werden alle diejenigen zugeben, welche je auf Philosophen und auf breite Verstände gemerkt haben. Dass es Ausnahmen gibt, verdient kaum angemerkt zu werden, wohl aber: »dass die feine Philosophie den Verstand eines Philosophen, wenn er einmal breit ist, nicht scharf macht, und dass der Verstand der Philosophen mit breitem Verstände nicht eben allemal durch die feine Philosophie breit gemacht wird.« Von beiden war ein lebendiges Beispiel der Freiherr und Reichsritter von Reiteim. Er war auf der Universität der feinste Philosoph, so dass seine skeptischen Argumente dem Professor der dogmatischen Philosophie oft viel zu schaffen machten. So gings auch noch ein Jahr nach der Zurückkunft von der Universität, welche Zeit er bloß mit Studieren, und besonders der spekulativen Philosophie, zubrachte. Nun ereigneten sich aber ein paar kleine Vorfälle, welche alle Welt bemerken ließ, dass Junker Reiteim noch zu mehreren Dingen als zur feinen Philosophie tauglich sei und dass sein Verstand einen Ansatz habe, breit zu werden. Einer dieser Vorfälle war, dass sein Vater starb. Dieser hatte ihm ein so mässiges Jahrgeld gegeben, dass bei demselben das Studium der Philosophie gar wohl seine liebste Beschäftigung sein konnte. Jetzt aber fand er sich berufen, der Welt zu zeigen, dass er auch da wäre; und da einige Monate danach auch sein Oheim mit Tode abging: so kam er zu einem unermesslichen Vermögen und ward ein ganz anderer Mensch. Nun hielt er ein glänzendes Haus, hatte Bediente, Pferde und Hunde die Menge, gab kostbare Mahlzeiten, hatte im Keller die besten alten Weine und im Hause zwei junge Mätressen. Lauter Dinge, welche, wenn ein Verstand sonst breit zu werden anfängt, ihn nicht schärfer zu schleifen pflegen. Herr von Reiteim vergaß indes bei seiner vornehmen Weltlebensart und bei seinem modischen Weltgenusse die Philosophie nicht ganz und gar. Wir haben eben gesehen, dass er sie brauchte, so wie die feinen Esser Assa fötida oder Kayennepfeffer, den Appetit zu sinnlichen Ergötzungen wieder etwas zu schärfen. Außerdem konnte sie ihm im Weltleben durch einige hingeworfene Worte zuweilen ein Ansehen der Superiorität geben, welches er auch nicht verschmähte. Nur zu dem deutlichen Beweise, dass die Art der Lebensweise auch auf die Art der Philosophie Einfluss hat, hatte er seine bisherige Philosophie geändert und war von aller öffentlichen Philosophie nach und nach zur geheimen übergegangen. Die geheime Philosophie scheint sehr bequem auf die skeptische Philosophie gepfropft werden zu können. Nicht eben auf die skeptische Philosophie eines Änesidemus, welcher die Perfektibilität der menschlichen Vernunft zum Grunde seiner Zweifel wider die Anmassung derer nimmt, deren Kritik die Grenzen der menschlichen Vernunft bis auf ein Haar bestimmt zu haben meint und sie, damit sie ja nicht weitergehen soll, mit einem Verhacke spitzfindiger Argumentationen einzäunen will. Nein, auf diejenige