1919_Wassermann_ChrWahnschaffe_505.topic_22.txt

nur Folgerichtigkeit liegt darin, sondern auch etwas andres, nämlich Verzweiflung und Entsetzen, und das äußert sich nicht so, wie es sich bei einem Schuldigen und von seinem Gewissen Gefolterten äußern müsste, sondern so wie bei einem Kind, das eine Nacht lang in einem finsteren Raum hat verbringen müssen, wo es von einem unheimlichen und grausigen Gespensterspuk bis in den innersten Grund der Seele verstört worden ist. Sein Gewissen hätte doch eben durch das Geständnis erleichtert werden müssen; es zeigt sich aber das Gegenteil. Wie ist das zu erklären? Und dann: er soll Ruth an einen verborgenen Ort gelockt haben. Natürlich, es muss ja ein verborgener Ort gewesen sein, wenn es nicht im Wald oder auf freiem Felde war. Aber trotz der sorgfältigsten Nachforschungen hat man diesen Ort noch nicht zu ermitteln vermocht, und in keinem Verhör hat Heinzen dazu überredet werden können, ihn anzugeben. Es wird ihm ununterbrochen mit Fragen zugesetzt; über diesen Punkt schweigt er beharrlich oder antwortet ungereimtes Zeug. Man hat zweierlei Erklärungen dafür. Die eine ist, dass er einen Komplizen schonen will, dessen Spur man sofort finden würde, wenn der Schauplatz des Verbrechens bekannt wäre; die andre, dass eine jener Gedächtnisstörungen, sogar völliges Aufhören der Erinnerung eingetreten ist, wie man es bei geistig Anormalen bisweilen wahrnimmt. Ich glaube weder an das eine, noch an das andre. Er weiß den Ort gar nicht; das ist meine Ansicht. Er war bei der Verübung des Mordes vielleicht gar nicht zugegen. Es ist möglich, dass er schwer betrunken war oder aus einem trunkenen Zustand eben zu sich kam, als er die Leiche neben sich erblickte. Es ist möglich, dass er durch den Anblick der Leiche zu der fürchterlichen Täuschung kam oder durch irgendwelche Kniffe dazu gebracht wurde, sich selbst für den Mörder zu halten ...« Niels Heinrich trat einen Schritt vor. Seine Kinnlade schlotterte. Ihm war auf einmal wie in einem Platzregen glühender Steine. Ein finster grausendes Erstaunen malte sich in seinen Zügen. Er hatte schweigen gewollt; er hatte höhnen gewollt; er hatte gehen gewollt; er hatte nichts und doch alles begriffen; er wollte kalt sein und ahnungslos scheinen, denn da rückte die Gefahr heran, die endliche Gefahr, die Rache, das Schwert, der Strick, das Beil. Da rückten sie heran; dennoch war er nicht imstande, sich zu bemeistern; es war stärker als alles. »Mensch,« kam es orgelnd aus der schluckenden Kehle, »Mensch ...« Dann, in der dämonischen Angst, dass er durch sein Benehmen die Gefahr nur vergrößert: das könne man ja nicht aushalten, das greife einem an die Nerven; was habe man denn zu schaffen damit