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hat und die wichtigsten Wahrheiten, ja sogar jenen fundamentalen Satz zerstört, dass nichts ohne Ursache geschieht - ohne welchen weder das Dasein Gottes, noch andere große Wahrheiten recht bewiesen werden können. Was den Zwang anbetrifft, so ist es gut, zwei Arten desselben zu unterscheiden: den einen physischen, wie wenn man einen Menschen gegen seinen Willen ins Gefängnis bringt oder in einen Abgrund wirft, den anderen moralischen, wie z.B. den Zwang mittels (Androhung) eines größeren Übels, denn die Handlung, welche dadurch veranlasst wird, hört nicht auf freiwillig zu sein. Man kann auch durch die Erwägung eines größeren Gutes gezwungen werden, wie wenn man einen Menschen durch Versprechen eines unverhältnismäßig großen Vorteils in Versuchung führt, obgleich man dies gewöhnlich nicht Zwang zu nennen pflegt. 14. Philalethes. Sehen wir jetzt zu, ob man nicht den seit so lange geführten, meines Erachtens aber sehr unvernünftigen, weil unverständlichen Streit endigen kann, ob der Wille des Menschen frei ist oder nicht? Theophilus. Man hat alle Ursache, sich über das sonderbare Verfahren der Menschen zu wundern, die sich durch Aufwerfen schlecht verstandener Streitfragen quälen. Sie suchen, was sie wissen, und wissen nicht, was sie suchen. Philalethes. Die Freiheit, welche bloß eine Macht ist, gehört einzig und allein wirkenden Wesen an und kann nicht ein Attribut oder eine Modifikation des Willens sein, der selbst nichts anderes als eine Macht ist. Theophilus. Nach der eigentlichen Wortbedeutung haben Sie recht. Indessen kann man den angenommenen Sprachgebrauch auch einigermaßen entschuldigen. In derselben Weise pflegt man ja auch der Wärme oder anderen Eigenschaften die Macht zuzuschreiben, nämlich dem Körper, sofern er diese Eigenschaften besitzt, und ebenso ist hier die Absicht zu fragen, ob der Mensch frei ist, indem er will. 15. Philalethes. Die Freiheit besteht in der Macht des Menschen, eine Handlung seinem Willen gemäß zu tun oder zu unterlassen. Theophilus. Wenn die Menschen nur das unter Freiheit verständen, wenn sie fragen, ob der Wille oder die Willkür frei sei, so würde ihre Streitfrage in der Tat widersinnig sein, aber man wird bald sehen, was sie eigentlich wollen, und ich habe es sogar schon berührt. Allerdings fordern sie hierbei (aber kraft eines anderen Grundsatzes) etwas Widersinniges und Unmögliches, indem sie eine durchaus nur eingebildete und nicht zu verwirklichende Freiheit des Gleichgewichts verlangen, die ihnen auch nichts nützen würde, wenn es möglich wäre, dass sie sie hätten, d.h. die Freiheit besitzen könnten, im Gegensatz zu allen Eindrücken, die aus dem Verstande stammen können, zu wollen. Dies würde die wahre Freiheit zugleich mit der Vernunft zerstören und uns unter die Tiere erniedrigen. 17. Philalethes.