nicht, mithin auch wahre Sätze über sie gebildet werden können; deshalb sei denn der Satz, dass alle Zentauren lebende Wesen seien, ebenso wahr wie der, dass alle Menschen lebende Wesen seien. Die Gewissheit des einen sei so groß als die des andern, da in beiden gewisse Worte nach der Übereinstimmung der Vorstellungen in der Seele zusammengestellt seien, und die Übereinstimmung der Vorstellung eines lebendigen Wesens mit der eines Zentauren so klar und offenbar sei, wie die Vorstellung eines lebendigen Wesens mit der eines Menschen; so dass beide Sätze mithin gleich wahr und gewiss seien. Wozu nütze aber solche Wahrheit? 8. (Antwort, dass die wirkliche Wahrheit Vorstellungen betrifft, die mit den Dingen übereinstimmen.) Das in dem vorhergehenden Kapitel über wirkliches und eingebildetes Wissen Gesagte möchte als Antwort auf diesen Einwurf genügen, um die wirkliche Wahrheit von der chimärischen zu unterscheiden, oder (wenn man will) von der bloßen Wort-Wahrheit, da in beiden Fällen die Grundlage dieselbe ist; indes möchte ich wiederholen, dass die Worte zwar nur Vorstellungen bezeichnen, aber vermittelst dieser auch die Dinge bezeichnen sollen; deshalb wird bei deren Verbindung zu Sätzen deren Wahrheit nur Wort-Wahrheit sein, wenn sie Vorstellungen bezeichnen, die mit den bestehenden Dingen nicht übereinstimmen. Deshalb kann man bei der Wahrheit, wie bei dem Wissen, die wirkliche von der Wort-Wahrheit unterscheiden; bei letzterer sind die Worte nur gemäß den Vorstellungen verbunden, ohne Rücksicht, ob diese wirkliches Dasein in der Natur haben oder wenigstens dessen fähig sind. Die Wahrheit ist nur dann eine wirkliche, wenn die Zeichen nicht bloß den Vorstellungen entsprechend verbunden sind, sondern diese auch wirklich in der Natur bestehen können, was man bei Substanzen nur aus der Erfahrung abnehmen kann. 9. (Die Unwahrheit besteht in der Verbindung von Worten gegen die Übereinstimmung ihrer Vorstellungen.) Die Wahrheit ist die wörtliche Bezeichnung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen in der Weise, wie sie besteht; die Unwahrheit ist die Bezeichnung dieser Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung in einer anderen Weise, als sie besteht. So weit, als dabei die Vorstellungen mit ihren Urbildern übereinstimmen, ist die Wahrheit eine wirkliche. Das Wissen um diese Wahrheit besteht in dem Wissen der Vorstellungen, welche die Worte bezeichnen, und in dem Erfassen der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellung, wie sie in den Worten ausgedrückt ist. 10. (Allgemeine Sätze sind ausführlicher zu behandeln.) Da die Worte als die großen Kanäle für Wahrheit und Wissen gelten, und man bei Mittheilung und Empfang der Wahrheit und in den Verhandlungen darüber die Worte und die Sätze gebraucht, so werde ich ausführlicher untersuchen, worin die Gewissheit der wirklichen Wahrheit, die in Sätze gefasst ist, besteht, und wo sie zu finden