nichts, wenn's das nicht wär', jetzt geb acht: Küssen ist, die Form und den Geist der Form in uns aufnehmen, die wir berühren, das ist der Kuss, ja, die Form wird in uns geboren. Und darum ist die Sprache auch Küssen, es küsst uns jedes Wort im Gedicht, alles aber, was nicht gedichtet ist, das ist nicht gesprochen, das ist nur gegautzt wie die Hunde. Ja, was willst Du denn anders mit der Sprache als die Seele berühren, und was will der Kuss anders, er will die Form in sich saugen und die Seele berühren, alles das ist eins, ich hab's von der Natur gelernt, sie küsst mich beständig, ich mag gehen und stehen wo ich will, sie küsst mich, und ich bin auch schon so ganz dran gewöhnt, dass ich ihr gleich mit den Augen entgegenkomme; denn die Augen sind der Mund, den die Natur küsst, siehst Du, so fühl ich auch, dass mich eine Knospe anders küsst als eine Blume; denn warum, sie sind verschieden in der Form, dies Küssen ist aber Sprechen, ich könnt sagen: »Natur, dein Kuss spricht in meine Seele hinein« - ja, das ist auch ein Gedanke, den ich ins Buch geschrieben hab, aber den wollt ich stehen lassen, an ihn kann ich noch weiteres anknüpfen. Ach, wenn ich mich so umseh, wie sich alle Zweige gegen mich strecken und reden mit mir, das heißt küssen meine Seele, und alles spricht, alles, was ich anseh, hängt sich mit seinen Lippen an meine Seelenlippen, und dann die Farbe, die Gestalt, der Duft, alles will sich geltend machen in der Sprache, nun ja, die Farbe ist der Ton, die Gestalt ist das Wort, und der Duft ist der Geist, so kann ich wohl sagen, die ganze Natur spricht in mich hinein, das heißt, sie küsst meine Seele, davon muss die Seele wachsen, es ist ihr Element; denn alles hat sein Element in der Natur, was Leben hat. Der Seele ihr Element ist also das Schauen, das ist das Lauschen, sie saugt alle Form, das ist Sprache der Natur. Aber die Natur hat nun auch selbst eine Seele, und diese Seele will auch geküsst sein und genährt, grad wie meine Seele von ihrer Sprache genährt wird, wenn ich so durchdrungen war von ihr (denn es gibt Augenblicke, wo die Seele wie ein Feuer ist von Leben, wo sie ganz und gar nur das ist, was sie in sich aufgenommen, nämlich Selbstsprache der Natur, da erkennt sie die Natur wieder als nahrungsbedürftig)