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Sprachgeschichte, die zugleich die schönste Völkergeschichte war, ein wahrhaftes, großes, singendes und klingendes Epos zu finden, in zahllosen Völkerstämmen herüberziehend und rauschend aus den grünen Waldschatten der Vorzeit, an Strömen und Meerborden hin und her wandelnd, Völkerschlachten schlagend, Städte bauend und eine Geschichte lebend in frommem Ernst und derbem Schwank, in Festglanz und Todesschauern. Die uralte heilige Ehrbarkeit, mit welcher in der Menschensprache überall das Abgeteilte, Zahl, Maß und Gewicht, Trockenes und Flüssiges, Bodeneinteilung und Geschlechtsverwandtschaft erschienen, wies von selbst wieder hin auf die Rechtsgeschichte und bestätigte deren Qualität in der Menschennatur, so wie die ehrwürdige und ursprüngliche Allgemeinheit der Wörter für die wichtigsten physischen Gegenstände mit der inneren Einfachheit und Allgemeinheit der Natur selbst zusammentraf, wie er sie in den betreffenden Betrachtungen und Studien kennen und ehren gelernt hatte. So gewann nun Heinrich, durch die unmittelbare Anschauung solcher Dinge, erst eine lebendige Liebe zu der Geschichte, wie überhaupt die unmittelbare Kenntnis der Faser und der Textur der Wirklichkeit tiefere, nachhaltigere und fruchtbarere Begeisterung erweckt in allen Übungen als alles abstrakte Phantasieren. Und selbst diejenigen, welche nur teilweise Kenntnis genommen haben vom Bestehen dieses organisch-notwendigen Gewebes, dieser Textur der Dinge, werden dem Ganzen erspriesslicher sein durch die erworbene Fähigkeit, sich alles gewaltsamen Räsonierens zu enthalten und nicht länger eine ungleichmütige Verwirrung bald feiger, bald übermütiger Stimmungen und Forderungen über die Dinge auszugiessen, die sie nicht begreifen und die sich doch von selbst verstehen und machen. Heinrich trug ein zwiefaches praktisches Ergebnis von seinem Selbstunterricht in der Geschichte davon. Erstlich gewöhnte er sich gänzlich ab, irgendeinen entschwundenen Völkerzustand, und sei er noch so glänzend gewesen, zu beklagen, da dessen Untergang der erste Beweis seiner Unvollständigkeit ist. Er bedauerte nun weder die beste Zeit des Griechentums noch des Römertums, da das, was an ihr gut und schön war, nichts weniger als vergangen, sondern in jedes bewussten Mannes Bewusstsein aufbewahrt und lebendig ist und in dem Grade, nebst anderen guten Dingen, endlich wieder hervortreten wird, als das Bewusstsein der Menschengeschichte, d.h. die wahre menschliche Bildung allgemein werden wird. Insofern bestimmte Geschlechter und Personen die Träger der Tugenden vergangener Glanztage sind, müssen wir ihnen, da diese Hingegangenen Fleisch von unserm Fleische sind, den Zoll weihen, der allem Wesentlichen, was war und ist, gebührt, ohne sie zurückzuwünschen, da sonst wir selbst nicht Raum noch Dasein hätten. Sodann lernte er die unruhigen Gegensätze von Hoffnung und Furcht, wie sie durch Fortschritt und Rückschritt in der Geschichte wachgehalten werden, in sich bändigen und ausgleichen, und zwar in bezug auf den Teil davon, den die nächste Zeit und der einzelne selbst erlebt. Er sah, dass die Geschichte nicht einem schlechten Romane gleicht