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so lange unentschieden zu halten, bis er das Gute und Üble seines Begehrens geprüft hat. Die dann daraus hervorgehenden Folgen sind in einer Reihe aneinander gekettet, die zunächst von dem Ausfall jenes Urteils abhängt, und ob dies in einem bloßen hastigen und übereilten Blick oder in einer gehörigen und reiflichen Prüfling bestehen soll, dies steht in des Menschen Macht, da die Erfahrung lehrt, dass man in der Regel die sofortige Erfüllung eines Begehrens verschieben kann. 53. (Die Herrschaft über die Leidenschaften ist die wahre Verbesserung der Freiheit.) Erfasst aber (wie dies manchmal geschieht) eine außerordentliche Störung unsere ganze Seele, wenn z.B. die Qual einer Folter oder ein heftiges Unbehagen aus der Liebe, dem Zorne oder einer andern gewaltigen Leidenschaft, die uns hinreißt, das freie Denken nicht zulässt, und ist man dann nicht genug Herr seiner selbst, um vollständig zu betrachten und gründlich zu prüfen, so wird Gott, der unsere Hinfälligkeit kennt, unsere Schwäche bemitleidet, der nur fordert, was uns möglich ist, und sieht, was in unserer Macht steht und was nicht, wie ein liebender und gnädiger Vater über uns richten. Allein die wahre Richtung unseres Benehmens zur vollen Glückseligkeit liegt in dem Unterlassen einer zur hastigen Erfüllung unserer Begehren; in der Mäßigung und Hemmung der Leidenschaften, damit der Verstand frei prüfen und die Vernunft ungebeugt urteilen kann. Deshalb hat man seine Sorgfalt und sein Streben hauptsächlich darauf zu richten; hier hat man sich zu bemühen, dass die Neigungen unserer Seele sich dem wahren innerlichen Guten der Dinge anpassen, und nicht zu gestatten, dass ein anerkanntes und erreichbares großes und wichtiges Gut unserm Denken entschlüpfe, ohne den Sinn dafür und das Verlangen danach so lange zurückzulassen, bis man durch eine gehörige Betrachtung seines wahren Werths ein demselben entsprechendes Begehren in seiner Seele entwickelt hat und sich bei dessen Mangel oder bei der Furcht, es zu verlieren, unbehaglich fühlt. Jeder kann es leicht an sich erproben, wie sehr dies in seiner Gewalt steht, indem er solche Entschlüsse fasst, die er zu halten vermag. Niemand darf sagen, dass er seine Leidenschaften nicht beherrschen und ihren Ausbruch und ihren Einfluss auf sein Handeln nicht hindern könne; denn was er vor einem Fürsten oder großem Manne vermag, das kann er auch für sich allein, oder in der Gegenwart Gottes. 54. (Wie es kommt, dass die Menschen verschiedene Richtungen einschlagen.) Man kann deshalb die oft aufgeworfene Frage leicht beantworten, nämlich wie es komme, dass, obgleich Alle nach dem Glück verlangen, ihr Wollen sie doch so entgegengesetzt führt und Manchen in das Übel bringt. Ich meine, das Verschiedene und Entgegengesetzte, was die Menschen in dieser Welt wählen, beweist nicht, dass