Entwickelung der Kraft und Größe seines Vaterlandes hemmen konnte. So aus dem Lager der Ghibellinen trat der Dechant in das der Welfen. In einem engen Gässchen ging es zur Stadtschule und zur Stadtpfarrei. 7. Die Straßen zu Kocher am Fall sind ganz so gebaut, wie das »gemütliche« Mittelalter überall baute. Häuserzeilen, die nicht geradeaus laufen, sondern die den Wind überzwerg durch Winkel und Einbiegungen behaglich abfangen ... Da ein kleiner schiefer Platz mit einem Brunnen ... dort eine Sackgasse, die in einer in Sandstein gehauenen alten Kreuzesabnahme endet ... Zwischendurch stürzt und wogt und wallt der »Fall«, ein wilder Bergstrom von mäßiger Breite, der das Städtchen in zwei Teile schneidet, ohne dass man zuweilen die Brücken bemerkt, auf denen man steht. Der Fall ist hier und da ganz überbaut und schießt durch Färbereien oder unter einer donnernden Mühle hin, man sieht ihn nicht. Am untersten Ende der Stadt liegt an ihm ein Judenviertel. In Kocher am Fall gibt es eine starke Judengemeinde, die schwunghaften Handel treibt, vorzugsweise mit Vieh und dessen Abfällen. Aber auch Hausirer gab es genug in ihr und Fruchtmakler, die Geschäfte auf zwanzig Meilen Weges und weit über die Residenz des Kirchenfürsten hinaus machten. Herr Löb Seligmann von Kocher am Fall war sogar einer der berühmtesten Gütermakler. Zwei so stattliche Kirchen, wie der uralte Dom von St.-Zeno und die Stadtkirche, reichten vollkommen für die christliche Bewohnerschaft aus. Es waren aber noch fünf bis sechs andere Kirchen vorhanden. Sie wurden zu Vorratshäusern für Militär- und Verwaltungszwecke benutzt. Eine der kleineren, die Minoritenkirche, gehörte den Protestanten, die nur in geringer Zahl in Kocher am Fall wohnten, in geringerer noch als die Juden ... Auf der Konferenz sprach eben jemand, als der Dechant eintrat, die Worte: Und dennoch, dennoch hat die hiesige kleine Gemeinde von noch nicht hundert Luterseelen einen Geistlichen, der besser dotirt ist als der Kaplan in der Stadtkirche, der neben seinem schweren Amte auch noch den Kirchendienst in den Dörfern der Umgegend zu versehen hat! Abwechselnd mit den Pfarrern von Blick, Hilkum und den Mönchen zu Gottestal! hätte der Dechant gleich hinzusetzen mögen, um eine der von jenen Tagen an immermehr in Umlauf kommenden Tendenzunwahrheiten zu berichtigen. Doch fürchtete er, seinen Amtsbrüdern die Phantasiegebilde zu zerstören, die jetzt vor ihnen im Qualm ihrer Tabackspfeifen bunt und wirr genug auf und niederzogen. Immer traf ihn beim Eintreten in den großen Schulsaal - - die glückliche Jugend hatte heute »frei« - sogleich der ihm besonders unangenehme Blick des an der Spitze der zusammengerückten Schultische sitzenden Beda Hunnius, dieser doppelsichtige Blick, der der wahren Gesinnung des Mannes gegen ihn entsprach. Der kurze,