1784_Nicolai_GeschicktedickenMannes_84.topic_9.txt

eines allgemeinen Gesetzes. Muss nicht jeder wollen, dachte er, dass jeder einzelne Mensch tausende beglücke? Welche Wellt würde es sein, in der es so zuginge! Philipp wusste gar nichts von der kritischen Philosophie und von dem reinen Moralprinzip. Seine Bemerkungen in dieser Sinnenwelt waren auf simple Erfahrung gegründet, nicht auf weitaussehende Grillen. Also tat er, bloß empirisch, ohne reines Prinzip, was in seinen Kräften stand, um unsern dicken Mann zu bewegen, ein Arzt und zwar in Elberfeld zu bleiben. Er stellte ihm vor, er sei als Arzt ein unabhängiger Mann, und versicherte ihn, es werde seine Abhängigkeit auch von dem besten großen und vornehmen Manne viel drückender sein, als die Abhängigkeit eines Arztes von den wunderlichsten Kranken. Aber Anselm blieb bei diesen und andern Vorstellungen unbeweglich; denn am Ende ging doch alles Räsonnement Philipps auf Bewegungsgründe, die von seinem Wohlsein hergenommen waren; Anselm hingegen war mit dem Prinzip der reinen Moral allzu vertraut, um nicht zu wissen, – was Kant ja ausdrücklich sagt, – dass eigene Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde seines Willens zu machen, das gerade Widerspiel des Prinzips der Sittlichkeit sei. Unser dicker Mann blieb daher der Kritik der praktischen Vernunft getreu. Sein Entschluss sollte unabhängig sein von empirischen Bedingungen, mithin als reiner Wille durch die bloße Form des Gesetzes als bestimmt gedacht werden. Er empfand das Göttliche, welches darin lag, dass seine reine Vernunft unmittelbar ihre eigene Gesetzgeberin sei; er hörte den kategorischen Imperativ und beschloss, als ein kritischer Philosoph, ohne von der Erfahrung – (also auch nicht von der Erfahrung seines Bankrotts) – oder von irgendeinem äußern Willen – (und also auch nicht von Philipps gutem Willen) – etwas zu entlehnen, bloß seinem ihm selbst gegebenen Gesetz unbedingt zu gehorchen. Ein gemeiner Mensch hätte wohl denken mögen, unser dicker Mann hätte hier bloß eigensinnig gehandelt. Wer aber mit der Kritik der praktischen Vernunft vertraut ist, wird bekennen müssen, bloß das Prinzip der reinen Sittlichkeit habe ihn geleitet. Denn da diesem zufolge, die Rücksicht auf eigene Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde seines Willens zu machen, das gerade Widerspiel des Prinzips der Sittlichkeit ist, so kommt diese große und seit Jahrhunderten unbekannte Wahrheit unserm philosophischen dicken Manne gegen alle die Klüglinge zustatten, die es wagen möchten, es unbedachtsam zu nennen, dass er seinen glücklichen Wohlstand in Elberfeld dem kategorischen Imperativ aufopferte. Die Frage blieb nur, ob unsers dicken Mannes Talente einem vielvermögenden Minister bekannt werden könnten, und durch wen? Anselm hatte auf der Universität, wo er beflissen war, vorzüglich mit vornehmen Studenten umzugehen und sich ihnen gleichzustellen, wie wir es schon oben bemerkt haben, mit einem jungen Herrn von Reiteim, welcher der Sohn eines Ministers war, vertraute Bekanntschaft geknüpft