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würde. 6. Philalethes. Es gibt eine andere Art von Menschen, denen es nur am guten Willen fehlt. Eine heftige Sucht zum Vergnügen, eine beständige Beschäftigung mit dem, was ihr Vermögen betrifft, eine allgemeine Trägheit oder Nachlässigkeit, eine besondere Abneigung gegen das Stadium und Nachdenken verhindern sie, ernstlich an die Wahrheit zu denken. Es gibt sogar solche, welche fürchten, dass eine von jeder Parteilichkeit freie Untersuchung den Meinungen, welche sich am besten mit ihren Vorurteilen und ihren Plänen vertragen, nicht günstig sei. Man kennt Personen, welche einen Brief nicht lesen wollen, von dem sie vermuten, dass er schlechte Neuigkeiten bringe, und viele Leute vermeiden, ihre Rechnungsbilanz aufzustellen oder sich von dem Zustande ihres Vermögens zu unterrichten, aus Furcht zu erfahren, was sie lieber für immer nicht wissen möchten. Es gibt Leute, welche große Einkünfte haben und sie alle auf Genussmittel für den Leib wenden, ohne an die Mittel zu denken, den Verstand zu vervollkommnen. Sie geben sich große Mühe, immer in einer schönen und glänzenden Equipage zu erscheinen und dulden es unbekümmert, dass ihre Seele mit schlechten Lumpen des Vorurteils und des Irrtums bedeckt sei und die Blöße d.h. die Unwissenheit durchscheine. Ohne von dem Interesse zu sprechen, welches sie am zukünftigen Leben nehmen sollten, vernachlässigen sie nicht weniger das, was in dem auf dieser Welt zu führenden Leben zu erkennen ihr Interesse ist. Auch ist es etwas Seltsames, dass sehr oft diejenigen, welche die Macht und das Ansehen als eine ihrer Geburt oder ihrem Vermögen zukommende Berechtigung betrachten, sie nachlässigerweise Leuten von niedrigerer Stellung, als die ihrige ist, welche sie aber an Wissen überragen, preisgeben; denn die Blinden müssen freilich durch die Sehenden geführt werden, sonst fallen sie in den Graben, und eine schlimmere Knechtschaft gibt es nicht, als die des Verstandes. Theophilus. Es gibt keinen deutlicheren Beweis von der Nachlässigkeit der Menschen hinsichtlich ihrer wahren Interessen, als ihre geringe Sorge für die Erkenntnis und Ausübung dessen, was der Gesundheit, einem unserer größten Güter, zuträglich ist, und obwohl die Großen ebenso und noch mehr als die übrigen die schlimmen Wirkungen dieser Versäumnis empfinden, kommen sie doch nicht davon zurück. Was den Glauben anbetrifft, so betrachten manche das Denken, was sie zur Untersuchung bringen könnte, als eine Versuchung des Teufels, welche sie nicht besser überwinden zu können glauben, als indem sie den Geist auf jedwedes andere richten. Die Menschen, welche nur die Vergnügungen lieben oder sich irgend einer Beschäftigung widmen, pflegen die übrigen Dinge zu vernachlässigen. Ein Spieler, ein Jäger, ein Trinker, ein Lüstling und selbst ein Liebhaber von Kleinigkeiten wird eher sein Vermögen und sein Gut einbüßen, als dass er