1904_May_Friede_90.topic_22.txt

; ich fand es zwar später, doch waren sie schon abgereist. Horch! Klang da nicht das Gong?« »Ja. Man gibt das Zeichen zum Essen.« »Wir können noch warten!« Sie verweilten sich noch einige Zeit, doch kam das durch den Tamtam unterbrochene Gespräch nicht wieder auf denselben Gegenstand. Und das war mir sehr lieb, denn wenn Mary Waller wieder erwähnt wurde und dieser Professor abermals an das Notizbuch dachte, so konnte er auf den Gedanken kommen, es aus dem Jakett zu nehmen, in welchem es ja nicht mehr steckte. Es war ein ganz eigentümliches Zusammentreffen von Umständen, welche sich so miteinander verbanden, als ob ein bestimmter Wille sie gerade so gelenkt hätte und nicht anders hätte lenken wollen. Man pflegt das Zufall zu nennen; für mich aber ist diese Verlegenheitserklärung nicht vorhanden. Der Mensch glaubt, zu schieben, und er wird geschoben. Tritt ihm ein Ereignis nahe, welches er nicht selbstgefällig auf seine eigene Rechnung setzen kann, obwohl sich später zeigt, dass es von großem Einfluss auf sein Leben ist, so geniert es ihn, einzugestehen, dass hoch über ihm eine weise, mächtige Führung waltet, welche ihn nicht um die Erlaubnis fragt, mit ihm tun zu dürfen, was sie für richtig hält, und so hat er das vollständig nichtssagende und inhaltslose Wort Zufall erfunden, mit welchem er zwar seine Ohnmacht eingesteht, weil er nicht anders kann, aber auch keine ihn beherrschende und bewusst handelnde Potenz anerkennt. Mein Leben ist sehr reich an solchen sogenannten Zufällen, welche sich später als für mich außerordentlich wichtig erwiesen, und wenn ich dann auf sie zurückblickte, so entdeckte ich, dass sie mit einer logischen Folgerichtigkeit an mich herangetreten waren, die mich als denkenden Menschen zwang, sie nicht einem willenlosen, blinden Ungefähr, sondern einer außerhalb mir und jenseits dieser Tatsachen existierenden, unendlichen Güte zuzuschreiben. Darum war auch das Ineinandergreifen der gegenwärtigen Umstände kein Zufall für mich, sondern ich nahm diese Tatsachen mit der Überzeugung hin, dass sie sich ganz gewiss als jetzige Ursachen späterer Folgen erweisen würden. Das, was der Professor über Waller gesagt hatte, erklärte mir Alles, was mir an dem Letzteren bisher unverständlich gewesen war. Der Missionar besaß nicht das wahre, echte, allgemeine, sondern ein ganz besonderes persönliches Christentum, welchem gerade deshalb, weil es ein individuelles, durch scharfe, psychologische Konturen eng begrenztes war, die Hauptsache, nämlich die Nächstenliebe fehlte, ohne die es ja gerade das nicht geben kann, was das Christentum der Menschheit bringen soll, nämlich die Erlösung. Waller hatte die Vokation zum Glaubensboten sich selbst erteilt, ohne dazu berufen und geeignet zu sein, und die Lehren Christi ebenso wenig begriffen wie die