1690_Locke_Versuch_Verstand_460.topic_9.txt

ebenso viele selbst-gewisse Sätze hervor, als man bestimmte Vorstellungen hat. Alles Wissen überhaupt hat zu seiner Grundlage bestimmte und unterschiedene Vorstellungen, und es ist die erste Tätigkeit der Seele (ohne die das Wissen überhaupt unmöglich ist), jede ihrer Vorstellungen durch diese selbst zu kennen und von andern zu unterscheiden. Jeder bemerkt, dass er die Vorstellung, die er hat, kennt; ebenso dass er weiß, wenn eine in seinem Verstande ist, und was sie ist, und sind mehrere daselbst, so kennt er sie bestimmt und vermengt keine mit der andern. Indem sich dies immer so verhält (da es unmöglich ist, dass Jemand das nicht bemerkt, was er bemerkt), so kann er, wenn eine Vorstellung in seiner Seele ist, nicht daran zweifeln, dass sie da ist, und dass sie die Vorstellung ist, die sie ist, und dass, wenn zwei Vorstellungen in seiner Seele sind, sie bestimmt sind, und die eine nicht die andere ist. Deshalb werden alle solche Behauptungen und Verneinungen gemacht, ohne dass ein Zweifel, eine Ungewissheit oder Zögern dabei möglich ist; vielmehr wird ihnen sofort, sobald sie verstanden worden, zugestimmt, d.h. sobald man in der Seele die bestimmten Vorstellungen hat, welche den Worten in dem Satze entsprechen. Deshalb ist die Seele, wenn sie irgend einen Satz aufmerksam betrachtet, um die beiden durch seine Worte bezeichneten, bejahten oder verneinten Vorstellungen als dieselben oder als verschiedene zu erfassen, sofort und untrüglich von der Wahrheit solchen Satzes überzeugt, gleichviel ob die Worte mehr oder weniger allgemeine Vorstellungen bezeichnen; z.B. ob die allgemeine Vorstellung des Seins von sich selbst bejaht wird, wie dies in dem Satze geschieht: Was ist, das ist; oder ob eine mehr besondere Vorstellung von sich bejaht wird, wie: Ein Mensch ist ein Mensch; oder: Was weiß ist, ist weiß; oder ob die allgemeine Vorstellung des Seins von dem Nicht-Sein verneint wird, welche Vorstellung (wenn ich es so nennen darf) die einzige von dem Sein verschiedene ist, wie dies in dem zweiten Satze geschieht, wonach dasselbe Ding unmöglich sein und nicht-sein kann; oder wenn die Vorstellung eines besonderen Seienden von einer andern verneint wird, wie: Der Mensch ist nicht ein Pferd; rot ist nicht blau. Sobald diese Worte verstanden sind, lässt die Verschiedenheit der Vorstellungen die Wahrheit des Satzes sofort erkennen, und zwar ebenso leicht bei allgemeinen, wie bei weniger allgemeinen Sätzen, da der Grund überall derselbe ist; denn die Seele bemerkt bei jeder ihrer Vorstellungen, dass diese dieselbe mit sich selbst ist, und dass zwei verschiedene Vorstellungen verschieden und nicht dieselben sind. Dies ist gleich gewiss