»Du beschämst mich!« antwortete er. »Ich lehre nichts, als das, was ich empfangen habe. Auch dass ich es wiedergeben kann, verdanke ich nicht mir. Nimm du nun meine Rose. Ich bitte dich!« Er reichte sie mir. Das war so einfach, so menschlich lieb, dass es mich herzlich rührte. »Sende mir deine Schülerinnen heraus, damit ich auch jeder von ihnen eine breche,« bat ich ihn. Hierauf ging ich hinaus. Die Mädchen kamen. Die Rosen gehörten nicht mir, sondern ihnen, und doch sah ich ihnen an, dass ich für einen Dank die rechte Weise getroffen hatte. Tifl wartete mein, um mir zu sagen, dass ich nun wieder nach meinem Platze gehen könne, wenn ich wolle. Ich tat es, voller Erwartung, was nun kommen werde. Nichts Gewöhnliches, davon war ich überzeugt! Dieser Gesanglehrer besaß mehr als das, was man Talent zu nennen pflegt! Es kam jetzt eine Anzahl Dschamikun mit Frauen und Mädchen herein. Sie stellten sich in der Mitte auf, um zu singen, ohne Leitung; der Chodj-y-Dschuna war nicht bei ihnen. Was ich hörte, war ein dreistimmiges Lied. Der Text lautete: »Ich komm zu dir im Sonnenstrahl Und lass mir deine Rosen blühen. In tiefer Andacht liegt das Tal Vom Morgen- bis zum Abendglühen. Ich sehe aus der stillen Flut Die Berge Gottes aufwärts steigen, Und wo sein Haus auf Säulen ruht, Soll heut sich mir der Himmel zeigen. Ich komm zu dir im Sonnenstrahl, So spricht der Herr und steigt hernieder. Die Glocken klingen übers Tal, Und von den Bergen tönt es wieder. Brich auf, mein Herz, der Rose gleich, In der sich alle Düfte regen. Es naht sich dir das Himmelreich; Brich auf, und dufte ihm entgegen!« Über diesen Text ist nichts zu sagen, kein Wort. Er spricht ja selbst! Wovon? Von einer Begegnung im Beit-y-Chodeh. Nun verstand ich die Worte, welche der Ustad sagte, als er mir die Rose gab. Aber die Tonweise! War das Gesang, oder war es Sprache? Gesangssprache oder Sprachgesang? Ich meine keineswegs Rezitativ. Mit diesem hatte es nicht die entfernteste Ähnlichkeit. Unser Gesang ist Kunst; dieser war Natur. Aus unserer Harmonisierung ist jeder einzelne Akkord zu lösen; hier war das eine Unmöglichkeit. Bei uns pflegt man im Liedgesange die Melodie einer einzelnen Stimme, den andern die Begleitung zu geben; hier war alles Melodie, jede Stimme, und doch wurde jede eine von den andern harmonisch unterstützt. Das war schwer, sehr schwer und klang aber doch so außerordentlich natürlich