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ist. Und wenn man sein Urteil überstürzt, so wird man immer durch weniger reine Beweggründe getrieben. 2. Die Herrschsucht ist einer der gewöhnlichsten, und ein zweiter ist eine gewisse Vorliebe für eigene Träumereien. Daraus geht der Enthusiasmus hervor. 3. Mit diesem Namen bezeichnet man den Fehler derjenigen, welche sich einbilden, sie hätten eine unmittelbare Offenbarung, wenn diese nicht auf der Vernunft begründet ist. 4. Und da man sagen kann, dass die Vernunft eine natürliche Offenbarung ist, deren Urheber Gott ist, sowie er der der Natur ist, so kann man auch sagen, dass die Offenbarung eine übernatürliche Vernunft ist d.h. eine durch eine neue Summe von unmittelbar von Gott ausgegangenen Entdeckungen erweiterte Vernunft. Aber diese Entdeckungen setzen voraus, dass wir das Mittel, sie als solche zu erkennen, haben, und dies ist die Vernunft selbst: sie verbannen wollen, um der Offenbarung Platz zu machen, hieße sich die Augen ausreißen, um die Trabanten des Jupiter besser durch ein Teleskop zu sehen. 5. Die Quelle des Enthusiasmus ist der Umstand, dass eine unmittelbare Offenbarung bequemer und kürzer ist, als ein langes und mühsames Vernunftverfahren, welches auch nicht immer von glücklichem Erfolge begleitet ist. Man hat zu allen Zeiten Menschen gesehen, deren mit Frömmigkeit gemischte und mit Selbstgefälligkeit verbundene Schwermut sie hat glauben machen, dass sie eine ganz andere Vertrautheit mit Gott hätten, als die anderen Menschen. Sie setzen voraus, dass er sie den Seinigen verheißen hat, und glauben vorzugsweise vor den übrigen sein Volk zu sein. 6. Ihre Phantasie wird eine Erleuchtung und göttliche Autorität, und ihre Pläne sind eine unfehlbare Lenkung des Himmels, welcher sie zu folgen verpflichtet sind. 7. Diese Meinung hat große Wirkungen hervorgebracht und große Übel verursacht, denn ein Mensch handelt kräftiger, wenn er seinen eigenen Antrieben folgt, und die Annahme einer göttlichen Autorität durch unsere Neigung aufrechterhalten wird. 8. Es ist schwer, ihn davon loszumachen, weil diese angebliche Gewissheit ohne Beweis der Eitelkeit und Lust am Ungewöhnlichen schmeichelt. Die Fanatiker vergleichen ihre Meinung mit dem Blick und der Empfindung. Sie sehen das göttliche Licht, wie wir das der Sonne am hellen Mittag sehen, ohne nötig zu haben, dass die Dämmerung der Vernunft es ihnen zeigt. 9. Sie sind überzeugt, weil sie überzeugt sind, und ihre Überzeugung ist recht, weil sie stark ist, denn darauf lässt sich ihre bilderreiche Sprache zurückfuhren. 10. Wenn es nun aber zwei Arten des Erkennens gibt, die des logischen Urteilens und die der Offenbarung, so kann man sie fragen, wo die Klarheit ist. Ist diese ein Auffassen des logischen Urteils, wozu dient dann die Offenbarung? Sie muss also in dem Empfinden