und eine Zeitung von nicht allzugrosser Schmutzigkeit zu entdecken.« »Ganz richtig,« fiel Leonhart ein, »vor Allem fehlt überall der weite geschulte Blick, der nicht am Aeusserlichen kleben bleibt, sondern ins Innere der Dinge dringt. Das Kennzeichen jeder alexandrinischen Epoche, der seichte und nüchterne Formalismus, weht uns allerorts erkältend entgegen - selbst aus den kritischen Ergiessungen der noch leidlich vornehmen und unbefangenen Geister.« »Aber was wollen Sie denn!« warf Krastinik ein. »Ihre neue Richtung hat ja doch teoretisch auf allen Punkten gesiegt, trotz aller Bajazzosprünge der Alten! Freilich ein Beweis für die Gewalt der Wahrheit.« »Ah pah!« rief Schmoller. »Werden diese Vers-Erbrechen, diese rhytmischen Diarrhoës nicht immer noch gepriesen und auf der literarischen Mode-Tafel servirt? Liebt der biedere Deutsche nicht immer noch, dies schleichende Gift sentimentaler Lüsternheit den Backfischen, Höheren Töchtern und Salondämchen auf dem Weihnachtstische zu kredenzen?« »Und doch täuscht dies nicht über die litterarische Vernichtung der ganzen älteren Generation. Schränkt doch eure Polemik ein! Ignorirt sie doch! De mortius nil nisi bene.« »Hübsch gesagt, Herr Graf.« Schmoller lachte auf. »Aber diese siegreiche Armee der Neuen bildet doch auch nur eine buntscheckige Falstaff-Kompagnie. Was segelt heut nicht Alles unter der Flagge des Realismus - dass Gott erbarm! Kraftmeierei, Salonsäuselei, Formdrechselei! In wie Wenigen lodert das Elementar-Dämonische, der eigentliche Grundtrieb der Poesie - von dem unser Freund Leonhart immer redet.« »Wohl,« sagte dieser ruhig, »aber an glänzender Begabung für alles Technische, an hochgestimmter Auffassung des Schönen, an blendender Stilbehandlung scheint doch kein Mangel. Und was für männliche Charakterköpfe, die sich klar profilirt in kernhaft wuchtigem Vorfechtertum für alles Echte und Gute abzeichnen! Dafür tausche ich gern das wohlabgetönte abgerundete Künstlertum der Alten ein!« »Ah pah!« warf Schmoller ein. »Mit Deiner warmen Anerkennungs-Manie hast Du so Viele herangezüchtet, die gar keine Realisten sind. Z.B. Albert Wohlheim, diesen hermaphroditisch weichlichen Romantiker mit seiner krankhaft zarten Mimosenhaftigkeit der Charakterskizzirung. Mir ist diese weichliche Schmerzenswollust, diese schwüle nervöse Sinnlichkeit, diese grelle, Effektascherei zuwider.« »Hm, da steckt doch aber unter aller Koketterie etwas Wahres. Allerdings mehr bildkünstlerischer Formensinn, als eigentliches Dichtertum. Koloristische Makartereien. Doch bleibt er trotzdem ein reifes und in sich geschlossenes Talent.« »Aber kein ursprüngliches.« »Offen gestanden, wenn ich nur ein Urteil erlauben darf,« meinte Krastinik, »scheint mir Wohlheim doch in seinen Romanen nur ein Lyriker, freilich oft von magischem Stimmungsreiz. Und in seiner form-unsaubern eintönigen Weltschmerz-Lyrik ist