1690_Locke_Versuch_Verstand_183.topic_16.txt

Kleinigkeiten zu beseitigen. Das anerkannt größte, ja immerwährende und unaussprechbare Gut bewegt wohl manchmal die Seele, aber hält den Willen nicht fest, während jedes große und erhebliche Unbehagen den Willen, wenn es ihn einmal erfasst hat, nicht loslässt. Daraus kann man abnehmen, was den Villen bestimmt. So hält ein heftiger körperlicher Schmerz oder die unbezwingliche Leidenschaft eines verliebten Mannes oder das ungeduldige Verlangen nach Rache den Willen stetig fest, und dieser lässt, wenn er so bestimmt ist, den Verstand nicht den Gegenstand bei Seite legen; vielmehr werden alle Gedanken der Seele und alle Kräfte des Körpers ohne Unterlass in dieser Richtung durch den Entschluss des Willens bewegt, welcher durch jenes peinigende Unbehagen so lange bestimmt wird, als es besteht. Daraus erhellt, dass der Wille oder die Kraft, eine Handlung statt der andern vorzunehmen, nur durch das Unbehagen bestimmt wird. Jeder mag sich selbst beobachten, ob es sich nicht so verhält. 39. (Jedes Unbehagen ist von einem Begehren begleitet.) Ich habe bis jetzt das Unbehagen des Begehrens als das betont, was den Willen bestimmt; denn es ist das wichtigste und fühlbarste, und der Wille wird selten sich zu einer Handlung entschließen und sie vollziehen, wenn nicht ein Begehren danach besteht. Deshalb werden der Wille und das Begehren so oft verwechselt. Allein deshalb darf das Unbehagen, was die meisten andern Leidenschaften ausmacht oder wenigstens begleitet, in diesem Falle nicht als ganz ausgeschlossen angesehen werden; auch der Abscheu, die Furcht, der Zorn, der Neid, die Scham usw. haben ihr Unbehagen und beeinflussen deshalb das Wollen. Im Leben und Handeln sind diese Leidenschaften nicht einfach und für sich ohne Mischung mit andern, wenn auch bei der Besprechung und Betrachtung nur die genannt wird, welche die stärkste ist und am meisten bei dem betreffenden Geisteszustand hervortritt; ja man wird wohl kaum eine Leidenschaft finden, die nicht mit einem Begehren verbunden wäre. Sicherlich ist da, wo ein Unbehagen ist, auch ein Begehren; denn man verlangt stets nach dem Glück, und so lange man ein Unbehagen fühlt, fehlt selbst nach der eigenen Meinung das Glück, wie auch sonst die Lage und der Zustand beschaffen sein mag. Überdem ist der gegenwärtige Augenblick nicht die Ewigkeit, und deshalb sieht man bei jeder Art von Lust über die Gegenwart hinaus; das Begehren verbindet sich mit dieser Voraussicht und nimmt den Willen mit sich. So ist selbst in der Lust das, was die Tätigkeit aufrecht hält, von der die Lust bedingt ist, das Verlangen, sie länger zu behalten, lud die Furcht, sie zu verlieren, sobald aber ein größeres Unbehagen, als dies. In der Seele Sich einstellt, wird der Wille durch dies neue zu einem andern