. (Die Schwärmerei gilt fälschlich für ein Sehen und Fühlen.) Obgleich die sonderbaren Meinungen und die verkehrten Handlungen, zu denen die Schwärmerei geführt hat, gegen diese falsche Macht hätten warnen sollen, die so leicht die Meinung und das Handeln irre leitet, so schmeichelt doch die Liebe zu etwas Außerordentlichem, die Bequemlichkeit und der Ruhm göttlicher Eingebungen und einer Erhabenheit über die natürlichen Wege der Erkenntnis die Trägheit, Unwissenheit und Eitelkeit der Menschen so, dass, wenn sie einmal auf diese Wege der unmittelbaren Offenbarung, der Erleuchtung ohne eignes Thun, der Gewissheit ohne Gründe und ohne Prüfung gekommen sind, sie schwer wieder davon abzubringen sind. Die Vernunft ist bei ihnen verloren; sie stehen über ihr; sie sehen das in ihren Verstand gegossene Licht und können nicht irren; es ist dort so klar und sichtbar wie das Licht der Sonne; es zeigt sich selbst und bedarf für seine Gewissheit keines andern Grundes; sie fühlen, wie die Hand Gottes sie innerlich führt; sie empfinden die Antriebe des heiligen Geistes und können sich in dem, was sie fühlen, nicht irren. So rechtfertigen sie sich und sind überzeugt, dass die Vernunft mit dem nichts zu tun habe, was sie in sich sehen und fühlen; dessen sichtbare Wahrnehmung gestattet keinen Zweifel und braucht keinen Beweis. Wäre es nicht lächerlich, wenn Jemand den Beweis verlangte, dass die Sonne scheine und dass er sie sehe? Sie ist ihr eigner Beweis, und sie kann keinen andern haben. Wenn der heilige Geist Licht in unser Seele bringt, so verjagt er die Finsternis. Sie sehen es, wie die Sonne am Mittag, und brauchen nicht des Zwielichts der Vernunft, um es zu sehen. Dieses Himmelslicht ist stark, klar und rein, hat seinen Beweis an sich selbst, und man kann ebenso gut ein Johanniswürmchen nehmen, damit es uns helfe, die Sonne zu sehen, wie dass man den himmlischen Strahl mit der trüben Kerze der Vernunft untersuchen will. 9. (Wie man die Schwärmerei erkennt.) So sprechen diese Leute; sie sind ihrer Meinung gewiss, weil sie es sind; und ihre Überzeugungen sind wahr, weil sie stark in ihnen sind. Nimmt man von ihren Reden die bildlichen Ausdrücke vom Sehen und Fühlen hinweg, so bleibt nur dieser Rest; allein diese Gleichnisse machen auf sie einen solchen Eindruck, dass sie als Gewissheit bei ihnen selbst und als Beweise für Andere gelten. 10. Prüft man mit Besonnenheit dieses innere Licht und dieses Gefühl, auf das jene Personen so Vieles stützen, so kann man ihnen, wenn sie sagen, dass sie klares Licht haben und sehen, und dass sie wachen Sinnes seien und fühlen, dies nicht bestreiten. Denn wenn Jemand behauptet, er