1840_BArnim_Guenderode_249.topic_16.txt

Kräfte, deren Gesamtmacht wir Gewissen nennen, im Keim erstickt; wird da nicht aller Ahnungstrieb stocken, des Geistes Spürkraft absterben? - Und wenn ich die eigne Stimme schweigen heiß und einer fremden folge, dann bin ich nicht mehr in eigener Macht und muss mir's aufbürden lassen, dass ich aus Rücksichten mein besseres Selbst verwerfe. Hör! Wenn ich eine schwierige Aufgabe im Leben hätte, ich würde nicht zu erfahrnen Weltleuten gehen, die zu fragen, nicht zu solchen, die es verstehen mit dem irdischen Leben einen Handel abzuschließen, nicht zu denen, die das Recht der Welt handhaben, ich würde die Unmündigen fragen; ich würde denken, die Kinder haben die himmlische Weisheit, zu der wir müssen zurückkommen, wenn wir das Rechte tun wollen, was eigentlich unser Teil am Himmelreich ist; denn wir bauen selbst den Himmel durch unser edles freies Tun, sonst kommt er nicht zur Welt; aber es ist Verwirrung in aller Sprache, jeder will das andre, und keiner versteht den andern, und drum kann die innere Stimme allein die Sprache des Rechts wieder lehren; o, wer sie sprechen lässt, der tut Großes und bleibt dennoch einfache Natur; denn Natur ist groß, und der Mensch soll groß werden; wächst er am Leib und breitet seinen Stamm aus, so soll er auch am Geist wachsen und seinen Stamm ausbreiten. Und wie in der sinnlichen Natur Nahrung, Pflege, Wachstum, Sicherung aus dem eignen Organismus sich hervorbildet, warum nicht im Geist? Was ist Geistesleben als sein Entstehen durch sein Erzeugen? - Und was lassen wir weniger zu, als dass er sich frei bewege, und das geht schon so von Ewigkeit zu Ewigkeit, dass er uns mit den unwürdigen Ketten in den Ohren klirrt, und wir fürchten uns vor diesem Klirren und halten die Ohren zu, und ein reines Hervortreten des Geistes würde die Welt umstürzen, ja! Aber wie himmlisch würde sie aus ihren eignen Trümmern aufblühen! - Ist Furcht nicht ein böser Dämon? - Furcht vor dem Irren ist Menschenfurcht; horchten wir auf die Kinderstimme in der Brust, dann würde die Furcht vergehen - ist Irren Irrtum? - Kann's nicht bloß freies Wandeln sein? - Versuch in einer urteilüberschwingenden Sphäre sich zu bewegen? - Ist Urteil nicht ein Schlachtmesser, mit dem wir die neugeborne Geistesfrucht im Leib des Irrtums töten? - hat's einer so weit gebracht im Geist, dass er wie der kühne Gemsjäger ohne Schwindel über die Spalten und Schluchten setze, mit treffendem Sprung mit Leidenschaft das Wild ereilend? - Was ist doch Leidenschaft? - Ist es nicht jene ungeübte Kraft, die sinnlich ausbricht und sich üben will! - Sei's die Spur der Gemse