1808_Pichler_Agathocles_160.topic_16.txt

bin überzeugt, dass sie die reinste ist, die bisher auf der Erde gelehrt wurde, dass sie so ganz für das jetzige Zeitalter, für den Stand unsrer Kultur, die gegenwärtige Lage des Menschengeschlechts passt, dass schon hieraus ihr göttlicher Ursprung sich beweisen ließe, wenn ihn auch keine früheren Zeugnisse bestätigten. Die Gottheit, die das Schicksal der Menschheit lenkt, die weiß, zu welcher Zeit, und auf welche Art ihre Schwäche unterstützt, ihrem Verderben gesteuert werden soll, hat in dieser Epoche diese Religion entstehen lassen. Sie sandte einen Göttersohn, sie zu lehren. Was finden wir hierin Sonderbares, wir, die wir unter Myten von Heroen und Göttersöhnen aufgewachsen sind, die die Menschen zur Zeit der Not retteten, die Erde von Ungeheuern befreiten, den Zorn der Götter versöhnten? Ist der Begriff eines einzigen Gottes anstössiger, als der von unzähligen Söhnen unzähliger Götter? Und welche Religion hätte nicht solche Verkörperungen überirdischer Wesen, die zum Besten der leidenden Sterblichen den Sitz der Seligen verließen? O der Gedanke liegt so tief in dem Herzen des Unglücklichen. Und welcher Sterbliche ist glücklich? Die Gesetze der Natur, die physischen Revolutionen gehen achtlos über den Ruin seiner Habe, seines Lebens hin - sie vermag kein Flehen zu beugen, ihrem Gange setzt keine Klugheit Schranken. Die Laster, die Verderbteit seiner Mitmenschen züchtigt ihn mit noch schärferen Ruten, er muss büßen, was Andere verschuldet haben; er wird hingeopfert, weil ein Übermütiger schwelgen will - weil ein Rasender das Unmögliche fordert, bluten Myriaden auf dem Schlachtfelde. O wohin soll der verfolgte geängstete Mensch sich wenden, als zu der unsichtbaren Macht, die stärker ist, als die Natur und die bösen Menschen? Er flieht dahin, er ringt im Gebete mit ihr - und sie sendet ihm einen Retter. Ströme von Menschenblut haben die Gefilde Hesperiens, die Felder von Pharsalus, von Gallien, Syrien, von allen Provinzen des römischen Reichs getränkt. Tausend einzelne Schlachtopfer sind dem Neid und Verdacht der Triumvirn, der Wut der Prätorianer, der wollüstigen Grausamkeit eines Tiberius oder Kaligula gefallen - und wenn Zehntausende ihr Leben einbüssten, so verjammerten es Dreissigtausende im Elend oder Schmach, weil sie ihre Stützen, ihr Glück in Jenen verloren hatten. Der Koloss des unermesslichen Reiches naht seinem Umsturz. Auf allen Enden kracht das morsche Gebäude, alle Säulen schwanken, alle Grundvesten sind erschüttert, und mit ungeheurer Kraft dringen ungeschwächte Horden von Barbaren in Nord und Ost auf die untergrabenen Mauern los; bald werden sie sie eingestürzt haben, und die schönen Provinzen mit Mord und Raub erfüllen. Was bleibt dem Menschengeschlecht dann übrig? Werden jene Truggestalten einer üppigen Phantasie, jene armseligen Erfindungen des kindischen Weltalters gegen die Schrecken aushalten? Wird der rohe Aberglaube, der