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das Verlangen danach in der Seele erweckt hat und damit seinen Mangel unangenehm empfinden lässt; ohnedem befindet man sich nicht in dem Bereich seiner Wirksamkeit; denn der Wille wird bloß durch das gegenwärtige Unbehagen bestimmt; dieses allein (wenn man es hat) treibt und ist bei der Hand, um den Willen zunächst zu bestimmen. Wenn ein Schwanken in der Seele stattfindet, so bezieht es sich bloß darauf, welches Begehren zunächst befriedigt werden, welches Unbehagen zuerst beseitigt werden soll. Dabei zeigt es sich, dass, so lange noch ein Unbehagen, ein Begehren in der Seele ist, ein Gut als solches nicht an den Willen herankommen und ihn bestimmen kann. Denn der erste Schritt, um zu dem Glück zu gelangen, ist, wie gesagt, aus dem Bereich des Elendes herauszukommen und keinen Teil desselben zu empfinden. So lange nicht jedes Unbehagen beseitigt ist, hat der Wille keine Müsse für etwas Anderes, und bei der Menge von Mängeln und Begehren, die in dem unvollkommenen Zustande hier den Menschen drängen, wird er schwerlich von allem Unbehagen in dieser Welt frei werden können. 47. (Das Vermögen, die Ausführung eines Begehrens zu hemmen, bahnt den Weg für die Überlegung.) Da stets eine große Menge von Unbehagen den Willen reizen und bestimmen wollen, so entscheidet naturgemäß, wie gesagt, das größte und drückendste zunächst über das erste Handeln. Dies ist die Regel, aber nicht ohne Ausnahme. Denn die Erfahrung lehrt, dass die Seele in der Regel die Ausführung und Befriedigung eines Begehrens und damit auch aller, eines nach dem andern, hemmen kann. Dadurch wird sie frei für die allseitige Betrachtung der Gegenstände des Begehrens und deren Vergleichung mit einander. Hierin liegt die Freiheit, welche der Mensch besitzt. Aus ihrem unrechten Gebrauch kommen alle jene mannichfachen Missverständnisse, Irrtümer und Fehler, in die man während seines Lebens in seinen Bestrebungen nach dem Glücke gerät; man überstürzt seine Entschlüsse und bindet sich, ehe man die gehörige Prüfung angestellt hat. Um dies zu hindern, hat man die Kraft, die Erfüllung jedes Begehrens zu hemmen, wie aus der eigenen Erfahrung leicht zu entnehmen ist. Dies scheint mir die alleinige Quelle der Freiheit; darin besteht das, was man (ich glaube unpassender Weise) freien Willen nennt. Denn während dieser Hemmung des Begehrens, ehe noch ein Entschluss gefasst ist und die Handlung (die diesem Entschlüsse folgt) geschehen ist, kann man das Gut oder Übel prüfen, beschauen, und man kann beurteilen, was zu tun ist. Hat man nach gehöriger Prüfung geurteilt, so hat man seine Schuldigkeit getan. Es ist dies Alles, was man in Verfolgung des Glückes zu tun hat, und es ist kein Fehler, sondern ein Vorzug