widersprechen.) Wer die Geschichte der Menschheit sorgfältig liest, sich unter den verschiedenen Volksstämmen umsieht und ihre Handlungen ohne Vorurteil betrachtet, kann sich überzeugen, dass man kaum einen moralischen Grundsatz angeben oder eine Tugendregel auffinden kann (die ausgenommen, welche die Gesellschaft zu ihrem Bestehen nicht entbehren kann, obgleich selbst diese gewöhnlich zwischen mehreren Gesellschaften nicht beachtet werden), die nicht in einer oder der andern Weise von der allgemeinen Mode ganzer Gesellschaftsklassen verspottet oder verurteilt wird, deren praktische Ansichten und Lebensregeln ganz denen Anderer entgegenlaufen. 11. (Ganze Völker verwerfen manche Moralregeln.) Man erwidert hier vielleicht, dass es nichts gegen die Kenntnis einer Regel beweise, wenn sie übertreten werde. Ich erkenne diesen Einwurf da an, wo die Menschen die Gesetze trotz der Übertretung nicht verleugnen, und wo die Furcht vor Schande, Tadel oder Strafe ein Zeichen bleibt, dass das Gesetz ihnen noch eine gewisse Ehrfurcht einflößt. Aber unmöglich kann ein ganzes Volk das verwerfen und verleugnen, was jeder Einzelne sicher und untrügerisch als Gesetz anerkennt, und doch müsste es sich so verhalten, wenn das Gesetz von Natur dem Gemüt des Einzelnen eingeprägt wäre. Allerdings kann es kommen, dass Menschen sich für Moralregeln aussprechen, welche sie innerlich nicht für wahr halten, allein sie wollen dann damit nur ihren guten Ruf und ihre Achtung sich bei denen erhalten, welche an die Verbindlichkeit dieser Regeln glauben. Eine ganze Gesellschaft kann aber unmöglich offen und ausdrücklich eine Regel verleugnen und verwerfen, welche die Einzelnen in ihrem Innern doch als ein unzweifelhaftes Gesetz anerkennen müssen, und von der sie wüssten, dass Alle, mit denen sie verkehren, ebenso dächten. Deshalb müsste Jeder fürchten, dass die Andern ihn so verachten und verabscheuen, wie es der verdient, welcher sich aller Menschlichkeit bar erklärt; und der, welcher die natürlichen und anerkannten Vorschriften über Recht und unrecht vermengt, kann nur als der erklärte Feind ihres Friedens und Glückes angesehen werden. Ein praktischer Grundsatz, der angeboren wäre, müsste von Jedermann für einen gerechten und guten gehalten werden. Deshalb ist es beinah ein Widerspruch, zu behaupten, dass ganze Völker in ihren Reden und Handeln einstimmig und allgemein das verleugnen sollten, was jeder Einzelne mit untrüglicher Gewissheit als wahr, recht und gut anerkennte. Dies zeigt somit, dass eine praktische Regel, die irgendwo allgemein und mit offener Billigung oder Nachsicht übertreten wird, nicht angeboren sein kann. Indes habe ich noch mehr auf diesen Einwurf zu erwidern. 12. Man sagt, die Übertretung einer Vorschrift ist noch kein Beweis, dass sie unbekannt ist. Dies gebe ich zu; wenn aber irgendwo die Übertretung allgemein zugelassen wird, so beweist dies, dass sie nicht angeboren ist. Wir wollen beispielsweise eine von den Regeln nehmen,