kann. Aber ob Sie Recht haben, das weiß ich nicht.« »Wenn Sie mir nicht glauben wollen, Fräulein Judit, hätten Sie mich ja überhaupt nicht zu fragen brauchen;« antwortete Ernest. »Ich sage das nicht meinetwegen, denn meine Überzeugungen werden dadurch nicht bestärkt oder geschwächt, dass Sie sie annehmen oder verwerfen. Allein Ihretwegen tut es mir leid, dass Sie kreuz und quer mit Fragen umherfahren, deren richtige Beantwortung Ihnen am Herzen liegt und überhaupt wichtig ist, und die Sie doch nicht einfach und kindlich annehmen.« »Haben Sie nie versucht, durch ein Menschenherz glücklich werden zu wollen?« fragte Judit gleichmütig. »O ja!« rief Ernest erheitert; »aber mein Versuch scheiterte an einem schiefen Näschen.« »Woran?« sagte Judit lächelnd. »Hören Sie nur! es ist eine sehr lehrreiche Geschichte! Als ich zum ersten Mal in Venedig und vierundzwanzig Jahr alt war, begegnete sie mir. Das ist so recht das Alter, in welchem das Menschenherz die Neigung hat, sich einem anderen Herzen anzuschmiegen und zu erschließen, und die Gegenwart mit allerlei darauf bezüglichen Hoffnungen zu schmücken, welche dann die Zukunft erfüllen soll.« »Herr Ernest!« rief Judit zürnend, »welcher Barbar führt denn das Regiment über die menschlichen Geschicke, dass Sie in einen solchen Widerspruch geschleudert werden! Das Herz ist nicht geschaffen, um sein Genügen in der Kreatur zu finden, und dennoch neigt es sich ihr zu!« »Sie müssen hübsch aufpassen, Fräulein Judit, und nicht gleich wieder vergessen, was man Ihnen eben weitläufig expliziert hat: der Mensch hat nicht die Bestimmung, hienieden sein volles Genügen zu finden, wohl aber die: sich begnügen zu lernen in freiwilliger Beschränkung. Durst nach Glück ist das Prinzip seines Lebens; dadurch und dafür entwickeln sich seine Kräfte. Die schönste und vollkommenste Form, in welcher ihm das Glück erscheint, ist die Liebe, weil sie das Leben bereichert, vervollständigt, verdoppelt, abrundet, also eine Fülle guter und süßer Gaben ihm bringt, die der zärtliche Vater im Himmel gern seinen Kindern auf Erden gönnt, ja dies Glück erhöht, indem er es heiligt. Ist das ein barbarisches Regiment? Aber weiter! Der Mensch lebt nicht für die kurze Spanne Zeit voll Wechsel trüber und froher Tage, sondern für ein ewiges Leben voll unendlicher, ungetrübter, wechselloser Seligkeit; es muss also ein Etwas in ihm sein, das nach Unendlichem und Wechsellosem begehrt, und das sich unmöglich mit Vergänglichkeit und Schwankendem begnügen kann. Ist es barbarisch, der Seele eine Größe gegeben zu haben, welche durch die ganze Welt der Sinne und der Sichtbarkeit, der Gedanken und der Gefühle nicht ausgefüllt werden kann