verbreitet, höchst achtbar, aber sehr einförmig und ein wenig tonlos. Wie anders wird es, wenn wir durch die Westfälische Pforte gegangen sind! Erinnrungen der verschiedensten Art beherrschen die Geister der Menschen. Hier lag eine freie Reichsstadt, dicht daneben waltete der Krummstab des Bischofs, unfern gebot ein kleiner Dynast. Nun dauert aber das Gedächtnis einer politischen Vergangenheit länger, als unsre Staatskünstler sich träumen lassen. Weiterhin, in den rheinischen Kreisen, war bekanntlich die Landkarte noch bunter zu den Zeiten des Reichs, welches doch noch kein Menschenalter tot ist. Betrachte man denn eine eigentümliche Folge, welche die Verhältnisse kleiner Staaten in den Menschen erzeugen! Wenn in einem großen Reiche etwa ein Dutzend Personen zu dem Bewusstsein politischer Würde und Wichtigkeit gelangen, so entsteht auf einem viermal geringeren Raume, welcher von kleinen Staaten besetzt ist, wenigstens das Vierfache jenes Bewusstseins und des daraus entspringenden Sinns für das Öffentliche. Auf Flächeninhalt und Einwohnerzahl kommt es hiebei nicht an. Der Geheime Kammerrat des Beherrschers von wenigen Dörfern und Weilern trägt ein Selbstgefühl mit sich umher, welches dem des Ministers in dem Staate von dreizehn Millionen Einwohnern nichts nachgibt, vielleicht dasselbe noch übertrifft, weil jenen die großen Weltindernisse nicht so bedrängen, wie diesen. Die kleinen Staaten sind untergegangen, aber die Menschen sind geblieben. Die Söhne oder Enkel jener Geheimen Kammerräte, Bürgermeister, Schöffen und Patrizier leben, und wollen an ihrem Teile die Stelle der Väter und Ahnen einnehmen. Im Dienste des großen Reichs, welcher ihnen nun offensteht, gelangen aber nur sehr wenige, ich wiederhole es, zu dem Gefühle eigener Wichtigkeit im ganzen Staatsbetriebe, der unendlich größeren Mehrheit bleibt die Last des passiven Gehorsams ohne Ruhm und Auszeichnung. Was folgt also hieraus? In einer großen Zahl von Menschen entspringt dort die Neigung, sich neben dem Staate, allenfalls auch wider denselben stehend, geltend zu machen. Nimmt man nun noch dazu einen hohen und reichen Adel, der jene Gegenden mit bevölkern hilft, und der keinesweges willens ist, sich so ganz leidend in die uniforme Staatseinheit verschlingen zu lassen, vielmehr eher den Wunsch hegen möchte, sich zu einer neuen Art feudalistischer Zwischenmacht zu erheben, bedenkt man, dass bis zu den jüngsten Zeiten in den dortigen Gegenden auch unter Bauern und Kleinbürgern so manche Reste unabhängiger Selbstregierung fortdauerten, und bringt man schließlich in Anschlag, dass wir zum Teil von Slawen, Sarmaten, Wenden und Longobarden, jene aber von Sachsen und Franken abstammen, so wird man wohl fühlen, dass so bedeutende Gegensätze nicht wohl mit einem Federzuge ausgestrichen werden können.« Mehrere, welche jene Gegenden kannten, stimmten dem Redner bei, und sagten, dass auch ihnen dort ein größerer Sinn für das Öffentliche, dagegen ein völliger Mangel eigentlichen Familienlebens bemerklich gewesen sei