1792_Knigge_JosephvWurmbrand_28.topic_16.txt

aus den Begriffen, die wir uns von dem göttlichen Wesen machen, kräftigere Bewegungsgründe zu Erfüllung der von allen vernünftigen Wesen anerkannten Pflichten derTugend darbietet; da endlich die äussre Art, der Gottheit unsre Verehrung zu bezeugen, zwar auch keinen eigentlichen obrigkeitlichen Verordnungen unterworfen sein, ihr wohl aber, durch Übereinkunft, eine gewisse Grenze gesetzt werden kann, so ist 1. selbst der Stärkere unvermögend, Meinung und Glauben irgendeinem Zwange zu unterwerfen; 2. der Stärkere missbraucht sein Ansehen, sündigt gegen Wahrheit und billige Freiheit, wenn er auch nur der freien Untersuchung religiöser Gegenstände in Schriften und mündlichen Vorträgen Fesseln anlegen will; 3. die Regierung greift zu weit, wenn sie eine bestimmte Form von äußerer Gottesverehrung vorschreiben, eine vor der andern beschützen will. Welcher schwache Mensch kann bestimmen, auf welche Art Gott äußerlich verehrt sein will? Es kann also keine herrschende Religion geben; Toleranz ist Versündigung, denn tolerieren heißt: sich das Recht anmassen zu erlauben; und da ist nichts zu erlauben; durch Einschränkungen solcher Art wird das zeitliche Wohl der Bürger nicht befördert, und das ewige Wohl liegt außer den Grenzen der Staatsanstalten; 4. der Staat kann aber dafür sorgen, dass keine Kirchensysteme eingeführt werden, welche Lehren verbreiten, die entweder den guten Sitten, der Tugend oder der bürgerlichen Ruhe gefährlich sind; 5. dasjenige Religionssystem kann sich in jedem Zeitalter sichre Dauer und eifrige Anhänger versprechen, welches uns die würdigsten, erhabensten, einfachsten, jedem Verstande fasslichen Begriffe von der Gottheit gibt, uns dabei die kräftigsten Bewegungsgründe zu aller Art menschlicher und bürgerlicher Tugend liefert und endlich einen solchen äußern Gottesdienst empfiehlt, der dem Geschmacke, den Sitten und der Kultur des Zeitalters angemessen ist. Das Lallen der Kinder und das Geheule der Wilden kann, in Betracht der guten Absicht, Gott auch wohlgefällig sein; aber - nur von Kindern und Wilden. Fünfter Abschnitt Ob die Welt ohne Staatsverfassungen und Religionssysteme bestehn könnte Es ist ein herrlicher Traum, den Philosophen geträumt haben, aber es ist auch wohl nur ein Traum, dass einst eine Zeit kommen müsste, wo das ganze Menschengeschlecht mündig geworden sein, den höchsten Grad von Geistesbildung erlangt, zugleich seine moralischen Gefühle aufs höchste veredelt haben und dann keiner Gesetze mehr bedürfen würde, um weise und gut (denn das ist ja einerlei), kurz, um seiner Bestimmung gemäß zu handeln. Das Bild ist zu schön, das dieser Traum unsrer Phantasie darstellt, als dass ich der Versuchung widerstehn könnte, eine Skizze davon zu entwerfen. Man denke sich jedes Volk des Erdbodens in einem Zustande von Kindheit, in der größten Einfalt der Sitten! Jede Familie bebauet das Stück Ackers, das ihr bequem liegt; und das Land ist groß genug, ihr eine freie Wahl