zur Wahrheit haben; sich
bilden, heißt diese Fähigkeit verstärken; gebildet sein aber heißt, in uns die
Möglichkeit zur Annahme aller Wahrheit hervorgebracht zu haben. Dann tritt das
Wissen ein oder die wirkliche Besitznehmung von der Wahrheit; diese ist
unendlich wie die Wahrheit. Es sind daher alle Menschen fähig. - Viele bilden
sich, wenige sind gebildet, und zählbar sind die, welche wissen. Das eigentliche
Verderben aber ist die Wiedervernichtung des Erbauten, des Gewussten, dessen, was
einmal in unserm Besitz ist, ist die Zerstörung unsrer geistigen Gesundheit
durch alle Art von Missbrauch, und endlich die schändlichste aller Arten der
Schändung, die Lüge in uns, die wir um so leichter herrschen lassen, als wir
meistens in der Trägheit die Selbstbetrachtung verabsäumen und keinen Begriff
von der Wahrheit haben, in diesem Falle nun sind die meisten Menschen, auch
viele, die sich zu bilden scheinen, denen aber die Bildung nicht eine
Verstärkung ihrer Anlage zur Wahrheit, sondern ein Amüsement wird, ihre
Unfähigkeit zur Wahrheit zu entlangweilen, oder die Vorwürfe der Lüge in sich zu
ersticken. Solche gebildete Lügner sind die miserabelsten, denn ihre Lüge hat
eine Art von Arm und Bein und scheint lebendig, um sie noch dichter zu
umschlingen, sie fürchten sich auch meistens vor jedem Zuwachs ihrer Bildung wie
vor einem neuen Schlangenkopf und wissen sie sehr viel, so platzen sie vor
Dünkel und Anerkannteit, die letzte Gattung ist der Keim aller Hoffart. - Wir
können auch gewissermaßen unschuldig, aber doch nicht ohne die verdiente
Beschädigung der Affektation, in die Lüge fallen, und zwar auf folgende Art. Da
Konsequenz oder ein vernünftiges Auseinanderfliessen der Handlung, das wir selbst
beherrschen, eine einzelne Tugend scheint, so will man sie gern im einzelnen
ausüben und lügt, wenn man zugleich zwei oder dreierlei verschiedene Arten von
Konsequenzen auszuüben glaubt, grade auf ebensoviel verschiedene Arten. In
dieser Lüge ist Schmeichelei, Heuchelei, ja sogar eine gewisse Gattung von
Höflichkeit zu Haus, der man sich oft mit Fleiß nicht enthalten darf. Es ist
aber sehr lächerlich, indem man seine Wahrheit aufopfert, konsequent sein zu
wollen, da diese beide eins sind. - Man hört oft: »Dieser und jener Mensch hat
keinen Charakter, er bleibt sich nicht gleich.« - Und in dieser Rede ist doch
nichts gesagt, als dass dieser Mensch uns nicht in chronologischer Ordnung eine
gewisse Anzahl ähnlicher Empfindungen zusammengelogen hat. - Oder hat er nicht
gelogen, sondern ist wirklich ein solcher Rosenkranz, der aus denselben Gebeten
besteht, und den man schlafend beten kann: »Dieser Mensch ist nicht kommod, um
ihn gelegenheitlich zu beurteilen, um von ihm zu sagen, er ist ein hübscher,
grader, krummer, kleiner oder magrer Mann.