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. Im Grunde waren wir beide darüber einig, dass wir jeder dem anderen Selbsttäuschungen zutrauten. Auf diesem Wege musste ich zu dem Schluße kommen, dass Slim sich doch etwas ungemütlich fühle. Denn es war nicht ausgeschlossen, dass der Auftritt und die Ermordung Rulcs vor seinen eigenen Augen stattgefunden hatten. Nun war dieser Umstand für einen Menschen wie Slim von keiner tragischen Bedeutung. Unheimlich war allein das Seelische an der Sache, diese seltsame Unklarheit der Erinnerung, gewissermaßen eine Erscheinung von Gedächtnisschwund, ein Irrsinn, eine Bewusstseinstrübung bei intakter, ja vielleicht gesteigerter Denkfähigkeit. Aller dieser Zweifel konnte Slim zum Beispiel überhoben sein, wenn er geradewegs auf mich zuging und frug: »Sagen Sie doch, Johnny, sind Sie an diesem Abende, wissen Sie, diesem hellen Abende vor unserem Abmarsch nicht in der Savanna gewesen?« Worauf ich ihm, der Wahrheit gemäß und mit teuflischer Berechnung gesagt hätte - das konnte er sich an den Fingern abzählen - »Ja, lieber Slim, wo haben Sie denn Ihre Gedanken? Ich will nicht indiskret sein, Sie verstehen. Aber ich habe in jener Nacht zwei Männer hintereinander aus dem Farn kommen sehen. Dies war kurz nach dem Seufzer Rulcs, kurz nach diesem stumpfen Metallklang, der mir so schrecklich im Ohr haftet, und nach dieser Szene - das alles spielte sich ja so rasch ab. Einer jener Männer waren Sie. Erinnern Sie sich, Sie haben weggesehen, und haben damit gleichsam ein Zeichen gegeben, dass Sie nicht erkannt sein wollen. Die Folge davon ist, dass ich auch wirklich nicht genau hingesehen habe; vielleicht ist es auch van den Dusen gewesen; aber den hatte ich schon vorher am Rückweg gesprochen. Vielleicht aber haben Sie doch recht. Dann ist das alles nur unsere Einbildung; wir suggerieren uns das auf eine Art, weiß der Teufel, wie wir beide in diesen Zusammenhang kommen. Das ist Ihnen doch nicht sehr angenehm?« Auf diese Weise konnten wir beide einmal ins Reine kommen. Nicht über die Tatsache, denn die war schlechterdings nicht festzustellen, ja destoweniger festzustellen, je strenger unsere Gedanken im Akkord abliefen. Aber dieser Akkord selbst war noch zu beweisen. Es war nicht unbedingt nötig, ihn durch eine Aussprache zu realisieren. Der Glaube an ihn war ohne sinnfällige Mittel für uns beide erwiesen. Aber ich hatte das Bedürfnis, Slim bei mir in Audienz zu empfangen. Er und ich stellten ja eine Panik dar. Es wäre schön von ihm gewesen, wenn er sich Gewissheit darüber verschafft hätte, aber ich roch genau, dass er Furcht davor hatte. Ich meinerseits fürchtete mich, ihn dafür zu verachten, ich hatte begreiflicherweise überhaupt Angst vor allen Gefühlen, die sich auf ihn bezogen. Denn sie mussten