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. Deshalb muss ich zur Ermittlung dessen mich an die Erfahrung halten, und nur so weit diese reicht, aber nicht weiter, kann ich eine gewisse Kenntnis erlangen. 10. (Dies kann uns Nutzen gewähren, aber keine Wissenschaft.) Ein an überdachte und regelrechte Versuche gewöhnter Mann sucht vielleicht tiefer in der Natur der Körper und vermutet richtiger ihre noch unbekannten Eigenschaften, als wer darin unerfahren ist; allein es bleibt, wie gesagt, doch nur ein Annehmen und Meinen, ohne Wissen und ohne Gewissheit. Da dieser Weg, wonach wir nur durch Erfahrung und Beschreibung das Wissen von den Substanzen erlangen und vermehren können, bei der Schwäche und Mittelmäßigkeit unserer Vermögen hier in dieser Welt, der einzige benutzbare ist, so fürchte ich, dass die Erkenntnis der Natur nicht zu einer Wissenschaft wird erhoben werden können, und wir werden nur wenig allgemeine Kenntnisse über die Arten der Körper und ihre Eigenschaften erlangen können. Versuche und Beobachtungen über Einzelnes kann man haben; daraus kann man für Wohlbefinden und Gesundheit Nutzen ziehen, und damit die Annehmlichkeiten des Lebens erhöhen; allein darüber hinaus reichen schwerlich unsere Anlagen, und ich glaube, wir können mit unserem Vermögen hier nicht weiter kommen. 11. (Wir können ein Wissen in der Moral und natürliche Verbesserungen erreichen.) Da sonach unsere Vermögen nicht zureichen, um in den inneren Bau und das wirkliche Wesen der Körper einzudringen; da sie aber uns klar das Dasein Gottes und das Wissen von uns selbst gewähren, so dass wir voll und klar unsere Pflichten und großen Angelegenheiten erkennen, so ziemt es sich für uns, als vernünftige Wesen, diese Fähigkeiten zu dem anzuwenden, wozu sie am meisten geeignet sind, und den Weg zu gehen, den uns hiernach die Natur selbst gewiesen hat. Man kann mit Grund schließen, dass unsere Aufgabe in diesen Untersuchungen und in dieser Art von Kenntnissen enthalten ist, die unsern natürlichen Fähigkeiten am meisten entsprechen, und die unsere größten Angelegenheiten betreffen; d.h. unsern Zustand in der Ewigkeit. Deshalb dürfte die Moral die wahre Wissenschaft und Aufgabe der Menschheit im Allgemeinen sein (die beide auf die Gewinnung des »höchsten Guts« abzielen), während die einzelnen Künste rücksichtlich der Natur das Loos und die besondere Aufgabe der Einzelnen für den gemeinsamen Nutzen bilden und ihnen für ihre eigne Erhaltung in dieser Welt dienen. Wie wichtig die Entdeckung eines einzigen Naturkörpers und seiner Eigenschaften für das menschliche Leben sein kann, davon gibt der große Erdteil von Amerika ein schlagendes Beispiel. Dessen Unbekanntschaft mit nützlichen Künsten und dessen Mangel an allen Bequemlichkeiten des Lebens trotz eines Landes voll natürlichen Überflusses dürfte nur von der Unbekanntschaft mit dem Inhalt eines gemeinen und nicht beachteten Steines liegen, ich meine in der Unbekanntschaft mit dem Eisen; und