1701_4_Leibniz_Verstand_113.topic_16.txt

in der Seele selbst liegt, wenn man die Dinge in einem gewissen streng metaphysischen Sinne nimmt, dass man aber nichtsdestoweniger zu sagen recht hat, die verworrenen Gedanken kämen vom Körper her, weil über sie die Betrachtung des Körpers und nicht die der Seele etwas Bestimmtes und Erklärliches bietet. Ein Gut ist das, was zur Lust dient oder beiträgt, wie ein Übel das, was zum Schmerz beiträgt. Aber im Kampfe mit einem größeren Gut würde dasjenige Gut, das uns desselben berauben würde, in Wahrheit ein Übel werden, insofern es zu dem Schmerze beitragen würde, der daraus hervorgehen müsste. 47. Philalethes. Die Seele hat die Macht, den Vollzug einiger dieser Begierden aufzuschieben, und besitzt folglich die Freiheit, sie eine nach der anderen zu betrachten und miteinander zu vergleichen. Darin besteht die Freiheit des Menschen und was wir (freilich meines Erachtens nach sehr uneigentlich) die Willkür nennen; und der schlechte Gebrauch, den wir davon machen, ist die Ursache aller der verschiedenen Verirrungen, Irrtümer und Fehler, in welche wir fallen, wenn wir unseren Willen zu schnell oder zu langsam entscheiden. Theophilus. Die Ausübung unserer Begierde wird aufgeschoben oder aufgehalten, wenn diese Begierde nicht stark genug ist, uns in Bewegung zu setzen und die Mühe oder Unbequemlichkeit bei ihrer Befriedigung zu überwinden; und diese Mühe besteht mitunter nur in einer unmerklichen Trägheit oder Schlaffheit, welche uns unvermerkt zurückhält und welche größer ist bei Personen von weichlicher Erziehung oder phlegmatischem Temperament und bei solchen, welche durch das Alter oder ihre schlechten Erfolge verkümmert sind. Aber auch wenn das Verlangen an sich stark genug ist, um in Bewegung zu setzen, wenn ihm nichts in den Weg tritt, so kann es durch entgegengesetzte Neigungen aufgeholten werden, mögen sie nun in einem bloßen Hange bestehen, der gleichsam der Urstoff oder der Anfang des Verlangens ist, oder sei es, dass sie bis zum Verlangen selbst gehen. Da sich indessen diese entgegengesetzten Arten von Neigung, Hang und Verlangen schon in der Seele vorfinden müssen, so hat sie dieselben nicht in ihrer Macht und würde folglich nicht auf eine freie und spontane Weise, woran die Vernunft teilhaben kann, Widerstand leisten können, wenn sie nicht noch ein anderes Mittel hätte, nämlich den Geist anderswohin abzulenken. Wie soll man es aber anfangen, im Notfalle dies zu tun? Denn das ist gerade der Punkt, vor allem, wenn man von einer starken Leidenschaft erfüllt ist. Der Geist muss also im voraus gerüstet sein und sich schon im Gange beenden, von Gedanken zu Gedanken fortzuschreiten, um sich nicht mit ausgleitendem und unsicherem Tritt zu sehr aufzuhalten. Es ist darum gut, sich im allgemeinen anzugewöhnen, an gewisse Dinge gleichsam nur im Vorübergehen zu decken, um sich