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Willkür spricht, so fragt man nicht, ob der Mensch tun kann, was er will, sondern ob er in seinem Willen selbst Unabhängigkeit hat. Man fragt nicht, ob er freie Füße und Hände hat, sondern ob sein Geist frei ist, und worin dies besteht. In dieser Beziehung wird das eine geistige Wesen freier sein können als das andere, und der höchste Geist wird in einer vollkommenen Freiheit sich beenden, deren die Kreaturen nicht fähig sind. 22. Philalethes. Die Menschen, von Natur neugierig und bestrebt, soviel sie können, aus ihrem Geist den Gedanken zu entfernen, dass sie schuldbefleckt seien, obgleich sie sich dadurch in einen Zustand schlimmer als den einer Schicksalsnotwendigkeit versetzen, sind dennoch damit nicht zufrieden. Wenn die Freiheit sich nicht noch weiter erstreckt, so sind sie nicht damit zufrieden, und ihrer Ansicht nach ist es eine sehr starke Probe, dass der Mensch überhaupt nicht frei ist, wenn er nicht ebenso gut die Freiheit hat zu wollen als die, was er will, zu tun. 23. Darüber glaube ich, dass der Mensch hinsichtlich dieses besonderen Aktes, eine Handlung zu wollen, die in seiner Macht steht, nicht frei sein kann, wenn er diese Handlung einmal in seinem Geists sich vorgesetzt hat. Die Ursache davon ist ganz klar; denn da die Handlung von seinem Willen abhängt, so muss sie ganz notwendigerweise sein oder nicht sein, und da ihr Sein oder ihr Nichtsein nicht umhin kann, der Bestimmung und der Wahl seines Willens zu folgen, so kann er es nicht vermeiden, das Sein oder Nichtsein dieser Handlung zu wollen. Theophilus. Ich möchte glauben, dass man seine Wahl suspendieren kann und dass dies auch recht oft geschieht, besonders wenn anderweitige Gedanken die Überlegung unterbrechen. Wenn daher auch die Handlung, welche man überlegt, sein oder nicht sein muss, so folgt daraus nicht, dass man notwendig deren Sein oder Nichtsein beschließen müsse, denn das Nichtsein kann auch aus Mangel eines Beschlusses eintreten. Das wäre so, wie die Areopagiten in der Wirklichkeit jenen freisprachen, dessen Prozess zu entscheiden sie zu schwierig gefunden hatten, indem sie ihn auf einen sehr entfernten Zeitpunkt verschoben und sich hundert Jahre zur Überlegung nahmen. Philalethes. Wenn man den Menschen auf diese Art frei macht, ich meine, indem man die Handlung des Wollens vom Willen abhängig macht, so muss er einen anderen Willen oder ein anderes Vermögen des Wollens vorher haben, um die Akte dieses Willens zu beschließen, und wieder einen anderen, um dieses zu beschließen, und so bis ins Unendliche fort; denn wo man auch immer anhält, können die Handlungen des letzten Willens nicht frei sein. Theophilus. Allerdings spricht man ungenau, wenn man sagt,