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die Charakterbildung sein wird. Auf diese Weise wird eine Wissenschaft gebildet, für welche ich den Namen Ethologievorschlage; von êthos, ein Wort, das dem Worte »Charakter«, wie ich es hier gebrauche, besser entspricht, als ein jedes andere Wort. Etymologisch ist der Name vielleicht auf die ganze Wissenschaft unserer geistigen und moralischen Natur anwendbar; wenn wir aber, wie es üblich und passend ist, den Namen Psychologie für die Wissenschaft von den elementaren Gesetzen des Geistes gebrauchen, so wird Ethologie als der Name der Wissenschaft dienen, welche die Charakterart ermittelt, welche in Übereinstimmung mit diesen allgemeinen Gesetzen durch irgend eine Reihe von physischen und moralischen Umständen erzeugt wird. Nach dieser Definition ist die Ethologie die Wissenschaft, welche der Erziehungskunst entspricht; sie schließt in dem weitesten Sinne des Wortes sowohl die Bildung des nationalen oder kollektiven, als auch die des individuellen Charakters ein. Man würde in der Tat vergebens erwarten (wie vollständig die Gesetze der Charakterbildung auch bestimmt sein mögen), dass wir die Umstände eines gegebenen Falles so genau kennen lernen könnten, um den in diesem Falle erzeugten Charakter bestimmt vorauszusagen. Wir müssen uns aber erinnern, dass auch ein weit unter dem Vermögen der Voraussagung stehendes Wissen oft von großem praktischen Werth ist. Es kann eine große Macht, die Erscheinungen zu beeinflussen, neben einer sehr unvollkommenen Kenntnis der Ursachen, durch welche dieselben in einem gegebenen Falle bestimmt werden, bestehen. Es ist genug, wenn wir wiesen, dass gewisse Mittel ein Bestreben haben, eine gegebene Wirkung zu erzeugen, und dass andere Mittel ein Bestreben haben, sie zu vereiteln. Wenn wir die Umstände eines Individuums oder einer Nation in einem hohen Grade in der Gewalt haben, so können wir vermittelst unserer Kenntnis ihrer Bestreben im Stande sein, diese Umstände für den gewünschten Zweck viel günstiger herzustellen, als sie an und für sich sein würden. Dies ist die Grenze unserer Macht; aber innerhalb dieser Grenze ist die Macht eine sehr wichtige. Die Ethologie kann die Exacte Wissenschaft der menschlichen Natur genannt werden, denn ihre Wahrheiten sind nicht, ähnlich den empirischen Gesetzen, welche von ihnen abhängen, annähernde Generalisationen, sondern wirkliche Gesetze. Es ist aber (wie bei allen komplexen Erscheinungen) für die Genauigkeit der Sätze nötig, dass sie nur hypothetisch seien, und nur Bestreben, nicht aber Tatsachen behaupten. Sie dürfen nicht behaupten, dass Etwas immer oder gewiss eintreffen wird, sondern nur, dass die Wirkung einer gegebenen Ursache, soweit sie ungehindert wirkt, so und so sein wird. Es ist ein wissenschaftlicher Satz, dass körperliche Stärke die Menschen mutig zu machen strebt, nicht, dass sie es immer tue, dass ein Interesse auf der einen Seite einer Frage das Urteil parteiisch zu machen strebt,