! Jeder grüne Junge, der mal ein Buch verbrochen, sandte es: »Seinem Genossen Leonhart in collegialischer Kameradschaft.« Jeder, der etwas leidlich Tüchtiges leistete und das Wohlwollen des großen Dichters ausnutzte, fühlte sich in Vorreden eins mit ihm oder zählte ihn mit zehn andern bunt zusammengewürfelten »Namen« in einem Atem als gleichberechtigten »Mitstreiter« auf. Hält doch das Hündchen sich stets selbst für den Löwen, wenn der gutmütige Leu mit ihm spazieren geht! War doch das litterarische Leben zu allen Zeiten eine Verschwörung der Talentlosen gegen die Talente, der Talente gegen die Genies! Schwer fällt es der Mitwelt, mit sehenden Augen zu sehen. Und die sittlichen Begriffe stumpften sich so ab, dass man die Unsterblichkeits-Assekuranzen als den Normalzustand hinnimmt. Auch unterscheidet sich ja die Presse erheblich von der Straßen-Prostitution: Letztere ist für Geld feil, erstere aus - Passion. So wurde denn die Muse zur Milchmagd, zur schwatzhaften Gevatterin, zum kichernden Backfisch, zur faselndeln Großmutter. Die bramarbasirenden »Idealisten« und die angeblichen »Realisten« ersticken mit ihrem Tamtam die Stimme der Dichterdenker mehr und mehr. Sahnenpoesei, aufgewärmter Mumienkohl, Schweinekarbonaden mit sentimentaler Zwiebel und Berliner Paprika genügt - gegen solche Tafelgenüsse vermögen Nektar und Ambrosia nicht aufzukommen. Überall Verwirrung der Begriffe. Die Sonnen sind erloschen, kein Mond zieht feierlich am Himmel herauf. Rings lastet tiefe Nacht, nur durchleuchtet von zuckenden Blitzen. - - Leonhart fuhr aus seinem Vor-sich-hin-brüten auf; er hatte stier in sein Glas geblickt, während der Wortschwall schleusenlos um ihn her brauste. »Sie wollen schon gehen, Herr Kollege?« Als Leonhart gegangen, wurde über ihn das Verdikt gefällt, er sei eine nervös überreizte Natur, aber ein sehr anständiger Mensch. Nur leide er an allzu tollem Größenwahn. Doch bemerkte ein Wohlwollender: »Wer litte heut nicht daran !« und man ging zur Tagesordnung über. Dass ein gewisser Unterschied zwischen dem »Größenwahn« verkannter Größe und der hohlen Selbstaufblasung hohler Nichtse bestehe, diese Idee schien Keinem beizufallen. Denn kein Wörtchen wird ja heut lieber missbraucht, als das ominöse »Größenwahn«. Zerlegt man das Wort in seine Bestandteile, um sich über den Begriff klar zu werden, so ergibt sich »Wahn« einer »Größe«, die nicht existrt. Wo also wirkliche Größe hervorleuchtet, bleibt der Wahn ausgeschlossen. Heut aber in unsrer nivellierenden Trivialität würden wir Christus ebensogut wie Shakespeare und Michel Angelo des Grössenwahns bezüchtigen. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Genie hat nie etwas davon gewusst, dass das »Genie immer bescheiden«