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seine Gattung fortpflanze. Denn ich möchte glauben, dass, wenn die bloße Betrachtung dieser guten Zwecke, zu denen diese mancherlei Unbehaglichkeiten treiben, genügt hätte, um den Willen zu bestimmen und uns zu dem Handeln zu veranlassen, wir keine dieser natürlichen Schmerzen und vielleicht in dieser Welt nur wenig oder gar keine Schmerzen haben würden. »Es ist besser zu heiraten, als zu brennen«, sagt Paulus; woraus erhellt, dass dies vorzüglich zu den Freuden des ehelichen Lebens treibt. Ein wenig Brennen treibt kräftiger, als größere Lust in Aussicht zieht und lockt. 35. (Selbst das größte bejahende Gut bestimmt den Willen nicht, sondern nur das Unbehagen.) Alle Welt hält fest an dem Satz, dass das Gut und das größere Gut den Willen bestimme; deshalb wundre ich mich nicht, wenn auch ich bei der ersten. Bekanntmachung meiner Gedanken über diesen Gegenstand dies für ausgemacht annahm, und ich glaube, Viele werden mich eher wegen dieser damaligen Annahme entschuldigen, als jetzt, wo ich es wage, von einer so allgemein angenommenen Ansicht abzugehen. Allein bei näherer Erwägung muss ich annehmen, dass das Gut und das größere Gut, trotz der Kenntnis desselben, den Willen so lange nicht bestimmt, als das ihm entsprechende Begehren kein Unbehagen über dessen Mangel erweckt. Man kann Jemand noch so sehr überzeugen, dass Reichtum besser als Armut ist; man kann ihm zeigen, dass die zierlichen Bequemlichkeiten des Lebens der schmutzigen Armut vorzuziehen sind, und doch wird er sich deshalb nicht regen, wenn er bei seiner Armut zufrieden ist und kein Unbehagen dabei empfindet; sein Wille bestimmt sich dann zu keiner Handlung, die ihm heraushelfen könnte. Ein Mensch kann noch so überzeugt sein, dass die Tugend vorteilhaft und Demjenigen als Lebensnahrung nötig sei, der Größes in dieser Welt erreichen oder seine Hoffnungen in jener Welt erfüllt sehen will; er wird doch seinen Willen nicht eher zu einer Handlung in Verfolgung dieses größeren Gutes bestimmen, als bis er nach der Rechtschaffenheit hungert und dürstet, und er ein Unbehagen über deren Mangel fühlt; bis dahin wird jedes andere Unbehagen, was er fühlt, sich geltend machen und seinen Willen zu andern Handlungen treiben. Wenn umgekehrt ein Trunkenbold sieht, dass seine Gesundheit abnimmt und sein Vermögen schwindet, dass Misstrauen und Krankheiten und Mangel an Allem, selbst an seinem beliebten Getränk ihn bei Fortsetzung seiner Lebensweise erwartet, so treibt dennoch das Unbehagen, weil die Genossen fehlen, und der gewohnte Durst nach seinem Becher ihn zur bestimmten Stunde in die Schenke, obgleich er den Verlust seiner Gesundheit und seines Vermögens, und vielleicht der Freuden einer andern Welt voraussieht, und das kleinste dieser Güter nicht unbeträchtlich ist, sondern, wie er selbst einsieht, viel grösser ist als der