1792_Knigge_JosephvWurmbrand_30.topic_16.txt

Interesse befördern und tugendhaft sein nichts anders heißt, als der Natur gemäß handeln; dass alle bürgerliche Einrichtungen doch nur Kinder des Verderbnisses, nur Mittel sind, das Übel zu verhindern oder gutzumachen; dass, statt an diesen ohne Unterlass zu flicken und auszubessern, es vorteilhafter ist, solcher künstlichen Anstalten gar nicht zu bedürfen; dass alle Gesetze und Handhaber der Gesetze da überflüssig sind, wo jedermann den guten Willen hat, andre in Ruhe zu lassen, damit man seine Ruhe nicht störe; dass über andre zu herrschen ein sehr nichtswürdiger Vorzug ist. - Und so kommen denn die Menschen am Ende wieder auf den Punkt, von welchem sie ausgegangen, aber um nie wieder zurückzukehren. Denn nun ist die Einfalt ihrer Sitten nicht mehr das Kennzeichen der rohen Unerfahrenheit, sondern das Werk der richtigsten Überlegung und Abwägung aller möglichen Verhältnisse und Lagen, das Resultat der reifsten, unverführbarsten Vernunft. Da ist dann der große Plan der Schöpfung vollbracht, das Menschengeschlecht in eine einzige Familie vereinigt und zu seiner ersten hohen Würde, dem Ebenbilde der Gottheit wieder erhoben, das verlorengegangen war durch den Genuss der verbotnen Frucht von dem Baume des Erkenntnisses des Guten und Bösen. Nun ist die Erlösung vollbracht; die Wahrheit hat die Menschen frei gemacht und ihnen eine ewige Glückseligkeit erworben. Derjenige Teil des Traums, welcher uns die religiöse Erziehung des Menschengeschlechts darstellt, ist nicht weniger reizend; Lessing malt uns ein Zauberbild davon. Offenbarung ist geoffenbarte Vernunft, Mitteilung von Wahrheiten, die aus der Natur erkannt werden könnten, aber ohne höheren Unterricht nur mühsam gefunden werden. Die heiligen Bücher sind die Elementarbücher, welche der allweise Lehrer bei der Erziehung zum Grunde legt. Sie sind den schwachen Begriffen des Kindes angepasst. Das Kind muss sinnlich geleitet werden; man gibt ihm die Lehre, in Bilder, in Gleichnisse, selbst in Fabeln eingehüllt. Man zeigt hin auf entfernte Belohnungen und Strafen; man führt nicht jedes Kind denselben Weg; die Methode muss nach Zeit, Umständen und dem Grad der Empfänglichkeit abgeändert werden, bis der Verstand zur Reife gediehn sein wird; dann bedarf es keiner Täuschung, keiner Bilder mehr. Dann wird es die Wahrheit unmittelbar aus der Quelle selbst schöpfen, ohne Zusatz. Wir sehen noch durch einen Spiegel in ein dunkles Wort; dann aber werden wir ihn sehen, wie er ist. Soweit der herrliche, tröstliche Traum! Dass die Erfahrung aller Zeitalter die Möglichkeit der Erfüllung verdächtig macht; dass wir, leider! wahrnehmen, wie die Nationen, statt die Erfahrungen andrer Völker zu nützen, immer wieder in dieselben Torheiten und Verirrungen fallen, statt die Quelle des Übels aufzusuchen, nur die Form der Verderbnisse ändern, durch gewaltsame Revolutionen das Böse nur noch ärger machen, nicht die Ursachen der