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Freiheit in der Macht zu handeln oder nicht zu handeln besteht, die der Mensch in Bezug auf das Wollen bei einem solchen Falle nicht hat. Denn es ist unvermeidlich notwendig, die Verrichtung oder Unterlassung einer in der Gewalt des Menschen liegenden Handlung zu wählen, welche sich so seinen Gedanken vorstellt; man muss entweder das eine oder das andere wollen, und je nach dem Vorziehen oder Wollen folgt sicherlich die Handlung oder ihre Unterlassung, also nicht wahrhaft freiwillig. Und da man das Wollen oder Vorziehen des einen oder andern nicht vermeiden kann, so steht man in Bezug auf dieses Wollen unter der Notwendigkeit und kann so nicht frei sein, wenn nicht Notwendigkeit und Freiheit sich vertragen und man zugleich frei und gebunden sein soll. 24. So viel ist also klar, dass bei allen Vorsätzen zu einer gegenwärtigen Handlung der Mensch nicht die Freiheit hat, zu wollen oder nicht zu wollen, da er das Wollen nicht unterlassen kann und Freiheit nur in der Macht besteht, zu handeln oder nicht zu handeln. Denn ein sitzender Mensch heißt dennoch frei, weil er gehen kann, wenn er will; hat er aber dazu nicht die Macht, so ist er nicht frei, und ebenso ist ein Mensch nicht frei, der einen Abgrund hinabfällt, obgleich er sich bewegt, weil er diese Bewegung, wenn er will, nicht anhalten kann. Ist dem so, so ist offenbar ein gehender Mensch, dem vorgeschlagen wird, das Gehen aufzugeben, darin nicht frei, ob er sich zum Gehen oder Stillstehen bestimmen will oder nicht; er muss notwendig eines von beiden vorziehen, das Gehen oder Nichtgehen, und so verhält es sich mit allen von uns abhängigen, so vorgestellten Handlungen, welche die bei weitem größte Zahl bilden. Denn betrachtet man die große Zahl freiwilliger Handlungen, die sich in jedem Augenblick des Wachens während unsers Lebens einander folgen, so zeigt sich, dass nur wenige bedacht oder dem Willen vorgestellt werden, ehe sie vollzogen werden, und bei allen diesen hat, wie ich gezeigt, die Seele in ihrem Wollen nicht die Macht zu handeln oder nicht zu handeln, worin die Freiheit besteht. Die Seele kann in solchen Fällen das Wollen nicht unterlassen; sie kann irgend einen Entschluss darüber nicht umgehen, mag die Betrachtung auch noch so kurz und das Denken noch so schnell geschehen; sie lässt den Menschen entweder in seinem Zustand vor dem Denken oder ändert ihn, setzt die Handlung fort oder macht ihr ein Ende. Hierbei bestimmt oder verordnet sie offenbar das eine, weil sie es dem andern vorzieht, und so geschieht die Fortdauer oder der Wechsel unvermeidlich willkürlich. 25. (Der Wille wird durch Etwas außerhalb seiner bestimmt.) Da sonach der Mensch in den meisten Fällen nicht die