und Kunst. Für klassisch verdorbene Akademikeraugen ein Ort des Schreckens und der Qual ...« fuhr der Bildhauer fort, nachdem er von einigen Gruppen und Statuen die schützende Hülle, grobe, staubgraue Tücher, genommen. Längs der Wand standen auf einem niedrigen Simse eine Reihe von kleineren Skizzen. »Suchen Sie!« rief Achtuber. »Hier das Frauenzimmer auf dem ominösen Stuhl? Erlauben Sie, das ist unerhört, das ist kein Vorwurf für die bildende Kunst!« Der Künstler verzog die Lippen. »Das müssen die Herren Nichtkünstler doch wohl den Künstlern zu entscheiden überlassen ... Sehen Sie nur genau hin, Herr Baron, das ist wirklich der ominöse Stuhl; Sie haben richtig geraten. Die genaue Kopie des Stuhls, der im ärztlichen Untersuchungsbüreau von der Polizeibehörde bekannten Damen allwöchentlich angeboten wird. Der Künstler, dem nichts Menschliches fremd sein darf, hat ein Recht, sich für Personen, Dinge und Zustände nachschöpferisch zu interessieren, welche in der profanen Alltagswelt noch als die Domäne des Arztes, des Polizisten, des Richters betrachtet werden. Ei freilich, Venus, die Schaumgeborene - die Verführerin als strahlende Göttin - und ihr mit Mars erzeugter Sohn Amor oder Kupido oder Eros, dargestellt als neckischer Knabe mit Flügelchen an den Schultern, bewehrt mit Bogen und Köcher, aus dem er Liebespfeile schießt, oder mit einer Fackel, dem Sinnbilde brennender Liebe, diese mytologischen Kinderstubenscherze, das sind Vorwürfe für die echte, die ideale Kunst, nicht wahr? Nein, mein Herr, mit diesem verlogenen, konventionellen Schnickschnack wollen wir modernen Künstler nichts mehr zu schaffen haben. Unsere Seele schreit nach Erlösung von Unnatur und Lüge, wir sehen die hehre Schönheit nicht in der klassischen Schablone, sondern in der Wahrheit, die vor unsern Augen liegt. Wir kehren uns nicht an die alten Muster, wir halten uns an den Geist, der in uns selbst lebendig ist und beugen uns in Ehrfurcht vor dem ewigen, erhabenen Urtext der Natur. Und darum schildern wir unsere Zeit und unsere Menschen, unsere Irrtümer, Torheiten, Leiden, Hoffnungen und Ideale, wie die Alten die ihrigen geschildert haben. Dieser Stuhl hier und das Weib darauf mit den ausgespreizten Schenkeln und der Gerichtsarzt davor mit dem kühlen Aktendeckelgesicht - das sind Abschnitte aus der echten, wirklichen Venuslegende unserer Zeit, mit hoher obrigkeitlicher Approbation, ein Aufzug aus dem hundertaktigen Drama unseres modernen sozialen Elendes, das nur diejenigen nicht sehen, die es aus Feigheit oder eigener Niedertracht nicht sehen wollen ...« Drillinger musterte die Gruppe aufmerksamer. »Ich kann mir nicht helfen, Herr Achtuber, so vollendet Ihr Werk auch sein möge und so frei von frivoler Effektascherei - man wird Sie doch der Verirrung, ja der Freude an der