1701_4_Leibniz_Verstand_104.topic_16.txt

wirken, unsere meisten Gedanken sozusagen taub sind (auf Latein nenne ich sie cogiatationes caecas - blinde Gedanken) d.h. leer von Verständnis und Gefühl und in der bloßen Anwendung von reichen bestehend, wie es denjenigen ergeht, die algebraische Berechnungen machen, ohne daran zu denken, dass die geometrischen Figuren und die Wörter von Zeit zu Zeit dabei dieselbe Wirkung haben wie die arithmetischen oder algebraischen Zeichen. Man denkt oft in Worten, fast ohne den Gegenstand nur im Geiste zu haben. Nun hat diese Art von Erkenntnis nichts Rührende: es ist etwas Lebendiges nötig, um ergriffen zu werden. Indessen ist dies die Art, wie die Menschen meistens an Gott, die Tugend, die Glückseligkeit denken; sie reden und denken ohne bestimmt ausgeprägte Vorstellungen. Dies ist nicht deswegen der Fall, weil sie keine haben könnten: sie sind ja ihrem Geiste innewohnend, aber sie geben sich nicht die Mühe, die Analyse weit genug zu treiben. Sie haben mitunter die Vorstellungen eines abwesenden Gutes oder Übels, aber nur sehr schwache. Kein Wunder also, dass sie davon nicht berührt werden. Wenn wir also das Schlechtere vorziehen, so geschieht es, weil wir das darin enthaltene Gute empfinden, ohne das darin enthaltene Übel und das ihm entgegengesetzte Gute zu fühlen. Wir nehmen an und glauben oder vielmehr wir wiederholen nur auf fremden Glauben oder höchstens auf Glauben an das Andenken unserer früheren Gedanken, dass das größte Gut auf der besseren Seite, und das größte Übel auf der entgegengesetzten sei. Fassen wir sie aber nicht fest ins Auge, so sind unsere Gedanken und Räsonnements, entgegengesetzt dem Gefühle, eine Art von Psittacismus, der im Augenblicke für den Geist nichts ausmacht, und wenn wir nicht Maßregeln zur Abhilfe dagegen ergreifen, so sind sie wie im Winde verlogen, was ich schon oben bemerkt habe (B. I. Kap. 2 11). Die schönsten Vorschriften der Moral nebst den besten Klugheitsregeln haften nur in einer Seele, welche dafür empfindet (entweder direkt oder, weil dies nicht immer geschehen kann, wenigstens indirekt, wie ich bald zeigen werde) und für das Gegenteil nicht mehr empfindet. Cicero sagt irgendwo sehr gut, dass, wenn unsere Augen die Schönheit der Tugend sehen könnten, wir sie mit Inbrunst lieben würden: aber da weder dies noch etwas Dementsprechendes geschieht, so muss man sich nicht wundern, wenn in dem Kampfe zwischen Fleisch und Geist der Geist so oft unterliegt, weil er seiner Vorteile nicht lebendig innegeworden ist. Dieser Kampf ist nichts anderes als der Gegensatz der verschiedenen Strebungen, welche aus verworrenen und aus deutlichen Gedanken hervorgehen. Die verworrenen Gedanken lassen sich oft sehr klar empfinden, aber unsere deutlichen Gedanken sind gewöhnlich nur der Möglichkeit nach klar. Sie