und zögerte. Endlich gewann sie es über sich, dem neuen Freund auch diesen Kummer zu vertrauen.
„Es ist mir erst eingefallen, daß ich nicht weiß, ob ich die Reise bezahlen kann — ich habe wohl Einiges bei mir, was zu verkaufen wäre — aber ob es auch reicht?“
Hilsborn lächelte: „Ist es nur das? O, da beruhigen Sie sich. Ich habe genug bei mir für uns Beide.“
Gretchen schlug beschämt die Augen nieder: „Das kann ich aber nicht annehmen — gewiß nicht.“
„Wie, Gretchen — von Ihrem Vormund wollen Sie nichts annehmen? Das ist ja die Schuldigkeit eines Vormundes. Und ich will es Ihnen nicht schenken, nur borgen! Sie geben es mir wieder, wenn Sie einmal können.“
„Ach — da müssen Sie aber wohl lange warten, denn Sie sehen ja — ich habe so wenig, was ich als mein betrachten darf. Das wird mich Ihnen gegenüber recht drücken!“
„Gretchen,“ sagte der junge Mann erglühend, „wir wollen nicht mehr sprechen von den erbärmlichen Einzelheiten, die an der irdischen Erfüllung einer, für mich beseligenden Pflicht hängen. — Ich führe Sie nach N**; Sie, Gretchen, Sie führen mich in den Himmel! Wer ist da der Schuldner? — Sie — oder ich?“
Gretchen konnte nichts antworten. Sie war wie betäubt von dieser neuen, nie gehörten Sprache. Der Sonnenstrahl, der erste nach den zerstörenden Stürmen, fiel tief in ihr Herz hinein. Die Knospenhülle sprang auf — sie war kein Kind mehr.
Sie senkte das Haupt in lieblicher Verwirrung. Auch Hilsborn hatte seine Unbefangenheit verloren. Sie waren beide verlegen und konnten den rechten Ton nicht mehr finden.
„Wollen Sie mir eine große Bitte erfüllen,“ sagte endlich das Mädchen. 
„Nun?“
„So führen Sie mich hin, wo mein Vater liegt, und lassen Sie mich noch einmal Abschied von ihm nehmen!“ 
„Mein teueres Fräulein, das würde ich Ihnen von Herzen gern gewähren — aber wir hätten von hier bis zum Leichenhause eine halbe Stunde zu fahren und in drei Viertelstunden geht der Zug. Wenn Sie jedoch noch einen Tag hier bleiben wollen, so bin ich gerne bereit, so lange zu warten.“
„Nein, o nein,“ rief Gretchen erschrocken. „Ich möchte nicht noch länger die Gastfreundschaft meines Stiefvaters in Anspruch nehmen, möchte nicht noch einmal den Kampf mit dem wiedererwachten Herzen meiner Mutter bestehen. Es ist besser, ich gehe so rasch als möglich. Mein armer Vater, wenn er mich sehen und hören kann, dann sieht er meinen Abschiedsschmerz hier ebenso, wie wenn es mir vergönnt wäre, bei der entseelten Hülle zu weinen, mit der sein verirrter Geist vielleicht alle irdischen Mängel abgestreift hat.“
„So ist es recht, liebes Fräulein. Es ist besser, Sie prägen sich das Bild seiner verklärten Seele, als das seiner entstellten Leiche ein“ — er schwieg, denn Frau Bertha kam mit einem Frühstück. Über dem Arm hatte sie ein schwarzes Kleid hängen.
„So, mein Gretelchen, da hast Du was zu essen. Ich laß’ Dich nicht fort, ehe Du Dich ein wenig gestärkt hast. Und dann ist der Herr da wohl so gut und geht einen Augenblick hinaus, wir wollen schnell noch den Rock probieren, Du mußt doch nun trauern, und wo sollst Du’s hernehmen. Du armes Wurm?“
Sie deckte geschäftig den Tisch und Hilsborn verließ das Zimmer.
„So nun komm her, nun wollen wir ’mal sehen, ob Dir der Anzug paßt. Weißt Du, es ist das Kleid, in dem ich vor zwölf Jahren um Deinen Stiefonkel Hartwich getrauert. Aber es ist noch wie neu, ich hab’ es gar gut aufbewahrt. Und schau, wenn Du die Schneppe unter den Bund steckst, dann ist es auch ganz modern. Nun sieh einmal an — es sitzt Dir gar nicht schlecht. Ja damals war ich noch schlanker als jetzt. Und ich habe es Dir schnell noch rechts und links ein wenig eingenäht, weil ich mir schon dachte, es sei Dir zu weit. Da ist auch noch der Fleck, wo Du mir als kleines Balg Dein Butterbrot auf den Schoß warfst. Den bringen wir in die Falten — Lieber Gott, das Kleid hatte ich an, als ich Dich verließ. Damals dachte ich nicht daran, daß Du’s dereinst tragen und mich darin verlassen werdest wie ich Dich!“
Es lag etwas rührendes in diesen einfältigen Sorgen und Gretchen warf sich zum ersten Mal freiwillig an die Brust der Mutter. Sie weinten Beide. „Gretel,“ sagte Bertha, „Du wirst’s auch wieder fühlen, daß Du mein Kind bist, wie ich’s fühlte, daß ich Deine Mutter bin. Wenn Dich’s dann nur nicht reut, daß Du so von mir gingst!“
„Ach Mutter,“ schluchzte Gretchen, „warum mußtest Du so hart gegen meinen armen Vater sein? Warum mußtest Du beim ersten Wiedersehen mein Herz so zerfleischen, daß ich mich mit Entsetzen von Dir wandte? Ich hätte Dich lieben gelernt trotz Allem, denn ein Kind darf nicht mit den Eltern rechten. Was Du an mir versäumt, darum hat Dich kein Vorwurf getroffen, aber der Abgrund, in den Du meinen Vater stürztest, liegt zwischen uns, ich kann nicht darüber hinweg, er trennt uns auf immer!“
„Aber, Gretchen, Gretchen,“ rief Bertha. „Ich habe ja nichts Schlimmeres getan als der junge Herr, mit dem Du doch so gut stehst. — Warum machst Du denn dem keinen Vorwurf?“
„Der Mann tat nichts als seine Pflicht gegen einen Freund — und tat es in der schonendsten, mildesten Weise. Das hat auch mein Vater eingesehen und ihm das größte Vertrauen gezeigt, da er mich seiner Fürsorge empfahl. Jenem Fremden war er nichts als der Feind seines Freundes, er hatte keine Pflicht, ihn zu schonen — Dir aber, Mutter, Dir war er einst Gatte gewesen, war der Vater Deines Kindes, und da er gehetzt und flüchtig unter Deinem Dache Schutz gesucht, brachtest Du es übers Herz, ihn zu verraten, und triebst ihn so in Schmach und Tod! Ich kann es nicht beurteilen — aber ich bitte Dich nur — frage Dich selbst, Mutter, ob er das um Dich verdiente!“
„Ach, Du mein Gott, Du magst ja Recht haben, aber es war wirklich, als sollte es so sein. Ich hatte Alles vergessen außer dem vielen Unrecht, das er mir getan. Er hat eben seine Strafe haben sollen und ich muß die meine haben, denn daß ich Dich wie­der so lieb gewinnen und doch verlieren muß, das, glaube nur, das ist eine recht schwere Züchtigung.“
Hilsborn pochte an die Tür. „Meine Damen, wir haben die höchste Zeit, wenn wir noch fort wollen.“ 
„Ja so, kommen Sie nur herein —“ rief Bertha. „Gretchen ist angezogen.“
Hilsborn trat ein. Er betrachtete voll mitleidiger Bewunderung die rührende schwarzgekleidete Gestalt mit dem lieblichen Kindergesicht und den großen traurigen Augen, die ihn an den Blick eines sterbenden Rehes gemahnten. Sein Herz floß über in süßer Wehmut bei diesem Anblick. Er reichte ihr die Hand. „So wollen wir uns nun auf den Weg machen.“
„Ich bin bereit,“ hauchte Gretchen vor sich hin.
„Halt,“ rief Bertha: „Du mußt doch erst etwas frühstücken,“ und sie goß eine Tasse voll Schokolade und rannte Gretchen, welches seine Sachen zusammenraffte, in der ganzen Stube damit nach, bis es davon nippte. „Und von dem Kuchen mußt Du essen, den hattest Du als Kind so gern und Dein seliger — na ja, wir wollen sagen — seliger Vater auch! Ach, wenn ich ihm den Kuchen auf den Tisch brachte, hatte ich gute Zeit! Magst ihn nicht kosten? Wie Du willst — so nimmst Du ihn mit!“ Sie riß dem Kinde die Reisetasche weg und packte so viel Kuchen hinein, als sie fassen konnte. —
Noch ein Augenblick, und Gretchen war gerüstet. „Leb wohl — Mutter,“ sagte sie und sank in Berthas Arme, die schwere, heiße Tränen an dem Hals des schönen Kindes weinte.
„Ich werde Dir nie vergessen, was Du heute Liebes an mir getan — und wenn Du je meiner bedürfen solltest, dann wirst Du mich als Deine Tochter finden.“
„Mein Kind, mein braves Kind!“ schluchzte Bertha: „Ach trag mir nichts nach, wenn Dir’s, möglich ist.“
„Gewiß nicht, liebe Mutter. Lebe in Frieden und Gott schenke Dir Freude an Deinen andern Kindern!“
Hilsborn winkte Gretchen zur Eile. Sie wand sich sanft aus der Mutter Armen und schritt in bitterem Schmerz die Treppen hinab, die ihr Vater gestern zum ersten und letzten Male heraufgestiegen war. „Schreib wenigstens hin und wieder,“ rief ihr Bertha nach.
„Gewiß — ich verspreche es Dir.“ 
Als sie unten ankamen, stand ein Schwarm Neugieriger im Flur, die alle die Tochter des Selbstmörders sehen wollten. Gretchen blieb in tödlicher Verlegenheit stehen, es war ihr, als könnten sie ihre Füße nicht zwischen diesen Menschen hindurchtragen. Da faßte eine weiche, warme Hand die ihre. Es war Hilsborn, er legte ihren Arm in den seinen und führte sie mit der ihm eigenen sanften Würde durch die Gaffer zum Wagen. Gretchen wußte nicht, wie ihr war, sie wußte nur, daß sie an diesem Arme gehend das Haupt wieder frei erheben dürfe und sie war dem edlen Manne unaussprechlich dankbar, der sich so un­erschrocken zu ihr, der Tochter des Geächteten, bekannte. 
Der Stiefvater machte ihnen beim Einsteigen eine förmliche Abschiedsverbeugung und der Wagen rollte dahin an dem frohbelebten, von Kähnen wimmelnden Alsterbassin vorüber.
Gretchen sah still hinaus. Gestern noch hatte sie das Alles für eine Welt gehalten, heute trug sie eine Welt im eigenen Herzen und da draußen war Alles nur leerer Schein.

Drittes Kapitel
Blüten am Grabesrand.
„Johannes, komm schnell — Hilsborn ist da!“ flüsterte die Staatsrätin zur Tür herein. Johannes hatte gebeugten Hauptes an Ernestinens Bett gesessen und unverwandt auf die Kranke geblickt, die, abgebrochene Worte lallend, sich unruhig hin und her warf. Er winkte der Willmers, seinen Platz einzu­nehmen, und ging leise hinaus.
„Bist Du da!“ rief er dem Freunde entgegen. „Gott sei Dank, hast Du ihn mitgebracht?“
„Er ist uns entkommen!“
„Hilsborn — das wäre fürchterlich!“
„Er ist in ein Land entwichen, wo ihn Keiner erreichen kann, von wo er Keinem mehr schadet!“
„Ist er tot?“
„Er ist es — und zwar hat sich Dein Wort, dieser Mensch müsse eines dreifachen Todes sterben, buchstäblich erfüllt — er hatte eine so grauenvolle Agonie, wie mir noch keine vorgekommen ist.“
„Nun denn, Friede seiner Asche! Hat er sich vergiftet?“ fragte die Staatsrätin.
„Mit Strychnin und zwar im Augenblick der Gefangennahme. Ich brachte Alles in Ordnung — aber es fanden sich nur noch etwas über zweitausend Gulden bei ihm vor. Er hatte das Vermögen doch wohl in der Unkenheimer Fabrik.“
„Und die machte Bankerott, wir können also nichts für Ernestine retten,“ sagte Johannes.
„Das tut mir leid.“
„Ach Hilsborn, Du treuer Freund, ich vergesse ganz, Dir zu danken. Wie soll ich Dir das Opfer lohnen, das Du mit dieser Reise für mich gebracht?“ sprach Johannes warm.
„Es hat sich selbst gelohnt.“
„Nun wahrlich, Freude fanden Sie keine bei solcher Sendung,“ meinte die Staatsrätin.
Hilsborn lächelte: „Freude — unermeßliche Freude habe ich gefunden, denn dieser Verbrecher hinterließ mir einen Schatz, den mir, so Gott will, Niemand streitig machen wird. Darf ich ihn Euch zeigen, meine Freunde? Ich möchte ihn Euch so gerne für einige Zeit zum Aufbewahren geben!“
Johannes und seine Mutter sahen sich befremdet an. War Hilsborn nicht recht bei Verstande?
„Ich will nichts weiter reden,“ sagte er. „Seht selbst!“ Er ging hinaus und erschien nach ein paar Minuten mit Gretchen auf der Schwelle, sie sanft nach sich ziehend. Nur einen einzigen fragenden, bittenden Blick wagte das zitternde Mädchen zu den fremden Leuten aufzuschlagen, aber der wunderbare Ausdruck ihrer Augen hatte ihr sogleich die Herzen gewonnen.
„Lieber Gott — sein Kind?“ fragte die Staatsrätin.
„Sein Kind!“ betonte Hilsborn ernst.
Die alte Frau ging von Mitleid überwältigt auf das reizende zaghafte Wesen zu, drückte es an ihre Brust und sagte bedeutungsvoll zu Hilsborn: „Jetzt verstehe ich Sie!“
„Mein liebes Fräulein,“ sprach Johannes milde und väterlich: „Seien Sie uns von ganzem Herzen willkommen und gestatten Sie uns, Ihnen eine Heimat zu bereiten, so lange Sie keine bessere finden.“
„Ach, Sie sind zu gütig, —“ stammelte Gretchen in unbezwinglicher Schüchternheit — „ich bin gewiß recht kühn, aber mein Vormund — wollte —“
„Wie, Du bist des Fräuleins Vormund?“
„Ihr sterbender Vater ernannte mich dazu — und so brachte ich die meiner Obhut Anvertraute hierher und stelle sie unter Ihren Schutz, obgleich sie Niemanden sehen wollte als Ernestine.“
„Das wird nun freilich so bald nicht möglich sein,“ sagte Möllner, „denn Ernestinens Krankheit nimmt mehr und mehr den Charakter eines Nervenfiebers an. Die Gefahr einer Ansteckung ist zu groß.“
„Ach, ist es nur das,“ wagte Gretchen einzuwenden, „dann bitte, lassen Sie mich zu ihr. Ich fürchte nichts in der Erfüllung meiner Pflicht. Besser tot sein, als mit einem Bewußtsein leben, wie das meine. O lieber Herr Hilsborn, Sie wissen, wie es in mir ist — sprechen Sie für mich!“
„Weigere es ihr nicht, Johannes — sie findet nicht eher Ruhe und Fassung, als bis sie bei Ernestinen war. Ich bringe wohl das schwerste Opfer, da ich sie einer Gefahr aussetze, während ich sie hüten möchte wie meinen Augapfel, aber ich kenne sie und fühle, wie unabweislich ihre Seele nach Ernestinen verlangt.“
„Nun denn, wenn Sie es nicht anders wollen, mein Fräulein, so teilen Sie mit meiner guten Mutter die Pflege, die sich diese nicht ganz nehmen läßt.“
„O, ich danke Ihnen und Ihnen, mein lieber Herr Vormund. Darf ich Ernestine bald sehen?“
„Führe sie hinein, beste Mutter, während ich mit Hilsborn das Weitere bespreche,“ sagte Johannes.
„Kommen Sie, mein Kind!“ 
Die Staatsrätin öffnete sachte die Tür und ließ das Mädchen in das halbdunkle Gemach treten.
Gretchen stand wie angewurzelt. Da lag sie vor ihr auf ihrem Schmerzenslager, die furchtbare, stummberedte Anklägerin ihres Vaters, das unglückliche Opfer seiner Verbrechen — schön und bleich, wie die verkörperte Poesie des Todes, die stolze Lilie, geknickt, vielleicht, um nie wieder zu erstehen, von derselben Hand, die sich noch vor wenig Tagen segnend auf Gretchens Haupt gelegt. Wie zerschmettert sank das arme Kind, wo es stand, in die Knie und streckte flehend die Arme nach Ernestinen aus: „Vergib, vergib!“ war Alles, was es mit mühsam verhaltenem Jammer sagen konnte.
Ernestine konnte nicht antworten, denn sie konnte nicht hören. Ihr Geist war in Nacht versunken und wirre Träume trieben in toller Anarchie ihr Wesen, wo sonst die reine Vernunft als Königin gethront.
Erst nachdem Gretchen sah, daß Ernestine bewußtlos sei, wagte es sich ganz nahe zu ihr hin. Es betrachtete sie mit inbrünstiger Bewunderung: „Nein, der Vater hat Dich verkannt — oder verleumdet: Du bist nicht schlecht — Du kannst nicht schlecht sein!“ sagte es im Geiste zu ihr und hauchte einen leisen Kuß auf ihre schmale Hand.
Ahnte, fühlte die Kranke, daß etwas Liebendes in ihrer Nahe sei? Sie griff nach dem knienden Mädchen, hielt es beim Kleide und lehnte den Kopf an seine Schulter.
„O, — o — sie mag mich um sich leiden —“ flüsterte Gretchen mit einem glückseligen Ausdruck.
Die Staatsrätin konnte nicht umhin, die dunkeln Haare des reizenden Geschöpfes zu streicheln und Frau Willmers hatte ein Gefühl, als sei dieses fremde Mädchen ein Engel, der gekommen, Ernestine heimzuholen in eine bessere Welt.
„Solch ein Krankenzimmer laß ich mir gefallen,“ sprach plötzlich eine gedämpfte Baßstimme, die Gretchen sehr erschreckte. „Da sieht man doch auch etwas Hübsches,“ fuhr die Stimme fort und der alte Heim schaute Gretchen mit seinen durchdringenden Augen unter den buschigen Weißen Brauen an.
Das Mädchen wollte sich erheben, doch Ernestine ließ es nicht los und Heim winkte ihm, ruhig zu bleiben. „Du hast ja noch eine Hand frei, mein Kind, gib sie mir. Ich bin der Pflegevater Deines Vormundes und weiß schon, welch braves Kind Du bist. Hat’s recht gemacht, der Junge, daß er Dich mitnahm, hätte Dich auch mitgenommen. — Gott grüß Dich!“
Und er setzte sich an das Bett und verschnaufte ein wenig, denn er war in letzter Zeit etwas kurzatmig geworden. Es war so still im Zimmer, daß man nichts hörte als seine Atemgeräusche, während er Ernestinen den Puls fühlte. Es ist immer ein feierlicher Augenblick, wenn der Arzt über die Rettung eines Menschenlebens nachdenkt, und Niemand will ihn dabei stören. Tod und Leben halten im Kampfe inne und harren der Hilfsmächte, die er ihnen sendet. Und er sinnt über einer Zauberformel, die wohltätigen Geister der heilenden Kräuter zu beschwören, und die finstern Gnomen, die in den Tiefen der Erde die metallischen Stoffe und Salze bereiten, oder die Nymphen der heilenden Quellen — das ganze Heer guter und feindlicher Kräfte, das der Medizin untertan. Es ist keine große Arbeit, solch ein Rezept, es kostet nicht so viel Mühe wie ein Gedicht, aber es entscheidet oft über Sein oder Nichtsein.
Außer Gretchens hingen noch zwei Augen erwartungsvoll an Heim — die Möllners, der leise eingetreten. „Nun, was meinst Du?“ fragte er bange.
Heim zuckte die Achseln. „Ich glaube nicht, daß es ein Typhus wird. Indessen —“
Die Kranke hatte kaum Johannes Stimme gehört, als sie Gretchen losließ und sich der Seite zuwandte, von wo er sprach. Er trat zu ihr und beugte sich herab. Sie schlang einen Arm um seinen Hals, doch schnell ließ sie ihn wieder los, als wolle sie sich selbst im Delirium nicht für überwunden geben. Dann murmelte sie ängstlich: „Den Totenkopf weg! O weh, er ist mir angewachsen und er drückt mich zu Boden.“ Sie fuhr sich nach der Stirn, die jetzt in dunkler Röte zu brennen begann.
„Es ist Abend, da kommt das Fieber wieder,“ meinte Heim.
„Jetzt rollt er in der Ecke herum!“ sprach sie wieder. „Nein, ich habe ihn ja noch — weh, o weh, was ist denn das für Einer? Helft mir doch, wo soll ich denn mit den zwei Köpfen hin?“
„Sie hat es immer mit einem Totenschädel zu tun,“ bemerkte die Staatsrätin.
„Das sind die anatomischen Studien bei Frauen,“ sagte Möllner.
„So! den einen leg’ ich auf das Kissen, den andern auf das Polster, so! Es ist nur der eine Kopf, der mich so schmerzt, der andere tut mir nicht weh. Wenn ich nur den einen los werden könnte! Ich habe es ja immer gesagt: das viele Denken — davon hab’ ich die zwei Köpfe bekommen. So viel kann man ja nicht denken mit einem Gehirn, das ist gar nicht möglich.“
„Ja, da ist eine starke Überreizung,“ brummte Heim. „Die Hitze steigt auch, seit ich hier bin, auffallend. Wollen doch einmal sehen —“ er zog den Thermometer hervor und legte ihn in Ernestinens Achselhöhle. Nach einigen Minuten zeigte er eine sehr hohe Temperatur.
„Seziert mich nicht! um Alles in der Welt, seziert mich nicht!“ schrie Ernestine. „Ich bin ja noch nicht ganz tot!“
„Laß ihr wieder ein paar tüchtige Senfteige legen, was glaubst Du, wollen wir ihr etwas Kalomel geben?111
 Wenn wir ihr die Ideen, die sie ängstigen, ausreden könnten, wär’s freilich das Beste,“ meinte Heim.
„Ich habe es versucht, aber jeder Zuspruch regt sie noch mehr auf.“
„Laß es einmal das Mädchen da probieren! Solche Kranke sind unberechenbar. Eine fremde Stimme hat oft mehr Einfluß auf sie, als die der gewohnten Umgebung,“ sagte Heim. „Hast Du Mut, mein Kind, heute Nacht aufzubleiben?“
„O, mein Herr! Ich will mich nicht eher in ein Bett legen, als bis Ernestine das ihre verlassen hat!“
„Tüchtiges Mädel! Hat mir lange nichts so gefallen wie das Mädel. Machst der Ernestine in meinem Herzen den Rang streitig!“
Gretchen sah errötend zu Boden. Sie hatte bemerkt, daß durch die Türspalte ihr Vormund sie beobachtete.
Johannes tauchte ein Tuch in Wasser und wand es Ernestinen um die Stirn.
„Tut es nicht, ich fühl’ es ja, daß Ihr mir die Hirnschale durchsägt; so lange ich noch denke, bin ich doch nicht tot. — Ach, ich werde denken müssen, immer denken und nie sterben. Wie müde das macht!“
„Ernestine,“ sagte Gretchen mit seinem glockenreinen süßen Ton, „es tut Dir ja Niemand etwas, beruhige Dich doch!“
„Ach,“ klagte die Kranke. „Sie wollen mein Gehirn wägen — es ist ja natürlich, daß zwei schwerer wiegen als eines, aber es schmerzt so sehr! Weg mit der Säge!“
„Ernestine, Du träumst!“ rief Gretchen. „Wir machen Dir ja nur einen kalten Umschlag, greif hin und überzeuge Dich selbst.“
„Ach, der harte Seziertisch!“ jammerte sie etwas ruhiger. „Ich mag ja wohl tot sein, aber meine Seele lebt. Und wenn sie mich in tausend Stücke zerschneiden, die Seele können sie nicht mitzerschneiden, die schlüpft ihnen unter dem Messer durch. O, wenn ich doch aufhören könnte zu denken. Sterben ist nichts, fortleben ist das Ärgste!“
Johannes trat von ihr weg und rang die Hände. Heim trieb die Willmers an, den Senf zu holen.
Als diese die Tür hinter sich schloß, schrie Ernestine auf: „Ach, Johannes, der Oheim mit dem Messer, und ich kann nicht vom Seziertisch herunter, hilf mir hinweg, wozu haben sie mich angebunden, wenn sie doch dachten, ich sei tot?“ Und mit einer blitzschnellen Bewegung schleuderte sie Gretchen zur Seite und glitt über das Bett herab. Mit einem einzigen festen Griff hatte Johannes sie gefaßt und ohne ein Wort, einen Laut, hob er sie auf das Lager zurück und drückte die sträubende Gestalt in die Kissen.
„Laßt mich, laßt mich!“ jammerte sie. „Seit wann ist es erhört, daß man die Menschen bei lebendigem Leibe seziert?“ 
„Ernestine,“ rief ihr Johannes in die Ohren, „ich bin es, Johannes, ich will Dich ja schützen vor den Andern!“
Doch sie hörte oder verstand ihn nicht, sie wehrte sich mit solcher Kraft, daß Johannes sie kaum halten konnte.
„Der Oheim, der Oheim! Jetzt will er mich übers Meer schleppen in dem Zustand, zerfetzt und zerstückt, wie kann ich das? Man näht doch einen Leichnam wieder zusammen, ehe er ins Grab kommt, und ich soll übers Meer!“
„Es ist zum Verzweifeln!“ klagte die Staatsrätin und fing das taumelnde Gretchen in ihren Armen auf. „Nun, Vater Heim, glauben Sie noch, daß die Physiologie ein Studium für weibliche Nerven ist, nachdem Sie dies erlebt? Kann es eine furchtbarere Rache der verleugneten Frauennatur geben, als die anatomischen Phantasien dieses überreizten Gehirns?“
Heim schüttelte brummend den Kopf. „Gebrechliche Dinger sind’s, aber von der da hätt’ ich geglaubt, sie hielt’ es aus! Na, man wird nie zu alt zum Lernen.“
Die Willmers brachte die Senfteige, man legte sie Ernestinen in den Nacken und auf die Sohlen ihrer kleinen weißen Füße.
„Laßt mich nur los,“ bat Ernestine, „ich kann ja gar nicht davonlaufen, ich kann in den Schuhen nicht gehen, ich trete ja überall in heißen Sand. Huh, der Boden sengt mir die Sohlen durch! Wozu in der glühenden Asche waten? Johannes soll mich hinauf tragen, er ist ja so stark, er hat mich schon getragen. Weh! der Vesuv speit Feuer, jetzt packt mich die Flamme hier und dort, von allen Seiten, wie das Buch, das arme Buch! Das ist die Strafe, weil ich den Schwan verbrannte. — Ach! es verzehrt mich und Keiner löscht. Wenn ich verbrenne, dann bin ich aber wenigstens tot — ganz tot? Nein, o nein, die Seele nicht — die Seele kann auch nicht verbrennen!“
„Sie spürt die Senfumschläge,“ sagte Heim zu Johannes. „Gib ihr dann noch das Kalomel.“ „Meinst Du nicht, daß eine Blutentziehung nötig wäre?“ fragte Johannes.
„Bei Leibe nicht. Solch junges Volk verliert doch gleich den Kopf! Wer wird denn diesem geschwächten Körper ohne die äußerste Not noch Blut entziehen?“
„Ich unterordne mich Deinem Ausspruche,“ erwiderte Johannes mit Widerstreben.
„Nehmt ihr jetzt den Senf ab,“ befahl Heim.
Es geschah und Ernestine, die indessen etwas matter geworden war, atmete tief auf: „So, nun bin ich verkohlt, nun ist mir besser. Nur die Seele, die ist noch, wie sie war, die ist unvertilgbar!“
Eine plötzliche Abspannung erfolgte auf diese Worte, in der sie regungslos liegen blieb. Heim nahm Hut und Stock. „Ich denke, die Nacht wird wohl ruhiger werden. Du solltest Dich auch einmal niederlegen, Johannes. Du hältst das ununterbrochene Wachen nicht aus.“
„Ach, wie oft habe ich ihn schon darum gebeten,“ sagte die Mutter. „Ich könnte so gut eine Nacht aufbleiben und noch dazu jetzt, wo ich eine so liebe Gehilfin habe. Auch die treue Willmers bedarf Erholung; aber sie ist so eigensinnig wie Johannes.“
„Ja, mit dem Starrkopf ist nichts zu machen. Ein Glück, daß jetzt gerade Ferien sind, sonst könnte er es nicht so treiben,“ meinte Heim. „Na, ich muß fort, man fährt lange von hier bis in die Stadt.“
„Es wäre besser gewesen, wir hätten sie mit uns nach Hause nehmen können,“ sagte die Staatsrätin, „aber die Krankheit trat ja gleich so heftig auf, daß wir sie hier lassen und selbst herausziehen mußten, um sie zu pflegen.“
„Ihr seid brave Menschen!“ Heim reichte ihnen die Hand. „Gott wird’s vergelten, was Ihr an dem armen Geschöpf tut!“
„Was ich tue, bester Freund, das geschieht für meinen Sohn — und der wird es mir danken, das weiß ich.“
„Ja, Mutter, so viel in meinen Kräften steht,“ beteuerte Johannes.
Als Heim in das Nebenzimmer trat, fand er Hilsborn am Fenster und träumerisch hinausblickend.
„Na, Junge, fährst Du mit?“
„Vater, ich möchte wohl heute Nacht hier bleiben und Möllner beistehen,“ meinte Hilsborn verlegen.
„Möllner beistehen? Hm!“ Heim schwieg ein Weilchen. Seine klugen Augen hefteten sich mit prächtigem Humor auf Hilsborns errötendes Gesicht. „Nu, nu, mein Junge, wenn Dich’s freut, da steh Du Möllner bei. Mir kann’s recht sein!“
Der junge Mann warf sich in einer ihm selbst unbewußten, dankbaren Anwandlung an die breite Brust des Pflegevaters.
„Hm!“ sagte Heim wieder. „Versteh’ schon, versteh’ schon!“ Er klopfte Hilsborn auf die Wange „Ist ja ganz in der Ordnung — wär unnatürlich wenn’s anders wäre. Brauchst Dich der Wahl nicht zu schämen. Na, gute Nacht! und —“ Ein gemütliches Lächeln spielte um den alten Mund: „Steh mir nur dem Möllner recht bei! Hörst Du?“
So trollte der bidere und doch so zartfühlende alte Herr zur Tür hinaus.
Hilsborn besann sich ein Weilchen, dann schaute er vorsichtig in das Krankenzimmer und winkte Gretchen. Diese kam gehorsam herbei.
„Nur einen Augenblick!“ bat er und zog sie sanft mit sich. „Sie müssen es mir zu Liebe tun und einige Schritte in die Luft gehen. Das ist unbedingt nötig für Sie. Die Anderen und Sie selbst denken nur an Ernestine, ich bin hier, um für Sie zu denken, und zu sorgen, daß Sie sich nicht unnütz übernehmen. Kommen Sie, ich führe Sie ein paarmal durch den Garten.“
„Wie Sie befehlen,“ sagte Gretchen demütig. 
„Nicht wie ich befehle, Gretchen! So müssen Sie nicht sprechen, das klingt nicht hübsch.“ Er hüllte sie in ihr Mäntelchen und gab ihr den Arm. Sie stiegen miteinander die Treppe hinab und traten ins Freie. „Ach,“ sagte Gretchen, „der Garten erinnert mich recht an den unsern in der Pension.“
„Waren Sie gerne dort?“ fragte Hilsborn. 
„O sehr gern! Ich hatte so liebe Lehrerinnen und Freundinnen da.“
„Dann tut es Ihnen gewiß recht weh, diese schöne Heimat verloren zu haben?“
„Meine Heimat ist jetzt bei Ernestinen. An ihrem Bette ist mir wohl und ich sehne mich nach nichts Anderem, weil ich nichts Anderes ersehnen darf.“ 
Hilsborn brach ein welkes Akazienblatt vom Baume. 
„Ach, geben Sie mir’s,“ bat Gretchen. „Ich will einmal sehen, ob Ernestine wieder gesund wird.“ Und sie zählte die Blättchen eines um das andere ab. „Ja, nein, ja, nein, ja — sie wird genesen!“
„Kennen Sie Faust?“
„Nein, wir durften Goethe nicht lesen, die Vorsteherin erlaubte es nicht!“ 
„Ihre Namensschwester zupft dort auch eine Blume und tut eine Frage, aber eine andere!“
„Was denn für eine?“
„Sie fragt, ob sie geliebt sei?“
Gretchen sah vor sich nieder.
„Haben Sie diese Frage nie gestellt?“
„Wie sollte ich? Daß mein Vater mich lieb habe, meine Lehrerinnen und Freundinnen, wußte ich — und sonst kannte ich Niemanden.“
„Und dennoch war Ihnen dies Blumenorakel nicht fremd?“
„Ei nun, man hat doch immer etwas zu erraten — ob man im Examen die erste, zweite oder dritte Note bekommt? Ob morgen ein Brief vom Vater eintrifft? Und dergleichen mehr! Das ist nun Alles vorbei. Jetzt gibt es keine Blumen und keine Fragen mehr für mich.“
„So herbstliche Gedanken müssen Sie nicht aufkommen lassen. Die Blumen werden wieder sprossen und in Ihrem Herzen wird sich manche holde Neugier regen. Sie werden wohl auch einmal zu wissen verlangen, ob Ihnen Jemand gut ist, wenn Sie es Jemandem sind.“
Gretchen sah ihn mit ihren braunen Augen ernst und innig an.
„Wenn nur Ernestine mir gut ist und —“ 
„Nun, und?“
„Und Sie, dann verlang’ ich weiter nichts!“
„Gretchen, glauben Sie, daß ich Sie lieb habe?“
„Ja, ich glaube es!“ sagte das Mädchen treuherzig.
„Bei dem gütigen Gott, der in unsere Seelen blickt, Gretchen, ich glaube es auch!“ rief Hilsborn und drückte ihren weichen Arm an seine Brust.
Einen Augenblick standen sie sich so gegenüber in der nächtlichen Dämmerung, dann schritten sie weiter. Es war ein ungewöhnlich milder Herbstabend. Die schmale Neumondsichel stand über der dichten Tannengruppe, die den Hügel, Ernestinens Lieblingsplatz, krönte, wie ein leuchtender Diamant auf dunklem Haar. Gretchen blickte feuchten Auges hinein.
„Der Mond ist die Sonne der Unglücklichen,“ sagte sie plötzlich. „Er ist das einzige Licht, welches verweinte Augen ertragen. Vor dem grellen Strahl der Sonne müssen sie sich schließen. — Zu ihm dürfen sie aufschauen mit all ihren Tränen. Wenn er am Himmel emporsteigt, ist der wahre Sonntag für den Ruhebedürftigen, denn dann rastet er von allem Weh des lärmenden Tages. Sie, lieber Herr, kommen mir vor wie der Mond. Sie sind so still und friedlich wie er. Vor allen Andern fürchte ich mich, ihr Anblick tut mir weh, ich komme mir so geächtet unter ihnen vor. Nur Sie, Sie sind mir vertraut und bei Ihnen kann ich mich ausweinen und ausruhen nach allem Jammer.“
„Gretchen,“ sprach Hilsborn, „das ist ein unermeßlich liebes Wort!“
„Ach!“ fuhr das Mädchen fort. „Sehen Sie das schöne Nadelholz, wie sich die zackigen Äste von dem silbernen Äther abheben. Wissen Sie, ich kann keine Tanne im Mondlicht sehen, ohne zu weinen. Es ist immer, als ob zwei Freunde, die nicht beisammen bleiben dürfen, sich zum Abschied küßten. Die Tanne will nichts von der Sonne wissen, sie grünt Winter und Sommer gleich und der Mond strahlt auch im Winter wie im Sommer gleich hell. Das haben sie Beide miteinander gemein, drum erscheinen sie mir wie treue, getrennte Freunde. Mein Vater summte mich, als ich klein war, oft in Schlaf mit einem uralten Liede, das er noch von seiner Mutter wußte. Ich wurde ausgelacht, wenn ich es in der Pension einmal sang und da verschwieg ich es, denn wer kann über ein Lied lachen hören, das ihm von Vater oder Mutter an der Wiege gesungen ward? So kam es, daß ich es selbst allmählich vergaß, nur der erste Vers fällt mir wieder ein: „Sieh, Doris, wie im Mondenschein die Tanne steht so schön!“112 Das ist Alles, was ich noch davon weiß. Ich kann aber keine Tanne im Mondlicht mehr sehen, ohne an den Vater zu denken, wie er mich Abends summend auf den Knien wiegte, so weich und warm! Und oft wollte ich ihn bitten, mir den Text aufzuschreiben, — aber nun ist er tot und das liebe ehrwürdige Wiegenlied mit ihm ins Grab gesunken. Ich kann’s mir nicht mehr zurückrufen — die süßen Stimmen, die in der Kindheit zu mir gesprochen, sind verklungen auf ewig!“
Und das Mädchen ließ in tiefem Wehe den Kopf auf Hilsborns führenden Arm sinken und weinte still. 
So schritten sie nebeneinander her, lange, schweigend. Der Mond begann hinter den Tannen zu verschwinden und wo der Nachtwind die Zweige auseinander bog, schimmerte er hindurch. Wie leiser Auferstehungsruf rauschte es in dem dürren Laube und den entblätterten Wipfeln. Ruhig und sicher glitt das silberne Schiffchen am Horizont hinab und duftige Gewebe umwallten die jungen Wanderer wie Brautschleier. Kein Blütenregen, kein Nachtigallenschlag entzückte diese schuldlosen Herzen, die noch über kaum geschlossenen Gräbern trauerten, und doch war es ein nahender Frühling, der sich ihnen verkündete unter Tränen und Herbststürmen.
„Wir müssen hinauf,“ sagte Gretchen sich plötzlich besinnend. „Sie werden uns vermissen!“ Und sie eilte besorgt dem Freunde voran. — Oben angekommen hielt er sie noch einmal zurück, bevor sie in das Krankenzimmer trat. „Gretchen, Sie haben mir unermeßlich viel gegeben in dieser halben Stunde und doch ist es mir immer noch nicht genug; Sie müssen mir jeden Abend eine solche halbe Stunde schenken, wollen Sie?“
„Von Herzen gern!“
„Und, Gretchen, ich werde diese Nacht hier im Vorzimmer wachen. Werfen Sie mir manchmal einen Blick durch die Tür zu.“
„Weshalb das?“ fragte Gretchen errötend.
„Weil ich nichts auf der Welt so gern sehe, wie Ihr liebes Gesichtchen!“
„O, das freut mich!“ stammelte Gretchen. 
„Wollen Sie daran denken, mir einmal zuzulächeln, wollen Sie? Ich werde darauf warten von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde!“
„Sie sollen nicht vergebens warten, wie könnte ich Ihnen einen Wunsch verweigern?“
Mit diesem tiefinnigen Wort, dessen beglückende Kraft sie selbst nicht ahnte, entschwand sie dem jungen Manne. Sie trat in das Krankenzimmer, das Herz so übervoll von Wohl und Wehe.
Johannes kniete am Bette und hatte die Stirn auf Ernestinens herabhängenden Arm gelegt. Die Staatsrätin nickte der Eintretenden freundlich zu. Zu sprechen wagte Niemand, denn Ernestine schien zu schlummern.
Gretchen setzte sich leise zur Staatsrätin und drückte dankbar die dargebotene Hand derselben.
So saßen sie eine lange Stunde regungslos. Da verfiel Ernestine in neue, furchtbare Delirien. — Es war, als sei ihre ganze Krankheit nichts, als das vergebliche Streben der Natur, feindliche, unerträgliche Ideen auszustoßen, die sich wie zerstörende Parasiten in ihrem Kopfe eingenistet hatten! Johannes brachte endlich seine Mutter dahin, sich zur Ruhe zu begeben, auch die Willmers mußte sich entfernen und er wachte allein mit Gretchen. Er litt so namenlos beim Anblick von Ernestinens Körper- und Seelenmartern, daß es ihm eine Erleichterung war, das bekümmerte Mutterauge nicht auf sich ruhen zu wissen, vor dem er sich eine qualvolle Selbstüberwindung auferlegen mußte.
Gretchen stand ihm getreulich bei, obgleich auch dem armen Kinde bei den vielen schrecklichen Anspielungen auf seinen Vater, die Ernestinens Lippen entschlüpften, das Herz brechen wollte. Ernestinens Phantasien schütteten das ganze Bild ihrer Vergangenheit, zerrissen und zerstückt, durcheinandergeworfen, aber doch erkennbar, vor dem gequälten Mädchen aus, das durch Alles einen roten Faden hindurchgehen sah: die Schuld seines Vaters.
Heiße Tropfen rannen der stillen Pflegerin über die Wangen; Johannes bemerkte es nicht, er hatte nur Auge und Ohr für die Geliebte. Das arme, verwaiste Kind fühlte sich recht einsam. Aber nein, wie konnte sie sich solchen Gedanken hingeben? War ihr nicht ein Freund nahe, ein Beschützer? Und hatte sie ihm nicht versprochen, ihm einmal zuzunicken, dem treuen Wächter, der ihrer harrte? Wie konnte sie das auch nur eine Minute lang vergessen! Und sie schlüpfte leise an der Tür hin, während Johannes bei Ernestinen stand und schaute hinaus. Da saß er, das Auge erwartungsvoll nach ihr gerichtet und ein schönes Lächeln erhellte seine feinen Züge, als er Gretchen sah. Er sprang auf und riß ein Blatt, das er beschrieben, aus seinem Notizbuch.
„Gretchen,“ sagte er, „da hab’ ich etwas für Sie, nehmen Sie’s auf, wie’s gemeint ist: liebevoll! Sie machen eine schwere Nacht durch. Ich kann mir denken, was Sie bei dem Allen leiden! — Nicht wahr. Sie vergessen nicht, daß hier Jemand ist, der mit Ihnen und für Sie wacht?“
Gretchen reichte ihm die Hand. Er legte das beschriebene Blatt hinein.
„Ich danke Ihnen, bevor ich den Inhalt kenne,“ flüsterte Gretchen. „Was von Ihnen kommt, kann nur etwas Gutes sein.“ Sie nickte ihm noch einmal zu und trat in das Zimmer zurück.
„Seht, er mordet sein Kind — der Vampyr — er hat es mit mir verwechselt — Oheim, Oheim!“ schrie Ernestine, als Gretchen am Bette vorüber ging. „O, o, das Kind, ’s war ein so schönes Kind, das Gretchen! Das muß Johannes wissen, der Totenkopf ist ja von Leutholds Tochter!“
Gretchen setzte sich zum Tisch, auf dem die Nachtlampe brannte. Ein Frösteln durchlief ihre Glieder. Diese letzten Worte Ernestinens hatten sie mit unaussprechlichem Grauen erfüllt. — Doch sie hielt ja einen Talisman in der Hand, Hilsborns Schriftzüge bannten alle finsteren Mächte. Sie entfaltete das Blatt und las.
Weine, weine, armes Herz, 
Singe Deine trüben Lieder! 
Fallen in den Schoß Dir nieder 
Still die Tränen, — himmelwärts
Richte dann Dein sehnend Auge, 
Aus den ew’gen Sternen sauge 
Trost Dir für den ird’schen Schmerz. 
Weine, weine, armes Herz! 
Sind verklungen Deine Lieder — 
Sandten keinen Trost Dir nieder 
Selbst die Sterne, — erdenwärts
Wende dann Dein suchend Auge — 
Und von Freundeslippen sauge 
Ird’schen Trost für ird’schen Schmerz!113
Gretchen saß mit gefalteten Händen und schaute auf das Blatt, das einen neuen Himmel über ihr wölbte, eine neue Erde vor ihr ausbreitete. Und wie weit ihre junge Brust auch war, das schwellende Herz brauchte immer mehr Raum, es brauchte noch eine andere Brust, in die es überströmen konnte. Und noch Einmal schwebte die liebliche Gestalt durch das Zimmer. Es schien Johannes, der ihr zerstreut nachblickte, als ginge ein Glanz von ihr aus, wie sie so dahin schritt.
Sie trat zu Hilsborn hinaus, stumm, mit feuchtem Augen. Sie reichte ihm die Hand, er sah sie an, fragend, bittend, sah, wie ihr Herz gegen die keusche Hülle pochte. Er zog sie näher und näher zu sich hin, sie neigte sich ihm wie die reife Ähre dem Schnitter. Sie sank in seine Arme und weinte, aber es war nur noch ein Weinen, wie wenn der Wind nach dem Regen die Bäume schüttelt und die sprühenden Tropfen in der Sonne glitzern.

Und von Freundeslippen sauge
 Ird'schen Trost für ird’schen Schmerz!

tönte das Echo in den Liebenden wieder.
Da erscholl Ernestinens Stimme durch die offene Tür: „Was ist das Ende? Ewige Nacht, ewiges Schweigen und ewige Einsamkeit!“
„O nein, ewige Seligkeit!“ hauchte Gretchen vor sich hin.

Viertes Kapitel
„er Morgen geworden!"
Ein Ruf Möllners, der Gretchen zu einer Hilfeleistung brauchte, hatte die jungen Leute auseinander geschreckt, bevor sie Worte für ihre Gefühle fanden. Ernestinens Zustand verschlimmerte sich im Laufe der Nacht so sehr, daß Gretchen nicht mehr loskommen konnte. Als endlich die Morgensonne ihre ersten Strahlen durch die dichten Vorhänge sandte, erlöste die Staatsrätin das gepeinigte Mädchen von seinem Amte und es durfte zu dem Freunde eilen.— Dieser zog es mit sich in Ernestinens Arbeitszimmer. Da lag und stand noch Alles umher wie am Tage von Ernestinens Erkrankung, nichts war berührt. Im Kamin lag noch die Asche des verbrannten Märchenbuches; die Aeolsharfe summte ihre wehmütigen Melodien in dem rauhen Herbstwind, nur ward sie statt von Rosenzweigen von entblättertem Dorngestrüpp umrankt. Die gepackten Kisten harrten der Absendung und zeugten von den Reiseplänen des stolzen Geistes, der jetzt gebrochen darniederlag. — Auf dem leergeräumten Schreibtisch lag eine vergessene Feder. Die Tinte war in ihrem Gefäß eingetrocknet und noch zeichneten sich in dem Staub, der überall lagerte, die Ränder der Bücher aus, die hier aufgestellt gewesen und weggenommen waren, um mit über das Meer zu wandern. Niemand hatte hier mehr abgewischt, denn die Leidende drüben nahm Alle in Anspruch. Der Stillstand, der in dem äußeren Leben eines Erkrankten eintritt, zeigte sich auch hier. Alles schien des Augenblicks zu harren, wo plötzlich eine geschäftige Hand stäuben, bürsten, lüften und der frohe Ruf ertönen werde: „Ernestine ist auferstanden!“ Aber dieser Augenblick war noch in weiter Ferne. Hier trat das junge Paar ein, das keine Ahnung hatte von den Kämpfen, die in diesem Raum gekämpft, von den Seufzern der Mühe, der Qual und Angst, die hier ausgehaucht worden!
„Unser Leben währt an die Siebenzig und wenn es hoch kommt, an die achtzig Jahre und ist es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen!“ Dieser in den Tisch eingeschnittene Spruch war die einzige ernste Stimme, die von dem verödeten Platze aus den jugendlich pochenden Herzen erzählte, wie das Weib, an dessen Krankenbett sie sich in Liebe vereint, gestrebt, gelitten und entsagt haben mußte! Und Gretchen hemmte den beflügelten Schritt, mit dem es neben Hilsborn eingetreten war und blieb nachdenklich stehen. „Sie hat Recht,“ sagte es zu sich selbst. „Und wenn sie sich solch strenges Gesetz machte — darf ich einen anderen Wahlspruch haben — ich? Welches Recht hätte ich, Köstlicheres vom Leben zu fordern als Mühe und Arbeit — und Buße? Ach, Ernestine! Jetzt sehe ich erst, wie groß Du bist, und wie Dich der Vater verleumdet!“
„Gretchen!“ sagte Hilsborn leise bittend, „was sinnst Du?“
„Ach, mir ist — als habe mir eine unsichtbare Hand hier ein „Halt!“ hergeschrieben. Wie konnte ich mich nur einen Augenblick dem Gedanken an ein Glück hingeben, das mich abzöge von meiner ersten und heiligsten Pflicht?“
„Gretchen!“ sprach Hilsborn, „wie soll ich das verstehen?“
Gretchen faltete die Hände und blickte fromm zu dem Spruche auf: „Weil ich alle meine Gefühle, Träume und Wünsche derjenigen opfern soll, die diesen Wahlspruch zu dem ihren gemacht. Bevor sie nicht glücklich ist — wie darf ich es sein wollen?“
„Gretchen, ich begreife Deine Empfindungen, Du hast Dir vorgenommen, Deinem Vater Vergebung zu erwirken, durch Dein Bemühen seine Schuld zu zerkleinern. Aber Du denkst nur an Die, gegen welche Dein Vater das Schwerste verbrach. Es ist noch Einer da, an dem Du für ihn etwas gut zu machen hättest — und der bin ich!“ 
„Wie?“
Er zog sie an sich und fuhr mit der anmutigen Sophistik der Liebe fort. „Ja, mein Engel, denn auch an meinem Vater handelte er nicht rechtschaffen. Er beraubte ihn einer kostbaren Entdeckung in der Wissenschaft und der Kummer darüber war vielleicht die Ursache von meines Vaters frühem Tode.“
„O mein Gott,“ rief Gretchen erschüttert. 
„Siehst Du nun ein, daß Du Dich nicht an den Pflichten versündigst, die Du Dir auferlegt, wenn Du auch mir die Entschädigung gewährst, die ich von Dir erflehe?“ 
„Ja, mein Freund,“ sagte das Mädchen nach einer Pause.
„Und wenn ich nun nicht weniger erflehte, als Dich selbst — und zwar fürs ganze Leben? Gretchen — würdest Du das sehr unbescheiden nennen? Würdest Du den Ersatz, den Du leisten sollst, größer finden als das, was Dein Vater mir geraubt?“
„Nein, o nein — viel zu gering!“ flüsterte Gretchen mit leuchtenden Augen.
„Nicht zu gering, gewiß zu groß! Aber die Liebe, Gretchen, die mißt nicht so genau, nicht wahr? Du hast Alles in Deiner Hand, mein Mädchen. Dein Vater nahm mir meinen Vater — er gibt mir dafür sein Kind und wir sind quitt! Ist das nicht richtig, mein Gretchen?“
Das Mädchen hielt sich mit beiden Händen den Kopf: „O, ist es denn möglich, kann es denn sein? So viel Segen sollte aus allem Fluch entspringen? O, solche Gnade verdiene ich ja nicht!  Es wäre kein Unrecht, sondern eine Pflicht, Dich zu lieben, dem ich um meiner Pflicht willen entsagen zu müssen glaubte? Ich wollte arbeiten und mich mühen für meines Vaters Schuld und meine Mühe soll in Nichts bestehen als in der Hingabe an einen geliebten Mann? Und meine Buße verwandelt sich in Freude? O, ich kann’s nicht fassen, nicht glauben — es ist zu viel!“ Und sie warf sich fast taumelnd an Hilsborns Brust: „Aber wie soll ich es nun machen? Du und Ernestine, Ihr habt die gleichen Rechte an mich, wie dem Einen genug tun und dem Andern nicht zu wenig? O, hilf, rate, daß ich nicht eine Pflicht um der andern willen versäumen muß, denn nur wo ein reines Bewußtsein — ist ein reines Glück! O, Bester, erhalte mir’s, damit ich glücklich sein könne!“ — 
„Mein Gretchen,“ sagte Hilsborn, „ich verstehe Dich, wie ich Dich von Anfang an verstanden. Ich werde Dir helfen, Dein kindliches Gewissen zu beruhigen. Ich möchte Dir jedes köstliche Gut zum Angebinde geben, wie sollte ich Dir das köstlichste nehmen — Deinen Seelenfrieden? Nein, gewiß nicht! In der Liebe ist Frieden und Du sollst ihn an meinem Herzen ganz und ungestört genießen! Deshalb, mein Mädchen, sollst Du fürs Erste Ernestinen pflegen helfen, so lange und so viel es Deine Kräfte erlauben. Ich werde bei Dir sein, so oft ich kann, und ein Wörtchen, ein Blick wird uns immerhin vergönnt bleiben. Wahre Liebe ist genügsam — sie bescheidet sich mit Wenigem, denn ihr ist auch das Wenige — viel! Ich will keine Minute für mich beanspruchen, die Du Deiner Pflicht gegen Ernestine entziehen müßtest, denn das würde Dich beunruhigen. Wir wollen unsere Verlobung noch Niemandem mitteilen als meinem edeln Pflegevater Heim, ohne dessen Segen ich nichts beginnen mag. Den guten Möllners, die so schwer zu tragen haben, könnte unsere Freude weh tun. Dann aber, dann, mein Gretchen, wenn Ernestine gesund ist, wollen wir eine Seligkeit genießen, die uns Niemand streitig machen kann. Und wenn, was ich aber kaum glaube, wirklich keine Vereinigung Ernestinens mit Johannes stattfände, so schwöre ich Dir, daß ich Dir treulich helfen werde bei Allem, was Du für sie tun willst. Wir nehmen sie in unser Haus auf, sie soll mir eine Schwester sein. Ist es so recht, meine süße Braut?“
„Ja, ach, Du liesest in meiner Seele. Denn bei Gott, dem Allmächtigen, bevor ich Ernestinen nicht versorgt und zufrieden sähe, könnte ich sie nicht verlassen, könnte Deine Gattin nicht werden“ — sie errötete über und über und barg das Gesicht an seiner Brust: „Gattin — ach, wie das klingt! Ich betrachtete mich kaum als erwachsen — und nun soll ich eine Frau werden, die Frau eines so lieben Mannes! Ach, wenn das meine Freundinnen hören, sie werden es nicht glauben, kann ich selbst es doch kaum begreifen!“
„,O, Du, kleine, liebliche Gattin,“ rief Hilsborn entzückt, „ich will mir alle Mühe geben, es Dich begreifen zu lehren — und ich denke, der Unterricht wird nicht so schwer werden.“
„Ach, ich denke es auch,“ lächelte Gretchen und zum ersten Male bekamen die traurigen, braunen Augen einen ganz leisen Anflug von Schelmerei.
So hatten sich diese beiden Herzen zusammen gefunden, schnell, wie die Jugend immer liebt, gläubig, kampflos, während drüben im Krankenzimmer zwei Herzen in Todesqual mit einander um die Herrschaft rangen> Durch die Nacht schwerer Irrtümer und Verblendung, die Ernestinen gefangen hielt, mußte sich die Liebe in ihnen erst zu dem Licht emporringen, in welchem die jungen, harmlosen Seelen Gretchens und Hilsborns sich sonnten, durch keinen Engel mit dem Flammenschwerte aus ihrem Eden vertrieben. — Die gewaltigen Naturen Ernestinens und Möllners mußten sich im Kampfe begegnen, — jede bildete eine beson­dere abgeschlossene Welt für sich, eine davon mußte der andere zertrümmern, bevor sie sich zu einem ganzen vereinigen konnten. Je weiter sie von einander entfernt waren und je mächtiger sie sich anzogen, desto sicherer mußte die schwächere an der stärkeren im jähen Anprall zerschellen. — Es ist die verhängnisvolle Bedingung, unter der die Gottheit dem Einzelnen auserwählte Vorzüge und ungewöhnliche Kraft verleiht, daß er dann auch für sich selbst stehe, daß er mit dieser Kraft sich jedes Gut erkaufe, erkämpfe, das dem Einfältigen oft vom Himmel in den Schoß herniederfällt. So nur stellt der weise Schöpfer das Gleichgewicht an Glück zwischen dem Bevorzugten und dem minder Begabten wieder her. Dem Letzteren wird es geschenkt — der Erstere muß es verdienen! Sie mußten sich einander sauer verdienen, diese beiden auserlesenen Menschen, sie mußten es sich gegenseitig schwer machen, um dem Gesetz zu genügen, das Gott solchen Naturen vorzeichnet. Denn er schreibt seine Gesetze nicht an den Himmel, sondern in das Menschenherz und all unser Streben nach Vervollkommnung ist im Grunde nur ein Bemühen jene Schriftzüge in unserem Innern zu entziffern. Aber wie oft lesen wir falsch, wie oft mißverstehen wir sie trotz des redlichsten Bemühens! —
Um wie viel mehr noch mußte dies bei einem Wesen wie Ernestine geschehen, das von Kindheit auf nicht gewöhnt war, die wortlose Sprache des Herrn zu deuten? All’ ihr Irren und Leiden entsprang wie bei den meisten Menschen nur aus einem Verkennen des göttlichen Willens. Hätte sie begriffen, daß es ihre Bestimmung sei, jedes Glück nur mit Opfern zu erkaufen, sie hätte dieselben freiwillig gebracht, sie hätte sie nicht verweigert und sich nicht gewehrt bis zum letzten Hauch, bis sie im Kampfe zerschmettert worden wäre. Es war der Mangel wahrer christlicher Geistesbildung, der ihr ganzes Leben verkümmerte und sie in mißverstandenem Drange, dem Rufe zu folgen, der auch an sie erging, Alles opfern ließ, nur das nicht, was Gott allein wohlgefällig ist, das eigene Selbst!
Aber auch Johannes, der Mann ohne Fehl, der so sicher die gerade Bahn des reinsten Grundsatzes erfolgte, auch ihm war in Ernestinens Leiden eine schwere Prüfung auferlegt. Von Stunde zu Stunde erkannte er es deutlicher, daß er selbst Ernestinen auf das Krankenbett geworfen hatte, daß er mit seiner rücksichtslosen Schilderung von der Gefahr, die ihr Leben bedrohte, das Maß dessen überschritten, was sie ertragen konnte, und bittere Reue peinigte ihn. Er geißelte sich selbst mit Vorwürfen und quälte sich mit tausend Gedanken, wie viel besser er es hätte machen können. „Es ist ein gewagtes Ding, die Vorsehung eines Andern sein zu wollen, denn alle menschliche Berechnung trügt und die beste Absicht ist nicht Bürge für den Ausgang,“ sagte er in demselben Augenblick zu seiner Mutter, in dem Hilsborn und Gretchen ihre rosigen Zukunftspläne woben.
„Denn aller Ausgang ist ein Gottesurteil!“ erwiderte die alte Frau.
„Amen!“ sprach Johannes aus tiefster, beklommener Brust und sah starr vor sich hin.
So blickt der Steuermann auf ein drohendes Felsenriff, dem er das ihm anvertraute Schiff im Nebel zugeführt und spricht: „Bis hierher habe ich gesteuert, — nun steuere Gott!“ Und Gott steuerte, aber langsam, martervoll langsam für die Ungeduld des Geängstigten. — — —
Tag um Tag verstrich und Woche um Woche, ohne daß ein Zeichen der Besserung wahrgenommen wurde. Ernestinens Bewußtsein lichtete sich nicht, Heim schüttelte den Kopf. Er sagte eines Morgens selbst: „Ich möchte wohl, daß Dein Schwager bald käme, Johannes! Ich wäre begierig zu hören, was denn der von dem Zustand hält.“
Auf alle weiteren Fragen Möllner's antwortete er jedoch ausweichend.
Moritz Kern war mit seiner Frau auf einer Ferienreise, wurde aber bald zurückerwartet.
Es schien, als schwebe dem alten Heim ein Ausspruch auf der Zunge, den er nicht tun wolle, ohne sich noch vorher mit einem Dritten beraten zu haben.
Johannes verzehrte sich in Sorge. Durch vier Wochen wich er nicht von Ernestinens Bett und schlief nie, als wenn Ernestine ruhig war und ihm das müde Haupt auf die Lehne des Stuhles sank. Niemand durfte die Pflege mit ihm teilen als seine Mutter und Gretchen, selbst die Willmers hielt er so ferne als möglich. Nur eine fremde Gestalt war hin und wieder an Ernestinens Lager zu sehen, eine stille, rührende Gestalt, die mit gefalteten Händen ruhig da saß und Niemanden störte: Es war der alte Leonhardt. Alle drei Tage ließ er sich von seinem Sohne auf das Schloß führen und Keiner hatte das Herz, dem Blinden das Plätzchen zu weigern, das er am Fußende des Bettes einnahm, um Ernestinens finstern Phantasien und Möllners schweren Atemzügen zu lauschen und dann und wann stillbekümmert den Kopf zu schütteln:
„Wenn sie nur so weit zu sich käme, daß man ihr die Sorge um das Leben nehmen könnte, die sie in diese Aufregung bringt,“ meinte der Greis einmal, „dann würde sie wohl bald besser werden.“
„Ja, Vater Leonhardt,“ erwiderte Johannes, „Sie haben Recht wie immer. Aber nicht ein Augenblick der Klarheit — es ist zum Verzweifeln!“
„Bleiben Sie nur mutig, lieber Herr,“ sagte Leonhardt, — „und denken Sie immer, daß Sie nichts taten als Ihre Schuldigkeit, das wird Sie stärken, komme was da wolle.“
„Vater Leonhardt, Sie lesen in meinem Herzen. Ihr Trost ist gut, aber ich fürchte, es drohen mir Stunden, wo auch er nicht Stich hält.“
Während sie noch sprachen, fuhr Heims Wagen vor. Aber er kam nicht allein, er brachte Moritz mit. Leonhardt ließ sich in die Bibliothek führen, wo Walter seiner wartete und die Zeit mit Lesen der ihm notwendigen Bücher ausfüllte und Heim trat mit Moritz in das Vorzimmer ein. Gretchen und Hilsborn hatten einen freien Augenblick genützt und mit einander flüsternd am Fenster gestanden. Gretchen erschrak, als sie einen Fremden mit Heim kommen sah und flüchtete, verlegen grüßend, aus dem Zimmer.
„Potz Tausend, was hast denn Du da für eine Gesellschaft?“ fragte Moritz erstaunt.
„Es ist meine Mündel, die unglückliche Tochter Gleißerts,“ erklärte Hilsborn etwas zurückhaltend, „ich brachte sie von Hamburg mit hierher.“
„Ach, ich weiß schon, habe schon gehört, was vorgefallen ist. Sieh sich einmal an. Also Vormund bist Du geworden unterdessen? Na, ist ein ganz angenehmes Amt, wenn die Mündel so allerliebst ist wie die!“ lachte Moritz. „Nein, über den Duckmäuser! tut, als könnt’ er nicht Fünfe zählen und bringt sich gleich von der ersten besten Reise so ’n hübsches Mädel mit. Ja, ja — die stillen Wasser.“
„Scherze nicht,“ bat Hilsborn, „die Sache ist zu ernst für Deinen Spott.“
„Na, nimm’s nicht übel,“ sagte Moritz gutmütig. „Ich muß nur lachen über Deine Würde. Bist selbst kaum trocken hinter den Ohren und spielst den Vor­mund bei jungen, hilfsbedürftigen Damen. Hahaha!“
„Seien Sie still, Johannes hört’s,“ brummte Heim. „Heben Sie Ihre Witze für eine fidelere Gesellschaft auf, als wir sind.“
„Aber bester Kollege, Sie können doch nicht verlangen, daß ich auch den Kopf hängen soll, wie Ihr wegen dieser Närrin, die ich längst zu allen Teufeln gewünscht habe? Wer kann es denn ohne Empörung sehen, daß Jemand das Beste, was er hat, an eine so undankbare Person wegwirft? Wenn wir zuschauen müßten, wie Einer seine Zeit und Mühe daran wendet, auf einem Hagedorn Zentifolien zu ziehen, vorausgesetzt, es wäre Einer so töricht, — würden wir nicht lieber den Dornbusch ausrotten, als ein so nutzloses Beginnen dulden?“114
„Dein Gleichnis hinkt, Bester,“ erwiderte Hilsborn, „die Hartwich hat ihre Dornen, das ist nicht zu leugnen, aber sie wird sich auch unter guter Pflege zu schöner Blüte entfalten.“
„Kommt Ihr denn endlich?“ rief Johannes ungeduldig heraus. „Wo bleibt Ihr so lange?“
„Ja, wir kommen,“ sagte Heim, „aber, Johannes, es wäre mir lieber, ich bliebe ein Paar Minuten mit Moritz bei Ernestinen allein.“
„Wie Ihr wollt, aber macht es kurz,“ erwiderte Johannes heraustretend. „Guten Tag, Moritz! Wie geht es Dir? Gut! — Hast Du Angelika nicht mit?“
„Sie wollte mich begleiten, aber ich erlaubte es nicht!“
„Und weshalb nicht?“ fragte Johannes gereizt.
„Weil ich das Weibergeheul bei solchen Gelegenheiten nicht leiden kann.“
„Hast Du aber ein Recht, Deiner Frau deshalb zu verbieten, Mutter und Bruder zu begrüßen nach einer vierwöchentlichen Abwesenheit?“
„Ich habe das Recht, ihr als Gatte zu erlauben und zu verbieten, was ich will. Wenn Ihr es anders wolltet, hättet Ihr es in den Ehevertrag setzen müssen!“ entgegnete Moritz scharf. „Angelika will auch gar nichts, als was mir lieb ist, und wer sich ein Weib anders gewöhnt, der ist ein Narr, mein lieber Schwager! Na, nichts für ungut, Du weißt, ich bin nun einmal solch ein borstiger Kerl!“
„Ich bin nicht in der Stimmung, Dir auf Deine allzudeutlichen Anspielungen zu antworten,“ sagte Johannes matt. „Du streitest mit einem Gegner, der keine Waffen hat. Geht hinein und bringt mir eine alltägliche Botschaft.“
Moritz sah mit heimlicher Reue über sein rasches Wort Johannes’ verstörten Ausdruck, als er ihnen die Tür zum Krankenzimmer öffnete. 
Er trat mit Heim hinein. Johannes sank auf den Stuhl am Fenster und preßte die schwere Stirn an die Scheiben. Es waren ihm in letzter Zeit Gedanken fürchterlicher Art aufgestiegen. Aber er wagte nicht daran zu glauben. Wenn ihm nun die beiden Ärzte dasselbe verkündigten? Sein Herz schlug immer lauter, je länger die Erwarteten ausblieben. Er konnte kaum mehr atmen. Hilsborn stand neben ihm. Sie hatten sich ohne zu reden die Hände gegeben. Und Minute um Minute verstrich Jedem von ihnen in qualvoller Spannung. — Sie hörten Moritz mit Ernestinen reden und deren wilde, verworrene Antworten. Dann murmelten Heim und Moritz lange mit einander.
Endlich ging die Türe auf. Selbst Moritz war ungewöhnlich ernst.
„Nun?“ fragte Johannes.
„Ja,“ — Moritz zuckte die Achseln: „ich kann Heim nur beipflichten, die Krankheit ist jetzt Nebensache. Das Fieber ist gehoben, wir haben jetzt Schlimmeres zu fürchten als den Tod.“
„Ah — ich hab’s geahnt,“ rief Johannes mit einem eigentümlichen Schmerzenslaut. „Macht’s kurz, spannt mich nicht auf die Folter! Ihr glaubt auch, daß sie — o, mein Gott — daß eine geistige Störung?“
Er konnte nicht weiter reden.
Moritz und Heim sahen sich an: „Beruhige Dich, Johannes. Noch sind es ja nur Vermutungen, aber, wir sind Männer und können uns doch einander nichts weismachen. Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß der Zustand vielmehr den Anschein einer Gehirnaffektion als eines Typhus hat.“
„Es ist eine alte Erfahrung,“ fügte Heim hinzu, „daß solche Kranke auch oft, nachdem das Fieber aufgehört, noch phantasieren, doch ist dies meist nur bei bejahrten Leuten der Fall und dauert nicht so lange fort wie bei Ernestinen. Mir wollte das ewige Wiederkehren ein- und derselben Idee gleich nicht gefallen — es hatte von Anbeginn an das Gepräge einer Monomanie. Sie sprach ja fast nie von etwas anderem als von ihrem Tode und von ihrer Furcht vor einer entsetzlichen Fortdauer nach demselben. Mir scheint, sie hat in letzter Zeit zu viel über dergleichen gegrü­belt und es ist ihr zur fixen Idee geworden. — Wenn nicht bald Zeichen von Bewußtsein wiederkehren, so ist anzunehmen, daß sie —“
„Irrsinnig sei!“ ergänzte Johannes. „O — irrsinnig!“ Er vergrub das Gesicht in beide Hände und weinte, wie er seit seiner Kindheit nicht mehr geweint.
Moritz schüttelte ihn kräftig bei den Schultern: „Johannes,“ sagte er, „sei stark. Seit Jahren stehst Du vor uns als das Bild edelster Männlichkeit, als unerschütterlich gleichmäßiger Charakter in Freud und Leid. An Dir haben wir uns Alle aufgerichtet, Dein Beispiel hat uns Alle gelehrt, was ächte Manneswürde ist, und nun willst Du Dich niederwerfen lassen von dem Schmerz um ein Weib? Nein, wahrlich, das ist sie nicht wert. Zehn dieser Törinnen wiegen ja nicht die Träne eines solchen Mannes auf!“
„Redet nicht zu mir, laßt mich — ich bitte Euch — überlaßt mich mir selbst,“ rief Johannes.
„Es ist besser, wir gehen,“ sagte Heim. „Er wird sich schon wieder finden.“
„Lebwohl, Johannes!“ Moritz reichte ihm die Hand: „Und höre, mach jetzt hell in Ernestinens Zimmer. Sprich zu ihr, rufe sie an. Es ist nicht gut, sie so hindämmern zu lassen. Man muß in solchen Fällen das Bewußtsein zu wecken suchen, nicht es noch mehr einschläfern durch übertriebene Schonung. Ein Rekonvaleszent, den man nicht aus dem Bette treibt, wird selten von selbst aufstehen, weil er zu schwach ist, sich aufzuraffen; ebenso ist es mit solch einem kranken Kopfe. Man muß der Seele auch auf die Beine helfen, namentlich bei Weibern, die sich immer gern gehen lassen!“
„Moritz hat Recht,“ meinte Heim. „Das ist auch meine Ansicht. Es ist heute der neunte Tag, daß das Fieber wegblieb, da kann man schon etwas riskieren! Lebwohl, Johannes. Heute Abend komm’ ich wieder!“
Die Herren winkten Hilsborn, sie zu begleiten, und gingen.
Johannes faltete die Hände zu einem Stoßgebet so bang und inbrünstig, wie nur je eines aus Menschenbrust emporstieg: „Herr, mein Gott, der Du in mein Herz siehst und siehst, was ich gewollt und gefühlt, ist es möglich, daß Du so schwer mit mir ins Gericht gehst? Sie, die ich retten wollte, sollte ich verderben, die ich befreien wollte von einem Irrwahn, sollte ich in Irrsinn stürzen? An ihr, die ich vor Mord zu schützen gedacht — sollte ich Schlimmeres als Mord verüben? Kann ich’s denn denken, tragen, ohne selbst den Verstand zu verlieren? Mein Liebstes, die Hoffnung meines Lebens hätte ich zerstört! Das herrliche Gebild, an das ich die vollendende Hand legen wollte, hätte ich zertrümmert? Und dennoch und dennoch hab’ ich das Beste gewollt und eine Pflicht zu erfüllen geglaubt! Gott, Gott — Hab’ ich hierin geirrt, hab’ ich gefehlt — so strafe mich, mich, den Schuldigen, aber nicht sie und nicht durch mich! Jede Buße, die schwerste, ich will sie tragen, aber nur dies nicht. Allmächtiger — nur dies Eine nicht!“ — 
Er trat in das Krankenzimmer und betrachtete Ernestine, die in einer Art Halbschlaf dalag und undeutliche, abgebrochene Worte murmelte. Sollte er sie wecken, sie aus dieser scheinbaren Ruhe aufrütteln? Nein, er brachte es nicht über das Herz. Er schob die Vorhänge zurück, das volle Licht der Sonne fiel auf das geisterhafte Gesicht. Sie machte eine Bewegung, als schmerzten sie die Augen und drehte sich zur Seite. Die Willmers, die strickend am Bette saß, winkte ihm ab. Johannes ließ die Gardinen wieder zufallen.
Da wurde die Tür jäh aufgerissen und Gretchen stürzte herein mit fliegender Brust, in fassungslosem Schrecken, — in Verzweiflung, Hilsborn, ihr nacheilend, vergebens bemüht, sie zurückzuhalten.
„Laßt mich,“ wehklagte das Mädchen, „gibt es noch auf Erden einen Trost, eine Verzeihung für mich? Das ist meines Vaters Werk — und ich habe geschworen, Alles gut zu machen, was er verbrach. Wie mach’ ich das gut, was er hier getan? Womit ersetz’ ich diesen herrlichen Geist, den er hier zerstört?“ Und sie warf sich fast sinnlos über Ernestinen hin und schüttelte sie: „Ernestine, wache auf, Du darfst nicht wahnsinnig werden! Ernestine, höre uns — Ernestine, Ernestine!“ schrie sie ihr mit einem Tone ins Ohr, wie der war, den sie beim Abschied von ihrem Vater ausgestoßen. 
Und Ernestine schrack zusammen unter diesem Schrei, daß sie zitterte. Sie fuhr in die Höhe und starrte die fremde schwarzgekleidete Gestalt mit einem seltsamen Ausdruck an. Sie schloß mehrmals wieder die Augen, als könne sie die Lider noch nicht so lange offen halten, als habe sie noch nicht ausgeschlafen, dann fragte sie: „Wer ist das?“
Johannes und Hilsborn hatten in atemloser Spannung dagestanden. Jetzt drückten sie einander mit einem Blick die Hände, den kein Mensch beschreiben kann und Johannes gab der Willmers ein Zeichen.
„Es ist Ihre Pflegerin, Fräulein Ernestine!“ erklärte die Frau.
„So!“ sagte Ernestine langsam. Sie schloß wieder die Augen, aber sie blieb aufrecht sitzen. Hilsborn trat zum Fenster und ließ ein klein wenig mehr Licht herein.
Sie rieb sich die Augen, dann sah sie sich wieder um. Gretchen war auf die Knie niedergesunken und wagte sich nicht zu rühren. Johannes hatte sich hinter den Bettschirm zurückgezogen.
„Wie viel Uhr ist es?“ fragte Ernestine.
„Halb zwölf,“ sagte Gretchen.
Wieder dauerte es ein Weilchen. Hilsborn zog die Gardinen immer weiter auseinander. Da näherte sich die Staatsrätin ahnungslos von außen der halb geöffneten Tür, zum Glück sah es Johannes und winkte ihr ab. Sie zog sich eiligst zurück, die Tür knarrte ein wenig.
„Wer wollte herein?“ fragte Ernestine.
„Das Mädchen!“ erwiderte die Willmers mit Geistesgegenwart. 
Eine lange Pause trat ein, man konnte das Pochen der drei zwischen Furcht und Hoffnung schwebenden Herzen hören.
„Willmers,“ sagte Ernestine.
„Gnädiges Fräulein?“
„Hat mir’s nur geträumt, — oder hab’ ich das Buch wirklich verbrannt?“
„Was für eins, liebes Fräulein?“
„Die Märchen — die alten Märchen! Ach, ich habe sie verbrannt — wie schade.“
„Das ist ja wiederzubekommen, lassen Sie sich das nicht leid tun,“ meinte die Willmers, die sich plötzlich erinnerte, daß sie am Tage von Ernestinens Erkrankung Feuer im Kamine gesehen.
„O nein, dieses Buch nicht — dieses nicht!“ sagte Ernestine schmerzlich.
Sie schwieg wieder einige Minuten lang.
„Willmers!“
„Fräulein?“
„Ich meine, ich sei vorhin von einem furchtbaren Schrei aufgewacht. Ich bin so erschrocken, daß ich am ganzen Leibe zitterte. Da kann man sehen, wie lebhaft man träumen kann!“
„Bei uns hat Niemand geschrieen,“ sagte die Willmers.
„Wo ist denn der Oheim?“
„Der ist in Amerika.“ —
„Ist er fort — und mich hat er hier gelassen?“
„Sie waren ja krank.“
„Wie lange bin ich denn schon zu Bette?“
„O, ein paar Wochen!“
„Ach, — wer hat mich behandelt?“ 
„Herr Geheimrat Heim und Herr Professor Möllner.“
„So — Möllner!“
Sie versank in tiefes Schweigen und aus dem Schweigen in einen unruhigen Halbschlaf, aber sie lächelte im Traume.
Hilsborn und Johannes gingen auf den Zehen hinaus. Draußen fiel dieser keines Wortes mächtig Hilsborn in die Arme.
„Was glaubst Du?“ fragte er endlich. 
„Ich halte sie für gerettet!“ meinte Hilsborn. 
„Ich auch!“ sprach Johannes und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn.
Gretchen schlüpfte zu ihnen heraus: „Ach, Ihr solltet nur sehen, wie sie daliegt, so freundlich, wie noch nie, sie spricht auch nicht im Schlafe wie sonst.“ 
„Gretchen,“ sagte Johannes, „das danken wir Ihnen, Gott segne Sie dafür!“
Gretchen blickte still zu Hilsborn auf, dieser konnte nicht wiederstehen, er zog sie an seine Brust und Johannes lächelte zum ersten Male: „Das hab’ ich kommen sehen! Wäre ich nur auch soweit!“
„Ei nun,“ sagte Gretchen schüchtern: „Ein Wesen wie Ernestine, das will wohl schwerer verdient sein, als solch armes Ding wie ich! Das sauer Erworbene freut Einen dann auch um so mehr.“
Die Staatsrätin unterbrach das Gespräch. Sie sah entzückten Auges den Hoffnungsstrahl auf ihres Sohnes Gesicht und dankte Gott dafür.
Über eine halbe Stunde saßen sie beisammen im Nebenzimmer, bis sie Ernestinen erwachen hörten. 
Johannes winkte die Willmers zu sich an die Tür und flüsterte ihr zu: „Bereiten Sie Ernestinen langsam auf unseren Anblick vor.“ 
„Willmers!“ rief Ernestine. 
„Fräulein, da bin ich!“
„Mir ist recht wohl — so ausgeruht! Ich war gewiß sehr krank, denn ich bin noch verworren
in meinem Kopfe und kann mich schwer besinnen. Sagen Sie, liebe Willmers, nicht wahr, ich bin ganz verarmt?“
„Ganz verarmt ist Niemand, teures Fräulein, der so reich an Herz und Geist ist wie Sie.“
„Bitte, weichen Sie mir nicht aus. Ich weiß es ja wieder genau. Mein Oheim hat mich betrogen — und Möllner! — Ach ja, das war an dem Abend, wo er mir sagte, daß ich sterben müsse. Freilich, freilich! Und dann fiel der Totenschädel auf mich herab — mein armer Kopf,“ sie griff sich nach der Narbe, die ihr von dem Sturz als Kind geblieben war: „Gerade hierher. Das tat so wehe. Aber ich fühlte es nicht in meiner Angst und las in dem Buche über die Herzkrankheiten. Und dann kam mir der Einfall — der entsetzliche — von der ewigen Nacht und dem ewigen Schweigen. Dann — ja, dann verlor ich das Bewußtsein. O, Willmers, bitte, machen Sie hell, daß ich das Licht sehe — so lange ich irgend kann.“ 
Die Willmers öffnete die Gardinen beider Fenster. In grellen Strahlen leuchtete die Herbstsonne herein. Ernestine breitete ihr die Arme entgegen: „O, du mächtiges Gestirn, wie lange werde ich Dir noch in das flammende Auge blicken? Wie bald küßt dein warmer Strahl die Blumen auf meinem Grabe wach? Die Seligen sollen Gottes Angesicht schauen? Gottes Angesicht ist die Welt, diese schöne, lachende Welt mit ihren Sonnenaugen, und selig ist, wer Gott darin erkennt! — Ach Willmers — leben dürfen — schon das ist Seligkeit! Das fühlt nur der, welcher einmal in sein offenes Grab geblickt wie ich. Und nie wäre ich dieser Seligkeit vielleicht so wert gewesen als jetzt — wo es zu spät ist!“
Sie legte die Stirn in die über dem Knie gekreuzten Arme und weinte heiße Tränen. „Wenn ich hoffen dürfte, ich ginge ein, an ein liebendes, verzeihendes Vaterherz zu ewiger Ruhe und wunschlosem Frieden, dann wollte ich ja gerne sterben. Ach, ich sehne mich nach dem Herzen des Allvaters, dessen Nähe Alle empfinden, auf den Alle hoffen, aber — ich würde ihm nicht nahen dürfen — ich würde ewig ausgestoßen sein.“
„Liebes Fräulein,“ tröstete die Willmers, „Sie sind noch krank, drum geben Sie sich solch trüben Gedanken hin. Wenn Sie doch einmal mit Professor Möllner über das Alles sprechen wollten, der könnte Ihnen besser antworten, als ich einfältige, alte Frau.“ 
„Wann kommt Möllner wieder?“ 
„Er ist hier mit seiner Frau Mama. Die Herrschaften sind ganz herausgezogen, um Sie besser pflegen zu können — und die Frau Mutter haben es sich nicht nehmen lassen, den Herrn Sohn so viel als möglich zu unterstützen. Ach mein Himmel, wie haben sich die guten Leute um Sie geängstigt! Der Herr Professor sind nicht von Ihrem Bette gewichen und sehen ganz übel aus von dem vielen Wachen.“
Ernestine blickte in tiefer Bewegung vor sich nieder.
„Darf ich ihn nicht hereinlassen, den guten Herrn?“ fragte die Willmers.
„Bitten Sie ihn zu kommen!“
Die Willmers brauchte ihn nicht erst zu holen — er stand schon unter der Tür.
„Ernestine,“ sagte er und gab sich alle Mühe, gefaßt zu scheinen, „Ernestine, wie ist Dir?“
„Gut, mein Freund!“ lächelte sie und streckte die Hand nach ihm aus. — „Johannes, was hast Du für mich getan? Wie und womit soll eine Sterbende Dir solche Opfer lohnen?“
„Ernestine,“ rief Johannes und zog ihre Hand an seine Lippen: „Du bist in einem Irrtum, in den ich Dich gestürzt und Gott hat mich für meine Unvorsichtigkeit furchtbar gestraft. Alles, was ich Dir über Deinen körperlichen Zustand sagte, beruht auf falschen Voraussetzungen. Was ich für Symptome eines chronischen Leidens hielt, war nichts weiter als das Herannahen dieser schweren akuten Krankheit. Zwei Ärzte, Heim und Moritz Kern, erklärten Deine Organe für vollkommen gesund und Du bist jetzt außer aller Gefahr. O, Ernestine, Du ahnst nicht, was ich gelitten. Ich sah Dich ringen in Todesangst, alle Deine Phantasien zeugten von der Furcht, die Dich peitschte — ich trug die Erlösung auf meinen Lippen — und Du konntest mir Dein Ohr nicht leihen; — ich bot Dir den Trunk, der Dich vor dem Verschmachten retten sollte und Du konntest die Lippen nicht öffnen, ihn zu empfangen! O, es war zuviel, zuviel!“
„So muß ich noch nicht sterben?“ fragte Ernestine aufatmend, wie nach einem schweren Traum. „Bei meiner Ehre, Ernestine, Du bist gerettet.“ 
Sie konnte nicht sprechen. Sie sah nur mit einem unbeschreiblichen Blick zu dem blauen Himmel auf, der durch das Fenster hereinschaute. Dann drückte sie Möllners Hand an ihre Brust, lange, stumm, bis ein paar große Tränen aus ihren Augen fielen.
Da trat die Staatsrätin ein: „Darf ich auch kommen?“ fragte sie. „Darf ich mir auch einem freundlichen Gruß holen?“
Ernestine zog die alte Frau zu sich hin, schlang den Arm um sie und flüsterte: „Sie haben mir viel zu vergeben! — Aber Sie taten es, ehe ich Sie darum bitten konnte. Ich fühle mich Ihnen gegenüber so klein, wie nie in meinem Leben, und ich will die Scham nicht verbergen, die mich ergreift bei dieser Erkenntnis — es ist Ihre einzige Entschädigung für alle Opfer!“
„O, wie geläutert ist sie aus diesem Feuer hervorgegangen!“ sagte die Staatsrätin zu Johannes, der wie gebannt auf das schöne bleiche Gesicht niedersah, welches zum ersten Male wieder von einem geistigen Ausdruck verklärt ward.
„Ich danke Euch, meine Freunde, und Ihnen, treue Willmers. Jeder Atemzug des neugeschenkten Lebens soll Dank gegen Euch sein“ — sie sah fast schüchtern empor: „Und gegen Gott! Denn ich habe es gefühlt in den Schrecken jener furchtbaren Nacht, seine Hand hat mich niedergeschmettert — und seine Hand richtet mich wieder auf. O ja, er ist ein barmherziger Gott!“
„Ernestine,“ rief Johannes, „so wäre ein Segen aus meiner Warnung hervorgegangen, von dem ich nicht zu träumen gewagt hätte? Du hättest in der Furcht den Glauben wiedergefunden?“
„Ja, mein Freund. Du hattest Recht, als Du sagtest: Die Furcht gebiert sich stets ihren Gott — Du hattest Recht wie in Allem, — auch ich bin nur ein Weib!“ Sie ließ das Haupt zur Seite sinken — ihre Kräfte waren schon wieder erschöpft.
Johannes und seine Mutter sahen sich bedeutsam an, Freude lag auf ihren Zügen. Es war, als seien sie selbst mit Ernestinen neugeboren.
Die wohltätige Abspannung, in die Ernestine seit dieser Unterredung verfiel, hielt sie den ganzen Tag in einem festen Schlummer.
Als gegen Abend Heim noch einmal kam, ging er nicht zu ihr hinein, weil er sagte, eine bessere Arznei gäbe es nicht für die Genesende als den Schlaf, man solle sie nicht wecken. Bei Anbruch der Nacht öffnete sie die Augen und gewahrte sogleich Johannes.
„Du bist noch bei mir, mein Freund?“ fragte sie.
„Ich bin immer bei Dir, Ernestine — ich werde Dich nie verlassen!“ sagte er mit voller Innigkeit.
Sie schloß die Lider und schwieg. Ihr Atem ging rascher. Er sah, daß dies Wort sie erregte, und gelobte sich, als gewissenhafter Mann, von nun an jede Äußerung zu unterdrücken, welche ihre so notwendige Ruhe stören könnte.
Er begab sich leise hinaus, damit sie sich wieder unbefangen fühlte. Es gelang der Willmers, ihr etwas Nahrung aufzudringen und, ohne ein Wort weiter zu reden, entschlummerte sie.
Johannes, der wie immer die Nacht im Lehnstuhl zubrachte, ward von der ungewohnten Ruhe und Stille endlich auch eingeschläfert und als er erwachte, war es heller Tag und Ernestine lag noch, wie sie zuletzt in die Kissen zurückgesunken war. In tiefen Atemzügen hob sich ihre Brust. — Die tiefinnere Erquickung dieses Schlummers hauchte einen Anflug von Lebensfarbe auf ihre bleichen Wangen.
„Wenn es so fortgeht, wird sie sich rasch erholen,“ sagte Johannes, als er zu seiner Mutter kam, um zum ersten Male seit langer Zeit mit ihr zu frühstücken.
„Gott sei Dank! Seit ich sie gestern sprechen hörte, sage ich es aus vollster Seele, denn nun ist sie mir erst teuer geworden. Ich sehe ein, daß Du dies seltsame Wesen doch besser kanntest als ich. Wo ist denn Gretchen und Hilsborn? Warum kommen sie nicht zum Frühstück?“
„Ach sie streifen schon wieder durch den Garten. Die Glücklichen!“
„Nun, so Gott will, feiern wir bald eine Doppelhochzeit, wie N** noch keine sah.“
„Ach, Mutter — wer so kühn träumen dürfte!“ rief Johannes.
„Warum denn nicht? Sicher, mein Sohn! Sie wird genesen. Sie ist eine zähe Natur. In vierzehn Tagen sind Deine Ferien um, dann nehmen wir sie mit hinein in die Stadt. Und wenn die Aussteuer fertig ist, die ich ihr machen lassen werde, was wäre dann noch für ein Hindernis?“
„Mutter, Du sprichst es aus: Sie ist eine zähe Natur — nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Bevor ich sie nicht als verlobte Braut in den Armen halte, glaube ich nicht, daß sie mein ist!“
„Ah, Moritz und Angelika!“ rief die Staatsrätin dem eben eintretenden Paare entgegen.
Angelika fiel der Mutter um den Hals und küßte den Bruder. Sie war womöglich noch runder als zuvor und Frau Berks Behauptung, sie könne im nächsten Winter nicht zu lebenden Bildern verwendet werden, rechtfertigte sich glänzend.
„Na,“ lachte Moritz, „haben Dir gestern einen unnützen Schrecken gemacht! Weiß schon Alles durch Heim. Deine Spröde ist zur Besinnung gekommen. Gratuliere! Wenn sie nur auch von ihren sonstigen Narrheiten kuriert ist, dann mag’s ins Himmelsnamen bald losgehen mit dem Heiraten. Du wirst doch erst genießbar, wenn Du sie endlich hast.“ 
Angelika hielt ihm mit ihrer kleinen, dicken Hand den Mund zu: „Du unnützer Spötter, willst Du wohl den armen Johannes in Ruhe lassen?“
Moritz drückte einen Kuß in die warme, weiche Fessel, die seine Zunge hemmte, und befreite sich davon. 
„Der <<arme>> Johannes? Warum denn? Jetzt hat er sie doch sicher. Sie ist ja nun bettelarm — wo will sie denn hin, was will sie anfangen? Die wird schon zu Kreuze kriechen und Gott danken, daß sie gleich eine so annehmbare Versorgung findet. Denn dumm ist die nicht, das kann Ihr Keiner nachsagen,“ meinte Moritz.
Johannes und seine Mutter sahen ernst vor sich hin. „Ich begreife überhaupt nicht, daß sie sich so lange wehrte! Du bist denn doch ein Mann, wie er im Buche steht! Mir bist Du zu sentimental — aber das ist ja eben, was die Weiber lieben, und wenn ich ein Weib wäre — ich nähme Dich vom Fleck weg.“
„Du bist sehr gütig, Moritz, ich aber nähme Dich nicht,“ sagte Johannes heiter, „darauf kannst Du Dich verlassen.“
„Ach, hört auf! Ihr könnt nichts tun als Euch zanken und necken, wenn Ihr beisammen seid,“ schält Angelika lustig. „Ihr seid ja alle Beide gut und brav, Jeder in seiner Art — und ich habe Euch alle Beide lieb. Was wollt Ihr denn mehr?“
„Das ist richtig,“ bestätigte Moritz, die kleine Kugelgestalt umschlingend. „Wenn nur Du uns lieb hast! — Ich für mein Teil verlange nicht mehr. Aber der ungetreue Herr Bruder da wird nicht damit zufrieden sein.“
„Süße Schwester,“ sagte Johannes, sie innig betrachtend, „Du weißt doch, was Du mir bist!“
Da erschien die Willmers: „Herr Professor, das Fräulein ist erwacht und fragt nach ihrer hübschen Pflegerin, wie sie sagt. Soll ich Fräulein Gretchen holen?“
„Ja,“ sagte Johannes, „aber Ernestine muß erst darauf vorbereitet werden, wer Gretchen ist. — Nicht wahr. Ihr entschuldigt mich?“
„Ja, ja — geh nur um Gotteswillen, versäume keine Minute!“ rief ihm Moritz nach.
Johannes trat bei Ernestinen ein. Sie saß aufrecht im Bette und sah über alles Erwarten frisch und erholt aus.
„Johannes!“ sagte sie, „Guten Morgen! Ach — es ist wieder Morgen geworden nach all den langen, bangen Nächten, Morgen im wahren Sinne des Wortes!“
„Teure, liebe Ernestine. Hast Du gut geschlafen?“
„Ach, so gut, wie ich nur einmal schlief seit Jahren: In jener Nacht — unter Deinem Dache!“
„O, da sollst Du noch oft schlafen, Ernestine, und bald, recht bald!“ rief Johannes erfreut.
„O nein, glaubst Du, ich habe es deshalb gesagt?“ stammelte Ernestine verlegen und beschämt.
„Deshalb, weshalb?“ fragte Johannes verwundert.
„Daß ich — eine Einladung herausfordern wollte,“ erwiderte sie in höchster Verwirrung.
„Das würde ich von Dir nie geglaubt haben — denn Du gönnst keinem Menschen den Triumph, Dir etwas Gutes zu tun!“ sagte Johannes nicht ohne Bitterkeit. Doch gleich bezwang er sich wieder und ging zu etwas Anderem über: „Du hast das Mädchen zu sehen gewünscht, das gestern hier war. Ich muß Dir aber zuvor sagen, wer es ist. — Hast Du noch irgend einen Groll gegen — oder eine Anhänglichkeit für Deinen Oheim?“
Ernestine schüttelte ruhig das Haupt: „Er ist tot für mich!“
Ich habe Dir, ihn betreffend, etwas sehr Erschütterndes mitzuteilen, und weiß kaum, ob ich es sagen kann.“
„Was sollte mich noch erschüttern nach all’ den Schrecknissen, die mir meine eigene Phantasie vorgezaubert hat?“ fragte Ernestine kalt.
„Nun denn, das Mädchen, welches Dich mit rührender Treue seit vier Wochen pflegen half,  ist Leutholds Tochter — und ist eine Waise!“ 
„Mein Gott!“ sagte Ernestine: „Das arme Kind! Ist Leuthold tot?“
„Ja, er hat sich selbst gestraft für seine Sünden. Ihm ist wohl.“
Ernestine blickte Johannes klar an: „Ich kann ihn nicht beweinen. Er hat mir zu viel Böses getan, mein Vertrauen zu schmählich getäuscht. Aber seine Tochter will ich es nicht entgelten lassen, das beklagenswerte, schuldlose Kind. O, bitte, laß sie kommen, es ist das einzige Wesen auf der Welt, an das mich noch ein Band der Verwandtschaft knüpft!“
Johannes trat an das Fenster und winkte Gretchen herauf, die mit Hilsborn gegen das Haus zuschritt. 
Sie eilte so schnell als möglich herbei, und eine Minute später sank sie vor Ernestinens Bett auf die Knie. Ernestine wollte sie zu sich emporziehen, doch sie wehrte es: „Nein, laß mich zu Deinen Füßen liegen, so nur darf die Tochter des Verbrechers Dir nahen, die vergehen möchte vor Deinem Angesicht!“
„Gretchen — arme, schuldlose Waise,“ rief Ernestine, „komm an mein Herz!“ Sie betrachtete Gretchen mit Rührung: „Wahrlich, wahrlich, wenn etwas sein Vergehen mildert, so war es seine Liebe zu solch süßem Kind. Um dieses einzigen menschlichen Gefühls verzeih’ ich ihm. Wäre ich noch reich, ich würde als Schwester mit Dir teilen! Hätte ich noch etwas zu geben, Du solltest es haben — so aber bleibt mir nichts für Dich als mein heißes Mitleid!“
Noch ein Augenblick, und die beiden schönen Mädchen hielten sich einander schwesterlich umschlungen. —

Fünftes Kapitel
Umkehr.
Ganz neue Gefühle von Liebe und Wohlwollen durchdrangen mit der wiedererwachenden Lebenskraft Ernestinens Brust, echt menschliche Empfindungen, wie sie früher neben ihrem rastlosen Geiste nicht Platz fanden. In wenig Tagen gestaltete sich das innigste Verhältnis zwischen ihr und Gretchen. Es lag eine Einfalt in Ernestinens ganzem Wesen, die Niemand in ihr gesucht. Es war, als lerne sie erst wieder das Leben kennen, als sei ihr Alles ganz neu, als habe sie in der langen Bewußtlosigkeit wirklich einen Teil ihres Bewußtseins eingebüßt und sei wieder zum Kind geworden, das sich mit seinem unerfahrenen Sinn an Allem erfreut, was ihm vor Augen kommt. Sie erfreute sich an dem hellen Herbsthimmel, als habe sie ihn noch nie gesehen, sie konnte eine Blume, die man ihr auf das Bett legte, lange sinnend betrachten. Sie blätterte mit Gretchen begierig in den schönen Albums, die ihr Johannes verschaffte. Eine ihr ganz fremde Welt des Genusses eröffnete sich ihr mit diesen Sammlungen von kleinen und großen Kunstwerken; denn die Kunst hatte sie bisher nur dem Namen nach gekannt und daher auch von ihrer Bedeutung keine Ahnung gehabt. Ihr Oheim hatte ja ihrer Phantasie jede Nahrung versagt, um sie durch nichts von ihren trockenen Studien abzulenken. Jetzt badete sich ihre müde Seele in den Fluten der Poesie, die Johannes mit weiser Fürsorge über sie hinströmen ließ. Er ließ ihr nach und nach die photographischen Kopien aller Bilder und Skulpturen berühmter Meister kommen und die Idee des Schönen ging ihr auf und erfüllte sie mit froher Begeisterung. So schwärmte sie mit Gretchen Tage lang im Anschauen all der Herrlichkeit. In diesem Geistesgebiete war Gretchen ihr ebenbürtig — ja sogar überlegen, denn es konnte zeichnen und malen und vermochte sie auf tausend Schönheiten aufmerksam zu machen, die ihrem ungeübten Auge entgangen wären. Sie betrachtete das Mädchen dann mit förmlicher Bewunderung. Es war ein Genuß für alle Andern, diese beiden Wesen zu beobachten, wie sich ihre jungen Seelen Hand in Hand in einem für sie noch so neuen Gebiet zurecht zu finden suchten. Selbst Hilsborn, der seit Ernestinens Wiedererwachen sehr verkürzt ward, konnte ihnen ein Glück nicht mißgönnen, das sie so rein und voll genossen. Vom ersten Tagesgrauen bis zum späten Abend waren die schönen Köpfe über die Bücher geneigt; aber sie hatten oft noch einen Gefährten dabei: den Vater Leonhardt, der es sich nicht nehmen ließ, auch „Bilder zu besehen.“ Dies gemeinschaftliche Betrachten bestand darin, daß Ernestine dem Blinden die Bilder, die sie anschaute, beschrieb, und zwar tat sie das mit so viel Wahrheit und Schilderungsvermögen, daß der Greis oft entzückt die Hände zusammenschlug und rief: „Ach, wie schön muß das sein!“
„Siehst Du’s, Vater Leonhardt?“ konnte sie dann in ihrem Eifer fragen — und der Greis sagte freudig: „Ja, ich sehe es!“
Die Begeisterung, die Ernestine ergriff, während sie sich in die Idee eines Meisterwerks versenkte, um sie dem Blinden zu verdolmetschen, schien von seiner welken, hohen Stirne wieder, denn auch ihm, dem armen Dorfbewohner erschloß sich mit ihren Beschreibungen eine neue Welt. Sie war herrlich anzusehen, wenn sie den erhabenen Eigensinn eines Galilei schilderte, oder die wilde Wut der Hunnenschlacht, die selbst der Tod nicht löschen konnte, daß die kämpfenden Geister über dem blutigen Wahlfeld schwebten, wie der heiße Qualm über einer Brandstätte. Oder wenn sie sich in die welterlösende Bedeutung versenkte, die aus den Augen des Christuskindes der Sixtinischen Madonna spricht, oder wenn sie mit Ton und Wort einen Sonnenuntergang am Meere vor dem lauschenden Blinden ausmalte, daß er den heimkehrenden Fischernachen ruhig durch die purpurne Flut der Bucht zugleiten sah und das melodische Getön der letzten Tropfen hörte, die von dem Ruder in das Wasser fielen.115 — Dann konnte sie auch herzlich lachen, wenn ihr einmal die Kinderskizzen eines Pletsch116 in die Hände fielen mit ihrem unerschöpflichen Humor, ihrer unwiderstehlichen Apotheose aller Unarten, die der Mensch bis zu seiner Einsegnung begehen kann. Dies war Vater Leonhardts eigentliches Reich, er rief oft: „Ich meine, ich sei wieder in meiner Schule!“
Und wenn ihm etwas besonders gut gefiel, dann sagte er wohl: „Zeig mir doch das Bild noch einmal!“ und Ernestine war unermüdlich im Erklären und Beschreiben.
Johannes und seine Mutter sahen mit wachsender Freude die Verjüngung in Ernestinens Wesen. Daß es nicht eine von der Krankheit zurückgebliebene Schwäche war, was sie so einfach und kindlich erscheinen ließ — zeigte ihre hohe geistige Empfänglichkeit für die Schöpfungen der Kunst. Es war, als vermeide sie es mit einer heimlichen Scheu, sich in ihre frühere finstere Ideenwelt zurückzuversetzen — als bilde diese einen zu grellen Gegensatz zu der jugendlichen Luft an dem wiedergewonnenen Dasein, als habe sie sich an den anatomischen Bildern, an dem beständigen Zersetzen von Dingen, die doch an sich so schön, übersättigt. Sie wollte nicht mehr zurückschauen in die dunkeln Tiefen, in die sie so verwegen geblickt, ohne das Gesehene ertragen zu können, und Alles, worauf sie von jetzt an ihr Auge richtete, war ihr so fremd, als habe sie die letzten zwölf Jahre in einem Turme eingemauert gelebt und nur von oben aus weiter Ferne darauf herabgeblickt.
Ihre Kräftigung schritt so rasch vorwärts, daß sie schon acht Tage nach ihrem ersten Erwachen aufstehen durfte. Johannes und Gretchen trugen sie miteinander in ihr Studirzimmer, das endlich die geschäftige Hand der Willmers wieder behaglich hergerichtet hatte. Und als sie dort im Lehnsessel saß und die Staatsrätin eine weiche Decke über sie hinbreitete, meinte sie mit schwacher Stimme: „Nun wollen wir da wieder anfangen, wo wir es vor zwölf Jahren gelassen!“
Die Staatsrätin drückte einen Kuß auf ihre Stirn und sagte leise: „Schade um die verlorene Zeit!“
„O, nein — nicht Schade,“ erwiderte Ernestine, „keine Zeit ist verloren, in der man nach Wahrheit gestrebt hat! — Aber das Maß meiner Kraft ist erschöpft. Ich kann nicht weiter, ich muß umkehren!“
Sie ließ wehmütig lächelnd das Haupt auf die Brust sinken und schwieg.
Wieder vergingen einige Tage und die Zeit, wo Möllner zu seiner Pflicht in die Stadt zurückkehren mußte, rückte immer näher. Ernestine aber wurde immer stiller und nachdenklicher. Niemand konnte sich diesen plötzlichen Wechsel ihrer Stimmung erklären, denn körperlich erholte sie sich, während sie geistig niedergedrückt war, wie nie im Verlaufe ihrer Genesung. Heim befahl endlich, sie an die Luft zu schicken und an einem warmen Mittag fuhr sie zum ersten Mal aus.
Sie hatte gebeten, daß nur Gretchen sie begleite, und Möllners hatten, wenn auch ungern, in diese Grille eingewilligt und waren zurückgeblieben, nachdem Johannes sie sorgfältig in den Wagen gehoben.
„Gretchen,“ sagte Ernestine, als sie fortfuhren, „schon zweimal erwähnte Johannes, daß in den nächsten Tagen seine und seiner Mutter Übersiedlung in die Stadt geschehen müsse, da seine Vorlesungen wieder beginnen. Du hast es gehört, wie sie es als selbstverständlich betrachten, daß wir Beide sie begleiten. Ich habe bis jetzt immer ausweichend geantwortet, aber nun muß es sich endlich entscheiden, was ich tun soll. Gretchen, Du hast mir seither so oft gesagt, daß Dein Seelenfrieden davon abhänge, mich zu unterstützen, so lange ich Deiner bedürfe.“ Sie sah das Mädchen prüfend an: „Wenn ich Dich nun beim Wort nähme?“
„So würde ich es halten, denn ich habe es nicht nur Dir, ich habe es dem lieben Gott gegeben,“ sagte Gretchen. „Sprich, Ernestine, was kann ich für Dich tun?“
„Das Größte!“ rief Ernestine. „Du kannst mich davor bewahren, Almosen empfangen zu müssen!“ 
„Wie das?“
„Gretchen, kannst Du Dir denken, was es für mich wäre, noch mehr Wohltaten in Anspruch nehmen zu sollen von Menschen, denen ich so gerne ebenbürtig vergelten, die ich überströmen möchte mit tausendfachem Lohn für Alles, was sie an mir getan? O, ich weiß es nicht, ob Du diesen Stolz kennst, ob Du mich verstehen wirst, wenn ich Dir sage — lieber will ich mir mit meiner Hände Arbeit mein Brot verdienen, als das Gnadenbrot essen bei Menschen, über die ich mich einst so hochmütig erhoben — die ohnehin schon mehr glühende Kohlen auf mein Haupt gesammelt, als ich ertragen kann. Du schüttelst den Kopf? Dein Vater, Gretchen, würde mich verstehen, die Worte, die er mir am letzten Abend über diesen Punkt gesagt, sind unvertilgbar in mein Gedächtnis eingeprägt.“
„Verzeih, Ernestine, — es steht mir nicht zu, meinen Vater bei Dir noch tiefer herabzusetzen, aber da kann ich nicht schweigen! Ich habe die traurige Überzeugung, daß mein Vater Dich niemals gut beraten hat. Glaube mir — auch darin hatte er Unrecht. Er kannte Möllner nicht, er hatte keine Ahnung von einer so tiefen, treuen Liebe, wie die Möllners für Dich. Willst Du dem Mann, der so viel für Dich getan, willst Du ihn zum Dank unglücklich machen? Und das geschieht, wenn Du Dich weigerst, mit ihm zu gehen. Nein, Ernestine, das verstehe ich freilich nicht, daß man aus lauter Stolz einem Menschen das Herz brechen kann!“
Ernestine schwieg einige Minuten, dann sagte sie: „Gretchen, Du bist ein Kind — ich kann Dir nicht erklären, daß es Begriffe von Ehre gibt, denen das ganze Lebensglück zum Opfer fallen muß, wenn die Verhältnisse es erfordern. Du weißt es vielleicht nicht, daß mir Möllner seine Hand angeboten und daß ich sie ausschlug, da ich noch reich und unabhängig war, weil ich die Bedingungen nicht erfüllen mochte, die er mir gestellt. Sein Benehmen nach jenem Vorfalle gab mir keine Versicherung, daß er mich noch liebe, auch zu den Opfern, die er mir jetzt gebracht, ist ein so großer Mensch wie er fähig, — selbst wo er statt Liebe nur Mitleid empfindet. Wenn er mich aber auch liebte — könnte ein Herz Wert für ihn haben, auf dem der Verdacht ruht, daß es sich ihm nicht aus freier Wahl, sondern im Drang der Notwendigkeit hingegeben? Nein, Gretchen! Auf einem Boden, den solcher Argwohn unterwühlt, läßt sich kein festes Glück erbauen. Jetzt ist der Augenblick nicht, wo ich meine Weigerung, seine Gattin zu werden, widerrufen dürfte, jetzt nicht! — Eine Demütigung in diesem Augenblick würde mir fürs ganze Leben die Schamröte auf die Stirne treiben. Vielleicht ist es mir doch noch vergönnt, mit redlicher Arbeit aus eigener Kraft mich zu erheben. Vielleicht ist es mir möglich, mir eine Stellung zu erringen, die mich wieder als ein unabhängiges, ebenbürtiges Wesen ihm gegenüberstellt. Dann ist es ein Anderes, dann weiß er, daß ich mich ihm hingebe aus freier Wahl, daß ich für ihn ein Opfer bringe aus Liebe, nicht aus Zwang! Begehrt er mich dann — o Gretchen — es wäre ein Glück, an das ich kaum zu denken wage!“
Gretchen küßte eine Träne von Ernestinens bleicher Wange und sagte sanft: „Du bist nun einmal anders als alle Menschen, — aber wie Du auch bist — immer edel! Ich habe kein Recht, Deine Art und Weise einer Beurteilung zu unterwerfen. Wenn Du sagst: „So soll es sein!“ so muß ich mich fügen, denn ich habe Dir gegenüber keinen Willen, als den, Dir zu gehorchen.“
„Gehorchen, Gretchen, sollst Du mir nicht, sondern mich leiten in einer Welt, in der ich so fremd bin. Deinen Arm sollst Du mir leihen, mich zu stützen, bis ich für mich selbst stehen kann. Willst Du das?“
„Ja!“ sagte Gretchen leise. Sie dachte an Hilsborn, an dessen Schmerz, wenn das Ziel seiner Wünsche noch länger hinausgeschoben würde, — an ihre eigene Sehnsucht. Und sie wollte sich ein Herz fassen und der Freundin sagen, daß sie liebe und geliebt sei, daß sie ihr ein Obdach bieten könne für immer. Aber sie besann sich. — Ernestine würde nimmer von ihr und Hilsborn annehmen, was sie von Möllners zurückwies. Sie konnte ihr keinen solchen Vorschlag machen, ohne sie tief zu verletzen, und wenn Ernestine erfuhr, daß Gretchen Braut sei, dann verschmähte sie sicher jede Hilfe und jeden Dienst, um ihr bräutliches Glück nicht zu beeinträchtigen. Das stolze Wesen ertrug ja den Gedanken nicht, irgend Jemandem zur Last zu fallen. Weil Gretchen dies von Anfang an gefühlt, hatte sie darauf bestanden, daß man Ernestinen ihre Brautschaft verberge und nun — sollte sie selbst es verraten? Nein! Gretchen gewann es über sich, zu schweigen.
„Ich will Dir meinen Plan mitteilen,“ begann Ernestine. „Den Gedanken, nach Amerika zu gehen, habe ich natürlich aufgegeben. Ich könnte ohne männliche Hilfe der Aufgabe, die mir dort gestellt ist, nimmer genügen — ich brächte es auch nicht mehr über mein Herz, die Heimat und Alles, was mir lieb, um des kalten Ruhmes willen zu verlassen! — Ich will als Lehrerin der Naturwissenschaften in ein Institut zu kommen suchen, oder wenn mir das wider Erwarten nicht gelingt, als Erzieherin in ein Privathaus. Ich sehe aber ein, daß ich noch in Allem, was man von einer Frau in solch abhängiger Stellung verlangt, zu ungeschickt bin. Ich kann keine weibliche Arbeit, ich wäre nicht im Stande, mir nur ein Kleid auszubessern, geschweige denn einen mir anvertrauten Zögling zu dergleichen anzuhalten. Ich verstehe keine Kunst, ich weiß nichts von Allem, was man im Leben braucht, — und das, was ich weiß, braucht man im Leben nicht! So viel ist mir schon klar geworden, seit ich unter Menschen komme. Du, Gretchen, bist meine einzige Hoffnung — Du sollst mich das Alles lehren, denn Du bist ja Meisterin in den Dingen, die ein Weib kennen muß. Ich will fort von hier, fort aus der Gegend, denn wenn ich Möllners Augen nicht entrückt werde, ist weder für ihn noch für mich Friede. Er würde immer glauben, mich meinem Elend entreißen zu sollen, es wäre ein fortwährender Kampf. Da dachte ich nun, wenn wir Beide zusammen in irgend eine kleine Stadt zögen, so weit von hier, als meine Mittel es erlauben, und Du mir ein paar Monate Deines jungen, hoffnungsvollen Daseins widmetest, bis ich so weit wäre, daß ich in einen — Dienst treten könnte,“ sie sprach das Wort mit Überwindung. „Wäre das wohl von mir zu viel verlangt? Dir, Gretchen, steht die Welt offen, Jeder nimmt Dich mit Freuden auf, wenn Du aus der Verborgenheit wieder unter die Menschen zurückkehrst. Möllners Haus ist Dir eine sichere Heimat, wo Du auf Händen getragen wirst — willst Du das Alles mir für eine Zeit lang opfern?“
„Mit tausend Freuden,“ sagte Gretchen. „Aber teuerste Ernestine — haben wir die Mittel, diesen Plan auszuführen? Alles, was ich besitze, sind drei Goldstückchen, die fand ich in der Tasche des Kleides, das mir meine Mutter anzog. Siehst Du, da sind sie, ich trage sie immer bei mir. Die Mutter hatte darauf geschrieben: „für das Nötigste.“ — Ich hatte Dir einmal eine Freude machen wollen, denn das ist und bleibt für mich immer das „Nötigste.“ Dies, liebe Ernestine, ist mein ganzer Reichtum — er gehört Dir, aber weit werden wir nicht damit kommen.“
„Du treue Schwester!“ rief Ernestine, „ich danke Dir. Wir sind nicht so arm, wie Du denkst. Es ist Möllners umsichtiger Fürsorge gelungen, meine Einrichtung vor den Übergriffen der Gläubiger Deines Vaters zu schützen. Ihr Verkauf trägt uns immerhin ein kleines Kapital, womit wir reichen werden, bis ich eine Stelle gefunden.“
„Ja, — es kommt darauf an — wie lange das dauert,“ meinte Gretchen bedenklich.
„Nun, ich denke, doch höchstens einige Monate.“
Gretchen erschrak, aber sie verbarg es und sagte ergeben: „So wollen wir wenigstens einen Ort wählen, wo ich etwas verdienen kann, sonst könnten wir eines Tages Hunger leiden.“
„Wie Du willst, Gretchen,“ erwiderte Ernestine, „wohin Du willst. Rate, beschließe — ich gebe mich blind in Deine Hände, — nur führe mich fort von hier, ohne daß ein Auge uns sieht und eine Hand uns zurückhält!“
„So soll es Niemand wissen? Ich darf es Niemandem sagen?“
„Gretchen, glaubst Du, man würde uns reisen lassen, wenn man unsere Absicht erriete? Wenn Du Dich nicht stark genug fühlst zu schweigen, so bekenne mir’s offen, denn dann gehe ich allein und ohne Dein Wissen.“
„O nein, Ernestine — ich lasse Dich nicht allein in die weite Welt ziehen. Gewiß nicht. Was wären alle meine Vorsätze und Schwüre, wenn ich nicht einmal die erste, die leichteste Probe bestünde? Aber es gibt noch einen Menschen, Ernestine, gegen den ich Pflichten des Gehorsams habe, es ist mein —Vormund! Ich bin nicht mündig wie Du, Ernestine, kann nicht tun und lassen, was ich will. Ihn muß ich fragen, ob ich mit Dir gehen darf und für ihn bürge ich Dir. Er muß mir im Voraus versprechen, daß er nicht verrät, was ich ihm anvertrauen werde, und dieser Mann hält, was er verspricht!“
Ernestine überlegte einen Augenblick. „Gut denn, ich sehe ein, daß Du das nicht umgehen kannst. Ich verlasse mich auf Dich! — In diesen Tagen fährt Johannes mit seiner Mutter in die Stadt, um für uns ein Zimmer in ihrem Hause zu rüsten. Wenn sie Abends zurückkommen, dürfen sie uns nicht mehr finden.“
„Mein Gott!“ sagte Gretchen, „mir ist, als verübte ich einen Verrat an den guten Leuten. Ich habe noch nie im Leben Jemanden hintergangen und komme mir vor wie eine Verbrecherin.“
„Gretchen, sie sollen nicht betrogen werden, nur einen Abschied will ich ihnen und mir ersparen, der uns Allen peinlich wäre — der Notwendigkeit will ich sie überheben, mich an dem zu verhindern, was sie selbst vielleicht doch in ihrem Innern als das Beste erkennen! Sind wir erst fort, dann wird’s mir wohl gelingen, meine Handlungsweise schriftlich vor ihnen zu rechtfertigen und sie werden mich verstehen!“
„Ach, Ernestine, ich will recht beten, daß Gott Dir mehr Liebe und weniger Stolz verleihe! Ich habe nur die eine Hoffnung, daß Dich’s bald reut und daß Du es doch nicht lange ohne den braven Mann aushältst, der Dich so sehr liebt und verdient!“
Ernestine sah schweigend aus dem Wagenfenster. Die Felder lagen kahl und öde vor ihr, aber die Spinngewebe, welche wie Netze die Stoppeln überzogen, glitzerten silbern in der Sonne. Hier und dort verbrannten die Bauern Kartoffelkraut auf den Äckern und die rote Flamme schlug lustig prasselnd durch den weißen Rauch, der von dem frischen Herbstwind niedergehalten am Boden dahinwallte. Auf den gemähten Matten hielten die Herden Nachlese und hoben die Köpfe, um dem vorübereilenden Wagen nachzuglotzen oder sich an einem kahlen Baumknorren die Hälse zu reiben und die Hörner zu wetzen. In weiter Ferne watete ein Jäger durch die fußhohen Schollen und vor ihm her zog bedächtig wedelnd sein Hund, ratlos im Zickzack suchend, bis ein Volk Hühner aufstand und der verhängnisvolle Schuß krachte. Eine schwere Weinfuhre kam mit melodischem Geläut des Weges, der Knecht hatte noch ein paar dürre Astern am Hut und knallte grüßend mit der Peitsche, als er in Gretchens frisches Gesicht sah. Der Spitz auf den Fässern kläffte wütend herunter und die vier schweißbedeckten Rosse zogen stampfend und keuchend ihre Last vorbei. „Überall wird eingeheimst für den Winter,“ sagte Gretchen. „Was das Bißchen Essen und Trinken für Arbeit kostet!“
Der Wagen bog in das Dorf ein und Ernestine rief dem Kutscher zu, er solle an das Schulhaus fahren. „Ich muß Leonhardt noch einmal sehen!“ sagte sie. Schnell war das alte kleine Haus erreicht und eines der niederen Fenster öffnete sich; die Schulmeisterin sah heraus, wer denn da angefahren käme? „Guten Tag, liebe Frau Leonhardt!“ rief Ernestine aus dem Wagen.
„Ach, Du meine Güte,“ schrie sie laut auf. „Trau ich doch meinen Augen kaum!“ Und sie tummelte sich, so schnell sie konnte, Ernestinen entgegen. „Nein die Ehre, die Freude, das gnädige Fräulein, wieder ganz wohl, ganz gesund und das andere Fräulein — die beiden lieben Damen! Bitte, bitte, treten Sie ein — ich will gleich den Vater holen — er ist eben mit Käthchen im Garten. Aber Walter ist im Hause. Ach, der ist so glücklich mit den Sachen, die ihm das liebe Fräulein geschickt. Er studiert Tag und Nacht. Wollen Sie nur einstweilen hineinspazieren!“ So sprach die alte Frau unaufhörlich in ihrer frohen Aufregung und versperrte mit ihren Bücklingen den Eintritt, zu dem sie Ernestinen so dringend nötigte.
„Ich weiß nicht,“ sagte Ernestine, „ich möchte wohl Vater Leonhardt im Garten aufsuchen.“
„Wie Sie wollen, wie Sie befehlen! Sehen Sie dort um die Ecke, da sitzt er und sonnt sich.“
„Geh einstweilen ins Haus, Gretchen,“ bat Ernestine, „ich komme gleich nach.“ 
Und sie ging, so rasch es ihre Kräfte erlaubten, um das Haus und nahte sich dem Greis, der das Kind eine Aufgabe hersagen ließ. Käthchen wollte ihr entgegenlaufen. Sie winkte ihm freundlich zu schweigen und kniete bei Leonhardt nieder. 
„Wer ist das?“ fragte Leonhardt.
Ernestine antwortete nicht, sie drückte einen Kuß auf seine Hand. Er lächelte in froher Erwartung. „O — es kann Niemand anders sein — das ist meine Tochter Ernestine?“
„Ja, Vater, Du hast’s erraten,“ sagte Ernestine. „Mein erster Gang ist zu Dir. Es ist trotz meiner Auferstehung dunkel in mir, bei Dir will ich mir Licht holen.“
„Du Licht holen bei mir, dem Du alles Licht bringst? Nun wohl, ich weiß, wie Du’s meinst und gebe Dir, was ich habe. Gott hat an mir durch Dich so viele Wunder getan — er fügt auch noch das hinzu, daß ich schlichter, alter Dorfschulmeister Dir etwas sein kann, Du hohes, auserwähltes Menschenbild! So sprich, Ernestine, warum will es noch immer nicht recht tagen in Deiner Seele, während doch in Dein Leben die Sonne so hell hereinstrahlt?“ 
„Schick das Kind weg, Vater!“ bat Ernestine leise. 
„Geh, liebes Käthchen,“ sagte Leonhardt.
„Zu Walter?“ fragte die Kleine vergnügt.
„Ja, wenn er nicht arbeitet — Du mußt eben einmal zusehen, ob er Dich brauchen kann.“
Käthchen stand noch und zögerte mit einem fragenden Blick auf Ernestine. Diese gewahrte es und reichte ihm freundlich die Hand: „Mein gutes Käthchen, kennst Du mich noch? Ich würde Dir gern einen Kuß geben, aber Du weißt, ich brachte Dir schon einmal Unglück durch meine Berührung!“
„O nein, das ist nicht wahr,“ sagte Käthchen und näherte sich Ernestinen, „ich fürchte mich gar nicht vor Ihnen.“
„Nun, so komm her, Du süßes Kind!“ und Ernestine zog die Kleine an sich, nahm sie auf den Schoß und sie küßten sich nach Herzenslust. Es war das ersten Mal in ihrem Leben, daß Ernestine ein Kind in den Armen hielt, und sie empfand diese reine Freude mit der ganzen Frische ihres neuerwachten Gemütes.
„Ach, Vater Leonhardt,“ sagte sie: „Wie viele Arten von Liebe gibt es doch! Und jede ist beglückend an sich. Ich gewann plötzlich eine ganze Menge von Wesen lieb, an denen ich früher achtlos vorübergeschritten wäre. Welch wunderbare Wandlungen sind das?“
„Es geht Dir wie dem Mann mit dem steinernen Herzen in Hauffs Märchen.117 Dein Oheim hatte Dir einen Stein in die Brust gesetzt und Möllner war der Schatzhauser, der Dir das eigene, warm pulsierende Herz wieder gab.“
Ernestine errötete bei diesen Worten, sie war froh, daß Leonhardt nicht sehen konnte, wie sehr. — Aber er sah es doch! —
„Wo Möllner ist, da ist Segen,“ fuhr der Greis fort. „So hat er auch wieder für dies Kind da wie ein Vater gesorgt. Ich weiß nicht, ob er Dir’s gesagt hat? Die Gräfin Worronska sandte richtig die vierzigtausend Rubel ein, und es ist seiner unwiderstehlichen Redegabe gelungen, den Starrsinn der Eltern zu brechen und sie zu vermögen, Käthchen in einem guten Institute erziehen zu lassen. In der nächsten Woche kommt es fort von hier.“
„Davon wußte ich nichts,“ sagte Ernestine.
„Ja, ja — er spricht nie von seinen Verdiensten, der merkwürdige Mann!“ meinte Leonhardt. „Und wie weise hat er Alles geordnet und eingerichtet, damit dem Kinde sein Eigentum vor unvernünftigen Eingriffen der Eltern gewahrt bleibt — er ist wahrlich ein Wohltäter aller Menschen.“
„Ein Wohltäter aller Menschen —“ murmelte Ernestine. „Umso weniger darf sich aber dann auch der Einzelne dessen rühmen, was er für Alle tut ohne Ansehen der Person.“
Leonhardt richtete unwillkürlich die toten Augen nach Ernestinen, als wolle er sie auf dieses Wort hin ansehen. Dann sagte er: „Geh jetzt, mein Käthchen, geh ins Haus, das Fräulein kommt auch bald nach.“ 
Käthchen ging hinein. Als es in die Stube trat und Walter nicht dort fand, lief es zu ihm auf sein Studirzimmerchen. Es schmiegte sich vergnügt an ihn und sagte sehr geheimnisvoll: „Du — das Fräulein vom Schlosse hat mich wieder geküßt!“
„Was Tausend!“ lachte Walter: „Spürst Du noch nichts?“
„Ach bewahre,“ rief Käthchen überlegen: „Sie kann ja nicht hexen.“
„Ich möcht’s nicht probieren,“ sprach Walter mit einem unwillkürlichen Seufzer, „ich glaube, wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre — ich hätte den Zauber schon gefühlt!“
„I warum nicht gar — Du hast mir ja selbst gesagt, man dürfe nicht an so etwas glauben,“ meinte Käthchen. 
„Nun, Käthi,“ scherzte der junge Mann, „es wäre doch aus Vorsicht gut, wenn ich Dir’s wieder wegküßte, das kann keinenfalls schaden. Wohin hat sie Dich geküßt? Dahin?“
„Ja und dahin, auf die Stirn und den Mund und auch auf die Stelle, wo mein Arm fehlt.“ —
„Nun, das wollen wir Alles wieder wegbringen!“ rief Walter und küßte das Kind herzhaft ab. „So nun mach, daß Du fortkommst, denn ich muß arbeiten!“
„Ach, Du mußt auch immer arbeiten!“ klagte Käthchen.
„Ja, Ihr Schulkinder habt’s gut! — Ihr dürft nach der Schule herumspringen und spielen, bei mir fängt dann das Lernen erst recht an! Das könnt Ihr Euch freilich nicht denken. Nun geh, herziges Ding, und wenn das Fräulein aus dem Garten kommt, so lauf schnell und hole mich.“
„Ja, ja, das will ich tun. Adjes, Du lieber Herr Schulmeister! Und höre, nicht wahr, Du sagst es aber Niemanden, daß ich mich habe vom Fräulein küssen lassen — sie schelten und spotten mich sonst wieder aus.“
„Nein, ich will’s verschweigen — wir klugen Leute brauchen den dummen nicht Alles auf die Nase zu binden. Aber höre, lieber als mich darfst Du das Fräulein nicht haben — sonst sag’ ich’s Deiner Mutter.“
„O nein! Du bist mir doch der Allerliebste auf der ganzen Welt!“ beteuerte Käthchen und warf zu mehrerer Bekräftigung die Tür recht derb hinter sich ins Schloß. Es trippelte seelenvergnügt in die Wohnstube hinunter, wo Gretchen noch allein bei Frau Leonhardt saß; das Kind schloß eine rasche Freundschaft mit jener, die ihm nun, da es doch nicht bei seinem angebeteten Schulmeister Walter sein durfte, für den Augenblick genügte. Frau Brigitte hatte in gewohnter Weise die Unterhaltung durch Beschäftigung der Kauwerkzeuge ihrer Gäste zu erhöhen gesucht. Sie hatte ein Körbchen voll schöner Äpfel und Trauben auf den Tisch gestellt. Sie tat es nun einmal nicht anders! Käthi war mit dieser Einrichtung äußerst einverstanden und die Zeit verging ihr sehr schnell. Sie hatte kaum den dritten Apfel verzehrt, als Ernestine mit Leonhardt eintrat. Beide waren stillbewegt. Beide hatten rotgeweinte Augen.
Käthchen wollte hinaus, um Walter zu rufen, wie er befohlen.
„„Bleib, Käthchen,“ sagte Ernestine, „ich will selbst mit Herrn Leonhardt hinaufgehen und sehen, ob und was er gearbeitet.“
„Ach Gott, das gnädige Fräulein wollen sich doch nicht in die Dachkammer bemühen?“
„Liebe Frau Leonhardt,“ sagte Ernestine mit trübem Lächeln, „mein Weg geht von nun an wohl nur noch durch Dachkammern.“
Und sie nahm Leonhardts Arm und überließ die alte Frau ihrer Verwunderung.
Walter sprang wie von Glut übergössen von seinem Sessel empor, als Ernestine mit seinem Vater eintrat.
„O mein Gott — Sie kommen zu mir?“ rief er: „Sind Sie es denn, oder ist es die verkörperte Wissenschaft, die sich meines Strebens erbarmen will und zu mir niedersteigt, um mir zu helfen?“
„Walter, Sie beschämen mich,“ sagte Ernestine.
„Ich Sie beschämen?“ rief der schwärmerische junge Mann. „Sie, den Inbegriff aller Größe, aller Geistesherrlichkeit, vor dem ich nur ein Schüler, ein Bettler bin?“
„Walter, sprechen Sie nicht so mit mir. Sie wissen nicht, was Sie tun! Ich habe mich unter vielen Schmerzen bescheiden gelernt, habe mich zu der Demut meines Geschlechtes zurückgerungen nach manchem blutigen Sieg über mich selbst — aber noch bin ich schwach und solche Worte könnten leicht den kaum bewältigten Ehrgeiz wieder wecken. Sie meinen es gut, Walter, aber ich darf an der Grenze meines verlassenen Reichs keine Stimme mehr hören, die mich zurückruft in die alte geliebte Geistes-Heimat. Ich komme, um Abschied zu nehmen, Walter. Ihr Vater wird Ihnen sagen, warum und wohin ich gehe!“
„O, Fräulein Ernestine,“ klagte Walter, „Sie wollen fort und, wie es scheint, auch der Wissenschaft entsagen?“
„Ich muß entsagen, Walter, und wenn auch vielleicht nicht der Wissenschaft, so doch der Forschung. Ich muß durch mein Wissen mein Leben fristen und das kann ja eine Frau in unserer Zeit nur als Lehrerin. Ich werde mich begnügen müssen, in einem Mädcheninstitut vor einem Auditorium von — Kindern meine Vorlesungen zu halten. Die Männer wollen nun einmal kein Weib zum Professor — und der Mann — will keinen Professor zum Weib! So oder so bin ich unmöglich, die Welt ist anders als ich träumte, sie hat keinen Raum für das Streben einer Frau, und um mir ihn zu schaffen, dazu bin ich zu schwach.“
„Schade, schade!“ sprach Walter, „wenn solch eine Frau sich erst Raum erkämpfen muß. Auf Händen sollte man sie tragen, auf ein Piedestal stellen, und war’s nur um der erhabenen Schönheit eines solchen Geistes in solchem Leibe willen!“
Leonhardt zupfte den leidenschaftlichen Sprecher am Ärmel.
„Nein, Vater, ich will reden, ich will dem Zorn Luft machen, der schon lange in mir gährt, dem Zorn über die Engherzigkeit, die solch eine Erscheinung, statt die Majestät der Menschennatur in ihr zu verehren, zum schnöden Kampfe ums Dasein verdammt.“
Ernestine verhüllte das Gesicht mit beiden Händen, ein schwerer Seufzer rang sich aus ihrer Brust.
Leonhardt schüttelte mißbilligend das Haupt gegen seinen Sohn: „Es ist nicht gut, Walter, einem Men­schen, der entsagen muß, die Entsagung schwer zu machen. Ernestine ist und wird immer groß sein — und in der Bescheidung, die sie sich jetzt auferlegt, am größten. Wir, Walter, können die Welt nicht anders machen und Ernestine ist ein Weib — sie muß sich fügen.“ 
„Ja, fügen!“ wiederholte Ernestine und man hörte deutlich, wie sie in neu ausbrechender Qual die Zähne übereinander biß.
„Fräulein Ernestine,“ flehte Walter, „verzeihen Sie mir, daß ich Sie erregt und kaum Begrabenes aufgerüttelt habe. Das war gut gemeint, denn mit welchem Schmerz ich Sie aus dem Bereiche scheiden sehe, in dem ich heimisch werden will, das kann ich Ihnen nicht sagen. Es ist mir zu Mute wie dem Künstler, den seine Muse verläßt, wie dem gläubigen Schwärmer, dem seine Heilige den Rücken wendet.“
„Walter,“ sprach Ernestine gefaßt, aber mit gehobener Brust: „In Ihren Worten liegt eine schwere — und, wie ich hoffe, letzte Versuchung. Ich will sie bestehen, und wenn Sie älter sind, dann werden Sie erst begreifen, wie ich es konnte. Sie sind eben noch sehr jung, Walter, ich weiß, wie man da denkt und fühlt, es ist ja nicht so lange her, daß ich es auch war, eigentlich kaum sechs Wochen! Ich bin in der kurzen Frist um sechs Jahre gealtert und betrachte mich selbst und die Menschen mit andern Augen, denn ich kämpfe jetzt, wie Sie sagen, einfach den Kampf ums Dasein!“
Sie näherte sich einem Büchergestell, auf das ihr gegenüber soeben schräge Sonnenstrahlen fielen. „Ja, mein alter Darwin — Dein erlauchter Name glänzt mir noch einmal entgegen — jetzt erst verstehe ich Dich ganz und ahne etwas von dem hehren Grabesfrieden Deiner Lehre!“
Sie reichte Walter unter Tränen die Hand: „Ihnen danke ich, daß Sie mir noch für einen Augenblick die Genugtuung gewährten, mich als <<große Frau>> zu empfinden. Es war ein schmerzliches, aber doch ein Glück!“
Walter betrachtete sie mit Begeisterung: „O glauben Sie mir, die Wissenschaft, nach der ich strebe, wird mir immer in Ihnen verkörpert bleiben, wird immer nur Ihre Züge tragen. Und wenn etwas aus mir wird, — dann haben Sie es aus mir gemacht. Wie Sie mir äußerlich die Utensilien liehen, ohne die ich meine Studien nie fortsetzen gekonnt hätte, so streuten Sie mit Ihrem schöpferischen Geist tausend Gedankenkeime in mir aus, die, wie ich hoffe, mit der Zeit zur Reife kommen sollen, und Ihr Beispiel lehrte mich das Glück der Arbeit erst erkennen. Wer soviel für einen Menschen getan, der darf sich dreist als das empfinden, was Sie mir ewig bleiben werden: eine Vorsehung.“
„Walter, dies Wort aus einem Munde, der berufen ist, die Wahrheit zu verkünden, wie selten einer — dieses Wort lohnt ein ganzes Leben der Mühe! — Sie haben eine große Zukunft, Walter; wenn ich denken darf, daß ich in meiner Art etwas dazu beigetragen, Sie Ihrer Bestimmung näher zu bringen, dann will ich getrost herniedersteigen aus meiner geträumten Höhe, denn dann habe ich nicht umsonst gearbeitet und gestrebt! — Ich muß nun fort.“
Sie sah sich im Zimmer um, wo ihr Blick hinfiel, lag und stand einer ihrer Apparate, sie faltete die Hände: „Diese Sachen, Walter, bewahren Sie mir treulich auf — vielleicht kommt einmal der Augenblick, wo ich sie zurückverlange“ — sie kämpfte eine Träne hinunter — sie wußte, daß dieser Augenblick nie kommen werde: „Bis dahin,“ fuhr sie fort, „betrachten Sie Alles als Ihr Eigentum.“ — Ihre Augen ruhten wehmütig auf den Gegenständen, die so lange ihre einzige Freude, die treuen Gefährten ihres Fleißes waren. „So fahrt denn hin! Ich entlasse Euch, Ihr dienenden Geister, die in jenen Geräten hausen und mir bald die Sterne nahe brachten, bald das Innere der Erde vor mir auftaten, ich kann Euch nicht mehr brauchen, denn ich muß zurück in die Prosa der Alltäglichkeit! Ich muß werden wie die Andern, — der Zauber ist aus, ich bin nicht wissend, nicht sehend mehr!“
Sie verließ geräuschlos das Zimmer. Walter warf sich Leonhardt, der ihr folgen wollte, in die Arme.
„Du weinst, mein Sohn?“
„O, Vater, ich weiß selbst nicht warum.“
„Ich verstehe Dich, mein Sohn: Du weinst um die verlorene Poesie des Lebens. Wem von uns wäre in seiner Jugend eine solche Träne erspart gewesen?!“
Eine Viertelstunde später flog der Wagen mit Ernestine und Gretchen durch das Dorf dem Schlosse zu und noch lange stand der alte Leonhardt unter der Haustür und lauschte dem sich entfernenden Rollen der Räder, da er dem Wagen nicht nachblicken konnte.
Ernestine saß in sich gekehrt, schmerzversunken da. Plötzlich klopfte sie dem Kutscher, er hielt die Pferde an. Sie waren vor der Kirche angelangt.
„Bleib hier und erwarte mich,“ befahl sie Gretchen, „ich will einen Augenblick da hineintreten.“ Sie stieg hinaus und näherte sich der Tür. Diese war nur angelehnt. Ihre Hand zögerte beim Öffnen. Was trieb sie so unwiderstehlich in die kleine, armselige Dorfkirche? Die Erinnerung!— Wie ein gemalter Vorhang, so schoben sich vor dieser engen Pforte die Erlebnisse, Gedanken und Gefühle der letzten zwölf Jahre zurück. Und es war wieder die Kirchtür in ihrer nördlichen Heimat, vor der sie stand zagend und verlangend, ein zweifelndes, verzweifelndes Kind. „Tritt hinein und lerne Dich beugen,“ sprach es in ihr wie damals. Und sie trat leise und schüchtern ein. Es war leer und still darin, denn es war Werktag und die Leute an der Arbeit. Die Wege zwischen den Stühlen waren mit grünem Buchs bestreut vom letzten Feiertage her und starker Weihrauchduft erfüllte den Raum. Durch die gemalten Fenster warf die Sonne bunte Lichter auf ein Marienbild. Eine aufgestörte Schwalbe, die den Sommer durch in dem Bogen der Kuppel genistet hatte, flog kreisend über Ernestinens Haupt hin, wie die Taube des heiligen Geistes. Ernestine schritt langsam an den stummen Beichtstühlen vorüber, wo so manches schwere Herz sich in brünstigen Bekenntnissen entlastet und Vergebung im Namen des Herrn empfing. Ernestine dachte mitleidig der Umwege, auf denen die irrende Seele hier zu Gott gelangen will. „Geradeaus zu ihm!“ rief es in ihr. Sie eilte rascher weiter auf dem weichen, grünen Boden dem Altar zu. War es derselbe, wo sie vor zwölf Jahren gekniet und geweint? Ob er es war — ob nicht — es war derselbe Gott, dessen Abbild hier wie dort von seinem Kreuze herabblickte und ihre Seele rührte wie einst! Sie stand vor ihm wie einst und sah, daß sie nur einen Kreislauf vollzogen, daß sie da wieder angekommen, von wo sie vor zwölf Jahren ausgegangen war.
Und sie breitete die Arme aus und warf sich auf die Knie nieder: „Vater,“ rief sie, „ich kehre zurück, nimm mich auf!“

Sechstes Kapitel
„Ums tägliche Brot!“
„Daß es auch gerade ein so harter Winter werden mußte,“ sagte Ernestine zu sich selbst und sah brütend durch die blinden Scheiben des kleinen Fensters, an dem sie saß, auf die nahen Dächer der Hofgebäude, die ihre Aussicht bildeten. Sie lagen voll Schnee, auch das äußere Gesims war weiß. Ernestine kauerte sich zusammen und wickelte die Hände in die baumwollene Schürze, die sie trug. „Nun, ich wollte ja Alles kennen, warum nicht auch die Not, den Hunger, die Kälte — diese großen Feinde, mit denen das Menschengeschlecht zu ringen hat? Ich hätte soviel über die Enthaltsamkeit philosophiert, da ich noch in der warmen Stube am gedeckten Tische saß — und sollte nun verzagen? Nein, der muß erst geboren werden, der mich um Hilfe rufen hört.“
Sie stand auf und ging festen Schrittes in dem engen Raum auf und nieder.
Es war eine finstere Mansarde, eine Art Küche, wenigstens stand ein Kochofen und ein Schrankchen mit etwas Geschirr darin. Der Boden war mit Steinen gepflastert.
Ernestine fror an den Füßen. „Was mag die Uhr sein?“ dachte sie. „Der Briefträger muß doch bald kommen. Es ist schrecklich, so ganz ohne Zeiteinteilung leben zu müssen.“
Sie horchte, ob sie keine Kirchenuhr schlagen höre. Sie trat zu dem Zweck an das Fenster und ihr Auge irrte über die weißen Dächer hin nach einer ferne aufragenden Turmspitze. Nicht einmal die Sonne war zu sehen durch die dichte Schneeluft. Es war ein echter Wintertag.
Geradeüber hauchte ein kleiner Junge runde Gucklöcher in die gefrorenen Scheiben und ein paar blaue Kinderaugen lugten hindurch zu ihr herüber. Sie nickte ihm, sie kannte den herzigen Nachbarsbuben gar wohl. Das Köpfchen hinter den aufgetauten Löchern nickte gleichfalls. Sie dachte an den kleinen Kay und an ihre nordischen Winter.118 — Da fing der Schnee vor dem Fenster sich an zu heben, wie eine weiße Wolke. Er verschleierte ihr den Ausblick, er formte sich allmählich zu einer menschlichen Gestalt, er bildete ein weites, wallendes Kleid; da begann zu funkeln und zu glitzern wie von silbergefaßten Diamanten übersät und ein Schleier wehte in den Lüften von gefrorenen Spinnenfäden gewoben. Unter dem Schleier aber schaute ein weißes Antlitz zu ihr herein, mit starren durchsichtigen Augen wie von Kristall und ein Diadem von Eistropfen glänzte auf dem schönen Haupte, das waren die Tränen Aller, die in Schnee und Eis umkamen, seit die Welt besteht und aller der Armen, die hungern und frieren zur Winterszeit; ein Diadem, wie es reicher an Perlen kein Monarch der Erde aufzuweisen hat. Einen Schild trug die mächtige Gestalt in der Hand, das war eine der Eisschollen, an denen die unzähligen Schiffe der Forscher scheiterten, die sich hinaufgewagt zum Nordpol in das unwirtliche Reich der Schneekönigin. Mit der andern Hand aber führte sie den kleinen Knaben von drüben, denn es gelüstete sie nach ein paar roten Korallen zu ihrem farblosen Ge­schmeide, nach ein paar Tropfen warmen Herzblutes. Das war die Schneekönigin aus den Märchenträumen von Ernestinens Kindheit. Aber sie war noch majestätischer, noch finsterer, als damals, und sie sprach eine andere Sprache zu ihr:
„Ich kenne Dich, Du hast mich nie so gefürchtet wie jetzt, da Dich kein warmes Dach, keine feste Mauer mehr vor meinem kalten Atem schützt. Aber ich tu’ Dir kein Leid, denn Du gehörst zu Denen, die an die Zukunft meines Reiches glauben, die da wissen, daß es sich in tausend und aber tausend Jahren über die ganze Erde verbreiten wird, wenn all’ die kreisende Kraft umgesetzt und alles Leben in ein anderes umgelebt ist! Ja, dann ist meine Zeit da — dann ist Ruhe, ewige Eisesruhe hier unten und ich lache der alten, ausgebrannten Sonne, wenn sie da oben hängen wird, eine verglühte Kohle und mich beneiden um den Schimmer meiner diamantenen Palläste, die sie nun nicht mehr schmelzen kann.“
So sprach die Schneekönigin zu der sinnenden Gelehrten und ein stiller Schmerz legte sich wie ein kalter Reif um ihr Herz, der Schmerz um das Ende alles Seins hienieden, der Schmerz um das „jüngste Gericht einer ewigen Eiszeit,“ wie du Bois sagt.

Die Schneekönigin war verschwunden und der kleine Kay mit ihr. Ein dichtes Schneegestöber verhüllte den Weg, den sie nahm.
Langsam und schwach, als wären sie eingefroren, und könnten nur schwer lostauen, fielen zwölf Schlage von der Turmglocke hernieder. 
Ernestine hörte es nicht. Sie saß gebeugten Hauptes am Fenster. Da war es, als riefe die Stimme der entschwundenen Schneekönigin zu ihr herab: „Tu’ die Augen auf und siehe!“
Und Ernestine schlug die Augen auf und sah — sah über Billionen Jahre hinaus. — Da stand die verglühende, licht- und kraftlose Sonne am Himmel, wie eine blutige Scheibe; die dichten, niederhängenden Wolken waren mit schmutzigem Rot angehaucht und trübe Dämmerung lag über der kalten Erde. Auf der starren Rinde krochen nur noch wenige elende, vertierte Geschöpfe zwischen unwirtlichen Schollen umher und suchten ihr Dasein von den spärlichen Resten einer verkümmerten Vegetation zu fristen.
Ernestine wandte schwermütig den Blick ab von dem unsäglich trostlosen Bilde.
Aber wieder mußte sie schauen, wie ihr befohlen war.— Wieder zogen Jahrtausende an ihr vorüber. Und immer dunkler wurde es und immer kälter. Die rote Scheibe verblaßte und alle Farbe mit ihr. Ernestine sah Alles nur noch Grau in Grau. Müde vom vergeblichen Kampf hauchte das letzte organische Leben den Todesseufzer aus und legte sich nieder zur ewigen Rast. —
Da war es endlich Nacht. Der Erdball drehte sich noch immer in blinder Gesetzlichkeit um die verkohlte Masse, die ihm einst Sonne war. Doch das nächtige Firmament war klar und wolkenlos, denn der abgestorbenen Erde entstiegen keine Dünste mehr, die sich verdichten und den Strahl der Sterne hemmen konnten. Und Ernestine sah bei ihrem Schein die tote Erde mit ihren unermeßlichen Bergen und Tälern von Eis, den gefrorenen Flüssen und Meeren — und der ewigen Stille und Ruhe, ein riesiges Grabmal alles Lebens. —
„Aber wo, wie, in welcher Gestalt regen sich nun die verwandelten Kräfte dieser verbrauchten Welt,“ fragte Ernestine, „denn verloren geht ja nichts im All?!“
„Ach Du lieber Gott, da sitzt sie in der kalten Küche und träumt,“ ertönte plötzlich eine frische, helle Stimme. „Kein Feuer auf dem Herd, keine Suppe gekocht — oder doch? Ja, aber wie: ganz verbrannt! Gute Ernestine, was hast Du denn wieder gemacht?“
Ernestine war aufgesprungen und starrte die Sprecherin an, als käme sie aus einer andern Welt.
Gretchen, denn diese war es, legte ein paar Schulbücher weg, die es unter dem Arm hatte, warf Kapuze und Mantel ab und machte sich über den verwahrlosten Suppentopf her. „Richtig, da hast Du zuerst ein furchtbares Feuer angezündet und Dich dann nicht mehr darum gekümmert. Die Brühe ist nicht abgeschäumt, das Rindfleisch angebrannt und doch noch halb roh. Du hast seit wenigstens einer Stunde nichts mehr nachgelegt.“
„Ach, es ist aber auch schlimm, daß wir noch meine Uhr verkaufen mußten,“ entschuldigte sich Ernestine. „Nun weiß ich gar nicht mehr, wie ich daran bin.“
„Ach geh,“ schalt Gretchen, „Du siehst doch, ob die Suppe kocht oder nicht, und ob das Feuer brennt oder nicht. Dazu brauchst Du keine Uhr! Wenn man recht will, geht Alles! Du hast mir oft genug bewiesen, daß Du schon ganz ordentlich kochen kannst, wenn Du Dir Mühe gibst. Aber man kann Dir nicht einmal Suppe und Rindfleisch anvertrauen, weil Du Alles vergißt, wenn Dir was durch den Kopf geht.“
„Gretchen, sei nicht böse,“ bat Ernestine.
„Ach ’s ist ja wahr, nun ist wieder das liebe, sauer verdiente Gut verdorben, wir haben keinen Groschen mehr im Haus und ich bekomme morgen erst mein Stundengeld.“ Gretchen traten vor Unmut die Tränen in die Augen: „Es ist mir ja mehr um Dich als um mich, — ich bin stark und brauche kein Fleisch, — aber Du, Du hättest doch an Dich denken sollen, wenn nicht an mich!“
Ernestine sah verlegen bald in die Kasserole bald auf Gretchen. „Du hast Recht,“ sagte sie, „es ist erbärmlich von mir, nicht einmal dafür zu sorgen, daß Du armes Kind, wenn Du ermüdet von dem schweren Tagewerk heimkehrst, womit Du Deinen und meinen Unterhalt bestreitest, einen warmen, genießbaren Bissen findest. Ich bin wirklich ein recht unnützes Geschöpf.“
Gretchen war durch diese Entschuldigung schnell versöhnt, sie lachte schon wieder und schlang ihre Arme um Ernestinens Hals: „Ach meine schöne, große, geistvolle Schwester, ich bin recht häßlich, Dich zu schelten. Da steht sie nun, diese königliche Ernestine und bittet um Verzeihung wie ein armes Aschenbrödel wegen einer verbrannten Suppe. Beruhige Dich, meine Seele, Du weißt es nicht, wie rührend, wie verehrungswürdig Du mir in dieser Demut erscheinst. Schau, niederknien möcht’ ich vor Dir, wenn Du’s nur leiden wolltest.“ Sie drückte einen Kuß auf Ernestinens Lippen: „Ach Gott, das arme, verlegene, bekümmerte Gesichtchen. Glaub, süße Ernestine, den Anblick dieses Gesichtchens gebe ich nicht her um alle Mahlzeiten der Welt,“ und sie brach in ein reizendes, kindliches Lachen aus.
Ernestine umschlang sie: „Du verziehst mich,“ sagte sie weich.
„O nein, das muß ich mir sehr verbitten,“ rief Gretchen, „ich erziehe Dich. Aber nun ist genug geschwatzt. Gehandelt muß werden und zwar rasch, denn ich muß um zwei Uhr wieder in meine Schule. Nüchtern können wir heute nicht bleiben. Das Fleisch müssen wir für heute Abend ausheben, es wird bis zwei Uhr nicht mehr gar. Es hilft nichts, wir müssen uns einen Eierkuchen erlauben.“
„Aber den laß mich machen,“ rief Ernestine, „setze Dich ruhig hin und raste, denn Du bist ermüdet.“
„O, Dich soll ich ihn machen lassen?“ fragte Gretchen. „Das wäre schön, wenn Du ihn auch noch verdirbst, dann haben wir gar nichts mehr zu essen, denn sieh“ — sie zog die Mehlschublade auf, „wir haben gerade noch Mehl für einen einzigen Eierkuchen, „entrönne dieser kraftlos meinen Händen, ich hätte keinen zweiten zu versenden,“ sagt Schiller.“
„Gretchen,“ bat Ernestine, „ich verderbe ihn gewiß nicht, ich möchte so gerne meine Ehre vor Dir herstellen, laß mich’s nur versuchen.“
„Liebste, beste Ernestine,“ klagte Gretchen, „glaub mir nur, zum Experimentieren reicht es nicht mehr bei uns. So lange wir noch Geld hatten, kam es mir auf ein verpfuschtes Gericht mehr oder weniger gewiß nicht an, aber jetzt müssen wir jeden Groschen zusammenhalten, es geht nicht anders.“ Und dabei rührte sie die Eier ein und Ernestine beeilte sich, Holz nachzulegen.
„Laß das nur,“ rief Gretchen, „wenn Du etwas tun willst, so mach den Salat an, wir haben noch ein Köpfchen Endivien dort im Korbe, aber spute Dich, denn der Eierkuchen ist gleich fertig.“
Ernestine schickte sich an, so schnell sie konnte, den Salat zu waschen und zu schneiden, sie wollte doch auch etwas tun.
Plötzlich hörte Gretchen, die mit der Pfanne am Herde stand, einen leisen Ausruf des Schreckens und als sie sich umwendete, sah sie Ernestinen in größter Bestürzung mit der Ölflasche vor dem Salat. „Was hast Du denn gemacht,“ rief Gretchen und eilte herbei. „Du wirst Dich doch nicht in der Flasche vergriffen haben?“ Sie roch an dem Salat und schlug die Hände zusammen: „Ei, du grundgütiger Himmel, sie hat richtig das Petroleum erwischt! Was fangen wir an? Nun können wir heute Abend im Finstern sitzen, der Wochenvorrat ist erschöpft! Schade um den schönen Salat und das schöne Petroleum, jedes an sich so wertvoll, aber Beides zusammen ganz unbrauchbar! Gute Ernestine, jetzt fordere aber auch nicht mehr, daß ich Dich heute in der Küche lasse, Du hast nun einmal einen Unglückstag.“ Sie band ihr mit komischem Pathos die Küchenschürze ab. „Ich entkleide Dich hiermit feierlich Deiner Würde. Du hast Dich heute nicht wert gezeigt, dieses Ornat zu tragen, geh in das Zimmer und warte dort ruhig, bis ich den Eierkuchen bringe.“ Damit schob sie Ernestine zur Tür hinaus.
Als sie zu ihr hineinkam, fand sie Ernestine mit rot geweinten Augen über einer Handarbeit sitzend. „Schätzchen,“ sagte sie, „ich glaube gar, Du weinst, das wäre noch schöner, wegen einer solchen Kleinigkeit! Sieh mal, ich muß doch ein wenig genau mit Dir sein, Du lernst mir ja sonst nie sparen und auf die Dinge achten. Ernestinchen, bist Du mir böse, weil ich Dich schalt? Geh, das war ja doch nur Scherz.“
„Wie könnte ich Dir zürnen, Dir! Über mich selbst weine ich, weil ich zu gar nichts auf der Welt nütze bin! Wenn ich Dich, Du Engel, nicht hätte, was würde denn aus mir? Kein Kind von acht Jahren kann unbeholfener und ungeschickter sein als ich. Wer hätte die Geduld mit mir, die Du treues Herz mit mir hast? Denkst Du denn, solch ein Gefühl sei nicht niederdrückend? Seit den zwei Monaten, wo meine Baarschaft zu Ende ist, ernährst Du mich mit schwerer, redlicher Arbeit und ich kann nichts dafür tun, als unser kleines Mittagsmahl bereiten, während Du im Institut bist — aber selbst das gelingt mir nicht einmal! Es ist eine Schande! Die kompliziertesten chemischen Mischungen habe ich gemacht und sollte keine gute Suppe kochen können? Die größten Schwierigkeiten habe ich überwunden und sollte einer so ge­ringfügigen Aufgabe nicht gewachsen sein? Nein, das darf nicht so fortgehen. Ich verspreche Dir, ich will mich von heute an zusammen nehmen und Du sollst nicht mehr fasten müssen, wenn Du aus der Schule kommst.“
„Ach, liebe Ernestine. Ich glaube nicht, daß Du diese Sachen je ganz lernst, Du bist eben zu groß zu solchen Dingen,“ meinte Gretchen.
„Das wäre eine schöne Größe,“ erwiderte Ernestine, „die das Kleine nicht zu vollbringen vermöchte, wo es Not tut! Mich hat stets das Schwere gereizt und seit ich sehe, wie schwer diese Kleinigkeiten sind — reizt es mich, auch sie zu können.“  
Gretchen zerschnitt den Eierkuchen und nötigte Ernestine zu speisen: „Tu nur die Arbeit weg, das Essen wird ja ganz kalt!“
Ernestine faltete einen Rock zusammen, an dem sie nähte: „Es geht mir doch noch gar nicht von der Hand. Hätte ich das alte Kleid lieber nicht zertrennt!“
„Ei, so konntest Du’s ja nicht mehr tragen, mit dem versengten Blatt. Aber ich will Dir heute Abend helfen. Ich bin Schuld, daß Du Dich verbranntest, warum ließ ich Dich einheizen? Da ist es nicht mehr als billig, daß ich den Schaden gut machen helfe. — Aber Ernestine, Du genießt ja nichts?“
„Ich kann nicht, Du weißt, die dicken Eierkuchen bringe ich nicht hinunter. Hättest Du’s nur mich bereiten lassen, ich hätte zwei aus dem Teige gemacht.“
Gretchen lachte hell auf: „Da, nun ist’s ihr wieder nicht recht — und sie hätte es viel besser gekonnt! Na, warte nur, übermorgen ist Sonntag, da bin ich zu Haus und Du kannst unter meiner Aufsicht kochen, wie Du magst. Du willst auch einen Sonntagsspaß haben, nicht wahr?“
„Ach Gretchen, ich muß so oft an die Staatsrätin denken, wie sie mich lehren wollte, Bohnen schneiden, und ich das so tief unter meiner Würde fand! Damals verstand ich sie nicht — jetzt habe ich sie verstehen gelernt!“ Sie sah trübe sinnend vor sich hin.
Gretchen beobachtete kopfschüttelnd den Rest auf Ernestinens Teller: „Du Kostverächterin Du, was gibt man Dir denn nun wieder zu essen? Es ist auch ein Unglück, daß Du einen so verwöhnten Gaumen hast und Dir das Zehnte nicht schmeckt.“
„O, laß mich nur, Gretchen. Ich halte es schon aus bis zum Abend, wo wir ja das Fleisch haben,“ versicherte Ernestine und nahm ihre Näherei wieder auf.
„Ach Gott, wenn Du mir nur erlauben wolltest, hin und wieder eine kleine Unterstützung von meinem Vormunde anzunehmen. Er ist ja so gut, er würde uns so gerne etwas geben!“
„Gretchen, was er Dir gibt, das geht mich nichts an,“ sagte Ernestine streng, „aber über meine Lippen kommt kein Bissen, der mir von ihm geschenkt wäre; sowenig wie ich eines der beiden Kleider ange­nommen hätte, die er Dir schickte. Gretchen, es ist wohl hart von mir, denn ich zwinge Dich dadurch, mit mir zu darben, aber so Gott will,“ sie sprach den Namen Gottes mit mehr Ehrfurcht aus, als An­dere, die ihn zu nennen gewöhnt sind — „so Gott will, wird es ja nicht mehr lange dauern. Ich werde doch endlich eine Stelle bekommen— und dann, Du armes, treues Kind, bist Du erlöst, kannst zurückkehren zu Möllners oder wohin Du sonst willst und Dein junges Leben genießen. Ich will Dir’s nur gestehen, Gretchen, ich habe vorgestern wieder an den Agenten nach Frankfurt geschrieben und ihn bestürmt, doch Alles für mich aufzubieten. Sollte sich denn in dieser großen, weiten Welt gar kein Platz für mich finden?“ 
Sie fädelte mühsam eine Nadel ein und nähte emsig, aber schwerfällig weiter. Ein paar große Tränen fielen ihr auf die Arbeit nieder, sie wischte sie heimlich ab, Gretchen sollte sie nicht sehen. Es sah sie auch nicht, denn es räumte die Teller weg.
„Liebe Ernestine,“ sagte es, als es wieder hereinkam, „ich muß nun fort, denn es hat halb Zwei geschlagen. Nähe nicht zu lang in die Dämmerung hinein und mach Dir keine trüben Gedanken. Es wird Dich schon Jemand haben wollen. Freilich wär’s besser gewesen, wir hätten in Frankfurt leben können, statt hier heraus nach Röthelheim zu ziehen. Dann hättest Du immer gleich selbst mit den Leuten sprechen können. Aber in Frankfurt war es zu teuer und hier hatte ich doch gleich eine sichere Stelle. Ach, wenn Dich die Menschen kennten, wie ich, sie würden sich um Dich reißen. Brächte ich nur meine gute Direktrice dazu, Dich einmal zu sehen, sie könnte Dir nicht widerstehen! Nun lebe wohl, Liebste, Beste, — alle guten Geister seien mit Dir, daß Du Dich nicht fürchtest im Dunkeln, denn — Du weißt ja, wir haben heute Abend kein Licht!“
„Das tut nichts, Gretchen, da werde ich recht an Vater Leonhardt denken, der hat nie Licht, uns aber geht doch wieder die Sonne auf.“
„Ja wohl, Ernestine, daran halte fest: Uns geht doch wieder die Sonne auf,“ rief Gretchen noch unter der Tür.
„In diesem Sinne? Wer weiß?“ dachte Ernestine schwermütig.
Sie sah einen Augenblick unschlüssig nach dem kleinen, hochbeinigen Tisch hinüber, der ihr und Gretchen als Eß- und Schreibtisch diente. Sie hätte so gerne an Walter geschrieben. Es waren schon acht Tage her, seit sie einen Brief von ihm hatte und diese harmlose, wissenschaftliche Korrespondenz mit dem talentvollen, jungen Freunde war ihre einzige Freude, das einzige Band, das sie noch mit ihrem einstmaligen Beruf verknüpfte. Er gab ihr in jedem Briefe Rechenschaft über seine Fortschritte, forderte über Manches ihre Meinung zu hören und glühte stets für ihren Genius mit der gleichen Begeisterung. Sie konnte kaum der Versuchung widerstehen, so lange es noch hell war, an ihn zu schreiben, denn das Herz war ihr so voll von den wunderbaren Träumen dieses Morgens. Sie sehnte sich heraus aus der Prosa, die ihr wieder für Stunden alle Geister vertrieben hatte, wie man sich aus einer schmutzigen Umgebung sehnt.
Aber ihr Blick fiel auf das so notwendige Kleid zurück, das fertig werden mußte: „Nein, ich war heute morgen leichtsinnig und habe geträumt statt zu kochen. Ich will heute Nachmittag gewissenhaft sein und arbeiten.“
Sie setzte sich mit einem schweren Seufzer an das Fenster — und nähte so mühsam weiter, als habe sie mit der Nadel Worte für die Ewigkeit in eine Erzplatte zu stechen. „Übung macht den Meister,“ so hatte sie in der Schrift gesagt, welche ihr die Aufnahme unter die Hörer der Universität in N** verschaffen sollte. Damals ahnte sie noch nicht, welch traurige Nutzanwendung sie einst davon zu machen haben werde. Wenn sie nur die Schrift noch besäße, dachte sie. Die war in Möllners Händen geblieben und sie hatte versäumt, sie zurückzufordern. Was hatte er wohl damit angefangen? Sollte sie ihn darum bitten? O gewiß nicht. Er hatte ihr seit ihrer Flucht aus Hochstetten nur ein einziges Mal geschrieben und ihr später das Geld für ihr versteigertes Mobiliar geschickt, ohne ein Wort der Freundschaft, nur Geschäftssachen erörternd, die er mit einer Unbekannten ebenso verhandelt hätte! — Und welch ein Brief war der erste nach ihrer Flucht gewesen! Sie suchte ihn hervor, sie mußte ihn einmal wieder lesen, obgleich er so oft gelesen war, daß er kaum noch zusammenhing: 
Ich verstehe Dich, Ernestine. Ich habe es von Dir nicht anders erwartet. Es wäre ein Unrecht  an unserer Zukunft, Deinen Gefühlen Zwang anzutun. — Gott wird mir auch in diesem Dilemma einen Ausweg zeigen! Bis dahin lebe in Frieden und genüge einem Stolze, den nichts zu brechen vermag, davon habe ich mich überzeugt. Ich muß es der Zeit überlassen, ob er sich nicht in sich selbst verzehrt, ob ihm die Liebe nicht allmählich die Nahrung entzieht. Ich werde mich gedulden, wie ich es mußte, seit ich Dich kenne. Du trägst eine Macht in Dir, die ich bei keinem Weibe vorausgesetzt, mit der ich erst lernen mußte, zu rechnen. Ich gönne Dir den Triumph, den Dir dies offene Geständnis bereitet. Es ist eine armselige Freude im Vergleich zu dem Glück, das Dir die Liebe bereiten könnte, wenn Du sie nicht verschmähtest. Ach, Ernestine, wenn ich Dich aus Deinem Elend hätte an meine Brust, an meinen Herd nehmen dürfen, da wäre ich mir erschienen wie ein Gott. Ein dankbares Lächeln von Dir wäre mein höchster Lohn gewesen. Doch Du willst es anders, Du willst, nachdem Du es verschmäht, mir Opfer zu bringen — nun auch keine Opfer von mir annehmen. Du willst Deinem Gatten als ebenbürtig gegenüberstehen in jeder Hinsicht, es ist Dir unerträglich, eines Menschen Schuldnerin zu sein! — Ich vergebe Dir diesen Stolz, denn er entspringt im Grunde nur aus übertriebener Bescheidenheit.  Weil Du Dich selbst unterschätzest — weil Du keine Ahnung hast von dem mächtigen Reiz Deiner Persönlichkeit, von der beglückenden Kraft Deines Wesens — deshalb glaubst Du nicht, daß Du einen Schatz mitbringst, gegen den alle Reichtümer der Welt zu Nichts verschwinden.  Ich bin vielleicht selbst Schuld daran, ich habe in meiner strengen Grundsätzlichkeit manche Gelegenheit versäumt, wo ich Dir diesen Glauben einflößen konnte. Aber Ernestine, das wahrhaft demütige Weib fragt nicht: wie viel empfange ich und wie viel kann ich vergelten?  Es nimmt liebend hin, was ihm liebend ge­boten wird, und findet ein Glück darin, dem Manne, der ihm Alles ist, auch Alles zu verdanken! — Es gibt ihm, so viel es kann dafür und schmälert ihm nicht  die edelsten Freuden: die, für sein Weib arbeiten und sorgen zu dürfen mit eigener Hand. Es trägt die Fessel der Abhängigkeit gerne, die eine solche Stellung ihm auferlegt, denn es empfindet sie nur als ein Band, durch das es um so fester mit dem Gatten verknüpft ist. Du kannst nicht so empfinden, Ernestine, es wäre unrecht, es von Dir zu fordern — und Du täuschtest Dich, wenn Du fürchtetest, ich würde Dich mit Gewalt zurückhalten. Gewalt brauchte ich nur so lange es galt, Dich einer Gefahr zu entreißen. Aber von nun an sind Deine Wege sicher; die Welt wird Dir, wohin Du kommst, nur eine Schule sein und einer solchen bedarfst Du! So lenke Deinen Schritt, wohin Du willst und erprobe das Recht der freien Selbstbestimmung, um das Du Dich so hartnäckig wehrtest. Ich will nichts er­zwingen, was nur beglücken kann, wenn es freiwillig gegeben wird. Du hattest daher nicht zu fliehen und meiner Mutter, die Dich so treu gepflegt, nicht den Abschiedsgruß zu weigern gebraucht. Es tat ihr weh, daß Du sie so verlassen konntest, die es so gut mit Dir vorhatte! Von dem, was ich gefühlt, als ich statt Deiner die wenigen Zeilen in Deiner verlassenen Wohnung vorfand, will ich schweigen, es gehört nicht hierher, Du mußt die Würde Deines Geschlechtes wahren — und bei einer so wichtigen Aufgabe kommt ein zerstörtes Lebensglück nicht in Betracht!
Lebe in Frieden! Und kann ich Dir in irgend etwas förderlich sein, so gebiete über mich.
Johannes
Sie war Gretchen ohnmächtig in die Arme gesunken nach Empfang dieses Briefes.  Dann kam der Name Möllners nicht mehr über ihre Lippen — und es waren seitdem fast fünf Monate verstrichen. Vor sich selbst hatte sie ihn nicht erwähnt, als wenn sie einen besonderen Anlaß dazu hatte, wie soeben, wo es sich um ihre Schrift handelte. Aber auch dann strafte sie sich dafür, indem sie ihre Gedanken schnell auf etwas Anderes lenkte. Woher die Tränen kamen, die ihr dann immer über die Wangen rieselten? Die starre Hülle, die sie um ihr Herz gezogen, hatte doch irgend einen verborgenen Riß und der Schmerz sickerte durch, ohne daß sie es wußte, bis er ihr in schweren Tropfen vom Auge fiel. — Ihre steifen, kalten Hände zitterten, da sie sich mit dem Tuche abwischte. Sie würgte standhaft die Tränen hinunter, die immer reicher quollen, sie dachte, es sei nicht geweint, wenn man die Tränen hinunterschlucke, die das Herz vergießt. Sie wußte nicht, daß das ein doppelt bitteres Weinen sei!
So kam die Dämmerung mit ihren Schatten. Ernestine sah nicht mehr zur Arbeit. Sie hatte noch ein Endchen von einer Kerze und zündete es an, aber es brannte kaum eine halbe Stunde. Dann verlosch es und tiefes Dunkel umgab sie. Sie fing an, die schmalen Betten abzudecken, die an der Rückwand des Zimmers standen. Sie erinnerte sich dabei der guten Willmers. Es war doch edel von Möllners, daß sie die treue Frau in ihre Dienste genommen hatten. Da war sie schon wieder mit ihren Gedanken bei ihm! Welche Schwäche! Es wurde immer dunkler in dem engen Raume. Die Scheiben begannen zu frieren und die Eisblumen glitzerten in Regenbogenfarben im Scheine eines Lämpchens, das drüben bei den Nachbarn angezündet ward. Die waren wohl reicher als Ernestine — denn die hatten doch Licht. Sie hatten freilich das Petroleum nicht an den Salat gegossen, sie hatten aber auch nicht die Schneekönigin zum Besuch gehabt! Ernestine setzte sich müde an ihr Bett und ließ den Kopf auf die Decke sinken. Es dachte sich viel besser, wenn der Körper so willen­los ruhte.
Wie elend hatte sie vor sechs Monden auf ihrem schwellenden Lager in Hochstetten gelegen. Und wie hatte sie sich um ihr Leben gesorgt. Wäre denn an diesem Leben so viel verloren gewesen? Da war es ihr, als faßte eine weiche, kräftige Hand die ihre und ein rascher, ängstlicher Atem wehte sie an. Sie kannte diesen reinen, warmen Hauch, der so oft mit teilnehmenden Fragen über ihr heißes Gesicht hingeglitten war und kannte diese schwere und doch so milde Hand, die sich so oft auf ihr Herz gelegt, um seinen Schlag zu prüfen. Und sie hätte sie nur zu halten gebraucht, diese schützende, pflegende Hand, so säße sie jetzt nicht einsam im Finstern! — „O Johannes!“ rang sich’s aus ihrer Brust hervor und sie streckte die Arme aus mit schmerzlicher In­brunst. — Da stolperte etwas die Treppe herauf, das konnte nicht Gretchen sein. Es klopfte an die Tür. „Wer ist da?“ rief Ernestine erschrocken.
 „Briefträger,“ ertönte von Außen eine rauhe Stimme.
„Ach, das ist eine Nachricht vom Agenten.“ Ernestine öffnete hastig.
„Vier Kreuzer!“ sagte der Mann, ihr den Brief übergebend.
Ernestine stand ratlos. „Hat er nicht frankiert? „Mein Gott — ich, ich habe nicht einen Kreuzer bei mir. Wir bekommen erst morgen wieder Geld.“ —
„Nicht einmal vier Kreuzer und kein Licht? Hm, hm! Solch schöne Damen und keinen Kreuzer in der Tasche? Na, wissen Sie — Sie können mir’s morgen zahlen. Ich gebe Ihnen schon so lange Kredit.“
„Ich danke Ihnen, — Sie sind sehr freundlich!“ stammelte Ernestine in tiefster Beschämung. Soweit war sie gekommen, daß sie dem Postboten das Porto schuldig bleiben mußte.
„Haben Sie denn nicht einmal ein Licht, daß Sie mir hinunter leuchten könnten? Man bricht ja auf der steilen Treppe Hals und Bein.“
„Kommen Sie, ich führe Sie hinab. Ich kenne den Weg — und ich muß doch hinunter und meinen Brief bei einer Laterne lesen.“
„Du lieber Gott, was für eine Armut. Gehen Sie doch zu den Hausleuten hinein, die werden Ihnen schon ein altes Stümpchen geben.“
„Nein, das will ich nicht. Es sind keine anständigen Leute da unten, ich mag mit ihnen nichts zu tun haben. Je ärmer man ist, desto stolzer muß man sein; sonst sinkt man zu tief! Sie sind ein braver Mann, Herr Bittner, Sie werden es Niemanden erzählen, wie Sie es bei mir gefunden.“
„I nu, nein! Aber geholfen sollte Ihnen doch wohl ein Bischen werden,“ meinte der Mann im Hinuntersteigen, „ich sehe ja, seit Sie hier sind, wie schwer Sie sich durchbringen. Na, mich geht’s nichts an. Ich kann nur wünschen, daß was Gutes in den Briefen steht, die ich bringe und das wünsche ich Ihnen recht von Herzen. Guten Abend!“
„Gott geb’s!“ sagte Ernestine und trat auf die Straße heraus, um beim Schein einer Gasflamme den Brief zu lesen. Wieder rieselte feiner Schnee herab. Die unsicher vorbeigleitenden Menschen sahen sie verwundert an. Das Blut stieg ihr vor Scham in die Stirn, aber sie konnte es nicht erwarten, den Inhalt kennen zu lernen, sie wußte ja, daß dieser Brief ihr Schicksal enthielt. Er war von dem Agenten in Frankfurt, der ihr eine Stelle verschaffen sollte und lautete kurz und bündig: 
Mein Fräulein!
Sie wollen von mir reinen Wein eingeschenkt haben, wie es kommt, daß ich keine Stelle für Sie ausfindig machen kann. Sie sollen ihn haben, denn ich lese sehr wohl zwischen Ihren Zeilen, daß Sie eine Lässigkeit bei mir voraussetzen, deren ich mich noch Niemandem, aber am wenigsten Ihnen gegenüber schuldig gemacht. Sie, mein Fräulein, sind lediglich selbst Ursache, wenn es mir schwer fällt, Sie zu plazieren. Eine Dame, die in einem so unvorteilhaften Rufe steht wie Sie, wird kein Agent der Welt in einem guten Hause unterbringen können. Niemand will das Wohl seiner Kinder den Händen einer Erzieherin anvertrauen, die gegen die Religion und für die Frauenemanzipation geschrieben hat wie Sie. Sie versichern mir freilich, Sie hätten Ihren Sinn ge­ändert und verwürfen diese Schriften jetzt selbst. Aber wer wird an ein solches von der Not abgezwungenes Bekenntnis glauben? Außerdem haben Sie sich in Ihrer Zeitungsannonce auf den Prorektor der Universität in N** berufen, ohne einen Namen zu nennen. Ich kann nur annehmen, daß Sie sich in der Person des Betreffenden geirrt haben, denn der jetzige Prorektor ist ein Professor Herbert, der Ihnen das allerschlechteste Zeugnis gibt und Ihnen schon drei gute Aussichten vernichtet hat, indem er die Leute ohne Weiteres auf Ihre atheistischen Schriften aufmerksam machte, nach deren Lektüre Sie dann Keiner mehr wollte.
Ernestine ließ erschrocken die Arme sinken. Sie hatte aus Zartgefühl Möllners Namen in den Zeitungen nicht nennen wollen — aber gar nicht bedacht, daß in diese Zeit der alljährliche Wechsel des Prorektorats fiel! Sie erinnerte sich, wie tödlich sie Herbert verletzt habe an jenem Abend bei Möllner, wo sie ihn ihre ganze Überlegenheit so siegreich fühlen ließ, und sie begriff sogleich, daß beleidigte Eitelkeit nie vergibt, daß sie sich an diesem Manne einen unversöhnlichen Feind gemacht hatte. Doch das war nur Nebensache. Wer vorwurfsfrei gelebt, dem könnte kein Feind etwas anhaben. Es war ihre Schuld, wenn Herbert durch sein Zeugnis ihre Aussichten vereitelte. Hatte er sie denn verleumdet? Hatte er nicht einfach auf die Bücher hingewiesen, die sie geschrieben? Sie hatte das Messer selbst geschliffen, das sich jetzt in der Hand dieses Menschen wider sie kehrte; — sie durfte nicht ihn — nur sich selbst anklagen.
So nackt war ihr das Gespenst ihrer Vergangenheit noch nie vor Augen getreten. Da stand sie, die sich dem Kampfe mit einer Welt gewachsen gefühlt, hungernd und frierend im Schnee und las bei einer Straßenlaterne das Anathema, das die Gesellschaft über die Revolutionärin ausgesprochen. Der Lauf der allgemeinen Ordnung, dem sie sich so vermessen entgegengestemmt, war über sie weggegangen und hatte sie unter seinem eisernen Tritte begraben. Sie war nichts mehr als ein hilfloses, verlassenes Weib.
Sie war fast unfähig, weiter zu lesen. Sie hielt das Blatt in den zitternden Händen, ohne die wenigen Worte des Bedauerns, die der Agent noch folgen ließ, entziffern zu können. Der immer dichter fallende Schnee durchnäßte das Papier, daß die Buchstaben in einander flössen und der rauhe Wind schlug es ihr fortwährend um.
Ihre Füße waren steif vor Kälte, sie wandte sich wieder dem Hause zu und tastete sich die dunkeln Treppen hinauf. Gretchen blieb auch heute gar so lange aus. Sie sehnte sich nach ihrem Trost und Rat, nach der Nähe des einzigen fühlenden Wesens, das sie noch auf Erden besaß.
Aber was sollte denn nun werden? Sie konnte doch nicht noch länger dulden, daß dies junge frische Leben seine besten Tage und Kräfte hingab, um sie zu ernähren? Sie konnte doch nicht noch länger von der Güte dieses Kindes abhängen? Was sollte sie beginnen? Sollte sie von Tür zu Tür betteln? Wie konnte sie sich durch Arbeit ernähren, da sie keine der Geschicklichkeiten besaß, wodurch etwas zu erwerben gewesen wäre? Sie hatte in den wenigen Monaten, seit sie mit Gretchen zusammen war, nur das Nötigste gelernt. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, wie schwer diese Dinge seien, die sie immer für so nichtig gehalten. — Sie war an der haarscharfen Grenze angelangt, wo der Mensch die Würde vor sich selbst einzubüßen Gefahr läuft, wo er kämpft ums nackte Leben! Sie rang die Hände und rief in die Nacht hinaus: „Gott, Gott erbarme Dich doch und zeige mir einen Weg aus dieser Erniedrigung!“
Aber dann stieg wieder der bittere Zweifel in ihr auf: Würde er sie hören, die ihn nie gehört? Konnte er ihr verzeihen? Und sie ging ängstlich im Geiste die Schriften wieder durch, in denen sie seinen Namen, gelästert und ermaß an der Größe der Beleidigung die Größe ihrer Strafe — und sie fand, daß ihr nur ihr Recht geschehen sei! „O halte ein, Gott der Gnade — halte ein und erbarme Dich der reuigen, zerknirschten Seele!“ bat sie zagend wie ein Kind. Aber keine Hoffnung auf Erhörung kam in ihr Herz. O, hätte sie es damals geahnt, als sie jubelte über das Aufsehen, welches jene Schriften machten — daß diese Ehre einst ihre Schande, daß dieses Glück einst ihr Verhängnis würde! Kein Vor­wurf gegen ihren Oheim war über ihre Lippen gekommen. Sie fluchte ihm nicht, als er ihr Vermögen stahl — das hatte er gesühnt mit dem Tode; was er aber nicht im Tode sühnen konnte, das war das Verbrechen an ihrer Seele, — Um deswillen fluchte sie ihm noch über das Grab hinaus! Welch glückliches Weib konnte sie werden, wenn er sie nicht nach einem Gute lüstern gemacht hätte, das kein Weib erreicht. Wieviel edle Freunde konnte sie sich gewinnen, hätte er sie nicht zur Menschenfeindin erzogen, — und nun, wo es galt, sie vor dem Elendesten, dem Hunger zu retten, war es der böse Geist seiner Lehren, der ihr noch das Stück Brot, das sie sich erwerben wollte, von den Lippen riß!
Als Gretchen endlich heimkam, fand es die stolze Gestalt zusammengekauert mit gefalteten Händen vor dem Herde sitzen und in das Feuer starren, das sie einstweilen entzündet, um ihre nassen Füße zu wärmen und das Abendessen zu kochen.
„Was tust Du, liebe Ernestine?“ fragte sie besorgt.
„Ich bete ums tägliche Brot!“ erwiderte sie dumpf.
Mit tiefem Schmerz erfuhr das Mädchen die Ursache von Ernestinens Verzagtheit und Trostlosigkeit. Es begriff wohl, daß diese Untätigkeit und Abhängigkeit für eine Natur wie Ernestine der Tod sei, daß alle die Opferfreudigkeit und Liebe, die es ihr zeigte, nicht hinreichen konnte, Ernestinen darüber zu beruhigen, daß sie überhaupt einem lebenden Wesen zur Last falle.  Aber es wußte keinen Rat.  Das Einzige, was Ernestine tun konnte, um selbständig etwas zu erwerben, war vielleicht: Abschreiben.  Aber wer brauchte in dem kleinen Städtchen einen Abschreiber? Und was sollte werden, wenn Ernestine gar nichts verdienen konnte? Sie hatten bereits vieles Entbehr­liche verkaufen müssen, um das Notwendige zu beschaffen. Das bescheidene Lehrerinnenhonorar, das man Gretchen in dem Institute bezahlte, reichte nicht allein hin, um sie auf die Länge vor noch größerem Mangel zu schützen.  Gretchen konnte und wollte sich ja gerne Alles versagen, aber es konnte Ernestinen nicht leiden und darben sehen, die ohnehin der Erholung und Stärkung so dringend bedurfte!  Eine Unterstützung von Möllner oder Hilsborn sollte es auch nicht annehmen, das hatte es Ernestinen in die Hand versprechen müssen.  Was war zu tun?
Nach einer langen schlaflosen Nacht stand Gretchen noch vor Tage auf und da Ernestine endlich entschlummert war, nahm es Tinte und Papier in die Küche hinaus und schrieb beim ersten Morgengrauen an Hilsborn. Es schrieb lange und hastig und manche Träne fiel auf den Brief, die Ernestine schwer auf die Seele gefallen wäre, hätte sie sie gesehen. Es hatte ihn beendet, ehe Ernestine erwachte und seine Augen glänzten schon wieder hell, als hoffe es von diesem Briefe alles Heil.
„Gretchen,“ sagte Ernestine, da sich das Mädchen über sie neigte und ihr den Morgenkuß bot: „Du bist so heiter! Fühlst Du denn gar nicht die Schwere der Last, die Du an mir mit herumschleppen mußt?“
„Ach Ernestine,“ rief Gretchen. „So lange ich Dich noch habe, so lange freue ich mich Deiner — und wenn’s auch noch so traurig um uns ist!“
Ernestine betrachtete das Mädchen sinnend: „Gretchen, in Deiner Treue und Hingebung liegt eine Größe, die ich nie gekannt, und jetzt begreif’ ich, was Johannes die wahre Weiblichkeit nannte. Diese Weiblichkeit, die mir Dein Vater nahm, Du, sein Kind, gibst sie mir wieder; wieviel Du auch für mich getan, das ist das Höchste, und damit hast Du ein reiches Teil von seiner Schuld gesühnt.“
Gretchen atmete auf: „Ach, mein’ ich doch bei diesem Wort, es stiegen alle Engel zu mir nieder und sprächen: Du hast Gnade für Deinen Vater erwirkt! Ernestine, Du stehst im Bund mit höheren Mächten, sonst könntest Du nicht solchen Himmelstrost in ein so schwer bedrängtes Kindesherz gießen!  Wahrlich, wahrlich, wenn Dein ernstes Auge so freundlich auf mich blickt, ist mir’s wie eine Erlösung für die arme Seele meines Vaters. Was könnte ich für Dich tun, das diese Wohltat aufwöge?“

Siebentes Kapitel. 
Die dritte Macht.
„Was die Faust nicht tut, das tut der Geist, was der Geist nicht tut, das tut die Liebe! so meinte er,“ sagte Ernestine. Ihre Gedanken waren unwillkürlich wieder zu Johannes geschweift. „Ich wollte, ich dürfte dem Herrn Pfarrer seine Predigten schreiben, statt sie abzuschreiben, welch schöner Text wäre das.“ Sie hatte diese Worte über den Tisch hinüber gesprochen, wo Gretchen mit Anfertigung des neuen Kleides beschäftigt war, das ihr Hilsborn geschickt hatte.
„Hast Du ihm denn den Vorschlag nicht gemacht?“ fragte Gretchen scherzend.
„Wenn er nicht so eitel wäre, würde ich es allerdings tun. So aber würde es ihn wohl beleidigen.“
„Das denk’ ich auch!“ lachte Gretchen.
„Ist es nicht eine Ironie des Schicksals,“ sagte Ernestine und schnitt sich eine Feder, „daß ich, die fast ihr ganzes Leben durch keine Predigt anhörte, nun solche abschreiben muß, um mir mein Leben zu fristen? Nein — es ist keine Ironie,“ fügte sie ernst hinzu, „auch das ist nur eine Gerechtigkeit!“
Sie ließ die Feder wieder emsig über das Papier fliegen. Nach einer langen Pause richtete sie sich auf und holte tief Atem: „O Gott, ich habe Alles gelernt, entsagen und beten — aber das Schwerste blieb mir noch zu lernen: die Geduld!“
„Es ist aber auch eine entsetzliche Geduldsprobe für einen Geist wie der Deine, die Gedanken eines Anderen nachschreiben zu müssen,“ meinte Gretchen.
„Ach, wären es nur Gedanken, aber es sind ja nichts als leere Worte. Und ich darf sie nicht einmal verbessern! O, es ist in Wahrheit geistestötend.“ Sie schrieb weiter, plötzlich hob sie den Kopf: „Die Religion sollte wenigstens in den Händen der Frauen sein, wenn man ihnen auch Wissenschaft und Politik verschließt. Die Religion ist Sache des Gefühls und das Gefühl ist Sache der Frau. Die Demut, die Ergebung und Opferfähigkeit, die das Christentum fordert, sie wurzelt im weiblichen Herzen und ein weiblicher Mund würde sie beredter lehren, als ein männlicher. Warum soll die Zunge der Frau nicht würdig sein, das Wort Gottes zu verkünden? Warum?“ Sie unterdrückte einen Seufzer. „Ach, da ergreift mich wieder der alte Zorn! Doch ich will schweigen, so selbständige Gedanken passen sich nicht für einen Abschreiber!“ Sie wollte fortarbeiten, aber sie war rot vor Entrüstung und die Tränen stürzten ihr aus den Augen: „Ach, Gretchen, ich werde ihn nie verwinden, er kocht immer neu auf, der Schmerz um unser verfemtes Geschlecht. Es ist und bleibt so, — jede Gedankenberührung trifft einen wunden Fleck in meiner Seele!“
Gretchen legte ihr die Hand auf die Schulter: „Liebe Ernestine, wir wollen später über das unglückliche Thema sprechen. Jetzt bedenke, daß der Herr Pfarrer die Abschrift auf vier Uhr bestellt hat.“
„Du hast Recht — ich will sie fertig machen!“ sagte Ernestine und tauchte die Feder ein. „Nein, den Unsinn kann ich nicht stehen lassen!“ rief sie nach einer Weile. „Der Mann will die Predigten drucken lassen, er muß mir dankbar sein, wenn ich die gröbsten Fehler ausmerze.“
„Ernestine, nimm Dich in Acht, er könnte es Dir übel nehmen!“ warnte Gretchen.
„O nein, die paar Worte darf ich schon ändern. Was durch meine Hände geht, soll auch so viel als möglich gereinigt daraus hervorgehen.“
Gretchen schüttelte den Kopf.
Ernestine vollendete die Abschrift. Nach einer halben Stunde war sie fertig und schickte sich an, sie zu dem Geistlichen zu bringen.
Die Tage begannen länger zu werden. Obgleich es schon vier Uhr sein mußte, schien doch die Wintersonne freundlich herein und von dem Dachvorsprung unter den Mansardenfenstern rieselten Bäche geschmolzenen Schnees herab.
„Kommst Du bald wieder?“ rief Gretchen Ernestinen nach, als sie ging.
„Sogleich!“ erwiderte diese und schritt mit ihrem Paket Schriften unter dem Arm zur Tür hinaus.
Gretchen blieb allein zurück.
Nach Verlauf einer halben Stunde schallte ein fester Schritt die Treppe herauf. Gretchen horchte hoch auf, ihr Herz schlug in froher Erwartung — wer kam so plötzlich in ihr einsames Versteck?
Es blieb ihr nicht lange Zeit zum Nachdenken, denn schon pochte es kräftig an die Tür — „Herein!“ rief Gretchen und „Jesus — er ist’s!“ im selben Augenblick. Möllners imposante Gestalt stand unter der niederen Tür.
„Ich hab’s gewußt, daß Sie kommen, ich hätte Sie schon eher nach meinem Briefe an Hilsborn erwartet. Gott grüße Sie!“ rief das Mädchen und zog ihn ins Zimmer. Johannes schüttelte ihre beiden kleinen Hände. War es vom Treppensteigen oder von innerer Bewegung? Er war unfähig, ein Wort zu sprechen. Gretchen nahm ihm Hut und Mantel ab, er ließ es geschehen, er sah sich nur stumm in dem ärmlichen Gemach um und ein tief mitleidiges „Lieber Gott“ — entrang sich seinen Lippen.
Gretchen verstand ihn. Sie ließ ihm Zeit, Atem zu schöpfen.
Endlich fragte er: „Wo ist sie?“
„Sie ist zum Pfarrer gegangen, Abschriften hin­zutragen. Er gibt ihr aus Erbarmen seine Predigten zum kopieren. Doch sie muß bald zurückkommen. Erschrecken Sie aber nicht, denn sie sieht elender aus als je. Wir haben in der letzten Zeit gar zu schlecht gelebt.“
Johannes faßte Gretchens Hand: „Gretchen, können Sie mich nicht verbergen, ich fühl’s, ich habe die Ruhe noch nicht, ihr entgegenzutreten. Ich muß mich erst sammeln.“
„Ja, kommen Sie nur in die Küche. Es ist auch für Ernestinen gut, wenn ich sie erst vorbe­reite, sie ist gar schwach und man muß vorsichtig mit ihr sein.“
Gretchen führte Johannes in das kalte, dumpfe Gelaß, welches sie Küche nannte. „Sehen Sie, da hat das arme Geschöpf seit fünf Monaten unser dürftiges Mittagsbrot gekocht, und geweint, wenn es was verdarb. O — hätten Sie diese stolze Ernestine sich quälen, mühen und darben sehen wie ich, Sie hätten es nicht so lange ausgehalten, Sie hätten dem Jammer früher ein Ende gemacht.“
„Wohl mir, daß ich es nicht sah — ich wäre schwach gewesen und hätte vielleicht Alles durch eine Übereilung verdorben.“
„Ach verzeihen Sie mir, aber ich meine doch — Sie sind ein recht harter Mann. Mein Hilsborn hätte mich nicht so lange in der Not gelassen, wenn er’s ändern gekonnt!“
„Das mag wohl sein, Gretchen. Aber glauben Sie mir — Ernestine muß anders behandelt werden als Sie. Ein so gewaltiger Charakter wie Ernestine brauchte den Kampf mit dem Leben, um sich naturgemäß zu entwickeln. Es wäre eine törichte Schwäche gewesen, ihn ihr zu ersparen, und wer weiß, ob sie selbst es mir noch jetzt nicht unmöglich macht, ihn abzukürzen.“
„O nein, wenn Sie Ernestinen sehen, so werden Sie fühlen, daß es die höchste Zeit war, sie aufzurichten, denn seit dem letzten Fehlschlagen all ihrer Versuche, eine Stelle zu erhalten, ist sie gebrochen. — Wenn es noch länger dauerte, würde ihr Gemüt verbittert und ihre Gesundheit hält auch nicht mehr viel aus!“
Johannes warf sich auf den hölzernen Stuhl am Fenster, wo Ernestine inmitten aller Prosa ihren poetischen Träumen nachgehangen hatte: „Hier ist ein Brief an Sie, Gretchen, Hilsborn hofft sicher, Sie nun bald in seinen Armen zu halten, er hätte mich gerne begleitet, aber er kann mitten im Semester nicht fort.“
„Der engelsgute Mann,“ sagte Gretchen und drückte den Brief an die Lippen. „Er weiß es nicht, wie ich mich nach ihm sehne — und doch darf ich Ernestine nicht verlassen, bevor sie geborgen ist!“
„Sie sind ein edles Kind, Gretchen! Und wenn Ernestine ahnte, was Sie ihr opfern, sie würde es nimmer dulden, daß —“ er hielt inne, heiße Röte überzog sein Gesicht, er begann merklich zu zittern, selbst seine bärtigen Lippen bebten, als er flüsterte: „Das ist sie, — sie kommt die Treppe herauf! Um Gottes willen, Gretchen, gönnen Sie mir Zeit, mich zu fassen.“
„Ich will ihr entgegen gehen, damit sie nicht hereintritt,“ sagte Gretchen.
Johannes zog ein Buch hervor: „Hier, da legen Sie ihr dies auf den Tisch. Es ist mir endlich gelungen, noch ein Exemplar von der vergriffenen Ausgabe der Märchen Andersens zu bekommen, die ich ihr einst geschenkt und die sie verbrannte. Es wird sie in freundlicher Weise auf meinen Anblick vorbereiten.“
„Gut, gut!“ Gretchen eilte mit dem Buche hinaus und legte es in Ernestinens Arbeitskorb. Doch sie erschrak, als sie die Erwartete eintreten sah. Die schöne Gestalt bebte, die großen Augen flammten und dunkle Schatten lagen auf dem bleichen Gesicht.
„Was ist Dir, Ernestine?“ fragte Gretchen.
Ernestine warf Hut und Mantel ab, rang die Hände und schritt im Zimmer auf und nieder. „Auch das hin, auch das!“
„Was denn, Ernestine, was?“
„Der Pfarrer hat mir die Abschrift seiner Predigten entzogen, — weil ich mir seine Fehler zu korrigieren erlaubt.“
„Ach, ist es nur das?“ rief Gretchen sehr erleichtert.
„Nur das?“ sagte Ernestine bitter. „So fragst Du, gutes Geschöpf, weil Du kein Unglück darin siehst, mich von nun an wieder ganz allein ernähren zu müssen mit Deinem unermüdlichen Fleiße. Du kannst wohl sagen: „Nur das? Ernestine bildete sich ein, die Erste und der Stolz ihres Geschlechtes sein zu können — jetzt ist sie nur eine Bettlerin, nur der Gnade guter Menschen anheimgegeben, nur brauchbar, die Dienste einer Magd zu tun, und diese nur sehr schlecht! Was kommt denn darauf an, wenn ein Mensch nur den Glauben an sich, nur die Würde vor sich selbst verliert? O nur das!“
Gretchen streichelte ihr die Wangen. Es lächelte — wie konnte es lächeln in diesem Augenblick? „Ach, Ernestine, warum mußtest Du den guten Möllner abweisen, als er das erste Mal um Dich warb! Ich begreife es nicht, wie man solch einen Mann nicht auf den ersten Blick lieben kann. Wenn Du nur nicht einmal zu spät erkennst, was Du verscherzt.“
„Gretchen,“ sagte Ernestine und sah sie mit einem großen Blick an: „Was ich verscherzte, ich weiß es längst! Der Hochmut hat sich längst gerächt, mit dem ich ihn von mir wies, weil ich ihm nicht mein männlich’ Streben opfern wollte. — Sieh, Gretchen, wir träumen oft — wir flögen, eine innere Schwungkraft trüge uns so hoch, daß uns schwindelt und unsägliche Angst uns befällt, wir würden der Erde entrückt und gingen verloren im Leeren. Aber jene  geheimnisvolle Kraft ist stärker als wir und reißt uns höher und höher. Immer schweigender dehnt sich um uns der unendliche Raum, immer mehr ver­wirrt uns der Schwindel. Da endlich verlieren wir das Gleichgewicht, wir stürzen jählings hinab und erwachen. —
Gretchen, ein solcher Traum war das Symbol meines Lebens. So hatte mich mein Ehrgeiz auf eine Höhe geführt, aus der ich mich nicht zurückfand, in der ich mich nicht erhalten konnte — und so stürzte ich herab, als ich das Gleichgewicht verlor. Aber statt des Abgrundes empfingen mich weiche Arme, und sicher geborgen erwachte ich zu einer trauten Wirklichkeit. Doch in der ersten Verwirrung hielt ich die Arme, die mich tragen wollten, für Fesseln, ich stieß sie von mir und nun lieg’ ich gebrochen, verzweifelnd am Boden!“ Sie warf den Kopf mit verhülltem Gesicht auf den Tisch.
Gretchen holte leise das Buch aus dem Korb, in den sie es gelegt. Es fand ein Zeichen darin und begriff sogleich, daß Johannes etwas damit bezweckt haben mußte. Es schlug die bezeichnete Seite auf und legte es schweigend vor Ernestine hin.
Diese hob endlich den Kopf, ihre Augen fielen zerstreut darauf, sie schaute und schaute, als könne sie nicht fassen, was sie sah. Sie griff sich nach der Stirn, träumte sie denn? Das war ja ihr altes ge­liebtes Buch — das war der Schwan, den sie verbrannt. „Allmächtiger Gott,“ schrie sie zwischen Lachen und Weinen: „Stehen denn die Toten wieder auf? Mein Schwan! — Wer brachte mir das? O — ihr Träume meiner Kindheit — wer bringt euch mir wieder?“
Sie sank auf die Knie nieder und legte das tränenfeuchte Antlitz auf das Buch. — Es ward Nacht um sie her. Vor ihr auf dem Tische brannte die Lampe und unweit lag ihr Vater im Bette und schlummerte röchelnd. Sie las das Märchen vom häßlichen Entlein und über ihrem Haupte rauschten leise die Schwanessittige, in ihren Locken zitterten noch die Blättchen der Eiche, von der sie der Jüngling herabgeholt aus Todesgefahr, der schöne, der wonnige Jüngling! Und dann erwachte der Vater und schickte sie zum Oheim hinauf. Das Fernglas war eingestellt, und sie blickte hindurch, schmachtend nach einem Frie­den, dessen Seligkeit sie ahnte, ohne ihn gewinnen zu können, von einer Sehnsucht voll, die sie hinauftragen wollte zu den fernen Welten, die da oben so still durch die Unendlichkeit gleiten. Jetzt wußte sie, was sie so heiß im All suchte, — es war die Liebe! Aber da oben war sie nicht, wo war sie? Da stand sie plötzlich auf dem Hügel in ihrem Garten, und die treue Seejungfrau schwebte in Gestalt einer Abendwolke an ihr vorüber, und eine tiefe weiche Stimme sagte: „Armer Schwan!“ Da, ja, da war es, was sie suchte!
„Armer Schwan!“ tönte es ihr aber nun wirklich in die Ohren und sie stieß einen Schrei aus und floh in unbeschreiblichem Schreien, sie lief fort — weit, immer weiter, das Zimmer dehnte sich zu einem unermeßlichen Raum, den sie durcheilen sollte, und doch kam sie nicht von der Stelle, wie sie auch lief und hastete, immer war und blieb sie auf demselben Fleck, bis sie sich stürzen fühlte, aber nicht tief — zwei Arme fingen sie auf — und jetzt kam Ruhe über sie — wunderbare Ruhe.
„Soll ich Wasser holen?“ fragte Gretchen.
„O nein, gönnen Sie mir den einzigen Augenblick,“ sagte Johannes und schmiegte die leblose Gestalt fest an sich: „Wer weiß, ob sie sich beim Erwachen nicht aus meinen Armen reißt.“
„Sie hätten sie auch nicht so plötzlich anreden sollen,“ meinte Gretchen.
Da schlug Ernestine die Augen auf. Ein langes, staunendes Anschauen und Besinnen, ein tiefes Atemschöpfen. Noch eine Sekunde und sie machte sich aus der Umarmung los, in der sie so selig geruht.
„Nun — habe ich sie gekannt?“ flüsterte Johannes Gretchen zu.
,,Du hast mich so überrascht, Johannes, ich war schwach — ich muß mich vor dir schämen,“ sagte sie, mühsam nach Fassung ringend.
„Schämen müßtest Du Dich, wenn Du in diesem Augenblick das sein könntest, was Du stark nennst!“ erwiderte Johannes. Er winkte Gretchen, es verstand ihn und ging hinaus.
Johannes sah Ernestinen lange und innig in die Augen: „Laß mich noch ein ernstes — letztes Wort mit dir sprechen, liebe Seele! — Ich weiß, es ist eine andere Ernestine, die ich soeben in den Armen hielt, als die, welche mich vor fast einem halben Jahre verließ — das habe ich gefühlt an dem Pochen deines Herzens. Aber fürchte nichts — ich komme nicht, um Deine Hilflosigkeit zu meinem Vorteil auszubeuten, nicht um Dich zu einem Entschlusse zu bewegen, der, wie es jetzt um Dich steht, das entwertende Gepräge der Notwendigkeit trüge. Ich begreife Dich ganz. Du bist eine jener großen, wunderbar organisierten Naturen, die keinen Zwang von außen dulden, deren Handeln sich frei aus ihnen selbst entwickeln muß. Solche Wesen durch Gewalt zu beeinflussen, wäre ein so nutzloses Beginnen, wie wenn wir eine Rose dadurch zum Blühen bringen wollten, daß wir ihre Knospe aufbrächen; wir würden sie nur zerpflücken, nicht entfalten. — Deshalb war ich bestrebt, Dir wiederzugeben, was Dir so notwendig ist, wie Luft und Licht: die Unabhängigkeit! Du warfst mir einst Eigenmächtigkeit und Selbstsucht vor, Du sollst Dich überzeugen, daß Du mir hierin wenigstens Unrecht getan! Es ist mir gelungen“ — er zog ein Papier aus der Brusttasche — „Dir durch meinen Freund und Kollegen Brenter in Petersburg eine Stelle zu verschaffen und zwar als Lehrerin der Naturwissenschaften an der dortigen berühmten Bildungsanstalt für Erzieherinnen. Die Stelle ist in jeder Hinsicht eine glänzende und war bisher immer nur von Männern besetzt. Über Deine Zeit hast Du mit Ausnahme der wenigen Unterrichtsstunden vollständig zu verfügen, Deine Studien kannst Du im größten Umfang fortsetzen, meine Empfehlungen werden Dich in die wissenschaftlichen Kreise Petersburgs einführen. Dein Leben wird all den Anfordernden einsprechen, die Dein Ehrgeiz früher stellte. Du hast eine würdige Gelegenheit, Dein Brot selbst zu verdienen und Dir sogar früher oder später das zu erringen, was Dir als das höchste Ziel erschien: die Doktorwürde, denn die russischen Universitäten sind in dieser Hinsicht nicht so streng, wie die deutschen. Hier der Brief Brenters. Du siehst, ich habe Dich unabhängig von jeder, auch von meiner Hilfe gemacht. Ich habe Dir aber auch dadurch die Möglichkeit gegeben, mir ein Opfer zu bringen, und zwar ein großes! Du läufst nun nicht mehr Gefahr, durch Annahme meiner Hand in den Verdacht zu kommen, es sei Dein Entschluß kein freier und Deine Liebe nur Furcht vor dem Elend. Wenn Du mich jetzt erwählst, so gibst Du eine glänzende Aussicht für mich hin. Ich werde Dich zu nichts überreden.  Jetzt bist Du frei zu wählen: Willst Du von mir gehen, so sind Dir die Tore einer großen Zukunft erschlossen und die Pforten meines Herzens und meines bescheidenen Hauses stehen Dir offen, wenn Du die Meine werden willst, ich kann nichts weiter sagen als: wähle!“
„Das, das hast Du für mich getan!“ sprach Enestine, an allen Gliedern zitternd. „So hast Du mich verstanden und meinen Stolz geehrt! — So zart und doch so entschlossen handeltest Du für mich? O welches Wort, welche Tat wäre groß genug, Dir zu danken?“
„Wie Du mir danken sollst? Ernestine, frage Dein eigenes Herz!“
„Ich will nicht nur auf mein Herz hören, ich will tun, was mich einer solchen Liebe am würdigsten macht. O, wozu soll, wozu darf ich mich denn nun entschließen?“
„Ich will es Dir sagen, wenn Du’s nicht weißt, zum letzten Male will ich es Dir sagen: Der wahre Stolz ist es, wenn Du einsiehst, daß Du mir nichts Kostbareres geben kannst, als Dich selbst, daß äußerer Reichtum und äußere Ehren nicht Deinen Wert zu erhöhen vermöchten.  Die wahre Demut ist es, wenn Du aus der Hand des Mannes, der Dir sein Leben hingibt, auch das Geschick des Deinen fraglos empfangen wolltest. Groß magst Du handeln, wenn Du von mir gehst, aber nicht weiblich, und was ist eine solche Größe, auf Kosten des Herzens geübt? Eine vereinzelte Tat, die Dich im gewaltigen Anlauf mit hinausreißt über die schützenden Grenzen Deines Geschlechts in eine Sphäre, in der Du Dich nicht behaupten kannst. Gib ihn auf, den falschen Stolz, der das Ruhmvolle immer in dem sucht, was wider die weibliche Natur ist, und erkenne, daß Du nichts Größeres tun kannst, als einen Menschen so zu beglücken, wie Du mich beglücken würdest, wärst Du, wie Gott Dich gewollt, ein liebendes, ein echtes Weib!“ Er brach ab. „Doch wiederhol’ ich es, Du hast die Wahl!“
„Die Wahl, — bleibt mir da noch eine Wahl?“ rief Ernestine mit strahlendem Blicke. „Soll ich noch jetzt heucheln und ein Gefühl verbergen, dessen ich längst kaum mehr Meister ward? Was ist Gelehrsamkeit und Ruhm, was der Glanz der Stellung, die Du mir geboten, gegen das Glück, das mich jetzt durchströmt? Ich werfe sie hin mit all dem falschen Stolz — und wähle Dich, Johannes!“ Sie sank an seine Brust.
Er umschlang sie wie träumend, ihr keuscher Mund war ihm zugewandt. Er drückte seine Lippen auf die ihren, fester und fester, ohne Atem zu schöpfen, als wolle er mit einem einzigen Kuß auf sie überströmen alle Inbrunst, alles seit Monaten zurückgedämmte Verlangen seines Herzens.
Sie zitterte wie die kaum erschlossene Blume im ersten Gewitterregen und dennoch war ihr so wohl wie damals, wo sie sich als ein mutiges Kind mit dem verwandten titanischen Geiste maß, der aus dem  bewegten Elemente sie überdrang. Sie erkannte jetzt plötzlich, daß die Liebe keine Schwäche, sondern eine Kraft — und daß es göttlich sei, diese Kraft zu betätigen. Endlich hob sie den Kopf und sah ihm mit feuchtem Blick in die Augen: „Johannes, Du großer, Du bester Mann, vergib, vergib all mein Irren und Fehlen! Ach; ich habe es ja längst bereut!“
Johannes betrachtete sie in  tiefer Rührung. „Meine Ernestine, hast Du sie endlich erkannt die dritte Macht, von der ich Dir einst sprach?“
„Ja, ja, ich erkenne sie und ich beuge mich ihr!“ Sie faltete verklärten Angesichts die Hände. „O Geist der Liebe, zieh ein in mein Herz und lehre mich, dieses Mannes würdig zu sein.“
*		*
*
Das war eine Doppelhochzeit, wie die Stadt N** noch keine sah! Möllner und Ernestine, Hilsborn und Gretchen wurden an einem Tage getraut. Die ganze Stadt hatte sich vor dem stillen Professorenhause versammelt, um die endlose Zahl der Gäste aussteigen zu sehen, welche die Brautpaare in die Kirche geleiten sollten.
„Das ist eine von den Brautjungfern, aber eine alte!“ flüsterten die Leute, als Elsa mit ihrem Bruder ausstieg.
„Und das ist wieder eine, aber eine ganz kleine,“ hieß es. Ein hübscher junger Mann hob ein reizendes braunäugiges Kind aus dem Wagen. Es war gar schön weiß und rosa angetan und trug einen großen Strauß in der Hand.
„Ach, aber es hat nur einen Arm!“ wisperte man wieder, als es mit seinem freundlichen Kavalier durch die Reihen der Neugierigen trippelte.
Die beiden ungleichen Brautjungfern stiegen hintereinander die Treppen zwischen Blumengewinden und hohen Topfgewächsen hinan. Die Türen des großen Saales waren geöffnet und eine dichte Schar drängte sich darin hin und her. Die Vertreter sämtlicher Fakultäten, viele Patienten Hilsborns, eine Menge von angesehenen Familien der Stadt N** waren schon im höchsten Staate versammelt. Man hatte sich zwar anfangs gar nicht von seinem Staunen erholen können, daß Möllner nun doch die Hartwich heirate, aber endlich mußte man sich wohl beruhigen, denn Möllner war am Ende immer ein Mann, der wußte, was er tat. Und wer noch gar zur Hochzeit geladen ward, der erklärte sich schon deshalb mit der Partie einverstanden!
Selbst Elsa war dadurch einigermaßen versöhnt, daß Möllner sie zur Brautjungfer auserkoren hatte. „Es ist auch schön, Brautjungfer zu sein,“ hatte sie noch am Morgen zu ihrer Schwägerin gesagt. „Es wird mir das Herz brechen, aber ich grolle nicht! Ich werde dahin welken, wie die Blüte, die Zephyre vom Baume schüttelten, bevor sie zur Frucht reifen konnte. O nein, ich grolle nicht, ich teile das Los von Millionen meiner Schwestern. Die Blüte ist nicht zu beklagen, die in jungfräulicher Reine den sanften Tod der Unschuld stirbt; der nur ist zu beklagen, der achtlos über sie hinwegschreitet, ohne die Süßigkeit der Frucht zu ahnen, die sie ihm hätte bringen können.“ Sie dachte nicht, daß der poetische Tod, von dem sie träumte, ihr noch lange nicht beschieden war, und daß sie einst in späten Jahren als stets gern gesehene „Tante Elsa“ in Möllners Hause aus- und eingehen und einer kleinen aufmerksamen Schar anmutige Geschichten erzählen werde von den Elfen, Nixen und Heublümlein, mit denen sie in ihrer Jugend so sinnig verkehrte. — So hatte sie sich denn mit einem meergrünen Tarlatankleide und einem Kranz von Pfirsichblüten geschmückt.  Um den schlanken Leib hatte sie eine endlose schmale Schärpe von weißem Atlas geschlungen.  Es mochten wohl Viele reicher angetan sein, meinte sie, aber gewiß Niemand so sinnreich und poetisch.
Ihr Bruder war jedoch in einer fürchterlichen Stimmung, als er den schwarzen Frack anzog, in dem er vor bald einem Jahre der Gräfin Worronska so erfolglos gehuldigt. Denn er hatte an diesem Morgen die Nachricht bekommen, daß die schöne Frau bei einem Wettrennen in Petersburg das Leben verloren, und der Schmerz, der ihn um das immer noch geliebte Weib erfaßte, war um so verzehrender, je tiefer er ihn verbergen mußte. — So traten Elsa und Herbert, Walter und Käthchen unter den verschiedensten Empfindungen durch die breite Flügeltür ein und wurden von der Staatsrätin, Möllner und Hilsborn empfangen.
Es war trotz der vielen Leute eine feierliche Stille im Saale, denn mau erwartete die beiden Bräute, die jeden Augenblick eintreten mußten.
Wer hat nicht den leisen Schauer empfunden, mit dem wir eine Braut aus ihrem jungfräulichen Gemach hervorkommen sehen, um den wichtigsten Schritt des Lebens zu tun, — den vor den Altar? Niemand wandte mehr ein Auge von der Tür des Seitenzimmers. — Jetzt ward sie geöffnet.
Johannes, an der Seite seiner Mutter, und Hilsborn neben Heim stellten sich ihr gegenüber, die Gäste zogen sich ehrerbietig an die Wand zurück, ein großer Raum blieb frei.
Langsamen Schrittes, in den wallenden Schleier, wie in eine weiße Wolke, gehüllt, das schöne Haupt gesenkt unter der Myrtenkrone, trat Ernestine ein. Die dunklen Wimpern waren niedergeschlagen und von der hohen Stirn leuchtete der ganze Adel zu vollem Bewußtsein gekommener Weiblichkeit und Liebe. Sie blieb stehen, verwirrt, befangen vom Anblick so vieler Menschen, die sie bewundernd anstarrten und hörbar flüsterten: „Welch eine schöne Braut!“ Ganz gegen Brauch und Sitte, nur der Eingebung des überströmenden Herzens folgend, eilte ihr Johannes entgegen und überwältigt sank er vor der hehren Erscheinung auf die Knie.
„Mein Schwan,“ flüsterte er, „jetzt hast Du Dein Gefieder entfaltet!“
Ernestine neigte sich über ihn und er fühlte ihre Tränen auf sein Haupt fallen.
„Johannes,“ sagte sie leise, „ich will Dir’s nur bekennen, ich habe Dich geliebt, seit Du mir vor nun bald dreizehn Jahren die Verheißung von dem Schwane brachtest, und habe es doch nicht begriffen, daß nur Du es warst, durch den sie sich erfüllen konnte!“
„So liebtest Du mich schon als Kind und hast mich doch so lange hingehalten und gequält? O, Ernestine, welche Strafen gibt es denn für solch eine Sünde?“
Ernestine sah ihn mit unbeschreiblicher Liebe an.
„Nur eine, mein Freund, aber sie ist hart genug: die Reue über die verlorene Zeit.“
„Amen, meine Tochter!“ sagte die Staatsrätin und küßte Ernestine auf die Stirn.
Zögernd und schüchtern war die zweite liebliche Erscheinung Ernestinen gefolgt: Gretchen, mit glühenden Wangen und seligem Lächeln. Hilsborn ging ihr mit seinem Brautvater entgegen, Heim zog sie väterlich warm an seine Brust.
Hinter ihr trat Angelika ein und die treue Willmers, welche die Bräute geschmückt hatten.
Jetzt war Alles bereit.
Johannes und die Staatsrätin holten aus einer Ecke des Zimmers eine gebeugte, rührende Gestalt hervor und führten sie Ernestinen zu. Es war der Brautvater, den sich Ernestine erkoren, der alte Leonhardt.
„Vater,“ sagte Ernestine leise und faßte mit der einen Hand die des Blinden, mit der andern die der Staatsrätin, „Vater, Mutter im Geist und in der Wahrheit, ich danke Euch!“
„Ernestine,“ sagte Leonhardt, „ich hatte in meinem Leben nur einen Tag, an dem ich so glücklich war wie heute. Es war mein eigener Hochzeitstag. Ich dachte immer, ein zweiter solcher könne gar nicht wiederkehren, nun aber habe ich ihn Dank Dir doch noch einmal erlebt. Gott segne Dich dafür.“
Er hatte auch, um das Maß des Glückes zu häufen, die Ernennung seines Sohnes zum Doktor erfahren. Walter hatte heimlich mit Ernestinens Apparaten und Büchern weiter studiert und ohne Wissen seines Vaters seine Dissertation geschrieben. Gestern nun konnte er ihm ein dickes Pergament in die Hand drücken und als er es fragend betastete, ihm zurufen: „’S ist mein Doktor-Diplom!“ so daß den alten Herrn vor Freude fast der Schlag getroffen hätte!
„Nun macht aber endlich, daß es vorwärts geht,“ erscholl auf einmal die energische Stimme Moritz Kerns: „Was seid Ihr für Liebhaber, daß Ihr Euch nicht besser tummelt! Zeit zum Überlegen hattet Ihr vollauf, reuen wird’s Euch doch nicht mehr? Also in Gottes Namen zur Kirche!“
„In Gottes Namen!“ wiederholte Ernestine leise und ihre ganze Seele lag in dem Worte. —

Ein Jahr später.
„Ja, wer hätte gedacht, daß die Ernestine sich noch so machen würde,“ sagte Schwager Moritz in gedämpftem Ton zu Angelika.
Die Beiden schritten in augenscheinlicher Spannung und Erregtheit in Möllners Wohnstube auf und nieder, welche jetzt ganz so eingerichtet war wie Ernestinens ehemaliges Arbeitszimmer.
Hinter den blauen Gardinen am Fenster standen Hilsborn und Gretchen. Ihnen war das Herz zu voll, um zu sprechen. Gretchen hatte die Hände gefaltet und schaute ängstlich betend empor, Hilsborn hielt sie in bangem Schweigen umfaßt. Auch Moritz blieb manchmal an der Tür stehen, die in das Nebengemach führte, und horchte, aber er wollte sich durchaus keine Besorgnis anmerken lassen und plauderte lustig weiter: „Ja, wer hätte das gedacht! Wie
es der Johannes nur angefangen haben muß, den Querkopf zurecht zu setzen?“
„Ich sagte Dir’s ja immer, Johannes kann Alles, was er will, und Ernestine war von Grund aus gut, wie verschroben sie auch sein mochte!“ sagte Angelika. „Ich habe sie gleich lieb gehabt, als ich sie zum ersten Mal wieder sah, und habe sie immer in Schutz genommen, wenn Ihr über sie herfielt. Nun ist’s gekommen, wie ich’s vorausgewußt, geradeso!“
„Ja natürlich! Ich möchte nur einen Fall kennen, den Ihr Weiber nicht vorausgewußt hättet. Das versteht sich,“ lachte Moritz, „Ihr seid immer klüger als wir! Und wenn die Ernestine ihren Mann eben so unglücklich machte, als sie ihn glücklich macht, dann würde es heißen, <<Ach — ich habe es geahnt! — O, mein Instinkt hat mich gleich vor ihr gewarnt! Es war immer etwas in mir gegen sie —>> u. s. w., das kennt man schon.“
„Du garstiger Mensch,“ schmollte Angelika, wie magst Du jetzt nur spaßen, wo uns Allen so bange ist. Wenn Johannes die Frau verlöre — er wäre selbst ein verlorener Mann.“
„Ah pah, er wird sie nicht verlieren. Nur keine Sentimentalitäten,“ schalt Moritz.
Hilsborn trat hinter dem Vorhang heraus: „Mach Dich nur nicht schlimmer als Du bist, Moritz,“ sprach er. „Ich habe Dich selbst noch nie so erdfahl gesehen. Du weißt es wohl, was wir Alle an dieser Frau besitzen!“
„Hol’ mich der Teufel, wenn ich’s nicht weiß!“ rief Moritz, „das Weib hat mir’s ja auch angetan, ich kann nur die Lamentos nicht leiden, bevor irgend ein Grund da ist. Gott erhalte sie, sie ist ein Prachtweib geworden — es wäre wirklich Schade um sie!“
„Ja,“ mischte sich nun auch Gretchen ins Gespräch: „Ja, solch eine Frau gab es wohl selten. Was tut, was leistet sie! Welch eine Hausfrau ist sie geworden! Was uns Andern alle Mühe und alle Zeit in Anspruch nimmt, das macht sie spielend nebenher, als etwas ganz Selbstverständliches, Untergeordnetes, worüber gar kein Wort weiter zu verlieren ist und macht es besser als wir Alle — nicht wahr Angelika?“
„Ei — das will ich meinen! Sie hat ihr Hauswesen wie am Schnürchen, Die Mutter kann nicht genug erzählen.“
„’S ist merkwürdig,“ sagte Moritz, „was die Ernestine Alles zu Stande bringt! Hilsborn, hast Du in Deinem Leben gehört, daß eine Hausfrau die andere lobt? Ich nicht!“
„Sie verdient es aber auch wie keine! Und dabei findet sie doch noch Zeit, den erlesensten Kreis der Stadt um sich zu versammeln und ein schönes Haus zu machen,“ meinte Gretchen.
„Und sich mit Johannes wissenschaftlich zu beschäftigen,“ ergänzte Hilsborn.
„Ja, so was ist mir noch nicht vorgekommen,“ sagte Moritz. „Sie geht ihm an die Hand wie ein Assistent, kümmert sich um Alles, was er schreibt, und er versicherte mich erst gestern wieder, daß er nie mit solcher Lust gearbeitet habe, als seit ihm die Frau mit ihrem feurigen Interesse und klugen Verständnis zur Seite stehe.“
„Er kann über Alles mit ihr sprechen wie mit einem Manne, und das ist viel wert, denn so würde ja der beste Freund nicht in seinen Bestrebungen aufgehen, wie diese Frau es tut!“ bestätigte Hilsborn. „Er mag sie am Schreibtisch und in seinem Laboratorium so wenig missen, wie in seinem Hause.“
„Mit einem Wort,“ sagte Gretchen, die seit sie Frau war, erst Goethe zu lesen wagte; „ich spreche mit Märchen: Sie ist ein ander Weib als wir Näherinnen und Köchinnen —“119
„Seid stille!“ unterbrach sie Angelika, „hört Ihr nichts?“
Alle lauschten. „Ich denke, wir werden nun bald etwas Neues erfahren,“ bemerkte Moritz.
Wieder gingen die Paare ungeduldig auf und nieder, es war eine Zeit lang so still im Zimmer, als hielten Alle den Atem an.
„Wenn’s nur ein Knabe wird, Ernestine wünscht ihn sich so sehr,“ seufzte Angelika.
„Na hoffentlich wird’s einer!“ fuhr Moritz auf.
„Es dauert lang,“ sagte Hilsborn. „Schon zwei Uhr vorbei. Wenn man nur einmal fragen dürfte, wie es geht.“
„Ei, bei Leibe nicht,“ warnte Angelika, „Johannes hat es streng verboten.“
Wieder verflossen zehn bange Minuten.
Da ward plötzlich die Tür aufgerissen und der alte Heim rief mit Donnerstimme heraus: „Es ist da!“
Alle stürzten mit einem Schrei auf ihn zu: „Gott sei gelobt!“
„Was ist’s denn, ein Junge?“ fragte Angelika. 
„Nein, ein Mädchen!“
„Ein Mädchen?!“ rief Moritz. „Na, — schön ist’s nicht, aber ’ne Sünd’ ist’s auch nicht, — sagt der Schwab’!“
„Willst Du still sein, Du Spottvogel, wenn Ernestine das hörte!“ schalt Angelika. „Dürfen wir jetzt hinein, Onkel Heim?“
„Nein, Ihr sollt noch draußen bleiben,“ und damit machte der Alte wieder die Tür zu. —
Drin im Zimmer war es still und feierlich wie in einem Tempel.
Die Frauen waren flüsternd um das Kind beschäftigt, nur Johannes stand noch stumm vor Glück bei Ernestinen und ihr Haupt ruhte an seiner Brust.
Jetzt rief man ihn, sein Töchterchen, in ein schneeiges Bettchen gehüllt, aus der Hand der Großmutter zu empfangen.
Sein Herz pochte hoch auf in reinster Vaterliebe, als er den ersten Kuß auf die zarten Lippen drückte. Er brachte es der Gattin und legte es ihr in die Arme. „Mutter!“ — war Alles, was er sagen konnte und er sank am Bette nieder wie vor einem Altar. „Vater!“ antwortete sie und sah ihn an mit einem Blick, daß ihm die heißen Freudetränen über die bärtigen Wangen rannen. Eine Zeit lang hielten sie sich schweigend umschlungen. — Endlich hob Johannes den Kopf und sagte anmutig scherzend: „Aber Ernestine, es ist nur ein Mädchen!“
„Sei’s! Ich frage nicht, was mir Gott beschert. Ich bin Mutter! O, Johannes, was käme dieser stolzen Freude gleich? Ich beneide keinen Mann mehr und unser Mädchen soll es dereinst auch nicht tun. Es soll aufwachsen im Schoß der Liebe, es soll das jugendliche Haupt stolz erheben zu der geistigen Höhe, welche das Weib erreichen muß, um dem Manne eine würdige Gefährtin zu sein; — aber mit jeder Faser seines Herzens soll es in dem Boden wurzeln, aus dem wir doch die besten Kräfte ziehen: in dem alten geheiligten Boden der Familie! Dann spricht es vielleicht zu einem teuren Manne, wie ich jetzt zu Dir: Wohl mir, daß ich ein Weib“ — sie legte den Kopf an Johannes’ Brust, „daß ich Dein Weib bin, Du Einziger!“
„Ernestine!“ rief Johannes, „das ist das Höchste, das Beste, was Du mir sagen konntest. Ja, Du wirst ein Wesen erziehen, wie es sein soll, mit Deinem hohen Geist und Deinem reichen Herzen! — Großmutter, Vater Heim, habt Ihr gehört, was mir Ernestine soeben gesteht? Sie ist mit dem Los ihres Geschlechtes versöhnt!“
Ernestine legte das Kind vor sich auf die Decke und blickte wie auf ein Wunder darauf nieder. Es sei für ein neugeborenes ein ungewöhnlich schönes Kind, versicherte die Großmama mit Kennermiene und Ernestine fand es auch. Sie legte behutsam die Hand auf sein Herz und prüfte dessen Schlag: Ticktack — das kleine Uhrwerk ging vortrefflich! — Sie lachte unter Tränen, sie hätte das Kind so gerne recht ans Herz gedrückt, aber sie fürchtete, sie könne ihm etwas zerbrechen.
Die Großmama meinte, das hätten alle junge Frauen so, — mit einem kleinen Kinde umzugehen wolle gelernt sein! Und Ernestine freute sich auf dies Studium wie auf keines, so lange sie lebte.
„Onkel Heim,“ sagte sie plötzlich: „Ich glaubte einmal, es wäre besser gewesen, Du hättest mich sterben lassen, als mich der Vater fast totgeschlagen. Ich habe Dir seither zwar schon oft gedankt, daß Du mich am Leben erhieltest, aber so aus tiefstem Herzen, wie heute, tat ich es noch nie!“
„Ah pah,“ meinte der alte Mann, „mir mußt Du nicht danken —ich war ja nur Dein Leibarzt, Dem da“ — er schlug Johannes auf die Schulter — „dem danke, denn er war Dein Seelenarzt und brachte Dich so weit, daß Du Dein Leben im rechten Sinne genießen kannst!“
Ernestine schmiegte sich fast demütig an den Gatten: „Ja, Du treuer Arzt der Seele, Deine Arzneien waren bitter, aber sie haben mich gerettet!“

