Krastinik überlas nochmals das Urteil des Tagebuchs über Schmoller. Er lächelte. Nie hatte er Leonharts Vorliebe für diesen Mann bis zu solchem Grade begreifen können. Der aristokratische Instinkt lebte noch zu mächtig in ihm. Er sah in Jenem nur den echten Litteraturvertreter des Socialismus. So wie der freche Maurergeselle sich alleine »Arbeiter« nennt, als ob andre Leute vom Müßiggang lebten, und den Begriff der geistigen Arbeit nicht zu fassen vermag, dabei aber von Gleichheit und Menschenrechten schnapsfaselt, - so blickte dieser Arbeiterdichter im Dünkel seiner Bornirteit auf alles herab, was nicht mit dem Modetema des Tages, der sogenannten socialen Frage, zusammenhing. Der Größenwahn des Socialismus ins Litterarische übersetzt. So hatte der Graf stets geurteilt, obschon er dem großen Talent Schmollers Gerechtigkeit widerfahren ließ. Doch mochte nun Leonharts mildere Auffassung die richtige sein, - warum wandte er sie denn nur Schmoller gegenüber an? Warum sah er nicht die Gebrechen der dii minorum gentium mit gleich verzeihendem Auge? Gewiss ein zugleich ekelhaftes und komisches Schauspiel, diese Krämpfe der Ohnmacht, die sich ihres Nichts nicht bewusst werden will und alles besser könnte, wenn sie nur Zeit hätte. Oder diese idealen Pumpiers, die jeden »Kollegen«, der nicht grade verhungert, als reichen Filz verschreien, wenn er ihnen nicht die Mittel zum faulen Schlampampen bieten will. Und doch - von »Lumpen« zu reden ist leicht. Aber wieviel bittere Scham, wieviel Erröten vor sich selbst, wieviel Qual gekränkten Stolzes, welche Reue um gefallene Ehre mag heimlich solch ein Lump- und Pumpleben begleiten! Und wie natürlich erscheint der verzehrende Neid gegen den, der nicht nur größer, sondern auch in glücklicheren Verhältnissen! Recht wohl kann die Raserei herostratischer Neidwut sich mit der tiefen und reinen Läuterung weihevollen Schmerzes in anderer Hinsicht verbinden. Denn widerspruchsvoll ist der Menschengeist. Drum will auch alles Menschliche so verstanden und entschuldigt werden. Warum empfand Leonhart nicht selbst das harte Loos nach, das Loos der Edelmann und Haubitz? Nachdem man sich von Kindesbeinen an als geheimer Agent Apollos weihepriesterlich gespreizt, nun plötzlich zu entdecken (- denn, ohne es zu gestehen, besitzt der Neid ja Argusaugen für das Grössere -), dass ein Anderer von dem trügerischen Apollo noch viel bedeutendere Vicekönigs-Vollmachten erhielt! Das scheint gleichsam ein Betrug des Schicksals, ein Verrat der Muse, und sich dafür zu rächen, blieb als letztes Labsal dem Ex-Minister des Parnass! Warum entbehrte denn Leonhart dieses humoristischen Mitleids? Allerdings darf man sich nicht verhehlen, dass Jeder sich selbst der Nächste ist. Steuert man daher nicht den zügellosen Orgien neidgelben Grössenwahns, so verzögert sich die Erkenntnis der Wahrheit, an der man sich somit durch lässiges Zusehen versündigt. Und hier handelte es sich freilich