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einem zukünftigen Gute und die Furcht die Meinung von einem zukünftigen Übel. Aber lieber sage ich, dass die Leidenschaften weder Befriedigungen noch Missbehagen noch Meinungen sind, sondern Strebungen, oder vielmehr Modifikationen von Strebungen, die aus der Meinung oder dem Gefühl stammen und von Lust oder Unlust begleitet sind. 11. Philalethes. Die Verzweiflung ist der Gedanke, den man hat, dass ein Gut nicht zu erlangen ist, was Betrübnis und mitunter Gefühllosigkeit verursachen kann. Theophilus. Nimmt man die Verzweiflung als eine Leidenschaft an, so wird sie eine Art starker Strebung sein, welche sich auf einmal angehalten endete dies verursacht einen heftigen Kampf und viel Unlust. Wenn aber die Verzweiflung von Ruhe und Gefühllosigkeit begleitet wird, wird sie mehr eine Meinung als eine Leidenschaft sein. 12. Philalethes. Der Zorn ist diejenige Unruhe oder Unordnung, welche wir empfinden, nachdem wir irgend eine Beleidigung empfangen haben, und die von dem augenblicklichen Verlangen, uns zu rächen, begleitet wird. Theophilus. Der Zorn scheint etwas Einfacheres und Allgemeineres zu sein, da die Tiere desselben fähig sind, denen man doch keine Beleidigung zufügt. Im Zorne liegt eine gewaltsame Anstrengung, welche sich des Übels zu entschlagen strebt. Das Verlangen der Rache kann auch bei kaltem Blute bleiben, und wenn man viel mehr Hass als Zorn hat. 13. Philalethes. Der Neid ist die Unruhe (die Unlust) der Seele, welche aus der Betrachtung eines von uns erstrebten, aber von einem anderen besessenen Gutes kommt, der unserer Ansicht nach es nicht vor uns hätte haben sollen. Theophilus. Nach dieser Fassung würde der Neid stets eine löbliche und wenigstens unserer Meinung nach immer auf der Gerechtigkeit begründete Leidenschaft sein. Aber ich weiß nicht, ob man nicht mitunter auf ein anerkanntes Verdienst neidisch ist, das man, wenn man es besäße, zu missachten sich nicht scheuen würde. Man beneidet andere selbst um ein Gut, das zu haben man sich gar nicht wünschen würde. Man wäre zufrieden, sie desselben beraubt zu sehen, ohne daran zu denken, das von ihnen, Verlorene zu gewinnen, und selbst ohne dies hoffen zu können. Denn manche Güter sind wie Freskogemälde, welche man wohl zerstören, aber nicht wegnehmen kann. 17. Philalethes. Die meisten Leidenschaften verursachen bei manchen Personen Eindrücke auf den Körper und bringen in ihm verschiedene Veränderungen hervor, aber diese Veränderungen sind nicht Turner bemerkbar. So ist z.B. die Scham nicht immer vom Erröten begleitet, jene Unruhe der Seele, welche man fühlt, wenn man etwas Unanständiges oder sonst etwas, was uns in der Achtung anderes heruntersetzt, getan zu haben innewird. Theophilus. Wenn die Menschen sich die äußeren Bewegungen mehr zu beobachten bemühten, welche die Leidenschaften begleiten,