1792_Knigge_ReisenachBraunschweig_65.topic_12.txt

sie irgend etwas darunter, was Inhalt hineinbringen soll, zum Beispiel: La tranquillité villageoise, oder: Le dimanche à la campagne u.s.f. Dass bei einem Schauspiele eine einfache Handlung zum Grunde liegen müsse, daran hat noch niemand gezweifelt, der die Sache versteht; und ich darf hinzusetzen: nicht selten ist ein Schauspiel um desto vorzüglicher, je einfacher, mit wenig Worten sich dieser Hauptzweck, auf welchen die ganze Handlung und alles Würken der handelnden Personen hinausgeht, ausdrücken lässt. Auf welchen Punkt aber concentrirt sich in den Indianern in England das ganze ungeteilte Interesse? Wer ist die Haupt-Person? Welcher moralische Satz, welche Lehre, welche Wahrheit, welche Warnung soll hier anschaulich gemacht werden? kurz! welchen Haupt-Eindruck soll der Zuschauer mit nach Hause nehmen, wenn der Vorhang gefallen ist? So viel über den Zweck, oder vielmehr über den Mangel an Zweck! Nun zu den einzelnen handelnden Personen und deren Charactern! Eine eben so unbestrittene Regel bei einem guten Schauspiele, als die vorige, ist die: dass alle auftretenden Personen an die Handlung geknüpft sein sollen, dass sie zum Ganzen nicht nur mitwürken, sondern zu dieser Wirkung notwendig, unentbehrlich sein müssen. Alles übrige nennt man Flick-Rollen, die von der Armut des Dichters zeugen. Leider! ist nun freilich in diesem Stücke überhaupt gar keine eigentliche Handlung; aber angenommen, dass man das bisschen Tätigkeit, worin die Personen gesetzt werden, also nennen möchte; so könnte füglich das Ganze seine Endschaft erreichen, ohne den Herrn Musaffery, ohne den Visitator, ohne den Bootsknecht, ohne die beiden Notarien, wenigstens ohne Einen derselben, ohne den kleinen Knaben, allenfalls ohne die alberne Mistriss Smit, ja! ohne den alten Herrn Smit, der auf seinem Stuhle herausgefahren wird, um zu hören und zu sehen und, wenn ihn der Dichter wieder fort haben will, geschimpft oder gestoßen wird, da er dann anfängt zu fluchen oder zu klagen und sich wieder fortrollen lässt. Verzeichnet sind fast alle Charactere. Gurlis liebenswürdige Naivetät hat ein Kunstrichter so meisterhaft geschildert gefunden und Andre haben es ihm nachgelallt. - Lassen Sie uns doch, ohne uns um diese Autorität zu bekümmern, untersuchen, was für ein Werk der Schöpfung diese Gurli ist! Eine alberne Gans zu malen, die von den Dingen dieser Welt nichts weiß, gern einen Mann haben will, lacht, wenn ihr etwas ungewöhnliches aufstösst, weint, wenn sie an etwas Unangenehmes denkt, sich zu freundlichen Gesichtern hingezogen fühlt und unfreundliche Menschen nicht leiden mag - ist es Kunst, so ein Geschöpf zu malen? Allein dies Bild könnte interessant werden, wenn man das rohe Kind der Schöpfung in Lagen versetzt sähe, wo es