1919_Sack_Namenloser_41.topic_12.txt

das Eindeutige und Unverhüllte, unverschnörkelt, unverkümmert, unverkünstelt durch Bildung und nicht krank und unsittlich gemacht durch eine haarsträubende Moral. Die Verdrehungen und Krankhaftigkeiten, die jene Moral verschuldet, blasen wir schon fort, und gerade dieses Fortblasen und Entkleiden ist vielleicht der prickelndste Reiz. Was heißt denn verdorben und rein? Das ist nichts als Folge des Temperaments und der Umgebung - da genügt eine rote Nacht, um aus dem besterzogenen Geheimratstöchterchen das süßeste Dirnchen zu machen. Und verdamme ich sie deswegen, so müsste ich mit ihr Alles verdammen, finde ich sie deswegen meiner nicht würdig, so dürfte ich nichts meiner würdig finden. Und die Bildung? Ich habe noch keine Frau getroffen, vor deren Bildung ich nicht fortgelaufen wäre. Ich habe noch keine Frau gefunden, die metaphysische Probleme verstanden hätte, geschweige denn, dass sie ihr das Herz verbrannt hätten. Die Frau ist der typische fadeste Positivist und weiß es nicht und glaubt es nicht, sie ist in geistigen Dingen das Faseltier par excellence, sie verhimmelt Spinoza, schwärmt für Karlyle, liest mit prickelnder Wollust Nietzsche, schreibt über alle drei ein Essay und betitelt es Goethes Christentum und bricht darin eine Lanze für das einjährig-freiwillige Dienstjahr der Frau. Das sind wieder Ihre bekannten Lagerhyperbeln. Hyperbeln? Nur in Hyperbeln steckt Wahrheit. Dass wir übrigens mehr lügen als es nötig ist, und feiger sind als es erträglich ist, und nachsichtiger als es klug ist, werden Sie mir zugeben. Das gebe ich zu. Aber wissen Sie, Ihre Verteidigung der Heerstraße sieht verteufelt nach Augenzudrücken und verzweifelter Selbsttäuschung aus. Mit anderen Worten: ich bin ein Waschlappen! Aber das macht nichts, mein Lieber, das macht nichts. Übrigens gibt es auch eine Konsequenz der Waschlappigkeit, die abgesehen von ihrem Wert für mich ein souveräneres Hinwegsetzen über die Affenmeinung der Masse verlangt als die der heroischen Dickköpfigkeit! Nun möchte ich aber die Wurzel Ihrer Paradoxien kennen lernen. Sagen Sie mir, hat das Leben für Sie überhaupt einen Wert? Als ob das Leben etwas über sich aussagen oder gar sich selbst bewerten könnte! Dann müsste es doch seine eigene Wertung auch wieder bewerten. Den Wert unseres Lebens könnte nur der bestimmen, dessen Teile oder Tätigkeiten wir wären, der also den Zweck unseres Lebens kennte. Und da wir eben diesen außer ihm liegenden Zweck des Lebens nicht wissen, müssen wir es aus seinen eigenen Äußerungen, d.h. aus seinen Tätigkeiten bewerten. Der Wert eines einzelnen Lebens kann nicht nach seinen Tätigkeiten bestimmt werden; wir können nur die einzelnen Tätigkeiten eines Lebens in sich nach ihren Zwecken bewerten. Mit der Rangordnung der Zwecke kann ich dann eine Rangordnung der Tätigkeiten festsetzen - nicht der Existenzen, nicht eines Lebens überhaupt. Das Leben