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dem Augenblick an, wo es sich nur teilweise, nicht gemeinsam in die Bahn eines bis dahin unerhörten Fortschrittes schwang, da ging es in Splitter und seitdem verkommt es.« »Das verstehe ich nicht,« sagte Judit. »Wenn ein Teil von Deutschland einen großartigen Fortschritt machte, so hätte er ja den anderen Teil mit fortreißen müssen, oder wenigstens, wenn das über seine Kräfte ging, allein zu einem glänzenden Resultate gelangen müssen.« »Und gerade derjenige Teil von Deutschland,« rief Orest, »der nach Florentin's Ausdruck einen großartigen Fortschritt machte - oder, wie ich mich ausdrücke, Deutschlands religiöse und politische Einheit zerriss, durch welche es fast ein Jahrtausend an der Spitze der Zivilisation gewesen war: gerade der Teil verband sich mit allen Völkern, welche gegen das alte großartige, macht- und kraftvolle Deutschland feindlich gesinnt waren - und mit allen Tendenzen, welche das Streben und Verlangen nach Einheit hintertreiben. Gerade der Teil hat mit seinem freien Forschen und freien Denken, mit seinen philosophischen und metaphysischen Systemen und mit den tausend Scharteken, welche zum Apparat hoher Bildung und Wissenschaft gehören, dermaßen die Tatkraft des deutschen Volkes gelähmt und dermaßen seinem gesunden Sinne des Gedankens Blässe angekränkelt, dass es wirklich teilweise in den gebildeten und halbgebildeten Schichten marklos geworden ist. Ob übrigens ein markloses Geschlecht ein Volk von Denkern und im Stande sein könne, einen klaren Gedankenprozess durchzumachen, bezweifle ich. Mir scheint, die Verwirrung der Begriffe stehe in üppigster Blüte, besonders auf dem Gebiete der sozial-politischen Theorien. Aber die Söhne Albions möchten nicht bloß Deutschland, sondern Europa - ja den ganzen Erdball in das Gebiet des Gedankens hinein schmeicheln, damit sich möglichst wenig Hände außerhalb Englands an die allerdings furchtbar gedankenlose Praxis der Baumwoll-Spinnerei und Weberei begeben.« »Ich staune, Graf Orestes!« rief Judit. »Sie stehen ja ganz auf der Höhe des Jahrhunderts und halten Reden wie ein Kammermitglied, so dass alle Hoffnung vorhanden ist, auch Ihnen könne noch des Gedankens Blässe angekränkelt werden! Aber jetzt beruhigen Sie Sich durch einen Blick auf den Montblanc.« Die Sonne war nicht nur schon unter den Horizont hinabgesunken, sondern der westliche Himmel hatte bereits die glühenden Färbungen verloren, die aus lichtem Goldglanz in feuriges Rosenrot, dann in zarten Purpur und Violet allmälig verschwimmen, bis sie endlich zu einem bläulichen Duft verbleichen, der den ganzen Himmel umflort und der nur im Westen mit einem leichten, grünlich gelben Anhauch gemischt ist. Das Gebirg, das allen Schattierungen des Sonnenunterganges und des Abendhimmels folgt und, wie ein Geschmeide von Topasen, Rubinen und Ametysten für den König der Erdgeister, prächtig und anmutig in glänzenden Farben aufstrahlt, wird ebenfalls in die bläuliche Umflorung gehüllt,