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13. Aus dem Bisherigen ergibt sich wohl unbedenklich, dass eine Regel, die irgendwo allgemein und ohne Tadel übertreten wird, nicht angeboren sein kann; denn es ist unmöglich, dass Menschen ohne Scheu und Furcht dreist und offen eine Regel übertreten sollten, von der sie klar wüssten (und dies müsste sein, wenn sie angeboren wäre), dass Gott sie aufgestellt habe und ihre Übertretung mit einer Strafe sicher belegen werde, welche die Sache für den Übertreter zu einem schlechten Geschäfte mache. Ohne ein solches Wissen kann Niemand sicher sein, dass ihm Etwas als Pflicht obliegt. Kennt man ein Gesetz nicht, oder bezweifelt man es, oder hofft man der Wissenschaft und Macht des Gesetzgebers zu entgehen, so kann vielleicht eine gegenwärtige Begierde die Übermacht gewinnen; sieht man aber den Fehler und die dabei liegende Peitsche und ein Feuer, als die bereite Strafe der Übertretung; oder sieht man einen lockenden Genuss, aber zugleich die Hand des Allmächtigen, der sie erhebt und Rache zu nehmen bereit ist (und dies muss der Fall sein, wenn eine Pflicht der Seele eingeprägt ist), dann möchte ich wissen, ob bei einer solchen Aussicht und einer solchen sichern Kenntnis, Jemand in Übermut und Gewissenlosigkeit das Gesetz übertreten könnte, was er in unvertilgbaren Schriftzügen in sich trüge, und was ihm in das Gesicht starrte, während er es verletzte? Kann wohl Jemand, wenn er das eingeprägte Gebot eines allmächtigen. Gesetzgebers in sich fühlt, ruhig und vergnügt dessen heiligste Gebote übersehen und mit Füssen treten? Und wäre es endlich wohl möglich, dass, wenn Jemand so offen dem angeborenen Gesetz und dem höchsten Gesetzgeber Trotz bietet, alle Umstehenden und selbst die Leiter und Führer des Volkes, die in gleichem Sinne das Gesetz und den Gesetzgeber in sich fühlen, dem schweigend nachsehen, ihr Missfallen nicht aussprechen und nicht den leisesten Tadel darüber ausdrücken sollten? Allerdings sind Grundsätze des Handelns in den Trieben des Menschen enthalten; aber sie sind keine angeborenen Moralregeln, da, wenn man ihnen volle Freiheit gäbe, sie die Menschen zur Vernichtung aller Moralität führen würden. Moralische Gesetze sind eine Kinnkette und ein Zügel gegen jene übermäßigen Begierden; aber sie können es nur durch Strafen und Belohnungen sein, welche der zu erwartenden Last aus der Gesetzesübertretung das Gleichgewicht halten. Ist daher irgend Etwas der menschlichen Seele als Gesetz eingeprägt, so müsste es die sichere und unvermeidliche Kenntnis sein, dass eine gewisse und unvermeidliche Strafe der Übertretung des Gesetzes folgt. Kann man aber über angeborene Grundsätze noch zweifeln, so hat die Behauptung und Geltendmachung von solchen keinen Zweck; dann sind Wahrheit und Gewissheit (um die es sich handelt), nicht voll durch sie gesichert, und der Mensch bleibt in derselben unsicheren, schwankenden Lage, als