diesen »Schrecken«, der sich auch später im Wohlfahrtsausschuss des französischen Konvents als förderliche Waffe erwies. Man begriff, warum Taine den Bonaparte als einen Enkel der italienischen Kondottieri gleichsam atavistisch erklären will, als eine postume Neubelebung des Renaissance-Systems, wie dieses sich am klarsten in Venedig verkörperte. In dem Admiral Moncenigo hatte der Dichter eine Gestalt geschaffen, aus einem Gusse und doch von feinster Detaildurchführung. Man sah gleichsam die geflügelten Marmorlöwen San Markos ihre Schwingen beutegierig über Land und Meer breiten und ihre Krallen einschlagen. Warum die vier Erzrosse aus Byzanz, welche an der Mittelfront des Doms so ernst herniederstarren auf die tändelnden Tauben der Piazza, an die Sonderstellung Venedigs als halborientalische Weltmacht erinnerten, begriff man an diesem umfassenden Gemälde verschollener Herrlichkeit. Selbst der Dom San Marko (an dessen byzantinischem, mit romanischem und Ansätzen des gotischen vermähltem Stil alle Epochen der Venetianischen Größe mitgebaut - von der strengen Würde des Donatello-Stils bis zum üppig blendenden Schwung der Hochrenaissance, welche sogar ein Farbengemengsel von Blau, Braun, Gelb, Weiß und grellbunten Fresken zur Schmückung der äußeren Façade verwendete) redete hier in der Teaterdekoration seine wahre Sprache. Man gewann zwanglos tiefere Beziehung zu all diesen Zeugen der Weltgeschichtsentwickelung. In der spitzschnabeligen schwarzen Gondel - ein Sarg unter steinernen Leichen - glitt man gleichsam mit dem Dichter dahin und verstand die Schatten, die um die Kirchhofstille der Paläste griesgrämig dahinschlichen. Unter der hellerleuchteten Rialtobrücke fort, tauchte man unter in dunkle Kanalgassen und trieb langsam hinaus durch Kanale Grande zum blauen Lido, während auf abgelegenen Winkelplätzchen allenthalben Kirchen von überwältigendem Reiz reifer Formschönheit emporsteigen. Man atmete gleichsam den Salzgeruch, der die Mauern umwittert und sie mit einer köstlichen bräunlich-grünen Lasur bekrustet. So verwuchs die Handlung des Dramas gleichsam mit den äußeren Ornamenten der Scenerie. Das ganze Patrizierleben dieser Märchenstadt des Herzens schüttete seine Fülle verschwenderisch aus - Marmor, Gold, Brokat und Atlas, Mosaik und sammetweiches Farbenglühen der Gemälde - und wurde zugleich in seinen innersten Saugfäden offenbar. Es war, als ob die Pfähle, auf denen die Inselstadt erbaut, blossgelegt würden. Aus allen Taten und Worten dieses Lebensbildes tönte aber die Mahnung des Dichters: So macht man Weltgeschichte! Das hat den deutschen Tröpfen stets gefehlt. Nur rücksichtslose weltkluge Niedertracht führt zum Ziele. So, durch tausend Verwickelungen unentwegt sein geheimes Ziel vor Augen, pflanzte Venedig auf der Leiche seines vorgeschobenen Schützlings, des Königs von Cypern, sein Banner auf und benutzte die Schönheit der Venetianerin Katarina Kornaro zu einem politischen Schachzug. Ein seltsamer Epilog krönte das sonst so schonungslos realistische Stück, ein Epiolog, dessen innere Notwendigkeit gleichwohl sofort ins Auge sprang. Nachdem nämlich der 5. Akt an der Riva gegenüber der Seufzerbrücke im goldigsten Sonnenglanze farbigen Glückes geendet, zog sich