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, das, was sie scheinen; das erscheinende und das wirkliche Gut sind in solchem Falle immer sich gleich; denn der Schmerz und die Lust sind gerade so groß, als man sie fühlt, und daher das gegenwärtige Gut oder Übel so groß, wie es erscheint. Schlösse daher jede Handlung mit ihr selbst ab, ohne Folgen nach sich zu ziehen, so würde man unzweifelhaft in der Wahl des Guten niemals irren und das Beste würde sicherlich vorgezogen werden. Könnte man den Schmerz, welcher dem redlichen Fleiße anhängt, und den Schmerz, wenn man vor Hunger und Kälte stirbt, nebeneinander vor den Menschen hinstellen, so würde er in seiner Wahl nicht zweifeln und würden der Genuss und Lust und die Freuden des Himmels gleichzeitig ihm als gegenwärtige angeboten, so würde er nicht schwanken und in seiner Wahl nicht irren. 59. Allein da die freiwilligen Handlungen nicht all das aus ihnen folgende Glück oder Elend schon bei ihrer Vollziehung mit sich führen, da sie vielmehr nur die vorgehenden Ursachen des ihnen nachfolgenden Guten und Übeln sind, was sie über den Menschen bringen, wenn die Handlung schon geschehen und vorbei ist, so geht das Begehren über die Lust der Gegenwart hinaus und führt die Seele zu dem abwesenden Guten, je nachdem man es zur Begründung oder Steigerung seines Glückes für nötig hält. Nur die eigene Meinung über eine solche Wirksamkeit gibt ihm das Anziehende; ohnedem wurde man von einem abwesenden Gute nicht erregt werden. Denn bei der knappen Empfänglichkeit für die Gefühle, an die man hier gewöhnt ist, und wonach man nur eine Lust auf einmal genießen kann, die, wenn alles Unbehagen entfernt ist, während ihrer Dauer genügt, glücklich zu machen, wird man nicht von jedem entfernten und selbst nicht von jedem sich zeigenden Gute erregt. Da diese Unempfänglichkeit und die gegenwärtige Lust für das gegenwärtige Glück genügen, so will man die Veränderung nicht wagen; man hält sich schon für glücklich, ist zufrieden, und das ist genug. Denn wer zufrieden ist, ist glücklich; sobald aber ein neues Unbehagen herbeikommt, wird dies Glück gestört und man muss von Neuem die Jagd nach dem Glück beginnen. 60. (Von dem falschen Urteil aber die Dinge, die das Glück ausmachen.) Indem man also sich schon in dieser Weise für glücklich halten kann, so bleibt das Verlangen nach dem größten, aber entfernten Gute oft aus. Bei solchem Zustande reizen die Freuden eines zukünftigen Zustandes den Menschen nicht; er kümmert sich nur wenig darum und fühlt sich nicht unbehaglich; der Wille ist deshalb von dem Drucke solchen Begehrens frei und kann näher liegende Genüsse verfolgen und das Unbehagen beseitigen, was aus dem Mangel und dem Sehnen nach diesen empfunden wird. Indes möge man nur eines Menschen Urteil